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Full text of "Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Vierte Folge"

MARGRIT TENNER 
Gr«»^v»«fl 2 
8806 FEUCHTWANQEN 
00852/ 16 39 



a°i 






■ '■ 






PÄOF, Dl SK..M. FRKI I) 

SAMMLUNG 

KLEINER SCHRIFTEN 

NEUROSENLEHRE 

VIKHTK rOLGl 



i* trauen tfA selbst, mit Vv£y\:tn.lL\erd Lst GWabe 1 . 
.W ai^ew i"»e LMge»GeftVtfe«o v«n nr>e,r>€»r» Huck. 

>tt nehmen es \n\v\, d%ft sie. tfrx) zum 3ttrbe 



^ geboren 

WELRJFE.I- 



[W K^fcca... zwingt cmoj wieder, Wilden skm ^eir\ # (iie a 
3 3 FHEJU 



SAMMLUKG KLEINER SCHRIFTEN 



ZUR 






NEÜROSENLEIIKE 



VON 



PROF. j)i< SIGM. FREUD 

|7. 






V1KRTK FOLGE 



1918 

hugo m:i.[,i:it & cik. 
i.i ii'/n; imi WIEN 

I. BAUKHNUAHKT | 

Kolnai Aur6I 
1920 



• \ %> I« 



4 I 
























INHALTSVERZEICHNIS. 

L Zar G*»cbicbte der p«ycboanalytii»cbon Itawogunfr > 

II. Zar EinfahruuR .1.-, Nariißn.u« 78 

III. Di« Di.poaiuou *ur /wanfrmi.ur."«' II» 

IV. Mitteilung ein«« der p.«ych<>analyl.i<irlirii Theorio widersprachen Jen 
Fall«» von l'araiioia IM 

V. Cbrr Trirh.inin.-Uui>(;rii in-.»» -...ii.l.ro «Irr Analerotik • II 

VI. über FauMe reronuaiiwanc« („deja rac«>nt>. wahmnd drr pnycho- 

aa-Jytwchen Arrnit '*• 

VII. Einige rk>air>rkuiijr«u »her deu IkgrirT dm IJnbewaohui in te l'itycho- 

•UaW»< '' 7 

VIII. MarchrnatuflV in Traumen l » K 

IX. Kia Tman al« H.-w,-i.niiitel m 

x. Au« d*m inrauiiirii Saämkkmk ?<»»«>' ©*!■■%■ ,89 

XI. Mythologische rarallel.' m <-iu«r planliiwb.ii Zwaiigururntallting • ■ 196 

XU. Ein« Beaieboug «wiachen einem Symbol und einem Symptom . . 198 

xiii. XV. Kritrtjrr zur l>nyrholofgta «!•»■ [MMMAMM -00 

I. Cber «tuen btwoaderrii Typua der Objektwahl beim Mann» 200 

II Obvr dio allgiinriimle Erniedrigung de» Li«b*idebei» *' 3 

III. Du Tabu der Vlrginitlt iiV 

XVI. Trieb« und Tri*Uchirk»ale * r ' 8 

WII. Di« Verdrängung * 79 

Will. Da* Unbewußte *** 

XIX Metap»vchologiKche Ergänzung «ur Traunilehi* 839 

XX. Traurr nnd Melanchoue W 

XXI. -XXVI Zur Technik der l»*ych<MUiRlyiM?. 

Di« Handhabung der Traumdeutung in der Pnycuuauulyne .... 378 

Zar Dynamik der Übertragung 38« 

lUtechltg«' fl,r u,,n Arxt **' ,1,,r Psychoanalytischen »©handlang . 399 









VI 



XXVII. 

XXVIII. 

XXIX. 

XXX. 

XXXI, 

XXXII. 



Mi 
Waten BatMhilfd *ur Technik der lNych..Hi 1 «ij*r. 

I. Zur Finln.mitf d„r Behandln,,*. Dir Kr^r d,-r , n |«,, Mit- 

teilonpen. - Di,. I> 7 „ amik ,,,.,. j,.-il..,i,r 4I1 

WoiU-ro Ki.tHcl.Iup, , UT Technik ,1- IVyrhoanaly.». 

U. Krinnorn, Wiederholen und Durcharbeiten 441 

Weiten, KalHcblÄif« c ar Technik der Pitychcmnuljee. 

in. BoNrinman Hb« ffli OtatafB^rilriM 4&a 

Dun Motiv d.-r Kärtchen wähl 470 

ZWtpcmflßc« Ithcr Kriejr und Tod ,.,, 

F ""'-''' <'lii.i-.lii, ,1^,,,.,, n „M ,|,., ,,,,, ■iM.niinlvtifichpn Arbeil . ... 6*1 

Kiiif Kehwieri^kelt der l'Nychoiiiialyae 55g 

Kino KindhiMtmtriiineruiifr »im „Dichtung und Wahrheit» &<U 

Ahm der fliwWtHw einer infantilen rftMOM &78 


















I. 

ZUR GESCHICHTE 
DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG.*) 

Fluctuat nee mergitur. 
Im Wappen der Stadt Paria. 
I. 

Wenn ich im Nachstehenden Beiträge zur Geschichte der 
psychoanalytischen Bewegung bringe, so wird sich über 
deren subjektiven Charakter und über die Rolle, die meiner 
PeiSOO darin zufällt, niemand verwundern dürfen. Denn die 
PgjohoaBalyae ist meine Schöpfung, ich war durch zehn 
Jahre der einzige, der sich mit ihr beschäftigte, und alles 
Mißvergnügen, welches die neue Erscheinung bei den Zeit- 
genossen hervorrief, hat sich als Kritik auf mein Haupt ent- 
laden. Ich finde mich berechtigt, den Standpunkt zu ver- 
beten, daß auch heute noch, wo ich längst nicht mehr der 
einzige Psychoanalytiker bin, keiner besser als ich wissen 
kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich von an- 
deren Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet, 
und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser 
anders zu benennen ist. Indem ich so zurückweise, was mir 
als eine kühne Usurpation erscheint, gebe ich unseren Lesern 
indirekten Aufschluß über die Vorgänge, die zum Wechsel 
in der Redaktion und Erscheinungsform dieses Jahrbuches 
ühri haben. 
Als ich im Jahre 1909 auf dem Katheder einer ameri- 



•) Jahrbuch der Psychoanalyse. Band VI, 1911. 
Freud, Neurosenlehre, IV. 



2 



SCIIim-TKN ZUR NKI'KOSKNLKIIRK. IV. 



kanisehen Universität, zuerst öffentlich vom der Psveln.aualYte 
reden durfte, habe ich, von der Bedeutung des Moment* für 
meine Bestrebungen ergriffen, erklärt, ich sei es nicht ge- 
wesen, der die Psychoanalyse ins Leben gerufen. Dies V. i 
dienst habe ein anderer, Josef Breuer, erworben zu tlaM 
Zeit, da ich Student und mit der Ablegung meiner Prüfungen 
beschäftigt g6W680n sei (1880 bis 1882»). Aber wohlmeiuendo 
Freunde haben mir seither du- Erwägung nahegelegt, ob ieli 
meiner Dankbarkeit damals nicht einen unangemessenen i 
druck gegeben. Ich hätte, wie l>ei früheren Veranlassungen. 
das „kathartisehe Verfahren" \<.u Breuer als ein Vorstadium 
der Psychoanalyse Würdigen und diese selbst erst mit meim-i 
Verwerfung der hypnotischen Technik and Einführung der 
freien Assoziationen beginnen lassen sollen. Nun ist es ziem- 
lich gleichgültig, ob man die Geschichte der Psychoanalyse 
vom kathartischen Verfahren an oder erst von meiner Modi- 
fikation desselben rechnen will. Ich gehe auf dieses un- 
interessante Problem nur ein, weil manche Gegner der PtTflho- 
analyse sich gelegentlich darauf zu besinnen pflegen, daß 
ja diese Kunst gar nicht von mir, sondern v..n Breuer I. 
rührt. Dies ereignet sich natürlich nur in dem Falle, da!i 
ihnen ihre Stellung gestattet, einiges an der Psychoanal' 
beachtenswert zu finden ; wenn sie sich in der Ablehnung 
keine solche Schranko auferlegen, dann ist die Psychoanal 
immer unbestritten mein Werk. Ich habe noch nie erfaln 
daß Breuers großer Anteil an der Psychoanalyse ihm da« 
entsprechende Maß von Schimpf und Tadel eingetragen hütt- 

*) Ober r«ychoaniily«e. Fünf Vorloirungon, gehalten rur 20jührigcii 
Gründungsfeier der Clark Umvorsity in Worooitor, Hau., fSWidlMl B ' 
loyllull. 8. Aufluge, 11) IC. ( i]< iii haeitig ongliach erschienen im Ararr. 
Journ. of Payohology, Murch. 1910 j über»ot*t in» BfnHllnHlnh% Ungari 
Polnische, Itusbischo und Ilulieuucbo. 



I. ZUR GESCHICHTE Mg PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNO. 



Da ich nun längst erkannt habe, daß es das unvermeidliche 
Schicksal der Psychoanalyse ist, die Menschen zum Wider- 
spruch zu reizen und zu erbittern, so habe ich für mich 
den Schluß gezogen, ich müßte doch von allem, was sie 
auszeichnet, der richtige Urheber sein. Mit Befriedigung füge 
ich hinzu, daß keine der Bemühungen, meinen Anteil an der 
vielgeschmähten Analyse zu schmälern, je von Breuer selbst 
ausgegangen ist oder sich seiner Unterstützung rühmen 
konnte. 

Der Inhalt der Breuer sehen Entdeckung ist so häufig 
dargestellt worden, daß deren ausführliche Diskussion hier 
entfallen darf. Die Grundtatsache, daß die Symptome der 
Hysterischen von eindrucksvollen, aber vergessenen Szenen 
ihres Lebens (Traumen) abhängen, die darauf gegründete 
Therapie, sie diese Erlebnisse in der Hypnose erinnern und 
n -produzieren zu lassen (Katharsis), und das daraus folgende 
Stückchen Theorie, daß diese Symptome einer abnormen Ver- 
wendung von nicht erledigten Em -gungsgrößen entsprechen 
(Konversion). Breuer hat jedesmal, wo er in seinem theo- 
retische Beitrag zu den „Studien über Hysterie" der Kon- 
version gedenken muß, meinen Namen in Klammern hinzu- 
gesetzt, als bb dieser erste Versuch einer theoretischen Rechen- 
schaft mein geistiges Eigentum wäre. Ich glaube, daß sich 
diese Zuteilung nur auf die Namcngebung bezieht, während 
»ich die Auffassung uns .gleichzeitig und gemeinsam er- 
geben hat. 

Es ist auch bekannt, daß Breuer die kathartische Be- 
handlung nach seiner ersten Erfahrung durch eine Reihe von 
Jahren ruhen ließ und sie erst wieder aufnahm, nachdem 
ich, von Charcot zurückgekehrt, ihn dazu veranlaßt hatte. 
Er war Internist und durch eine ausgedehnte ärztliche Pra- 

i* 



SCIIIMITKN 7.VU NKUKOSKNLKIIKK. IV 



xis in Anspruch genommen; icli war mir ungern Ar/t ge- 
worden, hatte aUi- damals ein .starkes Motiv bekommen, dl D 
nervösen Krankon helfen oder wenigstens etwa.-* von ihlfB 
Zustünden verstehen zu wollen. Ich hatte mich der physi- 
kalischen Therapie anvertraut und fand midi ratlos ange- 
sichts der Enttäuschungen, welch« mioh dl« sa B&tsohlagen 

und Indikationen so reiche „Elektro! herapie" von \V. Krb 
•rieben ließ. Wenn loh mich damals nicht soll» ■ landig zu 
dem später von Moebius durohgeseteten Urteil durchsc* 
beitetc, daß die Erfolge der elektrischen Behandlung bei 
nervösen Störungen Suggesttonaerfolgfl seien, so trug gowiü 
eichte anderes als de* Ausbleiben i irooheneo Bi 

folge, die Schuld daran. Kinen ausziehenden Krsat/. für dl« 
\. i lorene elektrische Therapie schien damals die l'.rhandlung 
mit Suggestionen in liefer Hypnose zu bieten, die ich durch 
die äußerst eindrucksvollen Demonstrationen von Liebault 
und Bern he im kennen lernte. A 1 >< r die EDrforsohung in 
der Hypnose, von der ich durch Breuer Kennt ins hatte, 
mußte durch ihre automatische Wirkungsweise und die gleich« 
zeitige Befriedigung der Wißlx-gierde ungleich an/n h. nder 
wirken als das monotone, gewalttätige, von jeder Forschung 
ablenkende suggestive Verbot. 

Wir haben kürzlich als eine der jüngsten Erwerbungen 

der Psychoanalyse die Mahnung vernommen, den aktuellen 
Konflikt und die Krnnkheitsveranlassung in den Vordergri 
der Analyse zu rücken. Nun das ist genau das, was Breuer 
und ich BU beginn unserer Arbeiten mit der kai h.n I ischeu 
Methodo getan haben. Wir lenkten die Aufinerksamki it des 
Kra.nken direkt, auf die t rauinai ische Szene, in welcher <las 
Symptom entstanden war, suchten In dieser den psychischen 
Konflikt zu erraten und den unterdrückten Al'bki Erei zu 



I. ZUR GESCmCHTF. DER PSYCHOANALYTISCHEN HE WEGUNO. 






macheD. Dabei entdeckten wir den für die psychischen Pro- 
zesse bei den Neurosen charakteristischen Vorgang, <l..-n ich 
später Regross ion genannt habe. Die Assoziation de« 
Kranken ging von der Szene, die man aufklären wollte, auf 
frühere Erlebnisse zurück und nötigte die Analyse, welche- 
die Gegenwart korrigieren sollte, sich mit der Vergangenheit 
zu beschäftigen. Diese Regression führte immer weiter nach 
rückwärts, zuerst schien es, regelmäßig bis in die Zeit der 
Pubertät, dann lockten Mißerfolge wie Lücken des Verständ- 
nisses die analytische Arbeit in die darunterliegenden Jahre 
der Kindheit, die bisher für jede Art von Erforschung unzu- 
gänglich gewesen waren. Diese regredientc Richtung wurde 
zu einem wichtigen Charakter der Analyse. Ea zeigte sieh, 
daß die Psychoanalyse nichts Aktuelles aufklären könne außer 
durch Zurückführung ;uif etwas Vergangenes, ja daß jedes 
pathogene Erlebnis ein früheres voraussetzt, welches, selbst, 
nicht pathogen, doch dem späteren Ereignis seine pathogene 
Eigenschaft verleiht. Die Versuchung, bei dem bekannten 
aktuellen Anlaß zu verbleiben, war aber so groß, daß jeh 
üir noch bei späten Analysen nachgegeben habe. In der 1899 
durchgeführt* :l Behandlung der „Dora" genannten Patientin 
war mir die Szene bekannt, welche den Ausbruch der aktu- 
ellen Erkrankung veranlaßt hatte. R-h bemühte mich unge- 
zählte Male, dieses Erlebnis zur Analyse zu bringen« ohne 

auf meine direkte Aufforderung jemals oft!*! anderes zu 
erhalten, als die nämliche kärgliche und lückenhafte Bc- 
ichreibnng. Erst nach einem langen Umweg, der über diu 
früheste Kindheit der Patientin führte, stellte sich ein Traum 
«in, zu dessen Analyse die bis dahin vergessenen Einzelheiten 
der Szene erinnert wurden, womit das Verständnis und die 
Lösung des aktuellen Konfliktes ermöglicht waren. 



SCHRIFTEN ZUR Ml R08ENLEHRE, IV. 



Man kann ans diesem einen Beispiel ersehen, wie irre- 
führend die vorhin erwähnte .MaJinung ist, und welcher 
trag wissenschaftlicher Kcgression in der so angeratenen 
Vernachlässigung der Regression in der anal.v ti eben Technik 
zum Ausdruck kommt. 

.Die erste Differenz, zwischen Breuer und mir trsi m 
einer Frage des Intimeren psychischen Mechanismus der 
Hysterie zu Tage. Er bevorzugt« eine sozusagen noch phy- 
siologische Theorie, wollte die seelische Spaltung der Hyste- 
rischen durch das Nicht koinuiuni/.iercn verschiedene! heeli- 

scher Zustande (oder wie wir damals tagten: Bewu£tseins> 

zustnnde) erklären un«l sehnt' .•<» «In T 1 •« . .r i. ■ «I.t „hvpimiden 
Zustand« - "- deren Krgebnisse wie unn: ■ -Imi 1 1 • • r t ■• ETremdkör] 
in das „\Vaohl>ewußtscin" hineinragen sollten. Ich hatte mir 
die Sache weniger Wissenschaft lieh zurechtgelegt, witterte 
überall Tendenzen und Neigungen analog denen des tigliohen 
Lebens und faßte die psychische Spaltung selbst all El bnii 
eines Abstoßungsvorganges, den ich damals ..Abwehr", spitai 
„Verdrängung'" benannte. Ich inachte einen kurzlebige! V«J 
such, die beiden Mechanismen ncl>eneinander besteheil *a 
lassen, aber da mir die Erfahrung stets das naniliehe und 
nur eines zeigte, stand bald seiner Ily|>n<.idt heorio meine 
Abwehrlehre gegenüber. 

Ich bin indes ganz sicher, daß dieser Gegensatz nicht* 
mit unserer bald darauf eintretenden Trennung zu tun hatte, 
Dieselbe war tiefer motiviert, aber sie kam so, daß ich sie 
anfangs nicht verstand und erst Bpüter nach allerlei guten 

indi/ien deutln lernte, htaa erinnert sieh, daß Breuer von 
seiner berühmten ersten Patientin ausgesagt hatte, das se- 
xuale Element sei bei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen 
und habe niemals einen Beitrag zu ihrem reichen Krankheit?- 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 



ie 



bilde geliefert. Ich habe mich immer verwundert, daß di 
Kritiker diese Versicherung Breuers meiner Behauptung 
von der sexuellen Ätiologie der Neurosen nicht öfter ent- 
gegengestellt haben, und weiß noch heute nicht, ob ich in 
dieser Unterlassung einen Beweis für ihre Diskretion oder 
für ihre Unachtsamkeit sehen soll. Wer die Breuer sehe 
Krankengeschichte im Lichte der in den letzten zwanzig 
• '. hren gewonnenen Erfahrung von neuem durchliest, wird 
die Symbolik der Schlingen, des Starrwerdens, der Arm- 
lälmiung nicht mißverstehen und durch Einrech nun» der 
Situation am Krankenbette des Vaters die wirkliche Deu- 
tung jener Symptombildung leicht erraten. Sein Urteil über 
die Rolle der Sexualität im Seelenleben jenes Mädchens wird 
sich dann von dem ihres Arztes weit entfernen. Breuer 
stand zur Herstellung der Kranken der intensivste suggestive 
Rapport zu Gebote, der uns gerade als Vorbild dessen, was 
wir „Übertragung 4- heißen, dienen kann. Ich habe nun starke 
Gründe . zu vermuten, daß Breuer nach der Beseitigung 
•aller Symptome die sexuelle Motivierung dieser Übertragung 
an neuen Anzeichen entdecken mußte, daß ihm aber die all- 
gemeine Natur dieses unerwarteten riiänoinens entging, so daß 
er hier, wie von einem „untoward event" Ixjtroffcn, die For- 
schung abbrach. Er hat mir hievon keine direkte Mitteilung 
gemacht, aber zu verschiedenen Zeiten Anhaltspunkte genug 
gegeben, um diese Kombination zu rechtfertigen. Als ich 
dann immer entschiedener für die Bedeutung der Sexualität 
in der Verursachung der Neurose eintrat, war er der erste, 
der mir jene Reaktionen der unwilligen Ablehnung zeigte, 
die mir später so vertraut werden sollten, die ich damals 
aber noch nicht als mein unabwendbares Schicksal erkannt 
hatte. 






8 



snnciFTKN y.ni m:i &OBENLEHRE. iv. 



Die Tatsache der grob sexuell betonten, iftrtliohen oder 
feindseligen Übertragung, die sieh bei jeder Neurosenbehand- 
lung einstellt, obwohl sie von keinem Teil gewünsohl 

herbeigeführt wird, ist mir immer als der unertohütterli 

ste Bewein für die Herkunft der Triebkräfte der Neurose aua 
dem Sexualleben ersohienen, Dies Argument is< noch lange 
nicht ernsthafi genug gewürdigt worden, denn lies, 

so bliebe der Forschung eigentlioh keine Wahl für meine 
Überzeugung ist es entscheidend geblieben! n<i»<n und ober 
den speziellen Ergebnissen der analysenarbeit. 

EBin Trost für die schlechte Aufnahme, irelohe Dl UM 
Aufstellung der sexuellen Ätiologie der Neuroeen auch im 

engeren Btaundeskrais fand, — es bildete -sich beid ein ne- 
gativer Raum um meine Person, — lag doch in der Ob 
logung, daß ich für eine neue und originelle Ldee den Kampf 

aufgenommen hatte. Allein eines Tages sei/.ieii tdch l*j nur 

einige Erinnerungen Ensammcu, welch« riedigung 

störten und mir dafür einen schonen Hinblick m d- n l ; 
gang unseres SohaffenS und die Natur im eres \Y I: ,1, 

statteten. Die Idee, für die loh ireruatwortlioh gemannt 

wurde, war keineswegs In mir entstanden. >"' Wil mir von 

drei Personen zugetragen worden, «leren Meinung auf mein 

tiefsten Respekt rechnen durfte, von 15 reuer Selbst, \.>n 

Charcot und von dem Gynäkologen unserer Universit44 
Ohrobak, dem vielleicht hervorragendsten unserer w 
Ärzte. Alle drei Mannt i hallen mir sine Einsicht überliefert, 
die sie, streng genommen, sejbet nicht besuiieu. Zwei TOD 
innen verleugneten ihre Mitteilung, als ich 
mahnte, der dritte (Meister Charcot) hatte es wahr schein- 
lieh ebenso getan, wenn es mir vere/wini ;;.\se,,i, wäre, dm 
wiederzusehen. In mir alx-r hatten diese trerttlndnis 



I. Zl-R GESCHICHTE DKU I'SVC Hua.S U.V 1 1S( HK.N HEWtQUNO. «J 

aufgenommenen identischen Mitteilungen durch Jahre ge- 
schlummert, bis sie eines Tages als ,,,»,■ pohftülbu originelle 
Erkenntnis erwachten. 

Als ich eines Tages als junger Spitalaant Hr. q< - .n,f 
einem gpa ziergange durch die Stadt begl.it, ite, trat ,in M; 
an ihn heran, der ihn dringend sprechen v.,,111... [oh I,! 
zurück, und als Breuer frei geworden u . ir , teilte ei l 
in seiner freundlich belehrenden WVi.se mit, es sei der .Mann 
qiner Patientin gewesen, der eine Naehri.-hi über sie ge- 
bracht hätte. Die Frau, fügte er hinzu, benehme sich n 
Gesellschaften in so auffälliger Art, daß man sie ihm als 
Nervöse zur Behandlung übergeben habe. Das sind immer 
Geheimnisse des Alkovens, schloß er dann. Ich 
fragte erstaunt, was er mein«, und er erklärte mir das Wort 
(„des Ehebettes"), weil er nicht verstau-!, daü mir die Sarin- 
so unerhört erschienen war. 

Fiuige Jahre sjater befand ich mich an einem der Kmj.- 
f.aigsabende Charcots in der Nähe des rerehrtai Lehr« 
der gerade Brouard.-i eine, wi* n seinen, sehr Interessante 
'■'•■schichte aus der Praxis des Tfegei erzählte. Ich hört« 
den Anlang ungenau, allmählich fesselte dl( ! .dilung meine 
Aufmerksamkeit. Bin j ull ^ ( . s i.; hepaar vou weit h „ r ;ius (1( ., u 
Orient, die Frau sohwei Leidend, dm Mann Impotent oder 
recht ungeschickt. Tächez dune, hörte loh Charcot wird.-r- 
holen, je vous assure, vous y arriverez. Brouardel, dei 
weniger laut sprach, muU dann seiner Verwunderung Aus- 
(iruck gegeben haben, daß unter solchen Umständen Sym- 
ptome wie die der Frau zu stando kämen. Denn Charcot 
brach plötzlich mit großer Lebhaftigkeit in die Worte aus: 
Mais, dans des cas pareils c'est toujours la chose genitale, 
toujours . . . toujours . . . toujours. Und dabei kreuzte er di 



10 



SC1IKIITKN ZI It MI IM 1 ■■M.KIIKK. IV. 



Hände vor dem Schoß und hüpft« mit der ihm eigenen Ix?b- 
haftigkoit mehrmals auf und nieder. leb weifl, daß [oh für 
einen Augenblick in ein fatt UhmendM lä-taum n \ ! fiid 
und mir sagte: Ja, wenn er das weiß, warum sagt er dtl 
nie? Aber der Eindruck war bald vergessen ; die (i.hirn- 
anatomie und die experimentelle Erzeugung hysterischer Me- 
inungen hatten alles Interesse absorbiert. 

Ein Jahr später hatte [ob als Privatdozent für Nerven- 
krankheiten meine ärztliche Tätigkeit ÜB Wien begonnen u 
war in allem, was Ätiologie der Neurosen U'ti.ii, tO un- 
schuldig und 80 unwissend gcblieh. n, wie man ob nur von 
einem hoffnungsvollen Akademiker fordern «htrf. Da traf 
mich eines Tages ein freundlicher Huf Chrobak«, oia* 
Patientin von ihm zu i ül»ni< Innen, welch'-r er in 
neuen Stellung als Universitätslehrer nicht genug Zeil wid- 
men könne. Ich kam früher als er zur Krank- n und erfi 
dafi sie an sinnlosen Angstanfällen leide, <ü,- nU r durch dio 
sorgfältigste Information, wo sich zu jeder Zeil des Taget 
ihr Arzt befinde, beschwichtigt werden könnten. Als Chro- 
bak erschien, nahm er mich Ix'iseite und eröffnete mir. die 
Angst der Patientin rühre daher, daß sio trotz 18juhriger 
Ehe Virgo intaeta sei. \><-v Mann sei absolut Impotent Dem 
Arzt bleibe in solchen Fällen nichts übrig, als da« häut- 
liche Mißgeschick mit seiner Reputation zu n und os 
sich gefallen zu lassen, wenn man achselzuckend üIht ihn 
sage: Der kann auch nichts, wenn er sie in soviel Jahren 
nicht hergestellt hat. Das einzige Rezept für solche I 
den, fügte er hinzu, ist uns wohll.eka.nnt. aber wir können 

es nicht verordnen. Es lautet i 

Kp. Penis nonnnlis 

dosiin 
Ropotntur! 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. H 

Ich hatte von solchem Rezept nichts gehört und hätte 
gern den Kopf geschüttelt über den Zynismus meines Gönners. 

Ich halte die erlauchte Abkunft der verruchten Idee ge- 
wiß nicht darum aufgedeckt, weil ich die Verantwortung 
für sie auf andere abwälzen möchte. Ich weiß schon, daß 
es etwas anderes ist, eine Idee ein oder mehren Mal.- in 
Form eines flüchtigen Apercus auszusprechen als: Ernst mit 
ihr zu machen, sie wörtlich zu nehmen, durch alle widerstre- 
benden Details hindurchzuführen und ihr ihre Stellung unter 
den anerkannten .Wahrheiten zu erobern. Es ist der Unter- 
schied zwischen einem leichten Flirt und einer rechtschaf- 
fenen Ehe mit all ihren Pflichten und Schwierigkeiten. Epou- 
ser les idees de . . . ist eine wenigstens im Französischen 
gebräuchliche Redewendung. 

.Von den anderen Momenten, die durch meine Arbeit 

zum kathartischen Verfahren hinzukamen und es zur Psycho- 
analyse umgestalteten, hebe loh hervor: Die Lehre von der 
Verdrängung und vom Widerstand, die Einsetzung der in- 
fantilen Sexualität und die Deutung und Verwertung der 
Träume zur Erkenntnis des Unbewußten. 

In der Lehre von der Verdrängung war ich sicherlich 
selbständig, ich weiß von keiner Beeinflussung, die mich in 
ihre Nähe gebracht hätte, und ich Ju.lt diese Idee auch 
lange Zeit für eine originelle, bis uns O. Hank die Stelle in 
Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung" zeigte, 
in welcher sich der Philosoph um eine Erklärung des Wahn- 
sinnes bemüht*). Was dort über das Sträuben gegen die 
Annahme eines peinlichen Stückes der Wirklichkeit gesagt 
iat, deckt sich so vollkommen mit dem Inhalt meines Ver- 
drängungsbegriffes, daß ich wieder einmal meiner Unbelescn- 

*) Zentralblatt für Psychoanalyse, 1911, Bd. I, S. C». 



12 



SCHKIl'TKN Zl'li NKUKOSKM.KHUK. IV. 



hcit für die Erniöglichung einer Entdeckung verpflichtet 
durfte. Indes haben ändert: diese Stello gelesen und üb« 
sie hinweggelescn, ohne dies« Entdeckung zu machen, und 
vielleicht wäre es mir ähnlich «gangen, wenn ieh in früh' 
Jahren mehr (iesehmack an der Lektüre philosophischer Au- 
toren gefunden hätte. Den hohen CienuÜ der Werke \i.-i 
sches IuiIhj ich mir dann in späterer Zeit mit der bewußten 
Motivierung versagt, daß ich in d< r V« rarl* ilung dl I | IJOhO- 
analytischen Eindrücke dUTOh keinerlei F.rwart ungsvorstel- 
hing behindert sein wolle. Dafür mußte ich bereit sein — 
ufnd ich bin es gerne — , auf alle Prioritätsanspruch,- in 
jenen häufigen Fällen zu verziehten, in denen <li.- u iu 
psychoanalytische; Forschung < i i * - intuitiv jrj u _ 

sichten (i. s Philosophen nur bestätigen kann. 

Die Verdrangungslelire ist nun <Uv (iriindpfeilcr, auf .1 
dlfl Gebäude der Psychoanalyse ruht, so recht das wesent- 
lichste Stück derselben und selbst nichts anderes als d.-r 
theoretische Ausdruck einer Erfahrung, die -ich beliebig oft 
wiederholen läßt, wenn man ohne Zuhilfenahme de: II. ; 
an die Analyse eines Xeurotikers geht. M.ui bekommt 
einen Widerstand zu spüren, welcher sieh der annlyt IfOlMO 
Arbeit widersetzt und einen Kiinnerungsausfall vorschiebt, 
um sie zu vereiteln. Diesen Widerstand muß die Anwen- 
dung der Hypnose verdecken ; darum setzt die Geschieht,. 
der eigentlichen Psychoanalyse erst mit dl E ttotaJ 
NeueruJig des Verzichtes auf die Hypnose ein. Die theo- 
retische Würdigung des Umstand. ,. d.iü dieser Widerstand 
mit einer Amnesie zusammentrifft, führt dann unvermeid- 
lich zu joner Auffassung der unbewußten Sei lentätigkeit, 
welche der Psycho., im I \ , , igent ümlich ist und siel» poa den 

philosophischen Spekulationen Ober das Unbewußte Im» 



I. ZUR GESCHICHTE PKK PSY CHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 13 

hin merklich unterscheidet. Man darf daher sn^on, die psy- 
choanalytische Theorie ist ein Versuch, zwei Erfahrungen 
verständlich zu machen, die sich in auffälliger und uner- 
warteter Weise bei dem Versuche ergeben, die Leidenssym- 
ptome eines Neurotikers auf ihre Quellen in seiner Lebens - 
geschiente zurückzuführen : die Tatsache der Übertragung und 
die des Widerstandes. Jede Forschungsrichtung, welche dies.- 
beiden Tatsachen anerkennt und sie zum Ausgangspunkt, Ihrer 
Arbeit nimmt, darf sich 'Psychoanalyse heißen, auch wenn 
sie zu anderen Ergebnissen als den meinigen gelangt. Wer 
aber andere Seiten des Problems in Angriff nimmt und von 
diesen beiden Voraussetzungen abweicht, der wird dem Vor- 
wurf der Besitzstörung durch versuchte Mimikry kaum ent- 
gehen, wenn er darauf beharrt, sich einen Psychoanalytiker 
zu nennen. 

Ich würde mich sehr energisch dagegen sträuben, wenn 
jemand die Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand 
zu den Voraussetzungen anstatt zu den Ergebnissen der Psy- 
choanalyse rechnen wollte. Es gibt solche Voraussetzungen 
allgemein psychologischer und biologischer Natur und es 
wäre zweckmäßig, an anderer Stelle von ihnen zu handeln, 
aber die Lehre von der Verdrängung ist ein Erwerb der 
psychoanalytischen Arbeit, auf legitime Weise als theoreti- 
scher Extrakt aus unbestimmt vielen Erfahrungen gewon- 
nen. Ein ebensolcher Erwerb, nur aus viel späterer Zeit, ist 
die Aufstellung der infantilen Sexualität, von welcher in 
den ersten Jahren tastender Forschung durch die Analyse 
noch nicht die Rede war. Man merkte zuerst nur, daß 'man 
die Wirkung aktueller Eindrücke auf Vergangenes zurück- 
führen müßte. Allein, „der 'Sucher fand oft mehr, als er 
zu finden wünschte". Man wurde immer weiter zurück in 



14 



SCHRIFTEN ZUR N EL' ROSEN LEHR F.. IV 



diese Vergangenheit gelockt und endlich hoffte man in der 
Pubertätszeit verweilen zu dürfen, ts der Bpoobfl des tra«- 
ditionellen Erwachens der Scxualrcgungen. Vergeblich, 
Spuren wiesen noch weiter nach rückwärts, in die Kindh- M 
und in frühere Jahre derselben. Auf dem Wege dahin galt 
es, einen Irrtum zu überwinden, der für die jung« Forschung 
fast verhängnisvoll geworden wäre. Imtcr dem KinfluJ &*BL 

an Charcot anknüpfenden traumatischen Theorie dei By 

sterie war man leieht genoiet, l'.eriehte d.-r Kranken Im 
real und ätiologisch U-dcutsam W halten, *eloh* ihre Sym- 
ptome auf passiv. lezneUa Brlabnitaa In cton ertten Kinder- 
Jahren, also grob insge.lrüekt: au! Verführung zurückhut l t-n. 
Als diese Ätiologie an ihrer eigenen Unwahrscheinlichkeit 
und an dem Widerspruche gegen sieher toitiMtellendfl Ver- 
hältnisse zusammenbrach, war ein Stadium völliger Mutlosig- 
keit das nächste Ergebnis. Die Analyse hatte auf korrekt, m 
Wege bis zu solchen infantilen Sexual! räumen geführt und 
doch waren diese anwahr. Man hatte also den |t<xlen der 
Realität verloren. Damals h&tte Loh gerne die ganze Ail- it 
im Stiche gelassen, ähnlich wie mein verehrter Vorgänger 
Breuer bei seiner unerwünschten I ndlftotimg Vielleicht 
harrte ich nur aus, weil ich keine Wsdil mehr hatte, etwaa 
anderes zu beginnen. Endlich kam di< nnung, daJi man 

ja, kein Recht zum Verzagen halx-, wenn man nur in .-einen 

Erwartungen getäuscht worden sei, toodtna dien Brwnrtmy 
gen revidieren müsse. Wenn die Hyttaiüm Ihn Symptome 

auf erfundene Traumen zurückführen, so ist eben die neue 
Tatsache die, daß sie solche Szenen phantasieren, und die 
psychische Realität verlang! neljen der praktischen Hcalität 
gewürdigt zu werden. Es folgte kild die Hinsieht, «laß dieee 
Phantasien dazu bestimmt seien, die uut<> erotische Bot&U- 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYC HOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 15 

gung der ersten Kinderjahre zu verdecken, zu beschönigen 
und auf eine höhere Stufe zu heben, und nun kam hinter 
diesen Phantasien das Sexualleben des Kindes in seinem gan- 
zen Umfange zum Vorschein. 

In dieser Sexual tat igkeit der ersten Kinderjahre konnte 
endlich auch die mitgebrachte Konstitution zu ihrem Recht. 
kommen. Anlage und Erleben verknüpften sich hier zu einer 
unlösbaren ätiologischen Einheit, indem die Anlage Ein- 
drücke zu anregenden und fixierenden Traumen erhob, wel- 
che sonst, durchaus banal, wirkungslos geblieben wären, und 
indem die Erlebnisse Faktoren aus der Disposition wach- 
riefen, welche ohne sie lange geschlummert hätten und viel- 
leicht unentwickelt geblieben wären. Das letzte Wort in der 
Frage der traumatischen Ätiologie sprach dann später Abra- 
ham aus, als er darauf hinwies, wie gerade die Eigenart 
der sexuellen Konstitution des Kindes sexuelle Erleb- 
nisse von besonderer Art, also Traumen, zu provozieren 
▼ersteht. 

Meine Aufstellungen über die Sexualität des Kindes 
waren anfangs fast ausschließlich auf die Ergebnisse der in 
die Vergangenheit rückschreitenden Analyse von Erwach- 
senen begründet. Zu direkten Beobachtungen am Kinde 
fehlte mir die Gelegenheit. Es war also ein außerordentlicher 
Triumph, als es Jalire später gelang, den größten Teil des 
Erschlossenen durch direkte Beobachtung und Analyse von 
Kindern in sehr frühen Jahren zu bestätigen, ein Triumph, 
der allmählich durch die Überlegung verringert wurde, die 
Entdeckung sei von solcher Art, daß man sich eigentlich 
schämen müsse, sie gemacht zu haben. Je weiter man sich 
in die Beobachtung des Kindes einließ, desto selbstverständ- 
licher wurde die Tatsache, desto sonderbarer aber auch der 



16 



SOIIUIITKN ZIK NKriJO.SKM.KHKK. IT 



Umstand, daß man sich solche Mühe gegeben hatte, sie au 
übersehen. 

Eine so sichere fllx»rzeugung von der Existenz und Y\*- 
deutung der Kindersexualitüt kann man allerdings nur ge- 
winnen, wenn man den Weg der Analv M ffoht, von den Sym- 
ptomen und Kigentümlichkciten der NYurotikcr i .1*1 
bis zu den letzten Quellen, deren Aufdeckung erklärt, was 
an ihnen erklärbar ist, und zu m«wli fixieren gestattet, was 
sich etwa abändern läUi. Ich verstehe es, dafl man n an- 
deren Resultaten kommt, wenn man, wie kürzlich ! ' <> n g, 
sich /.unäcliHt eine tl lisch« Vorstellung v<m der Natur 
des Sexualtriebe bildet und \<m dioill aus das Leben dtf 
Kindes begreifen will. Kino solche \<a brilnpg kann nicht 
anders als willkürlich oder mit i. ,t auf tbnitl liegende 
Erwägungen gfOWÖMt sein and läuft <hi dir. dem Gebiet in- 
adäquat /,u werden, auf welches man 810 anwenden will. 
Gewiß führt Raab der aoalytiiohi Weg zu gewissen I 

Schwierigkeiten und Dunkelheiten in betreff der ■ • 
und ihres Verliältnisses zum Q amt leben dol Individuums, 
aber diese können nicht durch Spekulationen beseitigt wor- 
den, Bändern müssen bleiben, bis sie Lösung durch ändert 
Beobachtungen oder Beobachtungen aul anderen (Jehieten 
finden. 

Ober die Traumdeutimg kann loh mich kurz fassen. Sie 
fiel mir zu als Erstlingsfrueht der technischen Neuerung, 
nachdem ich mich, einer dunklen Ahnung folgend, entschlos- 
sen hatte, die Hypnose mit der freien A*S01 n zu W 
tauschen. Meine WiUbgierde war nicht von vornherein auf 
das Verständnis der Träume gerichtet gowesen. Einflu- 
die mein Interesse gelenkt oder mir eine hilfreiche Erwi 
tung geschenkt hätten, sind mir nioht bekannt, loh hatte 



L ZUR GESCHICHTE DER P SYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 17 

vor dem Aufhören meines Verkehrs mit Breuer kaum noch 
Zeit, ihm einmal in einem Satze mitzuteilen, daß ich jetzt 
Träume zu übersetzen verstünde. Infolge dieser Entdeckungs- 
berichte war die Symbolik der Traumsprache so ziemlich 
das letzte, was mir am Traum zugänglich wurde, denn für 
die Kenntnis der Symbole leisten die Assoziationen des Träu- 
mers nur wenig. Da icli die Gewohnheit festgehalten haha, 
immer zuerst an den Dingen zu studieren, ehe ich in den 
Büchern nachsah, konnte ich mir die Symbolik des Traumes 
sicherstellen, ehe ich durch die Schrift von Scherner auf 
sie hingewiesen wurde. Im vollen Umfange habe ich dieses 
Ausdrucksmittel des Traumes erst später gewürdigt, zum 
teil unter dem Einflüsse der Arbeiten des zu Anfang so sehr 
verdienstvollen, später völlig verwahrlosten St ekel. Der 
enge Anschluß der ^svcho^nalyti^hen^aumdeutung an die 
einst so hochgehafttoß ¥raumdeulekiinst der Antike wurde 
mix erst viele Jahre nachher klar. Das eigenartigste und be- 
deutsamste Stück meiner Trstramicoric, die- Ztirückführung 
der Traumentstellung auf einen inneren Konflikt, eine Art 
von innerer Unaufrichtigkcit, fand ich dann bei einem Autor 
wieder, dem zwar die Medizin, aber nicht die Philosophie 
fremd geblieben war, dem Ingenieur J. Popper, der unter 
dem Namen Lynkeus „Phantasien eines Realisten" ver- 
öffentlicht hatte. 

Die Traumdeutung wurde mir zum Trost und Anhalt 
in jenen schweren ersten Jahren der Analyse, als ich gleich- 
zeitig Technik, Klinik und Therapie der Neurosen zu bewäl- 
tigen hatte, gänzlich vereinsamt war und in dem Gewirre 
von Problemen und bei der Häufung der Schwierigkeiten oft 
Orientierung und Zuversicht einzubüßen fürchtete. Die Probe 
auf meine Voraussetzung, daß eine Neurose durch Analyse 

Freud, Neurosenlehre. IV. 2 






18 



SCHKItTKN ZI ii NKLKOSKM.KIIUK IV. 



I 



verständlich worden niÜ9se, ließ oft bei AHB Kr.uik.n \er- 
wirrend lange auf sich warten; an dm MLumcn, die man 
als Analoga der Symptome auffassen könnt«'. fand di«M Vor- 
aussetzung eine fast regelmäßig« 1 Bestätigung. 

Nur durch diese Erfolg« wurde ich in dm Stand gesetzt, 
auszuharren. Ich habe mich darum gewöhnt, das \- i landnii 
eines psychologischen Arbeiters an seiner 8ullung n den 
Problemen der Traumdeutung zu messen und mit <..nug- 
tuung beobachtet, d*0 dl« inei-.t-n Gegner der ISychoanalyae 
es überhaupt vermieden, diesen Boden zu betreten oder lieh 
höchst ungeschickt benahmen, wenn sie es doofe rtrittoW 
Meine Selbstanalyse, deren Notwendigkeit mir bald oinlem h- 
tete, habe ich mit Iliil'e einer Serie von eigenen Träumen 
durchgeführt, die mich durch alle Begebenheiten meine« 
Kiuderjahre führten, und ieh bin noch heute der Meinung, 
daß bei einem guten Träumer und nicht allzu abnormen Men- 
schen diese Art der Analyse genügen kann. 

Durch die Aufrollung dieser Fntstehungsgcschiehte glaube 
Ush besser als durch eine systematische Darstellung gezeigt 
zu haben, was die Psychoanalyse ist. Die besondere Natur 
meiner Funde erkannte Lab /.unliebst nieht. Ich opferte un- 
bedenklich meine beginnende Beliebtheit als Arzt und den 
Zulauf der Nervösen in meine Sprechstunde, indem [oh kon- 
sequent nach der sexuellen Verursachung ihrer Neuronen 
forschte, wobei ich eine Anzahl von Frlährungen m 
die meine Überzeugung von der praktischen Bedeutung de« 
sexuellen Moments endgültig festlegten. Ich trat ahnungslos 
in der Wiener Faehvereinigung, damals unter dem Vorsitze 
von Kraf f t-Ebing, als Redner auf, der erwartete, durch 
Interesse und Anerkennung seiner Kollegen für seine Ireiwil- 
ligo materielle Schädigung entschädigt zu werden Ich !*•- 



L ZUR GESCHICHTE DER PSVC HuANAlA TISCHEN BEWEGUNG 1<J 

handelte meine Entdeckung, n wir Indifferente Beiträge zur 
Wissenschaft und hoffte dasselbe von den anderen. Erst die 
Stille, die sich nach meinen Vorträgen erhob, die Leere, die 
sich um meine Person bildete, die Andeutungen, die mir zu- 
getragen wurden, ließen mich allmählich begreifen, daß Be- 
hauptungen über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie 
der Neurosen nicht darauf rechnen könnten, so behandelt zu 
\s. rden wie andere Mitteilungen. Ich vorstand, daß ich von 
jetzt ab zu denen gehörte, die ..am Schlaf der Welt gerührt 
haben", nach Hebbels Ausdruck, und daß ich auf Objek- 
tivität und Nachsicht nicht zählen durfte. Da aber meine 
Überzeugung von der durchschnittlichen Richtigkeit meiner 
Beobachtungen und Schlußfolgerungen immer mehr wuchs 
und mein Zutrauen zu meinem eigenen Urteile sowie mein 
moralischer Mut nicht eben gering waren, konnte der Aus- 
gang dieser Situation nicht zweifelhaft sein. Ich entschloß 
mich zu glauben, daß mir das (ilück zugefallen war, l>cson- 
der8 bedeutungsvolle Zusammenhange aufzudecken, und fand 
mich bereit, das Schicksal auf mich zu nehmen, das mitunter 
Wi solches Finden geknüpft isi. 

Dies Schicksal stellte ich mir in folgender Weise vor: 
Es würde mir wahrscheinlich gelingen, mich durch die thera- 
peutischen Erfolge des neuen Verfahrens zu erhalten, die 
Wissenschaft aber würde zu meinen Lebzeiten keine Notiz 
von mir nehmen. Einige Dezennien später würde ein anderer 
unfehlbar auf dieselben, jetzt nicht zeitgemäßen Dinge sto- 
ßen, ihre Anerkennung durchsetzen und mich so als notwen- 
digerweise verunglückten Vorläufer zu Ehren bringen. Unter- 
des richtete ich's mir als Robinson auf meiner einsamen Insel 
möglichst behaglich ein. Wenn ich aus den Verwirrungen 
und Bedrängnissen der Gegenwart auf jene einsamen Jahre 

2* 



SUHKII'TEN ZUli NEUKOHKNI.KHUK. IV. 



20 

zurückblicke, irill M mir scheinen. «• war eine Bohöne heroi- 
sche Zeit; die „splendid Isolation«- entbehrt« ttioW ihrer Vor- 
Z üge und Beize, Ich hatte kein* Literatur ra lesen, keinen 

schlecht unterrichteten Gegner an/.iihörrn, ich war keinem 
Einfluß unterworfen, durch nichts gedrängt Ich erlernt« es, 
spekulative Neigungen zu bändigen nnd o*ob dem nnvergea- 
senen Rat meines Meisters Charcot, dieselben Ding- so „f. 
von neuem anzuschauen, bis sie von selbst begann.,,, * 

wuzueagen Meine VeröäentUohungen, für die ieh mit .,,,iger 

Mühe auch Unterkunft fand, konnten immer weit hinter „,,.- 
nem Wissen zurückbleiben, durften beliebig aufgeschoben 
worden, da Itetae weifelhafta „Priorität" *u verteuhgen war. 

Die Traumdeutung Z. B. war in allem Wesentlichen anfangs 
189G fertig, sie wurde aber erst im Sommer L899 oied .rge- 
eonrieben. Di« Behandlung der „Pora" schloß zu Ende L899 
ab, ihre Krankengeschichte war in <Wn nächsten zw. i Wochen 
fixiert, wurde aber erst 1005 veröffentlicht. Unterdes wurden 
meine' Schriften in der Fachliteratur nicht referiert oder, 
wenn dies ausnahmsweise geschah, mit höhnischer oder mit- 
leidiger Überlegenheit zurückgewiesen. Gelegentlich wandte 
mir auch ein Fachgenosse in einer seiner Publikationen «inr 
Bemerkung zu, die sehr kurz und nicht lehr lohmeiohelhaft 
war, etwa: verbohrt, extrem, sehr sonderbar. Einmal traf ei 
sich, daß ein Assistent der Klinik in Wien, an der ich mein« 
Semestralvorlesung abhielt, sich von mir die Erlaubnis nahm, 
diesen Vorlesungen anzuwohnen. Er hörte sehr andächtig BU, 
sagte nichts, bot sich aber nach der letzten Vorlesung zu 

einer Begleitung an. Während dieses Spazierganges eröffnet« 

er mir, er habe mit Wissen seines Chefs ein Buch gegen 
meine Lehre geschrieben, bedauere aber sehr, dieselbe erst 
durch meine Vorlesungen besser kennen gelernt KU haben. 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOAN ALYTISCHEN BEWEGUNG. 21 

Er hätt« sonst vieles anders geschrieben. Allerdings habe er 
sich auf der Klinik erkundigt, ob er nicht vorher die „Traum- 
deutung" lesen solle, aber man habe ihm abgeraten, e9 sei 
nicht der Mühe wert. Er verglich dann selbst mein Lehr- 
gebäude, wie er es jetzt verstanden habe, nach der Festig- 
keit seines inneren Gefüges mit der katholischen Kirche. 
Im Interesse seines Seelenheils will ich annehmen, daß in 
dieser Äußerung ein Stück Anerkennung enthalten war. Er 
schloß dann aber, es sei zu spät, an seinem Buche etwas 
abzuändern, es sei bereits gedruckt. Der betreffende Kolloge 
hat es auch nicht für nötig erachtet, der Mitwelt späterhin 
etwas von der Änderung seiner Meinungen über meine Psycho- 
analyse bekanntzugeben, sondern es vorgezogen, die Entwick- 
lung derselben aJs ständiger Referent einer medizinischen 
Zeitschrift mit seinen wenig ernsthaften Glossen zu begleiten. 

i 

Was ich an persönlicher Empfindlichkeit besaß, wurde 
in jenen Jahren zu meinem Vorteile abgestumpft. Vor der 
Verbitterung wurde ich aber durch einen Umstand bewahrt, 
der nicht allen vereinsamten Entdeckern zu Hilfe kommt. 
Ein solcher quält sieh ja sonst ab zu ergründen, woher die 
Teilnahmslosigkeit oder Ablehnung seiner Zeitgenossen rührt, 
und empfindet sie als einen peinigenden Widerspruch gegen 
die Sicherheit seiner eigenen Überzeugung. Das brauchte ich 
nicht, denn die psychoanalytische Lehre gestattete mir, dies 
Verhalten der Umwelt als notwendige Folge aus den analyti- 
schen Grundannahmen zu verstehen. Wenn es richtig war, 
daß die von mir aufgedeckten Zusammenhänge dem Bewußt- 
sein des Kranken durch innere affektive Widerstände fern- 
gehalten werden, so mußten sich diese Widerstände auch bei 
den Gesunden einstellen, sobald man ihnen das Verdrängte 
durch Mitteilung von außen zuführte. Daß diese letzteren 



22 



SCHRIFTEN ZUH NKfltOSESLEHttK. IV. 



die affektiv geboten« Ablehnung durch Intellektuelle Be- 
grtotog zu motivieren rostenden, war nicht verwunderlich. 

Es ereignete sich bei den Krank.:, ebeneo hanfig, und 
ins Feld geführten Argumente Argumente Bind so gemein 

w ic Brombeeren, mit Falstaff zu reden - war, n d.e nan 
liehen und nicht gerade scharfsinnig. Der Untersehe d wai 
nur, daß man bei den Kranken nU-r Pweitonsmittel v.-rfug -. 
m sie ihr* Widerstand« einsehen und überwinden - --, 
beiden angeblich Gesunden solcher Hilfen aber entbehrte 
Auf welche Weise man diese Gesunden ,u einer kühlen, w* 
senschaftlieh objektiven Oberprttfung **£» könne, wai ■ ,,* 
ungelöst Problem, de»« *dedlfung « besten der ta* 
behalten blieb. Man hatte in <]-,• c;..-...iucht.. d,-, NN 
Br ,nflen oft feststellen können, daß diesell>e Heha.nptuug, die 
anfangs nur Widerspruch hervorgerufen hatte, eine NN ,ile 
später zur Anerkennung kam, ohne daß neu, Beweise für sie 
erbracht worden wären. 

Daß sich aber in diesen Jahren, als ich allein die Psycho- 
analyse vertrat, ein besonderer Respekt vor dem Urteil der 
Welt oder ein Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei 
mir entwickelt habe, wird wohl niemand erwarten dürfen. 



11. 



Vom JahM 1002 an scharte sich eine Anzahl jfin 
Ärzte um mich in der ausgesprochenen Abeicht, die Psycho- 
analyse zu erlernen, auszuiüien und zu verbreiten. Ein Kol- 
lege, welcher die gute Wirkung der analytischen Therapi 
an sich selbst erfahren hatte, gab die Anregung dazu. Marx 
kam an bestimmten Abenden in meinet Wohnung sueamip 
diskutierte nach gewissen Kegeln, suchte *ieh in de 



m 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 23 



fremdlich neuen Forschungsgebiete zu orientieren und das 
Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines Tages führte sich 
ein absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manuskript bei uns 
ein, welches außergewöhnliches Verständnis verriet. Wir be- 
wogen ihn die Gymnasialstudien nachzuholen, die Univer- 
sität zu besuchen und sich den nichtärztlichen Anwendungen 
der Psychoanalyse zu widmen. Der kleine Verein erwarb so 
einen eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich gewann an Otto 
Rank den treuesten Helfer und Mitarbeiter. 

Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im 
Laufe der nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. 
Im ganzen durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der 
Mannigfaltigkeit der Begabungen, die er umschloß, stand er 
kaum hinter dem Stab eines beliebigen klinischen Lehrers 
zurück. Von Anfang an waren jene Männer darunter, die 
in der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung später 
so bedeutungsvolle, wenn auch nicht immer erfreuliche Rol- 
len spielen sollten. Aber diese Entwicklung konnte man da- 
mals noch nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein, und ich 
meine, ich tat alles, um den anderen zugänglich zu machen, 
was ich wußte und erfahren hatte. Von übler Vorbedeutung 
waren nur zwei Dinge, die mich endlich dem Kreise innerlich 
entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter den Mitgliedern 
jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen, das unter 
Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen 
soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, 
zu denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit 
reichlicher Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Un- 
terweisung in der Ausübung der Psychoanalyse, die ganz be- 
sonders groß sind und an vielen der heutigen Zerwürfnisse 
die Schuld tragen, machten sich bereits in der privaten Wie- 



24 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSKNI.K1IRE. IV. 



ner psychoanalytischen Vereinigung geltend. loh selbst wagto 
es nicht, eine noch unfertige Technik und eine I» st( " 
Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität vorzutragen, die 
den anderen wahrscheinlich manche Irrwege und endliche 
Entgleisungen erspart hätte. Die Selbständigkeit der geisti- 
gen Arbeiter, ihre frühe Unabhängigkeit vom Lehrer, ist 
psychologisch immer befriedigend; ein Gewinn in wissen- 
schaftlicher Hinsicht ergibt sich aus ihr nur, wenn bei < 
sen Arbeitern gewisse, nicht allzu häutig vorkommende i>er- 
sönliche Bedingungen erfüllt sind. Gcrado die Psychoanalyse 
hätte eine lange und strenge Zucht und Erziehung zur Selbst- 
zucht gefordert. Der Tapbrk.it. wogen, die siel» in du Hin- 
gabe an eine so verpönte und aussichtslose Sache erwiee, 
war ich geneigt, den Mitgliedern der Vereinigung mancherlei 
ansehen zu lassen, woran ich sonst Anstoß genommen hätte. 
Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Ärzte, sondern auch 
andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse etwas r< 
deutsames erkannt hatten, Schrift sie Her, Künstler usw. D i 
„Traumdeutung", das Buch üImt den „Witz" u. a, hatten von 
vornherein gezeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht 
auf das ärztliche Gebiet beschränkt bleiben können, sondern 
der Anwendung auf verschiedenartige andere Geisteswissen- 
schaften fähig sind. 

Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Er- 
wartungen und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß dl« 
Psychoanalyse in aller Stille Interesse erweckt und Freund* 
gefunden habe, ja, daß es wissenschaftliche Arbeiter gebe, 
welche bereit seien, sich zu ihr zu bekennen. Eine Zuschrift 
ron Bleuler hatte mich schon früher wissen lassen, daß 
meine Arbeiten im Burghölzl i studiert und verwerft wür- 
den. Im Jänner 1907 kam der erste Angehörige der Züricher 



L ZUB GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG . 2 5 

Klinik, Dr. Eitingon, nach Wien, es folgten bald andere 
Besuche, die einen lebhaften Gedankenaustausch anbahnten; 
endlich kam es über Einladung von CO. Jung, damals 
noch Adjunkt am Burgh ö 1 z 1 i, zu einer ersten Zusammen- 
kunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die Freunde 
der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Orten her 
vereinigte. Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kon- 
gresses war die Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopatho- 
logische Forschungen", herausgegeben von Bleuler 
und Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 zu erscheinen 
begann. Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen Wien und 
Zürich fand in dieser Publikation ihren Ausdruck. 

Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatri- 
schen Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des 
besonderen die von Bleu 1 er und Jung, wiederholt dankend 
anerkannt und stehe nicht an, dies heute, unter so veränderten 
Verhältnissen, von neuem zu tun. Gewiß war es nicht erst 
die Parteinahme der Züricher Schule, welche damals die 
Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf die Psycho- 
analyse richtete. Die Latenzzeit war eben abgelaufen und 
an allen Orten wurde die Psychoanalyse Gegenstand eines 
sich stetig steigernden Interesses. Aber an allen anderen 
Orten ergab diese Zuwendung von Interesse zunächst nichts 
anderes als eine meist leidenschaftlich akzentuierte Ableh- 
nung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Übereinstim- 
mung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen 
Stelle fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von An- 
hängern beisammen, konnte eine öffentliche Klinik in den 
Dienst der psychoanalytischen Forschung gestellt werden 
oder war ein klinischer Lehrer zu sehen, der die psychoanaly- 



26 



BGBBlFSm Bül NEUKQ8ENLKHKE. IV. 



tische £*h» als integrierend,. ***** I» den psycln.an- 
schcn Unterricht aufn,hn>. Di- triebet wurden sodi« kern 
trappe der kl—, für die Würdigung der Analyse kämpfen- 
den Schar. Bei Ihnen allein war Gelegenheit, die neue I 
„ erlernen und Arbeit« in ihr auszufnhnn. Die meist« 
meiner honten Anhang und Mitarbeit« lind Übel Zürich 
2U mir gekommen, selbst solche, die e. geographisch weü 

exzentrisch für den Westen Europas, der die gr^n /ent ,n I 

unserer Kultur beherbergt; «in Ansehen w>rd ~. « v.-l « 

Jaiiren durch Schwerwiegend, Vorurteil, ».,,.- ^ * | 

«,,, ist* so rührigen Kehw,i,. n Wr.nter d„ ho- 

deutsamsten Nationen zusammen; ein lufekti herd an d, 

ser Stelle mußte für die Ausbreitung der psychischen 1 
demic, wie Hoche in Freiburg sie genannt hatte, besonder« 

wichtig werden. 

Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung 
im Burghölzli mitgemacht, kann man totstellen, daß disj 

Psychoanalyse dort schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. 
In Jungs 1902 vomlf-ni lieh. -r Srhrift über okkult. Phäno- 
mene findet sich bereit! ein erster Hinweis auf die Traum- 
deutung. Von 1903 oder 1904 an, berichtet mein Gewinn 
mann, stand die Psychoanalyse im Vordergründe. Nach der 
Anknüpfung persönlicher Beziehungen zwischen Wim und Zü- 
rich bildete sich, Mitte des Jahr« 1907, auch im I'.urg- 
hölzli ein zwangloser Verein, der in regelmäßigen Zusam- 
menkünften die Probleme der Psveh<,nn,lvse diskutiei 
der Union, die sich zwischen der Wiener und der Zunehor 
Schnle vollzog, waren die Schweizer keineswegs der W 
empfangende Teil. Sie hatten selbst bereits WSpektaWs Wll 
senschaftliche Arbeit geleistet, deren Ergebnisse der l'sycüo- 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 27 



analyse zu gute kamen. Das von der W u n d t sehen Schule 
angegebene Assoziationsexperiment war von ihnen im Sinne 
der Psychoanalyse gedeutet worden und hatte ihnen uner- 
wartete Verwertungen gestattet. Es war so möglich gewor- 
den, rasche experimentelle Bestätigungen von psychoanaly- 
tischen Tatbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse 
dem Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker 
nur hätte erzählen können. Es war die erste Brücke geschla- 
gen worden, die von der Experimentalpsychologie zur Psycho- 
analyse führt«. 

Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psycho- 
analytischen Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse 
des Falles, leistet aber keinen wesentlichen Beitrag zur Tech- 
nik und ist bei der Ausführung von Analysen eigentlich ent- 
behrlich. Bedeutsamer noch war eine andere Leistung der 
Züricher Schule oder ihrer beiden Führer Bleuler und 
Jung. Der erstere wies nach, daß bei einer ganzen Anzahl 
von rein psychiatrischen Fällen die Erklärung durch solche 
Vorgänge in Betracht käme, wie sie mit Hilfe der Psycho- 
analyse für den Traum und die Neurosen erkannt worden 
waren („F r e u d sehe Mechanismen"). Jung wendete das 
analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die sonder- 
barsten und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an, 
deren Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebens- 
interessen der Kranken dann klar zu Tage trat. Von da an 
war es den Psychiatern unmöglich gemacht, die Psychoana- 
lyse noch länger zu ignorieren. Das große Werk von Bleuler 
über die Schizophrenie (1911), in welchem die psychoajialv ti- 
sche Betrachtungsweise gleichberechtigt neben die klinisrh- 
systematische hingestellt wurde, brachte diesen Erfolg zur 
Vollendung. 



— — 



n 



i .uciiTKN v.\ u raraoaxLWtti iv. 



Ich um M nloM toWlt imd, --nif einen I ^" l hin ; 

/UNV( ,„ n . *«x lohoü damals In der Axbeiterichtung der b» 
,1m Bchulon deutlich war. Mi hall«- l-r.-it- im ' 
die Analyse eines Kalles von Schiwnhrenl« rerolfentlioh«, 
,,,.,. : , u .,- paranoide! & präg« krag, - dau ■ x m * 
den Eindruck der Jungsollen Analysen nicht rorwegnehinesi 
tonnte, Mir wa* aber nicht dis Dartbarinlt der Bj »«, 

Bonden dw psychische IficMtfiMi der Brta : de« 

Wichtig« feweten, «wallen die Oben In lünnun i efe- 

oheaünma mit den berolia «kannten dei Bj I die 

rjiffetensen n«4eeaeB des beiden fiel danal i h kein 

Ml zielt.» nämlich N-rrits zu teAflB /, U ml I [« 

,,,,,. Kewows hin. welohe tili äenrötleerien wie psychoti- 
Mben Krscheinungcn aus abnormen Böhi Libid 

Hfoo aus AUMkunfr.cn dcrscll>en von ihrer normalen Vfcrwrn. 
.lun:', erklären sollte Die er (Jesichtspunkt ging .Im Schwei- 
zer Forschem ab. Bleuler hält melnei Wissens auch heute 
an, einer 'organischen Veruraaehung der Formen von D tia 
praecox fest, und Jung, dessen Buch Über dii Erkrankung 
1907 erschienen w:ir, vertrat L908 auf den Ballburger Kon- 
gresse dir toxisohe Theorie derselben, die lieh, allerdings 
ohne sie au.szusehliel.5ni, lil-cr die Lilmlotheoric hinaussei 
An dem nämlichen Punkte ist er dann iplAer (1912) geschei- 
teil, indem er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen et 
sich vorlier nicht Ix-dienen wollte. 

Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, d.r viel- 
leicht ganz auf die Rechnung Jungs IQ Setsen ist, kann 
ich nicht so hoch einschätzen, wie cs von l tehendM 

geschieht. Ich meine dii Lehre von den Komplexen, Hfl 
aus den „Diagnostischen AssoziatiOMtfaldlM" (1906 bil ,910 > 
erwuchs. Sic hat weder lellwt eine psychologische Theorie 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 29 



ergeben noch eine zwanglose Einfügung in den Zusammen- 
hang der psychoanalytischen Lehren gestattet. Hingegen hat 
sich das Wort „Komplex" als bequemer, oft unentbehrlicher 
Terminus zur deskriptiven Zusammenfassung psychologischer 
Tatbestände Bürgerrecht in der Psychoanalyse erworben. Kein 
anderer der von dem psychoanalytischen Bedürfnis neuge- 
schaffenen Namen und Bezeichnungen hat eine ähnlich weit- 
gehende Popularität erreicht und soviel mißbräuchliche Ver- 
wendung zum Schaden schärferer Begriffs bildungen gefunden. 
Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker 
von „Komplexrückkehr" zu reden, wo man die „Bückkehr 
des Verdrängten" meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: 
Ich habe einen Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lau- 
ten konnte : einen Widerstand. 

In den Jahren von 1907 an, die auf den Zusammenschluß 
der Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psycho- 
analyse jenen außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zei- 
chen sie sich heute noch befindet, und der ebenso sicher 
bezeugt ist durch die Verbreitung der ihr dienenden Schrif- 
ten und die Zunahme der Ärzte, welche sie ausüben oder 
erlernen wollen, wie durch die Häufung der Angriffe gegen 
sie auf Kongressen und in gelehrten Gesellschaften. Sie 
.wanderte in die fernsten Länder, schreckte überall nicht 
nur die Psychiater auf, sondern machte auch die gebildeten 
Laien und die Arbeiter auf anderen Wissensgebieten aufhor- 
chen. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit Sym- 
pathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu 
nennen, schrieb 1911 in einem Bericht an den Australasiati- 
schen medizinischen Kongreß: „Freuds psychoanalysis is 
now championed and carried out not only in Austria and in 
Swiuerland, but in the United States, in England, iu India, 



30 



■ Milll l H /.Uli NgUROBKNLEUKK. IV. 



in Oaaad* and, I äOUM not, in Australasia»)". ' Äabr " 

.ebdBlWh dcts.-hcr) Ar,t aus Ohil« trat -" 
pönalen Kongreß in Buenos Aires 1910 für die 

der Infant ihn Sexualität, «•in und tobte di I .lg«- dci 
analytischen Therapie bei BfWDgasymptomen»*); ein cngli 
«eher Nervenarzt in Zentralindim Ließ mir durch einen distia» 
gutorten Kollegen, der oaoh Europa rei te, mitteilen, daß di* 
mohammedanischen Hindus, an denen or die Aaalyso aus. 
keine andere Ätiologie ihn.- Neurosen -.k-nuen ließen als 
unsere europäischen 1'a.t unten. 

Die Kinführung der Psycho:! '•" Kordon i ging 

unter besonders ehrenvollen Air/.«i«li.n vor .sieh. Im Horbs* 
1909 wurden J u n g und ich von Btanle y Hall, dem Präsi- 
denten der Clark Univcrsity in Wo recs te r (U i Boston^ 
eingeladen, uns an der 20jährigen (Iriindungsfeier des Insti- 
tutes durch Abhaltung von Vorträgen in deutsche! Spreche) 
zu beteiligen. "Wir fanden zu unserer großen Ober ras chunft 
daß die vorurteilslosen Männer jener kleinen, al« r angesehenen 
jMngogi8Ch'phÜOSOphiseh6h [Tfl/versftAl alle psychoanalyO- 
schen Arbeiten kannten und in den Vorträgen für ihre Schule« 
gewürdigt hatten. In dem SO prüden Amerika konnte man 
wenigstens in akadeuib-ehrn Kivi.sen alles, was im Lebern 
als anstößig galt, frei besprechen und wissenschaftlich **•- 
handeln. Die fünf Vorträge, die Ion in Woroester im- 
provisiert habe, erschienen dann im American Joum <>t 1>s >- 
chology in englischer Übersetzung, bald darauf deutsch un- 
ter dem Titil „Über Psychoanalyse"; J ung las aber diagno- 
stische Assoziationsstudien und über „Konflikte der ku.d- 

*) Havelock Ellis, Tho doctrinc» of tho »Mu4 Sehool. 
♦•) O. Grovo. Sobro Fsicologil y Moo«> ,1- , ,-rto. K»Uul< 

aagustiosos. S. Zontralbl. f. PiiychunualyH©, Bd. I, «• »*« 




I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNO. 31 

liehen Seele". Wir wurden dafür mit dem Ehrentitel von 
LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die Psychoanalyse 
war während jener Festwoche in Worcester durch fünf 
Personen vertreten, außer Jung und mir waren es Ferenczi, 
der sich mir als Reisebegleiter angeschlossen hatte, Erncst 
Jones, damals an der Universität in Toronto (Canada), 
jetzt in London, und A. Brill, der bereits in New York 
analytische Praxis ausübte. 

Die bedeutsamste persönliche Beziehung, die sich in 
Worcester noch ergab, war die zu James J. Putnam, 
dem Lehrer der Neuropathologie an der Harvard Univer- 
sitär, der vor Jahren ein abfälliges Urteil über die Psycho- 
analyse ausgesprochen hatte, sich jetzt aber rasch mit ihr 
befreundete und sie in zahlreichen inhaltreichen wie form- 
schönen Vorträgen seinen Landsleuten und Fachgcnosscn 
empfahl. Der Respekt, den sein Charakter ob seiner hohen 
Sittlichkeit und kühnen Wahrheitsliebe in Amerika genoß, 
kam der Psychoanalyse zu gute und deckte sie gegen die 
Denunziationen, denen sie sonst wahrscheinlich zeitig er- 
legen wäre. Putnam hat dann später dem großen ethischen 
und philosophischen Bedürfnis seiner Natur allzusehr nach- 
gegeben und an die Psychoanalyse die, wie ich meine, un- 
erfüllbare Forderung gestellt, daß sie sieh in den Dienst 
einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung 
finden solle; er ist aber die Hauptstütze der psychoanalyti- 
schen Bewegung in seinem Heimatlande geblieben. 

Um die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann 
Brill und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren 
Arbeiten in selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu be- 
obachtenden Grundtatsachen des Alltagslebens, des Traumes 
und der Neurose immer wieder von neuem ihren Landsleuten 



gq öCHHll 1KN BOT NKIROSKNLEHHK. IV- 



vor Augen führten. Brill hat diese Einwirkung durch seine 
ärztliche Tätigkeit und dureh die CUrsetzung meiner ?- 

ten, Jones durch lehrreich«' \..n tigt und »chlagfertige Dia- 
kussionen auf den :iiii.'iiiv;.!ii-.-h.'ii KOttgTe ■•■■u vei *) 

Der Mangel einer eingewurzelten «*iseeiitchafUichen Tra> 
dition und die geringere ßtrammheil der offiziellen Autori 
Sind der von Stanley Hall fm '-rika g- An- 

regung entschieden vorteilhaft gewesen. Ei war doi 
von allem Anfang an eharakteri i, daß lieh I ore» 

und Leiter von Irrenanstalten in ghichem Maße wie « 
standige Praktiker an der A. ujytfl D«t«LUg1 MJ - Abel 
gerade darum ist es klar, daü d-r Kampf um die An.ilya* 
dort seine Entscheidung finden muß, wo »ich dio großer« 
Resistenz ergeben hat, uuf dem Uoden der alten Kultur- 
zentren. . 

Von den europäischen Ländern hat bisher Krank reu- h 

sich am unempfängliehsten für die l'svehnanalyie erwi »ea, 
obwohl verdienstvolle Arbeiten des Zürichers A. Mac der 
dem französischen Leaer einen bequemen Zugang «u deren 
Lehren eröffnet hatten. Die ersten Hegungen ron !'■ •iluahm«* 
kernen aus der fr;in/.»'".sisrheii Provinz. Moriehau- Beatt- 
chant (Poiticrs) war der äffte l-'ran/«.se, dei sieh öffenfe- 
lich zur Psychoanalyse bekannte. Regia und Hcsnard 
(Bordeaux) haben erst kürzlich (1913) in einer au.sführ- 
lichen und verständnisvollen Darstellung, die nur an der 
Symbolik noch Anstoß nimmt, die Vorurteile Ihrer Land» 
leute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht. In Pari! 
selbst scheint noch die Cber/.eugung zu herrschen, der auf 

*) Dio Publikation«»! boider AuU>ron «lad gMammtli •richicoca : 
Brill, Psy.luuuLlysiB, lU thooriu« und pmotical mplioatloa*, l»U «»»1 
F.. Jones, Tapors on Fsycluxuialyuia, PJ13. 



* 



L ZUR g™5 PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG, gg 

dem Londoner Kongreß 1913 Janet so beredten Ausdruck 
gab, daß alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit ge- 
ringen Abänderungen die Janet sehen Ansichten wiederhole, 
alles darüber hinaus aber sei von Übel. Janet mußte sich 
noch auf diesem Kongreß selbst eine Reihe von Zurecht- 
weisungen von E. Jones gefallen lassen, der ihm seine ge- 
ringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seine Verdienste um 
die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem nicht ver- 
gessen, auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen. 

In Italien blieb nach einigen vielversprechenden An- 
fängen die weitere Beteiligung ans. In Holland fand die 
Analyse durch persönliche Beziehungen frühzeitig Eingang; 
van Emden, van Ophuijsen, van Renterghem (.,Freud 
enzijn School«) und die beiden Stärcke sind dort theo- 
retisch und praktisch mit Erfolg tätig.*) Das Interesse der 
wissenschaftlichen Kreise Englands für die Analyse hat sich 
sehr langsam entwickelt, aber alle Anzeichen sprechen dafür, 
daß ihr gerade dort, begünstigt von dem Sinn der Engländer 
für Tatsächliches und ihrer leidenschaftlichen Parteinahme 
für Gerechtigkeit, eine hohe Blüte bevorsteht. 

In Schweden hat P. Bjerre, der Nachfolger in der 
ärztlichen Tätigkeit We tte rs trän ds, die hypnotische Sug- 
gestion für die analytische Behandlung, wenigstens zeitweilig, 
aufgegeben. R. Vogt (Kristiania) hat bereits 1907 die Psy- 
choanalyse in seinem „Psykiatriens grundtraek" gewürdigt, 
so daß das erste Lehrbuch der Psychiatrie, welches von der 
Psychoanalyse Kenntnis nahm, ein in norwegischer Sprache 

*) Die erste offizielle Anerkennung, welcher Traumdeutung und 
Psychoanalyse in Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psychiater 
Jelgersma als Rektor der Universität Leiden in seiner Rektorsrede 
vom 9. Februar 1914. *»>•" 

Freud, Nauroscnlehre. IV. u 



34 



8CHKI1TKN /.Uli NtUBOöENLEHKE IV. 



geschriebenes war. In Rußland Ist die I'sv« lir 

allgemein bekannt und verbreitet worden; Hast alle meine 

Schriften sowie die anderer Anhänger der Analyse aind ins 
Russische übersetzt. Sin tieferei Veritindni dorannlyii 
Lehren hat sich aber in Rußhuid noch nicht ei 
Beiträge russischer Ärzto sind denett HBbotriohtHoh zu 
nennen. Nur Odessa besitzt In der Person von M. Wnlti 
einen geschulten Analytiker. Die Kimühmng der Psych 
a'nalysc In die polnische Wissenschaft und Literatur 
hauptsächlich das Verdiene! \<>n L. Jokols. Das östci 
geographisch so nahe verbundene, ihm w i . nsehaft li< 
entfremdete Unga.rn hat der Pavel ■•!> • «■ 0U3 einen Mit- 
arbeiter geschenkt, S. Fcrcnczi, aber einen solchen, der 
wohl einen Verein aufwiegt. 

Den Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man 
nicht anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie 
stehe im Mittelpunkte der wissenschaftlichen Diikustion und 
rufe bei Ärzten wie bei Laien Äußerungen entschiedenstes 
Ablehnung hervor, welche aber bisher kein Bnde gefunden 
haben, sondern sieh immer wie. ler von neuem erhoben und 
zeitweise verstärken. Keine offizielle Lehn 11 hat bisher 

die Psychoanalyse zugelassen, erfolgreiche Praktiker, di< I 
ausüben, sind nur in geringer Anzahl vorhanden; mir wenige 
Anstalten, wie die von Bin s wanger In Kreuzungen 
(auf Schweizer Boden), Marcinowski in Holstein, ha- 
ben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden von Berlin 
behauptet sich einer der hervorragendsten Veit ni er der Ana- 
lyse, K. Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler. 
Man könnte sich verwandeln, daß dieser Stand der l>i 

sich nun schon seit einer Reihe von Jahren anvsrindeil er- 
halten hat, wenn man nicht wüßte, da 13 die Schilderung 






tZDRCagdCCHT&PilB PSYCHOANALYTISCHEN BKWECUNO. 



35 



nur den äußeren Anschein wiedergibt. Man darf die Ableh- 
nung der offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der An- 
staltsleiter sowie des von ihnen abhängigen Nachwuchses in 
seiner Bedeutung nicht überschätzen. Es ist begreiflich, daß 
die Gegner laut die Stimme erheben, während die Anhänger 
eingeschüchtert Ruhe halten. Manche der letzteren, deren 
erste Beiträge zur Analyse gute Erwartungen erwecken muß- 
ten, haben sich denn auch unter dem Drucke der Verhält- 
nisse von der Bewegung zurückgezogen. Aber diese selbst 
schreitet im Stillen unaufhaltsam fort, wirbt immer neue 
Anhänger unter den Psychiatern wie Laien, führt der psycho- 
analytischen Literatur c inc stetig sich steigernde Anzahl 
von Lesern zu und nötigt eben darum die Gegner zu immer 
heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein Dutzend 
Male im Laufe dieser Jahre, in Berichten über die Verhand- 
lungen bestimmter Kongresse, und wissenschaftlicher Ver- 
einssitzungen oder in Referaten nach gewissen Publikationen 
zu lesen bekommen: Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig 
überwunden und erledigt! Die Antwort hätte ähnlich lauten 
müssen wie das Telegramm Mark Twains an die Zeitung, 
welche fälschlich seinen Tod gemeldet hatte: Nachricht 
von meinem Ableben stark Übertrieben. Nach je- 
der dieser Totsagungen hat die Psychoanalyse neue Anhänger 
und Mitarbeiter gewonnen oder sich neue Organe geschaffen. 
Totgesagt war doch ein Fortschritt gegen Totgeschwiegen! 
Gleichzeitig mit der geschilderten räumlichen Expansion 
der Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung 
durch Übergreifen auf andere Wissensgebiete von der Neu- 
rosenlehre und Psychiatrie her. Ich werde dieses Stück der 
Entwicklungsgeschichte unserer Disziplin nicht eingehend be- 
handeln, weil eine vortreffliche Arbeit von Rank und Sachs 

3* 



36 



.S( HKIITKN y.X'U NKl I I.K1IKK. IV. 



(in den L B we n fc ld schon (Jrcnxfragen) roriiegt, welche 

gerade diese l..-i- hingen der AnalyscnarlM-il ausführlich dar- 
stellt. Ms ist liier übrigen im cr-hn Beginn, wenig 
:uisgenrl>eitct, "i.'isl nur Ansät/..- und mitunter anob nichts 

anderes als Vorsätze. Wer billig denkt, wird darin keinen 

Grund zum Vorwurf finde... Dm .mg. Innren Mengen «Irr Auf- 
gaben steht eine kleine Zahl tot Arbeitern gegenüber, von 
denen die meisten ihre Hauptbeschäftigung anderswo haben 
llI1( i ,1;.. paohproblenie der ftemden Wieeeneeheft mit du* 
taktischer Vorbereitung angreifen mfi < ■>.. !).'••• von dir 

PiyoboanElyW herkommenden Arbiter machen aus ihrem 

Dilettantentum kein ihhi. sie wollen nur w er und 

Platzhalter für die ['nehmen» in, und Omen dfa enalyti- 
gonen Techniken and Voreneeetinngen empfohlen lud- .,, wenn 
sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn die erzielten 
Aufschlüsse doch schon jetzt uiohl unbeträchtlich Bind, se- 
ist dies Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen 
Methodik, anderseits dem Umstände III denken, daß e* auch 
jetzt schon einige Forscher gibt, dir, ohne Arzte tu sein. 
die Anwendung der Psychoanalyse :.uf die Qej !■ wh bei« 

tiu zu ihrer Lcl>ensaufgal>e gemacht heben. 

Dio meisten dieser Anwendungen gehen, wie Im greiflich, 
auf eine Anregung aus meinen ernten analytischen Arbeiten 
zurück. Die analytische rntersuehung der V und dÄ 

neurotischen Symptome Nominier nötigte zur Annahme psy- 
chologischer Verhältnisse, welche unmöglieh nur für da« Ge- 
biet gelten konnten, in* dem sie kennt lieh geworden waren. 
So schenkt,- uns die Analyse nicht nur die Aufklän; 'ho- 

logischer Vorkommnisse, sondern zeigte auch deren Zusaui- 
monhang mit dem normalen Seelenlel>cn auf und einhüllte 
ungeahnte Beziehungen -/.wi sahen d« 8 l':.\ch>at i ie 1 "" 1 ,l " Nrl " 






I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCH OANALYTISCHEN BEWEGUNG. 3', 

schiedensten anderen Wissenschaften, deren Inhalt eine Seelen- 
tätigkeit war. Von gewissen typischen Träumen aus ergab 
sich z. B. das Verständnis mancher Mythen und Märchen. 
Riklin und Abraham folgten diesem Winke und leiteten 
jene Forschungen über die Mythen ein, die dann in den allen 
fachmännischen Ansprüchen gerechten Arbeiten Ranks zur 
Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Verfolgung der 
Traumsymbolik führte mitten in die Probleme der Mytho- 
logie, des Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen 
Abstraktionen. Auf einem der psychoanalytischen Kongresse 
machte es allen Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein 
Schüler Jungs die Übereinstimmung der schizophrenen Phan- 
tasiebildungen mit den Kosmogonien primitiver Zeiten und 
Völker nachwies. Eine nicht mehr einwandfreie, doch sehr 
interessante Verarbeitung fand später das Material der Mytho- 
logien in den Arbeiten Jungs, welche zwischen der Neu- 
rotik, den religiösen und den mythologischen Phantasien ver- 
mitteln wollten. 

Ein anderer Weg leitete von der Traumforschung zur 
Analyse der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dich- 
ter und Künstler selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich, 
daß von Dichtern erfundene Träume sich oft der Analyse 
gegenüber wie genuine verhalten (Gradiva). Die Auffas- 
sung der unbewußten seelischen Tätigkeit gestattete eine 
erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen Schöpfungs- 
arbeit; die Würdigung der Triebregungen, zu der man in 
der Neurotik genötigt war, ließ die Quellen des künstlerischen 
Schaffens erkennen und stellte die Probleme auf, wie der 
Künstler auf diese Anregungen reagiere und mit welchen 
Mitteln er seine Reaktionen verkleide (Rank, Der Künstler, 
Dichteranalysen von Sadger, Reik u. a., meine kleine 



•As 



N£l !J IIKE, IV. 



Scinifi iii..r eine Kindheit i innerun I da 

Vinci, Abrahams Analyi 8 von Segantini) Die m< istsjn 
Analytiker mit allgemeinen tnteressen haben in ihren Ar- 
beiten r.fiirii«rc zur Behandlung «lie.ser Probleme geliefert! 
der reizvollsten, dir sich unter den Anwendungen der Psycho* 
analysi i rgcbni. Natürlich blieb auel I iei -I l Wid< I | ruob 
von Seite der niehl mit der Analyse Von n nieht aus 

und äußerte sich in den Dümliehen Milivt t -i ;andui -- n and 

leddensohaftiicben Ablehnungen, wi< auf d.m Mutu-rbo 
der Psychoanalyse. Es stand ja v«.n vornherein su teo, 

daß liberall, wohin die Psycho iug«-, su ihn uam- 

Liohen Kampf ouit den An n zu in. i. !,.!, haben wei 

Nur, dali die Invn.sionsver: noch nicht auf allen I 

bieten die Aufmerksamkeit geweckt haljen, du ihm n in der 

Zukunft bevorsteht, unter den strenge liurarw ohaft- 

lichen Anwendungen der Analyse .steht das gründliche Wirk 
von Hank ülx>r das Inzest inot iv oln-nan, «legten Inhalt ih-r 
größten Unliehsainkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche 
und historische Arlwiten auf lt:i is «1er PsyohOtnalysS 
erst wenige vorhanden, Dil erste Autustune. der nligious- 
psyeholo-isehen 1'robh'inS hal»e lofa 1910 selbst gewagt, faOEl 
dein loh «las religiöse Zeremoniell in VtXglsioh Dil dem n< u- 
rotischen zog. Der Pfarrer Dr. Pf ister in Zürich hat in 
seiner Arbeil über die Frömmigkeit des Grafen von Einsen- 
dorf (sowie in anderen Beiträgen) die Zurückfiihrung reli- 
giöser Schwärmerei auf perverse Krotik durchgeführt ; in den 
h-tzten Arbeiten der Züricher Schule kommt eh- r • in- Durch« 
dringung der AnalySS in i t ndigiöseu Voi boUnngtn lil AM 
beabsichtigt«' Gegenteil zu slande. 

In den vier Aufsät ten ttbei „Totem un«l Tabu" habe 
ich den Versuch gemacht, Probleme der Yölk-Tpsychologic 



I. ZLK GESCHICHTE DUi PSYC HOANALYTISCHEN BEWEG l NG. 39 

mittels der Analyse zu behandeln, welche unmittelbar zu den 
Ursprüngen unserer wichtigsten Kulturinstitutioncn führen, 
der staatlichen Ordnungen, der Sittlichkeit, der Religion, aber 
;iuch des Inzestverbotes und des Gewissens. Inwieweit die 
Zusammenhänge, die sich dabei ergeben haben, der Kritik 
standhalten werden, läßt sich heute wohl nicht angeben. 

.Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästheti- 
sche Themata hat mein Buch über den „Witz" ein erstes 
Beispiel gegeben. Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter 
die gerade auf diesem Gebiete reiche Ernte erwarten dürfen. 
Es fehlt hier überall an den Arbeitskräften aus den entspre- 
chenden Fachwissenschaften, zu deren Anlockung Hanns 
Sachs 1912 die von ihm und Rank redigierte Zeitschrift 
„Imago 4 - gegründet hat. Mit der psychoanalytischen Be- 
leuchtung von philosophischen Systemen und Persönlich- 
keiten haben Hitschmann und v. Winterstein da- 
selbst einen Anfang gemacht, dem Fortführung und Vertie- 
fung zu wünschen bleibt. 

Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psycho- 
analyse über das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexu- 
ellen Regungen in demselben (v. H u g - H e 1 1 m u t h) und die 
Schicksale solcher Anteile der Sexualität, welche für daa 
Fortpflanzungsgeschäft unbrauchbar werden, mußten früh- 
zeitig die Aufmerksamkeit auf die Pädagogik lenken und 
den Versuch anregen, auf diesem Gebiete analytische Ge- 
sichtspunkte in den Vordergrund zu rücken. Es ist das Ver-. 
dienst des Pfarrers Pfister, diese Anwendung der Analyse 
mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen und sie Seelsorgern 
und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psychoanalytische 
Methode, 1913. Erster Band des Pädagogiums von Meu- 
mann und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze 



40 



SC II IUI -TEN 



SEI KOSENI.RUKK. IV. 



Reihe von Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an 
seinem Interesse zu gewinnen. Andere seiner Btrufsgcnos- 
sen sollen angeblich seine I Bttgungeu tcileu, haben es 

aber vorgezogen, sich vorsichtigerw« lisc im Hintergründe zu 
verhalten. Ein Bruchteil der Witt« Analytiker scheint auf 
dem Rückweg von der Psychowinlyse bei einer Art von ärzt- 
lichen Pädagogik gelandet zu NÜL (Adlerund Kurt mu Her, 
Heilen und Hilden, LÜ13.) 

In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich ver- 
sucht, auf die noch nicht übersehbare BiUla von Beziohun- 
gen hinzuweisen, welche Stab iwischcu der ärztlichen Psycho« 
annly.se und anderen Gebieten der Wissenschaft ergetx -n haben. 
Es ist da Stoff für die Arbeit einer Qe nOTS j ttOT) von i 
gegeben, und ich zweifle nicht, daß die.se Arln.ii 
werden wird, wenn erst, die Widerstund.- gegen die Analyse 
auf ihrem Mutterboden überwunden sind.*) 

Die Gcschichto dieser Widerstände zu schreiben, halte 
ich gegenwärtig für unfrueht liar und un zeit gemäß. Sie 
nicht sehr rulimvoll für die .Männer der Wissenschaft nn* 
Tage. Ich will aber gleich hinzusetzen, es ist mir nie ein- 
gefallen, die Segnet des Psyajxannalyse. bloß darum, well aie 
Gegner waren, in Bausch und Bogtt verächt lieh zu schimp- 
fen. Von wenigen unwürdigen Individuen fl hen, Glücks- 

rittern und Beutchaschcru, wie sie sich in Zeiten d«s Kamp- 
fes auf baidtt Seiten einzufinden pflegen. Ich wußte nur ja 
das Benehmen dieser Gegner zu erklären und hatte Bbttüs)! 
erfahren, daß die Psychoanalyse das Seh lech teste eiues jeden 
Menschen zum Vorschein bringt. Al>or ich beschloß, nicht 
zu antworten und, soweit mein Kinfluü reichte, auch widere 

*) Vgl. uooh moino boidfB AufsiLUo ia der „Sci-niui 1 (vol. -MV. 
1913). Das Intorousu au der r«yuliuauuly»ti. 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUN G 4l 

von der Polemik zurückzuhalten. Du Suiten offen» li.-h.-r 
oder literarischer Diskussion erschien mir unter den 
deren Bedingungen des Streites um die Psychoanalyse sehr 
zweifelhaft, die Majorisiarang auf Eoogn imd in Verefc 
Sitzungen sicher, uud mein Zutrauen auf dir Billigkeit oder 
Vornehmlieit der Herren Gegner war immer gering, Q 
Obaehtung zeigt, daß es den wenigsten Mensohen möglich | 
im wissenschaftlichen Streit manierlich, geschweige di im 
sachlich zu bleiben, und der Eindruck eines wisscusclui t 
liehen Gezänkes war mir von Jeher eine Abschreckung. Vi 
leicht hat man dieses mein Benehmen mißverstanden, mich 
für so gutmütig oder so eingeschüchtert gehalten, daß man 
auf mich weiter keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Mit 
Unrecht; ich kann so gut schimpfen und wüten wie eiu an- 
derer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen der zu- 
grunde liegenden Affekte literaturfähig zu m. . und dar- 
um ziehe ich die völlige Enthaltung vor. 

Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen U-sacr ge- 
wesen, wenn ich den Lektauohaften 1» i mir und denen um 
mich freien Lauf gelae&en hätte. Wir haben alle den inter- 
essanten Krklärungsver.Mi.ii d.r Eni stehung der Psyehoana- 
lyse aus dem Wiener .Milieu vernommen ; Jauet hat es noch 
1913 nicht verschmäht, sich seiner zu bedienen, obwohl er 
gewiß stolz darauf ist, I zu ai . ilK Das X| .,,,,, 

die Psychoanalyse, respektive die Behauptung; die Efauti an 

führen sich auf Störungen des Sexualleben« /.muck, könne 
nur in einer Stadt wie Wien entstanden sein, ;,, einer At- 
mosphäre von Sinnlichkeit und Unsittliihk.it, wie gje anderen 
Städten fremd sei, und stelle einfach das Abbild, sozusagen 
die theoretische Projektion dieser besonderen Wiener Ver- 
hältnisse dar. Nun, ich bin wahrhaftig kein Lokal; 



42 



S( IIKU'IKN BUB NKl HQSI M.r.ilBB. IV. 



eSer dies* Theorie ist mir Immer ganz be* unsinnig 

rrsehien-n, so unsinnig, daß loh D 'K' 1 war » iin ~ 

s-unolunen, der Vorwurf .1 ■■ Wien« I um« wi nur cino cuphe- 
miatisoh Vertretung für einen inderen, den man nieht gern 

öi'fentlieh vorbringen wolle. W.m, die VomUMeUui 

gena&tzliohen wären, dann liefle liob <-, u- huren. An- 
genommen, ei gäbe eine sim.h, deren Bewohnei tioh \*>*< 
dere Ba^ohrÄnkungen In dei •exneUen Befriedigung a-ufor- 
legten und gleichseitig eine besondere Neigung in schwörend 

neurotischen Krkrankungen zeigten, denn v •"*' 

allerdings der Hoden, auf dem ein Beobaohtei den Kiufall 

bekommen könnte, diese l>oiden Tat aehen i uulcr tu 

verknüpfen und die eine »US der «nden ul.'it.-n. Nu» 

trifft iceinfl der beiden vom rangen für Wien zu. Di© 

Wiener sind weder abstinenter noou i • rröeer al* an »&• 

Btüdt-er. Die Gesohloon.1 besiehungen iind etwaa uubcfaa- 
gencr, die Prüderie ist geringer als iu den auf ihre Keusch- 
heit stolzen Städten «loa Westens und Nordens. l>ie*e wie- 
aerisohen Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen B*- 
dfeeohtei eher in dis Irre führen als ihn üU-r die Veruraar 
chung der Neurosen aufklären. 

Die Stadt Wien ad aber auoh alles daxugetan, um ihren 
'Anteil an der Entstehung der Payohoanalyso tu verleugnen. 
Au keinem anderen Orte ist die feind.selige Indiffercni faBj 
gelehrten und gebildeten areiea dem analytikei so deutlich 
versj)iirbar wie gerade in Wien. 

Vielleicht bin ieh BBitfohnldig daran durch meine, di» 

breite öffentlichkeit Vermeidend« Politik Wenn tob veran- 
laßt oder zugegeben halte. daU die V yehoanalyso die arzt- 
liehen Gesellschaften Wiens in lärmemh-n Sitzungen beschäf- 
tigte! wobei sich alle Li -id- O lofcnft. u entluden ", ulle 



I. ZtK GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 43 

Vorwürfe und Invoktiven laut geworden wären, die man ge- 
geneinander auf der Zunge oder Inf Sinne trägt, vielleicht 
wäre heute der Bann gegen die Psychoanalyse überwunden 
und diese keine Fremde mehr in ihrer Heimatstadt. So aber 
- mag der Dichter recht behalten, der seinen Wallenstein 
sagen läßt: 

„Doch das vergebeu mir die Wiener nicht» 
daß ich um ein Spektakel sie betrog." 

Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern 
der Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und° ihre 
Willkürlichkeiten vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in 
seiner Schrift (Die Psychanalyse Freuds, Verteidigung 
und kritische Bemerkungen) aufgenommen und in ehren- 
vollster Weise gelöst. Eine Anpreisung dieser nach zwei 
feeiten hin kritischen Arbeit durch meine Person wäre so 
selbstverständlich, daJ3 ich mich beeilen will, zu sagen, was 
ich an ihr auszusetzen habe. Sie scheint mir noch immer par- 
teiisch zu sein, allzu nachsichtig gegen die Fehler der Gegner, 
allzu scharf gegen die Verfehlungen der Anhänger. Dieser 
Charakterzug mag dann auch erklären, warum 'das Urteil 
eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von so unzweifel- 
hafter Kompetenz und Unabhängigkeit nicht mehr Einfluß 
auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affek- 
tiver (1906) darf sich nicht darüber verwundern, wenn die 
Wirkung einer Arbeit sich nicht von ihrem Argumentwert, : 
sondern von ihrem Affektton bestimmt zeigt. Einen anderen 
Teil dieser Wirkung — die auf die Anhänger der Psycho- 
analyse — hat Bleuler später selbst zerstört, indem er 
in seiner „Kritik der Freudschen Theorie" 1913 die Kehr- 
seite seiner Einstellung zur Psychoanalyse zum Vorschein 
brachte. Er trägt darin so viel von dem Gebäude der psycho- 



44 



SCHRIFTEN ZUR NKUK08ENLKHKE. IV. 



analytischen Lehre ab, daß <Ii e Gegner mit der Hill ung 

dieses Verteidigers wohl zufrieden I Als Rieht- 

schnür dieser Verurteilungen Bleulers dienen aber Dicht 
neue Argumente oder bessere- Beobachtungen, sondern einsig 
die Berufimg auf den Stand der eigenen Krkcnntnis, deren 
Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren Ar- 
beiten selbst bekennt. Hier scheu der Psychoanalyse also 
ein schwer zu verschmerzender Verlust zu drohen. Allein in 
seiner letzten Äußerung (Die Kritiken der Schizophrcni* l'.'ll) 
rafft sich Bleuler, angesichts der A welche ihm 

die Einführung der Psychoanalyse in ff in Buch üImt die 
Schizophrenie eingetragen haben, zu dem auf, wo« er solbst 
eine „Überhebung" heißt. „Jetzt, über will ich diu Cl 
hebung begehen: Ich meine, daß die verschiedenen bisherigen 
Psychologien zur Erklärung der Zusamne -nhanp- ptyonGf- 
tischer Symptome und Krankheiten arg wenig gel- 
daß aber die Tiefenpsychologie ein Stück derjenig« l noch 

zu schaffenden Psychologie gibt, welcher <lei Arzt bedarf; 
um seine Kranken zu verstehen und rationell zu heilen, und 
ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrcnii eifl D jaM 
kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan hab. Di ersten 
beiden Behauptungen sind sicher rieht i ■. « 1 i . • l< 
ein Irrtum sein." 

Da mit der „Tiefenpsychologie" nichts tüdtftl gcmeiut 
ist als die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekennt- 
nis vorderhand zufrieden sein. 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNO. 45 



III. 

Mach es kurz ! 

Am Jüngsten Tag isfs nur ein Furz. 

Goethe. 

Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkou- 
greß der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt 
(Mär/ 1910). In der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter 
dem Eindruck der Aufnahme in Amerika, der steigenden An- 
feindung in den deutschen Ländern und der ungeahnten Ver- 
stärkung durch den Zuzug der Züricher, eine Absicht ge- 
bildet, die ich mit Beihilfe meines Freundes S. Ferenczi 
auf jenem zweiten Kongreß zur Ausführung brachte. Ich ge- 
dachte, die psychoanalytische Bewegung zu organisieren, 
ihren Mittelpunkt nach Zürich zu verlegen und ihr ein Ober- 
haupt zu geben, welches ihre Zukunft in acht nehmen sollte. 
Da diese meine Gründung viel Widerspruch unter den An- 
hängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive 
ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, 
auch wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts 
Kluges getan habe. f 

Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine 
Empfehlung, sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung 
sei. Ein Ort wie Zürich, im Herzen von Europa, an welchem 
der akademische Lehrer sein Institut der Psychoanalyse ge- 
öffnet hatte, erschien mir weit aussichtsvoller. Ich nahm 
ferner an. ein zweites Hindernis sei meine Person, deren Schät- 
zung allzusehr durch der Parteien Gunst und Haß verwirrt 
wurde; man verglich mich entweder mit Darwin und Kep- 
ler oder schimpfte mich einen Paralytiker. Ich wollte also 
mich ebenso in den Hintergrund rücken wie die Stadt, von 



46 



SCHRIFTEN ZI IC NEUROSEN LEI IRE. IV. 



der die Psychoanalyse ausgegangen war. A 1 . . I » wai ich Ell 
mehr jugendlich, sah i Inen lang« n Weg vor mir >iuil 

os als drückend, «laß mir in so späten Jahr« D dir Verpflich- 
tung, Führer zu sein, zugefallen war, Bio Oberhaupt Intt 
ich aber, müsse es geben, [oh uuüto zu gonau, welche 
Irrtümer auf jeden lauerten, der die i ihiiftigung mit 
Analyse unternahm, und hoffte, mau könnte viele dersol 
ersparen, wriin man eine Aut<uitäl aufriohtetO, die zur Un- 

berweisung und Abmahnung bau It sei Eine soloho Autori- 
tät war zunächst mir zugefallen infolge dea uneinbi 
Vorsprunges einer etwa Lij&hri so Erfahrung. E« lau • 
also daran, dieso Autorität auf eil i Mann zu über« 

t ragen, der nach meinem Aus elei.I. n wie .11, tverst&nd 
mein Ersatz werden sollte. Dies konnte nur 0. O. Jung 
sein, denn Bleuler s-.ar im in i 1 1 8 rsgenosso, hu .1 ung s\ 

oben aber seine hervorragende He-ai-um.', die !:■■;• 
Analyse, die er bereits geleistet halte, lein« unabhängige 
Stellung und der bindruek TOB siclmi.: I i !■•. .I.n 
Wesen inaehle. ]>]r seinen ül-j . I i. | bereit, Ln frei; haft- 

liohe Beziehungen zu mir zu treten und mir Bull) b«' i 

Vorurteile aufzugeben, die er iioh bis dahin tto. 

Ich almto damals nicht, daß diese Wahl trots aller auf- 
gezählten Vorzügo eine sehr unglüokliohfl wo, daß uio l 

Person getroffen hatte, welche, unbillig, die A uf . .i n .■ t si 

anderen zu ertragen, noch tronigi i . selb 

Autorität zu bilden, und deren Knergio in der i 
losen Verfolgung der eigenen Interessen au! 

Die Form einer offiziellen Vi r< inigung hielt ich für not- 
wendig, weil ich den Mißbrauch fürchtet»! U' 1 '' 1 "' 1 ' ""' ll ,u ' r 
Psychoanalyse bemäohtigen wurde, sobald eio einmal in dia 
Popularität geriete. Efl sollte dann eine Stelle gl Imh, nd- 



I. ZUB GFSCHICHTK DER l'M. IIOANA1A I IX IHN BEWEGUNG. 47 



eher die Erklärung zustünde : Mit all dem Unsinn hat die 
Analyse nichts zu tun, das ist nicht die Psychoanalyse. In 
den Sitzungen der Ortsgruppen, aus denen sich die inter- 
nationale Vereinigung rasainmensetzte, sollt,- gdi'hrt wer- 
den, wie die Psychoanalyse zu betreihen sei. and sollten irrte 
ihre Ausbildung rinden, für deren Tätigkeit eine Art von 
Garantie geleistet werden konnte. Auch schim , s mir wün- 
schenswert, daß sich die Anhänger der Psychoanalyse zum 
freundschaftlichen Verkehr und zur gegenseitigen Unter- 
stützung zusammenfänden, nachdem die offizielle Wissen- 
schaft den großen Bann über sie ausgesprochen und den Boy- 
kott über die Ärzte und Anstalten verhängt hatte, die sie 
übten. 

Dies alles und nichts anderes wollte ich durch die Grün- 
dung der „Internationalen psychoanalytischen Vereinigung" 
erreichen. Es war wahrscheinlich mehr, als zu erreichen 
möglich war. Wie meine Gegner die Erfahrung machen muß- 
ten, daß es nicht möglich sei, die neue Bewegung aufzuhalten, 
so stand mir die Erfahrung bevor, daJ3 sie sich auch* nicht, 
auf die Wege leiten lasse, die ich ihr anweisen wollte. Der 
von Fcrenczi in Nürnberg vorgelegte Antrag wurde zwar 
angenommen, Jung zum Präsidenton gewählt, der Riklin 
zu seinem Sekretär machte, es wurde auch die Herausgabe 
eines Korrespondenzblattcs beschlossen, durch welches die 
Zentrale mit den Ortsgrupj^cn verkehrte. Als Zweck der Ver- 
einigung wurde erklärt: „Pflege und Förderung der von Freud 
begründeten psychoanalytischen Wissenschaft sowohl als rei- 
ner Psychologie als auch in ihrer Anwendung in der Medizin 
und den Geisteswissenschaften; gegenseitige Unterstützung 
der "Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben und Ver- 
breiten von psychoanalytischen Kenntnissen." Allein von sei- 






48 SCHRIFTEN ZUR N KUR08ENLEHRg IV. 



ten der Wiener war dorn Projekt lebhaft opponiert worden, 
Adler sprach in lcidcnschafi Li her Erregung die ch- 

tung aus, daß eine „Zensur und Hfl -•hrünkung der wisaen- 
schaftlichen Freiheit'- l»e:,l.sichtigt iel Dio Wiener fügten 
sich dann, nachdem sie durchgesetzt hattm. daß nicht Zü- 
rich zum Sitz der Vereinigung erhoben wurde, tondorn der 
Wohnort des Jeweiligen, auf zwei Jahre gewühlt, id. nt. 

Auf dem Kongreß selbst konstituiert,,, lieh drei Orts- 
gruppen, die i., Berlin anter dem Vor.- 
die in Zürich, die ihren Obmann an dk Zentrallei tung der 
Vereinigung abgcg,i>.n hatte, and di< Wiener Gruppe, deren 
Leitung ich Adler üU-rli.-ß. ftna vierte tirupi«'. ,li " in 
Budapest, konnte sieh erst spater herstellen. Bleulei 
war, durch Krankheit vorhindert, vom Kongreß fern 
ben, er zeigte d;uin später prinzipielle lU-d. nk-n gegen i 
Eintritt in den Verein, ließ sich zwar durch mich mich einer 
persönlichen Aussprache dazu bestimmen, war aber kurze 
Zeit nachher infolge von Mißhelligkeiten in Zürich wieder 
außerhnlh. Die Verbindung zwischen d. i Züriobei Ortsgruppe 
und der Anstalt Bui •!..'. Izli Wtt damit auf erheben. 

Eine Folge des Nürnls-rger K. * • i "• war auch die 

Gründung des Zent ralbimtes i'iir Psychoanalyse, lu welcher 
sich Adler und Stekol vereinigt« n. Ks hatte offenlwtf" 
ursprünglich eine oppositionelle Tendem und lollto ^ 
die durch die Wahl Jungs bodrohto Hegemonie lurückge- 
winnen. Als aber die beidon Unternehmer do« Blattes unter 
dem Drucke der Schwierigkeit, einen Vorleger zu finden, 
mich ihrer friedlichen Absi'-Meii versicherten und mir eis I 
terpfand ihrer Gesinnung ein Vetorecht einräumt« hin »eh 

die Herausgeberschaft an und beteiligte mich ttfrlg an dl m 
neuen Organ, dessen erbte Nummer im September LSlOei ol 



I. ZfK GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 49 

Ich setze die Geschichte der psychoanalytischen Kon- 
gresse fort. Der dritte Kongreß fand im September 1911 zu 
Weimar statt und übertraf noch seine Vorgänger an Stim- 
mung und wissenschaftlichem Interesse. J. Putnam, der 
dieser Versammlung beigewohnt hatte, äußerte dann in Ame- 
rika sein Wohlgefallen und seinen Respekt vor „tho mental 
attitude*' der Teilnehmer und zitierte ein Wort von mir, das 
ich in bezug auf diese letzteren gebraucht haben soll: „Sie 
haben gelernt, ein Stück Wahrheit zu ertragen."*) In der 
Tat mußte jedem, der wissenschaftliche Kongresse besucht 
hatte, ein Eindruck zu Gunsten der psychoanalytischen Ver- 
einigung verbleiben. Ich hatte die beiden früheren Kongresse 
selbst geleitet, jedem Vortragenden Zeit für seine Mitteilung 
gelassen und die Diskussion darüber auf den privaten Ge- 
dankenaustausch gewiesen. Jung, der in Weimar als Präsi- 
dent die Leitung übernahm, setzte die Diskussion nach jedem 
Vortrage wieder ein, was sich aber damals noch nicht störend 
erwies. 1 

Ein ganz anderes Bild bot der vierte Kongreß zu Mün- 
chen zwei Jahre später, im September 1913, der allen Teil- 
nehmern noch in frischer Erinnerung ist. Er wurde von Jung 
in unliebenswürdiger und inkorrekter Weise geleitet, die Vor- 
tragenden waren in der Zeit beschränkt, die Diskussionen 
überwucherten die Vorträge. Der böse Geist Hoche hatte 
infolge einer boshaften Laune des Zufalls seinen Wohnsitz 
in demselben Hause aufgeschlagen, in welchem die Analy- 
tiker ihre Sitzungen abhielten. Hoche hätte sich ohne Mühe 
überzeugen können, wie sie seine Charakteristik einer fanati- 
schen Sekte, welche ihrem Oberhaupte blind ergeben folgt, 



*) On Freuds Psycho-Annlytic Method aud its evolutiou. Bostoa 
uiedical aud surgical JouxupJ, 26. Tau. 1912. 

Frtud, NmrustultUie. IV. 4 



50 



SCHRIFTEN ZCK NfilKOSKNLKHRK. IV. 



ad absurdum führt «n. Die ermüdende,, und unerquicklichen 
Verhandlungen brachten auch di« Wiederwahl .Jungs »um 

Präsidenten der Int.-rn.it iona 1« n psycboanaly tischen Vereini- 
gung, welche Jung annahm, wiewohl iwei Fünftel der An- 
wesenden ihm ihr Vertrauen verweigerten. Man w»- 

einander ohne das Bedürfnis, sieh w iederiusehen. 

Der Besitzstand der Internat ii malen psvchoannl ■!»•■» 

\'n« inigung war um dio Zeil diese« Kongreß«* der folgend 
Die Ortsgruppen Wien, Berlin. Zürich hatten sieh schon auf 
dem Kongreß in Nürnberg D.ü<> konstituiert. Im Mai D>11 
kam eine Gruppe in München unter dem Vorsiti von Dr. u 

Seif hinzu. In den.sellM-n JahW bildete sieh die CMte nnv 
kanische Ortsgruppe untxu- dein Namen I New Vork F 
choanalytic Society* unter dem VorsiUc von A. B rill. Auf 
dem Weimarer Kongreß wurde die (irundung 
amerikanischen (iruppc genehmigt, die im Lauf«- des nioh- 

sten Jahres als „American PsychoanaK" a --<•■ -i.it um" »«« 
Leben trat, Mitglieder aus Oanada und ganz. Amerika »m- 

faßte und Putnam /.u ilirem Präsidenten, Iv .Jones /.um 
Sekretär wählte. Kurz vor dem Kougreß in München l 
ward«' die Budapest er Ortsgruppe unter «lein Vorsitat 
von S. Fereue/.i aktiviert. Bald nael, demselben grün 
der nach London übersiedelte D. .Ion es dort di< • >•- • 

lische Gruppe. Die tfitgliedersahl der nun \<»rhamienen acht 
Ortsgruppen gibt natürlich keinen Maßstab füi die Beurtei- 
lung der Anzahl der nieht organisierten Schüler und An- 
hänger der Psychoanalyse. 

Auch die Brfwioklnsg der pen. .d, sehe.» Literatur i 
Piychoanaly.se verdient eine kurze Erwähnung. Die orste 
rsodieohe Publikation, weloha der Analyse diente, m 

„Schriften zur ang.wan.ltei, S | e 1 I D k U D d I 



in swangkwer Böige uli 1907 erscheinen und gegenwärtig 
beim fünfzehnten Heft angelangt sim , (V VrW.r zuerst II. 
Heller in Wie... fem, F. i)o, lt i, k ,.) Sie hai.cn Arbeiten 
.-.bracht von Freud (1 und 7), Riklin, Jung, A Im •;,- 
hau, (i und 11), Rank (5 „ud 13). Sadger, Pfister, 
NT. Graf, Jones (10 und 14), Storfcr und v. Hug-irell- 
inuth. Die später zu erwähnende Gründung der „Imago" 
hat den Wert dieser Publikationsform einigermaßen herab- 
gesetzt. Nach der Zusammenkunft in Salzburg 1908 wurde 
das ...T iihrbuch für psychoanalytische und p s y- 
ch opat hol ogi sehe Forschungen" ins Leben gerufen 
welches unter der Redaktion von Jung fünf Jahrgänge er- 
lebt, hat und nun unter neuer Leitung und etwas verändertem 
Titel als „ J a h r b u o h der Psycho n. n a 1 y s e" von neuem 
: ,ji dir: Öffentlichkeit herantritt. Es will auch nicht mehr 
wie in den letzten Jahren ein Archiv sein, welches ein- 
schlägige Arbeiten sammelt, sondern seiner Aufgabe durch 
redaktionelle Tätigkeil gerecht werden, welche alle Vor- 
gänge und alle Erwerbungen auf dem Gebiete der Psycho- 
analyse /u würdigen versucht. Das „Zentralblatt für 
l'> vchoanaly.se", wie erwähnt, von Adler und Stckcl 
nach der Gründung des Internationalen Vereines (Nürnberg 
1910) entworfen, hai in kurzer Zelt bewegte Schicksale durch- 
gemacht, Schon die zehnte Nummer des ersten Bandes bringi 
an ihrer Spitze die Nachricht, daß sich Dr. Alfred Adler 
wegen wissenschaftlicher Differenzen mit dem Herausgeber 
entschlossen hat, freiwillig aus der Redaktion auszuscheiden. 
Dr. S t e k e 1 blieb von da an alleiniger Redakteur. (Sommer 
1911.) Auf dem Kongreß zu Weimar wurde das Zentral- 
Matt zum offiziellen Organ des internationalen Vereines er- 
hoben und allen Mitgliedern gegen Erhöhung ihrer Jahres- 



52 



SCHRIFTEN ZI K NEUE08ENLKHRB, IV. 



beitrage zugänglich gemacht. Von dei dritten Nummer des 

/.weiten Jalirgangcs an (Winter 1912) ist Stekol für den 

Inhalt dos Blattes allein voran! wort lieh geworden. Sein in 

der öffentlichkeit sohwer darstellbarei Verhalten hatte mich 
genötigt, die Hcrausgcbcrscha f t niederzulegen and der l'sy- 
ohoajia.ly.se in aller Kilo ein neues Organ in dor „Inter- 
nationalen Zeitschrift für a r | | I i h o Psycho- 
analyse'- eu schaffen. Unter Mithilfe hei aller Mitarbei 
und dos neuen Verlegen II. Meiler konnte das erste lieft 
dieser Zeitschrift im Jänner L918 ersolieinen und sieh all 
offizielles Organ dor Internationalen j , S y oh nanaly tischen Ver- 
einigung an die Stelle des Zentralblattei tetsen. 

Inzwischen war mit Anfang 1912 von Dr. Banne »Sachs 
und Dr. Otto Rank eine neue Zeitschrift „Imago" (\ 
lag von Heller) geschaffen worden, welche nu*HohlieBlich 
für die Anwendungen der Psychoanalyse auf die Geis' 
Wissenschaften bestimmt wurde. [magO befindet sioh gegen- 
wärtig in der Mitte ihres dritten Jahrganges und erfreu! 
sich des steigenden Interesses auch solcher Leser, welche 
der ärztlichen Analyse fernst ehen. 

Von diesen vier periodisehen Publikationen (Schriften 
zur angew. Bodenkunde, Jahrbuch, Intern. Zeitschrift und 
Imago) abgesehen, bringen auch andere deuteohe und fremd- 
sprachige Journale Arbeiten, weloh* in der Literatui der 
Psychoanalyse eine Stelle beanepruohen können. Das von 

Morton Princc herausgegebene „.lournnl of abnor- 
mal psychology" enthält in dor Regel |0 viel gute ana- 
lytische Beiträge, daß es als Ilauptvortretung der analyti- 
schen Literatur in Amerika eingeschätzt werden muß. lni 
Winter 1913 haben White und Jolliffe in New York eine 
neue, ausschließlich der Psychoanalyse gewidmete Zeitschrift 



I. ZUR GESCHICHTE DEK PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG, 53 



(„The Psychoaualytic Review") ins Leben gerufen, welche 
wohl mit der Tatsache rechnet, daß den meisten der an der 
Analyse interessierten Ärzte Amerikas die deutsche Sprache 
eine Erschwerung ist. 



» 



Ich habe nun zweier Abfallsbewegungen zu gedenken, 
welche sich innerhalb der Anhängerschaft der Psychoanalyse 
vollzogen haben, die erste von ihnen zwischen der Vereins- 
gründung 1910 und dem Weimarer Kongreß 1911, die zweite 
nach diesem, so daß sie in München 1913 zu Tage trat. Die 
Enttäuschung, welche sie mir bereiteten, wäre zu vermeiden 
gewesen, wenn man besser auf die Vorgänge bei den in ana- 
lytischer Behandlung Stehenden geachtet hätte. Ich verstand 
es nämlich sehr wohl, daß jemand bei der ersten Annäherung 
an die unliebsamen analytischen Wahrheiten die Flucht er- 
greifen kann, hatte auch selbst immer behauptet, daß eine.? 
jeden Verständnis durch seine eigenen Verdrängungen aufge- 
halten wird (respektive durch die sie erhaltenden Wider- 
stände), so daß er in seinem Verhältnis zur Analyse nicht 
über einen bestimmten Punkt hinauskommt. Aber ich hatte 
es nicht erwartet, daß jemand, der die Analyse bis zu einer 
gewissen Tiefe verstanden hat, auf sein Verständnis wieder 
verzichten, es verlieren könne. Und doch hatte die tägliche 
Erfahrung an den Kranken gezeigt, daß die totale Reflexion 
der analytischen Erkenntnisse von jeder tieferen Schicht her 
erfolgen kann, an welcher sich ein besonders starker Wider- 
stand vorfindet; hat man bei einem solchen Kranken durch 
mühevolle Arbeit erreicht, daß er Stücke des analytischen 
Wissens begriffen hat und wie seinen eigenen Besitz hand- 
habt, so kann man an ihm doch erfahren, daß er unter der 



54 



NUIKIFTKN Zi:R NKl'KOSKNI.KHKK. IV 



Herrschaft des nächsten Widerstandes alle« Erlernte in das 
Wind schlagt, und sich wehrt wie m Minen ichönstea 

NVulingstagen. Ich halte zu lernen, daß es Ini I' ychn 
:i.n:d\ tikern eln-nso gehen kann wia bei den Kranken in i 
Analyse. 

Es ist keine leichte oder beneidenswerte Aufgabe, die 
(ii schichte dieser beiden Abl'uHsl» wegungen zu schreiben, 
denn einerseits fehlen mir dazu die starken pei oulichen Au- 
triebe — i«h tiabe weder Dankbarkeit erwartet, noch bin ich 
in einem wirksamen Ausmaße raohsüohtig . anderseits m 
ich. daß Loh mieh biebei den luv. ki i\ sn von weni | rücksiohts« 
vollen Gegnern aussetze und den feinden der Analyse da» 
heiüerwünsehte Schauspiel bereite, wir ,,dir Psychoanalytiker 

.sich untereinander /ert'leisehen". Ich Ii.iIh- s.. vir! i Im t Win- 
dung daran gesetzt, mich nicht mit den & außerhalb 
der Analyse herumzuschlagen, und nun sehe ich mich go nötigt, 
den Kampf mit früheren Anhang rn, oder Milchen, -i i 
jetzt noch heißen wollen, aufzunehmen AIht ich hals* da 
keine Wahl: Schweigen wäre Bequemlichkeii odei Feigheit 
und würde der Sache mehr schaden als die ofl Luf- 
deokung der vorhandenen Schaden. Wer ander.' wit iaft« 
liehe Bewegungen verfolg( bat, wir«! wissen, daß ganz un.i- 
Loge Störungen und liißhelligkeiten auch dort vorzufallen 
pflegen. Vielleicht dafl man ile audartwo sorgfältiger vi 
heimlicht : die Psychoanalyse, die viele konventionelle l«i 
verleugnet, Ist auch In diesen Dingen aufrichtig« 

Ein anderer, schwer fühlbarer I beistund liegt darin, «laß 
loh eine analytische Beleuchtung dar beiden (iegner.<chaftcn 
nicht g&nzlich vermeiden kann. Die Analyse eignet «ich nkr 

nicht zum polemischen (iehrauche; si< i durch. m dir 

Kinwilligung des Analysierten und die Situation eines l '!■ 



I. ZUH GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNO. 55 

lcgenen und eines Untergeordneten voraus. Wer also eine 
Analyse in polemischer Absicht unternimmt, muß sicli darauf 
gefaßt machen, daß der Analysierte seinerseits die Analyse 
gegen ihn wendet, und daß die Diskussion in einen Zustand 
gerät, in welchem die Erweckung von Überzeugung l>ei einem 
unparteiischen Dritten ausgeschlossen ist. Ich werde also die 
Verwendung der Analyse, damit die Indiskretion und die 
Agression gegen meine Gegner, auf ein Mindestmaß beschrän- 
ken und überdies anführen, daß ich keine wissenschaftliche 
Kritik auf dieses Mittel gründe. Ich habe es nicht mit dem 
etwaigen Wahrheitsgehalt der zurückzuweisenden Lehren zu 
tun, versuche keine Widerlegung derselben. Das bleibe an- 
deren berufenen Arbeitern auf dem Gebiete der Psychoana- 
lyse vorbehalten, ist auch zum Teil bereits geschehen. Ich 
will bloß zeigen, daß — und in welchen Punkten — diese 
Lehren die Grundsätze der Analyse verleugnen und darum 
nicht unter diesem Namen behandelt werden sollen. Ich 
brauche also die Analyse nur dazu, um verständlich zu 
machen, wie diese Abweichungen von der Analyse bei Ana- 
lytikern entstehen konnten. An den Ablösungsstellen muß 
ich allerdings auch mit rein kritischen Bemerkungen das 
gute Recht der Psychoanalyse verteidigen. 

Die Psychoanalyse hat die Erklärung der Neurosen als 
nächste Aufgabe vorgefunden, hat die beiden Tatsachen des 
Widerstandes und der Übertragung zu Ausgangspunkten ge- 
nommen und für sie mit Rücksicht auf die dritte Tatsache 
der Amnesie in den Theorien von der Verdrängung, den sexu- 
ellen Triebkräften der Neurose und dem Unbewußten Rechen- 
schaft gegeben. Sie hat niemals beansprucht, eine vollstän- 
dige Theorie des menschlichen Seelenlebens überhaupt zu 
geben, sondern verlangte nur, daß ihre Ermittlungen zur Er- 



5ß SCHRIFTEN ZUK NEl KnSKNI.KMHK. IV. 



gänzung und Korrektur unserer anderlwli erworbenen Kr« 
kenntnis verwenet werden sollten. Die Theorie von Alfr.-d 
Adler geht nun weit über dieses Ziel hinaus, sio will IV- 
nohmen und Charnkd i iier Menseln n mit deuiHellvcn (i: in \ 
ständlich machen wie die oeurotiiohao und pej I oben Kr- 

krankungen derselben; sio ist in Wirklichkeit Jedem andei 
Gebiete adäquater als dem der Neurose, hee si-* aus den 

Motiven ihrer Knl stehungsgeschichte noch immer voranstellt. 
Ich halle viele Jahre hindurch < Vle-enheit. Dr. Adlor tu 
studieren und habe ihm das '/.< - eines bedeutenden, h 

besondere spekulativ veranlagten Kopfe* n i«* versagt. AlsI'rolHJ 
der „ Verfolgungen", die er von edIi erfahren iu nahen behaup- 
tete, kann icli ja gelten lassen, «laß ich ihm nach der Vi 
gründung die Leitung der Wiener Gruppe Übertrug, last dm 
dringende Aufforderung von seilen .-,1'rr V. n insmit :■ liedrr li<-i3 
ich mich bewegen, den Vorsitz in <hn wiffeniohoftUchon Ver- 
handlungen wieder aazanahmen, Als ich seine geringe B 
gabung gerade für die Würdigung des unbewußten M 
erkannt hatte, verlegte ieh meine Krwnrtung dahin, «r werde 
die Verbindungen von der I' N < Im.m.i lv ,• IUI l\v<hologie und 
zu den biologischen Grundlagen der Triebvorg&ngO anf.u.le. ken 
wissen, wozu seine wert .vollen Studien ul.i <Ii< minimier- 
wertigkeit auch in gewissem Sinn." berechtigten. Er schuf 
denn auch wirklich etwas Ahnliehe-, sein Werk fiel 

aus, als ob es — In seinem eigenen Jargon M) reden — 
für den Nachweis hesi imint wäre, daß die l'sy. ! Ivse iu 

allem unrecht, habe und die Bedeutung der sexuellen 1'rieh. 
kriifte nur infolge ihrer Leichtgläubigkeit gegen di< 
Stellung der Neuroi ikrr vrrt rnen h.liie. Über das . >nlicho 
Motiv seiner Arbeit darf man auch vor der OffentliehkeU 
sprechen, da er es selbst in Gegenwart eines kleinen Km 







I. ZUR GESCHICHTE DER PS YCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 57 

■ . . 

von Mitgliedern der Wiener Gruppe geoffenbart hat. „Glauben 
Sie denn, daß es ein so großes Vergnügen für mich ist, mein 
ganzes Leben lang in Ihrem Schatten zu stehen?" Ich findo 
nun nichts Verwerfliches darin, wenn ein jüngerer Mann sich' 
frei zu dem Ehrgeiz bekennt, den man als eine der Trieb- 
federn seiner Arbeit ohnedies vermuten würde. Aber selbst 
unter der Herrschaft eines solchen Motivs müßte man es zu 
vermeiden wissen, daß man nicht werde, was die Engländer 
mit ihrem feinen sozialen Takt „unfair" heißen, wofür den 
Deutschen nur ein weit gröberes Wort zur Verfügung steht. 
Wie wenig dies Adler gelungen ist, zeigt die Fülle von 
kleinlichen Bosheiten, die seine Arbeiten entstellen, und die 
Züge von unbändiger Prioritätssucht, die sich in ihnen ver- 
raten. In der Wiener psychoanalytischen Vereinigung be- 
kamen wir einmal direkt zu hören, daß er dio Priorität für 
die Gesichtspunkte der „Einheit der Neurosen" und der „dy- 
namischen Auffassung" derselben für sich beanspruche. Es 
waa- eine große Überraschung für mich, da ich immer ge- 
glaubt hatte, diese beiden Prinzipien seien von mir vertreten 
worden, ehe ich noch Adler kennen gelernt hatte. 

Dies Streben Adlers nach einem Platz an der Sonne 
hat indes auch eine Folge gehabt, welche die Psychoanalyse 
als wohltätig empfinden muß. Als ich nach dem Hervor- 
treten der unvereinbaren wissenschaftlichen Gegensätze Ad- 
ler zum Ausscheiden aus der Redaktion des Zentralblattes 
veranlaßte, verließ er auch die Vereinigung und gründete einen 
neuen Verein, der sich zuerst den geschmackvollen Namen 
Verein fü& freie Psychoanalyse" beilegte. Allein die Men- 
schen draußen, die der Analyse ferne stehen, sind offenbar 
so wenig geschickt, die Differenzen in den Anschauungen 
zweier Psychoanalytiker zu würdigen, wie wir Europäer, die 



58 



SCHRIFTEN ZUR NKUROSKNI.KHKK IV. 



.Nu.uicrn zu erkennen, welche iwei Chinesengosichtei vonein- 
ander unterscheiden. Die „freie" Psychoanalyse blieb Im 
Schatten dor „offiziellen* 4 , „orthodoxen" und wurde nur als 

Anhang an dieselbe abgehandelt . Da tat a d l e r den danken- 
werten Schritt, die Verbindung mit der Psychoanalyse \ü] 
/u leisen und seine Lehre als „Individualpsyohologie' von ihr 

abzusondern. Ks ist soviel l'lat/. auf (bitte« Klde und M 
ist gewiß berechtigt, da.ß sieh jeder. <l.i <> \- rmag, unge- 
hemmt nur ihr herumtummle, alx-r es ist nicht wün<chenH- 
wrt, daß man unter einem Dach zusainmcnwohncn bleibe, 
wenn man sieh nicht mehr versteht nn.l nicht nein •.•■■ 
De- ,,ln(livi(lua.l] 1 sy<'hoh)|.'i«'" Adlers ist JeUt eine dei trielon 
psychologischen Hiebtungen, welche der IVyclumnnlyse geg- 
ncriseh sind, und deren weitere Mut Wicklung Außerhalb ihl - 
Interesse.- füllt. 

Die Adler sehe Theorie war von allem \ oin ,,8y« 

stein", was die Psychoanalyse sorgfältig zu sein vermied 
Sie ist auch ein ausgezeichnetes Beispiel einer ..-. kundüren 
Bearbeitung", wie sie z. 13. vom Waehdenken am Tmuui- 
matcrial vorgenommen wird. Das Traumm.ii -ti;. ! und in 
diesem Falle durch das neugewonnene Material rtei \> ycli> 
analytischen Studien ersetzt, dies wird mm durchweg* vom 
Standpunkte des Ichs erfaßt, unter die den, leb geläufigen 
Kategorien gebracht, übersetzt, gewendet und genau so, wii 
es bei der Traumbildung geschieht, mißverstanden. Die Ad- 
1 ersehe Lehre ist denn mich weniger durch das cbaraki 

eiert, was sie behauptet) als durch «las. was iie verleugnet, 
sie besteht demnach aus drei rtohl omj^eiohwertigen Ele- 
menten, den guten Beitragen zur Ichpsychologie, den — über- 
flüssigen, aber zulässigen — Übersetzungen d«u analytischen 
Tatsachen in den neuen Jargon, und in ih-n i-dlungen 



\ 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNO. 59 

und Verdrehungen der letzteren, soweit sie nicht zu den Ich- 
voraussetzungen passen. Die Elemente der ersteren Art sind 
von der Psychoanalyse niemals verkannt worden, wenngleich 
sie ihnen keine besondere Aufmerksamkeit schuldig war. Sic 
hatte ein größeres Interesse daran, zu zeigen, daß sich allen 
Irhbe.strcbungen libidinöse Korujxmenten beimengen. Die Ad- 
lerschc Lehre hebt das Gegenstück hiezu hervor, den egoisti- 
schen Zusatz zu den libidinösen Triebregnngen. Dies wäre 
nun ein greifbarer Gewinn, wenn Adler diese Feststellung 
nicht dazu benutzen würde, um jedesmal zu Gunsten der 
Ichtricbkomponente die libidinöse Kegung zu verleugnen. Seine 
Theorie tut damit dasselbe, was alle Kranken und was unser 
Bewußtdenken überhaupt tut, nämlich die Nationalisierung, 
wie Jones es genannt hat, zur Verdeckung des unbewußten 
Motives gebrauchen. Adler ist hierin so konsequent, daß 
er die Absicht, dem Weib den Herrn zu zeigen, oben zu 
sein, sogar als die stärkste Triebfeder des Srxu.-ilaktes preist, 
leh weiß nicht, ob er diese Ungeheuerlichkeiten auch in 
84 inen Schriften vertreten hat. 

Die Psychoanalyse hatte frühzeitig erkannt, daß jedes 
neurotische Symptom seine Existenzmöglichkeit einem Kom- 
promiß verdankt. Es muß darum auch den Anforderungen 
des die Verdrängung handhabenden Ichs irgendwie gerecht 
Werden, einen Vorteil bieten, eine nützliche Verwendung zu- 
lassen, sonst würde es eben demselben Schicksal unterliegen 
vir die ursprüngliche abgewehrte Triebregung selbst. Der 
Terminus des „Krankheitsgewinnes'- hat diesem Sachverhalt 
Rechnung getragen; man wäre noch berechtigt, den primären 
Gewinn für das Ich, der schon bei der Entstellung wirksam 
sein muß, von einem „sekundären" Anteil zu unterscheiden, 
welcher in Anlehnung an andere Absichten des Ichs hinzu- 



60 



SCHRIFTEN ZUR NEIROSENLEHRK. IV. 



tritt, wenn sich' das Symptom behaupten soll. Auch daß die 
Entziehung dieses Krankheitsgewinnes oder dee Aufhör» d di - 

Beiben Infolge einer realen Veränderung einen der Mechanis- 
men der Heilung vom Symptom ausmacht, in der AnaJyse 
längst bekannt gewesen. Auf diese unschwer festzusb 11- n- 
den und mühelos einzusehenden Beziehungen fällt in der 
Adlerschen Lehro der Hauptakzent, wobei gänzlich über- 
sehen wird, daß d:i i [eh ungezählte Male bloß aus der Not 
eine Tugend macht, indem es sich das anerwflniohteste, ihm 
aufgezwungene S\ i ■■ j • t « >n i v. < ■ ■ n .i daran ; ih.iM. i.n Nut- 
zens gefallen laßt, z. 11. \\. im M die Angst als Sicherungs- 
mittel akzeptiert. Das Ich spielt dalni die lächerliche Holle 
des dummen August im Zirkus, der t\vn Zuschauern durch 
seine (testen die Oberzeugung heil. ringen will, daß sieh alle 
Veränderungen in der Man«;'.' nur infolge seines Kommando* 
vollziehen. Aber nur die Jüngsten unter den Zuschauers 
schenken ihm Glauben. 

Für den zweiten Hcslundt. il der Adlersehen Lehre 
muß die Psychoanalyse einstehen wie im eigenes Gut. Kr 
fst auch nichts anderes als psychoanalytische Kik.untnis, 
die der Autor aus den allen zugänglichen Quellen währ 
der zehn Jahre gemeinsamer Arbeit geschöpft und dann dun h 
Veränderung der Nomenklatur zu seinem Eigentum gestem- 
pelt hat. Ich halte z. B. selbst „Sicherung" für ein bessere* 
Wort als das von mir gehraucht«; „Sehnt zi jel", al»T 

ich kann einen neuen Sinn darin nicht finden. LUm-o wür- 
den In den Adlersehen Behauptungen eine M'uge altbe- 
kannter Züge hervortreten, wenn man anstatt ,, fingiert, fiktiv 
und Fiktion" das ursprünglicher« „phantasiert" und „Phan- 
tasie" wiedereinsetzen würde. Von seil.-n -I«t I' rohoanalyH 
würde diese Identität, betont Werden, auch wenn dor Autor 



I. ZUB GESCHICHTE DEK PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. Gl 



nicht durch lange Jahre an <l.n gemeinsamen Arbeiten teil- 
genommen hätte. 

Der dritte Anteil der Ad 1 ersehen Lehre, die Uuulou- 
tungen und Entstellungen der unbequemen analytischen Tat- 
sachen, enthält das, was die nunmehrige „Individualpsycho- 
logie" endgültig von der Analyse trennt. Der Systemgedanke 
Adlers lautet bekanntlich, es sei die Absicht der Selbst- 
behauptung des Individuums, sein „Wille zur Macht", der 
sich in der Form des „männlichen Protests" in Lebensfüh- 
rung, Charakterbildung und Neurose dominierend kundgibt. 
Dieser männliche Protest, der A dl ersehe Motor, ist aber 
nichts anderes als die von ihrem psychologischen Mechanis- 
mus losgelöste Verdrängung, die überdies sexualisiert ist, was 
mit der gerühmten Vertreibung der Sexualität aus ihrer Rolle 
im Seelenleben schlecht zusammenstimmt. Der männliche 
Protest existiert nun sicherlich, aber bei seiner Konstituie- 
rung zum Motor des seelischen Geschehens hat die Beobach- 
tung nur die Rolle des Sprungbrettes gespielt, welches man 
verläßt, um sich zu erheben. Nehmen wir eine der Grund- 
situationen des infantilen Begehrens vor, die Beobachtung 
des Geschlechtsaktes zwischen Erwachsenen durch das Kind. 
Dann weist die Analyse bei jenen Personen, deren Lebens - 
geschieht« später den Arzt beschäftigen wird, nach, daß sich 
in jenem Moment zwei Regungen des unmündigen Zuschauers 
bemächtigt haben, die eine, wenn es ein Knabe ist, sich an 
die Stelle des aktiven Mannes zu setzen, und die andere, 
die Gegenst rebung, sich mit dem leidenden Weibe zu identi- 
fizieren. Beide Strebungen erschöpfen miteinander die Lust- 
möglichkeiten, die sich aus der Situation ergeben. Nur die 
ersterc läßt sich dem männlichen Protest unterordnen, wenn 
dieser Begriff überhaupt einen Sinn behalten soll. Die zweite, 



62 SCHRIFTEN J5ÜK NEl'KOHKNLEHKK. IV. 



um deren Schicksal Biofa Adler nicht kümmert oder die er 
"' rll < kennt, isi :iKht die. welche es zu einer größeren Be- 
deutung für die spätere Neurose bringen wird Adler aal 
sich so ganz in die eifersüchtige Beschränktheit des [« 
versetzt, dal! er nur jenen Trichn-migen Ki-i-hiiunjr trägt, w 
l '"c <l«'"i Ich genehm sind und van Ihm gefördert werden; 
gerade de k-,11 ,ier Neurose, daß sich diese Regungen dem 
Ich widersetzen, liegt außerhalb Beines Horizonts. 

Bei dem durch die Psychoanalyse unabweisbar gewor- 
denen Versnob, das Grundprinzip der Lehr«- an du« Seelen- 
leben des Kindes ansuknüpfen, haben sich für Adler die 
schwersten Abweichungen von der Realität der Bcobnehtui 
und die tiefsie-eh.'nden Begriffsverwirrungen ergeben. I>er 
biolögiflOhe, soziale und psychol, i ehe s lim von „männlich* 
und „weil, lieh" sind dabei zu hoffnungsloser Misehbikk 
vermengt. Es ist unmöglich und durch die Keuhaehtung zu- 
riick/.nweisen, daß >\^ männliche oder weibliche - Kind 
seinen Lebensplan auf eine ursprüngliche (.Vringschiltzuug 
des weil. liehen (.esohleohts begründen und «ich zur i..,,i m i« 
den Wunsch machen könne: ich will ein rechter .Mann v. 

Das Kind ahnt die Hodeutung des (M-schle.-ht.sunteis.-hie, 
anfänglich nicht, geht vielmehr von der Vorausselzun 
daß beiden Geschlechtern das uämlicho (männliche) (Genitale 
Buiomme, beginnt seine Sexualforschung nicht mit dem Pro- 
blem der Gesohlechtsdifferenz und steht der sozialen Min- 
dersohäteung des Weibes völlig ferne. Es gibt Frauen, in 
öflren Neurose der Wunsch, ein Mann ZU sein, kein« R< 
gespielt hat. Was vom männlichen I'rotest zn konstatieren 
ist, führt sieh leieht an!' die Störung des u< liehen Nar- 

zißmus durch die Knstrationsdmhung, respektive auf die 
ersten Behinderungen der SeXUSibetätigUng zunick. Aller 



Streit um die Psychogenem der Neurosen muß schließ- 
lich auf dem Gebiete der Kinderneurosen zum Austrage kom- 
men. Die sorgfältige Zergliederung einer Neurose im früh- 
kindlichen Alter macht allen Irrtümern in betreff der Ätio- 
logie der Neurosen und Zweifeln an der Kollo der Sexual- 
triebe ein Ende. Darum mußte auch Adler in seiner Kritik 
der Jungschen Arbeit „Konflikte der kindlichen Seele" zu 
der Unterstellung greifen, das Material des Falles sei „wohl 
\ m Vater" einheitlich gerichtet worden.*) 

Ich werde nicht weiter bei der biologischen Seite der 
A d 1 e r sehen Theorie verweilen und nicht untersuchen, ob 
die greifbare Organminderwertigkeit oder das subjektive Ge- 
fühl derselben — man weiß nicht, welches von beiden — 
wirklieh im stände ist, als Grundlage das Adler sehe Sy- 
stem zu tragen. Nur der Bemerkung sei Kauin gegönnt, daß 
die Neurose dann ein Nebenerfolg der allgemeinen Verküm- 
merung würde, während die Beobachtung lehrt, daß eine er- 
drückend große Hehrheit von Häßlichen, Mißgestalteten, Ver- 
krüppelten, Verelendeten es unterläßt, auf ihre Mängel mit 
der Entwicklung von Neurose zu reagieren. Auch die inter- 
essante Auskunft, die Minderwertigkeit ins Kindheitsgefühl 
verlegen, lasse ich beiseite. Sie zeigt uns, in welcher Ver- 
kleidung das in der Analyse so sehr betonte Moment des 
Infant iüsmup in der Individualpsychologie wiederkehrt. Da- 
ngen obliegt es mir, hervorzuheben, wie alle psychologischen 
Erwerbungen der Psychoanalyse bei Adler in den Wind ge- 
schlagen worden sind. Das Unbewußte tritt noch im „ner- 
vösen Charakter'- als eine psychologische Besonderheit auf, 
aber ohne alle Beziehung zum System. Später hat er folge- 
ichtig erklärt, es sei ihm gleichgültig, ob eine Vorstellung 



riet 



') Zentralblatt f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 132. 



C4 



HCIlKll'TEN ZUK NEUBOSttKLKHHK, IV. 



bewußt oder unbewußt sei. Für die Verdrängung fand aiofa 
bei Adler von vornherein k- in V. i . tündnis. In dem Re- 
ferat über einen Vortrag im Wiener Verein (Februar 1911) 
heißt es: „An der Hand eines Fall.-, wird darauf bingewiea 
daß der Patient weder seine Libido verdringt hotte, vor der 
er sich ja fortwährend ro sichern inohti ■*) ..." In einer Wie- 
ner Diskussion äußerte er bald darauf: ..Wenn Sie li.:.< .,. 
woher kommt die Verdrängung, so bekommen Sie die Ant- 
wort: Von der Kultur. Wenn Sic nkr dann fragen: Woher 
kommt die Kultur?, so antwortet man Ihnen: Von der Ver- 
drängung. .Sie .scheu also, es handelt sn-h nur um ein 
mit Worten". Kin kleiner bracht eil dos Scharfsinnes, mit 
dem Adler die Vcrteidigungskünste seine« „neiTÖOen (ha- 

-Lcrs" entlarvt hat, hätte hingereicht, ihm den A 
aus diesem rahulistischcn Argument zu zeigen. Iv- ist nichts 
anderes dahinter, als daß die Kultur auf den Wrdrängun 
leistungen früherer tiencrationen ruht, und daß jede neue 
Generation aufgefordert wird, dieet Kultur durch Vollziehung 
derselben Verdrängungen zu erhalten. Ich hak? von einem 
Kinde gehört, welches sich für geloj.pt hieb und zu schreien 
begann, weil es auf die Frage: Woher kommen du- Mief! 

zur Antwort erhalten hatte: Von den Hühnern, auf die wei- 
tere Frage: Woher kommen die Hühner? abei die Auskunft 

bekam: Aus den Eiern. Und doch hatte man d tit mit 

Worten gespielt, sondern dein Kind.- etwas Wahres gesa 
Ebenso kläglich und Inhalteleer ist alles, was Ad! 
über den Traum, dieses Schibolcth der l'svchoanalyse, ge- 
äußert hat. Der Traum w.ar ihm zuerst eine Wendung von 
der männlichen auf die weihlichc Linie, wa.s niohtl and. 
besagt als die Cberselzung der Lehn- von der Wun.-cherfül- 

•) KorrMpondcrabluLL Nr. &, Zürich, Api! isil 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 65 



lung im Traume in die Sprache des „männlichen Protestes". 
Später findet er das Wesen des Traumes darin, daß der 
Mensch sich durch ihn unbewußt ermögliche, was bewußt 
versagt sei. Auch die Priorität für die Verwechslung des 
Traumes mit den latenten Traumgedanken, auf der die Er- 
kenntnis seiner „prospektiven Tendenz" ruht, ist Adler zu- 
zusprechen. M a e d e r ist ihm hierin später nachgekommen. 
Dabei übersieht man bereitwillig,, daß jede Deutung eines 
Traumes, der in seiner manifesten Erscheinung überhaupt 
nichts Verständliches sagt, auf der Anwendung der näm- 
lichen Traumdeutung beruht, deren Voraussetzungen und Fol- 
gerungen man bestreitet. Vom Widerstand weiß Adler an- 
zugeben, daß er der Durchsetzung des Kranken gegen den 
Arzt dient. Dies ist gewiß richtig; es heißt soviel als: er 
dient dem Widerstände. Woher er aber kommt, und wie es 
zugeht, daß seine Phänomene der Absicht des Kranken zu 
Gebote stehen, das wird, als für das Ich uninteressant, nicht 
weiter erörtert. Die Detailmechanismcn der Symptome und 
Phänomene, die Begründung der Mannigfaltigkeit von Krank- 
heiten und Krankheitsäußerungen finden überhaupt keine Be- 
rücksichtigung, da doch alles in gleicher Weise dem männ- 
lichen Protest, der Selbstbehauptung, der Erhöhung der Per- 
sönlichkeit dienstbar ist. Das System ist fertig, es hat eine 
außerordentliche Umdeutungsarbeit gekostet, dafür auch nicht 
eine einzige neue Beobachtung geliefert. Ich glaube, gezeigt 
zu haben, daß es mit Psychoanalyse nichts zu schaffen hat. 
Das Lebensbild, welches aus dem Adler sehen System 
hervorgeht, ist ganz auf den Aggressionstrieb gegründet; es 
läßt keinen Raum für die Liebe. Man könnte sich ja, ver- 
wundem, daß eine so trostlose Weltanschauung überhaupt 
Beachtung gefunden hat; aber man darf nicht daran ver- 
Freud, Neurosenlehre. IV. 5 



4 



(Ui 



SCHRIFTEN ZUR NEfKOSKNLKUHK. IV 



gessen, daß die vom Joch Ihrer Sexualbedürfnisse bedrückte 

.Menschheit bereit isl, alles anzunehmen, wenn man Ihr nur 
die „Überwindung der Sexualität" als Köder hinhalt. 

Die Adlersche Abfallsbcwegung vollzog loh vor dem 
Kongreß in Weiniiir 1**1 1 ; nach diesem Datum setste die 
der Schweizer ein. Ihre ernten Auzeioht D waren Bonderbarer- 
weise einig«' Äiii.irningen Hiklins in popul&ren Aufs&tzen der 
schweizerischen Literatur, aus denen die Umweh also früher 
als die nächsten Fnchgenossen erfuhr, daß die Psychoanalyse 
einige bedauerliche, sie diskreditierende Irrtümer überwunden 
habe. 1912 rühmte sich Jung in einem Briefe ans Amerika, 
daß seine Modifikationen der Psychoanalyse die Widerstünde 
bei vielen Personen überwunden hätten, cli< l>i dahin nichts 
von ihr hatten wissen wollen, Ich antwortete, das sei kein 
Ruhmestitel, und je mehr er von den mühselig erworbenen 
Wahrheiten der Psychoanalyse opfere, desto mehr werde SI 
den Widerstand sehwinden selten. Die tfo ii'ikai ion, am deren 
Einführung die Schweizer sich so stolz Beigten, war w ■ 
um keine andere als die theoretische /airückdrängung d 
sexuellen Moinenles. Ich gestehe, daß ich von allem Anfang 
an diesen ,, Fortschritt" als eine zu weit gehend«? Anpassung 
an die Anforderungen der Aktualität auffaßte. 

Die beiden rückläufigen, v.>n der Payohoanalyso weg- 
strebenden Bewegungen, die ich nun zu vergleichen ha i 
zeigen auch die Ähnlichkeit, daß sie durch gewis e hoch- 
ragende Gesichtspunkte wie sub speoie aeternitatis um ein 
günstiges Vorurteil weihen. Bei Adler spielt die R< Lativit&J 
aller Erkenntnis und das Recht ehr Persönlichkeit, den Wis- 
sensstoff individuell künstlerisch zu gestalten, < i i • de. 
bei Jung wird auf das kulturhistorische Hecht der Jugend 
gepocht, Fesseln abzuwerfen, in welche lie das tyrannische. 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 67 



in seinen Anschauungen erstarrte Alter schlagen möchte. 
Diese Arguniente machen einige abweisende Worte notwendig. 
Die Relativität unserer Erkenntnis ist ein Bedenken welches 
jeder anderen Wissenschaft ebensowohl entgegengesetzt wer- 
den kann wie der Psychoanalyse. Es entstammt bekannten 
reaktionären, der Wissenschaft feindlichen Strömungen der 
Gegenwart und will den Schein einer Überlegenheit in An- 
spruch nehmen, die uns nicht gebührt. Keiner von uns kann 
ahnen, welches das endgültige Urteil der Menschheit über 
unsere theoretischen Bemühungen sein wird. Man hat Bei- 
spiele dafür, daß die Abweisung der nächsten drei Genera- 
tionen noch von der nächstfolgenden korrigiert und in An- 
erkennung verwandelt wurde. Es bleibt dem einzelnen nichts 
übrig, als seine auf Erfahrung gestützte Überzeugung mit 
all seinen Kräften zu vertreten, nachdem er die eigene kri- 
tische Stimme sorgfältig und die der Gegner mit einiger 
Aufmerksamkeit angehört hat. Man begnüge sich damit, seine 
Sache ehrlich zu führen, und maße sich nicht ein Richter- 
amt an, das einer fernen Zukunft vorbehalten ist. Die Be- 
tonung der persönlichen Willkür in wissenschaftlichen Dingen 
ist arg; sie will der Psychoanalyse offenbar den Wert einer 
Wissenschaft bestreiten, der allerdings durch die vorherge- 
hende Bemerkung bereits herabgesetzt ist. Wer das wissen- 
schaftliche Denken hochstellt, wird eher nach Mitteln und 
Methoden suchen, um den Faktor der persönlichen künst- 
lerischen Willkür dort möglichst einzuschränken, wo er noch 
eine übergroße Rolle spielt, übrigens darf man sich recht- 
zeitig erinnern, daß aller Eifer der Verteidigung unangebracht 
ist. Diese Argumente Adlers sind nicht ernst gemeinte; 
sie sollen nur gegen den Gegner verwertet werden, respek- 
tieren aber die eigenen Theorien. Sie haben auch Adlers 



68 



SCHUHTEN ZUR NEUKOSENLKHKE. IV. 



'Anhänger nicht abgehalten, ihn als den Messias zu feiern, 
auf dessen Erseheinen die harrende Menschheit durch so und 
so viel Vorläufer vorbereitet, worden ist. Der Messias ist 
gewiß nichts Relatives mehr. 

Das Jung sehe Argument ad oaptandan) benevolentian 
ruht auf der allzu optimistischen Voraussetzung, all hätte 
sich der Fortschritt der Menschheit, der Kultur, des Wissens, 
stets in ungebrochener Linie vollzogen. Als bitte 68 niemals 
Epigonen gegeben, Reaktionen und Kestaurniion.-n Dach jeder 
Revolution, (iesehlechter, die durch einen Rückschritt auf 
den Erwerb einer früheren Generation verzichtet hätten. Dio 
Annäherung an den Standpunkt der Menge, das Aufgelx-n 
einer als unliebsam empfundenen Neuerung, machen 68 von 
vornherein unwahrscheinlich, daß die Jungsein- Korrektur 
der Psychoanalyse den Anspruch auf eine befreiende Jugend- 
tat sollte erheben können. Kndlich sind es nicht die Jahre 
des Täters, welche hierüber entscheiden, sondern der Cha- 
rakter der Tat. 

Von den beiden hier behandelten Bewegungen ist die 
Adler sehe unzweifelhaft dio bedeutsamere; radikal misch. 
ist sie doch durch Konsequenz und Kohärenz ausgezeichnet. 
Sie ist auch noch immer auf eine Trieblehrc gegründet. Die 
Jungsche Modifikation dagegen hat den Zusammenhing der 
Phänomene mit dem Triebleben getookerl ; sie ist übrigen«, 
wie ihre Kritiker (Abraham, Fcrenczi, Jones) hervor- 
gehoben, so unklar, undurchsicht ig und verworren, daß 8. 
nicht leicht ist, Stellung zu ihr BD nehmen. Wo man. sie 
antastet, muß man darauf vorbereitet sein. 811 hören, daß 
man sie mißverstanden hat, und man weiß nicht, wie man 
zu ihrem richtigen Verständnis kommen soll. Sie stellt sich 
selbst in eigentümlich schwankender Weise vor, bald als 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 6ü 



,.ganz zahme Abweichung, die das Geschrei nicht wert sei, 
das sich darum erhoben habe" (Jung), bald als neue Heils- 
botschaft, mit der eine neue Epoche für die Psychoanalyse 
beginne, ja, eine neue Weltanschauung für alle übrigen. 

Unter dem Eindruck der Unstimmigkeiten zwischen den 
einzelnen privaten und öffentlichen Äußerungen der Jung- 
schen Richtung wird man sich fragen müssen, wie groß daran 
der Anteil der eigenen Unklarheit und der der Unaufrichtig- 
keit sei. Man wird aber zugestehen, daß sich die Vertreter 
der neuen Lehre in einer schwierigen Situation befinden. Sie 
bekämpfen nun Dinge, welche sie früher selbst verteidigt 
haben, und zwar nicht auf Grund neuer Beobachtungen, von 
denen sie sich belehren lassen konnten, sondern infolge von 
Umdeutungen, welche ihnen jetzt die Dinge anders erscheinen 
lassen, als sie sie vorher sahen. Darum wollen sie den Zu- 
sammenhang mit der Psychoanalyse, als deren Vertreter sie 
der Welt bekannt wurden, nicht aufgeben und ziehen es vor 
zu verkünden, daß die Psychoanalyse sich geändert hat. Auf 
dem Münchner Kongreß sali ich mich genötigt, dieses Halb- 
dunkel aufzuhellen, und tat es durch die Erklärung, daß ich 
die Neuerungen der Schweizer nicht als legitime Fortsetzung 
und Weiterentwicklung der von mir ausgehenden Psycho- 
analyse anerkenne. Außenstehende Kritiker (wie Furtmül- 
ler) hatten diesen Sachverhalt schon vorher erkannt, und 
\braham spricht mit Recht davon, daß sich Jung auf 
dem vollen Rückzuge von der Psychoanalyse befinde. Ich 
bin natürlich gern bereit zuzugestehen, daß ein jeder das 
Recht hat, zu denken und zu schreiben, was er will, aber 
er hat nicht das Recht, es für etwas anderes auszugeben, 

i 
als es wirklich ist. 

Wie die Adlersche Forschung der Psychoanalyse etwas 



70 



KUIKIFTKN ZIK NKl'KOSENLKHKK. IV. 



Neues brachte, ein Stück der [ohpsyohologie, und sich dieses 

Geschenk allzu teuer bezahlen lassen wollte durch die Ver- 
werfung aller grundlegenden analytischen Lehren, so haben 
aiirh Jung und seine Anhänger Ihren Kampf gegen die 
Psychoanalyse an eine Neuerwerbung für dieselbe angeknüpft. 
Sie haben im einzelnen verfolg! (worin ihnen Pfister vor- 
angegangen war), wie das Material der sexuellen Vorstellungen 
aus dem Familienkonij)lex und der inzestuösen Objektwahl 
zur Darstellung der höi n ethischen and n ii i isen Inter- 
essen der Menschen verwendet w^ni, also einen bedeutsamen 
i'.iil von Sublimierung der erotischen Triebkräfte und i 
setzung derselben In nicht mehr erotisch zu nennend! stre- 
bungen aufgeklärt. Dies .stand im besten Einklang mit den 
in der Psychoanalyse enthaltenen Brwartungen und 
sich vortrefflich mit der Auffassung vertragen, daü in Traum 
Und Neurose die regressive Auflösung dieser wie aller an- 
deren Sublimierungen sichtbar wird. Allein die Well hatte 
empört gerufen, man habe Kihik und Religion iert ! 

Ich kann es nun nicht vermeiden, einmal „final 4 ' KU denken 
und anzunehmen, da. 1.1 sieh die Kutdeoker diesem E£l trÜStungS- 
stürm nicht gewachsen fühlten. \' i<- 1 l>i<di t Ijogann or auch 
in der eigenen Brust zu toben. Dis theologisch«' Vorgeschichte 
so vieler Schweizer ist für ihre Si eilung zur Psyohoanall 
so wenig gleichgültig wie die sozialistische Adlers für die 
Kntwicklung seiner Psychologie. Man v\ird an die berühmte 

<ie; schichte Mark Twains von den Bohioksalen loiner Uhr 

erinnert und an die Verwunderung, mit der sie schließt : ..And 
he nsed to wonder what becamo of all tlm unsuccossful tin« 
kers, and gunsmiths, and shoemakers, and blfltok milhs; bnt 
nobody could ever teil bim." 

Ich will den Weg des tihichnisses betreten und an- 



1. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 71 






nehmen, in einer Gesollschaft lebe ein Emporkömmling, der 
sich der Abstammung von uradeliger, aber ortsfremder Familie 
rühme. Nun werde ihm nachgewiesen, daß seine Eltern irgend- 
wo in der Nähe leben und sehr bescheidene Leute seien. 
Jetzt steht ihm noch ein Auskunftsmittel zu Gebote und 
zu diesem greift er auch. Er kann die Eltern nicht mehr 
verleugnen, aber er behauptet, die seien selbst hochadelig, 
nur herabgekommen, und verschafft ihnen bei einem gefälligen 
Amt ein Abkunftsdokument. Ich meine, so ähnlich haben 
sich die Schweizer benehmen müssen. Wenn Ethik und Re- 
ligion nicht sexualisiert werden durften, sondern von Anfang 
an etwas „Höheres'' waren, die Herleitung ihrer Vorstellungen 
aus dem Familien- und Ödipuskomplex aber unabweisbar er- 
schien, so ergab sich nur eine Auskunft : diese Komplexe 
selbst durften von Anfang an nicht bedeuten, was sie aus- 
zusagen schienen, sondern jenen höheren, „anagogi sehen" 
.Sinn (nach Silberers N'nmengebung) haben, mit dem sie 
sich in ihre Verwendung in den abstrakten Gedankengängen 
der Ethik und der religiösen Mystik einfügten. 

Ich bin nun gefaßt darauf, wiederum zu hören, daß ich 
Inhalt und Absicht der Neu-Züricher Lehre mißverstanden 
habe, aber ich verwahre mich von vornherein dagegen, daß 
( li,- Widersprüche gegen meine Auffassung, die sich aus den 
Veröffentlichungen dieser Schule ergeben, mir, anstatt ihnen 
selbst zur Last gelegt sein sollen. Auf keine andere Art 
kann ich mir das Ensemble der Jungschen Neuerungen ver- 
ständlich machen und im Zusammenhange begreifen. Von 
der Absicht, das Anstößige der Familienkomplexe zu besei- 
tigen, um dies Anstößige nicht in Religion und Ethik wieder- 
zufinden, strahlen alle die Abänderungen aus, welche Jung 
an der Psvchoanalyse vorgenommen hat. Die sexuelle Libido 



72 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

wurde durch einen abstrakten Begriff ersetzt, von dein mau 
behaupten darf, daß er für Weise wio für Toren gleich ge- 
heimnisvoll und unfaßbar geblieben ist. Der Ödipuskomplex 
war nur „symbolisch" gemeint, die Mutter darin bedeutete 
das Unerreichbare, auf welches man im Interesse der Kult ur- 
entwicklung verzichten muß; der Vater, der im ödipusmythus 
getötet wird, ist der „innerliche" Vater, von dorn man sieh 
freizumachen hat, um selbständig zu werden, andere Stücke 
des sexuellen Vorstcllungsmaterials worden im Laufe der Zeil 
sicherlich ähnliche Umdculuugen erfahren. An St. 11.' des 
Konfliktes zwischen iebwidrigen erotischen Stiebungen und 
der Ichbehauptung trat der Konflikt zwischen der ,, Lebens- 
aufgabe" und der „psychischen Trägheit"; das neurotische 
Schuldbewußtsein entsprach dem Vorwurf, seiner Lcl»cnsuui- 
gäbe nicht gerecht zu werden. Kin neues religiös-ethisches 
System wurde so geschaffen, welehes ganz, wie das Adler? 
sehe die tatsächlichen Krgcbnissc der Analyse umdeuten, \« •<- 
zerren oder beseitigen mulite. In Wirklichkeit hatte mau aus 
der Symphonie des Weltgeschehens ein paar kulturelle Über- 
töne herausgehört und die urgewaltige Triebmelodie wieder 
einmal überhört. 

.Um dieses System zu halten, war eine volle Abwendung 
von der Beobachtung und von drv Technik der Psychoanalyse 
notwendig. Gelegentlich gestattete die Begeisterung für die 
hehre Sache auch eine Geringschätzung der wissensch.nt .liehen 
Logik, wie wenn Jung den Ödipuskomplex nicht „spezifisch" 
genug für die Ätiologie der Neurosen findet und diese Spe- 
zifität der Trägheit, also der allgemeinsten ICigensehaft. bo- 
lebter wie unbelebter Körper zuerkennt I Pfibei ist zu be- 
merken, daß der „Ödipuskomplex" nur einen Inhalt dt urteilt, 
an dem sieh die Seelenkräfte des Individuums u, und 





I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 73 

nicht selbst eine Kraft ist, wie die „psychische Trägheit". 
Die Erforschung des einzelnen Menschen hatte ergeben und 
wird immer von neuem ergeben, daß die sexuellen Komplexe 
in ihrem ursprünglichen Sinne in ihm lebendig sind. Darum 
wurde die Individualforschung zurückgedrängt und durch die 
Beurteilung nach Anhaltspunkten aus der Völkerforschung 
ersetzt. In der frühen Kindheit eines jeden Menschen war 
man am ehesten der Gefahr ausgesetzt, auf den ursprüng- 
lichen und unverhüllten Sinn der umgedeuteten Komplexe 
zu stoßen, daher ergab sich für die Therapie die Vorschrift, 
bei dieser Vergangenheit so kurz als möglich zu verweilen 
und den Hauptakzent auf die Rückkehr zum aktuellen Kon- 
flikt zu legen, au dem aber beileibe nicht das Zufällige und 
Persönliche, sondern das Generelle, eben das Nichterfüllt! 
der Leben sauf gäbe, das Wesentliche ist. Wir haben aber ge- 
hört, daß der aktuelle Konflikt des Neurotikers erst ver- 
ständlich und lösbar wird, wenn man ihn auf die Vorge- 
schichte des Kranken zurückführt, den Weg geht, den seine 
Libido bei der Erkrankung gegangen ist. • :t i- ( 

Wie sich die Neu-Züricher Therapie unter solchen Ten- 
denzen gestaltet hat, kann ich nach den Angaben eines Pa- 
tienten mitteilen, der sie an sich selbst erfahren mußte. 
„Diesmal keine Spur von Rücksicht auf Vergangenheit und 
Übertragung. Wo ich letztere zu greifen glaubte, wurde sie 
für reines Libidosymbol ausgegeben. Die moralischen Beleh- 
rungen waren sehr schön und ich lebte ihnen getreulich nach, 
aber ich kam keinen Schritt vorwärts. Es war mir noch un- 
angenehmer als ihm, aber was konnte ich dafür? . . . Statt 
analytisch zu befreien, brachte jede Stunde neue ungeheure 
Forderungen, an deren Erfüllung die Überwindung der Neu- 
rose geknüpft wurde, z. B. innerliche Konzentration durch 



74 B OmÜlTi a ZUR NEtTROBENLEHBE. IV. 



Introversion, religio« Verl tetung, nen Gemeinschaftsleben 
mit meiner Frau in liebevoller Hingabo usw. Kh Ring Eaal 
i,l.,T die Kraft, lief es doch au! eine radikale l i 
dos ganzen inneren Menschen hinaus. Mao verließ die Analyse 
als armer Sünder mit «In, stärksten Zerknirichui f< fühle» 
und den besten Vorsiitzen, ab« gl0ich/.citig in li Knt- 

mutigung. Was er nur empfahl, hätfa Jeder l'i ich 

geraten, aber woher die K"->li " Der Patient teilt /war mit. 
er habe gehört, daß die VtTgaflftnheiti- and Übertragung* 
analyse vorangeh.-n mii e Nun wurde gesagt, daß er davon 

genug gehabt, habe. Da sie nichl nein geholfen hat, scheint 

mir der Schluß gerechtfertigt, daß di r Pati« ai von der erst* n d 
Art der Analyse nicht genug bekommen bat. Koinesfalli 
hm das .i.nauf fcewtite Stück Behandlung mehr geholfen, 
welches auf den Namen ein i i < hoannlv-o keinen Auspruoh 
mehr hat. Es ist zu verwundern, daß die Zürichei den langen 
Umweg über Wien gebraucht haben, um endlich nach -lein 
so nahen P.ern zu kommen, in dem Dubois Neurogen durch 
ethische Aufmunterung in schonungsvollerer Weise heilt*). 
Der völlige Zerfall de ■■■.. r neuen Richtung mit i i l'sycho- 
analvsc erweist sich natürlich auch in der Behandlung ! 
Verdrängung, welche in den Schriften Jungs kaum mehr 
erwähnt wird, in der V< ikennung des Traumes, den sie wie 
Adler unter Verzieht, auf die Traumpsychologie mit den 
hitenten Trauing.da.nkeii verwi ohselt, in dem Verlust des 

*) Ich kenne die 1 '• ■ - - 1 < - 1 1 k • ■ 1 1 . welche • i • ■ i Vonvn Iuiik einer 1'iiticnW'n- 
aussago im Wogo ftehon, und will darun Iriieklioh vei ichora, <1*S 

mein Gewährsmann eine sbSOSO rtrtfSUO&IWftrdlBJ« wio urtciUirütigo Por- 
sönlichkeil iHt. Kr lud mich Informiert, OhlM dal) lob Ihn dlUQ aufge- 
fordert, und icli bediene mich neiner Mitteilung. ohM lolofl /.ii'litninuug 
einzuholen, weil ich nicht zugeben kann, du") oioo pijrohOMSJytiSSha 
Technik den Schutz dor Dixki l».«aspmohSB 101110. 



I ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 75 

Verständnisses für das Unbewußte, kurz in all den Funkten, 
in welche ich die Wesenheit der Psychoanalyse verlegen 
konnte. Wenn man von Jung hört, der Inzestkomplex sei 
nur symbolisch, er habe doch keine reale Existenz, der 
Wilde verspüre doch kein Gelüste nach der alten Vettel, 
sondern ziehe ein junges und schönes Weib vor, so ist man 
versucht, anzunehmen, daß symbolisch' und , keine reale Exi- 
stenz' eben das bedeuten, was man in der Psychoanalyse mit 
Küeksicht auf seine Äußerungen und pathogenen Wirkungen 
als ..unbewußt existent" bezeichnet, um auf solche Weise den 
scheinbaren Widerspruch zu erledigen. 

Wenn man sich vorhält, daß der Traum noch etwas an- 
deres ist als die latenten Traumgedanken, die er verarbeitet, 
so wird man sich nicht wundern, daß die Kranken von den 
Dingen träumen, mit denen man ihren Sinn während der Be- 
handlung erfüllt hat. sei es die , Lebensaufgabe' oder das 
,Oben- und Untensein', liewiß sind die Träume der Analy- 
sierten lenkbar, in ähnlicher Art, wie man Träume durch 
experimentell angebrachte Eeize beeinflussen kann. Man kann 
einen Teil des Materials bestimmen, welches in den Träumen 
vorkommt; am Wesen und am Mechanismus des Traumes 
wird hiedurch nielils geändert. Ich glaube auch nicht daran, 
daß die sogenannten biographischen' Träume sich außerhalb 
der Analyse ereignen. Analysiert man hingegen Träume, die 
vor der Behandlung vorgefallen sind, oder achtet man darauf, 
was der Träumer zu den ihm in der Kur gegebenen Anre- 
gungen hinzufügt, oder kann man es vermeiden, ihm solche 
Aufgaben zu stellen, so überzeugt man sich, wie ferne es 
dem Traume liegt, gerade nur Lösungs versuche der Lebens- 
aufgabe zu liefern. Der Traum ist ja nur eine Form des 
Denkens; das Verständnis dieser Form kann man nie aus 



76 



SCHUHTEN ZUIl NEl'KOSENLEllÜE IV. 



Üem Inhalt seiner Gedanken gewinnen, dazu führt nur die 
.Würdigung der Traumarbeit. 

Die faktische Widerlegung der Jungschen Mißverständ- 
nisse und Abweichungen von der Psychoanalyse ist nicht 
schwierig. Jede regelrecht ausgeführte Analyse, ganz. be- 
sonders aber jede Analyse am Kinde, bestärkt die Oberseu- 
gungen, auf denen die Theorie der PByohoanalyso ruht, und 
weist die Umdeutungen des Adlersehen wie des Jung- 
sehen Systems zurück, .hing seihst hat in der Zeil von seiner 
Erleuchtung eine solche Einderanalyse durchgeführt und 
publiziert; es ist abzuwarten, ob er eine neue Deutung der- 
selben mit Büffl einer anderen „oinheit liehen Hiehtung der 
Tatsachen" (nach dem hierauf bezüglichen Ausdruck Adlers) 
vornehmen wird. 

Die Ansicht, daß die sexuell.' Darstellung „höherer" G 
danken in Traum und Neurose niehts anderes als eine 
archaische Ausdrucksweise bedeute, ist natürlich mit dei 
Tatsache anvereinbar, daß sieh dies«- sexuellen Komplexe in 
der Neurose als dio Träger jener Libidoojiaatit&ten erweisen, 
welche dem realen Lilien entsogen worden sind. Handelte 
es sich nur um einen sexuellen Jargon, s <» könnte dadurch 
an der Ökonomie der Libido nichts geändert worden seio 
Jung selbst gesteht dies noeh in seiner „Darstellung <l<f 
psychoanalytischen Theorie" zu und formuliert, als thera- 
peutische Aufgabe, daß diesen Komplexen die Libidobesetsung 
entzogen werden solle. Dies gelingt aber niemals durch Weg- 
weisen von ihnen und Drängen zur Su Minderung, sondern 
nur durch eingehendste Beschält igung mit ihnen und durch 
öewußtmachen im vollen Umfangt), Das erste Stück der 
Realität, dem der Kranke Rechnung zu tragen hat, ist i-U'ii 
seine Krankheit. Bemühungen, ihn dieser Aufgabe zu ent- 



I. ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG. 77 



ziehen, deuten auf eine Unfähigkeit des Arztes, ihm zur Über- 
windung der Widerstände zu verhelfen, oder auf eine Scheu 
des Arztes vor den Ergebnissen dieser Arbeit. ' 

Ich möchte abschließend sagen, Jung hat mit seiner 
„Modifikation" der Psychoanalyse ein Gegenstück zum be- 
rühmten Lichtenberg sehen Messer geliefert. Er hat das 
Heft verändert und eine neue Klinge eingesetzt; weil die- 
selbe Marke darauf eingeritzt ist, sollen wir nun dies In- 
strument für das frühere halten. 

Ich glaube im Gegenteile gezeigt zu haben, daß die neue 
Lehre, welche die Psychoanalyse substituieren möchte, ein 
Aufgeben der Analyse und einen Abfall von ihr bedeutet. 
".Man wird vielleicht der Befürchtung zuneigen, daß dieser 
Abfall für ihr Schicksal verhängnisvoller werden müsse als 
ein anderer, weil er von Personen ausgeht, welche eine so 
große Bolle in der Bewegung gespielt und sie um ein so. 
großes Stück gefördert haben. Ich teile diese Befürchtung 
nicht. 

Menschen sind stark, solange sie eine starke Idee ver- 
treten; sie werden ohnmächtig, wenn sie sich ihr widersetzen. 
Die Psychoanalyse wird diesen Verlust ertragen und für diese 
Anhänger andere gewinnen. Ich kann nur mit dem Wunsche 
schließen, daß das Schicksal allen eine bequeme Auffahrt 
bescheren möge, denen der Aufenthalt in der Unterwelt der 
Psychoanalyse unbehaglich geworden ist. Den anderen möge 
es gestattet sein, ihre Arbeiten in der Tiefe unbelästigt zu 

^ f ffifcwm (Februar 1914.) 

Ende zu fuhren. s r" 






II. 



ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. •> 



I. 

Der Terminus Narzißmus sntstammi der kliiiis.h.u iv- 
Bkription und Ist von 1\ Näoke in«.)i) zur \\ eichnung jenes 
Verhaltens gewählt uiniiru, bei welchem --in [ndividuum den 
eigenen Leib in ähnlicher Weise behandeil wi( . t -Ion 

ein os Sexinilobjekts, ihn also mit sexuellem Wohig« t'.i llen 
l>. schaut, streichen, liebkost, Ml SS durch diese Vornahmen 
Mir vollen Befriedigung gelaugt. In dieser Ausbildung hat 
der Narzißmus die ltcd< Mihmg einer IVrver.sion, welche das 
gesamte Sexualleben der Person aufgesogen hat, und unter- 
liegt darum auch den Krw.-iri ungen, mit denen wir an 
Studium aller Perversionen herantreten. 

Es ist dann dST psyehonualyt i.srh.m Beobachtung auf- 
gefallen, daß einzelne Züge des nnrziütisehon Verhalten* bd 
vielen mit anderen Störungen behafteten Personen gefunden 
werden, so nach S;. «1 ■• ,• , | M -i Homosexuelle,,, und emilich 
lag die Vermutung nahe, daß eine all Naraißmua eu beseich- 
nendc Unterbringung <U-r Libido in viel weiterem l'mfang 
in Betracht kommen und eine Stelle in der regulären Sext 
entwieklung des Menschen beanspruchen könnte.**) Auf die 

*) Jahrbuch der l'syclio.'iiuily:..., IM VI, l'.UI 
**) 0. Hiuik, Kin BcilniK /.um N;imUmim. DfttM Jahrbuch, Bd III 
1911. 



IL ZVR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 79 



nämliche Vermutung kam man von den Schwierigkeiten der 
j sychoanaly tischen Arbeit an Neurotikern her, denn es schien, 
als ob ein solches narzißtisches Verhalten derselben eine 
der Grenzen ihrer Beeinflußbarkeit herstellte. Narzißmus in 
diesem Sinne wäre keine Perversion, sondern die libidinöse 
Ergänzung zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes, von 
dem jedem Lebewesen mit Recht ein Stück zugeschrieben 
wird. 

Ein dringendes Motiv, sich mit der Vorstellung eines 
primären und normalen Narzißmus zu beschäftigen, ergab 
sieh, als der Versuch unternommen wurde, das Verständnis 
der Dementia praecox (Kraepelin) oder -Schizophrenie 
(Bleuler) unter die Voraussetzung der Libidotheoric zu 
bringen. Zwei fundamentale Charakterzüge zeigen solche 
Kranke, die ich vorgeschlagen habe als Paraphreniker zu be- 
zeichnen : den Größenwahn und die Abwendung ihres Inter- 
esses von der Außenwelt (Personen und Dingen). Infolge der 
Letzteren Veränderung entziehen sie sich der Beeinflussung 
durch die Psychoanalyse, werden sie für unsere Bemühungen 
unheilbar. Die Abwendung des Paraphrenikers von der Außen- 
welt bedarf aber einer genaueren Kennzeichnung. Auch der 
Hysteriker und Zwangsneurotiker hat, soweit seine Krank- 
heit reicht, die Beziehung zur Realität aufgegeben. Die 
Analyse zeigt aber, daß er die erotische Beziehung zu Per- 
sonen und Dingen keineswegs aufgehoben hat. Er hält sie 
noch in der Phantasie fest, d. h. er hat einerseits die realen 
Objekte durch imaginäre seiner Erinnerung ersetzt oder sie 
mit ihnen vermengt, anderseits darauf verzichtet, die moto- 
rischen Aktionen zur Erreichung seiner Ziele an diesen Ob- 
jekten einzuleiten. Für diesen Zustand der Libido sollte man 
allein den von Jung ohne Unterscheidung gebrauchten Aus- 
druck: Introversion der Libido gelten lassen. Anders der 






80 8CHKIFTJSN ZUR NEUROSKNLKHKK IV. 

Paraphrenikcr. Dieser scheint seine Libido von den Personen 
und Dingen der Außenwelt wirklich zurückgezogen zu haben, 
ohne diese durch andere in seiner Phantasie zu ersetzen. Wo 
dies dann geschieht, scheint es sekundär zu sein und einem 
Heilungsversuch anzugehören, welcher die Libido zum Ob- 
jekt zurückführen will.*) 

Es entsteht die Frage: Welches ist das Schicksal der 
den Objekten entzogenen Libido bei der Schizophrenie? Der 
Größenwahn dieser Zustände w ist hier den Weg. Er ist wohl 
auf Kosten der Objektlibido entstanden. Die der Außenwelt 
entzogene Libido ist dorn Ich zugeführt worden, so daß ein 
Verhalten entstand, welches wir Narzißmus beißen können. 
Der Größenwahn selbst ist aber keine Neuschöpfung, son- 
dern, wie wir wissen, die Vergrößerung und Verdeutlichung 
eines Zaistandos. der schon vorher bestanden hatte. Somit 
werden wir dazu geführt, den Narzißmus, der durch Ein- 
beziehung der Objekt beset zungen entsteht, als «-inen sekun- 
dären aufzufassen, welcher sich über einen primären, durch 
mannigfache Einflüsse verdunkelten aufbaut. 

Ich bemerke nochmals, daß ich hier keine Klärung oder 
Vertiefung des Schizophrenieproblems gclnn will, sondern 
nur zusammentrage, was bereits an anderen Stellen gesagt 
worden ist, um eine Einführung des Narzißmus zu recht- 
fertigen. 

Ein dritter Zufluß zu dieser, wie ioh meine, legitimen 
Weiterbildung der Libidotheorio ergibt, sich aus unseren 
Beobachtungen und Auffassung, n des Seelenlebens von pri- 



*) Vgl. für dicae Aufstellungen die Diskussion dos „Weltuntergänge«" 
in der Anulyso dos SonftUtprä-Hidenten Sohreber, diese« Jahrbuch, Dd. 111, 
1911. Ferner: Abraham, Die pnychosexuelleü Differenzen der Hyatcri« 
und der Dementia praecox. Zentralbl. f. Nerveuli. u. Psychiatric 1908. 






n. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 81 



mitiven Völkern und von Kindern. Wir finden bei diesen 
ersteren Züge, welche, wenn sie vereinzelt wären, dem Größen- 
wahn zugerechnet werden könnten, eine Überschätzung der 
Macht ihrer Wünsche und psychischen Akte, die „Allmacht 
der Gedanken", einen Glauben an die Zauberkraft der Worte, 
eine Technik gegen die Außenwelt, die „Magie", welche als 
konsequente Anwendung dieser größensüchtigen Voraussetzun- 
gen erscheint.*) Wir erwarten eine ganz analoge Einstellung 
zur Außenwelt beim Kinde unserer Zeit, dessen Entwicklung 
für uns weit undurchsichtiger ist.**) Wir bilden so die Vor- 
stellung einer ursprünglichen Libidobesetzung des Ichs, von 
der später an die Objekte abgegeben wird, die aber, im 
Grunde genommen, verbleibt und sich zu den Objektbesetzun- 
gen verhält wie der Körper eines Protoplasmatierchens zu 
den von ihm ausgeschickten Pseudopodien. Dieses Stück der 
Libidounterbringung mußte für unsere von den neurotischen 
Symptomen ausgehende Forschung zunächst verdeckt bleiben. 
Die Emanationen dieser Libido, die Objektbesetzungen, die 
ausgeschickt und wieder zurückgezogen werden können, wur- 
den uns allein auffällig. Wir sehen auch im groben einen 
Gegensatz zwischen der Ichlibido und der Objektlibido. Je 
mehr die eine verbraucht, desto mehr verarmt die andere. 
Als die höchste Entwicklungsphase, zu der es die letztere 
bringt, erscheint uns der Zustand der Verliebtheit, der sich 
uns wie ein Aufgeben der eigenen Persönlichkeit gegen die 
Objektbesetzung darstellt und seinen Gegensatz in der Phan- 
tasie (oder Selbstwahrnehmung) der Paranoiker vom Welt- 

"~*7siehe die entsprechenden Abschnitte in meinem Euch „Totem 

und Tabu", 1913. 

*♦) S. Ferenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Intern. 

Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 1, 1913. 

g 
Freud, Neuroaenlehre. IV. 



82 SCHRIFTEN ZUR NEUROSEN LEHRE. IV. 



Untergang findet.*) Endlich folgern wir für die Unterschei- 
dung der psychischen Energien, daß sie zunächst im Zustande 
des Narzißmus beisammen und für unsere grobe Analyse un- 
unterscheidbar sind, und daß es erst mit der Objektbesetzung 
möglich wird, eine Sexualenergie, die Libido, von einer Energie 
der Ichtriebe zu unterscheiden. 

Ehe ich weiter gehe, muß ich zwei Fragen berühren, 
welche mitten in die Schwierigkeiten des Themas leiten. 
Erstens: Wie verhält sich der Narzißmus, von dem wir jetzt 
handeln, zum Autocrotismus, den wir, als einen Frühzustand 
der Libido beschrieben haben? Zweitens: Wenn wir dem 
Ich eine primäre Besetzung mit Libido zuerkennen, wozu ist 
es überhaupt noch nötig, eine sexuelle Libido von einer nicht 
sexuellen Energie der Ichtriebe zu trennen? Würde die Zu- 
grundelegung einer einheitlichen psychischen Energie nicht 
alle Schwierigkeiten der Sonderung von Ichtricbener»io und 
Ichlibido, Ichlibido und Objcktlibido ersparen? Zur erst, u 
Frage bemerke ich: Es ist eine notwendige Annahme, daß 
eine dem Ich vergleichbare Einheit nicht von Anfang an 
im Individuum vorhanden ist; das Ich muß entwickelt 
werden. Die autoerotischen Triebe sind aber uranfänglich ; 
es muß also irgend etwas zum Autocrotismus hinzukommen, 
eine neue psychische Aktion, um den Narzißmus zu ge- 
stalten. , 

Die Aufforderung, die zweite Frage in entschiedener 
Weise zu beantworten, muß bei jedem Psychoanalytiker ein 
merkliches Unbehagen erwecken. Man wehrt sich gegen daa 
Gefühl, die Beobachtung für sterile theoretische Streitig- 

*) Es gibt zwei Mechanismen dioacs Weltunterganges, wenn alle 
Libidobosotzung auf das gcliobto Objekt abströmt, und wonu alle in 
das Ich zurückfließt. 



II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 83 

keiten zu verlassen, darf sich dem Versuch einer Klärung 
aber doch nicht entziehen. Gewiß sind Vorstellungen wie die 
einer Ichlibido, Ichtriebenergie usw., weder besonders klar 
faßbar noch inhaltsreich genug; eine spekulative Theorie der 
betreffenden, Beziehungen würde vor allem einen scharf um- 
schriebenen Begriff zur Grundlage gewinnen wollen. Allein 
ich meine, das ist eben der Unterschied zwischen einer spe- 
kulativen Theorie und einer auf Deutung der Empirie ge- 
bauten Wissenschaft. Die letztere wird der Spekulation das 
Vorrecht einer glatten, logisch unantastbaren Fundamen- 
tierung nicht neiden, sondern sich mit nebelhaft verschwin- 
denden, kaum vorstellbaren Grundgedanken gerne begnügen, 
die sie im Laufe ihrer Entwicklung klarer zu erfassen hofft, 
eventuell auch gegen andere einzutauschen bereit ist. Diese 
Ideen sind nämlich nicht das Fundament der Wissenschaft, 
auf dem alles ruht; dies ist vielmehr allein die Beobachtung. 
Sie sind nicht das Unterste, sondern das Oberste des ganzen 
Baues und können ohne Schaden ersetzt und abgetragen wer- 
den. Wir erleben dergleichen in unseren Tagen wiederum an 
der Physik, deren Grundanschauungen über Materie, Kraft- 
zentren, Anziehung u. dgl. kaum weniger bedenklich sind als 
die entsprechenden der Psychoanalyse. 

Der Wert der Begriffe : Ichlibido, Objektlibido liegt darin, 
daß sie aus der Verarbeitung der intimen Charaktere neu- 
rotischer und psychotischer Vorgänge stammen. Die Son- 
derung der Libido in eine solche, die dem Ich eigen ist, 
und eine, die den Objekten angehängt wird, ist eine uner- 
läßliche Fortführung einer ersten Annahme, welche Sexual- 
triebe und Ichtriebe voneinander schied. Dazu nötigte mich 
wenigstens die Analyse der reinen Übertragungsneurosen 
(Hysterie und Zwang), und ich weiß nur, daß alle Versuche, 

6* 



84 



KdlKIFTKN ZUK NEUUOSKNI.KIIKK. IV. 



von diesen Phänomenen mit ;m<leivn Mitteln Rechenschaft 
zu geben, •.•.■rundlich mißlungen sind. 

Bei dem völligen Mangel einer irgendwie orientierenden 
Trieblehre ist es gestattet oder besser gelwten, zunächst 
irgend eine Annahme in konsequenicr Durchführung SU er- 
proben, bis sie versagt oder sich bewährt, ffüi die Annahme 
einer ursprünglichen Sonderung von Sexualtrieben nnd an- 
deren lohtrieben sprioht nun mancherlei nebst ihrer Brauch- 
barkeit für die Analyse der Übertragungsneurosen. Ich gebe 
zu, daß dieses Moment allein nicht unzweideutig wäre, denn 
es könnte sich um indifferente psychische Energie handeln, 
die erst durch den Akt der Objoktbesetzimg zur Libido wird. 
Aber diese begriffliche Scheidung entspricht erstens der 
populär so geläufigen Trennung von Hunger und Liebe. Zwei- 
tens machen sich biologische Rücksichten zu ihren Gun- 
sten geltend. Das Individuum führt wirklieh «ine Doppelt 
existenz als sein Selbstzweck und als Glied in einer K.ttr. 
der es gegen, jedenfalls ohne seinen Willen dienstbar ist. Es 
hält selbst die .Sexualität für eine seiner Absichten, während 
eine andere Betrachtung zeigt, daß es nur ein Anhängsel 
an sein Keimplasma ist, dem es seine Kräfte gegen eine 
Lustprämie zur Verfügung stellt, der sterbliche Träger einet 
— vielleicht — unsterblichen Substanz, wie ein Majorats- 
herr nur der jeweilige Inhaber einer ihn überdauernden In- 
stitution. Die Sonderung der Sexualtriebe von den Ichtrieben 
würde nur diese doppelte Funktion des Individuums spiegeln. 
Drittens muß man sich daran erinnern, daß all unsere psycho- 
logischen Vorläufigkeiten einmal auf den Boden organischer 
Träger gestellt werden sollen. Es wird dann wahrscheinlich, 
daß es besondere Stoffe und chemische Prozesse sind, welche 
die Wirkungen der Sexualität ausüben und die Fortsetzung 



IL ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 85 



des individuellen Lebens in das der Art vermitteln. Dieser 
Wahrscheinlichkeit tragen wir Rechnung, indem wir die be- 
sonderen chemischen Stoffe durch besondere psychische Kräfte 

substituieren. 

Gerade weil ich sonst bemüht bin, alles andersartige, 
auch das biologische Denken, von der Psychologie ferne zu 
halten, will ich an dieser Stelle ausdrücklich zugestehen, daß 
die Annahme gesonderter Ich- und Sexualtriebe, also die 
Libidotheorie, zum wenigsten auf psychologischem Grunde 
ruht, wesentlich biologisch gestützt ist. Ich werde also auch 
konsequent genug sein, diese Annahme fallen zu lassen, wenn 
sich aus der psychoanalytischen Arbeit selbst eine andere 
Voraussetzung über die Triebe als die besser verwertbare 
erheben würde. Dies ist bisher nicht der Fall gewesen. Es 
mag dann sein, daß die Sexualenergie, die Libido — im 
tiefsten Grund und in letzter Ferne — nur ein Differen- 
zierung sprodukt der sonst in der Psyche wirkenden Energie- 
ist. Aber eine solche Behauptung ist nicht belangreich. Sie 
bezieht sich auf Dinge, die bereits so weit weg sind von den 
Problemen unserer Beobachtung und so wenig Kenntmsinhalt 
haben, daß es ebenso müßig ist, sie zu bestreiten, wie sie 
zu verwerten; möglicherweise hat diese Uridentität mit un- 
seren analytischen Interessen so wenig zu tun wie die Ur- 
verwandtschaft aller Menschenrassen mit dem Nachweis der 
von der Erbschaftsbehörde geforderten Verwandtschaft mit 
dem Erblasser. Wir kommen mit all diesen Spekulationen 
• mc da wir nicht warten können, bis uns die Ent- 

ä*«* - ^ ■— wissens r: 

"sinkt werden, ist es weit zweckmäßiger Z u versuch n, 
welches Licht durch eiue Synthese der psychogenen Pha- 
a„f jene biologischen Qrundrätsel geworfen werden 



nomene 






86 SCHRIFTEN ZUR NEUUOSENLEIIRK. IV. 

kann. Machen wir uns mit der Möglichkeit des Irrtums ver- 
traut, aber lassen wir uns nicht abhalten, die ersterw&hlte 
Annahme eines Gegensatzes von loh- und Sexualtrieben, die 
sich uns durch die Analyse der Übertragungsneurosen auf- 
gedrängt hat, konsequent fortzuführen, ob sie sich wider« 
spruchsfrei und fruchtbringend entwickeln und auch auf 
andere Affektionen, z. B. die Schizophrenie, anwenden läßt. 
Anders stünde es natürlich, wenn der Beweis erbracht 
wäre, daß die Libidotheorie an der Erklärung der letzt- 
genannten Krankheit bereits gescheitert ist. ('. (i. Jung hat 
diese Behauptung aufgestellt*) und mich dadurch zu den 
letzten Ausführungen, die ich mir gern erspart hätte, ge- 
nötigt. Ich hätte es vorgezogen, den in der Analyse des 
Falles Schrcbcr betretenen Weg unter Stillschweigen über 
dessen Voraussetzungen bis zum Endo zu gehen. Die Be- 
hauptung von Jung ist aber zum mindesten eine Voreiligkeit. 
Seine Begründungen sind spärlich. Kr beruft sieh zunächst 
auf mein eigenes Zeugnis, daß ioh selbst mich genötigt ge- 
sehen habe, angesichts der Schwierigkeiten der Schrebcr- 
anaJyse den Begriff der Libido zu erweitern, d. h. seinen 
sexuellen Inhalt aufzugeben, Libido mit psychischem Inter- 
esse überhaupt zusammenfallen zu lassen. Was zur flichtig- 
stellung dieser Fehldeutung zu sagen ist, hat Fercnczi in 
einer gründlichen Kritik der Jungschen Arbeit bereits vor- 

i^Co-L vorgebracht.**) Ich kann dem Kritiker nur lx-ipflichten und 
kj^^. wiederholen, daß ich keinen derartigen Verzicht auf die 

^^ j0 l^^y Libidotheorie ausgesprochen habe. Ein weiteres Argument 
^sfi^ von Jung, es sei nicht anzunehmen, daß der Verlust der 

*) Wandlungen und Symbole der Libido. Dicsoi Juhrbuch, Dd. IV, 
k » 1912. 

**) Intern. Zeitscbr. f. ärztl. Tsyclwanalysc, 84, I, 1013. 






r 



II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 87 



normalen Eealfunktion allein durch die Zurückziehung der 
Libido verursacht werden könne, ist kein Argument, sondern 
ein Dekret; it begs the question, es nimmt die Entscheidung 
vorweg und erspart die Diskussion, denn ob und wie das 
möglich ist, sollte eben untersucht werden. In seiner nächsten 
großen Arbeit*) ist Jung an der von mir längst angedeu- 
teten Lösung knapp vorbeigekommen: „Dabei ist nun aller- 
dings noch in Betracht zu ziehen — worauf übrigens Freud 
in seiner Arbeit in dem S ehr eb er sehen Falle Bezug nimmt 
— , daß die Introversion der Libido scxualis zu einer Be- 
setzung des „Ich" führt, wodurch möglicherweise jener Effekt 
des Realitätsverlustes herausgebracht wird. Es ist in der 
Tat eine verlockende Möglichkeit, die Psychologie des Reali- 
tätsverlustes in dieser Art zu erklären." Allein Jung läßt 
sich mit dieser Möglichkeit nicht viel weiter ein. Wenige 
Seiten später tut er sie mit der Bemerkung ab, daß aus 
dieser Bedingung „die Psychologie eines asketischen Ana- 
choreten hervorgehen würde, nicht aber eine Dementia prae- 
cox". Wie wenig dieser ungeeignete Vergleich eine Entschei- 
dung bringen kann, mag die Bemerkung lehren, daß ein solcher 
Anachoret, der „jede Spur von Sexualinteresse auszurotten 
bestrebt ist" (doch nur im populären Sinne des Wortes 
„sexual"), nicht einmal eine pathogene Unterbringung der 
Libido aufzuweisen braucht. Er mag sein sexuelles Interesse 
von den Menschen gänzlich abgewendet und kann es doch 
zum gesteigerten Interesse für Göttliches, Natürliches, Tie- 
risches sublimiert haben, ohne einer Introversion seiner 
Libido auf seine Phantasien oder einer Rückkehr derselben 
zu seinem Ich verfallen zu sein. Es scheint, daß dieser Ver- 



*) Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie, dieses 
Jahrbuch, Bd. V, 1913. 






3g SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLKHKK. IV. 

gleich" die mögliche Unterscheidung vom Interesse aus ero- 
tischen Quellen und anderen von vornherein vernachlässigt. 
Erinnern wir uns ferner daran, daß die Untersuchungen der 
Schweizer Schule trotz all ihrer Verdienstlichkeit doch nur 
über zwei Punkte im Bilde der Dementia praecox Aufklärung 
gebracht haben, über die Existenz der von Gesunden wie von 
Neurotikern bekannten Komplexo und über die Ähnlichkeit 
ihrer Phantasiebildungcn mit den Völkerrnythen, auf den 
Mechanismus der Erkrankung aber sonst kein Licht werfen 
konnten, so werden wir die Behauptung Jungs zurückweisen 
können, daß die Libidotheorio an der Bewältigung der De- 
mentia praecox gescheitert und damit auch für die anderen 
Neurosen erledigt sei. 

II. 

Ein direktes Studium des Narzißmus scheint mir durch 
besondere Schwierigkeiten verwehrt zu sein. Der Ilaupizugang 
dazu wird wohl die Anal'yso der Paraphrenien l»l. -i I x-n. Wie 
die Übertragungsneurosen uns die Verfolgung der libidinösen 
Triebregungen ermöglicht haben, so werden uns die Dementia 
praecox und Paranoia die Einsicht in die Ichpsychologio 
gestatten. Wiederum werden wir das anscheinend Einfache 
des Normalen aus den Verzerrungen und Vergröberungen des 
Pathologischen erraten müssen. Immerhin bleiben uns einige 
andere Wege offen, um uns der Kenntnis des Narzißmus an- 
zunähern, die ich nun der Reiho nach beschreiben will: Die 
Betrachtung der organischen Krankheit, der Hypochondrie 
und des Liebeslebens der Geschlechter. 

Mit der Würdigung des Einflusses organischer Krankheit 
auf die Libidoverteilung folge ich einer mündlichen Anre- 
gung von S. Ferenczi. Es ist allgemein bekannt und er- 
scheint uns selbstverständlich, daß der von organischen 







II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 89 

Schmerz und Mißempfindungen Gepeinigte das Interesse an 
den Dingen der Außenwelt, soweit sie nicht sein Leiden be- 
treffen, aufgibt. Genauere Beobachtung lehrt, daß er auch 
das libidinöse Interesse von seinen Liebesobjekten zurück- 
zieht, aufhört zu lieben, solange er leidet. Die Banalität 
dieser Tatsache braucht uns nicht abzuhalten, ihr eine Über- 
setzung in die Ausdrucksweise der Libidothcorie zu geben. 
Wir würden dann sagen: Der Kranke zieht seine Libido- 
besetzungen auf sein Ich zurück, um sie nach der Genesung 
wieder auszusenden. „Einzig in der engen Höhle", sagt W. 
Busch vom zahnschmerzkranken Dichter, „des Backen- 
zahnes weilt die Seele." Libido und Ichinteresse haben da- 
bei das gleiche Schicksal und sind wiederum voneinander 
nicht unterscheidbar. Der bekannte Egoismus der Kranken 
deckt beides. Wir finden ihn so selbstverständlich, weil wir 
gewiß sind, uns im gleichen Falle ebenso zu verhalten. Das 
Verscheuchen noch so intensiver Liebesbereitschaft durch 
körperliche Störungen, der plötzliche Ersatz derselben durch 
völlige Gleichgültigkeit, findet in der Komik entsprechende 
Ausnützung. ! 

Ähnlich wie die Krankheit bedeutet auch der Schlaf- 
Eustand ein narzißtisches Zurückziehen der Libidopositionen 
auf die eigene Person, des Genaueren, auf den einen Wunsch, 
zu schlafen. Der Egoismus der Träume fügt sich wohl in 
diesen Zusammenhang ein. In beiden Fällen sehen wir, wenn 
auch nichts anderes, Beispiele von Veränderungen der Libido- 
verteilung infolge von Ichveränderung. 

Die Hypochrondxie äußert sich wie das organische Krank- 
sein in peinlichen und schmerzhaften Körperempfindungen 
und trifft auch in der Wirkung auf die Libidoverteilung mit 
ihm zusammen. Der Hypochondrische zieht Interesse wie 



90 



SCUKIFTKN /Mi NKUKOSKN LEMKE. IV. 



Libido — die letztere besonders deutlich — von den Objekten 
der Außenwelt zurück und konzentriert beides auf das ihn 
beschäftigende Organ. Ein Unterschied zwischen Hypo- 
chondrie und organischer Krankheit drängt sich nun vor: 
im letzteren Falle sind die peinlichen Sensationen durch 
nachweisbare Veränderungen begründet, im enteren Falle 
nicht. Es würde aber ganz in den Rahmen unserer sonstigen 
Auffassung der NcurosenvorgäniM- passen, w.-nn wir uns ent- 
schließen würden zu sagen : Die Hypochondrie muß recht 
haben, die Organveränderungen dürfen auch bei ihr nicht 
fehlen. Worin bestünden sie nun? 

Wir wollen uns hier durch die Erfahrung bestimmen 
lassen, daß Körpersensationen unlustigcr Art, den hy]«ochon- 
drischen vergleichbar, auch bei den anderen Neurosen nicht 
fehlen. Ich habe schon früher einmal die Neigung ausge- 
sprochen, die Ilyjwchondrie als dritte Aktualneurose neben 
die Neurasthenie und die Angstneurosc hinzustellen. Man geht 
wahrscheinlich nicht zu weit, wenn man es so darstellt, als 
wäre regelmäßig bei den anderen Neurosen auch ein Stück- 
chen Hypochondrie mitausgebildet. Am schönsten sieht man 
dies wohl bei der Angstneurose und der sie ül erbauenden 
Hysterie. Nun ist das uns bekannte Vorbild des schmerzhaft 
empfindlichen, irgendwie veränderten und doch nicht im ge- 
wöhnlichen Sinne kranken Organs das Genitale in seinen 
Erregungszuständen. Es wird dann blutdurchströmt, ge- 
schwellt, durchfeuchtet und der Sitz mannigfaltiger Sensa- 
tionen. Nennen wir die Tätigkeit einer Körpcrstello, sexuell er- 
regende Reize ins Seelenleben zu schicken, ihre Erogeucität 
und denken daran, daß wir durch die Erwägungen der Sexual- 
theorie längst an die Auffassung gewöhnt sind, gewisse an- 
dere Körpcrst eilen — die crogeneu Zonen — könnten die 



II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 91 

Genitalien vertreten und sich ihnen analog verhalten, so 
haben wir hier nur einen Schritt weiter zu wagen. Wir können 
uns entschließen, die Erogeneität als allgemeine Eigenschaft 
aller Organe anzusehen, und dürfen dann von der Steigerung 
oder Herabsetzung derselben an einem bestimmten Körper- 
teile sprechen. Jeder solchen Veränderung der Erogeneität 
in den Organen könnte eine Veränderung der Libidobesetzung 
im Ich parallel gehen. In solchen Momenten hätten wir das 
zu suchen, was wir der Hypochondrie zu Grunde legen, und 
was die nämliche Einwirkung auf die Libidoverteilung haben 
kann wie die materielle Erkrankung der Organe. 

Wir merken, wenn wir diesen Gedankengang fortsetzen, 
stoßen wir auf das Problem nicht nur der Hypochondrie, 
sondern auch der anderen Aktualneurosen, der Neurasthenie 
und der Angstneurose. Wir wollen darum an dieser Stelle 
halt machen ; es liegt nicht in der Absicht einer rein psycho- 
logischen Untersuchung, die Grenze so weit ins Gebiet der 
physiologischen Forschung zu überschreiten. Es sei nur er- 
wähnt, daß sich von hier aus vermuten läßt, die Hypo- 
chondrie stehe in einem ähnlichen Verhältnis zur Paraphrenie 
wie die anderen Aktualneurosen zur Hysterie und Zwangs- 
neurose, hänge also von der Ichlibido ab, wie die anderen 
von der Objektlibido ; die hypochondrische Angst sei das 
Gegenstück von der Ichlibido her zur neurotischen Angst. 
Ferner: Wenn wir mit der Vorstellung bereits vertraut sind, 
den Mechanismus der Erkrankung und Symptombildung bei 
den Übertragungsneurosen, den Fortschritt von der Intro- 
version zur Regression, an eine Stauung der Objektlibido zu 
knüpfen,*) so dürfen wir auch der Vorstellung einer Stauung 

*) Vgl. „Über neurotische Erkrankungs typen" ia Sammlung kleiner. 
Schriften zur Neurosenlehre, Dritte Folge, 1913. 



92 



SCHUHTEN ZUR NBUR08ENLEHRB. IV. 



der Ichlibido nähertreten und sie in Beziehung zu den Phä- 
nomenen der Hypochondrie und der Paraphrenie bringen. 

Natürlich wird unsere Wißbegierde hier die Frage auf- 
werfen, warum eine solche Libidostauung im Ich als unlust- 
voll empfunden werden muß. Ich möchte micli da mit der 
Antwort begnügen, daß Unlust überhaupt der Ausdruck der 
höheren Spannung ist, daß es also eine Quantität des mate- 
riellen Geschehens ist, die sich hier wie anderwärts in die 
psychische Qualität der Unlust umsetzt; für dio Unlust- 
entwicklung mag dann immerhin nicht die absolute Größe 
jenes materiellen Vorganges entscheidend sein, sondern eher 
eine gewisse Funktion dieser absoluten Größe. Von hier aus 
mag man. es selbst wagen, an die Frage heranzutreten, wo- 
her denn überhaupt die Nötigung für das Seelenleben rührt, 
über die Grenzen des Narzißmus hinauszugehen und die Libido 
auf Objekte zu setzen. Dio aus unserem Gedankengang ab- 
folgende Antwort würde wiederum sagen, diese Nötigung 
trete ein, wenn die Ichbesetzung mit Libido ein gewisses Maß 
überschritten habe. Ein starker Egoismus schützt vor Fr- 
krankung, aber endlich muß man beginnen zu lieben, um 
nicht krank zu werden, und muß erkranken, wenn man in- 
folge von Versagung nicht lieben kann. Etwa nach dem Vor- 
bild, wie sich H. Heine die Psychogcnese der Weltschöpf uug 

vorstellt: „Krankheit ist wohl der lotate Urund 

Des ganzen Schöpferdrangs gewesen ; 
Erschaffend konnte ich genesen, 
Erschaffend wurde ich gesund. " 

Wir haben in unserem seelischen Apparat vor allem ein 
Mittel erkannt, welchem dio Bewältigung von Erregungen 
übertragen ist, die sonst peinlich empfunden oder pathogen 
wirksam würden. Die psychische Bearbeitung leistet Außer- 



IL ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 93 

ordentliches für die innere Ableitung von Erregungen, die 
einer unmittelbaren äußeren Abfuhr nicht fähig sind, oder 
für die eine solche nicht augenblicklich wünschenswert wäre. 
Tür eine solche innere Verarbeitung ist es aber zunächst 
gleichgültig, ob sie an realen oder an iniaginierten Objekten 
geschieht. Der Unterschied zeigt sich erst später, wenn die 
Wendung der Libido auf die irrealen Objekte (Introversion) 
zu einer Libidostauung geführt hat. Eine ähnliche innere 
Verarbeitung der ins Ich zurückgekehrten Libido gestattet 
bei den Paraphrenien der Größenwahn; vielleicht wird erst 
nach seinem Versagen die Libidostauung im Ich pathogen 
und regt den Heihmgsprozeß an, der uns als Krankheit im- 
poniert. 

Ich versuche an dieser Stelle, einige kleine Schritte weit 
in den Mechanismus der Paraphrenie einzudringen, und stelle 
die Auffassungen zusammen, welche mir schon heute be- 
achtenswert erscheinen. Den Unterschied dieser Affektionen 
von den Übertragungsneurosen verlege ich in den Umstand, 
daß die durch Versagung frei gewordene Libido nicht bei 
Objekten in der Phantasie bleibt, sondern sich aufs Ich zu- 
rückzieht; der Größenwahn entspricht dann der psychischen 
Bewältigung dieser Libidomenge, also der Introversion auf 
die Phantasiebildungen bei den Übertragungsneurosen; dem 
Versagen dieser psychischen Leistung entspringt die Hypo- 
chondrie der Paraphrenie, welche der Angst der Übertragungs- 
neurosen homolog ist, Wir wissen, daß diese Angst durch 
weitere psychische Bearbeitung ablösbar ist, also durch Kon- 
version, Reaktionsbildung, Schutzbildung (Phobie). Diese 
Stellung nimmt bei den Paraphrenien der Restitutions versuch 
ein, dem wir die auffälligen Krankheitserscheinungen danken. 
Da die Paraphrenie häufig — wenn nicht zumeist — eine 



94 



SCIIÜ1FTKN /.Uli NEUKOSKNLKIINK. IV. 



bloß partielle Ablösung der Libido von den Objekten mit 
sich bringt, so ließen sich in ihrem Bilde drei Gruppen von 
Erscheinungen sondern: 1. Die der erhaltenen Normalität 
oder Neurose (Resterscheinungen), 2. dio des Krankheit s- 
prozesses (der Ablösung der Libido von den Objekten, cl 
der Größenwahn, die Hypochondrie, die Affekt Störung, alle 
Regressionen), 3. die der Restitution, wclehc nach Art einer 
Hysterie (Dementia praecox, eigentliche Paraphrenie) oder 
einer Zwangsneurose (Paranoia) die Libido wieder an die 
Objekte heftet. Diese neuerliche Libidobcset/ung geschieh i 
von einem anderen Niveau her, unter anderen Bedingungen 
als die primäre. Dio Differenz der bei ihr geschaffenen 
Übertragungsncuios. n von den entsprechenden Bildung« n 
normalen Ichs müßte die tiefste Einsieht, in die Struktur 
unseres seelischen Apparates vermitteln können. 

Einen dritten Zugang zum Studium <hs Narzißmus ge- 
stattet das Licbcsleben der Menschen in seiner verschieden- 
artigen Differenzierung bei Mann und Weib. Ahnlieh, wie 
die Objektlibido unserer Beobachtung zuerst' die Ichlibido ver- 
deckt hat, so haben wir auch bei der Objektwahl des Kindes 
(und Heranwachsenden) zuerst gemerkt, daß es seine Sexual- 
objekte seinen Befricdigungscrlebnissen entnimmt. Die ersten 
autoerotischen sexuellen Befriedigungen werden im Anschluß 

an lebenswichtige, der Selbsterhaltung dienende Funktionen 
erlebt. Die Sexualtriebe lehnen sich zunächst an die Befrie- 
digung der lchtriebc an, machen sich erst später von den 
letzteren selbständig; die Anlehnung zeigt sieh al er noch darin, 
daß die Personen, welche mit der Ernährung, Pflege, dem 
Schutz des Kindes zu tun haben, zu den ersten Sexualobjekt SB 
werden, also zunächst die Mutter oder ihr Ersatz. Neben die- 




H. ZUR EINFÜHRUNG DE S NARZISSMUS. 95. 

sem Typus und dieser Quelle der Objektwahl, den man den 
Anlehnungstypus heißen kann, hat uns aber die analytische 
Forschung einen zweiten kennen gelehrt, den zu finden wir 
nicht vorbereitet waren. Wir haben, besonders deutlich bei 
Personen, deren Libidoentwicklung eine Störung erfahren hat, 
wie bei Perversen und Homosexuellen gefunden, daß sie ihr 
späteres Liebesobjekt nicht nach dem Vorbild der Mutter 
wählen, sondern nach dem ihrer eigenen Person. Sie suchen 
offenkundigerweise sich selbst als Liebesobjekt, zeigen den 
narzißtisch zu nennenden Typus der Objektwahl. In dieser 
Beobachtung ist das stärkste Motiv zu erkennen, welches uns 
zur Annahme des Narzißmus genötigt hat. 

Wir haben nun nicht geschlossen, daß die Menschen in 
zwei scharf geschiedene Gruppen zerfallen, je nachdem sie 
den Anlelmungs- oder den narzißtischen Typus der Objekt- 
wahl haben, sondern ziehen die Annahme vor, daß jedem Men- 
schen beide Wege zur Objektwahl offen stehen, wobei der eine 
oder der andere bevorzugt werden kann. Wir sagen, der 
Mensch habe zwei ursprüngliche Sexualobjekte : sich selbst 
uud das pflegende Weib, und setzen dabei den primären Nar- 
zißmus jedes Meuschen voraus, der eventuell in seiner Objekt- 
wahl dominierend zum Ausdruck kommen kann. 

Die Vergleichung von Manu und Weib zeigt dann, daß 
sieh in deren Verhältnis zum Typus der Objektwahl funda- 
mentale, wenn auch natürlich nicht regelmäßige Unter- 
schiede ergeben. Die volle Objektliebe nach dem Anlehnungs- 
typus ist eigentlich für den Mann charakteristisch. Sie zeigt 
die auffällige Sexualüberschätzung, welche wohl dem ur- 
sprünglichen Narzißmus des Kindes entstammt und somit einer 
Übertragung desselben auf das Sexualobjekt enl spricht. Diese 
Sexualüberschätzung gestattet die Entstehung des eigentüm- 



96 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSKNI.KHKK. IV. 



liehen, an neurotischen Zwang mahnenden Zustandes der Ver- 
liebtheit, der sich so auf eine Verarmung des Ichs an Libido 
zu Gunsten des Objektes zurückführt. Anders gestallet sieh 
die Entwicklung bei dem häufigsten, wahrscheinlich reinsten 
und echtesten Typus des Weibes. Hier scheint mit der Puber- 
tätsentwicklung durch die Ausbildung der bis dahin latenten 
weiblichen SexuaJorgane eine Steigerung des ursprünglichen 
Narzißmus aufzutreten, welche der Gestaltung einer ordent- 
lichen, mit Scxualüborschüizung ausgestatteten Objcktliebe 
ungünstig ist. Es stellt sich besonders im Falle der Entwick- 
lung zur Schönheit eine »Selbstgenügsamkeit des Weihes her. 
welche das Weib für die ihm sozial verkümmerte Freiheit 
der Objektwahl entschädigt. Solehe Frauen lieben, streng 
genommen, nur sich selbst mit ähnlicher Intensität, wie der 
Mann sie liebt. Ihr Bedürfnis geht auch nicht dahin tu lieben, 
sondern geliebt zu werden, und sie lassen sich den Mann ge- 
fallen, welcher diese Bedingung erfüllt. Die Hvdeutung dieses 
Frauentypus für das Liebcsleben der Menschen ist sehr hoch 
einzuschätzen. Solche Frauen üben den größten Heiz auf die 
Männer aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen, weil sie 
gewöhnlich die schönsten sind, sondern auch infolge inter- 
essanter psychologischer Konstellationen. Ms erscheint näm- 
lich deutlich erkennbar, daß der Narzißmus einer Person tiu© 
große Anziehung auf diejenigen anderen entfaltet, welche sich 
des vollen Ausmaßes ihres eigenen Narzißmus begeben haben 
und sich in der Werbung um die Objektliebe befinden; der 
Reiz des Kindes beruht zum guten Teil auf dessen Narzißmus, 
seiner Selbstgenügsamkeit und Unzugänglichkeit, ebenso der 
Reiz gewisser Tiere, die sich um uns nicht zu kümmern 
scheinen, wie der Katzen und großen Raubtiere, ja selbst 
der große Verbrecher und der Humorist zwingen in der poe- 



II. ZUE EINFÜHRUNG DES NAKZISSMUS. 97 



tischen Darstellung unser Interesse durch die narzißtische 
Konsequenz, mit welcher sie alles ihr Ich Verkleinernde von 
ihm fernzuhalten wissen. Es ist so, als beneideten wir sie 
um die Erhaltung eines seligen psychischen Zustandes, einer 
unangreifbaren Libidoposition, die wir selbst seither aufge- 
geben haben. Dem großen Reiz des narzißtischen Weibes 
fehlt aber die Kehrseite nicht; ein guter Teil der Unbefrie- 
digung des verliebten Mannes, der Zweifel an der Liebe des 
Weibes, der Klagen über die Rätsel im Wesen desselben hat 
in dieser Inkongruenz der Objektwahltypen seine Wurzel. 

Vielleicht ist es nicht überflüssig zu versichern, daß 
mir bei dieser Schilderung des weiblichen Liebeslebens jede 
Tendenz zur Herabsetzung des Weibes fernliegt. Abgesehen 
davon, daß mir Tendenzen überhaupt fernliegen, ich weiß 
auch, daß diese Ausbildungen nach verschiedenen Richtungen 
der Differenzierung von Funktionen in einem höchst kompli- 
zierten biologischen Zusammenhang entsprechen; ich bin 
ferner bereit zuzugestehen, daß es unbestimmt viele Frauen 
gibt, die nach dem männlichen Typus lieben und auch die 
dazugehörige Sexualüberschätzung entfalten. 

Auch für die narzißtisch und gegen den Mann kühl ge- 
bliebenen Frauen gibt es einen Weg, der sie zur vollen Objekt- 
liebe führt. In dem Kinde, das sie gebären, tritt ihnen ein 
Teil des eigenen Körpers wie ein fremdes Objekt gegenüber, 
dem sie nun vom Narzißmus aus die volle Objektliebe schen- 
ken können. Noch andere Frauen brauchen nicht auf das 
Kind zu warten, um den Schritt in der Entwicklung vom 
(sekundären) Narzißmus zur Objektliebe zu machen. Sie haben 
sich selbst vor der Pubertät männlich gefühlt und ein Stuck 
weit männlich entwickelt; nachdem diese Strebung mit dem 
Auftreten der weiblichen Reife abgebrochen wurde, bleibt 

7 

Froud, Neuroienlehre IV 



98 



SCIIKIFTEN ZUR NKUROSKNLKHKK. IV. 



ihnen die Fälligkeit., sich nach Hm-ui männlichen Ideal zu 
sehnen, welches eigentlich die Fori sei zu i Lg des knabenhaften 
Wesens ist, das sie seihst einmal waren. 

Eine kurze Übersicht der Wege zur Objektwahl mag 
diese andeutenden Bemerkungen beschließen. Man liebt: 

1. Nach dein narzißtischen Typus: 

a) was man selbst ist (sieh selbst), 
6) was man selbst war, 

c) was man selbst sein möohte, 

d) die Person, die «in Teil des eigenen Selbst war. 

2. Nach dem Anlehnungstypus : 

a) die nährende Frau, 

b) den schützend, n Mann 

und die in Reihen von ihnen ausgehenden Frsatzpersoncn. 
Der Fall c des ersten Typus kann erst durch später folgende 
Ausführungen gerechtfertigt werden. 

Die Bedeutung der narzißtisoheu Objektwahl für die 
Homosexualität des Mannes bleibt in anderem Zusammen- 
hange zu würdigen. 

Der von uns SUpponieitS primäre Narzißmus des Kiud 

der eine der Voraussetzungen unserer Libidotheorien enthält, 
ist weniger leicht durch direkte llenhachtung zl i erfassen ala 
durch Rückschluß von einem anderen Punkte her zu be- 
stätigen. Wenn man die Umstellung zärtlicher Kitern gegen 
ihre Kinder ins Auge faßt, muß man sie als Wiederaufleben 
und Reproduktion des eigenen, längst aufgegebenen Narziß- 
mus erkennen. Das gute Kennzeichen der Überschätzung, 
welches wir als narzißtisches Stigma schon bei der Objekt- 
wahl gewürdigt haben, beherrscht wie allbekannt diese (ic- 
fühlsbeziehung. So besteht ein Zwang, dem Kinde alle Voll- 
kommenheiten zuzusprechen, wozu nüchterne Beobachtung 



II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 99 



keinen Anlaß fände, und alle seine Mängel zu verdecken und 
zu vergessen, womit ja die Verleugnung der kindlichen 
Sexualität im Zusammenhange steht. Es besteht aber auch 
die Neigung, alle kulturellen Erwerbungen, deren Anerkennung 
man seinem Narzißmus abgezwungen hat, vor dem Kinde zu 
suspendieren und die Ansprüche auf längst aufgegebene Vor- 
rechte bei ihm zu erneuern. Das Kind soll es besser haben 
als seine Eltern, es soll den Notwendigkeiten, die man als 
im Leben herrschend erkannt hat, nicht unterworfen sein. 
Krankheit, Tod, Verzicht auf Genuß, Einschränkung des 
eigenen Willens sollen für das Kind nicht gelten, die Ge- 
setze der Natur wie der Gesellschaft vor ihm haltmachen, 
es soll wirklich wieder Mittelpunkt und Kern der Schöpfung 
sein. His Majesty the Baby, wie man sich einst selbst dünkte. 
Es soll die unausgeführten Wunschträumc der Eltern erfül- 
len, ein großer Mann und Held werden anstatt des Vaters, 
einen Prinzen zum Gemahl bekommen zur späten Entschä- 
digung der Mutter. Der heikelste Punkt des narzißtischen 
Systems, die von der Realität hart bedrängte Unsterblich- 
keit des Ichs, hat ihre Sicherung in der Zuflucht zum Kinde 
gewonnen. Die rührende, im Grunde so kindliche, Eltern- 
liebe ist nichts anderes als der wiedergeborene Narzißmus 
der Eltern, der in seiner Umwandlung zur Objektliebe sein 
einstiges Wesen unverkennbar offenbart. 

HI. 

Welchen Störungen der ursprüngliche Narzißmus des Kin- 
des ausgesetzt ist, und mit welchen Reaktionen er sich der- 
selben erwehrt, auch auf welche Bahnen er dabei gedrangt 
wird das möchte ich als einen wichtigen Arbeitsstoff, wel- 
cher' noch der Erledigung harrt, beiseite stellen; das bedeut- 

7* 



100 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSKNLEHKE. IV. 



sumste Stück desselben kann 111,111 als „ Kastrat ionskomplex'' 
(Penisangst beim Knaben, Peuisneid beim Mädchen) heraus- 
heben und im Zusammenhange mit dom Kinflnß der früh- 
zeitigen Sexualeinschüchlernng behandeln. Die psychoana- 
lytische Untersuchung, welche uns tonsl die Schicksale der 
libidinösen Triebe verfolgen laut, wenn diese von den Ich- 
trieben isoliert sich in Opposition SU denselben befinden, ge- 
stattet uns auf diesem Gebiete Rückschlüsse auf eine Epoche 
und eine psychische Situation, In welcher beiderlei Triebe 
noch einhellig wirksam in untrennbarer Verinengnng als nar- 
zißtische Interessen auftreten. A. Adler hat ans diesem Zn- 
sammenhange seinen „männlichen Protest" geschöpft, den er 
zur fast alleinigen Triebkraft der Charakter- wie der Neu- 
rosenbildung erhebt, wählend er ihn nicht auf eine narziß- 
tische, also immer noch lihidinöse St rebung, sondern auf 
«ine soziale Wertung begründet. Vom Standpunkte der psy- 
choanalytischen Forschung ist Existent und Bedeutung des 
„männlichen Protestes" von allem Anfang an anerkannt, 
seine narzißtische Natur und Herkunft aus dem Käst rat ions- 
komplex aber gegen Ad l.r vertreten worden. Er gehör! der 
Charakterbildung an, in deren Genese er nebst vielen anderen 
Faktoren eingeht, und ist, zur Aufklärung der NYnroscnpro- 
blomc, an denen Adler nichts beachten will als die Art, 
wie sie dem Ichinteresse dienen, völlig ungeeignet. Ich finde 
es ganz unmöglich, die Genese der Neurose auf die schmale 
l'.isis des Käst rat ionskomplexes zu stellen, so mächtig dieser 
auch bei .Männern unter den Widerstünden gegen die Hei- 
lung der Neurose hervortreten mag. Ich kenne endlich auch 
Fälle von Neurosen, in denen der „männliche Protest" oder 
in unserem Sinne <Ut Käst rat ionskomplex keine pathogene 
Bolle spielt oder überhaupt nicht vorkommt. 



II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 101 

Die Beobachtung des normalen Erwachsenen zeigt dessen 
einstigen Größenwahn gedämpft und die psychischen Cha- 
raktere, aus denen wir seinen infantilen Narzißmus erschlos- 
sen haben, verwischt. Was ist aus seiner Ichlibido geworden? 
Sollen wir annehmen, daß ihr ganzer Betrag in Objektbeset- 
zungen aufgegangen ist? Diese Möglichkeit widerspricht 
offenbar dem ganzen Zuge unserer Erörterungen; wir können 
aber auch aus der Psychologie der Verdrängung einen Hin- 
weis auf eine andere Beantwortung der Frage entnehmen. 

Wir haben gelernt, daß libidinöse Triebregungen dem 
Schicksal der pathogenen Verdrängung unterliegen, wenn sie 
in Konflikt mit den kulturellen und ethischen Vorstellungen 
des Individuums geraten. Unter dieser Bedingung wird nie- 
mals verstanden, daß die Person von der Existenz dieser 
Vorstellungen eine bloß intellektuelle Kenntnis habe, sondern 
stets, daß sie dieselben als maßgebend für sieh anerkenne, 
sich den aus ihnen hervorgehenden Anforderungen unterwerfe. 
Die Verdrängung, haben wir gesagt, geht vom Ich aus; wir 
könnten präzisieren: von der Selbstachtung des Ichs. Die- 
selben Eindrücke, Erlebnisse, Impulse, Wunschregungen, wel- 
che der eine Mensch in sich gewähren läßt oder wenigstens 
bewußt verarbeitet, werden vom anderen in voller Empörung 
zurückgewiesen oder bereits vor ihrem Bewußtwerden erstickt. 
Der Unterschied der beiden aber, welcher die Bedingung der 
Verdrängung enthält, läßt sich leicht in Ausdrücke fassen, 
welche eine Bewältigung durch die Libidotheorie ermöglichen. 
Wir können sagen, der eine habe ein Ideal in sich auf- 
gerichtet, an welchem er sein aktuelles Ich mißt, während 
dem anderen eine solche Idealbildung abgehe. Die Ideal- 
bildung wäre von Seiten des Ichs die Bedingung der Ver- 
drängung. 



102 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



Diesem Ideal-Ich gilt nun die Selbstliebe, welche in der 

Kindheit das wirkliche Ich genoß. Der Narzißmus erscheint 
auf dieses neue ideale Ich verschoben, welches sich wie (3 
infantile im Besitz aller wertvollen Vollkommenheiten be- 
findet. Der Mensch bat sich hier, wie jedesmal auf dem 
Gebiete der Libido, unfähig erwiesen, auf die einmal genossene 
Befriedigung zu verzichten. Er will die aarzlßl Isobe Voll- 
kommenheit seiner Kindheit nicht entehren, und wenn er 
diese nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen wah- 
rend seiner Entwicklungszeit gestellt and in seinem Urteil 
geweckt, sucht er sie iu der nnim Form des [ohideals wieder 
zu gewinnen. Was er als sein Med vor sieh hin projiziert, 
ist nur der Krsatz für den verlorenen Narzißmus seiner Kind- 
heit, in der er sein eigenes Ideal war. 

Es liegt nahe, die Beziehungen dieser [dealbttdung zur 
Sublimiorung zu untersuchen. Die Sublimierung ist ein Pro- 
zeß a'n der Objekt libido und besteht darin, daß sieh der 

Trieb auf ein anderes, von der sexuellen Befriedigung ent- 
ferntes Ziel wirft; der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung 
vom Sexuellen. Die Idealisierung ist ein Vorgang mit dem 
Objekt, durch welchen dieses ohne Änderung Beiner Natur 
vergrößert und psychisch erhöht wird. Die Idealisierung ist 
sowohl auf dem (lebicte der lehlibido wie auch der Objekt- 

übido möglich. So Ist z. B, die Sexualtibersohatzung ^>-> 

Objekts eine Idealisierung desselben. Insofern also Sublimie- 
rung etwas beschreibt, was mit dem Trieb, Idealisierung etwas, 
was am Objekt vorgeht, sind die beiden begrifflioh ausein- 
anderzuhalten. 

Die Ichidealbildung wird oft zum Schaden (U's Verständ- 
nisses mit der Triebsublimierung verweohselt. Wer seinen 

Narzißmus gegen die Verehrung eines hohen hhidcals ein- 



IL ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 103 



getauscht hat, dem braucht darum die Sublimierung seiner 
libidinösen Triebe nicht gelungen zu sein. Das Ichideal for- 
dert zwar solche Sublimierung, aber es kann sie nicht erzwin- 
gen: die Sublimierung bleibt ein besonderer Prozeß, dessen 
Einleitung vom Ideal angeregt werden mag, dessen Durch- 
führung durchaus unabhängig von solcher Anregung bleibt. 
Man findet gerade bei den Neurotikern die höchsten Span- 
mmgsdifferenzen zwischen der Ausbildung des Ichideals und 
dem Maß von Sublimierung ihrer primitiven libidinösen Triebe, 
und es fällt im allgemeinen viel schwerer, den Idealisten 
von dem unzweckmäßigen Verbleib seiner Libido zu über- 
zeugen, als den simplen, in seinen Ansprüchen genügsam 
gebliebenen Menschen. Das Verhältnis von Idcalbildung und 
Sublimierung zur Verursachung der Neurose ist auch ein 
ganz verschiedenes. Die Idealbildung steigert, wie wir gehört 
haben, die Anforderungen des Ichs und ist die stärkste Be- 
günstigung der Verdrängung; die Sublimierung stellt den Aus- 
weg dar, wie die Anforderung erfüllt werden kann, ohne die 
Vordrängung herbeizuführen. 

Es wäre nicht zu verwundern, wenn wir eine besondere 
psychische Instanz auffinden sollten, welche die Aufgabe er- 
füllt, über die Sicherung der narzißtischen Befriedigung aus 
dem Ichideal zu wachen, und in dieser Absicht das aktuelle 
Ich unausgesetzt beobachtet und am Ideal mißt. Wenn eine 
solche Instanz existiert, so kann es uns unmöglich zustoßen, 
sie zu entdecken; wir können sie nur als solche agnoszieren 
und dürfen uns sagen, daß das, was wir unser Gewissen 
heißen, diese Charakteristik erfüllt. Die Anerkennung dieser 
Instanz ermöglicht uns das Verständnis des sogenannten Bo- 
achtungs- oder richtiger Beobach t ungs wahnes, welcher 
in der Symptomatologie der paranoiden Erkrankungen so deut- 



104 



SCHRIFTEN ZUR NEUR08ENLKFIRE. IV. 



lieh hervortritt, vielleicht auch als isolierte Erkrankung oder 
in eine Übertragungsneurose eingesprengt vorkommen kann. 
Die Kranken klagen dann darül>er, daß man alle ihre Ge- 
danken kennt, ihre Handlungen hc<)l>;ulit <•! und beaufsiüh- 
tigt; sie werden von dem Walten dieser Instanz, durch Stim- 
men informiert, welche charaktci i t is.h.iwcise in der drit- 
ten Person zu ihnen sprechen („Jetzt denkt sie wieder daran; 
jetzt geht er fort"). Diese Klage hat recht, sie beschreibt 
die Wahrheit; eine solche Macht, die alle unsere Absichten 

beobachtet, erfährt und kritisiert, besteht wirklich, und zwar 
bei uns allen im normalen Leben. 9er Beobachtungswahn, 
stellt sie in regressiver Form dar. enthüll! dalx-i ihre Genese 
und den Grund, weshalb sieh der Krkrankte -e-en Mr auflehnt 

Die Anregung zur Bildung dvs lehideals, als dessen Wäch- 
ter das Gewissen bestell* ist, war nämlich von dem durch 
die Stimme vermittelten krilisehim Einfluß der Bitern aus- 
gegangen, an welche sich im Laufe der Zeiten die Kmeher. 
Lehrer, und als unüherschbarer unbcstiuiinbarer Schwärm 
alle anderen Personen des Milieus angeschlossen hatten. (l>ie 
Mitmenschen, die öffentliche Meinung.) 

Große Beträge von wesentlich homosexueller Libido wur- 
den so zur Bildung des narzißtischen Ichideals herangezogen 
und finden in der Erhaltung desselben Ableitung und Be- 
friedigung. Die Institution des Gewissens war im (J runde 
eine Verkörperung zunächst der elterlichen Kritik, in weiterer 
Folge der Kritik der Gesellschaft, ein Vorgang, wie er sich 
bei der Entstehung einer Verdränguugsneigung aus einem zu- 
erst äußerlichen Verbot oder Hindernis wiederholt. Die Stim- 
men sowie die unbestimmt gelassene .Menge werden nun von 
der Krankheit zum Vorschein gebracht, damit die Entwick- 
lungsgeschichte des Gewissens regressiv reproduziert. Das 



II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 105 



Sträuben gegen diese zensorische Instanz rührt aber 
daher, daß die Person, dem Grundcharakter der Krankheit 
entsprechend, sich von all diesen Einflüssen, vom elter- 
lichen angefangen, ablösen will, die homosexuelle Libido 
von ihnen zurückzieht. Ihr Gewissen tritt ihr dann in 
regressiver Darstellung als Einwirkung von außen feind- 
selig entgegen. 

Die Klage der Paranoia zeigt auch, daß die Selbstkritik 
des Gewissens im Grunde mit der Selbstbeobachtung, auf 
die sie gebaut ist, zusammenfällt. Dieselbe psychische Tätig- 
keit, welche die Funktion des Gewissens übernommen hat, 
hat sich also auch in den Dienst der Innenforschung ge- 
stellt, welche der Philosophie das Material für ihre Gedan- 
kenoperationen liefert, Das mag für den Antrieb zur spekula- 
tiven Systembildung, welcher die Paranoia auszeichnet, nicht 
gleichgültig sein.*) 

Es wird uns gewiß bedeutsam sein, wenn wir die An- 
zeichen von der Tätigkeit dieser kritisch beobachtenden — 
zum Gewissen und zur philosophischen Introspektion gestei- 
gerten — Instanz noch auf anderen Gebieten zu erkennen 
vermögen. Ich ziehe hier heran, was H. Si Iberer als das 
„funktionelle Phänomen" beschrieben hat, eine der wenigen 
Ergänzungen zur Traumlehre, deren Wert unbestreitbar ist. 
Silber er hat bekanntlich gezeigt, daß man in Zuständen 
zwischen Schlafen und Wachen die Umsetzung von Gedanken 
in visuelle Bilder direkt beobachten kann, daß aber unter 
solchen Verhältnissen häufig: nicht eine Darstellung des Ge- 



*) Nur als Vermutung füge ich an, daß die Ausbildung und Erstar- 
kung dieser beobachtenden Substanz auch die späte Entstehung des 
(subjektiven) Gedächtnisses und des für unbewußte Vorgänge nicht gel- 
tenden Zeitmoinentes in sich fassen könnt«. 



106 



SCHRIFTEN /Ali NKUKOKKNLKIIHK. IV. 



dankeninlK.it s auftritt, so.hI.tm des Zustande* (von Bereit- 
willigkeit, Ermüdung usw.), in welchem sich die mit «ioni 
Schlaf kämpfende IVrson Ik? findet. KImmisO bat er gezeigt, 
daß manche Schlüsse von Träumen und Absätze innerhalb 
des Trauminhaltcs nichts anderes bedeuten als die Selbrt- 
Wahrnehmung defl Schlafens und Krwaehcns. Kr hat also 
den Anteil der Selbstbeobachtung — im Sinn«' des paranoi- 
schen Bcobachtungswahnos — an der Tnminbildung nach- 
gewiesen. Dieser Auteil ist ein inkonstanter; ich habe ihn 
wahrscheinlich darum ul.crseb.cii, weil or in meinen eigenen 
Träumen keine große Holle spielt; Im-i philosophisch begab- 
ten, an Tntros].ekti<.n gewöhnten Personen mag er sehr deut- 

lieh werden. 

Wir erinnern uns, daß wir gefunden haben, die Traum- 
bildung entstehe unter der Herrschaft einer Zensur, welche 
die Traumgedanken zur Einstellung nötigt. Unter dieser Zen- 
sur stellten wir uns aber keine besondere Macht vor, sondern 
wählten diesen Ausdruck für die den Trniungedanken zu- 
gewandte Seite der das Ich beherrschenden, verdrängenden 
Tendenzen. Gehen wir in die Struktur des Ichs weiter ein, 
SO dürfen wir im lehideal und den d j hämischen Äußerungen 
des Gewissens auch den Tran in Zensor erkennen. Merkt 
dieser Zensor ein wenig auch während des Schlafes auf, so 
werden wir verstehen, daß die Voraussetzung seiner Tätig- 
keit, die Selbstbeobachtung und Selbstkritik, mit Inhalten, 
wie: jetzt ist er zu schläfrig, um zu denken jetet wa.hi 

er auf, einen Beitrag zum Trauminhalt leistet.*) 



*) Ob dio Sonderling dieser amsoriseli.'n In.. an/. VOSB an. lern Ich 
im stände ist, dio philosophische Scheidung »UM BtWUfitMiiU ron »ü»m 
Selbstbewußtsein psychologisch m fuudieivn, l.nnn loh hier oJoht ci»i- 
scheiden. 



II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 107 



Von hier aus dürfen wir die Diskussion des Selbstge- 
fühls beim Normalen und beim Neurotischen versuchen. 

Das Selbstgefühl erscheint uns zunächst als Ausdruck 
der Ichgröße, deren Zusanuncngesetztheit nicht weiter in Be- 
tracht kommt. Alles, was man besitzt oder erreicht hat, 
jeder durch die Erfahrung bestätigte Rest des primitiven 
Allmachtgefühls hilft das Selbstgefühl steigern. 

Wenn wir unsere Unterscheidung von Sexual- und Ich- 
Grieben einführen, müssen wir dem Selbstgefühl eine beson- 
ders innige Abhängigkeit von der narzißtischen Libido zu- 
erkennen. Wir lehnen uns dabei an die zwei Grundtatsachen 
an, daß bei den Paraphrenien das Selbstgefühl gesteigert, 
bei den Cbertragungsneurosen herabgesetzt ist, und daß im 
Liebesleben das Nichtgeliebtwerden das Selbstgefühl ernied- 
rigt, das Geliebtwerden dasselbe erhöht. Wir haben ange- 
geben, daß Geliebtwerden das Ziel und die Befriedigung bei 
narzißtischer Objektwahl darstellt, 

Es ist ferner leicht zu beobachten, daß die Libidobeset- 
zung der Objekte das Selbstgefühl nicht erhöht. Die Ab- 
hängigkeit vom geliebten Objekt wirkt herabsetzend; wer 
verliebt ist, ist demütig. Wer liebt, hat sozusagen ein Stück 
seines Narzißmus eingebüßt und kann es erst durch das Gc- 
liebtwerden ersetzt erhalten. In all diesen Beziehungen scheint 
das Selbstgefühl in Relation mit dem narzißtischen Anteil 
am Liebesleben zu bleiben. 

Die Wahrnehmung der Impotenz, des eigenen Unver- 
mögens zu lieben, infolge seelischer oder körperlicher Stö- 
rungen, wirkt im hohen Grade herabsetzend auf das Selbst- 
gefühlen. Hier ist nach meinem Ermessen eine der Quellen 
für die so bereitwillig kundgegebenen Minderwertigkeits- 
gefühle der Übertragungsneurotiker zu suchen. Die Haupt- 



108 



SCHRIFTEN ZUR NKI'ROSNLF.KIIRK. IV. 



quelle tli< ser Gefühle ist aber ili< Ichverarmung, welche sioh 
aus den außerordentlich großen, dem Ich entzogenen Libido- 
besetzungen ergibt, also die Schädigung des Ichs durob die 
der Kontrolle nicht mehr unterworfenoo Sexualstrcbungen. 
A. Adler hai mit Krd.t • ■ . 1 1 ■ • 1 1 < i gemai-ln. daß die Wahr- 
nehmung eigener Organminderwertigkeiten anspornend auf 
ein leistungsfähiges Seelenleben wirkt und auf dem Wege 
der Überkompensatiop eine Mehrleistung hervorruft. Es wi 
aber eine volle Übertreibung, wenn man jede gute Leistung 
nach seinem Vorgang auf diese Bedingung der ursprünglichen 
ürganmiüderwertigkeit. suxttokfühn-n wollte, Nicht alle Maler 
sind mit Augenfehlern behaftet, nieht alle [tedner Ursprung« 
lieh Stotterer gewesen. Es gibt auch reichlich vortreffliche 
Leistung auf Grund vorzüglicher Organ l>egal>ung. Für die 
Ätiologie der Neurose spielt organische Minderwertigkeil und 
Verkümmerung eine geringfügige helle, etwa die nämliche, 
wie das aktuelle Wahrnehmungsmaterial für die ha Umbil- 
dung. Die Neurose bedient sich desselben als Vorwand wie 
aller anderen tauglichen Momente. Hat man eben einer neu- 
rotischen Patientin den Glauben geschenkt, daß sie krank 
werden mußte, weil sie unschön, mißgebildet, reizlos sei, so 
daß niemand sie lieben könne, so wird man durch die nächste 
Ncurotika eines Besseren belehrt, die in Neurose und Sexual- 
ablehnung verharrt, obwohl sie über das Dur.-hschnittsmaß 
begehrenswert erscheint und begehrt wird. Die hysterischen 
Frauen gehören in ihrer Mehr/ahl zu den anziehenden und 
selbst schönen Vertreterinnen ihres Qesohleohtes, und ander- 
seits leistet die Häufung von Häßlichkeiten, Organ Verküm- 
merungen und Gebrechen bei den niederen Ständen unserer 
Gesellschaft nichts für die Frequenz neurotischer Erkran- 
kungen in ihrer Mitte. 



IL ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 



109 



Die Beziehungen des Selbstgefühls zur Erotik (zu den 
libidinösen Objektbesetzungen) lassen sich formelhaft in fol- 
gender Weise darstellen: Man hat die beiden Fälle zu unter- 
scheiden, ob die Liebesbesetzungen ich gerecht sind oder 
im Gegenteil eine Verdrängung erfahren haben. Im ersteren 
Falle (bei ichgerechter Verwendung der Libido) wird das 
Lieben wie jede andere Betätigung des Ichs gewertet. Bas 
Lieben an sich, als Sehnen, Entbehren, setzt das Selbstgefühl 
herab, das Geliebtwerden, Gegenliebe finden, Besitzen des 
geliebten Objektes hebt es wieder. Bei verdrängter Libido 
wird die Liebesbesetzung als arge Verringerung des Ichs 
empfunden, Liebesbefriedigung ist unmöglich, die Wieder- 
bereicherung des Ichs wird nur durch die Zurückziehung der 
Libido von den Objekten möglich. Die Rückkehr der Objekt- 
libido zum Ich, deren Verwandlung . in Narzißmus, stellt 
gleichsam wieder eine glückliche Liebe dar, und anderseits 
entspricht auch eine reale glückliche Liebe dem Urzustand, 
in welchem Objekt- und Ichlibido voneinander nicht zu unter- 
scheiden sind. 

Die Wichtigkeit und Unübersichtlichkeit des Gegen- 
standes möge nun die Anfügung von einigen anderen Sätzen 
in loserer Anordnung rechtfertigen: 

Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung 
vom primären Narzißmus und erzeugt ein intensives Streben, 
diesen wieder zu gewinnen. Diese Entfernung geschieht ver- 
mittels der Libidoverschiebung auf ein von außen aufge- 
nötigtes Ichideal, die Befriedigung durch die Erfüllung die- 
ses Ideals. 

Gleichzeitig hat das Ich die libidinösen Objektbesetzun- 
gen ausgeschickt. Es ist zu Gunsten dieser Besetzungen wie 



110 



SCHRIFTEN Y.VH NEFKOSENLKICKE. IV. 



des Ichideals verarmt und bereiohert sich wieder duroh die 
Objektbefriedigungen wie dureli die Idealerfüllung. 

Ein Anteil des Selbstgefühls ist prim&r, der Ret! dea 
kindlichen Narzißmus, ein ander« i Dil stammt aus der durch 
Erfahrung bestätigten Allmacht (der Erfüllung dea Echideala), 
i in dritter aus der Befriedigung der Objekt libido. 

Das Iohideal hat die Libidobefriedigung an den Objekten 
unter schwierige Bedingungen gebracht, indem es einen Teil 

derselben dureli seinen Zensor als unvert rüglich abweisen 
läßt. Wo sieh ein solches Ideal nicht entwickelt hat, da tritt 
die betreffende sexuelle Strebung unverändert als IVrversioü 
in die Persönlichkeit ein. Wiederum ihr eigenes Ideal sein, 
auch in betreff der Sexualst rebungen, wie in der Kindheit, 
das wollen die Menschen als ihr Oliiek erreichen. 

Dil Verliebtheit besteht in ein. 'in PI., ist rümen der Ich- 

libido auf das Ohjekt. sie hat die Krafi. Verdrängungen auf- 
zuheben und Perversionen wieder herzustellen. Sie erhebt das 
Sexualobjekt zum Sexualideal. Da sie bei dein Ohjekt- oder 

Anlehnungstypus auf Grund der Erfüllung Infantiler Liebet* 
bedxngungen erfolgt, kann man sagen: Was diese Liebesbedin- 
gung erfüllt, wird idealisiert. 

Das Sexualideal kann in eine interessante I lilfslw/.iehung 
zum lohideal treten. Wo die narzißtische Befriedigung auf 
reale Hindernisse stößt, kann das Sexualideal zur Ersatz- 
befriedigung verwendet werden. Man liebl dann nach dem 
Typus (U-r narzißtischen Objekt wähl das, was man war und 
eingebüßt, hat, oder was die Vorzüge l>esiizt, die man über- 
haupt Dicht hat (vgl. oben unter <■). Die der obigen parallele 
Formel lautet: Was den dem Ich /.um Ideal fehlenden Vorzug 
besitzt, wird geliebt. Dieser Fall der Aushilfe hat eine be- 
sondere Bedeutung für den Neuroi iker, der durch seine über- 



II. ZUR EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 111 



mäßigen Objektbesetzungen im Ich verarmt und außer stände 
ist, sein Ichideal zu erfüllen. Er sucht dann von seiner Libido- 
Verschwendung an die Objekte den Rückweg zum Narzißmus, 
indem er sich ein Sexualideal nach dem narzißtischen Typus 
wählt, welches die von ihm nicht zu erreichenden Vorzüge 
besitzt. Dies ist die Heilung durch Liebe, welche er in der 
Regel der analytischen vorzieht. Ja, er kann an einen anderen 
Mechanismus der Heilung nicht glauben, bringt meist die 
Erwartung desselben in die Kur mit und richtet sie auf die 
Person des ihn behandelnden Arztes. Diesem Heilungsplan 
steht natürlich die Liebesunfähigkeit des Kranken infolge 
seiner ausgedehnten Verdrängungen im Wege. Hat man dieser 
durch die Behandlung bis zu einem gewissen Grade abge- 
holfen, so erlebt man häufig den unbeabsichtigten Erfolg, 
daß der Kranke sich nun der weiteren Behandlung entzieht, 
um eine Liebeswahl zu treffen und die weitere Herstellung 
dem Zusammenleben mit der geliebten Person zu überlassen. 
Man könnte mit diesem Ausgang zufrieden sein, wenn er 
nicht alle Gefahren der drückenden Abhängigkeit von diesem 
Nothelfer mit sich brächte. 

Vom Ichideal aus führt ein bedeutsamer Weg zum Ver- 
ständnis der Massenpsychologie. Dies Ideal hat außer seinem 
individuellen einen sozialen Anteil, es ist auch das gemein- 
same Ideal einer Familie, eines Standes, einer Nation. Es 
hat außer der narzißtischen Libido einen großen Betrag der 
homosexuellen Libido einer Person gebunden, welcher auf 
diesem Wege ins Ich zurückgekehrt ist. Die Unbefriedigung 
durch Nichterfüllung dieses Ideals macht homosexuelle Libido 
frei, welche sich in Schuldbewußtsein (soziale Angst) ver- 
wandelt. Das Schuldbewußtsein war ursprünglich Angst vor 
der Strafe der Eltern, richtiger gesagt : vor dem Liebesverlust 



112 



SCHKIFTEK ZI'H NEUROHF.NI.F.HKK. IV 



bei ihnen; an Stelle der Bitern isi span-r di<- unU-stimmte 
Menge drr (lonoHscn getreten. Die häufigr Verursachung der 
Paranoia durah Kränkung dos Ichs, Versngung der Hefrie- 
digung im Bereiche den lehidr; wird so verständlicher, 

auch das Zusammentreffen von Ideall.ildung und Subiimie- 
rung im lohideal, die Etüokbildung der Bublimierungen und 
eventuelle Umbildung der Edsak bei <\<n paraphreniechen 
Erkrankungen, 



III. 

DIE DISPOSITION ZUR ZWANGSNEUROSE. •) 

EIN BEITRAG ZUM PROBLEM DBR NEÜROSENWAHI.. 

Das Problem, warum und wieso ein Mensch an einer 
Neurose erkranken kann, gehört gewiß zu jenen, die von der 
Psychoanalyse beantwortet werden sollen. Es ist aber wahr- 
scheinlich, daß diese Antwort erst über ein anderes und spe- 
zielleres wird gegeben werden können, über das Problem, 
warum diese und jene Person gerade an der einen bestimmten 
Neurose, und an keiner anderen, erkranken muß. Dies ist 
das Problem der Ncurosenwahl. 

Was wissen wir bis jetzt zu diesem Problem? Eigentlich 
ist liier nur ein einziger allgemeiner Satz gesichert. Wir 
unterscheiden die für die Neurosen in Betracht kommenden 
Krankheitsursachen in solche, die der Mensch ins Leben 
mitbringt, und solche, die das Leben an ihn heranbringt, 
konstitutionelle und akzidentelle, durch deren Zusammen- 
wirken erst in der Regel die Krankheitsverursachung her- 
gestellt wird. Nun besagt der eben angekündigte Satz, daß 
die Gründe für die Entscheidung der Neurosenwahl durch- 
wegs von der ersteren Art sind, also von der Natur der 
Dispositionen, und unabhängig von den pathogen wirkenden 
Erlebnissen. 

Worin suchen wir die Herkunft dieser Dispositionen? 
Wir sind aufmerksam darauf geworden, daß die in Betracht 



*) Vortrag auf dem psychoanalytischen Kongreß zu München 1913. 
(Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, I, 1913.) 

I'reud, Neuroienlehre. IV. " 



114 



SCHRIFTEN '/.Uli NKlNtOKKNLKHKK. IV. 



kommenden psychischen funktionell — vor allem die Sexual- 
funktion, aber ebenso verschiedene wichtige [ohfunktionen — 
eine lange und komplizierte Kidwicklung durehzui. 
hal>en, bis sie zu dem für den normalen Erwachsenen eharak- 
teristischen Zustand gelangen. Wir nehmen nun an, daß di 
Entwicklungen nicht Immer so tadellos vollzogen werden, 
daß die gesandt • Funktion der fortsehnt! liehen \ ileruug 

unterliege. Wo ein Stück derselben die vorige Stufe festhält, 
da ergibt sich eine iflgtmiMintrfi „Fixierungsstelle", zu welcher 
die Funktion im Falle der Erkrankung durch äußerliche 
Störung regredieren kann. 

Unsere Dispositionen sind also Entwicklungshemmungen. 
Die Analogie mit den Tatsachen der allgemeinen Pathologie 
anderer Krankheiten bestärkt uns in dieser Auffassung. Bei 
der Frage, welche Faktoren solche Störungen der Entwick- 
lung hervorrufen können, macht alx-r die psychoanalytische 
Arbeit Halt und überläßt dies Problem der biologischen 
Forschung.*) 

Mit Hilfe dieser Voraussetzungen haU-n wir uns bereits 
vor einigen .Fahren an das Problem der Neurosenwahl heran- 
gewagt. Unsere Arbi-itsriehl un;-, welche dabin ^eht, die nor- 
malen Verhältnisse aus ihren Störungen zu erraten, h.ii uns 
dazu geführt, einen ganz besonderen und unerwarteten An- 
griffspunkt zu wählen. Die Keihenfoige, in welcher die Haupt- 
formen der Psychoncurosen gewöhnlich aufgeführt werden: 
Hysterie, Zwangsneurose, Paranoia, Dementis praecox ein- 
spricht (wenn auch nicht völlig genau) der Zeil folge, in der 



*) Seildom dio Arbeiten von W. Fliott die IScdeuluug bestimrator 
Zeitgrößen für dio Biologie aufgedeckt luibon, int oa denkbar geworden, 
daß sich Entwicklungsstörung uuf Kcilliclio Abiuidertiiitf von Kntwicklungs- 
Schüben zurückführt. 



I1L DIE DISPOSITION ZUR ZWANGSNE UROSE. 1 15 

diese Affektionen im Leben hervorbrechen. Die hysterischen 
Krankheitsformen können schon in der ersten Kindheit beob- 
achtet werden, die Zwangsneurose offenbart ihre ersten Sym- 
ptome gewöhnlich in der zweiten Periode der Kindheit (von 
sechs bis acht Jahren an); die beiden anderen, von mir als 
Paraphrenie zusammengefaßten Psychoneurosen zeigen sich 
erst nach der Pubertät und im Alter der Reife. Diese zu- 
letzt auftretenden Affektionen haben sich nun unserer For- 
schung nach den in die Neurosenwahl auslaufenden Dispo- 
sitionen zuerst zugänglich erwiesen. Die ihnen beiden eigen- 
tümlichen Charaktere des Größenwahns, der Abwendung von 
der Welt der Objekte und der Erschwerung der Übertragung 
haben uns zum Schlüsse genötigt, daß deren disponierende 
Fixierung in einem Stadium der Libidoentwicklung vor der 
Herstellung der Objektwahl, also in der Phase des Auto- 
erotismus und des Narzißmus zu suchen ist. Diese so spät 
auftretenden Erkrankungsformen gehen also auf sehr früh- 
zeitige Hemmungen und Fixierungen zurück. 

Demnach würden wir darauf hingewiesen, die Disposition 
für Hysterie und Zwangsneurose, die beiden eigentlichen Über- 
tragungsneurosen mit frühzeitiger Symptombildung, in den 
jüngeren Phasen der Libidoentwicklung zu vermuten. Allein 
worin wäre hier die Entwicklungshemmung zu finden und 
vor allem, welches wäre der Phasenunterschied, der die Dis- 
position zur Zwangsneurose im Gegensatz zur Hysterie be- 
gründen sollte? Darüber war lange nichts zu erfahren, und 
meine früher unternommenen Versuche, diese beiden Dispo- 
sitionen zu erraten, z. B. daß die Hysterie durch Passivität 
die Zwangsneurose durch Aktivität im infantilen Erleben be- 
dingt sein sollte, mußten bald als verfehlt abgewiesen 
werden. 



8* 



116 



SCHHIFTKN AVK NKl'IC« .SKNbF.HKK. IV. 



Ich kehre aus auf den Boden der klinisflu-n Kinzel- 
beobaohtung zurü.-k. h-h habe lange Zeil hindurch oine Krank« 

studiert, deren Neurose eine ungewöhnliche Wandlung dureh- 
gemachi hatte. Dieselbe begann nach einem traumatischen 
Erlebnis als glatte angsthysteria and behielt diesen Charakter 
durch einige Jahre bei, Eine« Tages aber verwandelte sie 
sieh plötzlich in eine Zwangsneurose von der eohw.T.-ten Art. 
Ein solcher Fall mußte oiofa mehr als einer Richtung be- 
deutsam werden. Kiiu-rseiti konnte er vielleicht den Wart 
eines bilinguen Dokument« s beanspruchen und /«igen, wie 
ein identischer Inhall von den beiden Neurosen in verschie- 
denen Sprachen auigedrflokl wird. Andei iti drohte er. 
unserer Theorie der Disposition duroh Entwicklungshemmung 
überhaupt zu fliderspireehen, wenn man sieh nicht zur An- 
nahme entschließen wollte, daß eine l'ersou auch mehr alfl 
eine einzige sehwache Stelle in ihrer Libidoentwicklung mit- 
bringen könne. Ich sagte mir, daß mau k. in Recht habe, diese 
letztere Möglichkeit abzuweisen, war aber auf «las Ver- 
ständnis dieses Krankheitsfalles s<Im gespannt 

Als dieses im Laufe der Analyse kam, mußte ich sehen, 
daß die Sachlage Kau/ anders war. ai ich sie mir vorgestellt 
hatte. Die Zwangsneurose war eicht eine weitere Reaktion 

auf das nämliche Trauma, welches zuerst die Angst hysterie 

hervorgerufen hatte, sondern auf ein iweitei Erlebnis, weh I 

das erste völlig entwertet hau«'. (Als«», tins — allerdil 

noch diakutierbare — Ausnahm«- von unserem Satze, der die 

Unabhängigkeit der Wnmsenwahl vom BrlebOD behauptet.) 

Ich kann leider — aus bekannten Kotigen auf die. 
Krankengeschichte des Falles nicht so weil eingehen, wie 
ich gern möchte, londeni muß mioh auf oaohstehende Mit- 
teilungen besohrSnken. Die Patientin war bi- zu ihrer Kr- 






HI. DIE DISPOS ITION ZUR ZWANGSNEUROSE. H7 

kraukiing eine glückliche, fast völlig befriedigte Frau ge- 
wesen. Sie wünschte sich Kinder aus Motiven infantiler 
Wunschfixierung und erkrankte, als sie erfuhr, daß sie von 
ihrem ausschließend geliebten Manne keine Kinder bekom- 
men könne. Die Angst hysterie, mit welcher sie auf diese 
Versagung reagierte, entsprach, wie sie bald selbst verstehen 
lernte, der Abweisung von Ycrsuchungsphantasien, in denen 
sich der festgehaltene Wunsch nach einem Kinde durch- 
setzte. Sie tat nun alles dazu, um ihren Mann nicht er- 
raten zu lassen, daß sie infolge der durch ihn determinierten 
Versagung erkrankt sei. Aber ich habe nicht ohne gute 
(Jründe behauptet, daß jeder Mensch in seinem eigenen Un- 
bewußten ein Instrument besitzt, mit dem er die Äußerungen 
des Unbewußten beim anderen zu deuten vermag; der Mann 
verstand ohne Geständnis oder Erklärung, was die Angst 
seiner Frau bedeute, kränkte sich darüber, ohne es zu zeigen, 
und reagierte nun seinerseits neurotisch, indem er — zum 
erstenmal — beim Eheverkehr versagte. Unmittelbar darauf 
reiste er ab, die Frau hielt ihn für dauernd impotent ge- 
worden und produzierte die ersten Zwangssymptome an dem 
Tage vor seiner erwarteten Rückkunft. 

Der Inhalt ihrer Zwangsneurose bestand in einem pein- 
lichen Wasch- und Reinlichkeitszwang und in höchst ener- 
gischen Schutzmaßregeln gegen böse Schädigungen, welche 
andere von ihr zu befürchten hätten, also in Reaktions- 
bildungen gegen anal erotische und sadistische Re- 
gungen. In solchen Formen mußte sich ihr Sexualbedürfnis 
äußern, nachdem ihr Genitalleben durch die Impotenz des 
für sie einzigen Mannes eine volle Entwertung erfahren hatte. 

An diesen Punkt hat das kleine, von mir neugebildete 
Stückchen Theorie angeknüpft, welches natürlich nur schein- 



118 



SCHRIFTEN ZUR NKIHOSKNI.V.IIHK IV. 



bar auf dieser einen lieobaeht um- rulil. in Wirklichkeit Mtt« 
große Summe früherer Kindriiekc zusammenfaßt, die aber 
erst nach dieser letzten Krmhrung fähig wurden, eine Hin- 
sieht zu ergeben. Ich sagte mir, daß mein Km wicklungs- 
schcma der lihidinösen Funkt um einer Denen Kinsehaltung 
bedarf. Ich hatte zuerst nur mit erschieden «In- Hia.se des 
Autoerotismus, in welcher die ein/dnen Pari iah riebe, jeder 
für sich, ihre Lttstbefriedigung am eigenen Leibe Buchen, 
und dann die Zusammenfassung aller Partialtriebe zur Objckl- 
walil unter dem Primat der (ienilalien im Dienste der Fort- 
pflanzung. Die Analyse der Paraphrenien hat uns wie be- 
kannt genötigt, dazwischen ein Stadium des Narzißmus ein- 
zuschieben, in dein die Objekt wähl bereits erfolgt ist, aber 

das Objekt noch mit dem eigenen Ich zusammenfällt. Und 
nun sehen wir die Notwendigkeit ein, sin weitere! Stadium 
vor der Endgestaltung gelten zu Latten, in dem die l'artial- 
triebe bereits zur Objektwahl zusammengefaßt Bind, das 
Objekt sich der eigenen Person Hchon als eine fremde gegen- 
überstellt, aber das Primat der o «• n i i a Itonen nooh 
nicht aufgerichtet ist. Die Parlialt riel>o, welche diese 
prägenitalo Organisation des Sexualleben« l. herrschen, 
sind vielmehr die analorotisehen und die sadistischen. 

Ich weiß, daß jede solche Aufstellung zunächst befrem- 
dend klingt. Krst durch die Aufdeckung Ihrei Beziehungen 

zu unserem bisherigen Wissen wird si<- uns verir.iut, und am 
Ende ist ihr Schicksal häutig, daß sie uln eine geringfügige, 
längst geahnte Neuerung erkannt wird. Wenden wir uns also 
mit ähnlichen Krwartungen zur DttkuBtJOP der „prägenitalen 
Sexualordnung". 

a) Es ist bereits vielen Beobachtern aul'gef:tllen und zu- 
letzt mit besonderer Schärf«- von EL Jones hervorgehoben 



PL DIE DISPOSITION ZUR ZWANGSNEUROSE. 119 



worden, welche außerordentliche Rolle die Regungen von Haß 
und Analerotik in der Symptomatologie der Zwangsneurose 
spielen.*) Dies leitet sich nun unmittelbar aus unserer Auf- 
stellung ab, wenn es diese Partialtricbe sind, welche in der 
Neurose die Vertretung der Genitaltriebe wieder übernom- 
men haben, deren Vorgänger sie in der Entwicklung waren. 
Hier fügt sich nun das bisher zurückgehaltene Stück 
aus der Krankengeschichte unseres Falles ein. Das Sexual- 
leben der Patientin begann im zartesten Kindesalter mit 
sadistischen Schlagephantasien. Nach deren Unterdrückung 
setzte eine ungewöhnlich lange Latenzzeit ein, in welcher das 
Mädchen eine hoch reichende moralische Entwicklung durch- 
machte, ohne zum weiblichen Sexualempfinden zu erwachen. 
Mit der in jungen Jahren geschlossenen Ehe begann eine 
Periode normaler Sexualbetätigung als glückliche Frau, die 
durch eine Reihe von Jahren anhielt, bis die erste große Ver- 
sagung die hysterische Neurose brachte. Mit der darauf fol- 
genden Entwertung des Genitallebens sank ihr Sexualleben, 
wie erwähnt, auf die infantile Stufe des Sadismus zurück. 
Es ist nicht schwer, den Charakter zu bestimmen, in 
welchem sich dieser Fall von Zwangsneurose von den häu- 
figeren anderen unterscheidet, die in jüngeren Jahren be- 
ginnen und von da an chronisch mit mehr oder weniger 
auffälligen Exacerbationen verlaufen. In diesen anderen Fällen 
wird die Sexualorganisation, welche die Disposition zur 
Zwangsneurose enthält, einmal hergestellt, nie wieder völlig 
überwunden; in unserem Falle ist sie zuerst durch die höhere 
Entwicklungsstufe abgelöst und dann durch Regression von 
dieser her wieder aktiviert worden. 

*) E. Jones, Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. (Intern. 
Zeitsehr. für ärztl. Psychoanalyses I, 1913, H. 5.) 



12ü BCH1ÜFTEN ZUIt NKUR06ENLKHBE. IV. 



b) Wenn wir von m.seivr AnfBteUung aus den Anschluß 
an biologische Zusammenhange iuehon, dürfen wir nichl ver- 
gessen, daß der Geganaati von mlnnliob und weiblich, welohei 
von der Fortpflan/.ungsi.mkiinn eingeführt wird, auf te 
Stufe der prägenital.n Objekt wähl noch nicht vorhanden s. da 
kam.. An feiner Statt finden wir den Ucgenentz von Stre- 
b.mge,, mit aktivem .....I |o ivem Ziel, der sieh .paUsrhül 
mit dem Geganaati der Getchlechter verlöten wird Die 
Aktivität wird von, gemeinen Bem&chtigungstrieb bcigesMU. 
den wir eben s^iisnn.s heißen, wenn wir ihn im Dienste d 
Sexualfunktion finden: BI aal auch im vollent wickelten uor- 
malen Bexuail«-i>,n wichtige Belferdienatc *u verrichten, DU 
passive Strömung wird ron der Analerotik gespeist, deren 
.•rogenc Zone der alten, undifferenzierten Kloake entspricht 
Di,. IViunun.. dieser Analerolik auf der ,,. .r/.m- ;. kn Orgn- 
nisafionsstufe wird Ix-im Manne ein«- l>cdcutsame l'i 
Bition /.ur ll<.uiose.Mi;iliiiU bJ&tei l. tagen, wenn die naohaH 
Stufe der Sexualfunktion, die des Primats ein Ucuitalien, 
erreicht wird. Des Aufl.au dieser let/.ten IMu.se über der 
vorigen und die dabei erfolgende Umarbeitung der Libido- 

besetzungen biete! der anulyt isehm Fol ehung die inter- 
essantesten Aufgaben. 

Man kann der Meinung sein, doli man wich allen hier 

in Betracht kommenden Schwierigkeiten and Komplikationen 
entzieht, wem. man eine prftgenitaJe Oi uion des Scxuab 

lebens verleugnet und das Sexualleben mit der Genital- und 
Fortpflan/.un^sfunklion zusammenfallen, uie.u.eh mit ihr 
beginnen läßt. Von den Neurose,, würde man dann mit Rfi 
sieht auf die nicht miüverstanulmhen K. »-"i- der ana- 

lytisohan Betonung aussagen, daß aic durch den Prozeß 
Sexualverdrangung dazu genötigt ward«, Bexuelie StrebnagM 






III. DIE DISPOSITION Z UR ZWANGSNEUROSE. 12 1 

durch andere nicht sexuelle Triebe auszudrücken, die letz- 
teren also kompensatorisch sexualisieren. Wenn man so ver- 
fährt, hat man sich aber außerhalb der Psychoanalyse be- 
geben. Man steht wieder dort, wo man sich vor der Psycho- 
analyse befand, und muß auf das durch sie vermittelte Ver- 
ständnis des Zusammenhanges zwischen Gesundheit, Per- 
version und Neurose verzichten. Die Psychoanalyse steht und 
fällt mit der Anerkennung der sexuellen Pari ialtriebe, der 
erogenen Zonen und der so gewonnenen Ausdehnung des Be- 
griffes „ Sexualfunkt ion"' im Gegensatz zur engeren „Genital- 
funktion''. Übrigens reicht die Beobachtung der normalen 
Entwicklung des Kindes für sich allein hin, um eine solche 
Versuchung zurückzuweisen. 

c) Auf dem Gebiete der Charakterentwicklung müssen 
wir denselben Triebkräften begegnen, deren Spiel wir in den 
Neurosen aufgedeckt haben. Eine scharfe theoretische Schei- 
dung der beiden wird aber durch den einen Umstand geboten, 
daß beim Charakter wegfällt, was dem Neurosenmechanismus 
eigentümlich ist, das Mißglücken der Verdrängung und die 
Wiederkehr des Verdrängten. Bei der Charakterbildung tritt 
die Verdrängung entweder nicht in Aktion oder sie erreicht 
glatt ihr Ziel, das Verdrängte durch Pvcaktionsbildungen und 
Sublimierungen zu ersetzen. Darum sind die Prozesse der 
Charakterbildung undurchsichtiger und der Analyse unzu- 
gänglicher als die neurotischen. 

Gerade auf dem Gebiete der Charaktcrentwicklung be- 
gegnet uns aber eine gute Analogie zu dem von uns be- 
schriebenen Krankheitsfälle, also eine Bekräftigung der prä- 
genitalen sadistisch-analerotischen Sexualorganisation. Es ist 
bekannt und hat den Menschen viel Stoff zur Klage gegeben, 
dai3 die Frauen häufig, nachdem sie ihre Gcnitalf Miktionen 



122 



SCHRIFTIN ZUR NEUROSEN I.KH HF. IV. 



— 



aufgegelx'ii halien, ihren Charakter in eigentümlicher Weise 
verändern. Sie werden zänkisch, cpnilerisch und rpohthlho« 
risch, kleinlich und geizig, Beigen also typische sadistische 
und analerotisehe Züge, die ihnen vorher in der Epoche der 

Weiblichkeit nicht eigen waren. Lustsph ldichter und Sati- 
riker haben zu allen Zeiten ihre Invektivcn gegen den „all 
Drachen" gerichtet, zu dein das hold, Mädchen, die lie!>ende 

Frau, die zärtliche Mutter geworden ■ t. Wii verstehen, d 

diese Charakierwandlung der Regression des Sexuallebens 
auf die prägend ah- ndlatifch-aunlrmiisclic Stufe entspricht, 
in welcher wir die Disposition zur Zwangsneuro fanden 

hal>en. Sie wäre allO nicht mir die Vorlauferin der genitalen 
Phase, sondern oft genug auch ihre Nachfolge und Ablösung, 

nachdem die. Genitalien ihre Punktion erfüllt hni>en. 

Der Vergleich einer solchen ( h.iraktei Veränderung mit 
der Zwangsneurose ist, sehr eindrucksvoll. In beiden Fallen 
das Werk der Hegression, ah.-r im ersten Falle volle Rcgrei 
nach glatt, vollzogener Verdrängung (oder Unterdrückung); 
im Falle der Neurose: Konflikt, llemühung, die Hegression 
nicht gelten zu lassen, Reaktionsbildungcn gegen dieselbe 
und Syiuptombildungen durch Kompromisse von beiden Seiten 
her, Spaltung der psychischen Tat igkeil an in bewußtseint* 
fähige und unbewußte. 

d) Unsere Aufstellung einer prügenitaleii Sexualorgaui- 
s.nion ist nach zwei Richtungen bin unvollständig. Sie nimmt 
erstens keine Hüeksicht auf das Vorhalten anderer Pastial- 
triebe, an dem manches dil lä l'orschune und F.rw ähnung 
wert wäre, und begnügt, sieh, das auffällige Primat von Sa- 
dismus und Analerotik herauszuhelMn, U iders vom Wiß- 
trieb gewinnt man hänl'ig den Kindnick, als ob er im Mecha- 
nismus der Zwangsneurose den Sadismus geradezu ersetzen 



HI. DIE DISPOSITION ZU R ZWANGSNEUROSE . 123 

könnte. Er ist ja im Grunde ein sublimierter, ins Intellek- 
tuelle gehobener Sprößling des Bemächtigungstriebes, seine 
Zurückweisung in der Form des Zweifels nimmt im Bilde 
der Zwangsneurose einen breiten Raum ein. 

Ein zweiler Mangel ist weit bedeutsamer. Wir wissen, 
daß die entwicklungsgeschichtliche Disposition für eine Neu- 
rose nur dann vollständig ist, wenn sie die Phase der Ich- 
entwicklung, in welcher die Fixierung eintritt, ebenso be- 
rücksichtigt wie die der Libidoentwicklung. Unsere Auf- 
stellung hat sich aber nur auf die letztere bezogen, sie ent- 
hält also nicht die ganze Kenntnis, die wir fordern dürfen. 
Die Entwicklungsstadien der Ichtriebe sind uns bis jetzt sehr 
wenig bekannt; ich weiß nur von einem vielversprechenden 
Versuch von Ferenczi, sich diesen Fragen zu nähern. :i: ) 
Ich weiß nicht, ob es zu gewagt erscheint, wenn ich den 
vorhandenen Spuren folgend die Annahme ausspreche, daß 
ein zeitliches Voraneilen der Ichentwicklung vor der Libido- 
entwicklung in die Disposition zur Zwangsneurose einzu- 
tragen ist. Eine solche Voreiligkeit würde von den Ich- 
trieben her zur Objektwahl nötigen, während die Sexual- 
funktion ihre letzte Gestaltung noch nicht erreicht hat, und 
somit eine Fixierung auf der Stufe der prägenitalen Sexual- 
ordnung hinterlassen. Erwägt man, daß die Zwangsneurotiker 
eine Übcrmoral entwickeln müssen, um ihre Objektliebe gegen 
die hinter ihr lauernde Feindseligkeit zu verteidigen, so 
wird man geneigt sein, ein gewisses Maß von diesem Voran- 
eilen der Iclientwicklung als typisch für die menschliche 
Natur hinzustellen und die Fähigkeit zur Entstehung der 
Moral in dem Umstand begründet zu finden, daß nach der 



*) Ferenczi: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. (Intern. 
Zeitsohr. für ärztl. Psychoanalyse, I, 1913, H. 2.) 



124 



SCIIRIFTKN VA'H NKUKOSKNLKIIKK. IV. 



Entwicklung der Haß der Vorlaufer der Liebe ist. Vielleicht 
ist dies dl« Bedeutung eines Sattes von W. Stekel, 
mir seinerzeit unfaßbar erschien, dafl der Haß und nicht die 
Liebe die primäre < iefühlsbe/.iehuug zwischen drn Men- 
schen sei.*) 

e) Für die Hysterie erübrigt nach dem Vorstehenden 
die innige Beziehung zur Leisten Phase dor Libidocntwiok- 
lung, die durch den Primat der (Jenitalien und die Einführung 
der Portpftansungsfunktion ausgezeichnet ist. Dieser Erwerb 
unterliegt in der hysterischen Neurose der Verdrängung, mit 
welcher eine Repression auf die priigenitulu Stufe nichl ver- 
bunden ist. Die Liüoko in der Bestimmung der Disposition 
Infolge unserer Unkenntnis der [chentwioklung ist hior noch 

fühlbarer als hei der Zwangsmui 1 1 I 

Hingegen ist es nichl schwet nachzuweisen, datf* eine 
ander,. Regression auf ein frühere Niveau auch der Hyst< 
zukommt. Die Sexualität des weiblichen Kindes steht, wie 
wir wissen, unter der Herrschaft eines männlichen l.-'it- 
Organes (der Klitoris) und benimmt sich vielfach wie die 
des Knal.cn. Ein letzter Kntwicklungsschub zur Keil der 
l'ul.eii-ii inul.1 dies,- männliche Sexualität wegschaffen und 
die von der Kloake abgeleitete \ zur herrsohendSBj 

exogenen Zone erheben. Bs ist nun sehr gewöhnlieh, daß in 
der hysterischen Neurose der Krauen eine Roaktivierung die- 
ser verdrängten männlichen Sexualität statt hat, gegen welche 
sich dann der Al)\\chrkani]>f von Seiten der ichgerechten 
Triebe richtet. Doch erscheint es mir vorzeitig, an dieser 
Stelle in die Diskussion der Kr. .Meine der hysterischen D 
position cin/.ul reten. 

■*) w. Bltkeli ]'"• Spmoas dos Ti.nm.. i-.ui, > 



IV. 

MITTEILUNG EINES DER PSYCHOANALYTISCHEN 
THEORIE WIDERSPRECHENDEN FALLES VON 

PARANOIA. *) 

Vor Jahren ersuchte mich ein bekannter Rechtsanwalt 
um Begutachtung eines Falles, dessen Auffassung ihm zwei- 
felhaft erschien. Eine junge Dame hatte sich an ihn ge- 
wendet, um Schutz gegen die Verfolgungen eines Mannes 
zu finden, der sie zu einem Liebesverhältnis bewogen hatte. 
Sie behauptete, daß dieser Mann ihre Gefügigkeit mißbraucht 
hatte, um von ungesehenen Zuschauern photographische Auf- 
nahmen ihres zärtlichen Beisammenseins herstellen zu lassen; 
nun läge es in seiner Hand, sie durch das Zeigen dieser Bilder 
zu beschämen und zum Aufgeben ihrer Stellung zu zwingen. 
Der Rechtsfreund war erfahren genug, das krankhafte Ge- 
präge dieser Anklage zu erkennen, meinte aber, es komme 
so viel im Leben vor, was man für unglaubwürdig halten 
möchte, daß ihm das Urteil eines Psychiaters über die Sache 
wertvoll wäre. Er versprach, mich ein nächstes Mal in Ge- 
sellschaft der Klägerin zu besuchen. 

Ehe ich meinen Bericht fortsetze, will ich bekennen, 
daß ich das Milieu der zu untersuchenden Begebenheit zur 
Unkenntlichkeit verändert habe, alxjr auch nichts anderes 
als dies. Ich halte es sonst für einen Mißbrauch, aus irgend 

*) Intern. Zeitsohr. für Intl. Psychoanalyse, 111, 1915. 



126 



SCHRIFTEN ZUR NEUR08ENLKHRE. IV. 



welchen, wenn :aich aus den besten Motiven. Züge einer 
Krankengesohiohte in der Mitteilung 7.11 entstellen, da 1 

unmöglich wissen kann, welche Seite dos Fallos ein Selb- 
ständig urteilender Leser lierau ■greifen wird, und somit Ge- 

r.- ihr läuft, diesen Letsteren in die in" iu fuhren. 

Die Patientin, die ich nun bald darauf kennen lernte, 
war ein 30jühriges Mädchen von ungewöhnlicher \nmut und 
Schönheit; .sie schien viel jünger zu sein, als sie angab, und 

machte ••inen echt weililichen Kindruek. (Jegen den Arzt 
benahm sie sich voll ablehnend und gab sich kein Mühe, 
ihr Mißtrauen zu vorl>ergcn. Offenlmr nur unter dem Drucke 

des mitanwes.ndeii Etschtsfrenndas sriahlte sie die folgende 
ticschichtc, die mir ein später /u erwähnendes l'rnlilcin auf- 
gab. Ihre Mienen und alfeJrtaufierungen verrieten nichts 

von einer s.-hamiiaften Bei.m<.'enin-it, wie sie der Einstellung 

ZU dem fremden Zuhörer entsprochen hatte Sie stand aus- 
schließlich unter dem Kinne der Besorgnis, d h ans 

ihrem Erlebnis ergeben traft* 

Sie war jahrelang Angestellte in einem großen Institut 
gewesen, in dem sie einen verantwortlich, n l'oiten zur < 
Befriedigung und zur Zufriedenheit der Vorgesetzten inne- 
hatte. Liobesbcziehuugen zu Männern hatte sie nie gesucht; 
sie lebte ruhig neben einer alten Mutter, deren einsigo Stütze 
sie war. Geschwister fehlten, der Vatei war vor vielen Jahren 
gestorben. In der letzten Zeil hatte ich ein mannliohflf 
Beamter desselben Bureaus ihr genähert, 6in sehr gebildeter, 
einnehmender Mann, dein :m< b lifl ihre Sympathie nicht \er- 
sagen konnte. Kino Heirat zwischen Ihnen war durch äußere 
Verhältnisse ausgeschlossen, aln-r der Manu wollte nichts 
davon wissen, dieser rjnmögliohkeil wegen den Verkehr auf- 
zugellen. Er hielt ihr vor, wie unsinnig es »ei, wegen sozialer 



IV - MITTEILUNG EINES FALLES VON PARANOIA. 127 

Konventionen auf alles zu verzichten, was sie sich beide 
wünschten, worauf sio ein unzweifelhaftes Anrecht hätten, 
und was wie nichts anderes zur Erhöhung des Lebens bei- 
trüge. Da er versprochen hatte, sie nicht in Gefahr zu 
bringen, willigte sie endlich ein, ihn in seiner Junggesellen- 
wohnung bei Tage zu besuchen. Dort kam es nun zu Küssen 
und Umarmungen, sie lagerten sich nebeneinander, er be- 
wunderte ihre zum Teil enthüllte Schönheit. Mitten in dieser 
Schäferstunde wurde sie durch ein einmaliges Geräusch wie 
ein Pochen oder Ticken erschreckt. Es kam von der Gegend 
des Schreibtisches her, welcher schräg vor dem Fenster 
stand; der Zwischenraum zwischen Tisch und Fenster war 
zum Teil von einem schweren Vorhang eingenommen. Sie 
erzählte, daß sie den Freund sofort nach der Bedeutung des 
Geräusches gefragt und von ihm die Auskunft bekommen 
hatte, es rühre wahrscheinlich von der kleinen, auf dem 
Schreibtisch befindlichen Stehuhr her; ich werde mir aber 
die Freiheit nehmen, zu diesem Teil ihres Berichtes später 
eine Bemerkung zu machen. 

Als sie das Haus verließ, traf sie noch auf der Treppe 
mit zwei Männern zusammen, die bei ihrem Anblick einan- 
der etwas zuflüsterten. Einer der beiden Unbekannten trug 
einen verhüllten Gegenstand wie ein Kästchen. Die Begeg- 
nung beschäftigte ihre Gedanken; noch auf dem Heimwege 
bildete sie die Kombination, dies Kästchen könnte leicht 
ein photographischer Apparat gewesen sein, der Mann, der 
es trug, ein Photograph, der während ihrer Anwesenheit im 
Zimmer hinter dem Vorhang versteckt geblieben war, und 
das Ticken, das sie gehört, das Geräusch des Abdrückens, 
nachdem der Mann die besonders verfängliche Situation her- 
ausgefunden, die er im Bilde festhalten wollte. Ihr Argwohn 



128 



8CIIRIKTKN ZUR XEUROBKSUÜIRK. IV. 



gegen den Geliebten war von da au uichl mehr /um Schwei- 
gen /u bringen: i&e verfolgte Ihn mündlich und schriftli 
mii <!'•)• Anforderung, ihr Aufklärung und Beruhigung zu 
geben, und mit Vorwürfen, anriet sich aU-r unzugänglich 
gegen die Versicherungen, die er ihi machte, mit denen et 
die Aufrichtigkeit leiner Gefühle und die Grundlosigkeit ib 
Verdächtigung vert r:it . Endlich wandle sie ich -iii den Ad- 
vokaten, erzählte ihm ihr Krlcbnin und übergab ihm die 
l'.ri. fe. die ile in dieser Angelegenheil von dem Verdächtigt 
esfatSbsn hatte, [oh konnte ii i ' (l »' ■ ' »"«fe ,:in * 

sieht, nelimen; sie maohten mir den bcateo Eindruck; ihr 

H:iu]>t-iiili:ilt war das ['.ed.iuei n. d.il'- ain SO SChÖN irtlifllMI 

Einvernehmen durch dioee „unglückselige krankhafte Id 

zerstört worden sei. 

Es bedarf wohl keiner Etechtfcrti; uiig, daß ich da* Ur- 
teil des Beschuldigten auch zu dem lucinigcn machte. Aber 

der K:il! 1 1 ; 1 1 1 . • für inieh ein underoü ah bloO duignostiscl 

Interesse. Es war in der psychoanalytischen Literatur i« - 

liauj.tet worden. <la(i t\vv l'uranoiker gegen eine Verstärkung 
seiner homosexuelles Strebungen ankämpft, was im Grunde 
auf eine nar/ililische Objekt fl alil zurückweist I var fei 
gedeutet worden, <l:ii.l der Verfolger im (i runde der Geliebte 
oder der ehemals Geliebte oi Aus der ZuBamracnsets« 
beider Aufstellungen ergib! sieh die Forderung, der Verfolger 
müsse von denisrii.ru iii :chlee)n seil' wn' ih r Verfolgte Den 
Sat/. von i\cr liedingtlieii der Paranoia durch die Homo« 

sexii.-ililäi halten wir a llei ding- nicht als allgemein und I 
nahnislos gültig hingestellt, al.er nur darum nicht, weil un- 
sere Ueobaehtuiigen nicht genug nhln-ieli Er gehörte 

sonst ;m jenen, die Infolge gewiss. m Zicimue iihni nur 

dann bedeul ungSTOÜ sind, wenn sie Allgemeinheit b« 



IV. MITTEILUNG EINES FALLES VON PARANOIA. 129 



spruchen können. In der psychiatrischen Literatur fehlte es 
gewiß nicht an Fällen, in denen sich der Kranke von Ange- 
hörigen des anderen Geschlechtes verfolgt, glaubte, aber es 
blieb ein anderer Eindruck, von solchen Fällen zu lesen, als 
einen derselben selbst vor sich zu sehen. Was ich und meine 
Freunde hatten beobachten und analysieren können, hatte bis- 
her die Beziehung der Paranoia zur Homosexualität ohne 
Schwierigkeit bestätigt. Der hier vorgeführte Fall sprach 
mit aller Entschiedenheit dagegen. Das Mädchen schien die 
Liebe zu einem Mann abzuwehren, indem sie den Geliebten 
unmittelbar in den Verfolger verwandelte; vom Einfluß des 
Weibes, von einem Sträuben gegen eine homosexuelle Bin- 
dung war nichts zu finden. 

Bei dieser Sachlage war es wohl das Einfachste, die 
Parteinahme für eine allgemein gültige Abhängigkeit des 
Verfolgungswahnes von der Homosexualität und alles, was 
sich weiter daran knüpfte, wieder aufzugeben. Man mußte 
wohl auf diese Erkenntnis verzichten, wenn man sich nicht 
etwa durch diese Abweichung von der Erwartung bestimmen 
ließ, sich auf die Seite des Bechtsfreundes zu schlagen und 
wie er ein richtig gedeutetes Erlebnis anstatt einer paranoi- 
schen Kombination anzuerkennen. Ich sah aber einen an- 
deren Ausweg, welcher die Entscheidung zunächst hinaus- 
schob. Ich erinnerte mich daran, wie oft mau in die La,ge 
gekommen war, psychisch Kranke falsch zu beurteilen, weil 
man sich nicht eindringlich genug mit ihnen beschäftigt 
und so zu wenig von ihnen erfahren hatte. Ich erklärte also, 
es sei mir unmöglich, heute ein Urteil zu äußern, und bitte 
sie vielmehr, mich ein zweites Mal zu besuchen, um mir die 
Geschichte ausführlicher und mit allen, diesmal vielleicht 
übergangenen, Nebenumständen zu erzählen. Durch die Ver- 
Freud, Neurosenlehre. IV. 9 



130 



SCHKIFTKN /Ali NKCKOSKNI.KIIHK. IV. 



inittlung dos Advokaten erreicht«' ich dies Zugeständnis von 
der sonst unwilligen Patientin; er kam mir auch durch die 
Erklärung zu Hilfe, daß In i dieser zweiten Unterredung seine 
Anwesenheit überflüssig Hei. 

Die zweite Krzählung der Patientin hob die früh 
nicht auf, brachte abei solche Krgänzungen, dal) alle Zweifel 

und Schwierigkeiten wegfielen. Vor allem, nie hatte den 

jungen Mann nicht einmal, sondern zweimal in seiner Woh- 
uung besucht. Beim zweiten Zusammensein ereignete sich 
die Störung durch da.s (h-räusch, an welches sie ihren \ 
dacht angeknüpft halte; «len ersten Besuch hatte sie 
der ersten Mitteilung unterschlagen, ausgelassen, weil er ihr 
nicht mehr l>odeutsani vorkam. Hei diesem ersten Besuch 
hatte sich nichts Auffälliges zugetragen, wohl aber am Tage 
nachher. Die Abteilung des großen Unternehme um, bei wel- 
cher sie tätig war, stand unter der Leitung einer alten Dann'. 
die sie mit den Worten besehrieb: sie hat wejüc Haare wie 
meine Mutter. Sie war es gewöhnt, von dieser alten Vorge- 
setzten sehr zärtlich behandelt, auch wohl manchmal geneckt 
eu werden, und hielt sich für ihren besonderen Liebling. Am 
Tage nach ihrem ersten Besuch bei dein jungen Beamt d h- 
schien dieser In den Geschäftsräumen, um dm ..lten Dame 
etwas dienstlich mitzuteilen, und während er leise mit dieser 
sprach, cutstund in ihr plötzlich die <i,.\vilJheii, er mache ihr 
Mitteilung von dem gestrigen Abenteuer, ja, er unterhalte 
längst ein Verhältnis mit ihr, von dem sie selbst nur bisher 
nichts gemerkt habe. Die weißhaarige, mütterliche Alte wi 
mm alles. Im weiteren Verlaufe des Tages konnte sie aus dem 
Benehmen und den Äußerungen der Alten diesen ihren Ver- 
dacht bekräftigen. Sie ergriff die nächste (Jelegenheit, den 
Geliebten wegen seines Verrates zur Rede zu stellen. I 



IV- MITTEILUNG EINES FALLES VON P ARANOIA. 13l 

sträubte sich natürlich energisch gegen das, was er eine un- 
sinnige Zumutung hieß, und es gelang ihm in der Tat, sie für 
diesmal von ihrem Wahn abzubringen, so daß sie einige Zeit 
— ich glaube einige Wochen — später vertrauensvoll genug 
war, den Besuch in seiner Wohnung zu wiederholen. Das Wei- 
tere ist uns aus der ersten Erzählung der Patientin bekannt. 
Was wir neu erfahren haben, macht zunächst dem Zweifel 
an der krankhaften Natur der Verdächtigung ein Ende. Un- 
schwer erkennt man, daß die weißhaarige Vorsteherin ein 
Mutterersatz ist, daß der geliebte Mann trotz seiner Jugend 
m die Stelle des Vaters gerückt wird, und daß es die Macht 
des Mutterkomplexes ist, welche die Kranke zwingt, ein 
Liebesverhältnis zwischen den beiden ungleichen Partnern, 
aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotze, anzunehmen. Damit 
verflüchtigt sich aber auch der anscheinende Widerspruch 
gegen die von der psychoanalytischen Lehre genährte Er- 
wartung, eine überstarke homosexuelle Bindung werde sich 
als die Bedingung zur Entwicklung eines Verfolgungswahnes 
herausstellen. Der ursprüngliche Verfolger, die Instanz, deren 
Einfluß man sich entziehen will, ist auch in diesem Falle 
nicht der Mann, sondern das Weib. Die Vorsteherin weiß 
von den Liebesbeziehungen des Mädchens, mißbilligt sie und 
gibt ihr diese Verurteilung durch geheimnisvolle Andeu- 
tungen zu erkennen. Die Bindung an das gleiche Geschlecht 
widersetzt sich den Bemühungen, ein Mitglied des anderen 
Geschlechtes zum Liebesobjekt zu gewinnen. Die Liebe zur 
Mutter wird zur Wortführerin all der Slrebungen, welche in 
der Rolle eines „Gewissens" das Mädchen bei dem ersten 
Schritt auf dem neuen, in vielen Hinsichten gefährlichen Weg 
zur normalen Sexualbefriedigung zurückhalten wollen, und 
sie erreicht es auch, die Beziehung zum Manne zu stören. 

9* 



132 



SCIIKIFTKN 7AU NKIHOSKNLKHKK. IV 



Wenn die Mult.r die Sexuulbetät ignng der Tochter 
hemmt oder nulliält, so «füllt sie eino normale Funktion, 
welche durch Kindheit. slic/.ichungen vorgezeiehnet ist, starke, 
unbewußte Motivierungen besitzt und die Sanktion .Ut (Je- 
Seilschaft gefunden hat. Sache der Tochter ist es, sich von 
diesem Einfluß abzulösen und sich auf Crumi I. niler. ratio- 
neller Motivierung für ein Matt von Qettattung "der Ver- 
tagung des Bexnalgenuseei ku entscheiden. Verfallt sie bei 
dem Versuch dieser Befreiung in neurotische Erkrankung, MI 
Uegt ein in der Regel üUi starker, sicherlich siImt unbe- 
Bl -rrsehter M ut t.erkoinpkx vor, dessen Konflil ' mit der neuen 
lihidiiK'iseii Strömung je nach der verwendbaren Disposition 
in der Forin dieser oder Jener Neurose erledigt wird. In allen 
Füllen werden die I'hscheiuUQgen der ncurotiscllCQ Reaktion 
nicht durch die gegenwärtige Beziehung zur aktuellen Mutter, 
sondern durch die infantilen Beziehungen zum urzeitlichen 

Mutterbild bestimml werden. 

Vmi unserer Patientin wissen wir. daß sie seil 1 ingen 
Jahren vaterlos war, wir dürfen auch annehmen, daß 
nicht, bis zum Alter von !l(> .lahreu frei vom Man blieben 

wäre, wenn ihr nicht eine starke Gefühls bindung an die 
Muttei eine Stütze geboten hätte. Diese Stütze wird ihr zur 
lästigen Fessel, da ihre Libido auf den Anruf einer eindring- 
lichen Werbung zum Manne zu streben l>egiimt. Sie sucht 
sie abzustreifen, sich ihrer homosexuellen Itiudung zu ent- 

hwtigfm, Ehre Disposition von der hier niohl die Rede 

zu sein braucht — gestattet, dafl «lies in der Form der para- 
noischen Wnhuhildung vor sich gehe. Die Mutter wird also 
zur feindseligen, mißgünstigen Beokichterin und Verfolgerin. 

sie könnte ula solche überwunden werden, wenn nicht der 
Mutterkomplex die Maoni behielte, die in seiner Absicht 



IV. MITTEILUNO EINES FALLES VON PARANOIA. 133 



liegende Fernhaltung vom Manne durchzusetzen. Am Ende 
dieser ersten Phase des Konfliktes hat sie sich also der Mutter 
entfremdet und dem Manne nicht angeschlossen. Beide kon- 
spirieren ja gegen sie. Da gelingt es der kräftigen Bemühung 
des Mannes, sie entscheidend an sich zu ziehen. Sie über- 
windet den Einspruch der Mutter und ist bereit, dem Ge- 
liebten eine neue Zusammenkunft zu gewähren. Die Mutter 
kommt in den weiteren Geschehnissen nicht mehr vor; wir 
dürfen aber daran festhalten, daß in dieser Phase der geliebte 
Mann nicht direkt zum Verfolger geworden war, sondern auf 
dem Wege über die Mutter und kraft seiner Beziehung zur 
Mutter, welcher in der ersten Wahnbildung die Hauptrollo 
zugefallen war. 

Man sollte nun glauben, der Widerstand sei endgültig- 
überwunden und das bisher an die Mutter gebundene Mäd- 
chen habe es erreicht, einen Mann zu lieben. Aber nach dem 
zweiten Beisammensein erfolgt eine neue Wahnbildimg, 
welche es durch geschickte Benützung einiger Zufälligkeiten 
durchsetzt, diese Liebe zu verderben, und somit die Absicht 
des Mutterkomplexes erfolgreich fortführt. Es erscheint uns 
noch immer befremdlich, daß das Weib sich der Liebe zum 
Manne mit Hilfe eines paranoischen Wahnes erwehren sollte. 
Ehe wir aber dieses Verhältnis näher beleuchten, wollen wil- 
den Zufälligkeiten einen Blick schenken, auf welche sich die 
zweite Wahnbildung, die allein gegen den Mann gerichtete, 

stützt. 

Halb entkleidet auf dem Di van neben dem Geliebten 
liegend hört sie ein Geräusch wie ein Ticken, Klopfen, Pochen, 
dessen Ursache sie nicht kennt, das sie aber später deutet, 
nachdem sie auf der Treppe des Hauses zwei Männer be- 
gegnet hat, von denen einer etwas wie ein verdecktes Käst- 



134 



SCHUHTEN Zl'K NEUROSEN LEHRE. IV. 



eben trägt. Sie gewinnt dir P Urzeugung, daß sie im Auf- 
trage des (buchten während des intimen |l< isammenSQUII 
beimischt und i>hotogra]>hiert wurdr. IN Hegt uns natürlich 
fern zu denken, wenn dies unglückselig«- (ierüuseh sich nicht 
ereignet hätte, wäre auch die Wahnbildung nicht KU stand! 
gekommen. Wir erkennen vielmehr hinter dieser Zufälligkeif 
etwas Notwendiges, was sich ebenso zwanghnft durchsetzen 
mußte wie iie Annahm« einet Liebesverh&ltnissos swisoheo 
dem geliebten Manne und der alten, zum Mutterersatc er« 
korenen Voreteherin. Die Beobachtung d« I ..■ '■ verkehre* 
drr Eltern ist ein leiten vermißtes Stück aus dem Schatze 
unbewußter Phaa taeten, die man bei allen Neurot ikern, wahr« 
Boheinlioh bei allen Menschenkindern, durch die Analyse 
au ffin d e n kann, [oh heiße diese Pbaotaeichiidungcn, die der 
Beobaoirfcimg des elterlichen Qssohleehtsverk. hn-s. die der 
Verführung, der Kastration n. .-,. Qrphantasien und werde 
an anderer Stell« deren Herkunft sowie Ihr Verhältnis zum 
individuellen Krlebcn eingehend untersuchen. Das zufällige 
Geräusch ipiell also nur die Rolle einer Provokation, welche 
die typische, im Elternkomplex enthaltene I'h ic von 

der Belausclmng aktivini. Ja, SS ist fraglich, ob wir M 
als ein „zufälliges- bezeichnen sollen. Wie <> Rank mir be- 
merkt hat, ist es vielmehr ein notwendiges R ii der 
Belauschungsphantasle und wiederholt entweder das Geräusch, 
durch welches sich diT Verkohl der Kitern verrät, «xler auch 
das, wodurch sich das lauschende Kind zu verraten fürchtet 
iNun erkennen wir aber mit einem .Mal«, auf welchem Boden 
wir uns befinden. Der (Jtdiebte ist noch immer der Vater, 
an steile der .Mutter ist sie selbst getreten, Die Belausohoag 
muß dann einer frrmdeu I'« r «m zugeteilt werden. Ivs wird 
uns ersieht lieh, auf welch«' Weise sm sich von der homo- 



IV. MITTEILUNG EINES FALLES VON PARANOIA. 135 

sexuellen Abhängigkeit von der Mutter frei gemacht hat. 
Durch ein Stückchen Regression; anstatt die Mutter zum 
Liebesobjekt zu nehmen, hat sie sich mit ihr identifiziert, 
ist sie selbst zur Mutter geworden. Die Möglichkeit dieser 
Regression weist auf den narzißtischen Ursprung ihrer homo- 
sexuellen Objektwahl und somit auf die bei ihr vorhandene 
Disposition zur paranoischen Erkrankung hin. Man könnte 
einen Gedankengang entwerfen, der zu demselben Ergebnis 
führt wie diese Identifizierung: Wenn die Mutter das tut, 
darf ich es auch; ich habe dasselbe Recht wie die Mutter. 
Man kann in der Aufhebung der Zufälligkeiten einen 
Schritt weiter gehen, ohne zu fordern, daß ihn der Leser 
mitmache, denn das Unterbleiben einer tieferen analytischen 
Untersuchung macht es in unserem Falle unmöglich, hier 
über eine gewisse Wahrscheinlichkeit hinauszukommen. Die 
Kranke hatte in unserer ersten Besprechung angegeben, daß 
sie sich sofort nach der Ursache des Geräusches erkundigt 
und die Auskunft erhalten habe, wahrscheinlich habe die 
auf dem Schreibtisch befindliche kleine Standuhr getickt. 
Ich nehme mir die Freiheit, diese Mitteilung als eine Er- 
iunerungstäuschung aufzulösen. Es ist mir viel glaubhafter, 
daß sie zunächst jede Reaktion auf das Geräusch unterlassen, 
und daß ihr dies erst nach dem Zusammentreffen mit den 
beiden Männern auf der Treppe bedeutungsvoll erschienen 
ist. Den Erklärungsversuch aus dem Ticken der Uhr wird 
der Mann, der das Geräusch vielleicht überhaupt nicht ge- 
liert hatte, später einmal gewagt haben, als ihn der Argwohn 
des Mädchens bestürmte. „Ich weiß nicht, was du da gehört 
haben kannst; vielleicht hat gerade die Standuhr getickt, 
wie sie es manchmal tut." Solche Nachträglichkeit in der 
Verwertung von Eindrücken und solche Verschiebung in der 



136 



S< HKirrKN V.VU NF.rUOSKNI.KHKK. IV. 



Erinnerung sin«! gerade i"i der Paranoia h&ufig und für sie 
c-h;i r.i kl ■ riHi isch . Da, ich aber den Mann in , rochen habe 

und die Analyse des Mädoheni nicht fortsetzen konnte, bleibt 
nieine Annahme unbeweisbar. 

Ich könnte es «ragen, in der Zersetzung der angeblich 
realen „Zufälligkeit*' noch weiter zu gehen. Ieh glaube über- 
haupt nicht, daii die Standuhr getickt hat, oder <laU «-in Qe- 
rausch zu hören wax. Die Situation, in der sie sieh befand, 
rechtfertigte eine Empfindung von Pochen oder Klopfen an 
der Clitoris. Dies war es dann, was sie nacht räglich als 

Wahrnahmung von einem luderen Objekt hinausj>rojizicrte. 

(Jan/. Ähnliches ist. im Traume möglich Kim« meiner hyste- 
rischen Patientinnen berichtete einmal einen kurzen WVek- 
traum, zu dem sieh kein HafceriaJ v«,u Einfällen ergeben 

wollte. Der Traum hieü: Bf klopft, und sie wachte auf. Es 
hatte niemand an die Tür geklopft, aber Bio war in den 
Nächten vorher durch die peinlichen Sensationen von Pollu- 
tionen (reweckt worden und hatte nun ein Interesse daran, 
zu erwachen, sobald sich die ersten Zeichen der Genital- 
erregung einstellten. Vm hatte an der Clitoris geklopft Den 
nämlichen Projekiionsvorgan^ möchte ioli bei unserer Para- 
noika. an die Stelle des zufälligen I hes setzen. Ich 

werde selbstverständlich nicht dalüi einstehen, dal) mir dio 
Kranke bei einer flüchtigen Bekanntschaft unter allen An- 
zeichen eines ihr unliebsamen Zwanges einen aufriehtii 
Beriohl über die Vorgang«? bei den beiden zärtlichen Zu« 

sammenkünften gegeben, alx-i die v.r. inz.eli ,- (In utrak- 

tion stimmt wühl zu Lhxei Behauptung, dafl eins Vereinigung 
dar GenitalieD dabei ulohi itattgafunden babe. An der resul- 
tierenden Ablehnung des Manne.--; h ; 1 1 sieherlich neben dem 
„Gewissen" auch die [Jnbefriedigung ihren Anteil. 




IV- MITTEILUNG EINES FALLES VON PAR ANOIA. ^37 

Wir kehren nun zu der auffälligen Tatsache zurück, 
daß sich die Kranke der Liebe zum Manne mit Hilfe einer 
paranoischen Wahnbildung erwehrt. Den Schlüssel zum Ver- 
ständnis gibt die Entwicklungsgeschichte dieses Wahnes. 
Dieser richtete sich ursprünglich, wie wir erwarten durften, 
gegen das Weib, aber nun wurde auf dem Boden der 
Paranoia der Fortschritt vom Weibe zum Manne 
als Objekt vollzogen. Ein solcher Fortschritt ist bei 
der Paranoia nicht gewöhnlich; wir finden in der Kegel, daß 
der Verfolgte an denselben Personen, also auch an demselben 
Geschlecht fixiert bleibt, dem seine Liebeswahl vor der para- 
noischen Umwandlung galt. Aber er wird durch die neu- 
rotische Affektion nicht ausgeschlossen; unsere Beobachtung 
dürfte für viele andere vorbildlich sein. Es gibt außerhalb 
der Paranoia viele ähnliche Vorgänge, welche bisher nicht 
unter diesem Gesichtspunkt zusammengefaßt worden sind, 
darunter sehr allgemein bekannte. So wird z. B. der soge- 
nannte Neurastheniker durch seine unbewußte Bindung an 
inzestuöse Liebesobjekte davon abgehalten, ein fremdes Weib 
zum Objekt zu nehmen, und in seiner Sexualbetätigung auf 
die Phantasie eingeschränkt. Auf dem Boden der Phantasie 
bringt er aber den ihm versagten Fortschritt zu stände und 
kann Mutter und Schwester durch fremde Objekte ersetzen. 
Da bei diesen der Einspruch der Zensur entfällt, wird ihm 
die Wahl dieser Ersatzpersonen in seinen Phantasien bewußt. 
Die Phänomene des versuchten Fortschrittes, von dem 
neuen meist regressiv erworbenen Boden her, stellen sich den 
Bemühungen zur Seite, welche bei manchen Neurosen un- 
ternommen werden, um eine bereits innegehabte, aber ver- 
lorene Position der Libido wieder zu gewinnen. Die beiden 
Reihen von Erscheinungen sind begrifflich kaum voneinan- 



138 



SCHRIFTEN EUR NEUKOSKNI-KHRE. IV. 



der zu trennen. Wir Beigen allzusehr zu der Auffassung, daß 
der Konflikt, welcher der Neurose EU Grunde liegt, mit der 
Symptombildung abgeschlossen sei. In Wirklichkeit gehl der 
Kampf vielfach auch nach der Symptombildung weiter. Auf 
beiden Seiten tauchen neue Triebanteile auf, welche ihn 
fortführen. Das Symptom selbst wird zum Objekt dieses 
Kampfes; Strebungen, die es l>chnupten wollen, messen sieh 
mit anderen, die seine Aufhebung und die Herstellung d60 
früheren Zustundcs durchzusetzen bemüht sind. Häufig wer- 
den Wege gesucht, um das Symptom zu entwerten, indem 
man das Verlorene und durch das Symptom Versagte von 
anderen Zugängen her zu gewinnen trachtet. Diese Verhält- 
nisse werfen ein klärendes Lieht auf eine Aufstellung von 
('. G. Jung, demzufolge eine eigentümliche psychische Träg- 
heit, die sich der Veränderung und dem Fortschritt wider- 
setzt, die Grundbedingung der tfeuroee Ist, Diese Trägheit 
lai in der Tat sehr eigentümlich; sie isl keine allgemeine) 
sondern eine höchst spezialisierte, aie ist auch auf ihrem 
Gebiete nicht Alleinherrseherin, sondern kämpft mit Forl- 
schritts- und Wiederheretellungstendeuzen, die sich seihet 
nach der Symptombildung der Neurose nicht beruhigen. Spürt 
man dem Ausgangspunkte dieser speziellen Trägheit naeli, 80 
enthüllt sie sich als die Äußerung von sehr frühzeitig er- 
folgten, sehr schwer lösbaren Verknüpfungen von TricN-n 
mit Eindrücken und den in ihnen gegebenen Objekten, durch 
welche die Weiterentwicklung dieser Triclxinteile zum Still- 
stand gebrach« wurde. Oder, um es anders zu sagen, diese 
spezialisierte ..psychische Trägheit" ist nur ein anderer, kaum 
ein besserer Ausdruck für das, was wir in der Psychoanalyse 
eine Fixierung zu nennen gewohnt sind. 



V. 

ÜBER TRIEBUMSETZUNGEN 
INSBESONDERE DER ANALEROTIK. *) 

Vor einer Reihe von Jahren habe ich aus der psycho- 
analytischen Beobachtung die Vermutung geschöpft, daß das 
konstante Zusammentreffen der drei Charaktereigenschaften: 
ordentlich, sparsam und eigensinnig auf eine Ver- 
stärkung der analero tischen Komponente in der Sexual- 
konstitution solcher Personen hindeute, bei denen es aber im 
Laufe der Entwicklung durch Aufzehrung ihrer Analerotik 
zur Ausbildung solcher bevorzugter Reaktionsweisen des Ichs 
gekommen ist.**) 

Es lag mir damals daran, eine als tatsächlich erkannte 
Beziehung bekanntzugeben; um ihre theoretische Würdigung 
bekümmerte ich mich wenig. Seither hat sich wohl allge- 
mein die Auffassung durchgesetzt, daß jede einzelne der drei 
Eigenschaften: Geiz, Pedanterie und Eigensinn aus den 
Triebquellen der Analerotik hervorgeht oder — vorsichtiger 
und vollständiger ausgedrückt — mächtige Zuschüsse aus 
diesen Quellen bezieht. Die Fälle, denen die Vereinigung der 
erwähnten drei Charakterfehler ein besonderes Gepräge auf- 
drückte (Analcharakter), waren eben nur die Extreme, an 



*) Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, IV, 1916/17. 
**) Charakter und Analerotik, 1908, wiederabgedruckt in der zweiten 
1'olgo der Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1909. 



140 



SCHRIFTEN ZUR NEUKOHENI.EIIRK. IV. 



denen sich der uns interessieren«!«- Zus.-iminmhuiig auch einer 
stumpfen Beobachtung verraten mußte. 

Einige Jahn- spater habt loh aus einer Fülle von Ein- 
drucken, geleitel dnroh eine be onders zwingende analytische 
Erfahrung, den Schluß gesogen, dafl In der Entwicklung der 
menschlichen Libido w» der rhaso de« Genitalprirnats «ine 
,,prägenitnlc Organisation' 1 anzunehmen ist. in welcher de* 
Sadismus und die Annl.-rotik dir leitenden Hollen spielen.*) 
Dir Frag«- nach dem weiteren Vrrhlrih dri inalerotischen 
Triebi ;m war von du an unal.wei har. Welches wurde 

'ihr Schicksal, nachdem sie durch die Herstellung der end- 
gültigen Genitelorgnninati<>n ihre lledcutung fftr dafl Sexual- 
leben eingebüßt halten? (Hielten sie als solchr, ahn- nun im 
Zustand«- «Irr Verdrängung, fortl>estehei», unterlagen sir der 
ßublimierung oder «ler Aufzehrung unter Umsetzung in Eigen- 
schaften des Charakter*. <»der fanden sie Aufnahme in die 
neue, vom l'riinal der (Jenilalien U'stirnmte (iestaltuug der 
Sexualität .' Oder Ix'sacr, da wahrscheinlich keines dieser 
Schicksale der Analerotik das iiuMschlicßlirhc sein dürft<\ 

in irelehem anamafl und In welcher Weine teilen sich die 
vereehiedenea Möglichkeiten in die Kntselnidung über die 

Schicksale du Analemt ik, deren organische Quellen ja durch 
das Auftreten der (ienitalorganisation nicht verschüttet wer- 
den konnten? 

Man sollte meinen, es könnt«' an Material für die Be- 
antwortung dieser Kragen nicht fehlen, da die betreffenden 
Vorgänge von Kntwiekluug und Umsetzung sich l>ei allen 
Personen vollzogen hal.cn müssen, die (i I md der psycho- 

analytischen Untersuchung werden. Allein «in ■•• Material ist 

•) Die Disposition zur Zmunisumir.. <• I Intern. Zciuohr. lür fcrxtl. 
Psychoanalyse, I, 1913.) 



V. ÜBER TRIEBUMSETZUNQEN INSBESONDERE DER ANALEROTFK. Hl 

so undurchsichtig, die Fülle von immer wiederkehrenden Ein- 
drücken wirkt so verwirrend, daß ich auch heute keine voll- 
ständige Lösung des Problems, bloß Beiträge zur Lösung zu 
geben vermag. Ich brauche dabei der Gelegenheit nicht aus 
dem Wege zu gehen, wenn der Zusammenhang es gestattet, 
einige andere Triebumsetzungen zu erwähnen, welche nicht 
die Analerotik betreffen. Es bedarf endlich kaum der Her- 
vorhebung, daß die beschriebenen Entwicklungsvorgänge — ■ 
hier wie anderwärts in der Psychoanalyse — aus den Re- 
gressionen erschlossen worden sind, zu welchen sie durch 
die neurotischen Prozesse genötigt wurden. 

Ausgangspunkt dieser Erörterungen kann der Anschein 
werden, daß in den Produktionen des Unbewußten — Ein- 
fällen, Phantasien und Symptomen — die Begriffe Kot (Geld, 
Geschenk), Kind und Pe*nis schlecht auseinander gehalten 
und leicht miteinander vertauscht werden. Wenn wir uns 
so ausdrücken, wissen wir natürlich, daß wir Bezeichnungen, 
die für andere Gebiete des Seelenlebens gebräuchlich sind, 
mit Unrecht auf das Unbewußte übertragen und uns durch 
den Vorteil, welchen ein Vergleich mit sich bringt, verleiten 
lassen. Wiederholen wir also in einwandfreierer Form, daß 
diese Elemente im Unbewußten häufig behandelt werden, als 
wären sie einander äquivalent und dürften einander \inbe- 
denklich ersetzen. 

Für die Beziehungen von „Kind" und „Penis" ist dies 
am leichtesten zu sehen. Es kann nicht gleichgültig sein, 
daß beide in der Symbolsprachc des Traumes wie in der des 
täglichen Lebens durch ein gemeinsames Symbol ersetzt wer- 
den können. Das Kind heißt wie der Penis das „Kleine". 
Es ist bekannt, daß die Symbolsprachc sich oft über den 
Gcschlechtsuntcrschied hinaussetzt. Das „Kleine", das ur- 



142 



S< HKIFI'KN ZI K SKI I« •SKNt.KHKK. IV. 



sprünglich das männliche Glied meinte, mag also sekundär 
zur Bezeichnung iU-* weil, liehen Genitales gelangt sein. 

Forscht man tief genug in der Neurose einer Frau, M 
stößt man nicht selten auf drn verdrängten Wunsch, oinoii 
Penis wie der Mann zu besitzen. Akzidentelles Mißgeschick 
im Fraueiilcben, oft genug selbst Folg«- einer stark männ- 
lichen Anlage, hat diesen Cinderwunsch, den wir als „Penie- 
neid" dem Käst rat ionskomplex einordnen, wieder aktiviert 
und ihn durch die Etückfltröinung der Libido zum 1 1 . i u j ' t - 
träger der neurotischen Symptome werden lassen. Bei an- 
deren Frauen laut sich von diesem Wunsch nach dorn Penis 
nichts nachweisen: ..ine Stelle nimmt der Wunsch nach 
dem Kind ein. Atmen VtTMgUng im Leben dann die Neurose 
auslösen kann. Fs ist, so, als ob diese Frauen begriffen 
hätten — was als Motiv doch unmöglich gewesen sein kann 
— , daß die Natur dem Weihe das Kmd /.um Ersatz für das 
andere gegeben hat, was sie ihm versagen mußte Bei noch 
anderen Pranen erfährt man, daß Leide Wünsche in der 
Kindheit vorhanden waren und einander abgelöst haben. 
Zuerst wollten sie einen IVnis haben wie der Mann, und in 
einer späteren, immer noch infantilen Epoche Hat der 
Wunsch nach einem Kind an die Stelle. Man kann den Min- 
druck nicht abweisen, daß akzidentelle Momente dos Kindcr- 
Icbens, die Anwesenheit oder das Fehion von Brüdern, das 
Frleben der Geburt eines neuen Kindes zu günstiger Lebens- 
zeit, die .Schuld an dieser Mannigfaltigkeit tragen, so >■■ 
der Wunsch nach dem Penis doch im (irunde identisch wäre 
mit dem nach dem Kinde. 

Wir kdn&en angehen, welches Schicksal der infantile 
Wunsch nach dem Penis erfährt, wenn die Bedingungen der 
Neurose im späteren Leben ausbleiben. Kr \ erwandelt -dch 



V. ÜBER TRIEBUMSE TZUNGEN INSBESONDERE DER ANALEROTIK. 143 

dann in den Wunsch nach dem Mann, er läßt sich also 
den Mann als Anhängsel an den Penis gefallen. Durch diese 
Wandlung wird eine gegen die weibliche Sexualfunk lion ge- 
richtete Regung zu einer ihr günstigen. Diesen Frauen wird 
hiemiü ein Liebeslebcn nach dem männlichen Typus der 
Objektliebe ermöglicht, welches sich neben dem eigentlich 
weiblichen, vom Narzißmus abgeleiteten, behaupten kann. 
Wir haben schon gehört, daß es in anderen Fällen erst das 
Kind ist, welches den Übergang von der narzißtischen Selbst- 
liebe zur Objektliebe herbeiführt. Es kann also auch in 
diesem Punkte das Kind durch den Penis vertreten werden 
Ich hatte einigemal Gelegenheit, Träume von Frauen 
nach den ersten Kohabitationen zu erfahren. Diese deckten 
unverkennbar- den Wunsch auf, den Penis, den sie verspürt 
hatten, bei sich zu behalten, entsprachen also, von der libidi- 
nösen Begründung abgesehen, einer flüchtigen Regression 
vom Manne auf den Penis als Wuuschobjekt. Man wird ge- 
wiß geneigt sein, den Wunsch nach dem Manne in rein ratio- 
nalistischer Weise auf den Wunsch nach dem Kinde zurück- 
führen, da ja irgend einmal verstanden wird, daß man ohne 
Dazutun des Mannes ein Kind nicht bekommen kann. Es 
dürfte aber eher so zugehen, daß der Wunsch nach dem 
Manne unabhängig vom Kindwunsch entsteht und daß, wenn 
er aus begreiflichen Motiven, die durchaus der Ichpsycho- 
logie angehören, auftaucht, der alte Wunsch nach dem Penis 
sich ihm als unbe wußte libidinöse Verstärkung beigesellt. 

Die Bedeutung des beschriebenen Vorganges liegt darin,; 
daß er "ein Stück der narzißtischen Männlichkeit des jungen 
Weibes in Weiblichkeit überführt und somit für die weib- 
liche Sexualfunktion unschädlich macht. Auf einem anderen 
Weee wird nun auch ein Anteil der Erotik der prägcnitalen 



144 



SCHRIFTEN Zl'Ii NEUROSENLEHRE. IV. 



Phase für dir Verwendung in der l'ha se <!■ » i- nita Iprimat s 
tauglieh. Das Kind wird doch all „Lumpf" betrachtet (8. die 
Analyse des kleinen Hans), als etwas was sich durch den 
Darm vom Körper l«»s t ; somit kann ein Betrag libidinöst r 
Besetzung, welcher dein Dnrminhnlt polten hat, auf da- 
durch den Darm geborene Kind ausgedehnt werden, Bio 
.sprachliches Zeugnis dieser Identität von Kind und Kot ist 
in der Redensart: ein Kind schenken erhallen. Der Kot 
ist nändich das erste (Je. sc henk, ein Teil seines Körpers, 
von dem sich der Säugling nur auf Zureden i\iT geliebten 
Person trennt, mit dem W Ihr auch unaufgefordert seine 
Zärtlichkeit ix-zcigt, da er fremde Personen in der Re 
nicht beschmutzt. (Ähnliche, wenn auch nicht so intensive 
Ki akt imien mit dem Urin.) Hei <lei Dcfäkaliou ergibt sioh 

für das Kind «ine erste Entscheidung »wischen narzißtischer 
und ohj<-kt Hellender Einstellung. Es gib! entweder den Kol 
gefügig ab, „opfert 41 ihn du lache, oder hall ihn zur auto- 
erotischen Befriedigung, später lur UchauptuuK m im - eigenen 
Willens, zurück. Mit letzterer Entscheidung ist der Troi 
(Eigensinn) konstituiert» der also einem narzißtischen be- 
harren bei der Analerotik entspring! 

Es ist wahrscheinlich, daß nicht Gold — Geld, son- 
dern (ieschenk die nächste Bedeutung ist, zu welcher da.s 
Kolinteresse fort seh reitet. Das Kind kennt kein anderes 
Geld, als was ihm geschenkt wird, kein erworbenes und auch 
kein eigenes, ererbtes. D;i Kot sein erstes Geschenk Ist, über- 
trägt es leicht sein Interesse von diesem Stoff auf jenen 
neuen, der ihm als wichtigstes (ieschenk im Leben entgegen- 
tritt. Wer an die er Uerleitung des Geschenkes zweifelt, 
möge seine Erfahrung in der psychoanalytischen Behandlung 
zu Bäte riehen, die Geschenke studieren, die er als Arzt vom 



Y. ÜBER TRIEBUMSETZUNGEN INSBESONDERE DER ANALE KQTIg. 145 

Kranken erhält, und die Übertragungss türme beachten, 
welche er durch ein Geschenk an den Patienten hervor- 
rufen kann. ^ 

Das Kotinteresse wird also zum Teil als Geldinteresse 
fortgesetzt, zum anderen Teil in den Wunsch nach dem Kinde 
übergeführt. In diesem Kindwunsch treffen nun eine anal- 
erotische und eine genitale (Penisneid) Regung zusammen. 
Der Penis hat aber auch eine vom Kindinteresse unabhängige 
analerotische Bedeutung. Das Verhältnis zwischen dem Penis 
und dem von ihm ausgefüllten und erregten Schleimhaut- 
rohr findet sich nämlich schon in der prägenitälen, sadistisch- 
analen Phase vorgebildet. Der Kotballen — oder die „Kot- 
stange" nach dem Ausdruck eines Patienten — ist sozusagen 
der erste Penis, die von ihm gereizte Schleimhaut die des 
Enddarmes. Es gibt Personen, deren Analerotik bis zur Zeit 
der Vorpubertät (10—12 Jahre) stark und unverändert ge- 
blieben ist; von ihnen erfährt man, daß sie schon während 
dieser prägenitakn Phase in Phantasien und perversen Spie- 
lereien eine der genitalen analoge Organisation entwickelt 
hatten, in welcher Penis und Vagina durch die Kotstange 
und den Darm vertreten waren. Bei anderen — Zwangsneu- 
rotikern — kann man das Ergebnis einer regressiven Ernied- 
rigung der Genitalorganisation kennen lernen. Es äußert sich 
darin, daß alle ursprünglich genital konzipierten Phantasien 
ins Anale versetzt, der Penis durch die Kotstange, die Vagina 
durch den Darm ersetzt werden. 

Wenn das Kotinteresse in normaler Weise zurückgeht, 
so wirkt die hier dargelegte organische Analogie dahin, daß 
es sich auf den Penis überträgt. Erfährt man später in der 
Scxualforschung, daß das Kind aus dem Darm geboren wird, 
so wird dieses zum Haupterben der Analerotik, aber der Vor- 
Freud, Neurosenlelire. IV. 10 



146 



SCHRIFTF.N VA'M NKI'KOSKNLKHRK. IV. 



ganger des Kindes war der Penis gewesen, in diesem wie 
in einem anderen Sinne. 

Ich bin ül>erzeugt, daß dio vielfältigen Beziehungen in 
der Reihe Kot — Penis — Kind nun völlig unübersichtlich 
geworden sind, und will darum versuchen, dem Mangel durch 
eine graphische Darstellung abzuhelfen, in deren Diskussion 
dasselbe Material nochmals, aber in anderer Folge, gewürdigt 
Werden kann. Leider ist dieses technische Mittel nicht 
schmiegsam genug für unsere Absichten, oder wir haben 
noch nicht gelernt, es in geeigneter Weise zu gebrauchen. 
Ich bitte jedenfalls, an das beistehende Schema keine stren- 
gen Anforderungen zu stellen. 




Objektstufe 

Aus der Analerotik geht in narzißtischer Verwendung 
der Trotz hervor als eine bedeutsame Reaktion des Ichs 
gegen Anforderungen der anderen; das dem Kot zugewendete 
Interesse übergeht in Interesse für das Geschenk und dann 



V. ÜBER TRIEDUMSETZUNGEN INSBESONDERE DER ANALEROTTK. 147 

für das Geld. Mit dem Auftreten des Penis entsteht beim 
Mädchen der Penisneid, der sich später in den Wunsch nach 
dem Mann als Träger eines Penis umsetzt. Vorher noch 
hat sich der Wunsch nach dem Penis in den Wunsch nach 
dem Kind verwandelt, oder der Kindwunsch ist an die Stelle 
des Peniswunsches getreten. Eine organische Analogie zwi- 
schen Penis und Kind (punktierte Linie) drückt sich durch 
den Besitz eines beiden gemeinsamen Symbols aus („das 
Kleine"). Vom Kindwunsch führt dann ein rationeller Weg 
(doppelte Linie) zum Wunsch nach dem Mann. Die Bedeu- 
tung dieser Triebumsetzung haben wir bereits gewürdigt. i 
Ein anderes Stück des Zusammenhanges ist weit deut- 
licher beim Manne zu erkennen. Es stellt sich her, wenn die 
Sexua.lforsc.hung des Kindes das Fehlen des Penis beim Weibe 
in Erfahrung gebracht hat. Der Penis wird somit als etwas 
vom Körper Ablösbares erkannt und tritt in Analogie zum 
Kot, welcher das erste Stück Leiblichkeit war, auf das man 
verzichten mußte. Der alte Analtrotz tritt so in die Kon- 
stitution des Kastrationskomplexes ein. Die organische Ana- 
logie, derzufolge der Darminhalt den Vorläufer des Penis 
während der prägenitalen Phase darstellte, kann als Motiv 
nicht in Betracht kommen; sie findet aber durch die Sexual- 
forschung einen psychischen Ersatz. 

Wenn das Kind auftritt, wird es durch die Sexual- 
forschung als „Lunipf" erkannt und mit mächtigem anal- 
erotischen Interesse besetzt. Einen zweiten Zuzug aus glei- 
cher Quelle erhält der Kindwunsch, wenn die soziale Er- 
fahrung lehrt, daß das Kind als Liebesbeweis, als Geschenk 
afgefaßt werden kann. Alle drei, Kotsäule, Penis und Kind, 
sind feste Körper, welche ein Schleimhautrohr (den Enddarm 
und die ihm nach einem guten Worte von Lou Andreas - 

10* 



I 



L 



148 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEI IRE. IV. 



Salomö gleichsam abgemietete Vagina)*) Ix-'i ihrem Ein- 
dringen oder Herausdringen erregen. Der infantilen Sexual- 
forschung kann von diesem Sachverhalt nur bekannt werden, 
daß das Kind denselben Weg nimmt wio die Kotsäule; die 
Funktion des Penis wird von der kindlichen Forschung in 
der Regel nicht aufgedeckt. Doch ist es interessant zu sehen, 
daß eine organische Ül>crcinstiinmung nach so vielen Um- 
wegen wieder im Psychischen a 1 « ein; unbe.vußte Jdenliiät 
zum Vorschein kommt. 



•) „Anal" und „Sexual", Iiiuigo, IV, 5. 1018. 









VI. 

ÜBER FAUSSE RECONNAISSANCE („DEJA RACONTE") 
WÄHREND DER PSYCHOANALYTISCHEN ARBEIT.*) 

Es ereignet sich nicht selten während der Arbeit der 
Analyse, daß der Patient die Mitteilung eines von ihm er, 
innerten Faktums mit der Bemerkung begleitet: „Das habe 
ich Ihnen aber schon erzählt", während man selbst 
sicher zu sein glaubt, diese Erzählung von ihm noch nie- 
mals vernommen zu haben. Äußert man diesen Widerspruch 
gegen den Patienten, so wird er häufig energisch versichern, 
er wisse es glänz gewiß, er sei bereit, es zu beschwören, 
usw. ; in demselben Maße wird aber die eigene Überzeugung 
von der Neuheit des Gehörten stärker. Es wäre nun ganz 
unpsychologisch, einen solchen Streit durch Überschreien 
oder Überbieten mit Beteuerungen entscheiden zu wollen. 
Ein solches Überzeugungsgefühl von der Treue seines Ge- 
dächtnisses hat bekanntlich keinen objektiven Wert, und da 
einer von beiden sich notwendigerweise irren muß, kann es 
ebensowohl der Arzt wie der Analysierte sein, welcher der 
Paramnesie verfallen ist. Man gesteht dies dem Patienten 
zu, bricht den Streit ab und verschiebt dessen Erledigung 
auf eine spätere Gelegenheit. 

In einer Minderzahl von Fällen erinnert man sich dann 
selbst, die fragliche Mitteilung bereits gehört zu haben, und 

*) Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, I, 1913. 



150 



.«('II KI KITA 7.i:u NKriiOSKM.KIlUK. IV. 



findet gleichzeitig das subjektive, oft weil hergeholte Motiv 
für deren zeitweilige Beseitigung. In der großen Mehrzahl 
aher ist es der Analysierte, der geirrt hat und auch dazu 
bewogen werden kann, es einzusehen. Die Erklärung für 
dieses häufige Vorkommnis .seheint bu sein, daß er wirklich 
bereits die Absicht gehabt hat, diese Mitteilung zu machen, 
daß er eine vorbereitende Äußerung wirklieh ein oder mehrere 
Male getan hat, dann aber durch den Wiilerstan halten 

wurde, seine Absicht auszuführen, und nun die Erinnerung 
an die Intention mit der an die Ausführung derselben ver- 
wechselt. ' 

Ich lasse nun alle die l'.illo beiseite, in denen der .Sach- 
verhalt irgendwie zweifelhaft bleiben kann, und hebe einige 
Bbdere hervor, die ein besonderes t heoretisohoi Interesse 

haben, Es ereignet sich nämlieh bei einzelnen Personen, and 

zwar wiederholt, daß sio die Behauptung, sie hätten dies 
Wkl jenes schon erzählt, besonder« hartnäckig bei Mittei- 
lungen vertreten, wo die Sachlage ai ganz unmö-lich macht, 
daß sie recht haben können. Was sie bereit« früher einmal 

erzählt haben wollen, und jetzt als etwas Altes, was der 

Arzt auch wissen müßte, wiedererkennen, sind dann Erinne- 
rungen von höchstem Wert für die analj s, Be t&tigungea, 
auf welche man lange Zeit gewartet, Lfl ongen, die einem 

Teilstück der Arbeit ein Ende machen, an <lie der analy- 
sierendc Arzt sicherlich cinechanda Drörterungon geknüpft 
hätte. Angesichts dieser Verhältnisse gibt <U'V Patient auch 
bald zu, daß ihn seine Erinnerung gettutoht haben muß, ob- 
wohl er sich die Bestimmtheit derselben nicht erklären kann. 
Das Phänomen, welches der Analysierte in solchen Eällen 
bietet, hat Anspruch darauf, eine ,.1'ausso reoonnaissanc 
genannt zu werden, und ist durchaus analog den anderen 



VI. ÜBER FAl'SSE RECONNAISSANCE. 151 

Fällen, in denen man spontan die Empfindung hat: In dieser 
Situation war ich schon einmal, das habe ich schon einmal 
erlebt (das „Dejä vu"), ohne daß man je in die Lage käme, 
diese Überzeugung durch das Wiederauffinden jenes früheren 
Males im Gedächtnisse zu bewahrheiten. Es ist bekannt, 
daß dies Phänomen eine Fülle von Erklärungsversuchen her- 
vorgerufen hat, die sich im allgemeinen in zwei Gruppen 
bringen lassen.*) In der einen wird der im Phänomen ent- 
haltenen Empfindung G lauten geschenkt und angenommen, 
es handle sich wirklich darum, daß etwas erinnert werde; 
die Frage bleibt nur, was. Zu einer bei weitem zahlreicheren 
Gruppe treten jene Erklärungen zusammen, die vielmehr be- 
haupten, daß hier eine Täuschung der Erinnerung vorliege, 
und die nun die Aufgabe haben, nachzuspüren, wie es zu 
dieser paramnestischen Fehlleistung kommen könne. Im übri- 
gen umfassen diese Versuche einen weiten Umkreis von 
Motiven, beginnend mit der uralten, dem Pythagoras zu- 
geschriebenen Auffassung, daß das Phänomen des Dejä. vu 
einen Beweis für eine frühere individuelle Existenz enthalte, 
fortgesetzt über die auf die Anatomie gestützte Hypothese, 
daß ein zeitliches Auseinanderweichen in der Tätigkeit der 
beiden Hirnhemisphären das Phänomen begründe (Wigan 
1860), bis auf die rein psychologischen Theorien der meisten 
neueren Autoren, welche im Dejä vu eine Äußerung einer 
Apperzeptionsschwäche erblicken und Ermüdung, Erschöpfung, 
Zerstreutheit für dasselbe verantwortlich machen. 

Grass et**) hat im Jahre 1901 eine Erklärung des Dejä 



*) Siehe ein« der letzten Zusammenstellungen der betreffenden Lite, 
ratur in H. Ellis „World of Dreams", 1911. 

**) La Sensation du „dejä vu". (Journal do psychologie norm, et 
pathol. I, 1904.) • 



152 



SCHRIFTEN Zl'R NEUROSKNI.KHRE. IV 



vu gegeben, wclcho zu den „gläubigen" gerechnet werden 
muß. Kr meinte, das Phänomen weise darauf hin, daß früher 
einmal eine unbewußte Wahrnehmung gemacht worden 
worden sei, welche erst jetzt unter dem Einfluß eines neuen 
und ähnlichen Eindruckes das Bewußtsein erreiche. Mehrere 
Widere Autoren haben sieh ihm singe; > M" m und die Erin- 
nerung an vergessenes (ict räumtes zur (irundlage des Phä- 
nomens gemacht. In bei<len Fällen würde os sich um die 
Belebung eines uid>ewußten Eindruckes handeln. 

Ich habe im Jahre 1Ü07, in der zweiten Auflage meiner 
„Psychopathologie des Alltagslebens", eine ganz ähnliche Er- 
klärung der angeblichen Paramin'Mr vertreten, ohne die Ar- 
beit von Grasset zu kennen oder zu erwähnen. Zu meiner 
Entschuldigung mag dienen, daß icli mein.' Theorie als Er- 
gebnis einer psychoanalytischen Untersuchung gewann, die 
ich an einem sehr deutlichen, aber etwa 28 Jahre zurück- 
liegenden Falle von D6jn vu bei einer Patientin vornehmen 
konnte. Ich will die kleine Analyse hier nicht wiederholen. 
Sie ergab, daß die Situation, in welcher das Dejö vu auftrat, 
wirklich geeignet war, die Frinnorung an ein früheres Er- 
lebnis der Analysierten zu wecken, in der Familie, welche 
das damals zwölfjährige Kind Lsueht., („fand sich ein 
schwerkranker, dem Tode verfallener Bruder, und ihr eigener 
Bruder war einige Monate vorher in derselben Gefahr ge- 
wesen. An dies Gemeinsame hatte sich aber im Falle des 
ersteren Erlebnisses eine bewußtseiiisuiilalM-c l'lianiasie ge- 
knüpft, — der Wunsch, der Bruder solle sterln-n und darum 
konnte die Analogie der beiden Fälle nicht bewußt werden. 
Die Empfindung derselben ■■, < i/ie sich durch das Phänomen 
des Schon-einmal-crlcbt-ha.bens, indem sich die Identität von 
dem Gemeinsamen auf die Lokalität verschob. 



VI. ÜBER FAL'SSE RECONNAISSANCE. 153 



Man weiß, daß der Name „deja vu" für eine ganze Reihe 
analoger Phänomene steht, für ein „deja entendu", ein „deja 
eprouve", ein „dejä senti". Der Fall, den ich an Stelle vieler 
ähnlicher nun berichten werde, enthält ein „dejä raconte", 
welches also von einem unbewußten, unausgeführt geblie- 
benen Vorsatz abzuleiten wäre. 

Ein Patient erzählt im Laufe seiner Assoziationen: „Wie 
ich damals im Älter von fünf Jahren im Garten mit einem 
Messer gespielt und mir dabei den kleinen Pinger durch- 
geschnitten habe — oh, ich habe nur geglaubt, daß er durch- 
geschnitten ist — , aber das habe ich Ihnen ja schon er- 
zählt." 

Ich versichere, daß ich mich an nichts Ähnliches zu er- 
innern weiß. Er beteuert immer überzeugter, daß er sich 
darin nicht täuschen kann. Endlich mache ich dem Streit 
in der eingangs angegebenen Weise ein Ende und bitte ihn, 
die Geschichte auf alle Fälle zu wiederholen. Wir würden 
dann ja sehen. 

„Als ich fünf Jahre alt war, spielte ich im Garten neben 
meiner Kinderfrau und schnitzelte mit meinem Taschenmesser 
aü der Rinde eines jener Nußbäume, die auch in meinem 
Traum*) eine Rolle spielen.**) Plötzlich bemerkte ich mit 
unaussprechlichem Schrecken, daß ich mir den kleinen Fin- 
ger der (rechten oder linken?) Hand so durchgeschnitten 
hatte, daß er nur noch an der Haut hing. Schmerz spürte 
ich keinen, aber eine große Angst. Ich getraute mich nicht, 



*) Vgl. Märchenstoffe in Träumen. (Intern. Zeitschr. f. ärzll. Psycho- 
analyse, I, 2. Heft.) 

**) Korrektur bei späterer Erzählung: Ich glaube, ich schnitt nicht 
in den Baum. Das ist eine Verschmelzung mit einer anderen Erinnerung, 
die auch halluzinatorisch gefälscht sein muß, daß ich in einen Baum einen 
Schnitt mit dem Messer machte, und daß dabei B lut aus dem Baume kam. 



154 



SCIIkllTKN ZI'« NKrKCSKM.KilKK. IV. 



der wenige Schritte entfernten Kinderfrau etwas zu sagen, 
sank auf die nächste Hank und blieb da sitzen, unfähig, noch 
einen Blick auf den Finger zu werfen. Kndlich wurde ich 
ruhig, faßte den Finger ins Auge, and siehe da, er war ganz 
unverletzt." 

Wir einigten uns bald darül>er, daß er mir dio.se Vision 
oder Halluzination doch nicht entölt haben könne, Er ver- 
stand sehr wohl, daß ich einen solchen beweis für die BsS- 
Btens der Kaatrationsangst in seinem fünften Jahre 
doch nicht nnverwertet gelassen hatte. Sein Widerstand gegen 
die Annahme des Kastrat ionskomjdexes war damit gebrochen, 
aber er warf die PragS auf: Warum habe ich so sicher ge- 
glaubt, daß ich diese Krinnerung sehen erzählt, habe? 

Dann fiel uns beiden ein, daß er wiederholt, bei ver- 
schiedenen Anlässen, aber jedesmal ohne Vorteil, folgende 
kleine Erinnerung vorgetragen hatte: 

„Als der Onkel einmal verreiste, fragte sr mich und die 
Schwester, was er uns mitbringen solle. Die Schwester 
wünschte sich ein buch. Ich ein Taschenmesser." Nun ver- 
standen wir diesen Monate vorher aufgetauchten Einfall als 
Deckerinnerung für die verdrängt.- Erinnerung und als An- 
satz zu der infolge des Widerstandes unterbliebenen Er- 
zählung vom vermeintlichen Verlust des kleinen Fingers (eines 
unverkennbaren rcnisüquivalcnts). Das Messer, welches ihm 
der Onkel auch wirklich mitgebracht hatte, war nach seiner 
sicheren Erinnerung das nämliche, welches in der lange un- 
terdrückten Mitteilung vorkam. 

Ich glaube es ist überflüssig, zur Deutung dieser kloinen 
Erfahrung, soweit sie auf das l'hänomen der „fausse recon- 
naissance" Licht wirft, weiteres hinzuzufügen. Zum Inhalt 
der Vision des Patienten will ich bemerken, daß solche hallu- 



VI. ÜBER FAUSSE RECON NAISSANCE. 155 

zinatorischo Täuschungen gerade im Gefüge des Kastrations- 
komplexes nicht vereinzelt sind, und daß sie ebensowohl zur 
Korrektur unerwünschter Wahrnehmungen dienen können. 

Im Jahre 1911 stellte mir ein akademisch Gebildeter 
aus einer deutschen Universitätsstadt, den ich nicht kenne 
dessen Alter mir unbekannt ist, folgende Mitteilungen aus 
seiner Kindheit zur freien Verfügung: 

„Bei der Lektüre Ihrer , Kindheitserinnerung des Leo- 
nardo' haben mich die Ausführungen auf pag. 29 bis 31 zu 
innerem Widerspruch gereizt. Ihre Bemerkung, daß das 
männliche Kind von dem Interesse für s<5in eigenes Genitale 
beherrscht ist, weckte in mir eine Gegenbemerkung von der 
Art: ,Wenn das ein allgemeines Gesetz ist, so bin Ich jeden- 
falls eine Ausnahme/ Die nun folgenden Zeilen (pag. 31 bis 
32 oben) las ich mit dem größten Staunen, jenem Staunen, 
von dem man bei Kenntnisnahme einer ganz neuartigen Tat- 
sache erfaßt wird. Mitten in meinem Staunen kommt mir 
eine Erinnerung, die mich — zu meiner eigenen Überraschung 
lehrt, daß mir jene Tatsache gar nicht so neu sein dürfte. 
Ich hatte nämlich zur Zeit, da ich mich mitten in der , in- 
fantilen Sexualforschung' befand, durch einen glücklichen Zu- 
fall G-elegenheit, ein weibliches Genitale an einer kleinen 
Altersgenossin zu betrachten und habe hiebei ganz klar 
einen Penis von der Art meines eigenen bemerkt. 
Bald darauf hat mich aber der Anblick weiblicher Statuen 
imd Akte in neue Verwirrung gestürzt und ich habe, um 
diesem .wissenschaftlichen* Zwiespalt zu entrinnen, das fol- 
gende Experiment ersonnen: Ich brachte mein Genitale durch 
Aneinanderpressen der Oberschenkel zwischen diesen zum 
Verschwinden und konstatierte mit Befriedigung, daß hie- 
durch jeder Unterschied gegen den weiblichen Akt beseitigt 



156 



80IIRIFTKN Zl'Il NFIKOSKNI-KHUK. IV. 



sei. Offenbar, so dachte ich mir, war auch beim weiblichen Akt 
das Genitale auf gleiche Woiso zum Verschwinden gebracht." 

„Hier nun kommt mir eine lüden Erinnerung, die mir 
insofern schon von jeher von größter Wichtig 1 d v ' ■"'■ •'>!* 
sie die eine von den drei Erinnerungen ist, aus welchen 
meine Gesamterinnerung an meine früh verstorbene Blattei 
besteht. Meino Mutter steht vor dem Waschtisch und reinigt 
die Gläser und Waschl« ek< n, wahrend ich im selben Zimmer 
spiele und irgend einen Unfug mache. Zur Stute wird mir 
die Hand durchgekloj.fi: da sehe ich zu meinem größten 
Entsetzen, daß mein kleiner Kinger herabfallt, and zwar ge- 
rade in den Wassn-küix-i fallt., d.i. ich meine Mutter erzürnt 
weiß, getraue ich mich nichts zu sagen und sehe mit noch 
gesteigertem Entsetzen, wie bald darauf der Wasserkübel 
vom Dienstmädchen hinausgetragen wird. Ich war lange 
überzeugt, daß ich einen Finger verloren habe, vermutlich 
bis in die Zeit, wo ich das Zählen lernte." 

„Diese Erinnerung, difl mir — wie l>creits erwähnt — 
durch ihre Beziehung zu meiner Mutier immer von größter 
Wichtigkeit war, habe ich oft zu deuten versucht: keine 
dieser Deutungen hat, mich aber l>efriedigt. Erst jetzt — 
nach Lektüre Ihrer Schrift — ohne ich eine einfache, Um- 
friedigende Lösung des Rätsels." 

Eine andere Art der fausso reoonnaissanco kämmt zur 
Befriedigung des Therapeuten nicht, seilen beim Abschluß 
einer Lehandlung vor. Nachdem es gelungen ist, das ver- 

dringte Ereignis realer oder piyohifoher Natur gegen alle 

Widerstände zur Annahme durchzusetzen, es gewissermaßen 
zu rehabilitieren, sagt der Patient: .Jetzt habe ich die 
Empfindung, ich habe es immer gewußt. Damit ist 
die analytische Aufgabe geh' ist. 



. VII. 

EINIGE BEMERKUNGEN ÜBER DEN BEGRIFF DES 
UNBEWUSSTEN IN DER PSYCHOANALYSE.*) 

Ich möchte mit wenigen Worten und so klar als mög- 
lich darlegen, welcher Sinn dem Ausdruck „Unbewußtes" in 
der Psychoanalyse und nur in der Psychoanalyse zukommt. 

Eine "Vorstellung — oder jedes andere psychische Ele- 
ment — kann jetzt in meinem Bewußtsein gegenwärtig 
sein und im nächsten Augenblick daraus verschwinden; 
sie kann nach einer Zwischenzeit ganz unverändert wiederum 
auftauchen, und zwar, wie wir es ausdrücken, aus der Er- 
innerung, nicht als Folge einer neuen Sinneswahrnehmung. 
Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, sind wir zu der 
Annahme genötigt, daß die Vorstellung auch während der 
Zwischenzeit in unserem Geiste gegenwärtig gewesen sei, 
wenn sie auch im Bewußtsein latent blieb. In welcher Ge- 
stalt sie aber existiert haben kann, während sie im Seelen- 
leben gegenwärtig und im Bewußtsein latent war, darüber 
können wir keine Vermutungen aufstellen. 

An diesem Punkte müssen wir darauf gefaßt sein, dem 
philosophischen Einwurf zu begegnen, daß die latente Vor- 
stellung nicht als Objekt der Psychologie vorhanden ge- 



*) Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, I, 1913. Zuerst englisch 
erschienen in „Proceedings of The Society for Psychical Research", Part. 
LXVI, Vol. XXVI. 



ir.8 



SCI1K1FTKN ZUR NF.tKOSENLIHBB, IV. 



wesen sei, sondern nur als physi che I )isjM»sit i<>n für den 
Wiodorablauf dossoll >en psychischen l'l .-um mim-ii , n.iinlich eben 
jener Vorstellung. Aber wir können darauf erwidern, daß 
eine solche Theorie daj Gebiet der eigentlichen Psychologie 
weit Überschreitet, daß sie das Problem einfach umgeht, in- 
dem sie daran festhält, daß „bewußt'' und ..psychisch" iden- 
tische Begriffe sind, und daß sie offenbar im Unrecht ist, 
n sie der Psychologie das Recht ln^st nitrt, «ine ihrer 
gewöhnlichsten Tatsachen, wie das Gedächtnis, durch ihn 
eigenen Hilfsmittel EU »MlfBll, 

Wir wollen nun die Vorstellung, dir in unserem "Be- 
wußtsein gegenwärtig ist und die wir wahrnehmen, .,l>ewußt" 
nennen und nur dies als Sinn des Ausdruckes „U-wußt" gelton 
lassen; hingegen sollen latente Vorstellungen, wenn wir 
Grund zur Annahme haben, daß sio im Seelenleben enthalten 
sind — wie es beim Gedächtnis der lall war — mit dem 
Ausdruck „unbewußt" gck-imx.iichn-t werden. 

Eine unbewußte Vorstellung ist dann «ine solche, die 
wir nicht bemerken, deren Existenz, wir aber trotzdem auf 
Grund anderweitiger An/.« ichen und Beweise zuzugeben be- 
reit sind. 

Dies könnte als eine rocht uninteressante deskriptiv.' 
oder klassifikatorischc Arbeit n.u Ige faßt werden, wenn keino 
andere Erfahrung für unser Urteil In Hei rächt käme als die 
Tatsachen des Gedächtnissos oder die der Assoziation über 
unbewußte Mittelglieder. Aber das wohlbekannte Experiment 
der „posthypnotischen Suggcslinn" Lehrt uns an der Wich- 
tigkeit der Unterscheidung /.wichen bewußt und unbe- 
wußt festhalt cu und scheint ihren Werl zu erhöhen. 

Bei diesem Experiment, wie es Bern he im ausgeführt 
hat, wird eine Person in einem hypnotischen Zustand vor- 



VII. BE GRIFF DES UNBEWUSSTEN IN ^EE PSYCHOANALYSE 159 

setzt und dann daraus erweckt. Während sie sich in dem 
hypnotischen Zustande, unter dem Einflüsse des Arztes be- 
fand, wurde ihr der Auftrag erteilt, eine bestimmte Handlung 
zu einem genau bestimmten Zeitpunkt, z. B. eine halbe Stunde 
später, auszuführen. Nach dem Erwachen ist allem An- 
scheine nach volles Bewußtsein und die gewöhnliche Geistes- 
verfassung wiederum eingetreten, eine Erinnerung an den 
hypnotischen Zustand ist nicht vorhanden, und trotzdem 
drängt sich in dem vorher festgesetzten Augenblick der Im- 
puls, dieses oder jenes zu tun, dem Geiste auf, und die 
Handlung wird mit Bewußtsein, wenn auch ohne zu wissen 
weshalb, ausgeführt. Es dürfte kaum möglich sein, eine an- 
dere Beschreibung des Phänomens zu geben, als mit den 
Worten, daß der Vorsatz im Geiste jener Person in latenter 
Form oder unbewußt vorhanden war, bis der gegebene 
Moment kam, in dem er dann bewußt geworden ist. Aber 
nicht in seiner Gänze ist er im Bewußtsein aufgetaucht, son- 
dern nur die Vorstellung des auszuführenden Aktes. Alle 
anderen mit dieser Vorstellung assoziierten Ideen — der Auf- 
trag, der Einfluß des Arztes, die Erinnerung an den hypno- 
tischen Zustand, blieben auch dann noch unbewußt. 

Wir können aber aus einem solchen Experiment noch 
mehr lernen. Wir werden von einer rein beschreibenden zu 
einer dynamischen Auffassung des Phänomens hinüber- 
geleitet. Die Idee der in der Hypnose aufgetragenen Hand- 
lung wurde in einem bestimmten Augenblick nicht bloß ein 
Objekt des Bewußtseins, sondern sie wurde auch wirksam, 
und dies ist die auffallendere Seite des Tatbestandes; sie 
wurde in Handlung übertragen, sobald das Bewußtsein ihre 
Gegenwart bemerkt hatte. Da der wirkliche Antrieb zum 
Handeln der Auftrag des Arztes ist, kann man kaum anders 



160 SCHRIFTEN ZUR N EUROSENLEHBE. IV. 

als einräumen, daß auch dio Ideo des Auftrages wirksam 
geworden ist. 

Dennoch wurde dieser letztere ( ; < . J : 1 1 1 k < • aioht ins Be- 
wußtsein aufgenommen, wie es mit seinem Abkömmling, der 
Idee der Handlung geschah; er verblieb unbewußt und war 
dalier gleichzeitig wirksam und unbewußt. 

Die posthypnotische Suggestion ist ein Produkt, des La- 
boratoriums, eine künstlich haffene Tatsache. Al>er wenn 
wir die Theorie der hysterischen Hiänoincne, die zuerst durch 
P. Janet aufgestellt und von Breuer und mir ausgear- 
beitet wurde, annehmen, so stehen uns natürliche Tatsachen 
in Fülle zur Verfügung, die den psychologischen Charakter 
der posthypnotischen Suggestion sogar noch klarer und deut- 
licher zeigen. 

Das Seelenleben des hysti.i ohen Patienten ist erfüllt 
mit wirksamen, aber unbewußten Gedanken; von ihnen stam- 
men alle Symptome ab. Es ist in der Tat der auffälligste 
Charakterzug der hysterischen Geistesverfassung, daß sie von 
unbewußten Vorstellungen beherrscht wird. Wenn eine hyste- 
rische Frau erbricht, so kann sio dies wohl infolge der Idee 
tun, daß sie schwanger sei. Dennoch hat sio von dieser Idee 
keine Kenntnis, obwohl dicsell>e durch eine dor technischen 
Prozeduren der Psyclmanalyso leicht in ihrem Seelenleben 
entdeckt und für sie bewußt gemacht werden kann. Wenn 
sie die Zuckungen und Gesten ausführt, die ihren „Anfall" 
ausmachen, so stellt sie sich nicht einmal dio von ihr beab- 
sichtigten Aktionen bewußt vor und beobachtet sie vielleicht 
mit den Gefühlen eines unbeteiligten Zuschauers. Nichts- 
destoweniger vermag die Analyse nachzuweisen, daß sie ihre 
Rolle in der dramatischen Wiedergabe einer Szene aus ihrem 
Leben spielte, deren Erinnerung während der Attacke unh< 



Vn. BEGRIFF DES UKBEWUSSTEN IN DER PSYCHOANALYSE. lß\ 

wüßt wirksam war. Dasselbe Vorwalten wirksamer imbe- 
wußter Ideen wird durch die Analyse als das Wesentliche 
in der Psychologie aller anderen Formen von Neurose enthüllt. 
Wir lernen also aus der Analyse neurotischer Phäno- 
mene, daß ein latenter oder unbewußter Gedanke nicht not- 
wendigerweise schwach sein muß, und daß die Anwesenheit 
eines solchen Gedankens im Seelenleben indirekte Beweise 
der zwingendsten Art gestattet, die dem direkten durch das 
Bewußtsein gelieferten Beweis fast gleichwertig sind. Wir 
fühlen uns gerechtfertigt, unsere Klassifikation mit dieser 
Vermehrung unserer Kenntnisse in Übereinstimmung zu brin- 
gen, indem wir eine grundlegende Unterscheidung zwischen 
verschiedenen Arten von latenten und unbewußten Gedanken 
einführen. Wir waren gewohnt zu denken, daß jeder latente 
Gedanke dies infolge seiner Schwäche war, und daß er be- 
wußt wurde, sowie er Kraft erhielt. Wir haben nun die Über- 
zeugung gewonnen, daß es gewisse latente Gedanken gibt, 
die nicht ins Bewußtsein eindringen, wie stark sie auch sein 
mögen. Wir wollen daher die latenten Gedanken der ersten 
Gruppe vorbewußt nennen, während wir den Ausdruck un- 
bewußt (im eigentlichen Sinne) für die zweite Gruppe reser- 
vieren, die wir bei den Neurosen betrachtet haben. Der Aus- 
druck unbewußt, den wir bisher bloß im beschreibenden 
Sinne benützt haben, erhält jetzt eine erweiterte Bedeutung. 
Er bezeichnet nicht bloß latente Gedanken im allgemeinen, 
sondern besonders solche mit einem bestimmten dynamischen 
Charakter, nämlich diejenigen, die sich trotz ihrer Intensität 
und Wirksamkeit dem Bewußtsein ferne halten. 

Ehe ich meine Auseinandersetzungen fortführe, will ich 
auf zwei Einwendungen Bezug nehmen, die sich voraussicht- 
lich an diesem Punkte erheben. Die erste kann folgender- 

Frcud, Xeurosenlehre. IV. 11 



162 



M HK1ITEN ZUR NEUROSEN I. Kl IKK. IV. 



maßen formuliert werden: anstatt, uns die Hypothese der un- 
bewußten Gedanken, von denen wir nichts wissen, anzueignen, 
täten wir besser anzunehmen, daß das Bewußtsein geteilt 
werden kann, so daß einzelne Gedanken oder andere Scelen- 
vorgänge ein gesondertes Bewußtsein bilden können, das von 
der Hauptmasse bewußter psychischer Tätigkeit losgelöst und 
ihr entfremdet wurde. Wohlbekannte pathologische Falle, 
wie jener des Dr. Azam, scheinen sehr gecignot zu sein zu 
beweisen, daß die Teilung des Bewußtseins keine phan- 
tastische Einbildung ist. 

Ich gestatte mir, dieser Theorie entgegenzuhalten, daß 
sie einfach aus dem Mißbrauch mit dem Worte „bewußt" 
Kapital schlägt. Wir haben kein Hecht, den Sinn dieses 
Wortes so weit auszudehnen, d.ii.l damit auch ein l'.e wüßt sein 
bezeichnet werden kann, von dem sein l'.e.sitzrr nichts weiß. 
Wenn Philosophen eine Schwierigkeit dabei finden, an die 
Existenz eines unbewußten Gedankens zu glauben, so scheint 
mir die Existenz eines unbewußten Bewußtseins noch ;ui- 
greifbarer. Die Fälle, die man als Teilung des Bewußtseins 
beschreibt, wie der des Dr. Azam, können besser als W-m- 
dern des Bewußtseins angesehen werden, wobei diese Funk- 
tion — oder was immer es sein mag — zwischen zwei ver- 
schiedenen psychischen Komplexen hin- und herschwankt, 
die abwechselnd bewußt und unbewußt werden. 

Der andere Einwand, der voraussichtlich erhoben werden 
wird, wäre der, daß wir auf die Psychologie der Normalen 
Folgerungen anwenden, die hauptsächlich aus dem Studium 
pathologischer Zust&ndi stammen. Wir können ihn durch 
eine Tatsache erledigen, dei-en Kenntnis wir ihr Psychoanalyse 
verdanken. Gewisso Funktionsstörungen, die sich bei Ge* 
sui'dcu höchst häufig ereignen, z. P». Lapsus linguae, i;<-- 



VII. BEGRIFF DES UNBEWUSSTEN IN DER PSYCHOANALYSE. 163 

dächtnis- und Sprachirrtüiner, Namenvergessen usw. können 
leicht auf die Wirksamkeit starker unbewußter Gedanken 
zurückgeführt werden, gerade so wie die neurotischen Sym- 
ptome. Wir werden mit einem zweiten, noch überzeugenderen 
Argument in einem späteren Abschnitt dieser Erörterung 
zusammentreffen. 

Durch die Auseinanderhaltung vorbewußter und unbe- 
wußter Gedanken werden wir dazu veranlaßt, das Gebiet der 
Klassifikation zu verlassen und uns über die funktionalen 
und dynamischen Relationen in der Tätigkeit der Psyche eine 
Meinung zu bilden. Wir fanden ein wirksames Vorbe- 
wußtes, das ohne Schwierigkeit ins Bewußtsein übergeht, 
und ein wirksames Unbewußtes, das unbewußt bleibt 
und vom Bewußtsein abgeschnitten zu sein scheint. 

Wir wissen nicht, ob diese zwei Arten psychischer Tätig- 
keit von Anfang an identisch oder ihrem Wesen nach ent- 
gegengesetzt sind, aber wir können uns fragen, warum sie 
im Verlaufe der psychischen Vorgänge verschieden geworden 
sein sollten. Auf diese Frage gibt uns die Psychoanalyse ohne 
Zögern klare Antwort. Es ist dem Erzeugnis des wirksamen 
.Unbewußten keineswegs unmöglich, ins Bewußtsein einzu- 
dringen, aber zu dieser Leistung ist ein gewisser Aufwand 
von Anstrengung notwendig. Wenn wir es an uns selbst ver- 
suchen, erhalten wir das deutliche Gefühl einer Abwehr, 
die bewältigt werden muß, und wenn wir es bei einem Pa- 
tienten hervorrufen, so erhalten wir die unzweideutigsten An- 
zeigen von dem, was wir Widerstand dagegen nennen. 
So lernen wir, daß der unbewußte Gedanke vom Bewußtsein 
durch lebendige Kräfte ausgeschlossen wird, die sich seiner 
Aufnahme entgegenstellen, während sie anderen Gedanken, 
den vorbewußteu, nichts in den Weg legen. Die Psychoanalyse 

11* 



164 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSKNLF.il ItE. IV. 



läßt keine Möglichkeit übrig, daran zu zweifeln, «laß die Ab- 
weisung unbewußter CJed.'inken bloß durch die in ihrem In- 
halt verkörperten Tendenzen hervorgerufen wird. Die nächst-' 
liegende und wahrscheinlichste Theorie, die wir in diesem 
Stadium unseres Wissens Süden können, ist die folgende: 
Das Unbewußte ist eine regelmäßig und unvermeidliche 
Phase in den Vorgängen, die unsere psychische Tätigkeit be- 
gründen; jeder psychische Akt beginnt als unU-wußter und 
kann entweder so bleiben oder sich weiter entwickelnd zum 
Bewußtsein fortschreiten, je nachdem, ob er auf Widerstand 
trifft oder nicht. Die Unterscheidung zwisohen vorbewußter 
und unbewußter Tätigkeit, ist keine primäre, Mildern wird 
erst hergestellt, nachdem die „Abwehr" ins Spiel getreten 
ist. Erst dann gewinnt der Unterschied zwischen vorl>cwußten 
Gedanken, die im Bewußtsein erscheinen und jederzeit da- 
hin zurückkehren können, und unlxwußton Gedanken, denen 
dies versagt bleibt, theoretischen sowie praktischen Wirt. 
Eine grobe, aber ziemlich angemessene Analogie dieses suppo- 
nierten Verhältnisses der bewußten Tätigkeit zur unbewußten 
bietet das Gebiet der gewöhnlichen Photographie. D.is erste 
Stadium der Photographie i : . , NYgativ; jedes photogra- 
phische Bild muß den „N«;':it ivprozeß" durchmachen, und 
einige dieser Negative, die in der Prüfung gut bestn.nden 
haben, werden zu dem „Positivprozeß" zugelassen, der mit 
dem Bilde endigt. 

Aber die Unterscheidung zwischen vorbewußter und un- 
bewußter Tätigkeit und die Erkenntnis der sie trennenden 
Schranke ist weder das letzte noch das bedeutungsvollst« 
Resultat der psychoanalytischen Durchforschung des Seelen- 
lebens. Es gibt ein psychisches Produkt, das bei den nor- 
malsten Personen anzutreffen ist und doch eine höchst auf- 



VIL BEGRIFF DES UNBEWUSSTEN IN DER PSYCHOANALYSE. 165 



fallende Analogie zu den wildesten Erzeugnissen des Wahn- 
sinnes bietet und den Philosophen nicht verständlicher war als 
der Wahnsinn selbst. Ich meine die Träume. Die Psychoana- 
lyse gründet sich auf die Traumanalyse ; die Traumdeutung ist 
das vollständigste Stück Arbeit, das die junge Wissenschaft 
bis heute geleistet hat. Ein typischer Fall der Traumbildung 
kann folgendermaßen beschrieben werden: Ein Gedankenzug 
ist durch die geistige Tätigkeit des Tages wachgerufen wor- 
den und hat etwas von seiner Wirkungsfähigkeit zurückbe- 
halten, durch die er dem allgemeinen Absinken des Interesses, 
welches den Schlaf herbeiführt und die geistige Vorbereitung 
für das Schlafen bildet, entgangen ist, Während der Nacht 
gelingt es diesem Gedankenzug, die Verbindung zu einem 
der unbewußten Wünsche zu finden, die von Kindheit an 
im Seelenleben des Träumers immer gegenwärtig, aber für 
gewöhnlich verdrängt und von seinem bewußten Dasein 
ausgeschlossen sind. Durch die von dieser unbewußten Un- 
terstützung geliehene Kraft können die Gedanken, die Über- 
bleibsel der Tagesarbeit, nun wiederum wirksam werden und 
im Bewußtsein in der Gestalt eines Traumes auftauchen. Es 
haben sich also dreierlei Dinge ereignet: • 

1. Die Gedanken haben eine Verwandlung, Verkleidung 
und Entstellung durchgemacht, welche den Anteil des un- 
bewußten Bundesgenossen darstellt. 

! 2. Den Gedanken ist es gelungen, das Bewußtsein zu 
einer Zeit zu besetzen, wo es ihnen nicht zugänglich hätte 
sein sollen. 

3. Ein Stück des Unbewußten, dem dies sonst unmög- 
lich gewesen wäre, ist im Bewußtsein aufgetaucht. 

Wir haben die Kunst gelernt, die „Tagesreste" und 
die latenten Traumgedanken herauszufinden; durch 



1G6 



S( illCIITKN /.TU M.tKoSKNI.KHUK. IV. 



ihren Vergleich mit dem uiiinifistcn T rau ininhal t sind 
wSl befähigt, uns ein Urteil über die Wandlungen, die sie 
durchgemacht haben, und über die Art und Weise, wie diese 
zu stände gekommen sind, zu bilden. 

Die latenten Traumgedanken unterscheiden sieh in keiner 
"Weise von den Erzeugnissen unserer gewöhnlichen bewußten 
Seelen tätigkeit. Sie verdienen den Kamen von vorl>cwußten 
Gedanken und können in der int in einem Zeitpunkte des 
Wachlebens bewußt gewesen si in. Aber durch die Verbindung 
mit den unbewußten Strebungen, die sie während der Nacht 
eingegangen sind, wurden sie den letzteren assimiliert, ge- 
wissermaßen auf den Zustand unbewußter Gedanken herab- 
gedrückt und den Gesetzen, durch welcho die unbewußte 
Tätigkeit geregelt wir.l, unterworfen. Hier ergibt sieh die 
Gelegenheit zu lernen, was wir auf Grund von Überlegungen 
oder aus irgend einer anderen Quelle omjnrischen Wissens 
nicht hätten erraten können, daß die Gesetze der unbewußten 
Scelcntätigkeit sich im weiten Ausmaß von jenen der be- 
wußten unterscheiden. Wir gewinnen durch Delnilnrbcit die 
Kenntnis der Kigentümliehkeiien ( |,. s Unbewußten und 
können hoffen, daß wir durch gründlichere Erforschung der 
Vorgänge bei der Raumbildung noch mehr lernen werden. 

Diese Untersuchung ist noch kaum zur Hälfte beendet 
und eine Darlegung der bis jetzt erhaltenen Resultate ist 
nicht möglich, ohne in die h&ohsl verwickelten Probleme der 
Traumdeutung einzugehen. Alter ich wollte diese Erörterung 
nicht abbrechen, ohne auf die Wandlung und den Fortschritt 
unseres Verständnisses des Unbewußten hinzuweisen, welche 
wir dem psychoanalytischen Stadium der Träume verdanken. 

Das Unbewußte schien uns anfangs bloß ein rätsel- 
hafter Charakter eines bestimmten psychischen Vorgange . 



VII. BEGRIFF DES UNBEWUSSTEN IN DER PSYCHOANALYSE. 167 



nun bedeutet es uns mehr, es ist ein Anzeichen dafür, daß 
dieser Vorgang an der Natur einer gewissen psychischen 
Kategorie teilnimmt, die uns durch andere bedeutsamere 
Charakterzüge bekannt ist, und daß er zu einem System 
psychischer Tätigkeit gehört, das unsere vollste Aufmerk- 
samkeit verdient. Der Wert de3 Unbewußten als Index hat 
seine Bedeutung als Eigenschaft bei weitem hinter sich ge- 
lassen. Das System, welches sich uns durch das Kennzeichen 
kundgibt, daß die einzelnen Vorgänge, die es zusammensetzen, 
un!5ewußt sind, belegen wir mit dem Namen „das Unbewußte", 
in Ermangelung eines besseren und weniger zweideutigen 
Ausdruckes. Ich schlage als Bezeichnung dieses Systems die 
Buchstaben „Ubw.", eine Abkürzung des Wortes „Unbe- 
wußt" vor. 

Dies ist der dritte und wichtigste Sinn, den der Aus- 
druck „unbewußt" in der Psychoanalyse erworben hat. 






v 






VIII. 
MÄRCHKNSTOFFK IN TRÄUMEN.*) 

Es ist koino Überraschung, auoh aus der Psychoanalyse 
zu orfahron, welche Bedeutung unsere Volksmärchen für das 
Seelenleben unserer Kinder gewonnen haben. Bei eini 
Menschen hat sich dis Erinnerung an Ihre Lieblingi m&rohen 
an die stelh' r Kindheitserinnerungen gesetzt; sie haben 

die Märchen zu Deckorinnerungen erhöben, 

Elemente und Situationen, die aus diesen Märchen kom- 
men, finden sich nun auch häufig in Träumen. Zur Deutung 
der betreffenden Stellen füllt, den Analväerlen das für sie 
bedeutungsvolle Märchen ein. Von diesem sehr gewöhnlichen 
Vorkommnis will ich hier zwei Beispiele anführen. Die Be- 
ziehungen der Märchen zur Kindheit .sgrsehiehtc und zur 
Neurose der Träumer worden aber nur angedeutet werden 
können, auf die Gefahr hin, dit dam Analytiker wertvollsten 
Zusammenhänge zu /.n nii'„ n. 

I. 

Traum einer jungen Frau, die vor wenigen Tagen den 
Besuch ihres Mannes empfangen hat: Sie ist in einem 
ganz braunen Zimmer. Durch eine kleine T ür 
kommt man au f « in 6 I te i 1 6 Stiege, und ü b o r d i e s e 
kommt ein sonderbares K&nnlein ins /immer, 

*) Intern. Z.its. | ir . für ürzll. Pl/eho&nalyMt t, 1918, 






VIII. MÄRCHENSTOFFE IN TKÄUMEN. 



169 



klein, mit weißen Haaren, Glatze und roter Nase, 
das 5m Zimmer vor ihr herumtanzt, sich sehr 
komisch 1 gebärdet und dann wieder zur Stiege 
herabgeht. Es ist in ein graues Gewand geklei- 
det, welches alle Formen erkennen läßt. (Kor- 
rektur: Es trägt einen langen schwarzen Eock 
und eine graue Hose.) 

Analyse: Die Personsbeschreibung des Männleins paßt 
ohne weitere Veränderung*) auf ihren Schwiegervater. Dann 
fällt ihr aber sofort das Märchen von Rumpelstilzchen 
ein, der so komisch wie der Mann im Traume herumtanzt 
und dabei der Königin seinen Namen verrät. Dadurch hat 
er aber seinen Anspruch auf das erste Kind der Königin ver- 
loren und reißt sich in der Wut selbst mitten entzwei. 

Am Traumtag war sie selbst so wütend auf ihren Mann 
und äußerte: Ich könnte ihn mitten entzweireißen. 

Das braune Zimmer macht zunächst Schwierigkeiten. Es 
fällt ihr nur das Speisezimmer ihrer Eltern ein, das so — 
holzbraun — getäfelt ist, und dann erzählt sie Geschichten 
von Betten, in denen man zu zweien so unbequem schläft. 
Vor einigen Tagen hat ste, als von Betten in anderen Län- 
dern die Rede war, etwas sehr Ungeschicktes gesagt — in 
harmloser Absicht, meint sie — , worüber ihre Gesellschaft 
fürchterlich lachen mußte. 

Der Traum ist nun bereits verständlich. Das holzbraune 
Zimmer**) ist zunächst das Bett, durch die Beziehung auf 
das Speisezimmer ein Ehebett.***) Sie befindet sich also im 

*) Bis auf das Detail kurzgeschnittener Haare, während der Schwie- 
gervater das Haar lang trägt. 

**) Holz wie bekannt häufig weibliches, mütterliches Symbol (materia, 
Madeira usw.). 

***) Tisch und Bett repräsentieren ja die Ehe. 



170 



SCHKIFTKN ZUH KEUB08ENLEHRE. IV. 



Ehebett. Der Besucher sollte ihr junger Mann sein, der nach 
mehrmonatlicher Abu rsnili.it zu ihr gekommen war, um Beine 
Rolle im Ehebett zu spielen. Es ist, al>er zunächst der Vater 
des Mannes, der Schwiegervater. 

Hintex .lieser ersten Deutung bliokl man auf «-ine tiefer 
liegende, rein sexuellen Inhaltes. Das Zimmer ist jetzt die 
Vagina. (Das Zimmer ist in ihr, im Trimme umgekehrt.) 
Der kleine Mann, der Mine (Jrimasson macht und sich so 
komisch benimmt, ist der Penis; die enge Tür und die steile 
Treppe bestätigen die Auffassung der Situation als einer 
Koitusdarstellung. Wir sind sonst gewöhnt, daß das Kind 
den Perus symbolisiert, werden aber verstehen, daß es einen 
guten Sinn hat, wenn hier der Vater zur Vertretung des 
Penis herangezogen wird. 

Die Auflösung des noch mrüokgehaltencn Restes vom 
Traume wird uns in der Deutung ganz sicher machen. Das 
durchscheinende graue Gewand erklärt sie seihst als Kondom. 
Wir dürfen erfahren, daß Interessen der Kinder Verhütung, 
Besorgnisse, ob nicht dieser Besuch des Mannes den Keim 
zu einem zweiten Kind gelegt, zu den Anregern dieses Trau- 
mes gehören. 

Der schwarze Hock: Ein solcher steht ihrem Manne aus- 
gezeichnet. Sic will ihn heeinfhissen, .laß er ihn immer trage 
anstatt seiner gewöhnlicher Kleidung. Im schwarzen Rock 
ist ihr Mann also so, wie sie ihn gern sieht. Schwarzer Rock 
und graue Hose: das heißt aus zwei verschiedenen, einander 
iilierdcckenden Schichten: So gekleidet will ich dich haben. 
So gefällst du mir 

Rumpelstilzchen verknüpft sich mit aon aktuellen Ge- 
danken des Traumes den Tagesresten — durch eine schöne 
Gegensatzbeziehung, Er kommt im Märchen, um dei Königin 



VIII. MÄKCHENSTOFFE IN TRÄUMEN. 171 

das erste Kind zu nehmen; der kleine Mann im Traum kommt 
als Vater, weil er wahrscheinlich ein zweites Kind gebracht 
hat. Aber Rurmpelstilzchen vermittelt auch den Zugang zur 
tieferen, infantilen Schicht der Traumgedanken. Der possier- 
liche kleine Kerl, dessen Namen man nicht einmal weiß, 
dessen Geheimnis man kennen möchte, der so außerordent- 
liche Kunststücke kann (im Märchen Stroh in Gold ver- 
wandeln) — die Wut, die man gegen ihn hat, eigentlich 
gegen seinen Besitzer, den man um diesen Besitz beneidet, 
der Penisneid der Mädchen — , das sind Elemente, deren 
Beziehung zu den Grundlagen der Neurose, wie gesagt, hier 
nur gestreift werden soll. Zum Kastrationsthema gehören 
wohl auch die geschnittenen Haare des Männchens im Traume. 
Wenn man in durchsichtigen Beispielen darauf achten 
wird, was der Träumer mit dem Märchen macht, und an 
welche Stelle er es setzt, so wird man dadurch vielleicht 
auch Winke für die noch ausstehende Deutung dieser Mär- 
chen selbst gewinnen. 

II. 

Ein junger Mann, der einen Anhalt für seine Kindheits- 
crinnerungen in dem Umstände findet, daß seine Eltern ihr 
bisheriges Landgut gegen ein anderes vertauschten, als er 
noch nicht, fünf Jahre war, erzählt als seinen frühesten Traum, 
der noch auf dem ersten Gut vorgefallen, folgendes: 

„Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich 
in meinem Bett liege (mein Bett stand mit dem 
Fußende gegen das Fenster, vor dem Fenster 
befand sich eine Eeihc alter Nußbäume. Ich 
weiß, es war Winter, als ich träumte und Nacht- 
zeit). Plötzlich geht das Fenster von selbst 
auf, und ich sehe mit großem Schrecken, daß 






17i' 



SCIIRIFTEN ZUK NIUB06ENLIHRK. IV. 



auf dem großen Nußbaum vor dorn Fenster ein 
paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder 
sieben Stück. Die Wölfe waren ganz, weiß und 
sahen eher aus wie Füchl« oder Schäferhunde, 
denn sie hatten große Schwänze wie Füchse und 
ihre Ohren waren aufgestellt wie hei den Hun- 
den, wenn sie auf etwas passen. Unter großer 
Angst, offenbar von den Wölfen u u f gefressen zu 
werden, schrie ich auf und er wuchte. Meine Kin- 
derfrau eilte zu meinem Bett, um n:i. ihiu ■• -hen, was mit mir 
geschehen war. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich über- 
zeugt war, es sei nur ein Traum gewesen, so natürlich und 
deutlich war mir das Bild vorgekommen, wie das Fcnsi r 
aufgeht und die Wölfe auf dem r.aume ii/.en. Kndlieh !*•- 
ruhigte ich mich, fühlte mich wie von einer (i fahr lMi'reit 
und schlief wieder ein." 

„Die einzige Aktion im Traumo war das Aufgehen des 
Fensters, denn die Wölfe saßen ganz ruhig ohne jede Be- 
wegung auf den Ästen des Baumes, rechts und links vom 
Stamm und schauten mich an. Dl iah so ans, als ob sio 
ihre ganze Aufmerksamkeit auf mieh [fliehtet hätten. — 
Ich glaube, dies war mein erster Angst träum. Mi war da- 
mals drei, vier, höchstens fünf Jahn alt. Bis in mein elftes 
oder zwölftes Jahr hatte ich v<m da. an immer Angst, etwas 
Schreckliches im Traume zu sehen." 

Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit. den 
Wölfen, die seine Beschreibung bestätigt. Die Analyse des 
Traumes fördert nachstehendes Material zu Tage. 

Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der Er- 
innerung gebracht, daß er in diesen Jahren der Kindheit eine 
ganz ungeheuerliehe Angst vor dem Bilde eines Wolfes in 



VIII. MÄRCHENSTOFFE IN TRÄUMEN. 173 

einem Märchenbuclie zeigte. Die ältere, ihm recht überlegene 
Schwester pflegte ihn zu necken, indem sie ihm unter irgend 
einem Vorwand gerade dieses Bild vorhielt, worauf er ent- 
setzt zu schreien begann. Auf diesem Bilde stand der Wolf 
aufrecht, mit einem Fuß ausschreitend, die Tatzen ausge- 
streckt und die Ohren aufgestellt. Er meint, dieses Bild habe 
als Illustration zum Märchen von Rotkäppchen gehört. 

Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die 
Schafe denken, von denen große Herden in der Nähe des 
Gutes gehalten wurden. Der "Vater nahm ihn gelegentlich 
mit, diese Herden zu besuchen, und er war dann jedesmal 
sehr stolz und selig. Später — nach eingezogenen Erkun-" 
digungen kann es leicht kurz vor der Zeit dieses Traumes 
gewesen sein — , brach unter diesen Schafen eine Seuche aus. 
Der Vater ließ einen Pasteurschüler kommen, der die Tiere 
impfte, aber sie starben nach der Impfung noch zahlreicher 
als vorhin. 

Wie kommen die Wölfe auf den Baum? Dazu fällt ihm 
eine Geschichte ein, die er den Großvater erzählen gehört. 
Er kann sich nicht erinnern, ob vor oder nach dem Traume, 
aber ihr Inhalt spricht entschieden für das erstere. Die Ge- 
schichte lautet: Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei 
der Arbeit, da öffnet sich das Fenster und ein Wolf springt 
herein. Der Schneider schlägt mit der Elle nach ihm — nein, 
verbessert er sich, packt ihn beim Schwanz und reißt ihm 
diesen aus, so daß der Wolf erschreckt davonrennt. Eine 
Weile später geht der Schneider in den Wald und sieht 
plötzlich ein Rudel Wölfe herankommen, vor denen er sich 
auf einen Baum flüchtet. Die Wölfe sind zunächst ratlos, 
aber der verstümmelte, der unter ihnen ist und sich am 
Schneider rächen will, macht den Vorschlag, daß einer auf 



174 



SCHRIFTEN ZUR NKl'ROSKNI.KIIliE. IV. 



den anderen steigen soll, bis der letzte den Schneider er- 
reicht hat. Er selbst — es ist ein kräftiger Alter — will 
die Basis dieser Pyramide machen, Die Wölfo tun so, aber 
der Schneider hat den gezüchtigten Besucher erkannt und 
ruft plötzlich wie damals: i'.u-ki den Grauen beim Schwanz. 
Der schwanzlose Wolf erschrickt bei dieser Erinnerung, läuft 
davon und die anderen purzeln alle herab. 

In dieser Erzählung findet sich der Baum vor, auf dem 
im Traume die Wölfe sitzen. Sie enthalt aber auoh eine un- 
zweideutige Anknüpfung an den Bastrationskomplex. Der 
alte Wolf ist vom Schneider um d<n Schwan/, gebracht 
worden. Die Fuchsschwän/.e der Wölfe im Traume sind wohl 
Kompensationen dieser Bchwan/.losigkcif . 

Warum sind es sechs oder siel.cn Wölfo? Diese Frage 
schien nicht zu beantworten, bia ich den Zweifel aufwarf, 
ob sich sein Angstbild auf das Rotkäppchenrnärrhen bezogen 
haben könne. Dies Märchen gibt nur Anlaß zu zwei Illustra- 
tionen, zur Begegnung des Rotkappcheni mit dem Wolf im 
Walde und zur Szene, wo der Wolf mit «1er Haube der Groß- 
mutter im Bette liegt. Es müsse sieh also ein anderes Mär- 
chen hinter der Erinnerung an das Bild v.rU-rgen. Er fand 
dann bald, daß es nur die Geschichte vom Wolf und den 
sieben Geißlein sein könne. Hier findet sich die Sieben« 
zahl, aber auch die sechs, denn der Wolf frißt nur sechs 
Geißlein auf, das siebente versteckt sieh im Uhrkasten. Auch 
das Weiß kommt in dieser Geschichte vor, denn der Wolf 
läßt sich beim Bäcker die Pfoto weiß machen, nachdem ihn 
die Geißlein bei seinem ersten Besuch an <\<-r grauen Pfote 
erkannt haben. Beide Märchen haben übrigens viel Gemein- 
sames. In beiden findet sich das Auffressen, das Baueh- 
aufschneiden, die Herausbefördei d.r g< fressenen Per- 



Vin. MAKCHENSTOFFE IN TRÄUMEN. 175 

soncn, deren Ersatz durch schwere Steine, und endlich kommt 
in beiden der böse Wolf um. Im Märchen von den Geißlein 
kommt auch noch der Baum vor. Der Wolf legt sich nach 
der Mahlzeit unter einen Baum und schnarcht. 

Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines beson- 
deren Umstandes noch an anderer Stelle beschäftigen müssen 
und ihn dann eingehender deuten und würdigen. Es ist ja 
ein erster aus der Kindheit erinnerter Angsttraum, dessen 
Inhalt im Zusammenhang mit anderen Träumen, die bald 
nachher erfolgten, und mit gewissen Begebenheiten in der 
Kinderzeit des Träumers ein Interesse von ganz besonderer 
Art wachruft. Hier beschränken wir uns auf die Beziehung 
des Traumes zu zwei Märchen, die viel Gemeinsames haben, 
zum „Rotkäppchen" und zum „Wolf und die sieben Geißlein". 
Der Eindruck dieser Märchen äußerte sich bei dem kindlichen 
Träumer in einer richtigen Tierphobie, die sich von anderen 
ähnlichen Fällen nur dadurch auszeichnete, daß das Angst- 
tier nicht ein der Wahrnehmung leicht zugängliches Objekt 
war (wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus Erzählung 
und Bilderbuch gekannt war. 

Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Er- 
klärung diese Tierphobien haben und welche Bedeutung ihnen 
zukommt. Vorgreifend bemerke ich nur, daß diese Erklärung 
sehr zu dem Hauptcharakter stimmt, welchen die Neurose 
des Träumers in späteren Lebenszeiten erkennen ließ. Die 
Angst vor dem Vater war das stärkste Motiv seiner Erkran- 
kung gewesen, und die ambivalente Einstellung zu jedem 
Vaterersatz beherrschte sein Leben wie sein Verhalten in der 

Behandlung. 

Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste 

Vaterersatz war, so fragt es sich, ob die Märchen vom Wolf, 



176 



SCHOTTEN ZUR NEUR08ENLEIIKK. IV. 



der die Geißlein auffrißt, uml vom Rotkäppchen etwas an- 
deres als die infantile Angst vor dem Vater zum geheimen 
Inhalt haben.*) Der Vater meines Patienten halte übrigens 
die Eigentümlich keil des „zärtlichen Sohimpfens", die 
so viele Personen im Umgang mit ihren Kindern zeigen, und 
die scherzhafte Drohung: „Ich fress' dich auf" mag in den 
ersten Jahren, als der später strenge Vater mit. dem Söhnlein 
zu spielen und zu kosen pflegte, mehr all einmal geäußert 
worden sein. Eine meiner Patientinnen erzählte mir, daß ihre 
beiden Kinder den Großvater nie lieb gewinnen konnten, weil 
er sie in seinem zärtlichen Sinei zu schrecken pflegte, er 
werde ihnen den Hauch aufschneiden. 

*) Vgl. dio von 0. Rank horvnrgcholK-nn Ähnlichkeit dieser lxid.n 
Märchen iriil dem Mythus von KrOQM. ( V^.lkrr^:- y-!,, ■!• ■ ■ is.-lm ] 'an die Km 
zu den infautilon Sexual dieurieu; ^ulrulbkUt für l nudyac, II, 8.) 



IX. 
EIN TRAUM ALS BEWEISMITTEL.*) 

Eine Dame, die an Zweifelsucht und Zwangszeremoniell 
leidet, stellt an ihre Pflegerinnen die Anforderung, von ihnen 
keinen Moment aus den Augen gelassen zu werden, weil sie 
sonst zu grübeln beginnen würde, was sie in dem unbewachten 
Zeitraum Unerlaubtes getan haben mag. Wie sie nun eines 
Abends auf dem Diwan ausruht, glaubt sie zu bemerken, daß 
die diensthabende Pflegerin eingeschlafen ist. Sie fragt: 
Haben Sie mich gesehen?; die Pflegerin fährt auf und ant- 
wortet: Ja, gewiß. Die Kranke hat nun Grund zu einem 
neuen Zweifel und wiederholt nach einer Weile dieselbe 
Frage. Die Pflegerin beteuert es von neuem; in diesem Augen- 
blicke bringt eine andere Dienerin das Abendessen. 

Dies ereignet sich eines Freitag abends. Am nächsten 
Morgen erzählt die Pflegerin einen Traum, der die Zweifel 
der Patientin zerstreut. 

: Traum: Man hat ihr ein Kind gegeben, die 
Mutter ist abgereist, und sie hat das Kind ver- 
loren. Sie fragt unterwegs die Leute auf der 
Straße, ob sie das Kind gesehen haben. Dann 
kommt sie an ein großes Wasser, geht über einen 
schmalen Steg. (Dazu später ein Nachtrag: Auf diesem 
Steg ist plötzlich die Person einer anderen 

*) Intern. Zeitschr. für äxztl. Psychoanalyse, I, 1913. 
Freud, Neurosenlehre. IV. 12 



178 



SCHRIFTEN ZUR NEUU0SKNLF.1IKE. IV. 



Pflegerin wie eine Fata Morga.ua vor ihr auf- 
getaucht.) Dann ist sie in einer ihr bekannten 
Gegend und trifft dort eine Frau, die sie als 
Mädchen gekannt hat, die damals Verkäuferin 
in einem Eß war enges <■ h ä f t war, später aber ge- 
heiratet hat. Sie fragt die vor ihror Tür stehende 
Frau: Haben Sie das Kind gesehen? Die Frau 
interessiert sich aber nicht für diese Frage, 
sondern erzählt ihr, daß sie jetzt von ihrem 
Manne geschieden ist, wobei s i o hinzufügt, daß 
es auch in der Ehe nicht immer glück lieh geht. 
Dann wacht sie beruhigt auf und denkt sich, 
das Kind wird sich schon bei einer Nachbarin 
finden. 

Analyse. Von diesem Traum nahm die Patientin an, 
daß er sich auf das von der Pflegerin abgeleugnete Ein- 
schlafen beziehe. Was ihr die Pflegerin, ohne ausgefragt zu 
werden, im Anschluß an den Traum erzählte, setzte sie in 
den Stand, eine praktisch BUXeioh&nde, wenn auch OD man- 
chen Stellen unvollständige Deutung des Traumes vorzu- 
nehmen. Ich selbst habe nur den llericht der Dame gehört, 
nicht die Pflegerin gesprochen; ich werde, nachdem die 
Patientin ihre Deutung vorgetragen li.it . hinzufügen, was 
sich aus unserer allgemeinen Einsichtnahme in die (Jesetzo 
der Traumbildung ergänzen läßt. 

„Die Pflegerin sagt, bei dem Kind im Traume denke 
sie an eine Pflege, von welcher sie sieh außerordentlich be- 
friedigt gefühlt habe. Es handelte sieh um ein an blennor- 
rhoischer Augenentzündung erkranktes Sind, das nicht sehen 
konnte. Aber die Mutter dieses Kindes reiste nicht ab, sie 
nahm an der Pflege teil. Dagegen weiß ich, daß mein Mann. 



IX. EIN TRAUM ALS BEWEISMITTEL. 179 



der viel auf diese Pflegerin hält, mich ihr beim Abschied 
zur Behütung übergeben hat, und daß sie ihm damals ver- 
sprach, auf mich achtzugeben — wie auf ein Kind!" 

Wir erraten anderseits aus der Analyse der Patientin, 
daß sie sich mit ihrer Forderung, nicht aus den Augen ge- 
lassen zu werden, selbst in die Kindheit zurückversetzt hat. 
„Sie hat das Kind verloren," fährt die Patientin fort, 
„heißt, sie hat mich nicht gesehen, hat mich aus den Augen 
verloren. Das ist ihr Geständnis, daß sie wirklich eine Weile 
geschlafen und mir dann nicht die Wahrheit gesagt hat." 
Das Stückchen des Traumes, in dem die Pflegerin bei 
den Leuten auf der Straße nach dem Kinde fragt, blieb der 
Dame dunkel, dagegen weiß sie über die weiteren Elemente 
des manifesten Traumes gute Auskunft zu geben. 

„Bei dem großen Wasser denkt sie an den Rhein, aber 
sie setzt hinzu, es war doch weit größer als der Rhein. Sie 
erinnert sich dann, daß ich ihr am Abend vorher die Geschichte 
von Jonas und dem Walfisch vorgelesen und erzählt habe, 
daß ich selbst einmal im Ärmelkanal einen Walfisch gesehen. 
Ich meine, das große Wasser ist das Meer, also eine Anspie- 
lung auf die Geschichte von Jonas." 

„Ich glaube auch, daß der schmale Steg aus der näm- 
lichen, in Mundart geschriebenen lustigen Geschichte her- 
rührt. In ihr wird erzählt, daß der Religionslehrer den Schul- 
kindern das wunderbare Abenteuer des Jonas vorträgt, worauf 
ein Knabe den Einwand macht, das könne doch nicht sein, 
denn der Herr Lehrer habe ein anderes Mal gesagt, der Wal- 
fisch habe einen so engen Schlund, daß er nur ganz kleine 
Tiere schlucken könne. Der Lehrer hilft sich mit der Er- 
klärung, Jonas sei eben ein Jude gewesen, und der drücke 
sich überall durch. Meine Pflegerin ist sehr religiös, aber 

12« 



180 



SCHRIFTEN ZUR NEUKOSENLKHRK. IV. 



zu religiösen Zweifeln geneigt, und ich hal>c mir darum Vor- 
würfe gemacht, daß ich durch meine Vorlesung vielleicht 
ihre Zweifel angeregt habe." 

„Auf diesem schmalen Steg sah sie nun die Erscheinung 
einer anderen ihr bekannten Pflegerin. Sie hat mir deren 
Geschichte erzählt, diese ist in den Rhein gegangen, weil 
man sie aus der Pflege, in der sie sieh etwas hatte zu 
Schulden kommen lassen, weggeschickt, hatte.*) Sie fürchtet 
also auch wegen jenes Einschlafens weggeschickt zu werden. 
Übrigens hat sie am Tage nach dem Vorfall und der Traura- 
erzählung heftig geweint und mir, auf meine Frage nach 
ihren Gründen, recht barsch geantwortet: Das wissen Sie 
so gut wie ich, und jetzt werden Sie kein Vertrauen mehr 
zu mir haben." 

Da die Erscheinung der ertränkten Pflegerin ein Nach- 
trag, und zwar von besonderer Deutlichkeit, war, hätten wir 
der Dame raten müssen, die Traumdeutung an diesem Punkte 
zu beginnen. Diese erste Hälfte des Traumes war nach dem 

*) Ich habo mir an dieser Stelle eine. Verdichtung de* Material« 
ru Schulden kommen lassen, die ich boi einer Rovigon dor Niederschrift 
vor der referierenden Damo korrigieren konnto. Dio als Erscheinung auf 
dem Steg auftretondo Pflegerin hatte sioh in der Pflöge nichts zu S huldcn 
kommen lassen. Sie wurdo weggeschickt, weil die Muttor dos Kindes, dio 
zur Abreise genötigt war, erklärte, sie wolle in ihr.-r Abwesenheit eine 
ältero — also doch verläOliohoro — WartnjHjrson bei dem Kinde liaben. 
Daran reihto sich eine zweito Erzählung von oinor anderon Pflegerin, dio 
wirklich wegen einer Nachlässigkeit entlausen worden war, sich dämm 
aber nicht ertränkt hallo. Das für dio Deutung des Trniimelenipnts nötige 
Material ist hier wio sonst nicht selten, auf zwoi Quellen vorteilt. Mein 
Gedächtnis vollzog dio zur Deutung führende Nvnlhrse. — Übrigens findet 
sich in der Geschichte der ertränkten Pflegerin das Momont dos Abrcisons 
der Mutter, welches von der Damo auf dio Abrcino ihros Mannes bezogein 
wird. Wie man sieht, eino Cbcrdeterminii rung, iroloho dio Eleganz dar 
Deutung beeinträchtigt. 



IX. EIN TRAUM ALS BEWEISMITTEL. igi 



Berichte der Träumerin auch von heftigster Angst erfüllt, 
im zweiten Teil bereitet sich die Beruhigung vor, mit wel- 
cher sie erwacht. 

„Im nächsten Stück des Traumes," setzt die analysierende 
Dame fort, „finde ich wieder einen sicheren Beweis für 
meine Auffassung, daß es sich darin um den Vorfall am 
Freitag abends handelt, denn mit der Frau, die früher Ver- 
käuferin in einem Eßwarengeschäfte war, kann nur das Mäd- 
chen gemeint sein, welches damals das Nachtmahl brachte. 
Ich bemerke, daß die Pflegerin den ganzen Tag über Üblig- 
keiten geklagt hatte. Die Frage, die sie an die Frau richtet: 
Haben Sie das Kind gesehen?, ist ja offenbar abgeleitet von 
meiner Frage: Haben Sie mich gesehen?, wie meine Formel 
lautet, die ich eben zum zweitenmal stellte, als das Mädchen 
mit den Schüsseln eintrat." 

Auch im Traume wird in zwei Stellen nach dem Kinde 
gefragt. — Daß die Frau keine Antwort gibt, sich nicht 
interessiert, möchten wir als eine Herabsetzung der anderen 
Dienerin zu Gunsten der Träumerin deuten, die sich im 
Traume über die andere erhebt, gerade weil sie gegen Vor- 
würfe wegen ihrer Unachtsamkeit anzukämpfen hat. 

„Die im Traume erscheinende Frau ist nicht wirklich 
von ihrem Manne geschieden. Die ganze Stelle stammt aus 
der Lebensgeschichte des anderen Mädchens, welches durch 
das Machtwort ihrer Eltern von einem Manne fern gehalten 
— geschieden — wird, . der sie heiraten will. Der Satz, daß 
es in der Ehe auch nicht immer gut abgeht, ist wahrschein- 
lich ein Trost, der in Gesprächen der beiden zur Verwendung 
kam. Dieser Trost wird ihr zum Vorbild für einen anderen, 
mit dem der Traum schließt: Das Kind wird sich schon 
finden." 



182 



SCHRIFTEN ZUR NKl K< iSKNI.KIIKK. IV. 



„Ich habe aber aus diesem Traum« entnommen, daß die 
Pflegerin an jenem Al>ond wirklich eingeschlafen war und 
darum weggeschickt zu werden fürchtet. Ich habe darum 
den Zweifel an meiner eigenen Wahrnehmung aufgegeben. 
Übrigens hat sie nach der Krzühlung des Traumes hinzuge- 
fügt, sie bedaure es sehr, daß sie kein Traumbuoh mitge- 
bracht habe. Als ich bemerkte, in solchen Büchern stehe 
doch nur der schlimmste Aberglaube, entgegnete sie, sie sei 
gar nicht abergläubisch, aber das müsse sie sagen: alle Un- 
annehmlichkeiten ihres Lebens seien ihr immer an Freitagen 
passiert. Außerdem behandelt sie mich jetzt schlecht, zeigt 
sich empfindlich, reizbar und macht mir Szenen." 

Ich glaube, wir werden der Dam.' zugestehen müssen, 
daß sie den Traum ihrer Pflegerin richtig gedeutet und ver- 
wertet hat. Wie so oft bei der Traumdeutung in der Psycho- 
analyse kommen für die Übersetzung des Traumes nicht allein 
die Ergebnisse der Assoziation in Betracht, sondern auch 
die Begleitumstände der Traunicrzählung, das Benehmen des 
Träumers vor und nach der Trauman.ilyse, sowie alles, was 
er ungefähr gleichzeitig mit dem Tr.iumo — in dorscllx-n 
Stunde der Behandlung — äußert und verrät. Nehmen wir 
die Reizbarkeit der Pflegerin, ihn* Beziehung auf den un- 
glückbringenden Freitag u. a. hinzu, so worden wir das Urteil 
bestätigen, der Traum ent hallo das Geständnis, daß sie da- 
mals, als sie es ableugnete, wirklieh eingenickt sei und 
darum fürchte, von ihrem Pflegekind weggeschickt zu 
werden.*) 

Aber der Traum, welcher für die Dame eine praktische 



*) Dio Pflegerin gestand übrigens cinigo T»go ipltor oinor dritten 
Person ihr Einschlafen an jenotn Abond zu und rechtfertigt« so dio Deu- 
tung der Dame. 



IX. EIN T RAUM ALS BEWEISMITTEL. 133 

Bedeutung hatte, regt bei uns das theoretische Interesse 
nach zwei Eichtungen an. Der Traum läuft zwar in eine 
Tröstung aus, aber im wesentlichen bringt er ein für die 
Beziehung zu ihrer Dame wichtiges Geständnis. Wie 
kommt der Traum, der doch der Wunschcrfüllung dienen 
soll, dazu, ein Geständnis zu ersetzen, welches der Träumerin 
nicht einmal vorteilhaft wird? Sollen wir uns wirklich ver- 
anlaßt finden, außer den Wunsch- (und Angst-)Träumen auch 
Geständnisträume zuzugeben, sowie Warnungsträume, Rc- 
flexionsträume, Anpassungsträume u. dgl. 1 

Ich bekenne nun, daß ich noch nicht ganz verstehe, 
warum der Standpunkt, den meine Traumdeutung gegen 
solche Versuchungen einnimmt, bei so vielen und darunter 
namhaften Psychoanalytikern Bedenken findet. Die Unter- 
scheidung von Wunsch-, Geständnis-, Warnungs- und An- 
passungsträumen u. dgl. scheint mir nicht viel sinnreicher, 
als die notgedrungen zugelassene Differenzierung ärztlicher 
Spezialisten in Frauen-, Kinder- und Zahnärzte. Ich nehme 
mir die Freiheit, die Erörterungen der Traumdeutung über 
diesen Funkt hier in äußerster Kürze zu wiederholen.*) 

Als Schlafstörer und Traumbildner können die soge- 
nannten ,,Tagesreste' ; fungieren, affektbesetzte Denkvorgänge 
des Traumtages, welche der allgemeinen Schlaferniedrigung 
einigermaßen widerstanden haben. Diese Tagesreste deckt 
man auf, indem man den manifesten Traum auf die latenten 
Traumgedanken zurückführt; sie sind Stücke dieser letzteren, 
gehören also den — bewußt oder unbewußt gebliebenen — 
Tätigkeiten des Wachens an, die sich in die Zeit des Schla- 
fens fortsetzen mögen. Entsprechend der Mannigfaltigkeit 
der Denkvorgänge im Bewußten und Vorbewußten haben diese 



*) 3. Auflage, p. 367 u. ff. 



184 SCHRIFTEN ZUR KEUR08KNLEHKE. IV. 

Tagesreste die vielfachsten und verschiedenartigsten Bedeu- 
tungen, es können unerledigte Wünsch" oder Befürchtungen 
sein, ebenso Vorsätze, Überlegungen, Warnungen, Anpassungs- 
versuche an bevorstehende Aufgaben usw. Insofern muß ja 
die in Rede stehende Charakteristik der Träume nach ihrem 
durch Deutung erkannten Inhnli gerecht fertigt erscheinen. 
Aber diese Tagesreste sind noch nicht der Trau in, vielmehr 
fehlt ihnen das Wesentliche, was den Traum ausmacht. Sie 
sind für sich allein nicht im stände, einen Traum zu bilden. 
Streng genommen sind sie nur psychisches Material für die 
Traumarbeit, wie die zufällig vorhandenen Sinnes- und Leib- 
reize oder eingeführte experimentelle Bedingungen deren so- 
matisches Material bilden. Ihnen die Hauptrolle bei der 
Traumbildung zuschreiben, heißt nichts anderes als den vor- 
analytischen Irrtum an neuer Stelle wiederholen, Träume er- 
klärten sich durch den Nachweis eines verdorbenen Magens 
oder einer gedrückten Hautstelle. So zählebig sind wissen- 
schaftliche Irrtümer und so gern bereit, sich, wenn abge- 
wiesen, unter neuen Masken wieder einzuschleichen. 

Soweit wir den Sachverhalt durchschaut haben, müssen 
wir sagen, der wesentliche Faktor der Traum bildung ist ein 
unbewußter Wunsch, in der Kegel ein infantiler, jetzt ver- 
drängter, welcher sich in jenem somatischen oder psychischen 
Material (also auch in den Tagesresten) zum Ausdruck brin- 
gen kann und ihnen darum eine Kraft leiht, so daß sie auch 
während der nächtlichen Denkpause zum Bewußtsein durch- 
dringen können. Dieses unbewußten Wunsches Erfüllung 
ist jedesmal der Traum, mag er sonst was immer enthalten, 
Warnung, Überlegung, Geständnis und was sonst aus dem 
reichen Inhalt des vorbewußten Wachlebons unerledigt in 
die Nacht hineinragt. Dieser unbewußte Wunsch ist es, 



IX. EIN TRAUM ALS BEWEISMITTEL. 135 



welcher der Traumarbeit ihren eigentümlichen Charakter gibt 
als einer unbewußten Bearbeitung eines vorbewußten Ma- 
terials. Der Psychoanalytiker kann den Traum nur charak- 
terisieren als Ergebnis der Traumarbeit ; die latenten Traum- 
gedanken kann er nicht dem Traume zurechnen, sondern dem 
vorbewußten Nachdenken, wenngleich er diese Gedanken erst 
aus der Deutung des Traumes erfahren hat. (Die sekundäre 
Bearbeitung durch die bewußte Instanz ist hiebei der Traum- 
arbeit zugezählt; es wird an dieser Auffassung nichts ge- 
ändert, wenn man sie absondert. Man müßte dann sagen: 
der Traum im psychoanalytischen Sinne umfaßt die eigent- 
liche Traumarbeit und die sekundäre Bearbeitung ihres Er- 
gebnisses.) Der Schluß aus diesen Erwägungen lautet, daß 
man den Wunscherfüllungscharakter des Traumes nicht in 
einen Bang mit dessen Charakter als Warnung, Geständnis, 
Lösungsversuch usw. versetzen darf, ohne den Gesichtspunkt 
der psychischen Tiefendimension, also den Standpunkt der 
Psychoanalyse, zu verleugnen. 

Kehren wir nun zum Traume der Pflegerin zurück, um 
an ihm den Tiefencharakter der Wunscherfüllung nachzu- 
weisen. Wir sind darauf vorbereitet, daß seine Deutung durch 
die Dame keine vollständige ist. Es erübrigen die Partien 
des Trauminhaltes, denen sie nicht gerecht werden konnte. 
Sie leidet überdies an einer Zwangsneurose, welche nach 
meinen Eindrücken das Verständnis der Traumsymboie er- 
heblich erschwert, ähnlich wie die Dementia praecox es er- 
leichtert. 

Unsere Kenntnis der Traumsymbolik gestattet uns aber, 
ungedeutete Stellen dieses Traumes zu verstehen und hinter 
den bereits gedeuteten einen tieferen Sinn zu erraten. Es 
muß uns auffallen, daß einiges Material, welches die Pfle- 



1-, 



SCHRIFTEN ZUR WBUROSENLEHRE. IV. 



gerin verwendet, aus dem Komplex des Gebarens, Kinder- 
habcns kommt. Das große Wasser (der Rhein, der Kanal. 
in dem der Walfisch gesehen wurde) ist wohl das Wasser, 
aus dem die Kinder kommen. Sic kommt ja auch dahin „auf 
der Suche nach dem Kinde". Die Jonasmythe hinter der De* 
terminierung dieses Wassers, die Frage, wie Jonas (das 
Kind) durch die enge Spalto kommt, gehören demselben Zu- 
sammenhang an. Die Pflegerin, die sieh aus Kränkung in 
den Rhein gestürzt hat, ins Wasser gegangen ist, hat ja auch 
in ihrer Verzweiflung am Lehen eine sexualsvinbolische 
Tröstung an der Todesart gefunden. Der enge Steg, auf dem 
ihr die Erscheinung entgegentritt, ist sehr wahrscheinlich 
gleichfalls als ein (Jenitalsymbol zu deuten, wenngleich ich 
gestehen muß, daß dessen genauere Krkenntnis noch aussteht. 
Der Wunsch: ich will ein Kind haben, scheint also der 
Traumbildner aus dem Unbewußten zu sein, und kein an- 
derer scheint Ix-sser geeignet, die Pflegerin über die pein- 
liche Situation der Realität, zu trösten. „Man wird mich weg- 
schicken, ich werde mein Pflegekind verlieren. Was liegt 
daran? Ich werde mir dafür ein eigenes, leihliches ver- 
schaffen." Vielleicht gehört die angedeutete Stelle, daß sie 
alle Leute auf der Straße nach dem Kinde fragt, in diesem 
Zusammenhang; sie wäre dann zu übersetzen: und müßte Lob 
mich auf der Straße ausbieten, lob werde mir das Kind zu 
schaffen wissen. Bin bisher verdeekter Trotz der Träumerin 
wird hier plötzlich laut, und zu diesem paßt erst «las Ge- 
ständnis: „Also gut, ich habe die Augen zugemacht und 
meine Verläßlichkeit als Pflegerin kompromittiert, ich werde 
jetzt die Stelle verlieren. Werde ich so dumm sein, ins Wasser 
zu gehen wie die X? Nein, ich bleu«- überhaupt nicht Pfle- 
gerin, ich will heiraten, Weih sein, ein leibliches Kind haben) 



IX. EIN TRAUM ALS BEWEISMITTEL. 187 



daran lasse ich mich nicht hindern."' Diese Übersetzung recht- 
fertigt sich durch die Erwägung, daß „Kinderhaben" wohl 
der infantile Ausdruck des Wunsches nach dem Sexualverkehr 
ist, wie es auch vor dem Bewußtsein zum euphemistischen 
Ausdruck dieses anstößigen Wunsches gewählt werden kann. 
Das für die Träumerin nachteilige Geständnis, zu dem 
wohl im Wachleben eine gewisse Neigung vorhanden war, 
ist also im Traume ermöglicht worden, indem ein latenter 
Charakterzug der Pflegerin sich desselben zur Herstellung 
einer infantilen Wunscherfüllung bediente. Wir dürfen ver- 
muten, daß dieser Charakter in innigem Zusammenhang — 
zeitlichem wie inhaltlichem — mit dem Wunsche nach Kind 
und Sexualgenuß steht, 

Eine weitere Erkundigung bei der Dame, der ich das 
erste Stück dieser Traumdeutung danke, förderte folgende 
unerwartete Aufschlüsse über die Lebensschicksale der Pfle- 
gerin zu Tage. Sie wollte, ehe sie Pflegerin wurde, einen 
Mann heiraten, der sich eifrig um sie bemühte, verzichtete 
aber darauf infolge des Einspruches einer Tante, zu welcher 
sie in einem merkwürdigen, aus Abhängigkeit und Trotz ge- 
mischten Verhältnis steht. Diese Tante, die ihr das Heiraten 
versagte, ist selbst Oberin eines Krankenpflegerordens ; die 
Träumerin sah in ihr immer ihr Vorbild, sie ist durch Erb- 
rücksichten an sie gebunden, widersetzte sich ihr aber, in- 
dem sie nicht in den Orden eintrat, den ihr die Tante 'be- 
stimmt hatte. Der Trotz, der sich im Traume verraten, gilt 
also der Tante. Wir haben diesem Charakterzug analerotische 
Herkunft zugesprochen und nehmen hinzu, daß es Geldinter- 
essen sind, welche sie von der Tante abhängig machen, 
denken auch daran, daß das Kind die anale Geburtstheorie 
bevorzugt. 



188 



SCHKIKTKN VAU NKÜKOSKNLEIIKK. IV. 



Das Moment dieses Kindortrotzes wird uns vielleicht 
einen innigeren Zusammenhang zwischen den ersten und der 
letzten Szene des Traumes annehmen lassen. Dir ehemalige 
Verkäuferin von Eßwaren im Traume ist zunächst die andere 
Dienerin der Dame, die im Moment der Frage: llal.cn Sie 
mich gesehen? mit dem Nachtmahl ins Zimmer trat. Aber 
es scheint, daß sie überhaupt die Stelle der feindlichen Kon- 
kurrentin zu übernehmen bestimmt ist. Sie wird als Pflege- 
person herabgesetzt, indem sie sich für das vorlorene Kind 
gar nicht interessiert, sondern von ihren eigenen Angelegen- 
heiten Antwort gibt. Auf sie wird als.» die Gleichgültigkeit 
gegen das Pflegekind verschollen, zu der sich die Träumerin 
gewendet hat. Ihr wird die unglückliche Khe und Scheidung 
angedichtet, welche die Träumerin in ihren geheimsten Wün- 
schen selbst fürchten müßte. Wir wissen aber, daß es die 
Tante ist, welche die Träumerin von ihrem Vorlobten ge- 
schieden hat. So mag die „Verkäuferin von Eßwaren" (was 
einer infantilen syinlxdischcn Bedeutung nicht zu entbehren 

braucht) zur Repräsentantin der, übrigens nicht viel älteren. 

Tante-Oberin werden, welche bei unserer Träumerin die her- 
gebrachte Rolle der Muttcr-Kunkui Ten! in eingenommen hat. 
Eine gute Bestätigung dieser Deutung liegt in dein Umstand, 
daß der im Traume „bekannte" Ort, an dem sie die in Rede 
stehende Person vor ihrer Tür findet, der Ort ist. wo eben 
diese Tante als Oberin lebt. 

Infolge der Distanz, vrelohe den Analysierenden vom Ob- 
jekt der Analyse trennt, muß es ratsam werden, nicht weiter 
in das Gewebe dieses Traumes einzudringen. Man darf viel- 
leicht sagen, auch soweit er der Deutung zugänglich wurde, 
zeigte er sich reich an Bestätigungen wio an neuen Pro- 
blemen. 



X. 

AUS DEM INFANTILEN SEELENLEBEN.*) 

ZWEI KINDERLÜGEN. 

Es ist begreiflich, daß Kinder lügen, wenn sie damit 
die Lügen der Erwachsenen nachahmen. Aber eine Anzahl 
von Lügen von gut geratenen Kindern haben eine besondere 
Bedeutung und sollten die Erzieher nachdenklich machen 
anstatt sie zu erbittern. Sie erfolgen unter dem Einfluß 
überstarker Liebesmotive und werden verhängnisvoll, wenn 
sie ein Mißverständnis zwischen dem Kinde und der von 
ihm geliebten Person herbeiführen. 

T. 
Das siebenjährige Mädchen (im zweiten Schuljahr) hat 
vom Vater Geld verlangt, um Farben zum Bemalen von Oster- 
eiern zu kaufen. Der Vater hat es abgeschlagen mit der Be- 
gründung, er habe kein Geld. Kurz darauf verlangt es vom 
Vater Geld, um zu einem Kranz für die verstorbene Landes- 
fürstin beizusteuern. Jedes der Schulkinder soll 50 Pfennige 
bringen. Der Vater gibt ihr 10 Mark; sie bezahlt ihren Bei- 
trag, legt dem Vater 9 Mark auf den Schreibtisch und hat 
für die übrigen 50 Pfennige Farben gekauft, die sie im Spiel- 
schrank verbirgt. Bei Tisch fragt der Vater argwöhnisch, 



*) Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, I, 1913. 



190 



SCHRIFTEN ZUR NKl'HOSKNLEHHE. IV. 



was sie mit den fohlenden 50 Pfennig gemacht, und ob sie 
dafür nicht doch Farben gekauft hat. Sie leugnet es, aber 
der um zwei Jahre ältere Bruder, mit dem gemeinsam sie 
die Eier bemalen wollte, verrat sie; die Farben werden im 
Schrank gefunden. Der erzürnte Vater überlaßt die Misse- 
täterin der Mutter zur Züchtigung, die sehr energisch aus- 
fällt. Die Mutter ist nachher selbst erschüttert, als sie merkt, 
wie sehr das Kind verzweifelt ist. Sie liehkost es nach der 
Züchtigung, geht mit ihm spazieren, um es zu trösten. Aber 
die Wirkungen dieses Erlebnisses, von der Patientin selbst 
als „Wendepunkt" ihrer Jugend bezeielmet, erweisen sich als 
unaufhebbar. Sie war bis dahin ein wildes, zuversichtliches 
Kind, sie wird von da an scheu und zaghaft. In ihrer Braut- 
zeit gerät sie in eine ihr selbst unverständliche Wut, als 
die Mutter ihr die Möbel und Aussteuer l>csorgt. Ks schwebt 
ihr vor, es ist doch ihr Geld, dafür darf kein anderer etwas 
kaufen. Als junge Frau scheut sie sich, von ihrem Manne 
Ausgaben für ihren persönlichen Bedarf zu verlangen und 
scheidet in überflüssig«. r Weis,, „ih,-- Geld von seinem Geld. 
Während der Zeit der Behandlung trifft os sich einige Male, 
daß die Geldzusendungen ihns Mannes sieh verspaten, so 
daß sie in der fremden Stadt mittellos bleibt. Nachdem sie 
mir dies einmal erzählt hat, will i< h ihr das Versprechen 
abnehmen, in der Wiederholung dieser Situation die kleine 
Summe, die sie unterdes braucht, von mir tu entlehnen. Sie 
gibt dieses Versprechen, hält es aber bei der nächsten Geld- 
verlegenheit, nicht ein und zieht os vor, ihre Schmuckstücke 
zu verpfänden. Sie erklärt, sie kann kein Geld von mir 
nehmen. 

Die Aneignung der . r >0 Pfennige in der Kindheit hatte 
eine Bedeutung, die der Vater nicht, ahnen konnte. Einige 



X. AUS DEM INFANTILEN SEELENLEBEN. \Q\ 

Zeit vor der Schule hatte sie ein merkwürdiges Stückchen 
mit Geld aufgeführt. Eine befreundete Nachbarin hatte sie 
mit einem kleinen Geldbetrag als Begleiterin ihres noch jün- 
geren Söhnchens in einen Laden geschickt, um irgend etwas 
einzukaufen. Den Rest des Geldes nach dem Einkaufe trug 
sie als die ältere nach Hause. Als sie aber auf der Straße 
dem Dienstmädchen der Nachbarin begegnete, warf sie das 
Geld auf das Straßenpflaster hin. Zur Analyse dieser ihr 
selbst unerklärlichen Handlung fiel ihr Judas ein, der die 
Silberlinge hinwarf, die er für den Verrat am Herrn bekom- 
men. Sie erklärt es für sicher, daß sie mit der Passions- 
geschichte schon vor dem Schulbesuch bekannt wurde. Aber 
inwiefern durfte sie sich mit Judas identifizieren? 

Im Alter von 3V 2 Jahren hatte sie ein Kindermädchen, 
dem sie sich sehr innig anschloß. Dieses Mädchen geriet 
in erotische Beziehungen zu einem Arzt, dessen Ordination 
sie mit dem Kinde besuchte. Es scheint, daß das Kind da- 
mals Zeuge verschiedener sexueller Vorgänge wurde. Ob sie 
sah, daß der Arzt dem Mädchen Geld gab, ist nicht sicher- 
gestellt; unzweifelhaft aber, daß das Mädchen dem Kinde 
kleine Münzen schenkte, um sich seiner Verschwiegenheit zu 
versichern, für welche auf dem Heimwege Einkäufe (wohl 
an Süßigkeiten) gemacht wurden. Es ist auch möglich, daß 
der Arzt selbst dem Kinde gelegentlich Geld schenkte. Den- 
noch verriet das Kind sein Mädchen an die Mutter, aus Eifer- 
sucht. Es spielte so auffällig mit den heimgebrachten Gro- 
schen, daß die Mutter fragen mußte: Woher hast du das 
Geld? Das Mädchen wurde weggeschickt. 

Geld von jemandem nehmen, hatte also für sie früh- 
zeitig die Bedeutung der körperlichen Hingebung, der Liebes- 
beziehung, bekommen. Vom Vater Geld nehmen, hatte den 



11t- 



SCHKIKTKN ZI K N KU KOSEN LKI1KE. IV. 



Wert einer Liebeserklärung. Die l'hantn.sie, daß der Vater 
ihr Geliebter sei, war so verführerisch, daß der Kinderwunsch 
nach den Farben für die ()sfeivii-r sich mit ihrer Hilfe gegen 
das Verbot leicht durchsetzte. Eingestehen konnte sie aber 
die Aneignung des Geldes nicht, sie mußte leugnen, weil 
das Motiv der Tat, ihr seihst unbewußt, nicht einzugestehen 
war. Die Züchtigung des Vaters war also eine Abweisung 
der ihm angebotenen Zärtlichkeit, eine Vcrschmähung, und 
brach darum ihren Mut. In der Behandhing brach ein 
schwerer Wrst immungszustand los, dessen Auflösung zu der 
Erinnerung des hier Mitgeteilten führte, als loh einmal ge- 
nötigt war die Vcrschmähung zu kopieren, indem ich sie 
bat, keine Blumen mehr zu bringen. 

Für den Psychoanalytiker bedarf es kaum der Hervor- 
hebung, daß in dem kleinen Erlebnis des Kindes einer jene* 
so Überaus häufigen Fälle von Fortsetzung der früheren 
Analerotik in das spätere Lfobttlebcn vorliegt. Auch die 
Lust, die Eier farbig zu bemalen, entstammt derselben Quelle. 



II. 
Eine heute infolge einer Versagung im Leben schwer- 
kranke Frau war früher einmal ein besonders tüchtiges, wahr- 
heitsliebendes, ernsthaftes und gutes Mädchen gewesen und 
dann eine zärtliche Frau geworden. Noch früher aber, in 
den ersten Lebensjahren, war sie ein eigensinniges und un- 
zufriedenes Kind gewesen, und während sie sich ziemlich 
rasch zur Übergütc und Übcrgewissenha.ftigkeit wandelte, er- 
eigneten sich noch in ihrer Schulzeit. Dinge, die ihr in den 
Zeiten der Krankheit schwere Vorwürfe einbrachten und von 
ihr als Beweise gründlicher Verworfenheit beurteilt wurden. 
Ihre Erinnerung sagte ihr, daß sie damals oft geprahlt, und 



X. AUS DEM INFANTILEN SEELENLEBEN. 193 



gelogen hatte. Einmal rühmte sich auf dem Schulweg eine 
Kollegin: Gestern haben wir zu Mittag Eis gehabt. Sie er- 
widerte: Oh, Eis haben wir alle Tage. In Wirklichkeit ver- 
stand sie nicht, was Eis zur Mittagsmahlzeit bedeuten sollte; 
sie kannte das Eis nur in den langen Blöcken, wie es auf 
Wagen verführt wird, aber sie nahm an, es müsse etwas Vor- 
nehmes damit gemeint sein, und darum wollte aie hinter 
der Kollegin nicht zurückbleiben. 

Als sie zehn Jahre alt war, wurde in der Zeichenstunde 
einmal die Aufgabe gegeben, aus freier Hand einen Kreis 
zu ziehen. Sie bediente sich dabei aber des Zirkels, brachte 
so leicht einen vollkommenen Kreis zu stände und zeigte 
ihre Leistung triumphierend ihrer Nachbarin. Der Lehrer 
kam hinzu, hörte die Prahlerin, entdeckte die Zirkelspuren 
in der Kreislinie und stellte das Mädchen zur Rede. Dieses 
aber leugnete hartnäckig, ließ sich durch keine Beweise über- 
führen und half sich durch trotziges Verstummen. Der Lehrer 
konferierte darüber mit dem Vater; beide ließen sich durch 
die sonstige Bravheit des Mädchens bestimmen, dem Ver- 
gehen keine weitere Folge zu geben. 

Beide Lügen des Kindes waren durch den nämlichen 
Komplex motiviert. Als älteste von fünf Geschwistern ent- 
wickelte die Kleine frühzeitig eine ungewöhnlich intensive 
Anhänglichkeit an den Vater, an welcher dann in reifen 
Jahren ihr Lebensglück scheitern sollte. Sie mußte aber bald 
die Entdeckung machen, daß dem geliebten Vater nicht die 
Größe zukomme, die sie ihm zuzuschreiben bereit war. Er 
hatte mit Geldschwierigkeiten zu kämpfen, er war nicht so 
mächtig oder so vornehm, wie sie gemeint hatte. Diesen Ab- 
zug von ihrem Ideal konnte sie sich aber nicht gefallen lassen. 
Indem sie nach Art des Weibes ihren ganzen Ehrgeiz auf 

13 

Freud, Keuroscnlehrc. IV. 



194 SCHRIFTEN ZUR NEUR08KNLE1IRE. IV. 

den geliebton Mann verlegte, wurde es zum überstarken Motiv 
für sie, den Vater gegen die Welt zu stützen. Sie prahlte 
also vor den Kolleginnen, um den Vater nicht verkleinern 
zu müssen. Als sie sp&tei das Bis beim Mittagessen mit 
„Glace" übersetzen Kernte, war der Weg gebahnt, auf welchem 
dann der Vorwurf wegen dieser Reminiszenz, in eine Angst 
vor Glasscherben und Splittern einmünden konnte. 

Der Vater war ein vorzüglicher Zeichner und hatte durch 
die Proben seines Talents oft genug das Entzücken und die 
!>' wunderung der Kinder hervorgerufen. In der Identifizie- 
rung mit dem Vater zeichnete sie in der Schule jenen Kreis, 
der ihr nur durch betrügerische Mittel gelingen konnte. Bl 
war, als ob sie sieh rühmen wollte: Schau her, was mein 
Vater kann! Das Schuldbewußtsein, das der überstarken Nei- 
gung zum Vater anhaftet«., fand in dem versuchten Hot rüg 
seinen Ausdruck; ein Geständnis war aus demselben Grunde 
unmöglich wie in der vorstehenden Ueol. .ich hing, es hätte 
das Geständnis der verborgenen Inzestuösen Liebe sein müsseu. 

Man möge nicht gering denken von solchen Episoden des 
Kinderlebcns. Es wäre eine arge Verfehlung, wenn man aus 
solchen kindlichen Vergehen die Prognose auf Entwicklung 
eines unmoralischen Charakters stellen würde. Wohl aber 
hängen sie mit den stärksten Motiven der kindlichen Seele 
zusammen und künden die Dispositionen zu späteren Schick- 
salen oder künftigen Neurosen an. 









XL 

MYTHOLOGISCHE PARALLELE ZU EINER 
PLASTISCHEN ZWANGSVORSTELLUNG. •> 

Bei einem etwa 21jährigen Kranken werden die Produkte 
der unbewußten Geistesarbeit nicht nur als Zwangsgedanken, 
sondern auch als Zwangsbilder bewußt. Die beiden können 
einander begleiten oder unabhängig voneinander auftreten. 
Zu einer gewissen Zeit traten bei ihm innig verknüpft ein 
Zwangs wort und ein Zwangsbild auf, wenn er seinen Vater 
ins Zimmer kommen sali. Das Wort lautete: „Vaterarsch", 
das begleitende Bild stellte den Vater als einen nackten, mit 
Armen und Beinen versehenen Unterkörper dar, dem Kopf 
und Oberkörper fehlten. Die Genitalien waren nicht ange- 
zeigt, die Gesichtszüge auf dem Bauch aufgemalt. 

Zur Erläuterung dieser mehr als gewöhnlich tollen 
Symptombildung ist zu bemerken, daß der intellektuell voll- 
entwickelte und ethisch hochstrebende Mann bis über sein 
zehntes Jahr eine sehr lebhafte Analcrotik in den verschie- 
densten Formen betätigt hatte. Nachdem sie überwunden 
war, wurde sein Sexualleben durch den späteren Kampf gegen 
die Genitalerotik auf die anale Vorstufe zurückgedrängt. 
Seinen Vater liebte und respektierte er sehr, fürchtete ihn 
auch nicht wenig; vom Standpunkte seiner hohen Ansprüche 

*) Intern. Zeitschr. für äxztl. Psychoanalyse, IV, 1916. 

13* 



196 8CHRIFTF-X ZUR NEUROSEN LEHRE. IV. 




an Triebunterdrückung und Askese erschien ihm der "Vater 
aber als der Vertreter der „Völlerei", der aufs Materielle ge- 
richteten Genußsucht. 

„Vatcrarsch" erklärte sich bald alfl mutwillige Ver- 
deutschung de? Ehrentitels „Patriarch". Das Zwangsbikl ist. 
eine offenkundige Karikatur. Es erinnert an andere Dar- 
stellungen, die in herabsetzender Absicht die ganze Person 
durch ein einziges Organ, z. B. ihr Genitale ersetzen, an un- 
bewußte Phantasien, welche zur Identifizierung des Genitales 
mit dem ganzen Menschen führen, und an scherzhafte Redens- 
arten, -wie: „Ich bin ganz Ohr." 

Die Anbringung der Gesicht -sauge auf dem Bauehe der 
Spottfigur erschien mir zunächst sehr sonderbar. Ich er- 
innerte mich aber bald, ähnliches an frnnzüsisehen Karikaturen 
gesehen zu halxm. (Vgl.: Das unanständige Albion, Karikatur 
von Jean Vcber aus dem Jahre 1901 auf England in E. 
Fuchs. Das Erotische Element in der Karikatur 11)01.) Der 
Zufall hat mich dann mit einer antiken Darstellung bekannt 
gemacht, die volle Übereinstimmung mit dem Zwangsbild 
meines Patienten zeigt. 

Nach der griechischen Sage war Demeter auf der Suche 
nach ihrer geraubten Tochter nach Eleusis gekommen, fand 
Aufnahme bei Dysaulcs und seiner Frau Uaubo, verweigerte 
aber in ihrer tiefen Trauer, Speise und Trank zu berühren. 
Da brachte sie die Wirtin Baubo zum Lachen, indem sie 
plötzlich ihr Kleid aufhob und ihren Leib enthüllte. Die 
Diskussion dieser Anekdote, die wahrscheinlich ein nicht 
mehr verstandenes magisches Zeremoniell erklären soll, findet 
sich im vierten Bande des Werkes „Cultes Mythes et Rcli- 
gions", 1912, von Salomon Reinach. Bbendort wird auch 
erwähnt, daß sieh bei den Ausgrabungen des klcinasiatischen 



XI. MYTHOL. PARALLELE ZU EINER PLAST. ZWANGSVORSTELLUNG. 197 

Priene Terrakotten gefunden haben, welche diese Baubo dar- 
stellen. Sie zeigen einen Frauenleib ohne Kopf und Brust, 
auf dessen Bauch ein Gesicht gebildet ist; der aufgehobene 
Rock umrahmt dieses Gesicht wie eine Haarkrone. (S. Rei- 
nach, 1 c. p. 117.) 




xn. 

EINE BEZIEHUNG ZWISCHEN I'.INKM SYMBOL 
UND EINEM SYMPTOM.*) 

Der Hut als Symbol des Genitales, vorwiegend des männ- 
lichen, ist durch die Erfahrung der Traumanalysen hin- 
reichend sichergestellt. Man kann ober nioht behaupten, daß 
dieses Symbol zu den Ix-grciflirlim gehör! . In Phantasien 
wie in mannigfachen Symptomen erscheint auch der Kopf 
als Symbol des männlichen Genitales, oder wenn man -will, 
als Vertretung desselben. Mancher Analytiker wird bemerkt 
haben, daß seine zwangsleidenden Patienten ein MaO von 
Abscheu und Entrüstung gegen dio Strafe des Köpfen« äußern 
wie weitaus gegen keine andere Todesart, und wird sich ver- 
anlaßt gesehen haben, ihnen zu erklären, daß sie das (Jeköpft- 
werden wie einen Ersatz des Kastriert werden* behandeln. 
Wiederholt sind Träume Jugendlicher Personen oder aus 
jungen Jahren analysiert und auch mitgoteilt worden, die 
das Thema der Kastration betrafen, und in denen von einer 
Kugel die Rede war, welche man als den Kopf des Vaters 
deuten mußte. loh habe kürzlich ein Zeremoniell vor dem 
Einschlafen auflösen können, in dorn es vorgeschrieben war, 
daß das kleine Kopfpolster rautenförmig auf den anderen 
Polstern liegen und der Kopf der Schlafenden genau im 
langen Durchmesser >\rv Raute ruhen sollte. Die Raute hatte 

*) Intern. Zatttohr, An Int] 1'vrlMiaimly.M-, J \\ l'.'lii 



XII. BEZIEHUNG ZWISCHEN EINEM SYMBOL U. EINEM SYMPTOM, igg 

die bekannte, aus Mauerzeichnungen vertraute Bedeutung, 
der Kopf sollte ein männliches Glied darstellen. 

Es könnte nun sein, daß die Symbolbedeutung des Hu (es 
sich aus der des Kopfes ableitet, insofern der Hut als ein 
fortgesetzter, aber abnehmbarer Kopf betrachtet werden kann. 
In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich eines Symptoms 
der Zwangsneurotiker, aus dem sich diese Kranken eine hart- 
näckige Quälerei zu bereiten wissen. Sie lauern auf der Straße 
unausgesetzt darauf, ob sie ein Bekannter zuerst durch Hut- 
abnehmen gegrüßt hat, oder ob er auf ihren Gruß zu warten 
scheint, und verzichten auf eine Anzahl von Beziehungen, 
indem sie die Entdeckung machen, daß der Betreffende sie 
nicht mehr grüßt oder ihren Gruß nicht ordentlich erwidert. 
Sie finden solcher Grußschwierigkeiten, die sie nach Stim- 
mung und Belieben aufgreifen, kein Ende. Es ändert an die- 
sem Verhalten auch nichts, wenn man ihnen vorhält, was 
sie ohnedies alle wissen, daß der Gruß durch Hutabnehmen 
eine Erniedrigung vor dem Begrüßten bedeutet, daß ein 
Grande von Spanien z. B. das Vorrecht genoß, in Gegenwart 
des Königs bedeckten Hauptes zu bleiben, und daß ihre Gruß- 
empfindlichkeit also den Sinn hat, sich nicht geringer dar- 
zustellen, als der andere sich dünkt. Die Resistenz ihrer 
Empfindlichkeit gegen solche Aufklärung läßt die Vermutung 
zu, daß man die Wirkung eines dem Bewußtsein weniger 
gut bekannten Motivs vor sich hat, und die Quelle dieser 
Verstärkung könnte leicht in der Beziehung zum Kastrations- 
komplex gefunden werden. 



XIII. 



BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. 






I. 

ÜBER EINEN BESONDEREN TYPUS 
DER OBJEKTWAHL REIM MANNE.*) 

Wir haben es bisher den Dichtern überlassen, uns zu 
schildern, nach welch« n „Liebesbedingungen 4 ' die Menschen 
ihre Objektwahl treffen, und wie sie die Anforderungen ihrer 
rhantasic mit der Wirklichkeit in Einklang bringen. Die 
Dichter verfügen auch über manche Eigenschaften, welche 
sie zur Lösung einer solchen Aufgalx«. befähigen, vor allem 
über die Feinfühligkeit für dio Wahrnehmung verborgener 
Seelenregungen bei anderen und den Mut, ihr eigenes Un- 
bewußtes laut werden zu lassen. Aber der Erkenntniswert 
ihrer Mitteilungen wird durch einen Umstand hcral>gcsetzt. 
Die Dichter sind an die Bedingung gebunden, intellektuelle 
und ästhetische Lust sowie bestimmte Gefühlswirkungen ro 
erzielen, und darum können sie den Stoff der Realität nicht 
unverändert darstellen, sondern müssen Teilstücke desselben 
isolieren, störende Zusammenhänge auflösen, das Ganze mil- 
dern und Fehlendes ersetzen. Es sind dies Vorrechte der 
sogenannten „poetischen Freiheit". Auch können sie nur wenig 

*) Jahrbuch für psvchoanalv tisch© und pgyohopatbologUob« For- 
schungen, Bd. II, 1010. 





X1IL BEITRAGE ZUK PSYCHOLOGIE DES LTEBESLEBENS. I. 201 

Interesse für die Herkunft und Entwicklung solcher seeli- 
scher Zustände äußern, die sie als fertige beschreiben. So- 
mit wird es doch unvermeidlich, daß die Wissenschaft mit 
plumperen Händen und zu geringerem Lustgewinne sich mit 
denselben Materien beschäftige, an deren dichterischer Be- 
arbeitung sich die Menschen seit Tausenden von Jahren er- 
freuen. Diese Bemerkungen mögen zur Rechtfertigung einer 
streng wissenschaftlichen Bearbeitung auch des menschlichen 
Liebeslebens dienen. Die Wissenschaft ist eben die voll- 
kommenste Lossagung vom Lustprinzip, die unserer psychi- 
schen Arbeit möglich ist. 



Während der psychoanalytischen Behandlungen hat man 
reichliche Gelegenheit, sich Eindrücke aus dem Liebesleben 
der Keurotikcr zu holen, und kann sich dabei erinnern, daß 
man ähnliches Verhalten auch bei durchschnittlich Gesunden 
oder selbst bei hervorragenden Menschen beobachtet oder 
erfahren hat. Durch Häufung der Eindrücke infolge zu- 
fälliger Gunst des Materials treten dann einzelne Typen deut- 
licher hervor. Einen solchen Typus der männlichen Objekt- 
wahl will ich hier zuerst beschreiben, weil er sich durch 
eine Reihe von „Liebesbedingungen" auszeichnet, deren Zu- 
sammentreffen nicht verständlich, ja eigentlich befremdend 
ist, und weil er eine einfache psychoanalytische Aufklärung 
zuläßt. 

1. Die erste dieser Liebesbedingungen ist als geradezu 
spezifisch zu bezeichnen; sobald man sie vorfindet, darf man 
nach dem Vorhandensein der anderen Charaktere dieses Typus 
suchen. Man kann sie die Bedingung des „Geschädigten 
Dritten" nennen; ihr Inhalt geht dahin, daß der Betreffende 



2(Y2 



8CHRIKTEN Z1IK NF.riMWKNI.KUKE. IV. 



niemals ein Weib zum Liebesobjekt wählt, welches noch frei 
ist, also ein Mädchen oder eine alleinstehende Frau, son- 
dern nur ein solches Weih, auf das ein anderer Mann als 
Ehegatte, Verlobter, Freund Bigentumsreehte geltend inaehen 
kann. Diese Bedingung zeigt sich in manchen Fällen so un- 
erbittlich, daß dasselbe Weib zuerst iiU'rsohen oder selbst 
verschmäht werden kann, solange- es niemandem angehört, 
während es sofort Gegen band dei Verliebtheit wird, sobald 
es in eine der genannten Beziehungen zu einem anderen 
Manne tritt. 

2. Die zweite Bedingung ist vielleicht minder konstant, 
aber nicht weniger auffällig. Der Typus wird erst durch ihr 
Zusammentreffen mit der ersten erfüllt, während die erste 
auch für sich allein in großer Häufigkeit, vorzukommen 
scheint. Diese zweite Bedingung besagt, daß das keusche 
und unverdächtige Weib niemals den Reiz ausübt, der es 
zum Liebesobjekt erhebt, sondern nur das Irgendwie sexuell 
anrüchige, an dessen Treue und Verläßlichkeit ein Zweifel 
gestattet ist. Dieser letztere Charakter mag in einer bedeu- 
tungsvollen Reihe variieren, von dem leisen Sehnt ten auf 
dem Ruf einer dem Flirt nicht abgeneigten Ehefrau bis zur 
offenkundig polygamen Lebensführung einer Kokotte oder 
Liebeskünstlerin, aber auf irgend etwas dieser Ali wird von 
den zu unserem Typus Gehörigen nicht verrichtet. Man mag 
diese Bedingung mit etwas Vergröberung die der ..Dirnen- 
liebe" heißen. 

Wie die erste Bedingung Anlaß zur Befriedigung von 
agonalcn, feindseligen Hegungen gegen den Mann gibt, dem 
man das geliebte Weib entreißt, so steht die /.weile Bedin- 
gung, die der Dirnenhal'tigkeil de» Weibe;, in Beziehung zur 
Betätigung der Eifersucht, diu für lachende dieses Typus 






X11I. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. I. 203 

ein. Bedürfnis zu sein scheint. Erst, wenn sie eifersüchtig 
sein können, erreicht die Leidenschaft ihre Höhe, gewinnt 
das Weib seinen vollen Wert, und sie versäumen nie, sich 
eines Anlasses zu bemächtigen, der ihnen das Erleben dieser 
stärksten Empfindungen gestattet. Merkwürdigerweise ist 
es nicht der rechtmäßige Besitzer der Geliebten, gegen den 
sich diese Eifersucht richtet, sondern die neu auftauchenden 
Fremden, mit denen man die Geliebte in Verdacht bringen 
kann. In grellen Fällen zeigt der Liebende keinen Wunsch, 
das Weib für sich allein zu besitzen, und scheint sich in 
dem dreieckigen Verhältnis durchaus wohl zu fühlen. Einer 
meiner Patienten, der unter den Seitensprüngen seiner Dame 
entsetzlich gelitten hatte, hatte doch gegen ihre Verheiratung 
nichts einzuwenden, sondern förderte diese mit allen Mitteln; 
gegen den Mann zeigte er dann durch Jahre niemals eine 
Spur von Eifersucht. Ein anderer typischer Fall war in 
seinen ersten Liebesbeziehungen allerdings sehr eifersüchtig 
gegen den Ehegatten gewesen und hatte die Dame genötigt, 
den ehelichen Verkehr mit diesem einzustellen; in seinen 
zahlreichen späteren Verhältnissen benahm er sich aber wie 
die anderen und faßte den legitimen Mann nicht mehr als 
Störung auf. 

Die folgenden Punkte schildern nicht mehr die vom 
Liebesobjekt geforderten Bedingungen, sondern das Verhalten 
des Liebenden gegen das Objekt seiner Wahl. 

3. Im normalen Liebesleben wird der Wert des Weibes 
durch seine sexuelle Integrität bestimmt und durch die An- 
näherung an den Charakter der Dirnenhaftigkeit herabgesetzt. 
Es erscheint daher als eine auffällige Abweichung vom Nor- 
malen, daß von den Liebenden unseres Typus die mit diesem 
Charakter behafteten Frauen als höchstwertige Liebes- 



20-1 



iCHICiri'Ktt ZUR NBUKOSKNl.KIIKB. IV. 



Objekte behandelt werden. Die Liebesbeziehungen zu diesen 
Frauen werden mit dem höchsten psychisohen Aufwand bis 

zur Aufzehrung aller amlereii Interessen betrieben; sie sind 
die einzigen lVrs..nni, die man lielwn kann, und die Selbst- 
anforderung der Trenn wird jedesmal wieder erhoben, so oft 
sie auch in der Wirklichkeit. durchbrochen werden mag. In 
diesen Zügen der beschriebenen Liebesbeziehungen prägt 
sich überdeutlich der zwanghafte Charakter aus, welcher 
ja in gewissem Grade jedem Falle von Verliebtheit eignet. 
Man darf ab ff ans der Treuo und [ntensit&t der Bindung 
nicht die Erwartung ableiten, daß ein einziges solches Liebes- 
verhältnis das Liebeslcbcn der Betreffenden ausfülle oder 
sich nur einmal innerhalb desselben abspiele. Vielmehr wie- 
derholen sich Leidensehaften dieser Art mit den gleichen 
Eigentümlichkeiten — die eine das genaue Abbild der pu- 
deren — mehrmals im Lehen der diesem Typus Angehörigen, 
ja die Liebesobjekte können naeh äußeren Bedingungen, /.. B. 
Wechsel von Aufenthalt und Umgehung, einander so häufig 
ersetzen, daß es zur Bildung einer laugen Reihe 
kommt. 

4. Am überraschendsten wirkt auf den Ueubachtcr die 
bei den Liebenden dieses Typus sich äußernde Tendenz, die 
Geliebte zu „retten". Der Mann ist überzeugt, daß die Ge- 
liebte seiner bedarf, daß sie ohne ihn jeden sittlichen Halt 
verlieren und rasch auf ein bedauernswertes Niveau herab- 
sinken würde. Er rettot sie also, indem er nicht von ihr 
läßt. Die Rettungsahsicht kann sich in einzelnen Fällen 
durch die Berufung auf die sexuelle Unverläßliehkeit und 
die sozial gefährdete Position der Geliebten rechtfertig«!); 
sie tritt aber nicht minder deutlieh hei vor, WO solche An- 
lehnungen an die Wirklichkeit fahlen, lauer der zum be- 



XIII. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. I. 205 

schriebenen Typus gehörigen Männer, der seine Damen durch 
kunstvolle Verführung und spitzfindige Dialektik zu ge- 
winnen verstand, scheute dann im Liebesverhältnis keine An- 
strengung, um die jeweilige Geliebte durch sclbstverfaßte 
Traktate auf dem Wege der „Tugend" zu erhalten. 

Überblickt man die einzelnen Züge des hier geschilderten 
Bildes, die Bedingungen der Unfreiheit und der Dirnenhaf tig- 
keit der Geliebten, die hohe Wertung derselben, das Bedürfnis 
nach Eifersucht, die Treue, die sich doch mit der Auflösung 
in eine lange Eeihe verträgt, und die Rettungsabsicht., so 
wird man eine Ableitung derselben aus einer einzigen Quelle 
für wenig wahrscheinlich halten. Und doch ergibt sich eine 
solche leicht bei psychoanalytischer Vertiefung in die Lebens- 
geschichte der in Betracht kommenden Personen. Diese eigen- 
tümlich bestimmte Objektwahl und das so sonderbare Liebcs- 
verhalten haben dieselbe psychische Abkunft wie im Liebes- 
lcben des Normalen, sie entspringen aus der infantilen Fixie- 
rung der Zärtlichkeit an die Mutter und stellen einen der 
Ausgänge dieser Fixierung dar. Im normalen Liebesleben er- 
übrigen nur wenige Züge, welche das mütterliche Vorbild 
der Objektwahl unverkennbar verraten, so z. B. die Vorliebe 
junger Männer für gereiftere Frauen ; die Ablösung der Libido 
von der Mutter hat sich verhältnismäßig rasch vollzogen. 
Bei unserem Typus hingegen hat die Libido auch nach dem 
Eintritt der Pubertät so lange bei der Mutter verweilt, da.ß 
den später gewählten Liebesobjekten die mütterlichen Cha- 
raktere eingeprägt bleiben, daß diese alle zu leicht kennt- 
lichen Muttersurrogaten werden. Es drängt sich hier der Ver- 
gleich mit der Schädeldeformation des Neugeborenen auf; 
nach protrahierter Geburt muß der Schädel des Kindes den 
Ausguß der mütterlichen Beckenenge darstellen. 



2or, 



SCnRIFTEN ZUR NEUROflENLKTIItE. IV. 



Es obliegt uns nun wahrscheinlich zu machen, daß die 
charakteristischen Züge unseres Typus, I.iel>csl>edingungen 
wie Liebesverhalten, wirklich der müt terlichen Konstellati >n 

entspringen. Am leichtesten dürfte dies für die orste Bedin- 
gung, die der Unfreiheit, des Weibes oder des geschädigten 
Dritten, gelingen. Man sieht ohne weiteres ein, daß l>ei dem 
in der Familie aufwachsenden Kinde die Tatsache, daß die 
Mutter dem Vater gehört, zum unabtrennbaren Stück des 
mütterlichen Wesens wird, und daß kein anderer als der 
Vater selbst der geschädigte Dritte ist. (Ebenso ungezwungen 
fügt sich der überschätzende Zug, daß die Geliebto die Ein- 
zige, Unersetzliche ist, in den infantilen Zusammenhang ein, 
denn niemand besitzt mehr als eine Mutter, und die Be- 
ziehung zu ihr ruht auf dem Fundament eines jedem Zweifel 
entzogenen und nicht zu wiederholenden Ereignisses, 

Wenn die Licbesobjekie bei unserem Typus vor allem 
Muttersurrogate sein sollen, so wird auch die Keihenbildung 
verständlich, welche der Bedingung der Treue so direkt zu 
widersprechen scheint. Die Psychoanalyse belehrt uns auch 
durch andere Beispiele, daß das im Unlxnvußtcn wirksame 
Unersetzliche sich häufig durch die Auflösung iu eine un- 
endliche Reihe kundgibt, unendlich darum, weil jede» Sur- 
rogat doch die erstrebte Befriedigung vermissen läßt. So 
erklärt sich die unstillbare Fragelust der Kinder in gewissem 
Alter daraus, daß sie eine ein/ige Frage zu stellen haben, 
die sie nicht über ihre Lippen bringen, die (üschwätzigkeit 
mancher neurotisch geschädigter Personen aus dem Drucke 
eines Geheimnisses, da.s zur Mitteilung drängt, und dn.s sie 
aller Versuchung zum Trotze doch nicht verraten. 

Dagegen scheint, die zweite I aebcslx-dniguiig, die der 
Dirnenhaftigkeit des gewählten Objektes, einer Ableitung aus 



XIII. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. I. 207 



dem Mutterkomplex energisch zu widerstreben. Dem bewußten 
Denken des Erwachsenen erscheint die Mutter gern als Per- 
sönlichkeit von unantastbarer sittlicher Reinheit, und wenig 
anderes wirkt, wenn es von außen kommt, so beleidigend, 
oder wird, wenn es von innen aufsteigt, so peinigend empfun- 
den wie ein Zweifel an diesem Charakter der Mutter. Gerade 
dieses Verhältnis von schcärfstem Gegensatze zwischen der 
„Mutter" und der „Dirne" wird uns aber anregen, die Ent- 
wicklungsgeschichte und das unbewußte Verhältnis dieser 
beiden Komplexe zu erforschen, wenn wir längst erfahren 
haben, daß im Unbewußten häufig in Eines zusammenfällt, 
was im Bewußtsein in zwei Gegensätze gespalten vorliegt. 
Die Untersuchung führt uns dann in die Lebenszeit zurück, 
in welcher der Knabe zuerst eine vollständigere Kenntnis von 
den sexuellen Beziehungen zwischen den Erwachsenen ge- 
winnt, etwa in die Jahre der Vorpubertät. Brutale Mittei- 
lungen von unverhüllt herabsetzender und aufrührerischer 
Tendenz machen ihn da mit dem Geheimnis des Geschlechts- 
lebens bekannt, zerstören die Autorität der Erwachsenen, die 
sich als unvereinbar mit der Enthüllung ihrer Sexual- 
betätigung erweist. Was in diesen Eröffnungen den stärksten 
Einfluß auf den Neueingeweihten nimmt, das ist deren Be- 
ziehung zu den eigenen Eltern. Dieselbe wird oft direkt von 
dem Hörer abgelehnt, etwa mit den Worten : Es ist möglich, 
daß deine Eltern und andere Leute so etwas miteinander 
tun, aber von meinen Eltern ist es ganz unmöglich. 

' Als selten fehlendes Korollar zur „sexuellen Aufklärung" 
gewinnt der Knabe auch gleichzeitig die Kenntnis von der 
Existenz gewisser Frauen, die den geschlechtlichen Akt er- 
werbsmäßig ausüben und darum allgemein verachtet werden. 
Ihm selbst muß diese Verachtung ferne sein; er bringt für 



208 



SCHRIFTEN ZUK NEUR08ENLEHRK. IV. 



diese Unglücklichen nur eine Misohung von Sehnsucht und 
Grausen auf, sobald er weiß, daß auch er von ihnen in das 
Geschlechtsleben eingeführt worden kann, welches ihm bis- 
her als der ausschließliche Vorbehalt der „Großen" galt. Wenn 
er dann den Zweifel nicht mehr festhalten kann, der für 
seine Eltern eine Ausnahme von den häßlichen Normen der 
Geschlechtsb-tätigung fordert, so sagt er sich mit zynischer 
Korrektheit, daß der Unterschied '/.wischen der Mutter und 
der Hure doch nicht so groß sei, daß sie im Grunde das 
nämliche tun. Dir aufklärenden Mitteilungen halten nämlich 
die Erinnerungsspuren seiner frühinfnntilon Eindrücke und 
Wünsche in ihm geweckt und von diesen aus gewisse seelische 
Regungen bei ihm wieder zur Aktivität, gebracht. Kr beginnt 
die Mutter selbst in dem neugewonnenen Sinne zu begehren 
und den Vater als Nebenbuhler, der diesem Wunsche im 
Wege steht, von neuem zu hassen; er gerät, wie wir sagen, 
unter die Herrschaft des Ödipuskomplexes. Kr vergißt es der 
Mutter nicht und betrachtet, es im Lichte einer Um reue, 
daß sie die Gunst des sexuellen Verkehres nicht ihm, sondern 
dem Vater geschenkt hat. hiese Kegungen haben, wenn sie 
nicht rasch vorüberziehen, keinen anderen Ausweg, als sich 
in Phantasien auszulelxui, welehe die Sexualbotatigung der 
Mutter unter den mannigfachsten Verhältnissen zum Inhalte 
haben, deren Spannung auch besonders Leicht IUI Lösung im 
onanistischen Akte führt. Infolge des beständigen Zusammen- 
wirkens der beiden treibenden Motive, der Begehrlichkeit und 
der Bachsucht, sind 1'hantasien von der Untreue der Mutter 
die bei weitem bevorzugten; der Liebhaber, mit dem die 
Mutter die Untreue begeht, trägt fast Immer die Züge des 
eigenen Ichs, richtiger gesagt, der eigenen, idealisierten, 
durch Altersreifung auf das Niveau des Vaters gehobenen 



Xm. BEITRAGE ZUE PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. I. 209 

Persönlichkeit, Was ich* an anderer Stelle*) als „Familien- 
roman" geschildert Habe, umfaßt die vielfältigen Ausbildun- 
gen dieser Phantasietätigkeit und deren Verwebung mit ver- 
schiedenen egoistischen Interessen dieser Lebenszeit. Nach 
Einsicht in dieses Stück seelischer Entwicklung können wir 
es aber "nicht mehr widerspruchsvoll und unbegreiflich fin- 
den, daß die Bedingung der Dirnenhaftigkeit des Geliebten 
sich direkt aus dem Mutterkomplex ableitet. Der von uns 
beschriebene Typus des männlichen Liebeslebens trägt die 
Spuren dieser Entwicklungsgeschichte an sich und läßt sich 
einfach verstehen als Fixierung an die Pubertätsphantasien 
des Knaben, die späterhin den Ausweg in die Realität des 
Lebens doch noch gefunden haben. Es macht keine Schwie- 
rigkeiten anzunehmen, daß die eifrig geübte Onanie der 
Pubertätsjahre ihren Beitrag zur Fixierung jener Phantasien 
geleistet hat. 

Mit diesen Phantasien, welche sich zur Beherrschung 
des realen Liebeslebens aufgeschwungen haben, scheint die 
Tendenz, die Geliebte zu retten, nur in lockerer, oberfläch- 
licher und durch bewußte Begründung erschöpfbarer Verbin- 
dung zu stehen. Die Geliebte bringt sich durch ihre Neigung 
zur Unbeständigkeit und Untreue in Gefahren, also ist es 
begreiflich, daß der Liebende sich bemüht, sie vor diesen 
Gefahren zu behüten, indem er ihre Tugend überwacht und 
ihren schlechten Neigungen entgegenarbeitet. Indes zeigt 
das Studium der Deckerinnerungen, Phantasien und nächt- 
lichen Träume der Menschen, daß hier eine vortrefflich ge- 
lungene „Rationalisierung" eines unbewußten Motivs vorliegt, 
die^einer gut geratenen sekundären Bearbeitung im Traume 

*) O. Hank, Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909. (Schrif- 
ten zur angewandten Seelenkunde, Heft V. Fr. Deuticke, Wien.) 

14 

Freud, NeurOdeuUhre. IV. 



210 



KIFTEN ZUR NKUKOSENLEHKK. IV. 



gleichzusetzen ist. In Wirkli.-lik.il hat das Rettungs- 
motiv seine eigene Bedeutung und (Jcschichte, und ist ein 
selbständiger Abkömmling des Mutter- oder, richtiger gesagt, 
des Elternkoniplcxes. Wem) das Kind hört, daß es sein Leben 
den Eltern verdankt, daß ihm die Mutter „das Leben 
geschenkt 4 " hat. so vereinen sich bei ihm zärtliche, mit 
großmannssücht igen, mich Selbständigkeit ringenden Regun- 
gen, um den Wunsch entstehen zu küssen, den Kitern dieses 
Geschenk zurückzuerstatten, es ihnen durch ein gleichwer- 
tiges zu vergelten. Bfl ist, wie wenn der Trotz, dr* Knaben 
sagen wollte: Ich brauch«' nichts vom Vater, ich will ihm 
alles zurückgeben, was ich ihn gekoste! habe. Er bildet dann 
die Phantasie, d< n Vater aus einer Lebensgefahr zu 
retten, wodurch er mit ihm quitt wird, und diese Phantasie 
verschiebt sieh häufig genug auf den Kaiser, König oder 
sonst einen großen Herrn und wird nach dieser Entstellung 
bewußtseinsfähig und seihst für den Dichter \crwcrtbar. In 
der Anwendung auf den Vater überwiegt Iku weitem der 
trotzige Sinn der Rettungsphantasie, der Mutter wendet sie 
meist ihre zärtliche Bedeutung zu. Die Mutter hat, dem Kinde 
das Leben geschenkt, und es ist nicht leicht, dies eigenartige 
G-eschenk durch etwas (Jleiehwertiges zu ersetzen. Hei ge- 
ringem Bedeutungswandel, wie er im Unbewußten erleichtert 
ist was man etwa dem bewußten Ineinanderfließen >\<-v 

Begriffe gleichstellen kann — , gewinn! das Ketten der Mutter 
die Bedeutung von: ihr ein Kind schenken oder machen, 
natürlich ein Kind, wie man selbst ist. Die Entfernung vom 
ursprünglichen Sinne der Kettung ist keine allzu große, der 
Bedeutungswandel kein willkürlicher. Die Mutter hat einen» 
ein Leben geschenkt, das eigene, und man schenkt ihr dafür 
ein anderes Leben, das eines Kindes, das mit dem eigenen 



Selbst die größte Ähnlichkeit hat. Der Sohn erweist sich 
dankbar, indem er sich wünscht, von der Mutter einen Sohn 
zu haben, der ihm selbst gleich ist, d. h. in der Rettungs- 
phantasie identifiziert er sich völlig mit dem Vater. Alle 
Triebe, die zärtlichen, dankbaren, lüsternen, trotzigen, selbst- 
herrlichen, sind durch den einen Wunsch befriedigt, sein 
eigener Vater zu sein. Auch das Moment der Gefahr 
ist bei dem Bedeutungswandel nicht verloren gegangen; der 
Geburtsakt selbst ist nämlich die Gefahr, aus der man durch 
die Anstrengung der Mutter gerettet wurde. Die Geburt ist 
ebenso die allererste Lebensgefahr wie das Vorbild aller spä- 
teren, vor denen wir Angst empfinden, und das Erleben der 
Geburt hat uns wahrscheinlich den Affektausdruck, den wir 
Angst heißen, hinterlassen. Der Macduff der schottischen 
Sage, den seine Mutter nicht geboren hatte, der aus seiner 
Mutter Leib geschnitten wurde, hat darum auch die Angst 

nicht gekannt. ,^oj-\M~«i<>»A*«/i v-A^J-»ot v/^<>-* Vfc>e ß. - 

Der alte Truumdeuter Artemi doros hatte sicherlich 
Recht mit der Behauptung, der Traum wandle seinen Sinn 
je nach der Person des Träumers. Nach den für den Aus- 
druck unbewußter Gedanken geltenden Gesetzen kann das 
„Retten" seine Bedeutimg variieren, je nachdem es von einer 
Frau oder von einem Manne phantasiert wird. Es kann eben- 
sowohl bedeuten: ein Kind machen = zur Geburt bringen 
(für den Mann) wie: selbst ein Kind gebären (für die Frau). 
Insbesondere in der Zusammensetzung mit dem Wasser 
lassen sich diese verschiedenen Bedeutungen des Rettens in 
Träumen und Phantasien deutlich erkennen. Wenn ein Mann 
im Traume eine Frau aus dem Wasser rettet, so heißt das : 
er macht sie zur Mutter, was nach den vorstehenden Er- 
örterungen gleichsinnig ist dem Inhalte: er macht sie zu 



14* 



212 



SCHRIFTEN ZI K NKUROSKNLEIIHK. IV. 



seiner Muttor. Wenn eine Frau einen anderen (ein Kind) 
aus dem Wasser redet, so bekennt sie sieh damit wie die 
Königstochter in der Moses ) als seine Müder, die ihn 

geboren hat. 

Gelegentlich enthält aueh die auf den Vater gerichtete 
Bettnngsphantaaie einen /.an liehen sinn. Sie will dann den 
Wunsch ausdrücken, den Vater zum Sohne zu haben, d. h. 
einen Sohn zu haben, der so ist wie der Vater. Wegen eil 
dieser Beziehungen des Rettungsmotivs zum Klternk.implex 
bildet die Tendenz, die Geliebte zu retten, einen wesentlichen 

Zug dos hier ln\schricbrnen Liebest \ pus. 

Ich halte es nicht für notwendig, meine Arbeitsweise 
zu rechtfertigen, die hin wi<- i,.-i der Aufstellung der An« l- 
erotik darauf hinausg«-hi, ans drin IVokieht ungsmnterial 
zunächst extreme und scharf Dinsohriebene Typen heraus- 
zuheben. Es gibt in beiden Fällen w.ii Bahlreichere Individuen, 
in denen nur einzelne Züge dieses Typus, oder diese nur in 
unscharfer Ausprägung festzustellen sind, und es ist selbst- 
verständlich, daß erst die Darlegung dea ganzen Zusammen- 
hanges, in den diese Typen aufgenommen sind, deren richtige 
Würdigung ermöglicht. 

•) Rank, 1. fc 



XIV. 
BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. 

II 

ÜBER DIE ALLGEMEINSTE ERNIEDRIGUNG 
DES LIEBESLEBENS.*) 

Wenn der psychoanalytische Praktiker sich fragt, wegen 
welches Leidens er am häufigsten um Hilfe angegangen wird, 
so muß er — absehend von der vielgestaltigen Angst — ant- 
worten : wegen psychischer Impotenz. Diese sonderbare 
Störung betrifft Männer von stark libidinösem Wesen und 
äußert sich darin, daß die Exekutivorgane der Sexualität die 
Ausführung des geschlechtlichen Aktes verweigern, obwohl 
sie sich vorher und nachher als intakt und leistungsfähig 
erweisen können, und obwohl eine starke psychische Geneigt- 
heit zur Ausführung des Aktes besteht. Die erste Anleitung 
zum Verständnis seines Zustandes erhält der Kranke selbst, 
wenn er die Erfahrung macht, daß ein solches Versagen nur 
beim Versuch mit gewissen Personen auftritt, während es 
bei anderen niemals in Frage kommt. Er weiß dann, daß es 
eine Eigenschaft des Sexualobjektes ist, von welcher die 
Hemmung seiner männlichen Potenz ausgeht, und berichtet 
manchmal, er habe die Empfindung eines Hindernisses in 

*) Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische For- 
schungen, Bd. IV, 1912. 



214 SCHRIFTEN ZUK NKtRO.SENLKHKK. IV. 

seinem Innern, die Wahrnehmung eines Gegenwillcns, der die 

Im wußte Ali.si.-hi mit Erfolg störe. Er kann aber nicht er- 
raten, was dies Innere Hindernis i st and welch«- Kigensehaft 
des Sexualobjekt es es Eni Wirkung bringt. Hai er solches 
Vorsagen wiedorlwdl erl«-bt, so urteilt er wohl in bekannter 
fehlerhafter Verknüpfung, dir lOriuiicrimg an das erste Mal 
habe als störende Angstvorstellung < i i « - Wiederholungen er- 
zwungen; da.s erst.- Mal selbe! führt er ober auf einen ,, zu- 
fälligen" Eindruck zurück, 

Psychoanalytische Studien aber die psychische [mpotens 
sind bereits von mehreren Antillen angestellt und veröffent- 
licht worden.*) Jeder Analytiker kann die dort gebotenen 
Aufklärungen aus eigener üiv.t licher ESrfahrung bestätigen. 
Ks handelt sieh wirklich um die hemmende Einwirkung ge- 
wisser psychischer Komplexe, die sich der Kenntnis des In- 
dividuums entziehen, Als allgemeinster Inhalt dieses pa.tho- 
genen Material« hebt sieh die nicht überwundene in/.cstuöse 
Fixierung an Mutter und Schwester hervor. Außerdem ia\ 
der Einfluß von akzidentellen peinlichen eindrucken, die sich 
an die infantile Sexualbctäügung knüpfen, zu berücksichtigen 
und jene Momente, die ganz allgemein die auf das weibliche 
Sexualobjekt zu richtende Libido verringern.**) 

Unterzieht man Fälle von greller psychischer Impotenz 
einem eindringlichen Studium mittels der Psychoanalyse, so 
gewinnt man folgende Auskunft ülx-r die «In Lei wirksam« 
psychosexucllen Vorgänge. Die Grundlage des Leidens ist 

•) M. Steiner, Dio l'unklionHU- Ihij m »i.«.|i/. iloa MiumtM und Um 
Behandlung, 1907. — W. Stokel in „Nervöno AngaUust&nde und Ihn 
Behandlung", Wien 1908 (2. Auflage 1912). F eren.- /. i vnalytUobz 

Deutung uinl Holuimlliiti^ ih-r | .-.%.- 1 ■■ ... x » i.- 1 1 t-n lm|>.i <-ti/ Indiu Manne 
(Psychiat.-nourol. Wochenschrift, I9U.H ; 
**) W, Stekol, 1. c, B. 191 ff. 









XIV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBEN8. II. 215 



hier wiederum — wie sehr wahrscheinlich bei allen neuro- 
tischen Störungen — eine Hemmung in der Entwicklungs- 
geschichte der Libido bis zu ihrer normal zu nennenden End- 
gcstaltung. Es sind hier zwei Strömungen nicht zusammen- 
getroffen, deren Vereinigung erst ein völlig normales Liebes- 
verhalten sichert, zwei Strömungen, die wir als die zärt- 
liche und die sinnliche voneinander unterscheiden können. 
Von diesen beiden Strömungen ist die zärtliche die 
ältere. Sie stammt aus den frühesten Kinderjahren, hat sich 
auf Grund der Interessen des Selbsterhaltungstriebes gebildet 
und richtet sich auf die Personen der Familie und die Voll- 
zieher der Kinderpflege. Sie hat von Anfang an Beiträge 
von den Sexualtrieben, Komponenten von erotischem Inter- 
esse mitgenommen, die schon in der Kindheit mehr oder 
minder deutlich sind, beim Neurotiker in allen Fällen durch 
die spätere Psychoanalyse aufgedeckt werden. Sie ent- 
spricht der primären kindlichen Objektwahl. Wir 
ersehen aus ihr, daß die Sexualtriebe ihre ersten Objekte 
in der Anlehnung an die Schätzungen der Ichtriebe finden, 
gerade so, wie die ersten Sexualbefriedigungen in Anlehnung 
an die zur Lebenserhaltung notwendigen Körperfunktionen 
erfahren werden. Die „Zärtlichkeit" der Eltern und Pflege- 
personen, die ihren erotischen Charakter selten verleugnet 
( das Kind ein erotisches Spielzeug"), tut sehr viel dazu, 
die Beiträge der Erotik zu den Besetzungen der Ichtriebe 
beim Kinde zu erhöhen und sie auf ein Maß zu bringen, wel- 
ches in der späteren Entwicklung in Betracht kommen muß, 
besonders wenn gewisse andere Verhältnisse dazu ihren Bei- 

stand leihen. . 

Diese zärtlichen Fixierungen des Kindes setzen sich 
durch die Kindheit fort und nehmen immer wieder Erotik 



216 SCHRIFTEN ZUR NEUROSKNLEHKR. IV. 



niit sich, welche dadurch von ihren sexuelle,. Ziehen abge- 
lenkt wird. Im Lebensalter der l'ul>crtäl Irin nun die mäch- 
tige „sinnlich«-" Strömung hinzu, die ihre Ziele oioht mehr 
verkennt. Sie versäumt es ansobeinend niemals, die früheres 
Wege zu gehen und nun mit weil, stärkeren Libidobetr&gefi 
die Objekte der primären Infantilen Wahl zu besetzen. Aber 
da sie dort auf die unterdessen aufgerichteten Mindernisse 
der Inzestschr.nike stößt, wird sie das liest reiten äußern, 
von diesen real ungeeigneten Objekten möglichst bald den 

Obergang zu anderen, fremden Objekten zu finden, mit denen 
sich ein reales Soxu.iI1.Immi durchrühren läßt. Diese fremden 
Objekte werden immer noch nach dem Vorbild (der I 
der infantilen gewählt Weiden, aber Bie werden mit der Zeit 
die Zärtlichkeit an sich zieh,.,,, <i; ( . ..,.„ die früheren ge- 
kettet war. Der Mann wird V ;i i,., mi ,| Jfutter verlassen — 
nach der biblischen Vorschrift — und seinem \\Vibc nach- 
gehen, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit sind dam. beisammen. 
Die höchsten Grade von sinnliche Verliebtheil werden die 
höchste psychische Wertschätzung mit sich bringen. (Die 
normale Überschätzung des Sexual, , hj.. ki ., von seiten des 
Mannes.) 

Für das Mißlingen dieses Fortschrittes im Knt wicklungs- 
gang der Libido werden zwei Momente maßgebend sein. 
Erstens das Maß von reale,- Versagung, welches sich 
der neuen Objekt wähl entgegensetzen und sie für das Indi- 
viduum entwerten wird. Sa hat ja keinen sinn, sieh der 
Objektwahl zuzuwenden, wenn man überhaupt nicht wählen 
darf oder keine Aussicht hat, etwas Ordentliches wählen zu 
können. Zweitens das Maß der Anziehung, welches die 
zu verlassenden infantilen Objekte äußern können, und das 
proportional ist der erotischen licsetzung, die ihnen QOOh 







XIV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. II. 217 

in der Kindheit zu teil wurde. Sind diese beiden Faktoren 
stark genug, so tritt der allgemeine Mechanismus der Neu- 
rosenbildung in Wirksamkeit. Die Libido wendet sich von 
der Eealität ab, wird von der Phantasietätigkeit aufgenom- 
men (Introversion), verstärkt die Bilder der ersten Sexual- 
Objekte, fixiert sich an dieselben. Das Inzesthindernis nötigt 
aber die diesen Objekten zugewendete Libido, im Unbewußten 
zu verbleiben. Die Betätigung der jetzt dem Unbewußten 
ungehörigen sinnlichen Strömung in onanis tischen Akten tut 
das Ihrige dazu, um diese Fixierung zu verstärken. Es än- 
dert nichts an diesem Sachverhalt, wenn der Fortschritt nun 
in der Phantasie vollzogen wird, der in der Realität miß- 
glückt ist, wenn in den zur onanistischen Befriedigung füh- 
renden Phantasiesituationen die ursprünglichen Sexualobjekte 
durch fremde ersetzt werden. Die Phantasien werden durch 
diesen Ersatz bewußtseinsfähig, an der realen Unterbringung 
der Libido wird ein Fortschritt nicht vollzogen. 

Es kann auf diese Weise geschehen, daß die ganze Sinn- 
lichkeit eines jungen Menschen im Unbewußtsein an inzestuöse 
Objekte gebunden oder, wie wir auch sagen können, an un- 
bewußte inzestuöse Phantasien fixiert wird. Das Ergebnis 
ist dann eine absolute Impotenz, die etwa noch durch die 
gleichzeitig erworbene wirkliche Schwächung der den Sexual- 
akt ausführenden Organe versichert wird. 

Für das Zustandekommen der eigentlich sogenannten 
psychischen Impotenz werden mildere Bedingungen erfordert. 
Die sinnliche Strömung darf nicht in ihrem ganzen Betrag 
dem Schicksal verfallen, sich hinter der zärtlichen verbergen 
zu müssen, sie muß stark oder ungehemmt genug geblieben 
sein, um sich zum Teil den Ausweg in die Realität zu er- 
zwingen. Die Sexualbetätigung solcher Personen läßt aber 






818 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHKK. IV. 



an den deutlichsten Anseiohen erkennen, daß nicht die volle 
psychische Triebkraft hinter ihr steht. Sic ist. launenhaft, 
leicht zu stören, oft in der Ausführung inkorrekt, wenig ge- 
nußreich. Vor allem aber muß sie der zärtlichen Strömung 
ausweichen. Es ist also eine Beschränkung in der Objekt- 
wahl hergestellt worden. Die aktiv gebliebene sinnliche Strö- 
mung sucht nur nach Objekten, die nicht an die ihr ver- 
pönten Inzestuösen Personen mahnen; wenn von einer Person 
ein Eindruck ausgeht, der EU hoher psychischer Wert schaumig 
führen könnte, so läuft er nicht in Erregung der Sinnlichkeit, 
sondern in erotisch unwirksame Zärtlichkeit aus. Das Liebes- 
leben solcher Menschen bleibt In die zwei Richtungen ge- 
spalten, die von der Kunst als himmlische und irdische (oder 
tierische) Liebe personifiziert werden. Wo sie liehen, be- 
gehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben. 
.Sie suchen nach Ohjekten. die sie nicht zu liehen brauchen, 
um ihre Sinnlichkeit von ihren geliebten Ohjekten fernzu- 
halten, und das sonderbare Versagen der psychischen Impo- 
tenz tritt nach den (Jesef/.en di'v „Komplexempfindüchkeitf! 
und der „Rückkehr des Verdrängten" dann auf. wenn .in dem 
zur Vermeidimg des In/.ests gewählten Objekt ein oft un- 
scheinbarer Zug an das zu vermeidende Objekt erinnert. 

Das Hauptschut /.mittel gegen solche Störung, Messen sich 
der Mensch in dieses Liebesspaltung hedn-nt. bestellt in der 
psychischen Erniedrigung de. s Sexualobjektes, während 
die dem Sexualobjekt normalerweise zustehende ('lierschätzung 
dem inzestuösen Objekt, und dessen Vertretungen reserviert 
wird. Sowie die Bedingung der Erniedrigung erfüllt ist, kann 
sich die Sinnlichkeit frei äußern, bedeutende sexuelle Lei- 
stungen und hohe Lust entwickeln. Zu diesem Ergebnis trägt 
noch ein anderer Zusammenhang bei. Personen, bei denen 



XIV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES IJEBESLEBENS. II. 219 

dio zärtliche und die sinnliche Strömung nicht ordentlich 
zusammengeflossen sind, haben auch meist ein wenig ver- 
feinertes Liebcsleben ; perverse Sexualzielc sind bei ihnen 
erhalten geblieben, deren Nichterfüllung als empfindliche 
Lusteinbuße verspürt wird, deren Erfüllung aber nur am 
erniedrigten, geringgeschätzten Sexualobjekt möglich er- 
scheint. 

Die in dem ersten Beitrag*) erwähnten Phantasien des 
Knaben, welche die Mutter zur Dirne herabsetzen, werden 
nun nach ihren Motiven verständlich. Es sind Bemühungen, 
die Kluft zwischen den beiden Strömungen des Licbeslebens 
wenigstens in der Phantasie zu überbrücken, die Mutter durch 
Erniedrigung zum Objekt für die Sinnlichkeit zu gewinnen. 

■ 

II. 
Wir haben uns bisher mit einer ärztlich-psychologischen 
Untersuchung der psychischen Impotenz beschäftigt, welche 
in der Überschrift dieser Abhandlung keine Rechtfertigung 
findet. Es wird sich aber zeigen, daß wir dieser Einleitung 
bedurft haben, um den Zugang zu unserem eigentlichen 

Thema zu finden. 

Wir haben die psychische Impotenz reduziert auf das 
NichtZusammentreffen der zärtlichen und der sinnlichen 
Strömung im Liebesleben und diese Entwicklungshemmung 
selbst erklärt durch die Einflüsse der starken Kindheits- 
fixierungen und der späteren Versagung in der Realität bei 
Dazwischenkunft der Inzestschranke. Gegen diese Lehre ist 
vor allem eines einzuwenden: sie gibt uns zu viel, sie er- 
klärt uns, warum gewisse Personen an psychischer Impotenz 

*) Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopatholog. Forschungen, 
Bd. II, S. 391. 



220 



SCHRIFTEN ZUK NEUROSENLKHRE. IV. 



leiden, läßt uns aber rätselhaft erscheinen, daß andere diesem 
Leiden entgehen konnton. Da, alle in lief rächt kommenden 
ersichtlichen Momente, die starke Kindheitefixierung, die 
Inzestschranke und die Versngung in den Jahren der Ent- 
wicklung nach der Pubertät bei SO ziemlich allen Kultur- 
menschen als vorhanden anzuerkennen sind, wäre die Erwar- 
tung berechtigt, daß die psychische [mpotenz ein allgemeines 
Kulturleiden und nicht die Krankheit einzelner sei. 

Bf läge nahe, sich diesor Folgerung dadurch zu ent- 
ziehen, daß man auf den quantitativen Faktor der Krankheits- 
verursachung hinweist, auf jenes Mehr oder Minder im Bei- 
trag der einzelnen Mo mente, von dem es abhängt, ob ein 
kenntlicher Krankheitserfolg zu Stande kommt oder nicht. 
Aber obwohl ich diese Antwort als richtig anerkennen möchte, 
habe ich doch nicht die Absicht, die Folgerung selbst, hiemit 
abzuweisen. Ich will im Gegenteil die Behauptung aufstellen, 
daß die psychische Impotenz weit verbreiteter ist, als man 
glaubt, und daß ein gewisses Maß dieses Verhaltens tat- 
sächlich das Licbeslel>en des Kulturmensohen charakterisiert. 

Wenn man den Begriff der psychischen Impotenz weiter 
faßt und ihn nicht mehr auf das Versagen der Koit nsaktion 
bei vorhandener Lustabsichf und hei intaktem (ienitalappait* 
einschränkt, so kommen zunächst, alle jene Männer hinzu, 
die man als Psychanä.slhctikcr bezeichnet, denen die Aktion 
nie versagt, die sie aber ohne besonderen Lu tgewinn voll- 
ziehen; Vorkommnisse, die häufiger sind, als man glauben 
möchte. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Fälle 
deckt die nämlichen ätiologischen Momente auf, welche wir 
bei der psychischen Impotenz im engeren Sinne gefunden 
haben, ohne daß die symptomatischen Unterschiede zunächst 
eine Erklärung finden. Von den unästhetischen Männern führt 



XIV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. II. 221 

eine leicht zu rechtfertigende Analogie zur ungeheuren An- 
zahl der frigiden Frauen, deren Liebesverhalten tatsächlich' 
nicht besser beschrieben oder verstanden werden kann als 
durch die Gleichstellung mit der geräuschvolleren psychischen 
Impotenz des Mannes.*) 

Wenn wir aber nicht nach einer Erweiterung des Be- 
griffes der psychischen Impotenz, sondern nach den Ab- 
schattungen ihrer Symptomatologie ausschauen, dann können 
wir uns der Einsicht nicht verschließen, daß das Liebesver- 
halten des Mannes in unserer heutigen Kulturwelt überhaupt 
den Typus der psychischen Impotenz an sich trägt. Die 
zärtliche und die sinnliche Strömung sind bei den wenigsten 
unter den Gebildeten gehörig miteinander verschmolzen; fast 
immer fühlt sich der Mann in seiner sexuellen Betätigung 
durch den Respekt vor dem Weibe beengt und entwickelt 
seine volle Potenz erst, wenn er ein erniedrigtes Sexualobjekt 
vor sich hat, was wiederum durch den Umstand mitbegründet 
ist, daß in seine Sexualziele perverse Komponenten eingehen, 
die er am geachteten Weibe zu befriedigen sich nicht ge- 
traut. Einen vollen sexuellen Ctenuß gewährt es ihm nur, 
wenn er sich ohne Rücksicht der Befriedigung hingeben darf, 
was er z. B. bei seinem gesitteten Weibe nicht wagt. Daher 
rührt dann sein Bedürfnis nach einem erniedrigten Sexual- 
objekt, einem Weibe, das ethisch minderwertig ist, dem er 
ästhetische Bedenken nicht zuzutrauen braucht, das ihn nicht 
in seinen anderen Lebensbeziehungen kennt und beurteilen 
kann. Einem solchen Weibe widmet er am liebsten seine 
sexuelle Kraft, auch wenn seine Zärtlichkeit durchaus einem 
höherstehenden gehört. Möglicherweise ist auch die so häufig 

*) Wobei gerne zugestanden sein soll, daß die Frigidität der Frau 
ein komplexes, auch von anderer Seite her zugängliches Thema ist. 



222 



SCHRIFTEN ZUR NEUB08ENLBHRE. IV. 



\ 



zu beachtende Neigung vmi Männern der höchsten Gesell- 
schaft sk lassen, ein Weil) .ms niederem Stande zur dauernden 
Geliebten oder seihst /.ur Ehefrau BU wählen, nichts anderes 
als die Folge des Bedürfnisses nach dem erniedrigten Sexual- 
ubjekt, mit welchem psychologisch die Möglichkeit der vollen 
Befriedigung verknüpft ist. 

Ich stehe nicht an, die beiden l>ei dvr echten psychischen 
Impotenz wirksamen Momente, die Intensive inzestuöse Fixie- 
rung der Kindheit, und die reale Vertagung der .lünglingszeit 
auch für dies so häufige Verhalten der kulturellen Männer 
im Liel« -leln-n verantwortlieh zu machen. Ks klingt wenig an- 
mutend und überdies paradox, aber es muli doch gesagt wer- 
den, daß. wer im Lielx-sleben wirklich frei und damit auch 
glücklich werden soll, den Respekt vor «lern Weihe Über- 
wunden, sich mit der Vorstellung des Insesta mit Mutter 
oder Schwester befreunde! haben muß. Wer sich dieser An- 
forderung gegenüber einer ernsthafte,, Selbst prüfung unter- 
wirft, wird ohne Zweifel In sich finden, daß er den Soxualakt 
im Grunde doch als etwas Erniedrigendes beurteilt, was nicht 
nur leihlieh befleckt und verunreinigt. Die Entstehung dieser 
Wertung, die er sich gewiß nicht gerne bekennt, und er 
nur in jener Zeit seiner .lugend suchen können, in welcher 
seine sinnliehe Strömung bereits stark entwickelt, ihre Be- 
friedigung aber am fremden Objekt fa.st ebenso verboten war 
wie die am inzestuösen. 

Die Frauen stehen in unserer Kulturwelt unter einer 
ähnlichen Nachwirkung ihrer Erziehung und überdies unter 
der Rückwirkung des Verhaltens der Männer, Ks ist für sie 
natürlich ebensowenig günstig, wenn ihnen der Mann nicht 
mit seiner vollen l'otenz entgegentritt, wie wenn die an bing- 
liche Überschätzung der Verliebtheit nach der Bcsitzergrei- 



XIV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. II. 223 

fung von Geringschätzung abgelöst wird. Von einem Be- 
dürfnis nach Erniedrigung des Sexualobjektes ist bei der Frau 
wenig zu bemerken; im Zusammenhange damit steht es ge- 
wiß wenn sie auch etwas der Sexualüberschätzung beim 
Manne Ähnliches in der Regel nicht zu stände bringt. Die 
lange Abhaltung von der Sexualität und das Verweilen der 
Sinnlichkeit in der Phantasie hat für sie aber eine andere 
bedeutsame Folge. Sie kauu dann oft die Verknüpfung der 
sinnlichen Betätigung mit dem Verbot nicht mehr auflösen 
und erweist sich als psychisch impotent, d. i. frigid, wenn 
ihr solche Betätigung endlich gestattet wird. Daher rührt 
bei vielen Frauen das Bestreben, das Geheimnis noch bei 
erlaubten Beziehungen eine Weile festzuhalten, bei anderen 
die Fähigkeit normal zu empfinden, sobald die Bedingung 
des Verbotes in einem geheimen Liebesverhältnis wiederher- 
gestellt ist; dem Manne untreu, sind sie im stände, dem 
Liebhaber eine Treue zweiter Ordnung zu bewahren. 

Ich meine, die Bedingung des Verbotenen im weiblichen 
Liebesiebon ist dem Bedürfnis nach Erniedrigung des Sexual- 
objektes beim Manne gleichzustellen. Beide sind Folgen des 
langen Aufschubes zwischen Geschlechtsreife und Sexual- 
betätigung, den die Erziehung aus kulturellen Gründen for- 
dert. Beide suchen die psychische Impotenz aufzuheben, 
welche aus dem Nichtzusammentreffen zärtlicher und sinn- 
licher Kegungen resultiert. Wenn der Erfolg der nämlichen 
Ursachen beim Weibe so sehr verschieden von dem beim 
Manne ausfällt, so läßt sich dies vielleicht auf einen an- 
deren Unterschied im Verhalten der beiden Geschlechter 
zurückführen. Das kulturelle Weib pflegt das Verbot der 
Sexualbetätigung während der Wartezeit nicht zu über- 
schreiten und erwirbt so die innige Verknüpfung zwischen 



224 SCHRIFTEN ZUR RUBOSENLEIIKE. IV 



Verbot und Sexualität. Der Mann durchbricht zumeist dieses 
Verbot unter der Bedingung der Erniedrigung des Objektes 
und nimmt daher diese Bedingung in sein späteres Liebes- 
leben mit. 

Angesichts der in der heutigen Kulturwell so lebhaften 
Bestrebungen nach einer Reform des Sexuallebens, ist es 
nicht überflüssig daran eu erinnern, daß die psychoanalytische 
Forschung Tendenzen so wenig kennt wie irgend eine andere. 
Sie will nielits underes als Zusammenhängt» aufdecken, in- 
dem sie Offenkundiges auf Verborgenes zurüokführt. Es 
soll ihr dann recht sein, wenn die Reformen sieh ihrer Er- 
mittlungen bedienen, um Vorteilhafteres an stell«- des Schäd- 
lichen zu setzen. Sie kann aber nicht vorhersagen, ob andere 

Institutionen nicht andere, vielleicht sehwerere Opfer zur 
Folge haben müßten. 

111. 
Die Tatsache, daß die kulturelle Zügelung des Liebes- 
lebens eine allgemeinste IOrniedrigung der Sexualobjekte mit 
sich bringt, mag uns veranlassen, unseren Blick von den 
Objekten weg auf die Triebe seihst zu lenken. Der Schaden 
der anfängliehen Vertagung des Sexualgenusses äußert sich 
darin, daß dessen spätere Freigebung in der Flu- nicht mehr 
voll befriedigend wirkt. Aber auch die uneingeschränkte 
Scxualfreiheil von Anfang an führt zu keinem besseren Er- 
gebnis. Fs ist leicht festzustellen, daß der psychische Wert 
des Liebesbedürfnisses sofort sinkt, sobald ihm die Befrie- 
digung bequem gemacht wird. Fs bedarf eines Hindernisses, 
um die Libido in die Höhe zu t reihen, und wo die natür- 
lichen Widerstände gegen die Befriedigung nicht ausreichen, 
haben die Menschen zu allen Zeiten konventionelle einge- 



XIV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. II. 225 

schaltet, um die Liebe geuießen zu können. Dies gilt für 
Individuen wie für Völker. In Zeiten, in denen die Liebes- 
befriedigung keine Schwierigkeiten fand, wie etwa während 
des Niederganges der antiken Kultur, wurde die Liebe wert- 
los, das Leben leer, und es bedurfte starker Reaktionsbildun- 
gen, um die unentbehrlichen Affektwerte wieder herzustellen. 
In diesem Zusammenhange kann man behaupten, daß die as- 
ketische Strömung des Christentums für die Liebe psychische 
Wertungen geschaffen hat, die ihr das heidnische Altertum 
nie verleihen konnte. Zur höchsten Bedeutung gelangte sie bei 
den asketischen Mönchen, deren Leben fast allein von dem 
Kampfe gegen die libidinöse Versuchung ausgefüllt war. 

Man ist gewiß /u nächst geneigt, die Schwierigkeiten, die 
sich hier ergeben, auf allgemeine Eigenschaften unserer orga- 
nischen Triebe zurückzuführen. Es ist gewiß auch allgemein 
richtig, daß die psychische Bedeutung eines Triebes mit seiner 
Versagung steigt. Man versuche es, eine Anzahl der aller- 
differenziertesten Menschen gleichmäßig dem Hungern aus- 
zusetzen. Mit der Zunahme des gebieterischen Nahrungs- 
bedürfnisses werden alle individuellen Differenzen sich ver- 
wischen und an ihrer Statt die uniformen Äußerungen des 
einen ungestillten Triebes auftreten. Aber trifft es auch zu, 
daß mit der Befriedigung eines Triebes sein psychischer 
Wert allgemein so sehr herabsinkt? Man denke z. B. an 
das Verhältnis des Trinkers zum Wein. Ist es nicht richtig, 
daJ3 dem Trinker der Wein immer die gleiche toxische Be- 
friedigung bietet, die man mit der erotischen so oft in der 
Poesie verglichen hat und auch vom Standpunkte der wissen- 
schaftlichen Auffassung vergleichen darf? Hat man je da- 
von gehört, daß der Trinker genötigt ist, sein Getränk be- 
ständig zu wechseln, weil ihm das gleichbleibende bald nicht 

Freud, Neuroienlehre. IV. 15 



22(5 



SCHRIFTEN ZUR NEI'R« »SF.N1.EIIKB. IV, 



1 



mohr schmeckt/ Im Oeganteil, die Gewöhnung knüpft da« 
Band zwischen dem Manne and der Sorte Wein, die er trinkt, 
immer enger. Kennt man beim Trinker ein Bedürfnis in ein 
Land zu gehen, in dorn der Wein teuer «• ■' •:■ der Wcingeaufi 
verboten ist, um .seiner sinkenden Befriedigung durch die 
Einschiebung solch. r Briohwerungen aufzuhelfen? Nichts 
von alldem. Wenn man die Äußerungen unserer großen Alko- 
holiker, z. B. Böoklins, über ihr Verhältnis /um Wein an- 
hört,*) es klingt wie die reinste Harmonie, ein Vorbild einer 
glücklichen Ehe. Waran ist das Verhältnis des Liebenden 
zu seinem Sexualobjekt so sehr anders." 

Ich glaube, man müßte sich, so befremdend es auch 
klingt, mit der Möglichkeit beschäftigen, «laß etwas in der 
Natur des Sexualtriebes selbst dem Zustandekommen der 
vollen Befriedigung nicht günstig ist. Aus der langen und 
schwierigen Ent wicL hiM-.-^esehii-hte des Triebes heben sich 
sofort zwei Momente hervor, die man für solche Schwierigkeit 
verantwortlich machen könnte. Brttens ist infolge des zwei- 
maligen An>at/is euz Objektwahl mit Dazwisehcnkunft dofl 
Inzestschranke das endgültige Objekt des Sexualtriebes nie 
mehr das ursprüngliche, sondern nur ein Surrogat dafür. 
Die Psychoanalyse hat uns aber gelehrt : wenn das ursprfi 
liehfl Objekt einer Wunschregung infolge von Verdrängung 
verloren gegangen ist, so wird es häufig durch eine unend- 
liche Reihe von Ersatzobjekten vertreten, von denen doch, 
keines voll genügt. Dies mag uns die Unbeständigkeit in 
der Objektwahl, den „Reithunger" erklären, der dem Liebes] 
leben der Erwachsenen SO häufig eignet. 

Zweitens wissen wir, daß der Sexualtrieb anfänglich in 
eine große Reihe von Komponenten /.erfällt, — vielmehr aus 
*) O. Floorkc, Zolin Jal.ro mit Böokliu. 2. Aufl. IÜ02, S. 16. 



XIV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. II. 227 



einer solchen hervorgellt — , von denen nicht alle in dessen 
spätere Gestaltung aufgenommen werden können, sondern vor- 
her unterdrückt oder anders verwendet werden müssen. Es 
sind vor allem die koprophilen Triebanteile, die sich als un- 
verträglich mit unserer ästhetischen Kultur erwiesen, wahr- 
scheinlich, seitdem wir durch den aufrechten Gang unser 
Riechorgan von der Erde abgehoben haben; ferner ein gutes 
Stück der sadistischen Antriebe, die zum Liebesleben ge- 
hören. Aber alle solche Entwicklungsvorgänge betreffen nur 
die oberen Schichten der komplizierten Struktur. Die fun- 
damenteilen Vorgänge, welche die Liebeserreguug liefern, blei- 
ben angeändert. Das Exkrementellc ist allzu innig und un- 
trennbar mit dem Sexuellen verwachsen, die Lage der Geni- 
talien — inter urinas et faeces — bleibt das bestimmende 
unveränderliche Moment. Man könnte liier ein bekanntes 
Wort des großen Napoleon variierend sagen: die Anatomie 
ist das Schicksal. Die Genitalien selbst haben die Entwick- 
lung der menschlichen Körperformen zur Schönheit nicht 
mitgemacht, sie sind tierisch geblieben, und so ist auch die 
Liebe im Grunde heute ebenso animalisch, wie sie es von 
jeher war. Die Liebestriebe sind schwer erziehbar, ihre Er- 
ziehung ergibt bald zu viel, bald zu wenig. Das, was die 
Kultur aus ihr machen will, scheint ohne fühlbare Einbuße 
an Lust nicht erreichbar, die Fortdauer der unverwerteten 
Regungen gibt sich bei der Sexualtätigkeit als Unbefriedi- 

gung zu erkennen. 

So müßte man sich denn vielleicht mit dem Gedanken 
befreunden, daß eine Ausgleichung der Ansprüche des Sexual- 
triebes mit den Anforderungen der Kultur überhaupt nicht 
möglich ist, daß Verzicht end Lci 4 on sowie in weitester 
Ferne die Gefahr des Erlöschens c| es Menschengeschlechtes 

fl5^ 








228 



SCHRIFTEN Zl'R NKIKOSKNLKHKK. IV 



infolge triam Kuli arent wioklung niohl abgewendet werden 

können. Dies«' trübe Prognose ruht allerdings auf der ein- 
igen Vermutung, da Lt die kulturelle Unbefriedigung die not- 
wendige Folge gewiss, r Besonderheiten ist, wolohe der Sexual- 
trieb unter dem Drucke der Kultur angenommen hat. Die näm- 
liche Unfähigkeit des Sexualtriebes, volle Befriedigung zu 
\ ergeben, sobald er den ersten Anforderungen «1er Kultur un- 
terlegen ist, wird aber zur Quelle der großartigsten Kuitur- 
leistungen, welche durch immer weiter gehende Sublimierung 
seiner TriebkomponentSS bewerkstelligt werden. Denn wel- 
ches Motiv hüllen die Menschen, sexuelle Triebkräfte an- 
deren Verwendungen zuzuführen, wenn sich aus denselben l>ci 
irgend einer Verteilung \<>ll«' Lustbefriediguug ergeben hätte? 
\Sie kämen von dieser Lust nicht wieder Ins und brächten 
«einen weiteren Fortsehritt zu stunde. So scheint, es, daß 
| sie durch die unausglcichbare Differenz zwischen den An- 
forderungen der beiden Triebe — des sexuellen und des ego- 
istischen — zu immer höheren Leistungen befähigt werden, 
allerdings unter einer Inständigen (o-l'ährdung, welcher die 
Schwächeren gegenwärtig in der Korin (fer Neurose erliegen. 
Die Wissenschaft hat weder die Altsieht zu seine, -ken 
noch zu trösten. Alter ich hin selbst gern bereit zuzugeben, 
daß so weittragende Schlußfolgerungen, wie die oltenstohen- 
den, auf breiterer Basis aufgebaut sein sollten, und daß viel- 
leicht andere Ent wickluugscinriehtungen der .Menschheit das 
Ergebnis der hier isoliert behandelten zu korrigieren vermögen. 






XV. 

BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. *f 

in. 

DAS TABU DER VIRGINITAT. J 

Wenige Einzelheiten des Sexuallebens primitiver Völker 
wirken so befremdend auf unser Gefühl wie deren Einschät- 
zung der Virginität, der weibliehen Unberührtheit, Uns er- 
scheint, die Wertschätzung der Virginität von Seiten des wer- 
benden Mannes so feststehend und selbstverständlich, daß 
wir beinahe in Verlegenheit geraten, wenn wir dieses Urteil 
begründen sollen. Die Forderung, das Mädchen dürfe in die 
Ehe mit dem einen Manne nicht die Erinnerung an Sexual- 
verkehr mit einem anderen mitbringen, ist ja nichts anderes, 
als die konsequente Fortführung des ausschließlichen Besitz, 
rechtes auf ein Weib, welches das Wesen der Monogamie 
ausmacht, die Erstreckung dieses Monopols auf die Ver- 
gangenheit, 

Es fällt uns dann nicht schwer, was zuerst ein Vor- 
urteil zu sein schien, aus unseren Meinungen über das Liebes- 
leben des Weibes zu rechtfertigen. Wer zuerst die durch lange 
Zeit mühselig zurückgehaltene Liebessehnsucht der Jungfrau 
befriedigt und dabei die Widerstände überwunden hat, die 
in ihr durch die Einflüsse von Milieu und Erziehung auf- 



*) Hier zuerst veröffentlicht. 



üMkT v 



230 



M IIRIFTKN Zl'K NKIKOSENLKHKK IV. 



gebaut waren, der wird von ihr in ein dauerndes Verhältnis 
gezogen, dessen Möglichkeil sich keinem anderen mehr er- 
öffnet. Auf Grund dieses Erlebnisses stellt sieh bei der Frau 
ein Zustand von Hörigkeil her, der die ungestörte Fortdauer 
ihres Besitzes verbürgt und sie widerstandsfähig macht gegi D 
neue Eindrücke und fremde Versuchungen. 

Den Ausdruck „geschlechtliche Hörigkeit," hat 1892 
▼. Kraff t-Ebing*) zur Bezeichnung der Tutsache gewählt, 
daß eine Person einen ungewöhnlich hohen Grad von Ab- 
hängigkeit (ftid rnselbständigkeit gegen eine andere Persoo 
erwerben kann, mit welcher sie im Sexualverkehr steht. Diese 
Hörigkeit kann gelegentlich sehr weil gehen, bis zum Verlust 
jedes selbständigen Willens und bis zur Erduldung der schwer« 
Bten Opfer am eigenen Interesse; der Autor hat aber nicht 
versäumt, zu bemerken, daß ein gewisse. Mali solcher Ab- 
hängigkeit „durchaus notwendig ist, wenn die Verbindung 
einige Dauer haben soll". Bio solches Mall von sexueller 
Hörigkeit ist in der Tat anentbehrlich zur Aufrechterhaltung 
der kulturellen Ehe und zur Iliuianhalfung der sie bedrohen- 
den polygamen Tendenzen, und in unserer sozialen Gemein" 

schaft wird dieser Faktor regelmäßig in Anrechnung gebracht. 
Bin „ungewöhnlicher (irad von Verliebtheit und Charak- 
terschwäche' - einerseits, uneingeschränkter Egoismus beim an- 
deren Teil, aus diesen, Zusammen! reffen leitet, v. Krafl't- 
Kbing die Entstehung der sexuellen Hörigkeit ab. Ana- 
lytische Erfahrungen gestalten es aber nicht, sich mit, die- 
sem einfachen Erklärungsversuch zu begnügen. Man kann 
vielmehr erkennen, daß die Größe des überwundenen Sexual- 
widerstandes das entscheidende Moment, ist, dazu die Kon« 



*) v. K ruf f L- E bi ug, Bemorkungou über „grat'lilochtlirln' Hörig- 
keit" und Maaochismus. (Jabrbüelwr für lNyrhintriu. X Bd., 1898.) 



» 



XV. BEITRÄGE ZUB PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. III. 231 

zentration und Einmaligkeit des Vorganges der Überwind ung. 
Die Hörigkeit ist demgemäß ungleich häufiger und intensiver 
beim Weibe als beim Manne, bei letzterem aber in unseren 
Zeiten immerhin häufiger als in der Antike. Wo wir die 
sexuelle Hörigkeit bei Männern studieren konnten, erwies sie 
sich als Erfolg der Überwindung einer psychischen Impotenz 
durch ein bestimmtes Weib, an welches der betreffende Mann 
von da an gebunden blieb. Viele auffällige Eheschließungen 
und manches tragische Schicksal — selbst von weitreichen- 
dem Belange — scheint in diesem Hergange seine Aufklärung 
zu finden. 

Das nun zu erwähnende Verhalten primitiver Völker 
beschreibt man nicht richtig, wenn man aussagt, sie legten 
keinen Wert auf die Virginität, und zum Beweise dafür vor* 
bringt, daß sie die Defloration der Mädchen außerhalb der 
Ehe und vor dem ersten ehelichen Verkehre vollziehen lassen. 
Es scheint im Gegenteile, daß auch für sie die Defloration 
ein bedeutungsvoller Akt ist, aber sie ist Gegenstand eines 
Tabu, eines religiös zu nennenden Verbotes, geworden. An- 
statt sie dem Bräutigam und späteren Ehegatten des Mäd- 
chens vorzubehalten, fordert die Sitte, daß dieser einer 
solchen Leistung ausweiche.*) 

Es liegt nicht in meiner Absicht, die literarischen Zeug- 
nisse für den Bestand dieses Sitten Verbotes vollständig zu 
sammeln, die geographische Verbreitung desselben zu ver- 
folgen und alle Formen, in denen es sich äußert, aufzu- 
zählen Ich begnüge mich also mit der Feststellung, daß 



♦)Orawl* yj The mystic rose, a study of primae »ml* 
London 1902; Bartels - Bloss, Das Weib in der *atur- und Volker- 
kunde, 1891: verschiedene Stellen in Fra,or, Taboo and the perils o£ 
the soul, und Havelock Ellis, Studies in the psychology of ser. 



232 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

eine solche, außerhalb der späteren Khe fallende Beseitigung 
des Hymens bei den heute leU-nden primitiven Völkern etwas 
sehr Verbreitetes ist. So äußert (Irawlcy*): This marriage 
oeremony consists in Perforation of the hymen by some ap- 
pointed person other than the huslxtnd ; is is most common 
in the lowest stages of eulturo, cspccially in Australia. 

Wenn aber die Defloration nicht durch den ersten ehe- 
lichen Verkehr erfolgen soll, so muß .sie vorher — auf irgend 
eine Weise und von irgend welcher Seite — vorgenommen 
worden sein. Ich werde einige Stellen uns Crawleys oben 
erwähntem Buche anführen, welche Ober diese Tunkte Aus- 
kunft geben, die uns aber auch zu einigen kritischen Be- 
merkungen berechtigen. 

S. 191: „Bei den Dieri und einigen Nachbarstämmen (in 
Australien) ist es allgemeiner Brauch, das Hymen EU zer- 
stören, wenn das Mädchen die Pubertät erreicht hat. Bei 
den Portland- und (ilcnelg.Stämnien fällt ,. s einer alten Krau 
zu, dies bei der Braut zu tun, und mitunter werden auch 
weiße Männer in solcher Absicht aufgefordert, Mädchen zu 
entjungfern."**) 

S. 307 : „Die absichtliche Zerreißung des Hymens wird 
manchmal in der Kindheit, gewöhn lieh aber zur Zeit der 
Pubertät ausgeführt, .. . Sie wird oft - wie in Australien 
— mit einem offiziellen Begottungeakto kombiniert."***) 

*) 1. c. p. 317. 
**) „Thu8 in tue Dieri and Miffhbouiag lrlt>M ü il the universal 
custom when a girl rooehes puberty to rupturo the liyinen." (Journ. 
Anthrop. Inst., XXIV, 1G9.) In tue l'ortland and (ilonelg tribea Anis 
is done to the bride by au old wniuuii; und Noiiieliine.s white inen aro 
asked for this reason to dcflowcr nmideu*. (llrough Smith, op. cit., 11,319.) 
***) The artificial rupture <>f tlm hynmn m.iih'I nih-i take* place in 

infancy, but gcnerally at puborty II is oftou combined, as in 

Australia, wilh a coromonial act of interoourse. 




XV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. III. 233 



S. 348: (Von australischen Stämmen, bei denen die be- 
kannten exogamischen Heiratsbeschränkungeu bestehen, nach 
Mitteilung von Spencer und Gillcn): „Das Hymen wird 
künstlich durchbohrt, und die Männer, die bei dieser Opera- 
tion zugegen waren, führen dann in festgesetzter Keihenfolge 
einen (wohlgemerkt: zeremoniellen) Coitus mit dem Mädchen 
aus. . . . Der ganze Vorgang hat sozusagen zwei Akte: Die 
Zerstörung des Hymens und darauf den Geschlechtsverkehr."*) 

S. 349: „Bei den Masai (im äquatorialen Afrika) gehört 
die Vornahme dieser Operation zu den wichtigsten Vorberei- 
tungen für die Ehe. Bei den Sakais (Malaien), den Batta» 
(Sumatra) und den Alfoers auf Celebes wird die Defloration 
vom Vater der Braut ausgeführt. Auf den Philippinen gab 
es bestimmte Männer, die den Beruf hatten, Bräute zu de- 
florieren, falls das Hymen nicht schon in der Kindheit von 
einer dazu beauftragten alten Frau zerstört worden war. Bei 
einigen Eskimostämmen wurde die Entjungferung der Braut 
dem Angekok oder Priester überlassen."**) 

Die Bemerkungen, die ich angekündigt habe, beziehen 
sich auf zwei Punkte. Es ist erstens zu bedauern, daß in 
diesen Angaben nicht sorgfältiger zwischen der bloßen Zer- 
störung des Hymens ohne Koitus und dem Koitus zum Zwecke 

*) The hymen is arteficially perforated, and fchen the assisting 
men havu access (cerernonial, 1» it observed) fco the girl in a stated 
order. . The act is in two parts, Perforation aud intercourse. 

*'*) An important prelimiuary of marriage ainongst the Masai is 
the Performance of this Operation on the girl. (J. Thomson, op. cit. 258.) 
This defloration is perfornied by the fafcher of the bride amongst the 
Sakais, Battas, and Alfoers of Celebes. (Floß u. Bartels op. cit. II, 490.) 
In the Philippines there were oertain men whose profession it was to 
deflower brides, in case the hymen had not been ruptured in childhood 
by an old woman who was sometinws employed for this. (Feathermaji, 
op. cit. II, 474.) The defloration of the bride was amongst some Eskimo 
tribes entrusted to the angekok, or priest, (id. III, 406.) 



234 SCHHIFTKN ZUB NEUR08ENLEHR E. IV. 

solcher Zerstörung unterschieden wird. Nur an einer Stolle 
hörten wir ausdrücklich, dal.l der Vorgang sich in zwei Akte 
zerlegt, in die (manuelle oder instrumentale) Defloration und 
den darauf folgenden (icschlechtsakt. Das sonst sehr reich- 
liche Material bei Bartcls-Ploß wird für unsere Zwecke 
nahezu unbrauchbar, weil in dieser Darstellung die psycho- 
logische Bedeutsamkeit des Deflorationsaktes gegen dessen 
anatomischen Erfolg völlig verschwindet. Zweitens möchte 
man gönn- darüber belehrt werden, wodurch sich der „zere- 
monielle" (rein formale, feierliche, offizielle) Koitus bei die- 
sen Gelegenheiten vom regelrechten Geschlechtsvorkehr un- 
terscheidet. Die Autoren, zu denen ich Zugang hau«', waren 
entweder zu schämig, sich darül>er zu äußern, oder hal>en 
wiederum die psychologische Bedeutung solcher sexueller 
Details unterschätzt. Wir können hülfen, daß die Original« 
berichte der Reisenden und Missionäre ausführlicher und 
unzweideutiger sind, aber bei der heutigen Inzulänglichkeit 
dieser meist fremdländischen Literatur kann ich nichts 
Sicheres darüber sagen, übrigens darf man sich über die 
Zweifel in diesem zweiten Punkte mit der Erwägung hin- 
wegsetzen, dali ein zeremonieller Scheinkoitus doch nur den 
Ersatz und vielleicht die Ablösung für einen in früherer Zei- 
ten voll ausgeführten darstellen wurde.*) 

Zur Erklärung dieses Tabu der Yirginität kann man 
verschiedenartige Momente heranziehen, die ich in flüch- 
tiger Darstellung würdigen will. Bei der Defloration der 
Mädchen wird in der Regel Blut vergossen: der erste Er- 



*) Für zahlreiche andere Falle von lloohxeiUizerornoniell leidet es 
keinen Zweifel, daß nnderen Personen als dem Bräutigam, z. B. den Ge- 
hilfen und (.icfa.hr Um desselben (den ..Krauzollierrcif' unserer Sitte) die 
sexuelle Verfügung über die Braut, voll eingeräumt wird. 




XV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. IU. 235 

klärungsversuch beruft sich denn auch auf die Blutscheu 
der Primitiven, die das Blut für den Sitz des Lebens halten. 
Dieses Bluttabu ist durch vielfache Vorschriften, die mit 
der .Sexualität nichts zu tun haben, erwiesen, es hängt offen- 
bar mit dem Verbote, nicht zu morden, zusammen und bildet 
eine Schutzwehr gegen den ursprünglichen Blutdurst, die 
Mordlust des Urmenschen. Bei dieser Auffassung wird da,s 
Tabu der Virginität mit dem fast ausnahmslos eingehaltenen 
Tabu der Menstruation zusammengebracht. Der Primitive 
kann das rätselhafte Phänomen des blutigen Monatsflusses 
nicht von sadistischen Vorstellungen ferne halten. Die Men- 
struation, zumal die erste, deutet er als den Biß eines geister- 
haften Tieres, vielleicht als Zeichen des sexuellen Verkehrs 
mit diesem Geist. Gelegentlich gestattet ein Bericht, diesen 
Geist als den eines Ahnen zu erkennen, und dann verstellen 
wir in Anlehnung an andere Einsichten*), daß das menstruie- 
rende Mädchen als Eigentum dieses Ahnengeistes tabu ist. 

Von anderer Seite werden wir aber gewarnt, den Ein- 
fluß eines Moments wie die Blutscheu nicht zu überschätzen. 
Diese hat es doch nicht vermocht, Gebräuche wie die Be- 
schneidung der Knaben und die noch grausamere der Mäd- 
chen (Exzision der Klitoris und der kleinen Labien), die 
zum Teile bei den nämlichen Völkern geübt werden, zu unter- 
drücken oder die Geltung von anderem Zeremoniell, bei dem 
Blut vergossen wird, aufzuheben. Es wäre also auch nicht 
zu verwundern, wenn sie bei der ersten Kohabitation zu 
Gunsten des Ehemannes überwunden würde. 

Eine zweite Erklärung sieht gleichfalls vom Sexuellen 
ab, greift aber viel weiter ins Allgemeine aus. Sie führt an, 
daß der Primitive die Beute einer beständig lauernden Angst- 

*) Siehe Totem und Tabu, 1913. 



236 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEI IHK. IV. 



bereitschaft ist, ganz ähnlich, wie wir es in der psycho- 
analytischen Neurosenlehre vom Angstneurot iker l>chaupten. 
Diese Angstbereitschaft wird sich am stärksten bei allen 
Gelegenheiten zeigen, die irgendwie vom (Jewohuten ab- 
weichen, die etwas Neues, Unerwartetes, Unverstandenes, 
Unheimliches mit sich bringen. Daher stammt auch 
das weit in die späteren Religionen hineinreichende Ze- 
remoniell, das mit dem Beginne jeder neuen Verrichtung, 
dem Anfange jedes Zeitabschnittes, «lein Krstlingsertrag von 
Mensch, Tier und Frucht verknüpft ist. Die Gefahren, von 
denen sieh der Ängstliche bedroht, glaubt, treten niemals 
stärker in seiner Erwartung auf als zu Beginn der gefahr- 
vollen Situation, und dann ist es auch allein zweckmäßig, 
sich gegen sie zu schützen. Der erste Sexualverkehr in der 
Ehe hat nach «einer Bedeutung gewiß einen Anspruch dar- 
auf, von diesen Vorsichtsmaßregeln eingeleitet zu werden. 
Die beiden Erklärungsversuche, der ans der lUuf scheu und 
der aus der Erstlingsangst, wiedersprechen einander nicht, 
verstärken einander vielmehr. Der erste Sexualverkehr ist 
gewiß ein bedenklicher Akt, um so mehr, wenn bei ihm Blut 
fließen muß. 

Eine dritte Erklärung — es ist die von Orawley be- 
vorzugte — macht darauf aufmerksam, daß das Tabu der 
Virginität in einen großen, das ganze Sexualleben umfassen- 
den Zusammenhang gehört. Nicht nur der erste Koitus mit 
dem Weibe ist tabu, sondern der Scxualverkehr überhaupt; 
beinahe könnte man sagon, das Weib sei im ganzen tabu. 
Das Weib Ist nicht nur tabu in den besonderen, aus seinem 
Gesohlechtsieben erfolgenden Situationen der Menstruation, 
der Schwangerschaft, der Entbindung und des Kindbetts, auch 
außerhalb derselben unterliegt der Verkehr mit dem Weibe so 



XV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. III. 237 

ernsthaften und so reichlichen Einschränkungen, daß wir allen 
Grund haben, die angebliche Sexualfreiheit der Wilden zu be- 
zweifeln. Es ist richtig, daß die Sexualität der Primitiven bei 
bestimmten Anlässen sich über alle Hemmungen hinaussetzt; 
gewöhnlich aber scheint sie stärker durch Verbote eingeschnürt 
als auf höheren Kulturstufen. Sowie der Mann etwas Be- 
sonderes unternimmt, eine Expedition, eine Jagd, ciuen Kriegs- 
zug, muß er sich vom Weibe, zumal vom Sexualverkehr mit 
dem Weibe fernhalten; es würde sonst seine Kraft lähmen 
und ihm Mißerfolg bringen. Auch in den Gebräuchen des 
täglichen Lebens ist ein Streben nach dem Auseinanderhalten 
der Geschlechter unverkennbar. Weiber leben mit Weibern, 
Männer mit Männern zusammen; ein Familienleben in un- 
serem Sinne soll es bei vielen primitiven Stämmen kaum 
geben. Die Trennung geht mitunter so weit, daß das eine 
Geschlecht die persönlichen Namen des anderen Geschlechts 
nicht aussprechen darf, daß die Frauen eine Sprache mit 
besonderem Wortschatze entwickeln. Da,s sexuelle Bedürfnis 
darf diese Trennungsschranken immer wieder von neuem durch- 
brechen, aber bei manchen Stämmen müssen selbst die Zu- 
sammenkünfte der Ehegatten außerhalb des Hauses und im 
Geheimen stattfinden. 

Wo der Primitive ein Tabu hingesetzt hat, da fürchtet 
er eine Gefahr, und es ist nicht abzuweisen, daß sich in all 
diesen Vermeidungs Vorschriften eine prinzipielle Scheu vor 
dem Weibe äußert. Vielleicht ist diese Scheu darin begründet, 
daß das Weib anders ist als der Mann, ewig unverständlich 
und geheimnisvoll, fremdartig und darum feindselig erscheint. 
Der Mann fürchtet, vom Weibe geschwächt, mit dessen Weib- 
lichkeit angesteckt zu werden und sich dann untüchtig zu 
zeigen. Die erschlaffende, Spannungen lösende Wirkung des 



1?:J8 



SCHRIFTEN ZUR XEUROSKNI.EHHE. IV. 



Koitus mag für diese Befürchtung vorbildlich sein, und die 

Wahrnehmung des Einflusses, den das Weib durch den (Je- 
schlechtsverkehr auf den Mann gewinnt, die Rücksicht, die 
is sich dadurch erzwingt, die Ausbreitung dieser Angst rechte 
fertigen. An all dem ist nichts, was veraltet wäre, was nicht 
unter uns weiter lebte. 

Viele Beobachter der heule lebenden Primitiven haben 
das Urteil gefällt, daß deren Liel>rsstrel>en verhältnismäßig 
schwach sei und niemals die Intensitäten erreiche, die wir 
bei der Kulturmensohheil zu finden gewohnt sind. Andere 
haben dieser Schätzung widersprochen, alwr jedenfalls zeu- 
gen die aufgezählt i'n Tabugebräuche von der Existenz einer 
Macht, die sich der Liel>e widersetzt, indem sie das Weib 
als fremd und feindselig ablehnt. 

In Ausdrücken, welche sich nur wenig von der gebräuch- 
lichen Terminologie der Psychoanalyse unterscheiden, legt 
Crawl ev dar, daß jedes Individuum sieh durch ein „taboo 
of personal Isolation" von den anderen absondert, und daß 
gerade die kleinen Unterschiede bei sonstiger Ähnlichkeit <He 
Gefühle von Fremdheit und Feindseligkeit zwischen ihnen 
begründen. Es wäre verlockend, dieser Idee nachzugehen und 
aus diesem „Narzißmus der kleinen Unterschiede" die Feind- 
seligkeit abzuleiten, die wir in allen menschlichen Beziehungen 
erfolgreich gegen die Gefühle von Zusammengehörigkeit strei- 
ten und das (JcIhjI der allgemeinen .Menschenliebe überwältigen 
sehen. Von der Begründung der narzißtischen, reichlich mit. 
Geringschätzung versetzten Ablehnung des Weibes durch den 
Mann glaubt die Psychoanalyse ein Haupts tüok erraten zu 
haben, indem sie auf den Kastrationskomplex und dessen Ein- 
fluß auf die Beurteilung des Weibes verweist. 



XV. BEITKÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. III. 239 

Wir merken indes, daß wir mit diesen letzten Erwägun- 
gen weit über unser Thema hinausgegriffen haben. Das all- 
gemeine Tabu des Weibes wirft kein Licht auf die besonderen 
Vorschriften für den ersten Sexualakt mit dem jungfräulichen 
Individuum. Hier bleiben wir auf die beiden ersten Erklärun- 
gen der Blutscheu und der Erstlingsscheu angewiesen, und 
selbst von diesen müßten wir aussagen, daß sie den Kern 
des in Rede stellenden Tabugebotes nicht treffen. Diesem 
liegt ganz offenbar die Absicht zu Grunde, gerade dem 
späteren Ehe manne etwas zu versagen oder zu 
ersparen, was von dem ersten Sexualakt nicht loszulösen 
ist, wiewohl sich nach unserer eingangs gemachten Bemer- 
kung von dieser selben Beziehung eine besondere Bindung 
des Weibes an diesen einen Mann ableiten müßte. 

Es ist diesmal nicht unsere Aufgabe, die Herkunft und 
letzte Bedeutung der Tabu Vorschriften zu erörtern. Ich habe 
dies in meinem Buche „Totem und Tabu" getan, dort die 
Bedingung einer ursprünglichen Ambivalenz für das Tabu 
gewürdigt und die Entstehung desselben aus den vorzeit- 
lichen Vorgängen verfochten, welche zur Gründung der 
menschlichen Familie geführt haben. Aus den heute beobach- 
teten Tabugebräuchen der Primitiven läßt sich eine solche 
Vorbedeutung nicht mehr erkennen. Wir vergessen bei sol- 
cher Forderung allzu leicht, daß auch die primitivsten Völker 
in einer von der urzeitlichen weit entfernten Kultur leben, 
die zeitlich ebenso alt ist wie die unsrige, und gleichfalls 
einer späteren, wenn auch andersartigen Entwicklungsstufe 

entspricht. 

Wir finden heute das Tabu bei den Primitiven bereits 
zu einem kunstvollen System ausgesponnen, ganz wie es un- 
sere Neurotiker in ihren Phobien entwickeln, und alte Motive 



240 SCHRIFTEN ZI K N EUBOSBNLEHRE. IV. 

durch neuere, harmonisch zusammenstimmende, ersetzt. Mit 
Hinwegsetzung über jene genetischen Probleme wollen wir 
darum auf die eine Einsicht zurückgreifen, daß der Primitive 
dort ein Tabu anbringt, wo er eine Gefahr befürchtet. Diese 
Gefahr ist, allgemein gefaßt, eine psychische, denn der Primi- 
tive ist nicht dazu gedrängt, hier zwei Unterscheidungen 
vorzunehmen, die uns als unausweichlich erscheinen. Er 
sondert die materielle Gefahr nielii von der psychischen und 
die reale nicht von der imaginären. In Beiner konsequent 
durchgeführten animisi isehen Weltauffassung stammt ja jede 
Gefahr aus der feindseligen Absicht eines gleich ihm be- 
seelten Wesens, sowohl die Gefahr, die von einer Naturkraft 
droht, wie die von anderen Mensehen oder Tieren. Anderseits 
aber ist er gewohnt, seine eigenen inneren Regungen von 
Feindseligkeit in die Außenwelt zu projizieren, sie also den 
Objekten, die er als unliebsam oder auch nur als fremd 
empfindet, zuzuschieben. Als Quelle solcher Gefahren wird 
nun auch das Weib erkannt und der erste Sexualakt mit 
dem Weibe als eine besonders intensive Gefahr ausgezeichnet. 

Ich glaube nun, wir weiden einigen Aufschluß darüber 
erhalten, welches diese gesteigerte Gefahr ist, und warum 
sie gerade den späteren Ehemann bedroht, wenn wir das 
Verhalten der heute lebenden Frauen unserer Kulturstufe 
unter den gleichen Verhältnissen genauer untersuchen. Ich 
stelle als das Ergebnis dieser Untersuchung voran, daß eine 
solche Gefahr wirklich besieht, so daß der Primitive sich 
mit dein Talm der Virginität gegen eine richtig geahnte, wenn 
auch psychische Gefahr verteidigt. 

Wir schätzen es als die normale Reaktion ein, daß die 
Frau nach dem Koitus auf der Höhe der Befriedigung den 
Mann umarmend an sich preßt, sehen darin einen Ausdruck 





XV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. III. 241 

ihrer Dankbarkeit, und eine Zusage dauernder Hörigkeit. Wir 
wissen aber, es ist keineswegs die Regel, daß auch der ersta 
Verkehr dies Benehmen zur Folge hätte; sehr häufig be- 
deutet er bloß eine Enttäuschung für das Weib, das kühl 
und unbefriedigt bleibt, und es bedarf gewöhnlich längerer 
Zeit und häufigerer Wiederholung des Sexualaktes, bis sich 
bei diesem die Befriedigung auch für da-s Weib einstellt. 
Von diesen Fällen bloß anfänglicher und bald vorübergehen- 
der Frigidität führt eine stetige Reihe bis zu dem unerfreu- 
lichen Ergebnis einer stetig anhaltenden Frigidität, die 
durch keine zärtliche Bemühung des Mannes überwunden 
wird. Ich glaube, diese Frigidität des Weibes ist noch nicht 
genügend verstanden und fordert bis auf jene Fälle, die 
man der ungenügenden Potenz des Mannes zur Last legen 
muß, die Aufklärung, womöglich durch ihr nahe stehende 
Erscheinungen, heraus. 

Die so häufigen Versuche, vor dem ersten Sexualverkchr 
die Flucht zu ergreifen, möchte ich hier nicht heranziehen, 
weil sie mehrdeutig und in erster Linie, wenn auch nicht 
durchaus, als Ausdruck des allgemeinen weiblichen Abwehr- 
bestrebens aufzufassen sind. Dagegen glaube ich, daß ge- 
wisse pathologische Fälle ein Licht auf das Rätsel der weib- 
lichen Frigidität werfen, in denen die Frau nach dem ersten, 
s ja nach jedem neuerlichen Verkehr ihre Feindseligkeit gegen 
den Mann unverhohlen zum Ausdruck bringt, indem sie ihn 
beschimpft, die Hand gegen ihn erhebt oder ihn tatsächlich 
schlägt. In einem ausgezeichneten Falle dieser Art, den 
ich einer eingehenden Analyse unterziehen konnte, geschah 
dies, obwohl die Frau den Mann sehr liebte, den Koitus 
selbst zu fordern pflegte und in ihm unverkennbar hohe 
Befriedigung fand. Ich meine, daß diese sonderbare konträre 

«■'reud, Neurotenlel.re. IV. 16 



242 SCHRIFTEN ZU R NEUROSENLEHRE. IV. 

Reaktion der Erfolg der nämlichen Regungen ist, die sich 
für gewöhnlich nur als Frigidität äußern können, d. h. im 
stände sind, die zärtliche Reaktion aufzuhalten, ohne sich 
dabei selbst zur Geltung zu bringen. In dem pathologischen 
Falle ist sozusagen in seine beiden Komponenten zerlegt, 
was sich bei der weit häufigeren Frigidität zu einer Hem- 
mungswirkung vereinigt, ganz ähnlich, wie wir es an den 
sogenannten „zweizeitigen" Symptomen der Zwangsneurose 
längst erkannt haben. Die Gefahr, welche so durch die De- 
floration des Weibes rege gemacht wird, bestünde darin, 
sich die Feindseligkeit desselben zuzuziehen, und gerade der 
spätere Mann hätte allen Grund, sich solcher Feindschaft 
zu entziehen. 

Die Analyse läßt nun ohne Schwierigkeit erraten, welche 
Regungen des Weilx\s am Zustandekommen jenes paradoxen 
Verhaltens beteiligt sind, in dem ich die Aufklärung der 
Frigidität zu finden erwarte. Der erste Koitus macht eine 
Reihe solcher Regungen mobil, die für die erwünschte weib- 
liche Einstellung unverwendbar sind, von denen einige sich 
auch bei späterem Verkehr nicht zu wiederholen brauchen. 
In erster Linie wird man hier an den Schmerz denken, wel- 
cher der Jungfrau bei der Defloration zugefügt wird, ja viel- 
leicht geneigt sein, dies Moment für entscheidend zu halten 
und von der Suche nach anderen abzustehen. Man kann aber 
eine solche Bedeutung nicht gut dem Schmerze zuschreiben, 
muß vielmehr an seine Stelle die narzißtische Kränkung 
setzen, die aus der Zerstörung eines Organes erwächst, und 
die in dem Wissen um die Herabsetzung des sexuellen Wertes 
der Deflorierten selbst eine rationelle Vertretung findet. Die 
Hochzcitsgcbräuche der Primitiven enthalten aber eine War- 
nung vor solcher (>l>ersehütziing. Wir halx'ii gehört, daß in 



XV. BEITRÄGE ZUE PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. III. 243 

manchen Fällen das Zeremoniell ein zweizeitiges ist, nach 
der (mit Hand oder Instrument) durchgeführten Zerreißung 
des Hymens folgt noch ein offizieller Koitus oder Schein- 
verkehr mit den Vertretern des Mannes, und dies beweist 
uns, daß der Sinn der Tabuvorschrift durch die Vermeidung 
der anatomischen Defloration nicht erfüllt ist, daß dem Ehe- 
mann noch etwas anderes erspart werden soll als die Re- 
aktion der Frau auf die schmerzhafte Verletzung. 

Wir finden als weiteren Grund für die Enttäuschung 
durch den ersten Koitus, daß für ihn, beim Kulturweibe we- 
nigstens, Erwartung und Erfüllung nicht zusammenstimmen 
können. Der Sexualverkehr war bisher aufs stärkste mit dem 
Verbot assoziiert, der legale und erlaubte Verkehr wird darum 
nicht als das nämliche empfunden. Wie innig diese Ver- 
knüpfung sein kann, erhellt in beinahe komischer Weise aus 
dem Bestreben so vieler Bräute, die neuen Liebesbeziehung-en 
vor allen Fremden, ja selbst vor den Eltern geheim zu halten, 
wo eine wirkliche Nötigung dazu nicht besteht und ein Ein- 
spruch nicht zu erwarten ist. Die Mädchen sagen es offen, 
daß ihre Liebe an Wert für sie verliert, wenn andere davon 
wissen. Gelegentlich kann dies Motiv übermächtig werden 
und die Entwicklung der Liebesfähigkeit in der Ehe über- 
haupt verhindern. Die Frau findet ihre zärtliche Empfind- 
lichkeit erst in einem unerlaubten, geheim zu haltenden Ver- 
hältnis wieder, tvo sie sich allein des eigenen unbeeinflußten 

Willens sicher weiß. 

Indes, auch dieses Motiv führt nicht tief genug; außer- 
dem läßt 'es, an Kulturbedingungen gebunden, eine gute Be- 
ziehung zu den Zuständen der Primitiven vermissen. Um so 
bedeutungsvoller ist das nächste, auf der Entwicklungs- 
geschichte der Libido fußende Moment. Es ist uns durch 

16* 



244 SCHRIFTEN ZU R NEÜROSBNLEHKE. IV . 

die Bemühungen clor Analyse bekannl geworden, wie regel- 
mäßig und wie mächtig dm frühesten Fnterbringungen der 
Libido sind. Es handelt sich dabei um festgehaltene Sexual- 
wünsche der Kindheit, beim Wölbe zumeist um Fixierung 
der Libido an den Vater oder an den ihn ersetzenden Bruder, 
Wünsche, die häufig genug auf anderes als den Koitus ge- 
richtet waren oder ihn nur als unscharf erkanntes Ziel ein- 
schlössen. Der Ehemann ist sozusagen immer nur ein Er- 
satzmann, niemals der Richtige; den ersten Satz auf die 
Liebesfähigkeit der Frau hat ein anderer, in typischen Fällen 
der Vater, er höchstens den y.wi •iien. Ks kommt nun darauf 
an, wie intensiv diese Fixierung ist und wie zähe sie fest- 
gehalten wird, damit der Ersatzmann als unbefriedigend ab- 
gelehnt werde. Die Frigidität steht somit unter den gene- 
tischen Bedingungen der Neurase. Je mächtiger das psy- 
chische Element im Sexualleben der Frau ist, desto wider- 
standsfähiger wird sich ihre Lihidoverteilun^ u die Er- 
schütterung des ersten fSexunlaktes erweisen, desto weniger 
überwältigend wird ihre körperliche Hrsil /nähme wirken 
können. Die Frigidität mag sieh dann als neurotische Hem- 
mung festsetzen oder den Hoden Für die Entwicklung anderer 
Neurosen abgeben, und auch nur mäßige Herabsetzungen der 
männlichen Potenz kommen dabei als Helfer sehr in Betracht. 
Dem Motiv des früheren Sexual Wunsches scheint die 
Sitte der Primitiven Rechnung zu tragen, welche die Deflo- 
ration einem Ältesten, Priester, heiligen .Mann, also einem 
Vaterersatz (s. o.), überträgt. Von hier aus scheint mir ein 
gerader Weg zum vielbestrittenen Ins primae noctis des mit- 
telalterlichen Gutsherrn zu führen. A. J. Storfer*) hat die- 



*) Kur Sonderstellung dos Vatermordee, LM1. (Sohrifben rar ange- 
wandten Seolonl'.miiii , XII.) 




XV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBKSLEBENS. III. 245 

selbe Auffassung vertreten, überdies die weitverbreitete In- 
stitution der „Tobiaselie" (der Sitte der Enthaltsamkeit in 
den ersten drei Nächten) als eine Anerkennung der Vorrechte 
des Patriarchen gedeutet, wie vor ihm bereits C. G. Jung.*) 
Es entspricht dann nur unserer Erwartung, wenn wir unter 
den mit der Defloration betrauten Vatersurrogaten auch das 
Götterbild finden. In manchen Gegenden von Indien mußte 
die Neuvermählte das Hymen dem hölzernen Lingain opfern, 
und nach dem Berichte des hl. Augustinus bestand im römi- 
schen Heiratszeremoniell (seiner Zeit?) dieselbe Sitte mit der 
Abschwächung, daJJ sich die junge Frau auf den riesigen 
Steinphallus des Priapus nur zu setzen brauchte.**) 

In noch tiefere Schichten greift ein anderes Motiv zu- 
rück, welches nachweisbar an der paradoxen Reaktion ge- 
gen den Mann die Hauptschuld trägt, und dessen Einfluß 
sich nach meiner Meinung noch in der Frigidität der Frau 
äußert. Durch den ersten Koitus werden beim Weibe noch 
andere alte Regungen als die beschriebenen aktiviert, die der 
weiblichen Funktion und Rolle überhaupt widerstreben. 

Wir wissen aus der Analyse vieler neurotischer Frauen, 
daß sie ein frühes Stadium durchmachen, in dem sie den 
Bruder um das Zeichen der Männlichkeit beneiden und sich 
wegen seines Fehlens (eigentlich seiner Verkleinerung) be- 
nachteiligt und zurückgesetzt fühlen. Wir ordnen diesen 
„Penisneid" dem „Kastrationskomplex" ein. Wenn man unter 
männlich'" das Männlichseinwollen mitversteht, so paßt 



*) Dio Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 
(Jahrbuch für Psychoanalyse, I, 1909.) 

**) P 1 o ß und Bartels, Das Weib I, XII, und Dulaure, Des 
Divinites generatrices. Paris 1865 (reiuiprime sur l'edition de ,1820), 
p. 112 u. ff. 



246 SCHRIFTEN ZUR XEURQSEXLEHBB. IT. 



auf dieses Verhalten die Bezeichnung „männlicher Protest", 
die Alf. Adler geprägt hat, um diesen Faktor zum Träger 
der Neurose überhaupt zu proklamieren. In dieser Phase 
machen die Mädchen aus ihrem Neid und der daraus abge- 
leiteten Feindseligkeit gegen den begünstigten Bruder oft 
kein Hehl: sie versuchen es auch, aufrecht stehend wie 
der Bruder zu urinieren, um ihre angebliche Gleichberech- 
tigung zu vertreten. In dem bereits erwähnten Falle von 
uneingeschränkter Aggression gegen den sonst geliebten Mann 
nach dem Koitus konnte ich feststellen, daß diese Phase 
vor der Objekt wähl bestanden hatte. Erst später wandte sich 
die Libido des kleinen Mädchens dem Vater zu, und dann 
wünschte sie sich anstatt des Penis' — ein Kind.*) 

Ich würde nicht überrascht sein, wenn sich in anderen 
Füllen die Zeitfolge dieser Regungen umgekehrt fände und 
dies Stück des Kastrationskomplcxcs erst nach erfolgter 
Objektwahl zur Wirkung käme. Aber die männliche Phase 
des Weibes, in der es den Knaben um den Peius beneidet, 
ist jedenfalls die entwicklungsgeschichtlich frühere und stellt 
dem ursprünglichen Narzißmus näher als der Objektliebe. 
Vor einiger Zeit gab mir ein Zufall Gelegenheit, den 
Traum einer Neuvermählten zu erfassen, der .sieh als Reaktion 
auf ihre Entjungferung erkennen ließ. Er verriet ohne Zwang 
den Wunsch des Weibes, den jungen Ehemann zu kastrieren 
und seinen Penis bei sich zu behalten. Fs war gewiß auch 
Raum für die harmlosere Deutung, es sei die Verlängerung 
und Wiederholung des Aktes gewünscht worden, allein 
manche Einzelheiten des Traumes gingen über diesen Sinn 
hinaus, und der Charakter wie das spätere Benehmen der 

*) Siehe: Über Triebumsrl/.iingen lotbUOOderO der Analorotik. Diese 
Zeitschrift IV, 3, 1OT8/17. 






XV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. III. 247 

Träumerin legten Zeugnis für die ernstere Auffassung ab. 
Hinter diesem Penisneid kommt nun die feindselige Erbit- 
terung des Weibes gegen den Mann zum Vorschein, die in 
den Beziehungen der Geschlechter niemals ganz zu ver- 
kennen ist, und von der in den Bestrebungen und literari- 
schen Produktionen der „Emanzipierten" die deutlichsten An- 
zeichen vorliegen. Diese Feindseligkeit des Weibes führt 
Ferenczi — ich weiß nicht, ob als erster — in einer 
paläobiologischen Spekulation bis auf die Epoche der Diffe- 
renzierung der Geschlechter zurück. Anfänglich, meint er, 
fand die Kopulation zwischen zwei gleichartigen Individuen 
statt, von denen sich aber eines zum stärkeren entwickelte 
und das schwächere zwang, die geschlechtliche Vereinigung 
zu erdulden. Die Erbitterung über dies Unterlegensein setze 
sich noch in der heutigen Anlage des Weibes fort. Ich halte 
es für vorwurfsfrei, sich solcher Spekulationen zu bedienen, 
solange man es vermeidet, sie zu überwerten. 

Nach dieser Aufzählung der Motive für die in der 
Frigidität spurweise fortgesetzte paradoxe Eeaktion des 
Weibes auf die Defloration, darf man es zusammenfassend 
aussprechen, daß sich die unfertige "Sexualität des 
Weibes an dem Manne entlädt, der sie zuerst den Sexualakt 
kennen lehrt. Dann ist aber das Tabu der Virginität sinn- 
reich genug, und wir verstehen die Vorschrift, welche ge- 
rade den Mann solche Gefahren vermeiden heißt, der in ein 
dauerndes Zusammenleben mit dieser Frau eintreten soll. 
Auf höheren Kulturstufen ist die Schätzung dieser Gefahr 
gegen die Verheißung der Hörigkeit und gewiß auch gegen 
andere Motive und Verlockungen zurückgetreten; die Vir- 
ginität wird als ein Gut betrachtet, auf welches der Mann 
nicht verzichten soll. Aber die Analyse der Ehestörungen 



248 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSEN LEHRE. IV. 



lehrt, daß die Motive, welche das Weib dazu nötigen wollen, 
Rache für ihre Defloration zu nehmen, auch im Seelenleben 
des Kulturweibes nicht ganz erloschen sind. loh meine, es 
muß dem Beobachter auffallen, in einer wie ungewöhnlich 
großen Anzahl von Fällen das Weib in einer ersten Ehe 
frigid bleibt und sich unglücklich fühlt, während sie nach 
Lösung dieser Ehe ihrem zweiten Manne eine zärtliche und 
beglückende Frau wird. Die archaische Reaktion hat sich 
sozusagen am ersten Objekt erschöpft. 

Das Tabu der Virgiuität ist aber auch sonst in unserem 
Kulturleben nicht untergegangen. Die Volksseele weiß von 
ihm und Dichter haben sich gelegentlich dieses Stuffes be- 
dient. An zen gruber stellt in einer Komödie dar, wie sich 
ein einfältiger Bauernbursche abhalten läßt, die ihm zuge- 
dachte Braut zu heiraten, weil sie ,,.-i |)i n ,' is, was ihrem 
ersten 's Leben kost'". Er willigt, darum ein, daß sie einen 
anderen heirate, und will sie dann als Wittfrau nehmen, wo 
sie ungefährlich ist. Der Titel des Stückes: „Das Juugfern- 
gift" erinnert daran, daß Seh langen bündiger die (iiftschlange 
vorerst in ein Tüchlein beißen lassen, um sie dann unge- 
fährdet zu handhaben.*) 

*) Eine meisterhaft, knappe Erzählung vou A. Schnitzlor („Das 
Schicksal des Freilierm v. LeiNcnbogh") verdienb trotz der Abweichung 
in der Situation hier angereiht zu worden. Der durch einen Unfall ver- 
unglückte- Liebhaber einer in der Liebo vielcrfalu-ouen Schauspielerin hat 
ihr gleichsam eine neue Virginität go.sclui.lfi, indem or den Todosfluch 
über den Mann ausspricht!, dor blo zuerst nach ihm besitzen wird. Das 
mit diosom Tabu belegte Weib getraut sich auch eine Woilo des Liobes- 
verkehres nicht. Nachdem sie sich ul>cr in einen Sänger verliebt hat^ 
greift sie zur Auskunft, vorher dem Freihorrn v. Leisonbogli eine Nacht 
zu schenken, der sich seit Jahren erfolglos um sie bemüht. An ihm 
erfüllt Bich auch dor Fluch ; er wird vom Schlag getroffen, sobald er 
das Motiv Beines unverhofften Lk-bosglückoa erfährt. 



XV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. III. 249 

Das Tabu der Virginität und ein Stück seiner Motivie- 
rung hat seine mächtigste Darstellung in einer bekannten 
dramatischen Gestalt gefunden, in der Judith in Hebbels 
Tragödie „Judith und Holofernes". Judith ist eine jener 
Frauen, deren Virginität durch ein Tabu geschützt ist. Ihr 
erster Mann wurde in der Brautnacht durch eine rätselhafte 
Angst gelähmt und wagte es nie mehr, sie zu berühren, 
i, Meine Schönheit ist die der Tollkirsche," sagt sie. „Ihr 
Genuß bringt Wahnsinn und Tod." Als der assyrische Feld- 
herr ihre Stadt bedrängt, faßt sie den Plan, ihn durch ihre 
Schönheit zu verführen und zu verderben, verwendet so ein 
patriotisches Motiv für Verdeckung eines sexuellen. Nach 
der Defloration durch den gewaltigen, sich seiner Stärke und 
Rücksichtslosigkeit rühmenden Mann findet sie in ihrer Em- 
pörung die Kraft, ihm den Kopf abzuschlagen, und wird so 
zur Befreierin ihres Volkes. Köpfen ist uns als symbolischer 
Ersatz für Kastrieren wohlbekannt; danach ist Judith das 
Weib, das den Mann kastriert, von dem sie defloriert wurde, 
wie es auch der von mir berichtete Traum einer Neuvermählten 
wollte. Hebbel hat die patriotische Erzählung aus den 
Apokryphen des Alten Testaments in klarer Absichtlichkeit 
sexualisiert, denn dort kann Judith nach ihrer Rückkehr 
rühmen, daß sie nicht verunreinigt worden ist, auch fehlt 
im Text der Bibel jeder Hinweis auf ihre unheimliche Hoch- 
zeitsnaeht, Wahrscheinlich hat er aber mit dem Fein- 
gefühl des Dichters das uralte Motiv verspürt, das in jene 
tendenziöse Erzählung eingegangen war, und dem Stoff nur 
seinen früheren Gehalt wiedergegeben. 

J. Sad^-er hat in einer trefflichen Analyse ausgeführt, 
wie Hebbel durch seinen eigenen Elternkomplex in seiner 
Stoffwahl bestimmt wurde, und wie er dazu kam, so regel- 



250 SCHRIFTEN ZUR NF.UROSENLEHRE. IV. 

mäßig im Kampfe der Geschlechter für das Weib Partei zu 
nehmen und sich in dessen verborgenste Seclenrcgungen ein- 
zufühlen.*) Er zitiert auch die Motivierung, die der Dichter 
selbst für die von ihm eingeführte Abänderung des Stoffes 
gegeben hat, und findet sie mit Hecht gekünstelt und wie 
dazu bestimmt, etwas dem Dichter selbst Unbewußtes nur 
äußerlich zu rechtfertigen und im Grunde zu verdecken. Sad- 
gers Erklärung, warum die nach der biblischen Erzählung 
verwitwete Judith zur jungfräulichen Witwe werden mußte, 
will ich nicht antasten. Er weist auf die Absicht der kind- 
lichen Phantasie hin, den sexuellen Verkehr der Eltern zu 
verleugnen und die Mutter zur unberührten Jungfrau zu 
machen. Aber ich setze fort: Nachdem der Dichter die 
Jungfräulichkeit seiner Heldin festgelegt hatte, verweilte 
seine nachfühlende Phantasie bei der feindseligen Reaktion, 
die durch die Verletzung der Virginitat ausgelöst wird. 

Wir dürfen also abschließend sagen: Die Defloration 
hat nicht nur die eine kulturelle Folge, das Weib dauernd 
an den Mann zu fesseln; .sie entfessolt auch eine archaische 
Reaktion von Feindseligkeit gegen den Mann, welche patholo- 
gische Formen annehmen kann, die sich häufig genug durch 
Hemmungserscheinungen im Liebeslcbcn der Ehe äußern, 
und der man es zuschreiben darf, daß zweite Ehen so oft 
besser geraten als die ersten. Das befremdende Tabu der 
Virginitat, die Scheu, mit welcher bei den Primitiven der 
Ehemann der Defloration aus dem Wege geht, finden in 
dieser feindseligen Reaktion ihre volle Rechtfertigung. 

Es ist nun interessant, daß man als Analytiker Frauen 
begegnen kann, bei denen die entgegengesetzten Reaktionen 
von Hörigkeit und Feindseligkeit beide zum Ausdruck ge- 

*) "V >n der Pathographio zur Psychographio. Iraago, I. Bd., 1012. 



XV. BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. 111. 251 



kommen und in inniger Verknüpfung miteinander geblieben 
sind. Es gibt solche Frauen, die mit ihren Männern völlig 
zerfallen scheinen und doch nur vergebliche Bemühungen 
machen können, sich von ihnen zu lösen. So oft sie es ver- 
suchen, ihre Liebe einem anderen Manne zuzuwenden, tritt 
das Bild des ersten, doch nicht mehr geliebten, hemmend 
dazwischen. Die Analyse lehrt dann, daß diese Frauen aller- 
dings noch in Hörigkeit an ihren ersten Männern hängen, 
aber nicht mehr aus Zärtlichkeit. Sie kommen von ihnen 
nicht frei, weil sie ihre Bache an ihnen nicht vollendet, in 
ausgeprägten Fällen die rachsüchtige Regung sich nicht 
einmal zum Bewußtsein gebracht haben. 









XVI. 



TRI KHK UND TRIEBSCHICKSALE.*) 



Wir haben oftmals di<' Forderung vertreten gehört, daß 

cinj Wissenschaft über klaren und scharf definierten Grund- 
begriffen aufgebaut sein soll. In Wirklichkeil beginnt keine 
Wissenschaft mit solchen Definitionen, auch die exaktesten 
nicht. Der richtige Anfang der Wissenschaft liehen Tätigkeit 
bestoht vielmehr in der Beschreibung von Erscheinungen^ 
die dann weiterhin gruppiert, angeordnet und in Zusammen- 
hänge eingetragen werden. Schon bei ,|, r ^Schreibung kann 
man es nicht vermeiden, gewisse akstrakte Ideen auf <\i^ 
Material anzuwenden, die man irgendwoher, gewiß nicht aus 
der neuen Erfahrung allein, herbeiholt. Noch unentbehrlicher 
sind solche Ideen — die späteren Grundbegriffe der Wissen- 
schaft — bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes. Sie 
müssen anmachst eis gewisses Maß von Unbestimmtheit an 
sich tragen; von einer klaren Unizciohnung ihres Inhaltes 
kann keine Rede sein. Solange sie sieh in diesen. Zustande 
befinden, verständigt man sieh aber ihre Bedeutung durch 
den wiederholten Hinweis auf das Erfahrungsmaterial, dem 
sie entnommen scheinen, das aber in Wirklichkeit ihnen un- 
terworfen wird. Sie haben also strenge genommen den Cha- 
rakter von Konventionen, wobei aber alles darauf ankommt* 
daß sie doch nicht willkürlich gewühlt werden, sondern durch 

*) Intern. Zeitsclir. für ai'ztl. Psycliouiuilyau 111, 11)15. 



XVI. TRIEBE UND TßlEHSCHICKSALK 9f,o, 

bedeutsame Beziehungen zum empirischen Stoffe bestimmt 
sind die man zu erraten vermeint, noch ehe man sie er- 
kennen und nachweisen kann. Erst nach gründlicherer Er- 
forschung des betreffenden Erscheinungsgebietes kann man 
auch dessen wissenschaftliche Grundbegriffe schärfer er- 
fassen und sie fortschreitend so abändern, daß sie in großem 
Umfange brauchbar und dabei durchaus widerspruchsfrei wer- 
den. Dann mag es auch an der Zeit sein, sie in Definitionen 
zu bannen. Der Fortschritt der Erkenntnis duldet aber auch 
keine Starrheit der Definitionen. Wie das Beispiel der Physik 
in glänzender Weise lehrt, erfahren auch die in Definitionen 
festgelegten „Grundbegriffe" einen stetigen Inhaltswandel. 

Ein solcher konventioneller, vorläufig noch ziemlich 
dunkler Grundbegriff, den wir aber in der Psychologie nicht 
entbehren können, ist der des Triebes. Versuchen wir es, 
ihn von verschiedenen Seiten her mit Inhalt zu erfüllen. 

Zunächst von seiten der Physiologie. Diese hat uns den 
Begriff des Reizes und das Reflexschema gegeben, dem- 
zufolge ein von außen her an das lebende Gewebe (der Nerven- 
substanz) gebrachter Reiz durch Aktion nach außen abge- 
führt wird. Diese Aktion wird dadurch zweckmäßig, daß sie 
die gereizte Substanz der Einwirkung des Reizes entzieht, 
aus dem Bereich der Reizwirkung entrückt. 

Wie verhält sicli nun der „Trieb" zum „Reiz"? Es hin- 
dert uns nichts, den Begriff des Triebes unter den des Reizes 
zu subsummieren : der Trieb sei ein Reiz für das Psychische. 
Aber wir werden sofort davor gewarnt, Trieb und psychischen 
Reiz gleichzusetzen. Es gibt offenbar für das Psychische 
Hoch andere Reize als die Triebreize, solche, die sich den 
physiologischen Reizen weit ähnlicher benehmen. Wenn z. B. 
ein starkes Licht auf das Auge fällt, so ist das kein Trieb- 



254 



SCHRIFTEN ZUR NEUBOSENLEHBE, IV. 



reiz; wohl aber, wenn sich die Austrocknung der Schlund- 
schlcimhaut fühlbar macht oder die Anatzung der Magen- 
schleimhaut.*) 

Wir haben nun Material für die Unterscheidung von 
Triebreiz und anderem (physiologischem) Reiz, der auf das 
Seelische einwirkt, gewonnen. Erstens: Der Triebreiz stammt 
nicht aus der Außenwelt, sondern aus dein Innern des Orga- 
nismus selbst. Er wirkt darum auch anders auf das Seelische 
und erfordert zu seiner Beseitigung andere Akt innen. Ferner: 
Alles für den Reiz Wesen I liehe ist gegeben, wenn wir an- 
nehmen, er wirke wie ein einmaliger Stoß; er kann dann 
auch durch eine einmalige zweckmäßige Aktion erledigt wer- 
den, als deren Typus die motorische Flucht vor der Reiz- 
quellc hinzustellen ist. Natürlich können sicli diese Stöße 
auch wiederholen und summieren, aber das ändert nichts 
an der Auffassung des Vorganges und an den Bedingungen 
der Reizaufhebung. Der Trieb hingegen wirkt nie wie eine 
momentane Stoßkraft, sondern immer wie eine kon- 
stante Kraft. Da er nicht von außen, sondern vom Körper- 
innern her angreift, kann auch keine Flucht gegen ihn nützen. 
Wir heißen den Triebreiz besser „Bedürfnis"; was dieses 
Bedürfnis aufhebt, ist die „Befriedigung". Sie kann nur 
durch eine zielgerechte (adäquate) Veränderung der inneren 
Reizquelle gewonnen werden. 

Stellen wir uns auf den Standpunkt, eines fast völlig 
hilflosen, in der Welt noch unorienlierten Leidwesens, welches 
Reize in seiner Nervensubstanz auffängt. Dies Wesen wird 
sehr bald in die Lage kommen, eine erste Unterscheidung 
zu machen und eine erste Orientierung zu gewinnen. Es wird 

*) Vorausgesetzt nämlich, dnß diese inneren Vorgänge dio orga- 
nischen Grundlagen der licliii fnissc Durst und Hunger sind. ■ 



XVI. TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE. 255 

einerseits Reize verspüren, denen es sich durch eine Muskel- 
aktion (Flucht) entziehen kann, diese Reize rechnet es zu 
einer Außenwelt; anderseits aber auch noch Reize, gegen 
welche eine solche Aktion nutzlos bleibt, die trotzdem ihren 
konstant drängenden Charakter behalten, diese Reize sind 
das Kennzeichen einer Innenwelt, der Beweis für Trieb- 
bedürfnisse. Die wahrnehmende Substanz des Lebewesens 
wird so an der Wirksamkeit ihrer Muskeltätigkeit einen An- 
haltspunkt gewonnen haben, um ein „außen" von einem 
„innen" zu scheiden. 

Wir finden also das Wesen des Triebes zunächst in 
seinen Hauptcharakteren, der Herkunft von Rcizquellen im 
Innern des Organismus, dem Auftreten als konstante Kraft, 
und leiten davon eines seiner weiteren Merkmale, seine Un- 
bezwingbaxkeit durch Fluchtaktionen ab. Während dieser 
Erörterungen mußte uns aber etwas auffallen, was uns ein 
weiteres Eingeständnis abnötigt. Wir bringen nicht nur ge- 
wisse Konventionen als Grundbegriffe an unser Erfahrungs- 
material heran, sondern bedienen uns auch mancher kompli- 
zierter Voraussetzungen, um uns bei der Bearbeitung 
der psychologischen Erscheinungswelt leiten zu lassen. Die 
wichtigste dieser Voraussetzungen haben wir bereits lan- 
geführt; es erübrigt uns noch, sie ausdrücklich hervorzuheben. 
Sie ist biologischer Natur, arbeitet mit dem Begriff der 
Tendenz (eventuell der Zweckmäßigkeit) und lautet: Das 
Nervensystem ist ein Apparat, dem die Funktion erteilt ist, 
die anlangenden Reize wieder zu beseitigen, auf möglichst 
niedriges Niveau herabzusetzen, oder der, wenn es nur mög- 
lich wäre, sich überhaupt reizlos erhalten wollte. Nehmen 
wir an der Unbestimmtheit dieser Idee vorläufig keinen An- 
stoß und geben wir dem Nervensystem die Aufgabe — all- 



256 SCIIKIITKN ZUR NEl'KOSKXLKHRE. IV. 

gemein gcsproclicn : der R c i z b e w 8 1 1 i g u Q g. Wir sehen 
dann, wie sehr <tit* lOiniuhrung der Triel>e da.s einfache phy- 
siologische Rcfloxseheina koiiijil i/.i<r1 . Die äußeren Reize 
stellen nur die eine Aufgabe, sich ihnen zu entziehen, dies 
geschieht dann durch Bftlflfeelbewegiingen, von denen endlich 
eine das Ziel erreicht und dann als die zweckmäßige zur erb- 
lichen Disposition wird. Die im Innern des Organismus ent- 
stehenden Triebreize sind durch diesen Mechanismus nicht 
zu erledigen. Sie stellen also weil, höhere Anforderungen an 
das Nervensystem, veranlassen es zu verwickelten, ineinander 
greifenden Tätigkeiten, welche die Außenwelt so weit ver- 
ändern, daß sie der inneren Reizquelle dir l'.efiiedimmg bietet, 
und nötigen es vor allem, auf seine ideale Absieht der Reiz- 
fcrnhalümg ZU verzichten, da. sie eine unvermeidliche konti- 
nuierliche Reizzufnhr unterhalten. Wir dürfen also wohl 
schließen, daß sie, die Triebe, und nicht die äußeren Reize, 
die eigentlichen Motoren der Fortschritte sind, welche das 
so unendlich leistungsfähige Nervensystem auf seine gegen- 
wärtige Entwicklungsliüho gebracht, haben. Natürlich steht 
nichts der Annahme im Wege, daß die Triebe selbst, wenig- 
stens zum Teil, Niederschläge äußerer Heizwirkungen sind, 
welche im Laufe der Phylogenese auf die l,.|>ende Substanz 
verändernd einwirkt en. 

Wenn wir dann finden, daß die Tätigkeit auch der höchst- 
entwickelten Seelenapparate dem Lustprinzip unterliegt, 
d. h. durch Empfindungen der Lusl-Unlustreihc automatisch 
reguliert wird, so können wir die weiten- Voraussetzung 
schwerlich abweisen, daß diese Empfindungen die Art, wie 
die Rcizbcwälfigung vor sich gehl, wiedergeben. Sicherlich 
in dem Sinne, daß die Unlustcmpfindimg mit Steigerung, die 
Lustempfindung mit Herabsetzung des Reizes zu tun hat. 






XVI. TRIEBE UND T RIEBSCHICKSALE. 257 

Die weitgehende Unbestimmtheit dieser Annahme wollen wir 
aber sorgfältig festhalten, bis es uns etwa gelingt, die Art 
der Beziehung zwischen Lust-Unlust und den Schwankungen 
der auf das Seelenleben wirkenden Reizgrößen zu erraten. 
Es sind gewiß sehr mannigfache und nicht sehr einfache 
solcher Beziehungen möglich. 

Wenden wir uns nun von der biologischen Seite her der 
Betrachtung des Seelenlebens zu, so erscheint uns der „ Trieb" 
als ein Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, 
als psychischer Repräsentant der aus dem Körperinnern stam- 
menden, in die Seele gelangenden Reize, als ein Maß der 
Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines Zu- 
sammenhanges mit dem Körperlichen auferlegt ist. 

Wir können nun einige Termini diskutieren, welche im 
Zusammenhang mit dem Begriffe Trieb gebraucht werden, 
wie: Drang, Ziel, Objekt, Quelle des Triebes. 

Unter dem Drange eines Triebes versteht man dessen 
motorisches Moment, die Summe von Kraft oder dag Maß 
von Arbeitsanforderung, das er repräsentiert. Der Charakter 
des Drängenden ist eine allgemeine Eigenschaft der Triebe, 
ja das Wesen derselben. Jeder Trieb ist ein Stück Aktivität; 
wenn man lässigerweise von passiven Trieben spricht, kann 
man nichts anderes meinen als Triebe mit passivem Ziele. 

Das Ziel eines Triebes ist allemal die Befriedigung, die 
nur durch Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle 
erreicht werden kann. Aber wenn auch dies Endziel für jeden 
Trieb unveränderlich bleibt, so können doch verschiedene 
Wege zum gleichen Endziel führen, so daß sich mannigfache 
nähere oder intermediäre Ziele für einen Trieb ergeben können, 
die miteinander kombiniert oder gegeneinander vertauscht 
werden. Die Erfahrung gestattet uns auch von „zielge- 

Freiwl, Neurosenlehre. IV. 17 



258 SCniilFTBN ZU R NKUR08BNLEHRE. IV. 

hemmten" Trieben zu sprechen bei Vorgängen, die ein 
Stück weit in der Richtung der Triebbefriedigung zugelassen 
werden, dann aber eine Hemmung oder Ablenkung erfahren. 
Es ist anzunehmen, daß auch mit solchen Vorgängen eine 
partielle Befriedigung verbunden ist. 

Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder 
durch welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist 
das variabelste am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm ver- 
knüpft, sondern ihm nur infolge seiner Eignung zur Ermög- 
lichung der Befriedigung zugeordnet. Es ist nicht notwendig 
ein fremder Gegenstand, sondern ebensowohl ein Teil des 
eigenen Körpers. Es kann im Laufe der Lebensschicksale 
dos Triebes beliebig oft gewechselt werden ; dieser Verschie- 
bung des Triebes fallen die l>cdent s.-unslen Hollen zu. Es kann 
der Fall vorkommen, daß dasselbe Objekt gleichzeitig meh- 
reren Trieben zur Befriedigung dient, nach Alf. Adler der 
Fall der Triebversch ränkung. Eine besonders innige 
Bindung des Trieln-s ;m das Objekt wird als Fixierung 
desselben hervorgehoben. Sie vollzieht sich oft in sehr 
frühen Perioden der TiieUntwicklung und macht der Beweg- 
lichkeit des Triebes ein Ende, indem sie der Lösung intensiv 
widerstrebt. 

Unter der Quelle-des Triebes versteht man jenen soma- 
tischen Vorgang in einem Organ oder Körperteil, dessen Reiz 
im Seelenleben durch den Trieb repräsentiert isi. Es ist un- 
bekannt, ob dieser Vorgang regelmäßig chemischer Natur ist 
oder auch der Entbindung anderer, z. B. mechanischer Kräfte 
entsprechen kann. Das Studium der Tri« Ixpucllen gehört der 
Psychologie nicht mehr nn ; obwohl die Herkunft aus der 
somatischen Quelle das schlechtweg Entscheidende für den 
Trieb ist, wird er uns im Seelenleben doch nicht anders als 



XVI. TRIEBE UND TRIEBSCHICKS ALE. 259 

durch seine Ziele bekannt. Die genauere Erkenntnis der Trieb- 
quellen ist für die Zwecke der psychologischen Forschung 
nicht durchwegs erforderlich. Manchmal ist der Rückschluß 
aus den Zielen des Triebes auf dessen Quellen gesichert. 

Soll man annehmen, daß die verschiedenen aus dem 
Körperlichen stammenden, auf das Seelische wirkenden 
Triebe auch durch verschiedene Qualitäten ausgezeichnet 
sind und darum in qualitativ verschiedener Art sich im 
Seelenleben benehmen? Es scheint nicht gerechtfertigt; man 
reicht vielmehr mit der einfacheren Annahme aus, daß die 
Triebe alle qualitativ gleichartig sind und ihre Wirkung nur 
den Erregungsgrößen, die sie führen, verdanken, vielleicht 
noch gewissen Funktionen dieser Quantität. Was die psy- 
chischen Leistungen der einzelnen Triebe voneinander unter- 
scheidet, läßt sich auf die Verschiedenheit der Triebquellen 
zurückführen. Es kann allerdings erst in einem späteren Zu- 
sammenhange klargelegt werden, was das Problem der Trieb- 
qualität bedeutet. 

Welche Triebe darf man aufstellen und wie viele? Da- 
bei ist offenbar der Willkür ein weiter Spielraum gelassen. 
Man kann nichts dagegen einwenden, wenn jemand den Be- 
griff eines Spieltriebes, Destruktionstriebes, Geselligkeits- 
triebes in Anwendung bringt, wo der Gegenstand es fordert 
und die Beschränkung der psychologischen Analyse es zu- 
läßt. Man sollte aber die Frage nicht außer acht lassen, 
ob diese einerseits so sehr spezialisierten Triebmotive nicht 
eine weitere Zerlegung in der Richtung nach den Triebquellen 
gestalten, so daß nur die weiter nicht zerlegbaren Urtricbe 
eine Bedeutung beanspruchen können. 

Ich habe vorgeschlagen, von solchen Urtrieben zwei 
Gruppen zu unterscheiden, die der Ich- oder Selbst- 

17* 



260 SCHRIFTEN ZUR K EUROSKNLEHRE. IV. 

erhaltungstriebe und die der Sexualtriebe. Dieser 
Aufstellung kommt aber nicht die Bedeutung einer notwen- 
digen Voraussetzung zu, wie z. B. der Annahme über die bio- 
logische Tendenz des seelischen Apparates (s. o.); sie ist 
eine bloße Hilfskonstruktion, die nicht langer festgehalten 
werden soll, als sie sich nützlich erweist, und deren Ersetzung 
durch eine andere an den Ergebnissen unserer beschreibenden 
und ordnenden Arbeit wenig ändern wird. Der Anlaß zu 
dieser Aufstellung hat sich aus der Entwicklungsgeschichte 
der Psychoanalyse ergeben, welr.hr die Psyehoncurosen, und 
zwar die als „Ubertragungsneurosen" zu bezeichnende Gruppe 
derselben (Hysterie und Zwangsneurose) zum ersten Objekt 
nahm und an ihnen zur Einsieht gelangle, daß ein Konflikt 
zwischen den Ansprüchen der Sexualität and denen des Ichs 
an der Wurzel jeder solchen Affektion zu finden sei. Es ist 
immerhin möglich, daß ein eindringendes Studium der an- 
deren neurotischen Affekt ionrn (vor allem der narzißtischen 
Psychoneurosen : der Schizophrenien) zu einer Abänderung 
dieser Formel und somit zu einer anderen Gruppierung der 
Urtriebe nötigen wird. Aber gegenwärtig kennen wir diese 
neue Formel nicht und haben auch noch kein Argument ge- 
funden, welches der Gegenüberstellung von Ich- und Sexual- 
trieben ungünstig wäre. 

Es ist mir ülwiliaupf zweifelhaft, ob es möglich sein 
wird, auf Grund der Bearbeitung des psychologischen Ma- 
terials entscheidende Winke zur Scheidung und Klassifizie- 
rung der Triebe zu gewinnen. Ms erseheint vielmehr notwen- 
dig, zum Zwecke dieser Bearbeitung bestimmte Annahmen 
über das Triebleben an das Material heranzubringen, und es 
wäre wünschenswert, daß Juan diese Annahmen einem an- 
deren Gebiete entnehmen könnte, um sie auf *U Psychologie 



XVI. TRIEBE UND THIEBSCHICKSALE. 2G1 



zu übertragen. Was die Biologie hiefür leistet, läuft der 
Sonderling von Ich- und Sexualtrieben gewiß nicht zuwider. 
Die Biologie lehrt, daß die Sexualität nicht gleichzustellen 
ist den anderen Funktionen des Individuums, da ihre Ten- 
denzen über das Individuum hinausgehen und die Produktion 
neuer Individuen, also die Erhaltung der Art, zum Inhalt 
haben. Sie zeigt uns ferner, daß zwei Auffassungen des Ver- 
hältnisses zwischen Ich und Sexualität wie gleichberechtigt 
nebeneinander stehen, die eine, nach welcher das Individuum 
die Hauptsache ist und die Sexualität als eine seiner Be- 
tätigungen, die Sexualbefriedigung als eines seiner Bedürf- 
nisse wertet, und eine andere, derzufolge das Individuum ein 
zeitweiliger und vergänglicher Anhang an das quasi unsterb- 
liche Keimplasma ist, welches ihm von der Generation an- 
vertraut wurde. Die Annahme, daß sich die Sexualfunktion 
durch einen besonderen Chemismus von den anderen Körper- 
vorgängen scheidet, bildet, soviel ich weiß, auch eine Voraus- 
setzung der Ehrlich sehen biologischen Forschung. 

Da das Studium des Trieblebens vom Bewußtsein her 
kaum übersteigbare Schwierigkeiten bietet, bleibt die psycho- 
analytische Erforschung der Seelenstörungen die Hauptquelle 
unserer Kenntnis. Ihrem Entwicklungsgang entsprechend hat 
uns aber die Psychoanalyse bisher nur über die Sexualtriebe 
einigermaßen befriedigende Auskünfte bringen können, weil 
sie o-erade nur diese Triebgruppe an den Psychoneurosen wie 
isoliert beobachten konnte. Mit der Ausdehnung der Psycho- 
analyse auf die anderen neurotischen Affektionen wird ge- 
wiß auch unsere Kenntnis der Ichtriebe begründet werden, 
obwohl es vermessen erscheint, auf diesem weiteren For- 
schungsgebiete ähnlich günstige Bedingungen für die Beob- 
achtung zu erwarten. 



262 



SCHRIFTEN ZUR HEUBOSENLEHBB. IV. 



Zu einer allgemeinen Charakteristik der Sexualtriebe 
kann man folgendes aussagen: Sic sind zahlreich, entstam- 
men vielfältigen organischen Quellen, betätigen sich zunächst 
unabhängig voneinander und werden erst spät zu einer mehr 
oder minder vollkommenen Synthese zusammengefaßt. Das 
Ziel, das jeder von ihnen anstrebt, ist die Erreichung der 
Organlust; erst nach vollzogener Synthese treten sie in 
den Dienst der Fortpf la n ■/. u n-- • Funktion, womit sie dann 
als Sexualtriebe allgemein kenntlich werden. Bei ihrem er- 
sten Auftreten leimen sie sich zuerst an die Erhaltungstriebe 
an, von denen sie sieh erst allmählich ablösen, folgen auch 
bei der Objektfindung den Wegen, die ihnen die Ichtriebe 
weisen. Ein Anteil von ihnen bleibt den lohtrieben zeitlebens 
gesellt und stattet diese mit Libidinö.sen Komponenten 
aus, welche während der normalen Funktion leicht übersehen 
und erst durch die Erkrankung klargelegt werden. Sie sind 
dadurch ausgezeichnet, daß sie in großem Ausmaße vika- 
riierend für einander eintreten und leicht ihre Objekte wech- 
seln können. Infolge der letztgenannten Kigcnschaften sind 
sie zu Leistungen befähigt, die weitab von ihren Ursprung-! 
liehen Zielhandlungcu liegen. (Suhl i in ier ung.) 

Die Untersuchung, welche Schicksale Trielxj im Laufe 
der Entwicklung und des Lebens erfahren können, werden 
wir auf die uns besser bekannten Sexualtriebe einschränken 
müssen. Die Beobachtung lehrt uns als solche Triebsehiek- 
sale folgende kennen: 

Die Vorkehrung ins Gegenteil. 

Die Wendung gegen die eigene Person. 

Die Verdrängung. 

Die Sublimierung. 



- 



XVI. TRIEBE UND TRIFBSCHICKSALE. 263 

Da ich die Sublimierung hier nicht zu behandeln gedenke, 
die Verdrängung aber ein besonderes Kapitel beansprucht, 
erübrigt uns nur Beschreibung und Diskussion der beiden 
ersten Punkte. Mit Kücksicht auf Motive, welche einer 
direkten Fortsetzung der Triebe entgegenwirken, kann man 
die Triebschicksale auch als Arten der Abwehr gegen die 
Triebe darstellen. 

Die Verkehrung ins Gegenteil löst sich bei näherem 
Zusehen in zwei verschiedene Vorgänge auf, in die Wen- 
dung eines Triebes von der Aktivität zur Passivität 
und in die inhaltliche Verkehrung. Beide Vorgänge 
sind, weil wesensverschieden, auch gesondert zu behandeln. 

Beispiele für den ersteren Vorgang ergeben die Gegen- 
satzpaare Sadismus — Masochismus und Schaulust — Exhibition. 
Die Verkehrung betrifft nur die Ziele des Triebes; für das 
aktive Ziel: quälen, beschauen, wird das passive: gequält 
werden, beschaut werden eingesetzt. Die inhaltliche Ver- 
kehrung findet sich in dem einen Falle der Verwandlung 
des Liebens in ein Hassen. 

Die Wendung gegen die eigene Person wird uns 
durch die Erwägung nahegelegt, daß der Masochismus ja ein 
o-egen das eigene Ich gewendeter Sadismus ist, die Exhibition 
das Beschauen des eigenen Körpers mit einschließt. Die ana- 
lytische Beobachtung läßt auch keinen Zweifel daran be- 
stehen, daß der Masochist das Wüten gegen seine Person, 
der Exhibitionist das Entblößen derselben mitgenießt. Das 
Wesentliche an dem Vorgang ist also der Wechsel des Ob- 
jektes bei ungeändertem Ziel. 

Es kann uns indes nicht entgehen, daß Wendung gegen 
die eigene Person und Wendung von der Aktivität zur Passi- 
vität in diesen Beispielen zusammentreffen oder zusammen- 



2C4 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSIXr.KIlKK IV. 




fallen. Zur Klarstellung der Besiehungen wird eine gründ- 
lichere Untersuchung unerläßlich. 

Beim Gegensatzpaar »Sailisinu.s — Masochismus kann man 
den Vorgang folgendermalien darf teilen: 

a) Der Sadismus bestehl in Gewalttätigkeit, Macht- 
betätiguug gegen eine ander«: Person als Objekt. 

b) Dieses Objekt wird aufgegeben und durch die eigene 
Person ersetzt. Mit der Wendung gegen die eigene Person 
ist auch die Verwandlung des aktiven Tricb/.ieles in ein 
passives vollzogen. 

c) Es wild neuerdings eine fremde Person als Objekt 
gesucht, welche infolge der eingetretenen Zielverwandlung 
die Rolle des Subjekta übernehmen muß. 

Fall c ist der des gemeinhin so genannten Masoohismilfl, 
Die Befriedigung erfolgt auch bei ihm auf dem Wege des 
ursprünglichen Sadismus, indem sieh das passive Ich phan- 
tastisch in seine frühere Stelle versetzt, die jetel dem frem- 
den Subjekt überlassen ist. Ob es auch ein«* direktere inaso- 
chistisehe Befriedigung gibt, ist durchaus zweifelhaft. Ein 
ursprünglicher Masochismus, der nicht auf die Ixschriebenc 
Art aus dem Sadismus entstanden wa.iv, scheint nicht vor- 
zukommen. Dali die Annahme der Stufe b nicht iÜH>rf lässig 
ist, geht wohl aus dem Verhalten des sadistischen Triebes 
bei der Zwangsneurose hervor. Hier findet sich die Win- 
dung gegen die eigene Person ohne die Passivität gegen eine 
neue. Die Verwandlung geht nur bis zur Stufe b. Aus der 
Quälsucht wird Selbstqu&lerei, Selbstbestrafung, nicht Mü.Mi- 
chismus. Das aktive Verbuni wandelt sich nicht in das l'assi- 
vuni, sondern in ein reflexives Medium. 

Die Auffassung des Sadismus wird auch durch den Um- 
stand beeinträchtigt, daß dieser Trieb neben .seinem allge- 



XVI. TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE. 2Gb 

meinen Ziel (vielleicht besser: innerhalb desselben) eine 
ganz spezielle Zielhandlung anzustreben scheint. Neben der 
Demütigung, Überwältigung, die Zufügung von Schmerzen. 
Nun scheint die Psychoanalyse zu zeigen, daß das Schmerz- 
zufügen unter den ursprünglichen Zielhandlungen des Trie- 
bes keine Rolle spielt. Das sadistische Kind zieht die Zu- 
fügung von Schmerzen nicht in Betracht und beabsichtigt 
sie nicht. Wenn sich aber einmal die Umwandlung in Maso- 
chismus vollzogen hat, eignen sich die Schmerzen sehr 
wohl, ein passives masochistisches Ziel abzugeben, denn wir 
haben allen Grund anzunehmen, daß auch die Schmerz- wie 
andere .Unlustempfindungen auf die Sexualerregung über- 
greifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, um dessent- 
willen man sich auch die Unlust des Schmerzes gefallen 
lassen kann. Ist das Empfinden von Schmerzen einmal ein 
masochistisches Ziel geworden, so kann sich rückgreifend 
auch das sadistische Ziel, Schmerzen zuzufügen, ergeben, die 
man, während man sie anderen erzeugt, selbst masochistisch 
in der Identifizierung mit dem leidenden Objekt genießt. 
Natürlich genießt man in beiden Fällen nicht den Schmerz 
selbst, sondern die ihn begleitende Sexualerregung, und dies 
dann als Sadist besonders bequem. Das Schmerzgenießen 
wäre also ein ursprünglich masochistisches Ziel, das aber nur 
beim ursprünglich Sadistischen zum Triebziele werden kann. 

Der Vollständigkeit zuliebe füge ich an, daß das Mit- 
leid nicht als ein Ergebnis der Triebverwandlung beim 
Sadismus beschrieben werden kann, sondern die Auffassung 
einer Reaktionsbildung gegen den Trieb (über den Un- 
terschied s. später) erfordert. 

Etwas andere und einfachere Ergebnisse liefert die Un- 
tersuchung eines anderen Gegensatzpaares, der Triebe, die 



2t;.; 



SCHKll'TKN Zl'K NKrKOSKNKKHKK. IV. 



das Schauen und sich Zeigen zum Ziele haben (Voyeur und 
Exhibitionist in der Sprache der Perversionen). Auch liier 
kann man die nämlichen Stufen aufstellen wie im vorigen 
Falle: a) Das Schauen als Aktivität gegen ein fremdes 
Objekt gerichtet; b) das Aufgeben des Objektes, die Wen- 
dung des Schautriebes gegen einen Teil des eigenen Kör- 
pers, damit die Verkehrung in Passivität und die Aufstellung 
des neuen Zieles: beschaut zu werden; o) die Eineetsung 
eines neuen Subjektes, dem man sich zeigt, um von ihm be- 
schaut zu werden. Es ist auch kaum zweifelhaft, daß das 
aktive Ziel früher auftritt als das passive, das Schauen dem 
Beschautwerden vorangeht. Abel eine bedeutsame Abweichung 
vorn Falle des Sadismus liegt darin, daß beim Schautrieb 
eine noch frühere Stufe als die mit a bezeichnete /.u erkennen 
ist. Der Schautrieb ist nämlich zu Anfang seiner Betätigung 
autoerotisch, er hat wohl ein Objekt, aber er findet es am 
eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet (auf 
dem Wege der Vergleich uiig), dies Objekt mit einem ana- 
logen des fremden Körpers zu vertauschen (Stufe a). Diese 
Vorstufe ist nun dadurch interessant, daJJ aus ihr die bei- 
den Situationen des resultierenden < i cgensatspaares hervor- 
gehen, je nachdem der Wechsel an der einen oder anderen 
Stelle vorgenommen wird. Das Schema für den Schautrieb 
könnte lauten: 



o) SolbBt ein Sexunlgliud beschauen 






ß) Selbst fremdoH Objekt beschauen 
(aktive Schaulust) 



Suxuulglieil ron eigener lN-iaou 
beschuut wurden 



y) Kiponou Objekt tou frcnulor 
IN rsou brnehaul werden. 

(Zoiguluat, KrhlhUJonQ 



Eine solche Vorstufe fohlt dem Sadismus, der sieh von 
vornherein auf ein fremdes Objekt richtet, obwohl es nicht 



XVL TRIEBE UND TRIEBSCHICKSÄLE. 267 

gerade widersinnig wäre, sie aus den Bemühungen des Kin- 
des, das seiner eigenen Glieder Herr werden will, zu kon- 
struieren. 

Für beide liier betrachteten Triebbcispiele gilt die Be- 
merkung, daß die Triebverwandlung durch Verkehrung der 
Aktivität in Passivität und Wendung gegen die eigene Person 
eigentlich niemals am ganzen Betrag der Triebregung vor- 
genommen wird. Die ältere aktive Triebrichtung bleibt in 
gewissem Ausmaße neben der jüngeren passiven bestehen, 
auch wenn der Prozeß der Triebumwandlung sehr ausgiebig 
ausgefallen ist. Die einzig richtige Aussage über den Schau- 
trieb müßte lauten, daß alle Entwicklungsstufen des Triebes, 
die autoerotische Vorstufe wie die aktive und passive End- 
gestaltung nebeneinander bestehen bleiben, "und diese Be- 
hauptung wird evident, wenn man anstatt der Triebhandlun- 
gen den Mechanismus der Befriedigung zur Grundlage seines 
Urteiles nimmt. Vielleicht ist übrigens noch eine andere 
Auffassungs- und Darlegungsweise gerechtfertigt. Man kann 
sich jedes Triebleben in einzelne zeitlich geschiedene und 
innerhalb der (beliebigen) Zeiteinheit gleichartige Schübe 
zerlegen, die sich etwa zueinander verhalten wie sukzessive 
Lavaeruptionen. Dann kann man sich etwa vorstellen, die 
erste und ursprünglichste Trieberuption setze sich ungeän- 
dert fort und erfahre überhaupt keine Entwicklung. Ein 
nächster Schub unterliege von Anfang an einer Veränderung, 
etwa der Wendung zur Passivität, und addiere sich nun mit 
diesem neuen Charakter zum früheren hinzu usw. Überblickt 
man dann die Triebregung von ihrem Anfang an bis zu einem 
gewissen Haltepunkt, so muß die beschriebene Sukzession der 
Schübe das Bild einer bestimmten Entwicklung des Trie- 
bes ergeben. 



26R 



KCIIKII-TKN Zl'K NEUKOSKNLKFIRK. IV. 



Dio Tatsache, daß zu jener späteren Zeit der Ent- 
wicklung neben einer Triebregung ihr (pa-ssiver) Gegensatz 
zu beobachten ist, verdient die Hervorhebung durch den 
trefflichen, von Bleuler cii geführten Namen: Ambi- 
valenz. 

Die Triebentwioklung wäre unserem Verständnis durch 
den Hinweis auf die lOnfwieklungsgcschichte drs Triebes 
und die Permanenz «Irr Zwischenstufen nahe gerückt. Das 
Ausmaß der nachweiskiren Ambivalenz wechselt erfahrungs- 
gemäß in hohem (Jraxle In-i Individuen, Mcnschcngruppcn 
oder Rassen. Sine ausgiebige Trielxambivalcnz bei einem 
heute Lebenden kann als archaisches Erbteil aufgefaßt wer- 
den, da wir Grund zur Annahme haben, der Anteil der un- 
verwandtsten aktiven Regungen am Triebleben sei in Ur- 
zeiten größer gewesen als durchselmit t lieh heute. 

Wir haben uns daran gewöhnt, die frühe Kill wiekhmgs- 
phase des Ichs, während welcher dessen Sexualtriebe sich 
autoerotisch befriedigen, Narzißmus zu heißen, ohne zu- 
nächst die Beziehung zwischen äutoerotismus und Narziß- 
mus in Diskussion zu ziehen. Dann müssen wir von der 
Vorstufe des Bebautriebes, auf der die .Schaulust den eigenen 
Körper zum Objekt Hat, sagen, sie gehöre dem Narzißmus 
an, sei eine narzißtische l'.ildung. Aus ihr entwickelt sich 
der aktive Schautrieh. indem er den Narzißmus verbißt, der 

passive Schautrieb halte aber .las nar/ißlisehe Objekt fest. 

Ebenso bedeute die Umwandlung iU-x Sadismus in Maso- 
chismus eine Rückkehr zum narzißtischen Objekt, während 
in beiden Fällen dun narzißtische Subjekt durch Identifizie- 
rung mit einem anderen fremden Ich vertauscht wird. Mit 
Rücksichtnahme auf die konstruierte narzißtische Vorstufe 
des Sadismus nähern wir uns so der allgemeineren Einsieht, 



XVI. TEIEBE UND TRIEBSCHICKSALE. 269 

daß die Tricbscliicksale der Wendung gegen das eigene Ich 
und der Verkehrung von Aktivität in Passivität von der nar- 
zißtischen Organisation des Ichs abhängig sind und den 
Stempel dieser Phase an sich tragen. Sie entsprechen viel- 
leicht den Abwehrversuchen, die auf höheren Stufen der 
Ichentwicklung mit anderen Mitteln durchgeführt werden. 

"Wir besinnen uns hier, daß wir bisher nur die zwei 
Triebgegensatzpaare: Sadismus— Masochismus und Schau- 
lust—Zeigelust in Erörterung gezogen haben. Es sind dies 
die bestbekannten ambivalent auftretenden Sexualtriebe. Die 
anderen Komponenten der späteren Scxualfunktion sind der 
Analyse- noch nicht genug zugänglich geworden, um sie in 
ähnlicher Weise diskutieren zu können. Wir können von 
ihnen allgemein aussagen, daß sie sich autoerotisch be- 
tätigen, d. h., ihr Objekt verschwindet gegen das Organ, das 
ihre Quelle ist, und fällt in der Regel mit diesem zusammen. 
Das Objekt des Schautriebes, obwohl auch zuerst ein Teil 
des eigenen Körpers, ist doch nicht das Auge selbst, und 
beim Sadismus weist die Organquellc, wahrscheinlich die 
aktionsfähige Muskulatur, direkt auf ein anderes Objekt, sei 
es auch am eigenen Körper hin. Bei den autoerotischen Trie- 
ben ist die Rolle der Organquelle so ausschlaggebend, daß 
nach einer ansprechenden Vermutung von P. Federn und 
L. Jekels*) Form und Funktion des Organes über die Akti- 
vität und Passivität des Triebzieles entscheiden. 

Die Verwandlung eines Triebes in sein (materielles) Ge- 
genteil wird nur in einem Falle beobachtet, bei der Umsetzung 
von Liebe und Haß. Da diese beiden besonders häufig 
gleichzeitig auf dasselbe Objekt gerichtet vorkommen, ergibt 



*) Diese Zeitschr. I, 1913. 



270 



SCHRIFTEN ZUR NF.l'ROSKN'LEHRK. IV. 



diese Koexistenz auch das bedeutsamste Beispiel einer Ge- 
fühlsambivalenz. 

Der Fall von Liebe und Maß erwirbt ein besonderes 
Interesse durch den Umstand, da.ß er der Kinreihung in 
unsere Darstellung der Triebe widerstrebt. Man kann an der 
innigsten Beziehung zwischen diesen beiden Gefühlsgegen- 
sälzcn und dem Sexualleben nieht sweifeln, muß sich aber 
natürlich dagegen sträuben, das Lieben etwa als einen be- 
sonderen Partialtrieb der Sexualität wir die anderen aufzu- 
fassen. Man möchte eher das Lieben als den Ausdruck der 
ganzen Sexualstrebung ansehen, kommt, aU-r auch damit nicht 
zurecht und weiß nicht, wie man ein materielles Gegenteil 
dieser Strebung verstehen soll, 

Das Lieben ist nicht nur eines, sondern dreier Gegen- 
sätze fähig. Außer dem Gegensatz: liel.cn— hassen gibt es 
den anderen: lieben— geliebt werden, und überdies setzen 
sich lieben und hassen zusammengenommen dem Zustande 
der Indifferenz oder Gleichgültigkeit entgegen. Von diesen 
drei Gegensätzen entspricht der zweite, der von lieben — 
geliebt werden, durchaus «kr Wendung von der Aktivität, 
zur Passivität und läßt auch die nämliche Zurückführung 
auf eine Grundsituation wie heim Schaut rieh zu. Diese heißt: 
sich selbst lieben, was für uns die Charakteristik des 
Narzißmus ist. Je nachdem nun das Objekt oder das Subjekt 
gegen ein fremdes vertauscht wird, ergibt sich die aktive 
Zielstrcbung des Liebens oder die passive des Geliebtwerdens, 
von denen die letztere dem Narzißmus nahe verbleibt. 

Vielleicht kommt man (hin Verständnis i\n- mehrfachen 
Gegenteile des Liebens näher, wenn man sich besinnt, dal.» 
das seelische Lehen überhaupt von drei Polaritäten be- 
herrscht wird, den Gegensätzen von: 



XVI. TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE. 271 

Subjekt (Ich)— Objekt (Außenwelt). 

Lust — Unlust. 

Aktiv — Passiv. 

3er Gegensatz von Ich — Nicht-Ich (Außen) (Subjekt — 
Obiekt) wird dem Einzelwesen, wie wir bereits erwähnt haben, 
frühzeitig aufgedrängt durch die Erfahrung, daß es Außen- 
reize durch seine Muskelaktion zum Schweigen bringen kann, 
gegen Triebreize aber wehrlos ist. Er bleibt vor allem in 
der intellektuellen Betätigung souverän und schafft die Grund- 
situation für die Forschung, die durch kein Bemühen abge- 
ändert werden kann. Die Polarität von Lust — Unlust haftet 
an einer Empfindungsreihe, deren unübertroffene Bedeutung 
für die Entscheidung unserer Aktionen (Wille) bereits be- 
tont worden ist. Der Gegensatz von Aktiv— Passiv ist nicht 
mit dem von Ich-Subjekt— Außen-Objekt zu verwechseln. Das 
Ich verhält sich passiv gegen die Außenwelt, insoweit es 
Reize von ihr empfängt, aktiv, wenn es auf dieselben reagiert. 
Zu ganz besonderer Aktivität gegen die Außenwelt wird es 
durch seine Triebe gezwungen, so daß man unter Hervor- 
hebung des Wesentlichen sagen könnte: Das Ich-Subjekt sei 
passiv gegen die äußeren Eeize, aktiv durch seine eigenen 
Triebe. Der Gegensatz Aktiv— Passiv verschmilzt späterhin 
mit dem von Männlich— Weiblich, der, ehe dies geschehen 
ist keine psychologische Bedeutung hat. Die Verlötung der 
Aktivität mit der Männlichkeit, der Passivität mit der Weib- 
lichkeit tritt uns nämlich als biologische Tatsache entgegen; 
sie ist aber keineswegs so regelmäßig durchgreifend und aus- 
schließlich, wie wir anzunehmen geneigt sind. 

Die drei seelischen Polaritäten gehen die bedeutsamsten 
Verknüpfungen miteinander ein. Es gibt eine psychische Ur- 
situation, in welcher zwei derselben zusammentreffen. Das 



272 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSKNLEIIRE. IV. 



Ich findet sich ursprünglich, zu allem Anfang des Seelen- 
lebens, triebbesetzt und mm Teil fähig, seine Triebe an Bich 
selbst zu befriedigen. Wir heißen diesen Zustand den des 
Narzißmus, die BeMedigmigein&gliohkeil die autoerotische.*) 
Die Außenwelt ist derzeit nicht mit Interesse (allgemein ge- 
sprochen) besetzt und für die Befriedigung gleichgültig. Ks 
fällt also um diese Zeit das [oh-Sabjekt mit dem Lustvollen, 
die Außenwelt mit dem ( J leiohgültigen (eventuell als Itei/- 
(|uelle Unlustvollen) zusammen. Definieren wir zunächst das 

Lieben als die Relation des Ichs eu Minen Lustquellen, so 
erläutert die Situation, lo der es nur sich selbst liebt und 
gegen die Welt gleichgültig ist, die erste der ( Jegcns'ttz- 
beziehungen, in denen wir das „Lieben" gefunden ha be n. 

I)a.s loh bedarf der Außenwelt nicht, insofern es nuto- 
erotisch ist, es bekommt, aber Objekte aus ihr infolge der 
Erlebnisse der Iehorhaltungstriobe und kann doch nieht, um- 
hin, innere Triebreize als unhistvoll für eine Zeit zu ver- 
spüren. Unter der Herrsohaft des Lustprin&ipa vollzieht sieh 
nun in ihm eine weitere Entwicklung. Es nimmt die dar- 
gebotenen Objekte, insofern sie Lusfquellen sind, in sein leb 
auf, introjiziert sich diescll>en (naeh dem Ausdrucke Fe- 
renezis) und stößt anderseits von sich aus, was ihm im 

*) Ein Anteil dor Sexualtrieb isl, wie wir wissen, dieser nuto- 
erolischen Befriedigung fällig, eignet «ich also mm Triller der naen- 
stallend geschilderten Knl.wieUlimn unU-r <Iit Herrselmfl de* l.ustprinzips. 
Die Sexualtriebe, welche von vornherein ein Objekt, fordern, und die 
autoerotisch niemals zu befriedigenden BfdttrfiliMV der [ohferlebe stören 
natürlich diesen Zustand und bereiten die Fortschritte vor. Jn, der nar- 
zißtische Urzustand könnt© nioht Jone Entwicklung nehmen, wenn nicht 
jedes Einzelwesen eine Periode von Hilflosigkeit und Pflege durch- 
machte, während dessen scino dringenden Bedürfnisse durch Dazutun 
ron Außen befriedigt und «omit von der Kutwickliing ahguludlen würden. 



XVI. TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE. 273 



eigenen Innern Unlustanlaß wird. (Siehe später den Mecha- 
nismus der Projektion.) 

Es wandelt sich so aus dem anfänglichen Real-Ich, wel- 
ches Innen und Außen nach einem guten objektiven Kenn- 
zeichen unterschieden hat, in ein purifiziertes Lust-Ich, 
welches den Lustcharakter über jeden anderen setzt. Die 
Außenwelt zerfällt ihm in einen Lustanteil, den es sich ein- 
verleibt hat, und einen Eest, der ihm fremd ist. Aus dem 
eigenen Ich hat es einen Bestandteil ausgesondert, den es 
in die Außenwelt wirft und als feindlich empfindet. Nach 
dieser Umordnung ist die Deckung der beiden Polaritäten 

Ich-Subjekt — mit Lust 

Außenwelt — mit Unlust (von früher her Indifferenz) 
wieder hergestellt. 

Mit dem Eintreten des Objekts in die Stufe des primären 
Narzißmus erreicht auch der zweite Gegensinn des Liebens, 
das Hassen, seine Ausbildung. 

Das Objekt wird dem Ich, wie wir gehört haben, zuerst 
von den Selbsterhaltungstrieben aus der Außenwelt gebracht, 
und es ist nicht abzuweisen, daß auch der ursprüngliche 
Sinn des Hassens die Relation gegen die fremde und reiz- 
zuführende Außenwelt bedeutet. Die Indifferenz ordnet sich 
dem Haß, der Abneigung, als Spezialfall ein, nachdem sie 
zuerst als dessen Vorläufer aufgetreten ist. Das Äußere, das 
Objekt, das Gehaßte wären zu allem Anfang identisch. Er- 
weist sich späterhin das Objekt als Lustquelle, so wird es 
geliebt, aber auch dem Ich einverleibt, so daß für das pari- 
fizierte Lust-Ich das Objekt doch wiederum mit dem Frem- 
den und Gehaßten zusammenfällt. 

Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar 
Liebe— Indifferenz die Polarität Ich— Außenwelt spiegelt, so 

18 
Freud, Neurosenleliro. IV. 




274 



SCHRIFTEN ZUR NEUR08ENLK1IRB. IV. 



reproduziert der zweite Gegensatz Liebe- Haß die mit der 
ersteren verknüpfte Polaiit&l von Lust-Unlust. Nach der 
Ablösung der rein narzißtischen Stufe durch die Objektstufe 
bedeuten Lust und Unlust Relationen des Ichs zum Objekt. 
Wenn das Objekt dio Quelle von Lustempfindungen wird, so 
stellt eich eine motorische Tendenz heraus, welche dasselbe 
dem Ich annähern, ins Ich einverleiben will; wir sprechen 
dann auch von der „Anziehung", die das lustspendende Ob- 
jekt ausübt, und s;,^n, daß wir das Objekt „lieben". Umge- 
kehrt, wenn das Objekt Quelle von Unlustempfindungen ist, 
bestrebt sich eine Tendenz, die Distanz zwischen ihm und 
dem Ich zu vergrößern, den ursprünglichen Fluchtversuch 
vor der reizausschickenden Außenwelt an ihm zu wiederholen. 
Wir empfinden die „Abstoßung" des Objekts und hassen es ; 
dieser Haß kann sich dann zur Aggressionsneigung gegen 
das Objekt, zur Absicht, es zu vernichten, steigern. 

Man könnte zur Not von einem Trieb aussagen, daß er 
das Objekt „lieht", nach dem er zu seiner Befriedigung strebt. 
Daß ein Trieb ein Objekt „haßt", klingt uns aber 1 >e fremdend, 
so daß wir aufmerksam werden, dio Beziehungen Liebe und 
Haß seien nicht für die Relationen der Triebe zu ihren Ob- 
jekten verwendbar, sondern für die Relation des C.esamt-Ichs 
zu den Objekten reserviert. Die Beobachtung des gewiß sinn- 
vollen Sprachgebrauches zeigt uns aber eine weitere Ein- 
schränkung in der Bedeutung von Liebe und Haß. Von den 
Objekten, welche der Ielerhaltung dienen, sagt man nicht 
aus, daß man sie liebt, sondern betont, daß man ihrer bedarf, 
und gibt etwa einem Zusatz von andersartiger Relation Aus- 
druck, indem man Worte gebraucht, die ein sehr abgeschwäch- 
tes Lieben andeuten, wie: gerne haben, gerne sehen, ange- 
nehm finden. 



XVI. TRIEBE UN» TRI EBSCÜICKSALE. 2?5 



Das Wort „lieben" rückt also immer mehr in die Sphäre 
der reinen Lustbeziehung des Ichs zum Objekt und fixiert 
sich schließlich an die Sexualobjekte im engeren Sinne und 
an solche Objekte, welche die Bedürfnisse sublimierter Sexual- 
triebe befriedigen. Die Scheidung der Ichtriebe von den 
Sexualtrieben, welche wir unserer Psychologie aufgedrängt 
haben, erweist sich so als konform mit dem Geiste unserer 
Sprache. Wenn wir nicht gewohnt sind zu sagen, der ein- 
zelne Sexualtrieb liebe sein Objekt, aber die adäquateste Ver- 
wendung des Wortes „lieben" in der Beziehung des Ichs zu 
seinem Sexualobjekt finden, so lehrt uns diese Beobachtung, 
daß dessen Verwendbarkeit in dieser Relation erst mit der 
Synthese aller Partialtriebe der Sexualität unter dem Primat 
der Genitalien und im Dienste der Portpflanzungsfunktion 
beginnt. 

Es ist bemerkenswert, daß im Gebrauche des Wortes 
„hassen" keine so innige Beziehung zur Sexuallust und 
Sexualfunktion zum Vorschein kommt, sondern die Unlust- 
relation die einzig entscheidende scheint. Das Ich haßt, ver- 
abscheut, verfolgt mit Zerstörungsabsichten alle Objekte, 
die ihm zur Quelle von Unlustempfindungen werden, gleich- 
gültig ob sie ihm eine Versagung sexueller Befriedigung oder 
der Befriedigung von Erhaltimgsbedürfnissen bedeuten. Ja, 
man kann behaupten, daß die richtigen Vorbilder für die 
Haßrelation nicht aus dem Sexualleben, sondern aus dem 
Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung stammen. 

Liebe und Haß, die sich uns als volle materielle Gegen- 
sätze vorstellen, stehen also doch in keiner einfachen Be- 
ziehung zueinander. Sie sind nicht aus der Spaltung eines 
Urgemeinsamen hervorgegangen, sondern haben verschiedene 
Ursprünge und haben ein jedes seine eigene Entwicklung 

18* 



27G 



SCHRIFTEN Zl'K NKlKOSF.Nhl HKK. IV. 



durchgemacht, bevor sie sich anter dem Einfluß der Lust- 
Unlustrelation zu Gegensätzen formierl nahen. Es erwächst 
uns hier die Aufgabe, zusammenzustellen, WM wir von der 
Genese von Liebe und Haß wissen. 

Die Liebe stammt von der Fähigkeit des Ichs, einen 
Anteil seiner Triebregungen autoorotisch, durch die Gewin- 
nung von Organlust zu befriedigen. Sie ist ursprünglich nar- 
zißtisch, fibergeht dann auf die Objekte, die dem erweiterten 
Ich einverleibt worden sind, und drück! da.s motorische 
Streben des Ichfl nach diesen Objekten als Lustquellen aus. 
Sie verknüpft sich innig mit der Betätigung der späteren 
Sexualtriebe und fällt, wenn deren Synthese vollzogen ist, 
mit dem Ganzen der Sexualstrebung zusammen. Vorstufen 
des Liebens ergeben sich als vorläufige Sexualziele, während 
die Sexualtriebe ihre komplizierte Entwicklung durchlaufen. 
Als ersto derselben erkennen wir das sich Einverleiben 
oder Fressen, eine Art der Liebe, welche mit der Auf- 
hebung der Sonderexistenz des Objekts vereinbar ist, also 
als ambivalent bezeichnet werden kann. Auf der höheren 
Stufe der prägenitalcn sadistisch-anal. m Organisation tritt 
das Streben nach dem Objekt, in der Form des Bemaohtigungs- 
dranges auf, dem die Schädigung oder Vernichtung des Ob- 
jekts gleichgültig ist. Diese Form und Vorstufe der Liebe 
ist in ihrem Verhalten gegen das Objekt, vom Haß kaum 
zu unterscheiden. Erst mit der Herstellung der Genital- 
organisation ist die Liebe zum Gegensatz vom Haß geworden. 
Der Haß ist als Relation zum Objekt, älter als die Liebe, 
er entspringt der uranfangliehen Ablehnung der reizspenden- 
den Außenwelt von sciten des narzißtischen Ichs. Als Auße- 
nmgder durch Objekte hervorgerufen en Unlust reaki im bleibt 
er immer in inniger Beziehung zu den Trieben der Icherhnl- 



XVI. TRIEBE UND TRIEBSCHICKSALE 277 

tung, so daß Ichtriebe und Sexualtriebe leicht in einen Gegen- 
satz geraten können, der den von Hassen und Lieben wieder- 
holt. Wenn die Ichtriebe die Sexualfunktion beherrschen wie 
auf der Stufe der sadistisch-analen Organisation, so leihen 
sie auch dem Triebziel die Charaktere des Hasses. 

Die Entstehungs- und Beziehungsgeschichte der Liebe 
macht es uns verständlich, daß sie so häufig „ambivalent", 
d. h. in Begleitung von Haßregungen gegen das nämliche 
Objekt auftritt. Der der Liebe beigemengte Haß rührt zum 
Teil von den nicht völlig überwundenen Vorstufen des Lie- 
bens her, zum anderen Teil begründet er sich durch Ab- 
lehnungsreaktionen der Ichtriebe, die sich bei den häufigen 
Konflikten zwischen Ich- und Liebesinteressen auf reale und 
aktuelle Motive berufen können. In beiden "Fällen geht also 
der beigemengte Haß auf die Quelle der Icherhaltungstriebe 
zurück. Wenn die Liebesbeziehung zu einem bestimmten Ob- 
jekt abgebrochen wird, so tritt nicht selten Haß an deren 
Stelle, woraus wir den Eindruck einer Verwandlung der Liebe 
in Haß empfangen. Über diese Deskription hinaus führt dann 
die Auffassung, daß dabei der real motivierte Haß durch die 
Regression des Liebens auf die sadistische Vorstufe verstärkt 
wird, so daß das Hassen einen erotischen Charakter erhält 
und die Kontinuität einer Liebesbeziehung gewährleistet wird. 

Die dritte Gegensätzlichkeit des Liebens, die Verwand- 
lung des Liebens in ein Geliebtwerden entspricht der Ein- 
wirkung der Polarität von Aktivität und Passivität und un- 
terliegt derselben Beurteilung wie die Fälle des Schautriebes 
und des Sadismus. Wir dürfen zusammenfassend hervorheben, 
die Triebschicksale bestehen im wesentlichen darin, daß die 
Triebregungen den Einflüssen der drei großen 
das Seelenleben beherrschenden Polaritäten un- 



278 



BCHRTPTEN ZÜB NIUB08INWHBB, IV. 



(erzogen wor.ini. Von diesen «in i Polaritäten könnte man 
die der Akt ivilät— Passivität als dl« biologisohe, die Ich- 
AußenweH als die reale, endlich die von Lust— Unlust als 

die ökonomische l>e/cielincn. 

Das Triebschicksal der Verdrängung wird den Gegen- 
stand einer anschließenden Untersuchung bilden, 







XVII. 
DIE VERDRÄNGUNG.*) 

Es kann das Schicksal einer Triebregung werden, daß 
sie auf Widerstände stößt, welche sie unwirksam machen 
wollen. Unter Bedingungen, deren nähere Untersuchung uns 
bevorsteht, gelangt sie dann in den Zustand der Verdrän- 
gung. ."Handelte es sich um die Wirkung, eines äußeren 
Reizes, so wäre offenbar die Flucht das geeignete Mittel. 
Im Falle des Triebes kann die Flucht nichts nützen, denn 
das Ich kann sich nicht selbst entfliehen. Später einmal wird 
in der Urteilsverwerfimg (Verurteilung) ein gutes Mittel 
gegen die Triebregung gefunden werden. Eine Vorstufe der 
Verurteilung, ein Mittelding zwischen Flucht und Verurtei- 
lung ist die Verdrängung, deren Begriff in der Zeit vor den 
psychoanalytischen Studien nicht aufgestellt werden konnte. 

Die Möglichkeit einer Verdrängung ist theoretisch nicht 
leicht abzuleiten. Warum sollte eine Triebregung einem sol- 
chen Schicksal verfallen? Offenbar muß hier die Bedingung 
erfüllt sein, daß die Erreichung des Triebzieles Unlust an 
Stelle von Lust bereitet. Aber dieser Fall ist nicht gut denk- 
bar. Solche Triebe gibt es nicht, eine Triebbefriedigung ist 
immer lustvoll. Es müßten besondere Verhältnisse anzu- 
nehmen sein, irgend ein Vorgang, durch den die Befriedigungs- 
lust in Unlust verwandelt wird. 

Wir können zur besseren Abgrenzung der Verdrängung 
einige andere Triebsituationen in Erörterung ziehen. Es kann 

*) Intern. Zeitschr. für äxztl. Psychoanalyse, III, 1915. 



LNU 



SCHRIFTEN ZUlt NEUROSENLEHRE. IV. 



vorkomnu-n, daß sich ein inBen-r Bei/, z. B. dadurch, daß 
er ein Organ anätzt und zerstört, vcinnerlicht und so eine 
neue Quelle beständiger Bmgung und Spajmungsvermehrnng 
ergibt. Er erwirbt damit eine, weitgehende Ähnlichkeit mit 
einem Trieb. Wir wisse,,, daß wir dieeen Kall als Schmerz 
empfinden. Das Ziel diesen Fseudotricl>cs ist al>er nur das 
Aufhören der Olgaavwiadtonmg ond der mit ihr verbundenen 
Unlust. Andere, direkt Lust kann aus dein Aufhören des 
Schmerzes nicht gewonnen werden. Der Schmerz ist auch 
imperativ; er unterließ nur noch <ler Kin Wirkung einer toxi- 
schen Aufhebung und der Beeinflussung durch psychische 

Ablenkung. 

Der Fall des S. hn„ r/.es ist zu wenig durchsichtig, um 

etwas für unsere Absicht in leisten. Nehmen wir den Fall, 
daß ein Triebreiz Wie der Hunger unbefriedigt bleibt. Kr 
wird dann imperativ, ist durch nichts anderes als durch die 
Befriedigungsaktion zu beschwichtigen, unterhält eine be- 
ständige Bcdürfnisspannung. Klu.r. wie eine Verdrängung 
scheint hier auf lange hinaus nicht in Betracht zu kommen. 

Der Fall der Verdrängung ist also gewiß nicht gegeben, 
wenn <ü< : -| ■ .. ■.!■.■ infolge von Unbefriedigung einer Trieb- 
regung unerträglich groß wird. Was dem Organismus .111 
Abwchrmitteln gegen diese Situation gegeben ist, muß in 
anderem Zusammenhang erörtert werden. 

Halten wir uns lieber an die klinische Erfahrung, wie 
sie uns in der psychoanalytischen Praxis entgegentritt. Dann 
werden wir belehrt, daß die Befriedigung des der Verdrän- 
gung unterliegenden Triebei wohl möglich und daß sie am h 
jedesmal an sich lustvoll wäre, aber Bio wäre mit anderes 
Ansprüchen und Vorsätzen unvereinbar; sie würde also Lust 
an der einen, Unlust an anderer Stelle erzeugen. Zur Bedin- 





XVII. DIE VERDRÄNGUNG. 281 



gung der Verdrängung ist dann geworden, daß das Unlust- 
motiv eine stärkere Macht gewinnt als die Befricdigungslust. 
Wir werden ferner durch die psychoanalytische Erfahrung 
an den Übertragungsneurosen zu dem Schluß genötigt, daß 
die Verdrängung kein ursprünglich vorhandener Abwehr- 
niechanismus ist, daß sie nicht eher entstehen kann, als bis 
sich eine scharfe Sonderung von bewußter und unbewußter 
Seelentätigkeit hergestellt hat, und daß ihr Wesen nur 
in der Abweisung und Fernhaltung vom Bewußten 
besteht. Diese Auffassung der Verdrängung würde durch 
die Annahme ergänzt werden, daß vor solcher Stufe der see- 
lischen Organisation die anderen Triebschicksale, wie die 
Verwandlung ins Gegenteil, die Wendung gegen die eigene 
Person die Aufgabe der Abwehr von Triebregungen bewältigen. 

Wir meinen jetzt auch, Verdrängung und Unbewußtes 
seien in so großem Ausmaße korrelativ, daß wir die Ver- 
tiefung in das Wesen der Verdrängung aufschieben müssen, 
bis wir mehr von dem Aufbau des psychischen Instanzen- 
zuges und der Differenzierung von Unbewußt und Bewußt 
erfahren haben Vorher können wir nur noch einige klinisch 
erkannte Charaktere der Verdrängung in rein deskriptiver 
Weise zusammenstellen auf die Gefahr hin, vieles anderwärts 
Gesagte ungeändert zu wiederholen. 

Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzu- 
nehmen, eine erste Phase der Verdrängung, die darin be- 
steht, daß der psychischen (Vorstellungs-) Repräsentanz des 
Triebes die Übernahme ins Bewußte versagt wird. Mit dieser 
ist eine Fixierung gegeben; die betreffende Repräsentanz 
bleibt von da an unveränderlich bestehen und der Trieb an 
sie gebunden. Dies geschieht infolge der später zu bespre- 
chenden Eigenschaften unbewußter Vorgänge. 



282 



SCIlKU'ThN ZUB M I ROSKNI.l IIKK. IV. 



Dio zweite Stufe der V«r. Ii .'m-un-, die eigentlich« 
Verdrängung, betrifft ptychisohe Abkömmlinge der ver- 
drängten Repräsentanz, oder solche Gedankenzüge, die, an- 
derswoher stammend, in assoziative Beziehung zu ihr ge- 
raten sind. Wegen dieser Beziehung erfahren diese Vorstel- 
lungen dasselbe Schicksal wie das ürverdrftngte. Die eigent- 
liche Verdrängung ist also ein Nachdriu ■ • in. tfan tut übri- 
gens unrecht, wenn man nur die Al.stoüung hervorhebt, die 
vom Bewußten her auf das zu Verdrängende wirkt. Es kommt 
ebensosehr die Anziehung in Betracht, welche das Urver- 
drängto auf alles ausübt, w.unit 08 Ich im Verbindung setzen 
kann. Wahrscheinlich würde die Verdi äugungstendenz ihre 
Absicht nicht erreichen, wenn die.se Kräfte nicht zusammen- 
wirkten, wenn es nicht ein vorher Verdrängtes gäbe, welches 
das vom Bewußten Abgestoßene aufzunehmen bereit wäre. 

Unter dem Einfluß des Studiums der Psych« >neurosen, 
welches uns die bedeutsamen Wirkungen der Verdr än g un g 
vorführt, werden wir geneigt) deren psychologischen Inhalt 
zu überschätzen, und vergessen zu leicht, daß die Verdrän- 
gung die Tricbrepriisentanz nicht daran hindert, im Unbe- 
wußten fortzubestehen, sich weiter zu organisieren, Abkömm- 
linge zu bilden und Verbindungen anzuknüpfen. Die Ver- 
drängung stört wirklich nur die Beziehimg zu hinein psy- 
chischen System, dem des Bewußten, 

Die Psychoanalyse kann uns noch anderes zeigen, was 
für das Verständnis der Wirkungen der Verdrängung bei den 
Psychoneurosen bedeutsam ist. '/.. I*. daß die Triebrcpräacn- 
tanz sich ungestörter und reichhaltiger entwickelt, wenn sie 
durch die Verdrängung dem bewußten Einfluß entzogen ist, 
Sic wuchert dann sozusagen im Dunkels und findet extreme 
Ausdrucksformen, welche, wenn sie dem Neurotiker über- 



XVII. DIE VERDRÄNGUNG. 283 

setzt und vorgehalten werden, ihm nicht nur fremd er- 
scheinen müssen, sondern ihn auch durch die Vorspiegelung 
einer außerordentlichen und gefährlichen Triebstärke schrek- 
ken. Diese täuschende Triebstärke ist das Ergebnis einer 
ungehemmten Entfaltung in der Phantasie und der Auf- 
stauung infolge versagter Befriedigung. Daß dieser letztere 
Erfolg an die Verdrängung geknüpft ist, weist darauf hin, 
worin wir ihre eigentliche Bedeutung zu suchen haben. 

Indem wir aber noch zur Gegenansicht zurückkehren, 
stellen wir fest, es sei nicht einmal richtig, daß die Ver- 
drängung alle Abkömmlinge des Unverdrängtcn vom Be- 
wußten abhalte. Wenn sich diese weit genug von der ver- 
drängten Repräsentanz entfernt haben, sei es durch Annahme 
von Entstellungen oder durch die Anzahl der eingeschobenen 
Mittelglieder, so steht ihnen der Zugang zum Bewußten ohne 
weiteres frei. Es ist, als ob der Widerstand des Bewußten 
gegen sie eine Funktion ihrer Entfernung vom ursprünglich 
Verdrängten wäre. Während der Ausübung der psychoana- 
lytischen Technik fordern wir den Patienten unausgesetzt 
dazu auf, solche Abkömmlinge des Verdrängten zu produ- 
zieren, die infolge ihrer Entfernung oder Entstellung die 
Zensur des Bewußten passieren können. Nichts anderes sind 
ja die Einfälle, die wir unter Verzicht auf alle bewußten 
Ziclvorstcllungen und alle Kritik von ihm verlangen, und 
aus denen wir eine bewußte Übersetzung der verdrängten 
Repräsentanz wiederherstellen. Wir beobachten dabei, daß 
der Patient eine solche Einfallsreihe fortspinnen kann, bis 
er in ihrem Ablauf auf eine Gedankcnbildung stößt, bei wel- 
cher die Beziehung zum Verdrängten so intensiv durchwirkt, 
daß er seinen Verdrängungsversuch wiederholen muß. Auch 
die neurotischen Symptome müssen der obigen Bedingung 



284 



SCHRIFTKN 7A'K NKIJK< iSI-.NLKHKK. IV. 



genügt haben, denn sie sind Abkömmlinge des Verdrängten, 
welches sich mittels dieser Bildungen den ihm versagten 
Zugang vom Bewußtsein endlich erkämpft hat. 

Wie weit die Entstellung und Entfernung vom Ver- 
drängten gehen muß, bis der Widersland des Gewußten auf- 
gehoben ist, laut sieh nllüvnn in niehl angehen. Ks findet 
dabei eine feine Abwägung stall, deren Spiel uns verdeckt 
ist, deren Wirkungsweise uns aber erraten läßt, es handle 
sich darum, vor einer bestimmten Intensität der Besetzung 
des Unbewußten haltzumachen, mit deren C berschreitung 
es zur Befriedigung durchdringen würde. Die Verdrängung 
arbeitet also höchst individuell; jeder einzelne Abkömm- 
ling des Verdrängten kann sein Iwsonderes Sehieksal haben; 
ein wenig mehr oder weniger von Knistellung macht, daß 
der ganze Kr folg umschlägt. In demsell>en Zusammenhaag 
ist auch zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte der Men- 
schen, ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Er- 
Iebnissen stammen wie die von ihnen am meisten verab- 
scheuten, und sich ursprünglich nur durch geringe Modifi- 
kationen voneinander unterscheiden. Ja, es kann, wie wir's 
bei der Entstehung des Fetisch gefunden haben, die ur- 
sprüngliche Tricbrepriiscnlnn/. in zwei Stücke »erlegt worden 
sein, von denen das eine der Verdrängung verfiel, während 
der Rest, gerade wegen dieser innigen Verknüpf! heit, das 
Schicksal der Idealisierung erfuhr. 

Dasselbe, was ein Mehr oder Weniger an Entstellung 
leistet, kann auch sozusagen am anderen Ende des Apparates 
durch eine Modifikation in den Bedingungen der Lust-Unlust- 
produktion erzielt werden. Es sind besondere Techniken aus- 
gebildet worden, deren Absioht dahin geht, solche Verände- 
rungen des psychischen Kräftespieles herbeizuführen, daß 



XVII. DIE VERDRÄNGUNG. 285 

dasselbe, was sonst Unlust erzeugt, auch einmal lustbringend 
wird, und so oft solch ein technisches Mittel in Aktion tritt, 
wird die Verdrängung für eine sonst abgewiesene Triebreprä- 
sentanz aufgehoben. Diese Techniken sind bisher nur für den 
Witz genauer verfolgt worden. In der Regel ist die Auf- 
hebung der Verdrängung nur eine vorübergehende; sie wird 
alsbald wiederhergestellt. 

Erfahrungen dieser Art reichen aber hin, uns auf weitere 
Charaktere der Verdrängung aufmerksam zu machen. Sie ist 
nicht nur, wie eben ausgeführt, individuell, sondern auch 
im hohen Grade mobil. Man darf sich den Verdrängungs- 
vorgang nicht wie ein einmaliges Geschehen mit Dauererfolg 
vorstellen, etwa wie wenn man etwas Lebendes erschlagen 
hat, was von da an tot ist; sondern die Verdrängung er- 
fordert einen anhaltenden Kraftaufwand, mit dessen Unter- 
lassung ihr Erfolg in Frage gestellt wäre, so daß ein neuer- 
licher Verdrängungsakt notwendig würde. Wir dürfen uns 
vorstellen, daß das Verdrängte einen kontinuierlichen Druck 
in der Richtung zum Bewußten hin ausübt, dem durch un- 
ausgesetzten Gegendruck das Gleichgewicht gehalten werden 
muß. Die Erhaltung einer Verdrängung setzt also eine be- 
ständige Kraftausgabe voraus und ihre Aufhebung bedeutet 
ökonomisch eine Ersparung. Die Mobilität der Verdrängung 
findet übrigens auch einen Ausdruck in den psychischen 
Charakteren des Schlafzustandes, welcher allein die Traum- 
bildung ermöglicht. Mit dem Erwachen werden die einge- 
zogenen Verdrängungsbesetzungen wieder ausgeschickt. 

Wir dürfen endlich nicht vergessen, daß wir von einer 
Triebregung erst sehr wenig ausgesagt haben, wenn wir fest- 
stellen, sie sei eine verdrängte. Sie kann sich unbeschadet 
der Verdrängung in sehr verschiedenen Zuständen befinden, 



ln»; 



M'IIKIFTKN /rit NKrUOSKM.KUKK IV. 



inaktiv sein, d. h. sehr wenig mit psychischer Energie be- 
setzt, oder in wechselndem Grade I>esetz1 und damit zur 
Aktivität befähigt, Ihn- Aktivierung wird ewar nicht die 
|.',,I .,,. halMMi, daß : ie die \ ■ rdrängun \ direkt aufhebt, wohl 

aber alle die Vorgänge anregen, weiche mit dem Durchdringen 
zum Bewußtsein auf Umwegen einen Abschluß finden. Bei 
im verdrängten Abkömmlingen d< Unbewußten entscheidet 
oft das Ausmaß der Aktivierung oder bosel zung über das 
Schicksal der einzelnen Vorstellung. Ea ist ein alltäglich.«« 
Vorkommnis, daß eis solcher Abkömmling unv< rdrangt bleibt, 
solange er eine g b Energie repräsentiert, obwohl sein 

Inhalt geeignet wäre, einen Konflikt mit dem bewußt Herr- 
schenden zu ergeben. Das quantitative Moment zeigt sich 
aber als entscheidend für den Konflikt; sobald die im Grunde 
anstößige Vorstellung sieh üIht ein gewis es Maß verstärkt, 
wird der Konflikt aktuell und gerade die Aktivierung zieht 
die Verdrängung nach sich. Zunahme der Bnergiobesetaung 
wirkt also in Sachen der Verdrängung gleichsinnig wie An- 
näherung an das Unbewußte, Abnahme derselben wie Ent- 
fernung davon oder Entstellung. Wir verstehen, daß die 
verdrängenden Tendenzen in der Abschwächung des Unlieb- 
samen einen Ersatz für dessen Verdrängung finden können. 
In den bisherigen I-hörterungen Im 'handelten wir die 
Vordrängung einer Triebreprnsentnnz und verstanden unter 
einer solchen eine Vorstellung oder Vorstelhmgsgruppe, 
welche vom Trieb her mit einem bestimmten Betrag von 
psychischer Energie (Libido, Interesse) besetzt ist. Die kli- 
nische Beobachtung nötigt uns nun zu zerlegen, was wir 

bisher einheii lieh aufgefaßt hatten, denn sie zeigt uns, daß 
etwas anderes, was den Trieb repräsentiert, neben der Vor- 
stellung in Betracht kommt, und daß dieses andere ein Ver- 



XVII. DIE VERDRÄNGUNG. 287 



drängungsschicksal erfährt, welches von dem der Vorstellung 
ganz verschieden sein kann. Für dieses andere Element der 
psychischen Repräsentanz hat sich der Name Affektbetrag 
eingebürgert; es entspricht dem Triebe, insofern er sich von 
der Vorstellung abgelöst hat und einen seiner Quantität ge- 
mäßen Ausdruck in Vorgängen findet, welche als Affekte der 
Empfindung bemerkbar werden. Wir werden von nun an, wenn 
wir einen Fall von Verdrängung beschreiben, gesondert ver- 
folgen müssen, was durch die Verdrängung aus der Vorstellung 
und was aus der an ihr haftenden Triebenergie geworden ist. 
Gern würden wir über beiderlei Schicksale etwas allge- 
meines aussagen wollen. Dies wird uns auch nach einiger 
Orientierung möglich. Das allgemeine Schicksal der den Trieb 
repräsentierenden Vorstellung kann nicht leicht etwas an- 
deres sein, als daß sie aus dem Bewußten verschwindet, wenn 
sie früher bewußt war, oder vom Bewußtsein abgehalten wird, 
wenn sie im Begriffe war, bewußt zu werden. Der Unter- 
schied ist nicht mehr bedeutsam; er kommt etwa darauf 
hinaus, ob ich einen unliebsamen Gast aus meinem Salon 
hinausbefördern oder aus meinem Vorzimmer oder ihn, nach- 
dem ich ihn erkannt habe, überhaupt nicht über die Schwelle 
der Wohnungstür treten lasse.*) Das Schicksal des quanti- 
tativen Faktors der Triebrepräsentanz kann ein dreifaches 
sein, wie uns eine flüchtige Übersicht über die in der Psycho- 
analyse gemachten Erfahrungen lehrt: Der Trieb wird ent- 
weder ganz unterdrückt, so daß man nichts von ihm auf- 
findet, oder er kommt als irgendwie qualitativ gefärbter Affekt 

*) Dieses für den Yerdrängungsvorgang brauchbare Gleichnis kann 
auch über einen früher erwähnten Charakter der Verdrängung ausgedehnt 
werden. Ich brauche nur hinzuzufügen, daß ich die dem Gast verbotene 
Tür durch einen ständigen Wächter bewachen lassen muß, weil der Ab- 
gewiesene sie sonst aufsprengen würde. (S. o.) 



288 



BCHKII-TKN ZI'H NKrKOSKNI.EHRK. IV. 



zum Vorschein, oder er wird in Angst vorwandelt. Die bei- 
den letzteren Möglichkeiten stellen nun dir Aufgabe, die 
Umsetzung der psychisch. u Energien der Triebe in 
Affekte und ganz besonders in Angst als neues Trieb- 
srhirksal ins Auge zu fassen. 

Wir erinnrrn uns, daß Motiv und Absicht der Vordrän- 
gung nichts anderes als die Vermeidung von Unlust war. 
Daraus folgt, daß das Schicksal des Aifektbetragea der Re- 
präsentanz bei weitem wichtiger ist als das der Vorstellung, 
und daß dies über dir I < urteilung des Verdrängungsvorganges 
entscheidet. Gelingt es einer Verdrängung nicht, die Ent- 
stehung von Unlustempi'indungcn oder Angst zu verhüten, so 
dürfen wir sagen, sie sei mißglückt , gleich sie ihr Ziel 

an dem Vorstcllungsiintcil erreicht halx-n mag. Natürlich 
wird die mißglückte Verdrängung mehr Anspruch auf unser 
Interesse erheben als dio etwa geglückte, die sich zumeist 
unserem Studium entziehen wird. 

Wir wollen nun Einblick in den Mechanismus des Ver- 
drängungsvorganges gewinnen und vor allem wissen, ob es 
nur einen einzigen Mechanismus der Verdrängung gibt oder 
mehrere, und ob vielleicht jede der Psychoncuroscn durch 
einen ihr eigentümlichen Mechanismus der Verdrängung aus- 
gezeichnet ist. Zu Beginn dieser Untersuchung stoßen wir 
aber auf Komplikationen. Der Mechanismus einer Verdrän- 
gung wird uns nur zugänglich, wenn wir aus den Erfolgen 
der Verdrängung auf ihn zurücksehließon. Beschränken wir 
die Beobachtung auf die Erfolge an dem Vorstellungsanteil 
der Repräsentanz, so erfahren wir, daß die Verdrängung in 
der Regel eine Ersatzbildung .schafft, Welches ist nun 
der Mechanismus einer solchen l'irsafzbildung, oder gibt es 
hierauch mehrere Mechanismen zu unterscheiden? Wir wissen 



XVII. DIE VERDRÄNGUNG. 239 



auch, daß die Verdrängung Symptome hinterläßt. Dürfen 
wir nun Ersatzbildung und Symptombildung zusammenfallen 
lassen, und wenn dies im Ganzen angeht, deckt sich der 
Mechanismus der Symptombildung mit dem der Verdrängung? 
Die vorläufige Wahrscheinlichkeit scheint dafür zu sprechen, 
daß beide weit auseinandergehen, daß es nicht die Verdrän- 
gung selbst ist, welche Ersatzbildungen und Symptome schafft, 
sondern daß diese letzteren als Anzeichen einer Wiederkehr 
des Verdrängten ganz anderen Vorgängen ihr Entstehen 
verdanken. Es scheint sich auch zu empfehlen, daß man die 
Mechanismen der Ersatz- und Symptombildung vor denen 
der Verdrängung in Untersuchung ziehe. 

Es ist klar, daß die Spekulation hier weiter nichts zu 
suchen hat, sondern durch die sorgfältige Analyse der bei 
den einzelnen Neurosen zu beobachtenden Erfolge der Ver- 
drängung abgelöst werden muß. Ich muß aber den Vorschlag 
machen, auch diese Arbeit aufzuschieben, bis wir uns ver- 
läßliche Vorstellungen über das Verhältnis des Bewußten 
zum Unbewußten gebildet haben. Nur um die vorliegende 
Erörterung nicht ganz unfruchtbar ausgehen zu lassen, will 
ich vorwegnehmen, daß 1. der Mechanismus der Verdrängung 
tatsächlich nicht mit dem oder den Mechanismen der Ersatz- 
bildung zusammenfällt, 2. daß es sehr verschiedene Mecha- 
nismen der Ersatzbildung gibt, und 3. daß den Mechanismen 
der Verdrängung wenigstens eines gemeinsam ist, die Ent- 
ziehung der Energiebesetzung (oder Libido, wenn 
wir von Sexualtrieben handeln). 

Ich will auch unter Einschränkung auf die drei be- 
kanntesten Psychoneurosen an einigen Beispielen zeigen, wie 
die hier eingeführten Begriffe auf das Studium der Verdrän- 
gung Anwendung finden. Von der Angsthysterie werde 

Freud, Ncuroienlebie. IV. *» 



290 



SCHRIFTEN Zl'K NKUR08KNLKHHK. IV. 



ich das gut analysicrto Beispiel einer Tierphobie wählen. 
Die der Verdrängung unterliegende Triebregung ist eine libidi- 
nöse Einst«] hing zum Vater, gepaart mit der Angst vor dem- 
selben. Nach der Verdrängung ist diese Regung ans dem Be- 
wußtsein geschwunden, der Vater kommt als Objekt der 
Libido nicht darin vor. Als Ersatz findet sich an analoger 
Stelle ein Tier, das sich mehr oder weniger gut zum Angst- 
objekt eignet. Die Ersatzbildung des Vorstellungsanteiles hat 
sich auf dem Wege der Vorschiebung längs eines in DO» 
stimmter Weise determinierten Zusammenhanges hergestellt. 
Der quantitative Anteil ist nicht verschwunden, sondern hat 
sich in Angst umgesetzt. Das Ergebnis ist eine Angst vor 
dem Wolf an Stelle eines Licbesanspruchos an "den Vater. 
Natürlich reichen die hier verwendeten Kategorien nicht aus, 
um den Erklärnngsa.nsj.rüchen auch nur des « in lachst en Falles 
von Psychoncurose zu genügen. Es kommen immer noch 

andere Gesichtspunkte in Betracht. 

Eine solche Verdrängung wie im Falle der Tierphobie 
darf als eine gründlich mißglückte bezeichnet werden. Das 
Werk der Verdrängung besteht nur in der Beseitigung und 
Ersetzung der Vorstellung, die Unlustcrsparnis ist überhaupt 
nicht gelungen. Deshalb ruht die Arbeit der Neurose auch 
nicht, sondern setzt sich in einem zweiten Tempo fort, um 
ihr nächstes, wichtigeres Ziel zu erreichen. Fs kommt zur 
Bildung eines Fluchtversuches, der eigentlichen Phobie, 
einer Anzahl von Vermeidungen, welche dio Angst entbindung 
ausschließen sollen. Durch welchen Mechanismus die Phobie 
ans Ziel gelangt, können wir in einer spezielleren Untersuchung 
verstehen lernen. 

Zu einer ganz anderen Würdigung des Verdrängungs- 
vorganges nötigt uns das Bild der eohteo Konversions- 



XVII. DIE VERDRÄNGUNG. 



291 



hysterie. Hier ist das Hervorstechende, daß es gelingen 
kann, den Affektbetrag zum völligen Verschwinden zu brin- 
gen. Der Kranke zeigt dann gegen seine Symptome das Ver- 
halten, welches Charcot „la belle indifference des hyste- 
riques" genannt hat. Andere Male gelingt diese Unter- 
drückung nicht so vollständig, ein Anteil peinlicher Sensa- 
tionen knüpft sich an die Symptome selbst, oder ein Stück 
Angstentbindung hat sich nicht vermeiden lassen, das seiner- 
seits den Mechanismus der Phobiebildung ins Werk setzt. 
Der Vorstellungsinhalt der Triebrepräsentanz ist dem Be- 
wußtsein gründlich entzogen ; als Ersatzbildung — und gleich- 
zeitig als Symptom — findet sich eine überstarke — in den 
vorbildlichen Fällen somatische — Innervation, bald senso- 
rischer, bald motorischer Natur, entweder als Erregung oder 
als Hemmung. Die überinnervierte Stelle erweist sich bei 
näherer Betrachtung als ein Stück der verdrängten Trieb- 
repräsentanz selbst, welches wie durch Verdichtung die 
gesamte Besetzung auf sich gezogen hat. Natürlich decken 
auch diese Bemerkungen den Mechanismus einer Konver- 
sationshysterie nicht restlos auf; vor allem ist noch das 
Moment der Regression hinzuzufügen, das in anderem 
Zusammenhang gewürdigt werden soll. 

Die Verdrängung der Hysterie kann als völlig mißglückt 
beurteilt werden, insofern sie nur durch ausgiebige Ersatz- 
bildungen ermöglicht worden ist; mit Bezug auf die Erle- 
digung des Affektbetrages, die eigentliche Aufgabe der Ver- 
drängung, bedeutet sie aber in der Regel einen vollen Er- 
folg Der Verdrängungsvorgang der Konversionshysterie ist 
dann auch mit der Symptombildung abgeschlossen und 
braucht sich nicht wie bei Angsthysterie zweizeitig — oder 
eigentlich unbegrenzt — fortzusetzem 

19* 



292 8CHRIFTEN ZUR NKÜROSKNLKIIRE. IV. 



Ein ganz andere« Ansehen zeigt die Verdrängung wieder 
bei der dritten Affektion, dir wir zu dieser Vergleiehung her- 
anziehen, bei der Zwangsneurose. Hier gerät man zuerst 
in Zweifel wai man als die der Verdrängung unterliegende 
Repräsentanz anzusehen hat, ein« libidinüse oder eine feind- 
selige Strebung. Die Unsiohcrheit rührt daher, daß die 
Zwangsneurose auf der Voraussetzung einer Regression ruht, 
durch welche eine sadistische Strebung an die Stelle der 
zärtlichen getreten ist. Dieser feindselige Impuls gegen eine 
geliobte Person ist es, welcher der Verdrängung unterliegt 
Der Effekt ist in einer ersten Phase der Verdrängungsarbeit 
ein ganz anderer als spater. Zunächst hat diese vollen Er- 
folg, drr Yorstellungsinhalt wird abgowiesen und der Affekt 
zum Verschwinden gebracht. Als Krsatzbildung findet sich 
eine Ielivcrändcriin-;. dir Steigerung der ( lrwiss.-nlia.ft igkeit, 
die man nicht gut ein Symptom heißen kann. Ersatz- und 
Symptombildung fallen hier auseinander. Hier erfährt man 
auch etwas über den Mechanismus der Verdrängung. Diese 
hat wie ü1mt:i11 eine Lihidoent zichung zu stände gebracht, 
aber sich zu diesem Zwecke der Reaktionsbildung durch 
Verstärkung eines Gegensatzes bedient. Die ErsaUbilduug 
hat also hier denselben Mechanismus wie die Verdrängung 
und fällt, im (irundc mit ihr zusammen, sie trennt sich aber 
zeitlich, wie begrifflich, von der Symptombildung. Es ist 
sehr wahrscheinlich, daß das Ambivalenzverhältnis, in wel- 
ches der zu verdrängende sadistische Impuls eingetragen ist, 
den ganzen Vorgang ermöglicht. 

Die anfänglich gute Verdrängung hält alter nicht Stand, 
im weiteren Verlaufe drängt sich das Mißglücken der Ver- 
drängung immer mohr vor. Die Ambivalenz, welche die Ver- 
drängung durch Hraktionsl.ildiing gestattot hat, ist auch die 






XVII. DIE VERDRÄNGUNG. 293 

Stelle, an welcher dem Verdrängten die Wiederkehr gelingt. 
Der verschwundene Affekt kommt in der Verwandlung zur 
sozialen Angst, Gewissensangst, Vorwurf ohne Ersparnis wie- 
der; die abgewiesene Vorstellung ersetzt sich durch Ver- 
schiebungsersatz, oft durch Verschiebung auf Kleinstes, 
Indifferentes. Eine Tendenz zur intakten Herstellung der ver- 
drängten Vorstellung ist meist unverkennbar. Das Miß- 
glücken in der Verdrängung des quantitativen, affektiven 
Faktors bringt denselben Mechanismus der Flucht durch 
Vermeidungen und Verbote ins Spiel, den wir bei der Bil- 
dimg der hysterischen Phobie kennen gelernt haben. Die 
Abweisung der Vorstellung vom Bewußten wird aber hart- 
näckig festgehalten, weil mit ihr die Abhaltung von der 
Aktion, die motorische Fesselung des Impulses, gegeben ist. 
So läuft die Verdrängungsarbeit der Zwangsneurose in ein 
erfolgloses und unabschließbares Bingen aus. 

Aus der kleinen, hier vorgebrachten Vergleichsreihe kann 
man sich die Überzeugung holen, daß es noch umfassender 
Untersuchungen bedarf, ehe man hoffen kann, die mit der 
Verdrängung und neurotischen Symptombildung zusammen- 
hängenden Vorgänge zu durchschauen. Die außerordentliche 
VerschJungenheit aller in Betracht kommenden Momente 
läßt uns nur einen Weg zur Darstellung frei. Wir müssen 
bald den einen, bald den anderen Gesichtspunkt heraus- 
greifen und ihn durch das Material hindurchverfolgen, so- 
lange seine Anwendung etwas zu leisten scheint. Jede ein- 
zelne dieser Bearbeitungen wird an sich unvollständig sein 
und dort Unklarheiten nicht vermeiden können, wo sie an 
das noch nicht Bearbeitete anrührt; wir dürfen aber hoffen, 
daß sich aus der endlichen Zusammensetzung ein gutes Ver- 
ständnis ergeben wird. 



XVIII. 



DAS UNIJKWUSSTK/) 



Wir haben aus der Psyohoanalyse erfahren, das Wesen 
des Prozesses der Verdrängung bestehe nicht darin, eine den 
Trieb repräsentierende Vorstellung auf/.uhel>en, zu vernichten, 
sondern sie vom Bewußtwerden abzuhalten, Wir sagen dann, 
sie befinde sich in» Zustande des „Unbewußten", und haben 
gu',e Beweise dafür vorzubringen, daß Bio auch unlx-wußt 
Wirkungen äußern kann, auch BOloho, die «inilich das Be- 
wußtsein erreichen. Alles Verdrängle muß unbewußt bleiben, 
aber wir wollen gleich eingangs feststellen, daß das \ 
drängte nicht alles Unbewußte deckt. Das Unbewußte hdi 
(U-il weiteren Umfang; das Verdrängte 18 1 ein Teil des Un- 
bewußten. 

Wio sollen wir zur Kenntnis des Unbewußten kommen? 
Wir kennen es natürlich nur als bewußtes, nachdem es eine 
Umsetzung oder Übersetzung in Bewußtes erfahren hat. Die 
psychoanalytische Arbeit läßt uns alltäglich die Erfahrung 
machen, daß solche Übersetzung möglich ist. Es wird hiezu 
erfordert, daß <I<t Analysierte gewisse Widerstände über- 
winde, die nämlichen, welche es seinerzeit durch Abweisung 
vom Bewußten zu einem Verdrängten gemacht haben, 
nie Rocht- Die Berechtigung, ein unbewußtes Seelisches ansu- 
l'nbcwDBten. nehmen und mit dieser Annah wissenschait lieh zu ax- 



•) Intern. ZciL-clir. für iLnll. ruyi'hoaBsUiSj IN, WM. 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 295 



bciten, wird uns von vielen. Seiten bestritten. Wir können 
dagegen anführen, daß die Annahme des Unbewußten not- 
wendig und legitim ist, und daß wir für die Existenz 
des Unbewußten mehrfache Beweise besitzen. Sie ist not- 
wendig, weil die Daten des Bewußtseins in hohem Grade 
lückenhaft sind; sowohl bei Gesunden als bei Kranken kom- 
men häufig psychische Akte vor, welche zu ihrer Erklärung 
andere Akte voraussetzen, für die aber das Bewußtsein nicht 
zeugt. Solche Akte sind nicht nur die Fehlhandlungen und 
die Träume bei Gesunden, alles, was man psychische Sym- 
ptome und Zwangserscheinungen heißt, bei Kranken — unsere 
persönlichste tägliche Erfahrung macht uns mit Einfällen 
bekannt, deren Herkunft wir nicht kennen, und mit Denk- 
resultaten, deren Ausarbeitung uns verborgen geblieben ist. 
Alle diese bewußten Akte blieben zusammenhanglos und un- 
verständlich, wenn wir den Anspruch festhalten wollen, daß 
wir auch alles durchs Bewußtsein erfahren müssen, was an 
seelischen Akten in uns vorgeht, und ordnen sich in einen 
aufzeigbaren Zusammenhang ein, wenn wir die erschlossenen 
unbewußten Akte interpolieren. Gewinn an Sinn und Zu- 
sammenhang ist aber ein vollberechtigtes Motiv, das uns 
über die unmittelbare Erfahrung hinaus führen darf. Zeigt 
es sich dann noch, daß wir auf die Annahme des Unbewußten 
ein erfolgreiches Handeln aufbauen können, durch welches 
wir den Ablauf der bewußten Vorgänge zweckdienlich' beein- 
flussen, so haben wir in diesem Erfolg einen unanfechtbaren 
Beweis für die Existenz des Angenommenen gewonnen. Man 
muß sich dann auf den Standpunkt stellen, es sei nichts 
anderes als eine unhaltbare Anmaßung zu fordern, daß 
alles was im Seelischen vorgeht, auch dem Bewußtsein be- 
kannt werden müsse. 



296 scmnn-KN zun nkitrobknlehre. iv. 

Man kann w der gehen und zur Unterstützung oiaes 
unbewußten psychischen Zustandos anführen, daß das Be- 
wußtsein in jedem Moment, nur einen geringen Inhalt um- 
faßt, so daß der größte Teil dessen, wa.s wir l>ewußte Kenntnis 
heißen, sich ohnedies über die längsten Zeiten im Zustande 
der Latenz, also in einen» Zustande von psychischer Unbe- 
wußtheit befinden muß. Der Widerspruch gegen dos Unbe- 
wußte würde mit Pücksichl auf alle unsere latenten Erin- 
nerungen völlig unl>egreiflich werden. Wir stoßen dann auf 
den Einwand, daß diese latenten Erinnerungen nicht mehr 
als psychisch zu bezeichnen seien, sondern den Resten von 
somatischen Vorgan • ■ i • -ntsprechen, aus denen das Psychische 
wieder hervorgehen kann. 10s liegt nahe zu erwidern, die 
latente Erinnerung sei im Gegenteil ein unzweifelhafter Rück- 
stand eines psychischen Vorganges. Wichtiger ist es aber, 
sich klarzumachen, daß der Kinwnnd auf der nicht ausge- 
sprochenen, aber von vornherein fixierten Gleichstellung des 
Bewußten mit dem Seelischen ruht. Diese (ileichstellung ist 
entweder eine petitio prineipii, welche die Frage, ob alles 
Psychische auch bewußt sein müsse, nicht zuläßt, oder eine 
Sache der Konvention, der Nomenklatur. In letzterem Cha- 
rakter ist sie natürlich wie jede Konvention unwiderlegbar. 
Es bleibt nur die Frage offen, oh sie sich als so zweckmäßig 
erweist, daß man sich ihr anschließen muß. Man darf ant- 
worten, die konventionelle (ileichstellung des Psychischen 
mit dem Bewußten ist durchaus unzweckmäßig. Sie zerreißt 
die psychischen Kontinuitäten, stürzt uns in die unlösbaren 
Schwierigkeiten des psychophysischen Parallelismus, unter- 
liegt dem Vorwurf, daß sie ohne efnsichtliche Begründung 
die Rollo des Bewußtseins ülwrschätzt, und nötigt uns, das 
Gebiet der psychologischen Forschung vorzeitig zu ver- 




XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 297 

lassen, ohne uns von anderen Gebieten her Entschädigung 
bringen zu können. 

Immerhin ist es klar, daß die Frage, ob man die un- 
abweisbaren latenten Zustände des Seelenlebens als unbe- 
wußte seelische oder als physische auffassen soll, auf einen 
Wortstreit hinauszulaufen droht. Es ist darum ratsamer, das 
in den Vordergrund zu rücken, was uns von der Natur dieser 
fraglichen Zustände mit Sicherheit bekannt ist. Nun sind 
sie uns nach ihren physischen Charakteren vollkommen un- 
zugänglich; keine physiologische Vorstellung, kein chemischer 
Prozeß kann uns eine Ahnung von ihrem Wesen vermitteln. 
Auf der anderen Seite steht fest, daß sie mit den bewußten 
seelischen Vorgängen die ausgiebigste Berührung haben; sie 
lassen sich mit einer gewissen Arbeitsleistung in sie um- 
setzen, durch sie ersetzen, und sie können mit all den Kate- 
gorien beschrieben werden, die wir auf die bewußten Seelen- 
akte anwenden, als Vorstellungen, Strebungen, Entschließun- 
gen u. dgl. Ja von manchen dieser latenten Zustände müssen 
wir aussagen, sie* unterscheiden sich von den bewußten eben 
nur durch den Wegfall des Bewußtseins. Wir werden also 
nicht zögern, sie als Objekte psychologischer Forschung und 
in innigstem Zusammenhang mit den bewußten seelischen 
Akten zu behandeln. 

Die hartnäckige Ablehnung des psychischen Charakters 
der latenten seelischen Akte erklärt sich daraus, daß die 
meisten der in Betracht kommenden Phänomene außerhalb 
der Psychoanalyse nicht Gegenstand des Studiums geworden 
sind. Wer die pathologischen Tatsachen nicht kennt, die 
Fehlhandlungen der Normalen als Zufälligkeiten gelten läßt 
und sich bei der alten Weisheit bescheidet, Träume seien 
Schäume, der braucht dann nur noch einige Eätsel der Be- 



I 






L'i'.H 



SCHUIKTKN ZUR NK1K« »sKNl.KHWK. IV. 



wiiütsoinspsychologio KU vernachlässigen, um sich die Au- 
nähme unbewußter seelischer Tätigkeit zu ersparen. Übrigens 
haben die hypnotischen Experimente, besonder« die post- 
hypnotischc Suggestion, Existenz und Wirkungsweise des 
seelisch Unbewußten bereits vor der Zeit der Psychoanalyse 
sinnfällig demonsl riert. 

Die Annahme des Unbewußten ist aber auch eine völlig 
legitime, insofern wir ln-i ihrer Aufstellung keinen Schritt 
von unserer gewohnt« n, für korrekt gehaltenen Denkweise ab- 
weichen. Das Bewußtsein vermittelt jedem einzelnen von uns 
nur die Kenntnis von eigenen Scelen/ust linden ; daß auch 
ein .in. lerer Menseh ein Bewußtsein hat, ist ein Schluß, der 
per analogiam auf (irund dor wahrnehmbaren Äußerungen 
und Handlungen dieses anderen gezogen wird, um uns dieses 
Benehmen des anderen ver -ländlich ZU machen. (Psycho- 
logisch richtiger ist wohl die Umschreibung, daß wir ohne be- 
sondere Überlegung jedem anderen außer uns unsere eigene 
Konstitution, und also auch unser Bewußtsein, beilogen, und 

daß diese Identifizierung die Voraussetzung* unseres Verständ- 
nisses ist.) Dieser Bohluß — oder diese Identifizierung — 
wurde einst vom Ich auf andere Menschen, Tiere, Pflanzen, 
Unbelebtes und auf das (ianze der Welt ausgedehnt und er- 
wies sieh als brauohbar, solange die Ähnlichkeit mit dem 
Einzol-Ich eine überwältigend große war, wurde aber In dem 
Maße unverläßlicher, als sieh das andere vom Ich entfernte. 
Unsere heutig«! Kritik wird bereits beim Bewußtsein der 
üeze unsicher, verweigert sich dem Bewußtsein der Pflanzen 

und weist die Annahme eines Bewußtseins des Unbelebten 
der Mystik zu. AImt auch, wo die ursprüngliche Ideal ifizie- 
rungsueigung die kritische Prüfung bestanden hat, bei dem 

uns nächsten menschlichen Anderen, ruht diu Annahme eines 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 299 

Bewußtseins auf einem Schluß und kann nicht die unmittel- 
bare Sicherheit unseres eigenen Bewußtseins teilen. 

Die Psychoanalyse fordert nun nichts anderes, als daß 
dieses Schlußverfahren auch gegen die eigene Person ge- 
wendet werde, wozu eine konstitutionelle Neigung allerdings 
nicht besteht. Geht man so vor, so muß man sagen, alle 
die Akte und Äußerungen, die ich an mir bemerke und mit 
meinem sonstigen psychischen Leben nicht zu verknüpfen 
weiß, müssen beurteilt werden, als ob sie einer anderen 
Person angehörten, und sollen durch ein ihr zugeschriebenes 
Seelenleben Aufklärung finden. Die Erfahrung zeigt auch, 
daß man dieselben Akte, denen mau bei der eigenen Person 
die psychische Anerkennung verweigert, bei anderen sehr 
wohl zu deuten, d. h. in den seelischen Zusammenhang ein- 
zureihen versteht. Unsere Forschung wird hier offenbar durch 
ein besonderes Hindernis von der eigenen Person abgelenkt 
und an deren richtiger Erkenntnis behindert. 

Dies trotz inneren Widerstrebens gegen die eigene Person 
gewendete Schlußverfahren führt nun nicht zur Aufdeckung 
eines Unbewußten, sondern korrekterweise zur Annahme eines 
anderen, zweiten Bewußtseins, welches mit dem mir bekannten 
in meiner Person vereinigt ist. Allein hier findet die Kritik 
berechtigten Anlaß, einiges einzuwerfen. Erstens ist ein Be- 
wußtsein, von dem der eigene Träger nichts weiß, noch 
etwas anderes als ein fremdes Bewußtsein, und es wird frag- 
lich ob ein solches Bewußtsein, dem der wichtigste Charakter 
abgeht, überhaupt noch Diskussion verdient. Wer sich gegen 
die Annahme eines unbewußten Psychischen gesträubt hat, 
der wird nicht zufrieden sein können, dafür ein unbewußtes 
Bewußtsein einzutauschen. Zweitens weist die Analyse 
darauf hin, daß die einzelnen latenten Seelenvorgänge, die 



:«'o 



SCIIIMFIKN /.tll NKI U(> I .I.HIUK IV. 



wir erschließen, sich eines hohen Grades von gegenseitiger 

Unabhängigkeil, erfreuen, so als ob sie miteinander nicht in 
Verbindung stünden und nichts voneinander wüßten. Wir 
müssen also bereit sein, nicht nur ein «weite« Bewußtsein 
in uns anzunehmen, sondern auch ein drittes, viertes, viel- 
leicht eine unabschließktre Reih« von 1'.. wnüix inszuständen, 
die sämtlich uns und miteinander unbekannt sind. Drittens 
komm! al i schw. rstes Vrgunn m in B< trachi, daß wir durch 
die analytische Untersuchung erfahren, ein Teil die er latenten 
Vorgänge Ixvsitze Charaktere und Eigentümlichkeiten, welche 
uns fremd, selbst ungl.nil.li. h erscheinen und dm uns be- 
kannten Eigenschaften des Hewulltscin« direkt zuwiderlaufen. 
Somit werden wir Grund IuiIm-ii, den gegen dio eigeno Person 
gewendeten Schluß dahin indem, er Iw weise uns nicht 

ein zweites Bewußtsein in uns, sondern dio Existenz von 
psychischen Akten, welche des Bewußtseins entbehren. Wir 
werden auch die Bezeichnung eines „Unterbewußtseins" als in- 
korrekt und irreführend ablehnt d dürfen. Die bekannten Fälle 
von „Double conscionco" i IW«wußtsciussj>altung) beweisen 
nichts gegen unsere Auffassung. Sio lassen sich am zutref- 
fendsten bcsehi. ü„ n ilf nile von Spaltung der seelischen 
Tätigkeiten in zwei Gruppen, wobei Meli dann das nämliche 
Bewußtsein alternierend dem -inen oder dem anderen Lager 
zuwendet. 

Es bleibl uns in der Psychoanalyse gar nichts anderes 
übrig, als dio seidischen Vorgängo für an sich unbewußt zu 
erklären und ihre Wahrnehmung durch das Bewußtsein mit 
der Wahrnehmung der Außenwelt durch die Sinnesorgane zu 
vergleichen. Wir hoffen sogar aus diesem Vergleich einen 
Gewinn für unsere Erkenntnis zu ziehen. Die psychoanaly- 
tische Annahme der unl* wußten Sv.l- nläligkcil erscheint 



XVHI. DAS UNBEWUSSTE. 



301 



uns einerseits als eine weitere Fortbildung des primitiven 
Animismus, der uns überall Ebenbilder unseres Bewußtseins 
vorspiegelte, und anderseits als die Fortsetzung der Korrek- 
tur, die Kant an unserer Auffassung der äußeren Wahr- 
nehmung vorgenommen hat. Wie Kant uns gewarnt hat, 
die subjektive Bedingtheit unserer Wahrnehmung nicht zu 
übersehen und unsere Wahrnehmung nicht für identisch mit 
dem unerkennbaren Wahrgenommenen zu halten, so mahnt 
die 'Psychoanalyse, die Bewußtseinswahrnehmung nicht an 
die Stelle des unbewußten psychischen Vorganges zu setzen, 
welcher ihr Objekt ist. Wie das Physische, so braucht auch 
das Psychische nicht in Wirklichkeit so zu sein, wie es uns 
erscheint. Wir werden uns aber mit Befriedigung auf die 
Erfahrung vorbereiten, daß die Korrektur der inneren Wahr- 
nehmung nicht ebenso große Schwierigkeit bietet wie die 
der äußeren, daß das innere Objekt minder unerkennbar ist 
als die Außenwelt. 

Ehe wir weitergehen, wollen wir die wichtige, aber auch Die vieldeutig- 
beschwerliche Tatsache feststellen, daß die Unbewußtheit nur unbewußten, 
ein Merkmal des Psychischen ist, welches für dessen Cha- 
rakteristik keineswegs ausreicht. Es gibt psychische Akte 
von sehr verschiedener Dignität, die doch in dem Charakter, 
unbewußt zu sein, übereinstimmen. Das Unbewußte umfaßt 
einerseits Akte, die bloß latent, zeitweilig unbewußt sind, 
sich aber sonst von den bewußten in nichts unterscheiden, 
und anderseits Vorgänge wie die verdrängten, die, wenn sie 
bewußt würden, sich von den übrigen bewußten aufs grellste 
abheben müßten. Es würde allen Mißverständnissen ein Ende 
machen, wenn wir von nun an bei der Beschreibung der ver- 
schiedenartigen psychischen Akte ganz davon absehen wür- 
den, ob sie bewußt oder unbewußt sind, und sie bloß nach 



:arj 



SCIIKIHKN ZUR N Et: ROSEN LEU RE. IV. 



ihrer taifltaBg n dm Trieben und Zielen, nach ihrer Zu- 
nDimcnseizunp und Lngehörigki >- in den einander überge- 
ordneten psychischen System« klawilUieren und in Zu- 

lainnu'i.han^ bringen würde,,, l>i- ' ' •'»» r au verschiedenen 
Gründen undurchführhar. und somit können wir der Zwei- 
deutigkeit nicht entgehen, daß wir die Worte bewußt und 
unbewußt bald im deskriptiv.,, Sinne gebrauchen, bald im 
, In;itl .„.i 1 rn. wo sir dann Zugehörigkeit zu bestimmt« 
Systemen und Begabung mit gewi on ] ichaften bedeuten, 

Man könnte noch den VettuOfl machen, die Verwirrung da- 
durch n fWmaiden, daü man die erkannten psychischen 
Systeme mit willkürlich gewählten Namen beieichnet, in 
denen die Bewußtheit nicht reift wird. Allein man müßte 

vorher Keeh.nschalt ahnten, worauf man die Unterschei- 
dung der Systeme gründet, und könnte dabei die BewußtheÜ 
nicht umgehen, da sie den Au gangspunkt aller unserer Un- 
tersuchungen bildet. Wir können vielleicht .im: - Abhilfe 
von dem Vorschlag erwarten, wenigstens in der Schrift Be- 
wußtsein dur.h die Darstellung Bw. und Unl>cwußtes durch 

■ 

die entsprechende Al»kür/.ung Ubw. IQ '•", wenn wir 

die beiden Worte im systemat ischen Sinne gebrauchen, 
r toMsciie * n positiver Umstellung sagen wir nun als Ergebnis d.-r 

irbtxi.iinkt ■ p S ychoajialyse aus. daß ein psychischer Akt im allgemeinen 
zwei Zustandsphnsen durchläuft, lien welch.- eine Art 

Prüfung (Zensur) eingeschaltet ist. In de! ersten PhaM 
ist er unbewußt und gehört dem System Ubw. im; wird er 
bei der Prüfung von dar Zensur abgewiesen, so ist ihm der 
Übergang in die /wehe l'hase >.-. .e i: ißt dann „v. 

drängt" und muß unln-wußt bleiU-n. Besteht er aln-r diese 
Prüfung, so tnt. er in die »weite l'hase ein und wird dem 
zweiten System zugehörig, welches wir da« System Bw. 



XVni. DAS UNBEWUSSTE. 3Q3 



nennen wollen. Sein Verhältnis zum Bewußtsein ist aber 
durch diese Zugehörigkeit noch nicht eindeutig bestimmt. 
Er ist noch nicht bewußt, wohl aber bewußtseinsfähig 
(nach dem Ausdruck von J. Breuer), d. h. er kann nun 
ohne besonderen Widerstand beim Zutreffen gewisser Bedin- 
gungen Objekt des Bewußtseins werden. Mit Rücksicht auf 
diese Bewußtseinsfälligkeit heißen wir das System Bw. auch 
das „Vor bewußte". Sollte es sich herausstellen, daß auch 
das Bewußtwerden des Vorbewußten durch eine gewisse Zen- 
sur mitbestimmt wird, so werden wir die Systeme Vbw. und 
Bw. strenger voneinander sondern. Vorläufig genüge es fest- 
zuhalten, daß das System Vbw. die Eigenschaften des Systems 
Bw. teilt, und daß die strenge Zensur am Übergang vom Ubw. 
zum Vbw. (oder Bw.) ihres Amtes waltet. 

Mit der Aufnahme dieser (zwei oder drei) psychischen 
Systeme hat sich die Psychoanalyse einen Schritt weiter von 
der deskriptiven Bewußtseinspsychologie entfernt, sich eine 
neue Fragestellung und einen neuen Inhalt beigelegt. Sie 
unterschied sich von der Psychologie bisher hauptsächlich 
durch die dynamische Auffassung der seelischen Vor- 
gänge; nun kommt hinzu, daß sie auch die psychische Topik 
berücksichtigen und von einem beliebigen seelischen Akt 
angeben will, innerhalb welches Systems oder zwischen wel- 
chen Systemen er sich abspielt. Wegen dieses Bestrebens 
hat sie auch den Namen einer Tiefenpsychologie er- 
halten. Wir werden hören, daß sie auch noch um einen an- 
deren Gesichtspunkt bereichert werden kann. 

Wollen wir mit einer Topik der seelischen Akte Ernst 
machen, so müssen wir unser Interesse einer an dieser Stelle 
auftauchenden Zweifelfrage zuwenden. Wenn ein psychischer 
Akt (beschränken wir uns hier auf einen solchen von der 



304 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

Natur einer Vorstellung) die Umsetzung aus dem System 
Ubw. in das System Bw. (oder Vbw.) erfährt, sollen wir 
annehmen, daß mit dieser Umsetzung eine neuerliche Fixie- 
rung, gleichsam eine zweite Niederschrift der betreffenden 
"Vorstellung verbunden ist, die also auch an einer neuen 
psychischen Lokalität enthalten sein kann, und neben wel- 
cher die ursprüngliche unbewußte Niederschrift fortbesteht? 
Oder sollen wir eher glauben, daß die Umsetzung in einer 
Zustandsänderung besteht, welche sich an dem nämlichen 
Material und an derselben Lokalität vollzieht? Diese Frage 
kann abstrus erscheinen, muß aber aufgeworfen werden, wenn 
wir uns von der psychischen Topik, der psychischen Tiefen- 
dimension, eine bestimmtere Idee bilden wollen. Sie ist 
schwierig, weil sie über das rein Psychologische hinausgeht 
und die Beziehungen des seelischen Apparates zur Anatomie 
streift. Wir wissen, daß solche Beziehungen im Gröbsten 
existieren. Es ist ein unerschütterliches Resultat der For- 
schung, daß die seelische Tätigkeit an die Funktion des Ge- 
hirns gebunden ist wie an kein anderes Organ. Ein Stück 
weiter — es ist nicht bekannt, wie weit — führt die Ent- 
deckung von der Ungleichwertigkeit der Gehirnteile und 
deren Sonderbeziehung zu bestimmten Körperteilen und gei- 
stigen Tätigkeiten. Aber alle Versuche, von da aus eine 
Lokalisation der seelischen Vorgänge zu erraten, alle Be- 
mühungen, die Vorstellungen in Nervenzellen aufgespeichert 
zu denken und die Erregungen auf Nervenfasern wandern zu 
lassen, sind gründlich gescheitert. Dasselbe Schicksal würde 
einer Lehre bevorstehen, die etwa den anatomischen Ort des 
Systems Bw., der bewußten Seelentätigkeit, in der Hirnrinde 
erkennen und die imbewußten Vorgänge in die subkortikalen 
Hirnpartien versetzen wollte. Es klafft hier eine Lücke, deren 



XVm. DAS UNBEWUSSTE. 305 

Ausfüllung derzeit nicht möglich ist, auch nicht zu den Auf- 
gaben der Psychologie gehört. Unsere psychische Topik hat 
vorläufig nichts mit der Anatomie zu tun; sie bezieht sich 
auf Kegionen des seelischen Apparats, wo immer sie im 
Körper gelegen sein mögen, und nicht auf anatomische ört- 
lifhkeiten. 

Unsere Arbeit ist also in dieser Hinsicht frei und darf 
nach ihren eigenen Bedürfnissen vorgehen. Es wird auch 
förderlich sein, wenn wir uns daran mahnen, daß unsere An- 
nahmen zunächst nur den Wert von Veranschaulichungen be- 
anspruchen. Die erstere der beiden in Betracht gezogenen 
Möglichkeiten, nämlich daß die bw. Phase der Vorstellung 
eine neue, an anderem Orte befindliche Niederschrift der- 
selben bedeute, ist unzweifelhaft die gröbere, aber auch die 
bequemere. Die zweite Annahme, die einer bloß funktio- 
nellen Zustandsänderung, ist die von vornherein wahrschein- 
lichere, aber sie ist minder plastisch, weniger leicht zu hand- 
haben. Mit der ersten, der topischen Annahme ist die einer 
topischen Trennimg der Systeme Ubw. und Bw. und die 
Möglichkeit verknüpft, daß eine Vorstellung gleichzeitig an 
zwei Stellen des psychischen Apparats vorhanden sei, ja daß 
sie -wenn durch die Zensur ungehemmt, regelmäßig von dem 
einen Ort an den anderen vorrücke, eventuell, ohne ihre erste 
Niederlassung oder Niederschrift zu verlieren. Das mag be- 
fremdlich aussehen, kann sich aber an Eindrücke aus der 
psychoanalytischen Praxis anlehnen. 

Wenn man einen Patienten eine seinerzeit von ihm ver- 
drängte Vorstellung, die man erraten hat, mitteilt, so ändert 
dies zunächst an seinem psychischen Zustand nichts. Es 
hebt vor allem nicht die Verdrängung auf, macht deren Fol- 
gen nicht rückgängig, wie man vielleicht erwarten konnte, 

Freud, Neurosenlehre. IV. 20 



306 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

weil die früher unbewußte Vorstellung nun bewußt geworden 
ist. Man wird im Gegenteil zunächst nur eine neuerliche Ab- 
lehnung der verdrängten Vorstellung erzielen. Der Patient 
hat aber jetzt tatsächlich dieselbe Vorstellung in zweifacher 
Form an verschiedenen Stellen seines seelischen Apparats, 
erstens hat er die bewußte Erinnerung an die Gehörspur der 
Vorstellung durch die Mitteilung, zweitens trägt er daneben, 
wie wir mit Sicherheit wissen, die unbewußte Erinnerung 
an das Erlebte in der früheren Form in sich. In Wirklichkeit 
tritt nun eine Aufhebung der Verdrängung nicht eher ein, 
als bis die bewußte Vorstellung sich nach Überwindung der 
Widerstände mit der unbewußten Erinnerungsspur in Ver- 
bindung gesetzt hat. Erst durch das Bewußtmachen dieser 
letzteren selbst wird der Erfolg erreicht. Damit schiene ja 
für oberflächliche Erwägung erwiesen, daß bewußte und un- 
bewußte Vorstellungen verschiedene und topisch gesonderte 
Niederschriften des nämlichen Inhaltes sind. Aber die nächste 
Überlegung zeigt, daß die Identität der Mitteilung mit der 
verdrängten Erinnerung des Patienten nur eine scheinbare ist. 
Das Gehörthaben und das Erlebthaben sind zwei nach ihrer 
ps3 r choIogischen Natur ganz verschiedene Dinge, auch wenn 
sie den nämlichen Inhalt haben. 

Wir sind also zunächst nicht im stände, zwischen den 
beiden erörterten Möglichkeiten zu entscheiden. Vielleicht 
treffen wir späterhin auf Momente, welche für eine von bei- 
den den Anschlag geben können. Vielleicht steht uns die 
Entdeckung bevor, daß unsere Fragestellung unzureichend 
war, und daß die Unterscheidung der unbewußten Vorstel- 
lung von der bewußten noch ganz anders zu bestimmen ist. 
Gibt ob -yy- r Taljen fc Q vorstehende Diskussion auf Vorstellungen 

Gefühle? eingeschränkt und können nun eine neue Frage auf werfen, 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 307 

deren Beantwortung zur Klärung unserer theoretischen An- 
sichten beitragen muß. Wir sagten, es gäbe bewußte und 
unbewußte Vorstellungen; gibt es aber auch unbewußte Trieb- 
regungen, Gefühle, Empfindungen, oder ist es diesmal sinn- 
los, solche Zusammensetzungen zu bilden? 

Ich meiue wirklich, der Gegensatz von bewußt und un- 
bewußt hat auf den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann 
nie Objekt des Bewußtseins werden, nur die Vorstellung, die 
ihn repräsentiert. Er kann aber auch im Unbewußten nicht 
anders als durch die Vorstellung repräsentiert sein. Würde 
der Trieb sich nicht an eine Vorstellung heften oder nicht 
als ein Affektzustand zum Vorschein kommen, so könnten 
wir nichts von ihm wissen. Wenn wir aber doch von einer 
unbewußten Triebregung oder einer verdrängten Triebregung 
reden, so ist dies eine harmlose Nachlässigkeit des Aus- 
druckes. Wir können nichts anderes meinen als eine Trieb- 
regung, deren Vorstellungsrepräsentanz unbewußt ist, denn 
etwas anderes kommt nicht in Betracht. 

Man sollte meinen, die Antwort auf die Frage nach den 
unbewußten Empfindungen, Gefühlen, Affekten sei ebenso 
leicht zu geben. Zum Wesen eines Gefühls gehört es doch, 
daß es verspürt, also dem Bewußtsein bekannt wird. Die 
Möglichkeit einer Unbewußtheit würde also für Gefühle, 
Empfindungen. Affekte völlig entfallen. Wir sind aber in 
der psychoanalytischen Praxis gewöhnt, von unbewußter 
Liebe, Haß, Wut usw. zu sprechen und finden selbst die be- 
fremdliche Vereinigung „unbewußtes Schuldbewußtsein" oder 
eine paradoxe „unbewußte Angst" unvermeidlich. Geht dieser 
Sprachgebrauch an Bedeutung über den im Falle des „unbe- 
wußten Triebes" hinaus? 

Der Sachverhalt ist hier wirklich ein anderer. Es kann 

20* 



308 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

zunächst vorkommen, daß eine Affekt- oder Gefühlsregung 
wahrgenommen, aber verkannt wird. Sie ist durch die Ver- 
drängung ihrer eigentlichen Repräsentanz zur Verknüpfung 
mit einer anderen Vorstellung genötigt worden und wird nun 
vom Bewußtsein für die Äußerung dieser letzteren gehalten. 
Wenn wir den richtigen Zusammenhang wieder herstellen, 
heißen wir die ursprüngliche Affektregung eine „unbewußte", 
obwohl ihr Affekt niemals unbewußt war, nur ihre Vorstel- 
lung der Verdrängung erlegen ist. Der Gebrauch der Aus- 
drücke „unbewußter Affekt und Gefühl" weist überhaupt auf 
die Schicksale des quantitativen Faktors der Triebregung 
infolge der Verdrängung zurück (siehe die Abhandlung über 
Verdrängung). Wir wissen, daß dies Schicksal ein dreifaches 
sein kann; der Affekt bleibt entweder — ganz oder teilweise 
— als solcher bestehen, oder er erfährt eine Verwandlung 
in einen qualitativ anderen Affektbetrag, vor allem in Angst, 
oder er wird unterdrückt, d. h. seine Entwicklung überhaupt 
verhindert. (Diese Möglichkeiten sind an der Traumwbeit 
vielleicht noch leichter zu studieren als bei den Neurosen.) 
Wir wissen auch, daß die Unterdrückung der Affektentwick- 
lung das eigentliche Ziel der Verdrängung ist, und daß deren 
Arbeit unabgeschlossen bleibt, wenn das Ziel nicht erreicht 
wird. In allen Fällen, wo der Verdrängung die Hemmung 
der Affektentwicklung gelingt, heißen wir die Affekte, die 
wir im Redressement der Verdrängungsarbeit wieder ein- 
setzen, „unbewußte". Dem Sprachgebrauch ist also die Kon- 
sequenz nicht abzustreiten; es besteht aber im Vergleiche 
mit der unbewußten Vorstellung der bedeutsame Unterschied, 
daß die unbewußte Vorstellung nach der Verdrängung als 
reale Bildung im System Ubw. bestehen bleibt, während dem 
unbewußten Affekt ebendort nur eine Ansatzmöglichkeit, die 



XVIII. DAS IINBEWÜ6STE. 309 

nicht zur Entfaltung kommen durfte, entspricht. Streng ge- 
nommen und obwohl der Sprachgebrauch tadellos bleibt, gibt 
es also keine unbewußten Affekte, wie es unbewußte Vor- 
stellungen gibt. Es kann aber sehr wohl im System Ubw. 
Affektbildungen geben, die wie andere bewußt werden. Der 
ganze Unterschied rührt daher, daß Vorstellungen Besetzun- 
gen — i m Grunde von Erinnerungsspuren — sind, während 
die Affekte und Gefühle Abfuhrvorgängen entsprechen, deren 
letzte Äußerungen als Empfindungen wahrgenommen werden. 
Im gegenwärtigen Zustand unserer Kenntnis von den Affekten 
und Gefühlen können wir diesen Unterschied nicht klarer 
ausdrücken. 

Die Feststellung, daß es der Verdrängung gelingen kann, 
die Umsetzung der Triebregung in Affekt äußerung zu hem- 
men, ist für uns von besonderem Interesse. Sie zeigt uns, 
daß das System Bw. normalerweise die Affektivität wie den 
Zugang zur Motilität beherrscht, und hebt den Wert der 
Verdrängung, indem sie als deren Folgen nicht nur die Ab- 
haltung vom Bewußtsein, sondern auch von der Affektentwick- 
lung und von der Motivierung der Muskeltätigkeit aufzeigt. 
Wir können auch in umgekehrter Darstellung sagen: So- 
lange das System Bw. Affektivität und Motilität beherrscht, 
heißen wir den psychischen Zustand des Individuums nor- 
mal. Indes ist ein Unterschied in der Beziehung des herr- 
schenden Systems zu den beiden einander nahe stehenden 
Abfuhraktionen unverkennbar.*) Während die Herrschaft des 
Bw. über die willkürliche Motilität fest gegründet ist, dem 



*) Die Affektivität äußert sich wesentlich in motorischer (sekre- 
torischer, gefäßregulierender) AbfuhT 2ur (inneren) Veränderung des eige- 
nen Körpers ohne Beziehung zur Außenwelt, die Motilität in Aktionen, 
die zur Veränderung der Außenwelt bestimmt sind. 



310 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



Ansturm der Neurose regelmäßig widersteht und erst in der 
Psychose zusammenbricht, ist die Beherrschung der Affekt- 
entwicklung durch Bw. minder gefestigt. Noch innerhalb des 
normalen Lebens läßt sich ein beständiges Eingen der beiden 
Systeme Bw. und Ubw. um das Primat in der Affektivität 
erkennen, grenzen sich gewisse Einflußsphären voneinander 
ab und stellen sich Vermengungen der wirksamen Kräfte her. 
Die Bedeutung des Systems Bw. (Vbw.) für die Zugänge 
zur Affententbindung und Aktion macht uns auch die Rolle 
verständlich, welche in der Krankheitsgestaltung der Ersatz- 
vorstellung zufällt, Es ist möglich, daß die Affektentwick- 
lung direkt vom System Ubw. ausgeht, in diesem Falle hat 
sie immer den Charakter der Angst, gegen welche alle „ver- 
drängten" Affekte eingetauscht werden. Häufig aber muß die 
Triebregung warten, bis sie eine Ersatzvorstellung im System 
Bw. gefunden hat. Dann ist die Affektentwicklung von diesem 
bewußten Ersatz her ermöglicht und der qualitative Charakter 
des Affekts durch dessen Natur bestimmt. Wir haben be- 
hauptet, daß bei der Verdrängung eine Trennung des Affekts 
von seiner Vorstellung stattfindet, worauf beide ihren ge- 
sonderten Schicksalen entgegengehen. Das ist deskriptiv un- 
bestreitbar; der wirkliche Vorgang aber ist in der Regel, 
daß ein Affekt so lange nicht zu stände kommt, bis nicht 
der Durchbruch zu einer neuen Vertretung im System Bw. 
gelungen ist. 



Wir haben das Resultat erhalten, daß die Verdrängung 



Topik und 
Dynamik der . 

Verdrängung. un wesentlichen ein Vorgang ist, der sich an Vorstellungen 
an der Grenze der Systeme Ubw. und Vbw. (Bw.) vollzieht, 
und können nun einen neuerlichen Versuch machen, diesen 
Vorgang eingehender zu beschreiben. Es muß sich dabei um 
eine Entziehung von Besetzung handeln, aber es fragt 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 3H 

sich, in welchem System findet die Entziehung statt, und 
welchem System gehört die entzogene Besetzung an. 

Die verdrängte Vorstellung bleibt im Ubw. aktionsfähig; 
sie muß also ihre Besetzung behalten haben. Das Entzogene 
muß etwas anderes sein. Nehmen wir den Fall der eigent- 
lichen Verdrängung vor (des Nachdrängens), wie sie sich an 
der vorbewußten oder selbst bereits bewußten Vorstellung ab- 
spielt, dann kann die Verdrängung nur darin bestehen, daß 
der Vorstellung die (vor)bewußte Besetzung entzogen wird, 
die dem System Vbw. angehört. Die Vorstellung bleibt dann 
unbesetzt oder sie erhält Besetzung vom Ubw. her, oder sie 
behält die. ubw. Besetzung, die sie schon früher hatte. AIsd 
Entziehung der vorbewußten, Erhaltung der unbewußten Be- 
setzung oder Ersatz der vorbewußten Besetzung durch eine 
unbewußte. Wir bemerken übrigens, daß wir dieser Betrach- 
tung wie unabsichtlich die Annahme zu Grunde gelegt haben, 
der Übergang aus dem System Ubw. in ein nächstes geschehe 
nicht durch eine neue Niederschrift, sondern durch eine 
Zustandsänderung, einen Wandel in der Besetzung. Die funk- 
tionale Annahme hat hier die topische mit leichter Mühe 
aus dem Felde geschlagen. 

Dieser Vorgang der Libidoentziehung reicht aber nicht 
aus, um einen anderen Charakter der Verdrängung begreif- 
lich zu machen. Es ist nicht einzusehen, warum die besetzt 
gebliebene oder vom Ubw. her mit Besetzung versehene Vor- 
stellung nicht den Versuch erneuern sollte, kraft ihrer Be- 
setzung in das System Vbw. einzudringen. Dann müßte sich 
die Libidoentziehung an ihr wiederholen, und dasselbe Spiel 
würde sich unabgeschlossen fortsetzen, das Ergebnis aber 
nicht das der Verdrängung sein. Ebenso würde der bespro- 
chene Mechanismus der Entziehung vorbewußter Besetzung 



312 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



versagen, wenn es sich um die Darstellung der Urverdrängung 
handelt; in diesem Falle liegt ja eine unbewußte Vorstellung 
vor, die noch keine Besetzung vom Vbw. erhalten hat, dqr 
eine solche also auch nicht entzogen werden kann. 

Wir bedürfen also hier eines anderen Vorganges, welcher 
im ersten Falle die Verdrängung unterhält, im zweiten ihre 
Herstellung und Fortdauer besorgt, und können diesen nur 
in der Annahme einer Gegenbesetz uug finden, durch 
welche sich das System Vbw. gegen das Andrängen der un- 
bewußten Vorstellung schützt. Wie sich eine solche Gegen- 
besetzung, die im System Vbw. vor sich geht, äußert, werden 
wir an klinischen Beispielen sehen. Sie ist es, welche den 
Daueraufwand einer Urverdrängung repräsentiert, aber auch 
deren Dauerhaftigkeit verbürgt. Die Gegenbesetzung ist der 
alleinige Mechanismus der Urverdrängung; bei der eigent- 
lichen Verdrängung (dem Nachdrängen) kommt die Ent- 
ziehung der vbw. Besetzung hinzu. Es ist sehr wohl möglich, 
daß gerade die der Vorstellung entzogene Besetzung zur 
Gegenbesetzung verwendet wird. 

Wir merken, wie wir allmählich dazu gekommen sind, 
m der Darstellung psychischer Phänomene einen dritten Ge- 
sichtspunkt zur Geltung zu bringen, außer dem dynamischen 
und dem topischen den ökonomischen, der die Schicksale 
der Erregungsgrößen zu verfolgen und eine wenigstens rela- 
tive Schätzung derselben zu gewinnen strebt. Wir werden 
es nicht unbillig finden, die Betrachtungsweise, welche die 
Vollendung der psychoanalytischen Forschung ist, durch 
einen besonderen Namen auszuzeichnen. Ich schlage vor, daß 
es eine metapsychologische Darstellung genannt werden 
soll, wenn es uns gelingt, einen psychischen Vorgang nach 
seinen dynamischen, topischen und ökonomischen 



/ 



XVIH. DAS UNBEWÜSSTE. 313 

Beziehungen zu beschreiben. Es ist vorherzusagen, daß es 
uns bei dem gegenwärtigen Stand unserer Einsichten nur an 
vereinzelten Stellen gelingen wird. 

Machen wir einen zaghaften Versuch, eine metapsycho- 
logische Beschreibung des Verdrängungsvorganges bei den 
drei bekannten Übertragungsneurosen zu geben. Wir dürfen 
dabei „Besetzung" durch „Libido" ersetzen, weil es sich ja, 
wie wir wissen, um die Schicksale von Sexualtrieben handelt. 

Eine erste Phase des Vorganges bei der Angsthysterie 
wird häufig übersehen, vielleicht auch wirklich übergangen, 
ist aber bei sorgfältiger Beobachtung gut kenntlich. Sie be- 
steht darin, daß Angst auftritt, ohne daß wahrgenommen 
würde, wovor. Es ist anzunehmen, daß im Ubw. eine Liebes- 
regung vorhanden war, die nach der Umsetzung ins System 
Vbw. verlangte; aber die von diesem System her ihr zuge- 
wendete Besetzung zog sich nach Art eines Fluchtversuches 
von ihr zurück, und die unbewußte Libidobesetzung der zu- 
rückgewiesenen Vorstellung wurde als Angst abgeführt. Bei 
einer etwaigen Wiederholung des Vorganges wurde ein erster 
Schritt zur Bewältigung der unliebsamen Angstentwicklung 
unternommen. Die fliehende Besetzung wendete sich einer 
Ersatzvorstellung zu, die einerseits assoziativ mit der abge- 
wiesenen Vorstellung zusammenhing, anderseits durch die 
Entfernung von ihr der Verdrängung entzogen war (Ver- 
schiebungsersatz) und eine Rationalisierung der noch 
unhemmbaren Angs teilt wicklung gestattete. Die Ersatzvor- 
stellung spielt nun für das System Bw. (Vbw.) die Rolle einer 
Gegenbesctzung, indem sie es gegen das Auftauchen der ver- 
drängten Vorstellung im Bw. versichert, anderseits ist sie 
die Ausgangsstelle der nun erst recht unhemmbaren Angst- 
affektentbindung oder benimmt sich als solche. Die klinische 



314 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

Beobachtung zeigt, daß z. B. das an der Tierphobie leidende 
Kind nun unter zweierlei Bedingtingen Angst verspürt, er- 
stens wenn die verdrängte Liebesregung eine Verstärkung 
erfährt, und zweitens wenn das Angsttier wahrgenommen 
wird. Die Ersatz Vorstellung benimmt sich in dem einen 
Falle wie die Stelle einer Überleitung aus dem System Ubw. 
in das System Bw., im anderen wie eine selbständige Quelle 
der Angstentbindimg. Die Ausdehnung der Herrschaft des 
Systems Bw. pflegt , sich darin zu äußern, daß die erste 
Erregungsweisc der Ersatzvorstellung gegen die zweite immer 
mehr zurücktritt. Vielleicht benimmt sich am Ende das Kind 
so, als hätte er gar keine Neigung zu dem Vater, wäre iganz 
von ihm freigeworden, und als hätte es wirklich Angst vor 
dem Tier. Nur daß diese Tierangst aus der unbewußten Trieb- 
quelle gespeist, sich widerspenstig und übergroß gegen alle 
Beeinflussungen aus dem System Bw. erweist und dadurch 
ihre Herkunft aus dem System Ubw. verrät. 

Die Gegenbesetzung aus dem System Bw. hat also in 
der zweiten Phase der Angsthysterie zur Ersatzbildung ge- 
führt. Derselbe Mechanismus findet bald eine neuerliche An- 
wendung. Der Verdrängungs Vorgang ist, wie wir wissen, noch 
nicht abgeschlossen und findet ein weiteres Ziel in der Auf- 
gabe, die vom Ersatz ausgehende Angstentwicklung zu hem- 
men. Dies geschieht in der Weise, daß die gesamte assoziierte 
Umgebung der Ersatzvorstellung mit besonderer Intensität 
besetzt wird, so daß sie eine hohe Empfindlichkeit gegen 
Erregung bezeigen kann. Eine Erregung irgend einer Stelle 
dieses Vorbaues muß zufolge der Verknüpfung mit der Er- 
satzvorstellung den Anstoß zu einer geringen Angstentwick- 
lung geben, welche nun als Signal benützt wird, um durch 
neuerliche Flucht der Besetzung den weiteren Fortgang der 






XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 315 

Angstentwicklung zu hemmen. Je weiter weg vom gefürch- 
teten Ersatz die empfindlichen und wachsamen Gegenbeset- 
zungen angebracht sind, desto präziser kann der Mechanis- 
mus funktionieren, der die Ersatzvorstellung isolieren und 
neue Erregungen von ihr abhalten soll. Diese Vorsichten 
schützen natürlich nur gegen Erregungen, die von außen, durch 
die Wahrnehmung an die Ersatzvorstellung herantreten, aber 
niemals gegen die Trieberregung, die von der Verbindung 
mit der verdrängten Vorstellung her die Ersatz Vorstellung 
trifft. Sie beginnen also erst zu wirken, wenn der Ersatz 
die Vertretung des Verdrängten gut übernommen hat, und 
können niemals ganz verläßlich wirken. Bei jedem Ansteigen 
der Trieberregung muß der schützende Wall um die Ersatz- 
vorstellung um ein Stück weiter hinaus verlegt werden. Die 
ganze Konstruktion, die in analoger Weise bei den anderen 
Neurosen hergestellt wird, trägt den Namen einer Phobie. 
Der Ausdruck der Flucht vor bewußter Besetzung der Ersatz- 
vorstellung sind die Vermeidungen, Verzichte und Verbote, 
an denen man die Angsthysterie erkennt, überschaut man 
den ganzen Vorgang, so kann man sagen, die dritte Phase 
hat die Arbeit der zweiten in größerem Ausmaß wiederholt. 
Das System Bw. schützt sich jetzt gegen die Aktivierung 
der Ersatzvorstellung durch die Gegenbesetzung der Umge- 
bung, wie es sich vorhin durch die Besetzung der Ersatz- 
vorstellung gegen das Auftauchen der verdrängten Vorstel- 
lung gesichert hatte. Die Ersatzbildung durch Verschiebung 
hat sieh in solcher Weise fortgesetzt, Man muß auch hinzu- 
fügen, daß das System Bw. früher nur eine kleine Stelle 
besaß,' die eine Einbruchspforte der verdrängten Triebregung 
war, die Ersatzvorstellung nämlich, daß aber am Ende der 
ganze phobische Vorbau einer solchen Enklave des mibe- 



316 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



wußten Einflusses entspricht. Man kann ferner den inter- 
essanten Gesichtspunkt hervorheben, daß durch den ganzen 
ins Werk gesetzten Abwehrmeehanismu.s eine Projektion der 
Triebgefahr nach außen erreicht worden ist. Das Ich be- 
nimmt sich so, als ob ihm die Gefahr der Angstentwiokiung 
nicht von einer Triebregimg, sondern von einer Wahrnehmung 
her drohte, und darf darum gegen diese äußere Gefahr mit 
den Fluchtversuchen der phobischen Vermeidungen reagieren. 
Eines gelingt bei diesem Vorgang der Verdrängung: die Ent- 
bindung von Angst läßt sich einigermaßen eindämmen, aber 
nur unter schweren Opfern an persönlicher Freiheit. Flucht- 
versuche vor Triebansprüchen sind aber im allgemeinen nutz- 
los, und das Ergebnis der phobischen Flucht bleibt doch 
unbefriedigend. 

Von den Verhältnissen, die wir bei der Angsthysterie 
erkannt haben, gilt ein großer Anteil auch für die beiden 
anderen Neurosen, so daß wir die Erörterimg auf die unter- 
schiede und die Rolle der Gcgeubesctzung beschränken 
können. Bei der Konversionshysterie wird die Triebbesetzung 
der verdrängten Vorstellung in die Innervation des Symploms 
umgesetzt. Inwieweit und unter welchen Umständen die un- 
bewußte Vorstellung durch diese Abfuhr zur Innervation drai- 
niert ist, so daß sie ihr Andrängen gegen das System Bw. 
aufgeben kann, diese und ähnliche Fragiui bleiben besser 
einer speziellen Untersuchung der Hysterie vorbehalten. Die 
Bolle der Gegenbesetzung, die vom System Bw. (Vbw.) ausgeht, 
ist bei der Konversationshysterie deutlich und kommt in der 
Symptombildung zum Vorschein. Die Gegenbesetzung ist es, 
welche die Auswahl trifft, auf welches Stück der Triebreprä- 
sentanz die ganze Besetzung derselben konzentriert werden 
darf. Dies zum Symptom erlesene Stück erfüllt die Bedin- 






XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 317 



gung, daß es dem Wunsckziel der Triebregung ebensosehr 
Ausdruck gibt wie dem Abwehr- oder Straf bestreben des 
Systems Bw.; es wird also übersetzt und von beiden Seiten 
her gehalten wie die Ersatzvorstellung der Angsthysterie. 
Wir können aus diesem Verhältnis ohne weiteres den Schluß 
ziehen, daß der Verdrängungsaufwand des Systems Bw. nicht 
so »roß zu sein braucht wie die Besetzungsenergie des 
Symptoms, denn die Stärke der Verdrängung wird durch die 
aufgewendete Gegenbesetzung gemessen, und das Symptom 
stützt sich nicht nur auf die Gegenbesetzung, sondern auch 
auf die in ihm verdichtete Triebbesetzung aus dem Sy- 
stem Ubw. 

Für die Zwangsneurose hätten wir den in der vorigen 
Abhandlung enthaltenen Bemerkungen nur hinzuzufügen, daß 
hier die Gegenbesetzung des Systems Bw. am sinnfälligsten 
in den Vordergrund tritt. Sie ist es, die als Reaktionsbildung 
organisiert die erste Verdrängung besorgt, und an welcher 
später der Durchbruch der verdrängten Vorstellung erfolgt. 
Man darf der Vermutung Eaum geben, daß es an dem Vor- 
wiegen der Gegenbesetzung und Ausfallen einer Abfuhr liegt, 
wenn das Werk der Verdrängung bei Angsthysterie und 
Zwangsneurose weit weniger geglückt erscheint als bei der 
Konversionshysterie. 

Eine neue Bedeutung erhält die Unterscheidung der bei- ^J^JJJjJjJJ 
den psychischen Systeme, wenn wir darauf aufmerksam wer- des Systems 

Ubw. 

den, daß die Vorgänge des einen Systems, des Ubw., Eigen- 
schaften zeigen, die sich in dem nächst höheren nicht wie- 
der finden. 

Der Kern des Ubw. besteht aus Triebrepräsentanzen, die 
ihre Besetzung abführen wollen, also aus Wunschregungen. 
Diese Triebregungen sind einander koordiniert, bestehen im- 



318 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

beeinflußt nebeneinander, widersprechen einander nicht. Wenn 
zwei Wunschregungen gleichzeitig aktiviert werden, deren 
Ziele uns unvereinbar erscheinen müssen, so ziehen sich die 
beiden Regungen nicht etwa voneinander ab oder heben ein- 
ander auf, sondern sie treten zur Bildung eines mittleren 
Zieles, eines Kompromisses, zusammen. 

Es gibt in diesem System keine Negation, keinen Zweifel, 
keine Grade von Sicherheit. All dies wird erst durch die 
Arbeit der Zensur zwischen Ubw. und Vbw. eingetragen. Die 
Negation ist ein Ersatz der Verdrängung von höherer Stufe. 
Im Ubw. gibt es nur mehr oder weniger stark besetzte Inhalte. 

Es herrscht eine weit größere Beweglichkeit der Be- 
setzungsintensitäten. Durch den Prozeß der Verschiebung 
kann eine Vorstellung den ganzen Betrag ihrer Besetzung 
an eine andere abgeben, durch den der Verdichtung die 
ganze Besetzung mehrerer anderer an sich nehmen. Ich habe 
vorgeschlagen, diese beiden Prozesse als Anzeichen des so- 
genannten psychischen Primär Vorganges anzusehen. Im 
System Vbw. herrscht der Sekundär Vorgang;*) wo ein 
solcher Primärvorgang sich an Elementen des Systems Vbw. 
abspielen darf, erscheint er „komisch" und erregt Lachen. 

Die Vorgänge des Systems Ubw. sind zeitlos, d. h. sie 
sind, nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende 
Zeit nicht abgeändert, haben überhaupt keine Beziehung zur 
Zeit. Auch die Zeitbeziehung ist an die Arbeit des Bw.- 
Systems geknüpft. 

Ebensowenig kennen die Ubw.- Vorgänge eine Rücksicht 
auf die Realität. Sie sind dem Lustprinzip unterworfen; 

*) Siehe die Ausführungen im VII. Abschnitt der Traumdeutung, 
welche sich auf dio von J. Breuer in den „Studien über. Hysteri,©" 
entwickelten Ideen stützt. 



XVIII. DAS L'NBEWUSSTE. 319 



ihr Schicksal hängt nur davon ab, wie stark sie sind, und 
ob sie die Anforderungen der Lust-Unlustregulierung erfüllen. 
Fassen wir zusammen: Wider spruchslos ig ke it, 
Primär vor gang (Beweglichkeit der Besetzungen), Zeit- 
los i g k e i t und Ersetzung der äußeren Realität 
durch die psychische sind die Charaktere, die wir an 
zum System Ubw. gehörigen Vorgängen zu finden erwarten 

dürfen.*) 

Die unbewußten Vorgänge werden für uns nur unter den 
Bedingungen des Träumens und der Neurosen erkennbar, also 
dann, wenn Vorgänge des höheren Vbw.-Systenis durch eine 
Erniedrigung (Regression) auf eine frühere Stufe zurück- 
versetzt werden. An und für sich sind sie unerkennbar, auch 
existenzunfähig, weil das System Ubw. sehr frühzeitig von 
dem Vbw. überlagert wird, welches den Zugang zum Bewußt- 
sein und zur Motilität au sich gerissen hat. Die Abfuhr 
des Systems Ubw. geht in die Körperinnervation zur Affekt- 
entwicklung, a.ber auch dieser Entladungsweg wird ihm, wie 
wir gehört haben, vom Vbw. streitig gemacht. Für sich 
allein könnte das Ubw.-System unter normalen Verhältnissen 
keine zweckmäßige Muskelaktion zu stände bringen, mit Aus- 
nahme jener, die als Reflexe bereits organisiert sind. 

Die volle Bedeutung der beschriebenen Charaktere des 
Systems Ubw. könnte uns erst einleuchten, wenn wir sie den 
Eigenschaften des Systems Vbw. gegenüberstellen und an 
ihnen messen würden. Allein dies würde uns so weitab führen, 
daß ich vorschlage, wiederum einen Aufschub gutzuheißen 
und die Vergleichung der beiden Systeme erst im Anschluß 
aa die Würdigung des höheren Systems vorzunehmen. Nur 



*) Die Erwähnung eines anderen bedeutsamen Vorrechtes des Ubw. 
sparen wir für einen anderen Zusammenhang auf. 



320 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. 17. 

das Allerdringendste soll schon jetzt seine Erwähnung 
finden. 

Die Vorgänge des Systems Vbw. zeigen — und zwar 
gleichgültig, ob sie bereits bewußt oder nur bewußtseinsfähig 
sind — eine Hemmung der Abfuhrncigung von den besetzten 
Vorstellungen. Wenn der Vorgang von einer Vorstellung auf 
eine andere übergeht, so hält die erstere einen Teil ihrer Be- 
setzung fest und nur ein kleiner Anteil erfährt die Verschie- 
bung. Verschiebungen und Verdichtungen wie beim Primär- 
vorgang sind ausgeschlossen oder sehr eingeschränkt. Dieses 
Verhältnis hat J. Breuer veranlaßt, zwei verschiedene Zu- 
stände der Besetzungsenergie im Seelenleben anzunehmen, 
einen tonisch gebundenen und einen frei beweglichen, der 
Abfuhr zustrebenden. Ich glaube, daß diese Unterscheidung 
bis jetzt unsere tiefste Einsicht in das Wesen der nervösen 
Energie darstellt, und sehe nicht, wie man um sie herum- 
kommen soll. Es wäre ein dringendes Bedürfnis der meta- 
psychologischen Darstellung — vielleicht aber noch ein 
allzu gewagtes Unternehmen — an dieser Stelle die Dis- 
kussion fortzuführen. 

Dem System Vbw. fallen ferner zu die Herstellung einer 
Verkehrsfähigkeit unter den Vorstellungsinhalten, so daß 
sie einander beeinflussen können, die zeitliche Anordnung 
derselben, die Einführung der einen Zensur oder mehrerer 
Zensuren, der Realitätsprüfung und das Realitätsprinzip. Auch 
das bewußte Gedächtnis scheint ganz am Vbw. zu hängen, es 
ist scharf von den Erinnerungsspuren zu scheiden, in denen 
sich die Erlebnisse des Ubw. fixieren, und entspricht wahr- 
scheinlich einer besonderen Niederschrift, wie wir sie für 
das Verhältnis der bewußten zur unbewußten Vorstellung 
annehmen wollten, aber bereits verworfen ■ haben. In diesem 



XVIII. DAS UNBEWÜSSTE. 321 

Zusammenhang werden wir auch die Mittel finden, unserem 
Schwanken in der Bennenung des höheren Systems, das wir jetzt 
richtungslos bald Vbw. bald Bw. heißen, ein Ende zu machen. 
Es wird auch die Warnung am Platze sein, nicht vor- 
eilig zu verallgemeinern, was wir hier über die Verteilung 
der seelischen Leistungen an die beiden Systeme zu Tage 
gefördert haben. Wir beschreiben die Verhältnisse, wie sie 
sich beim reifen Menschen zeigen, bei dem das System Ubw. 
streng genommen nur als Vorstufe der höheren Organisation 
funktioniert. Welchen Inhalt und welche Beziehungen dies 
System während der individuellen Entwicklung hat, und 
welche Bedeutung ihm beim Tiere zukommt, das soll nicht 
aus unserer Beschreibung abgeleitet, sondern selbständig er- 
forscht werden. Wir müssen auch beim Menschen darauf 
gefaßt sein, etwa krankhafte Bedingungen zu finden, unter 
denen die beiden Systeme Inhalt wie Charaktere ändern oder 
selbst miteinander tauschen. 

Es wäre doch unrecht sich vorzustellen, daß das Ubw. Der Verkehr 
in Ruhe verbleibt, während die ganze psychische Arbeit vom System*. 
Vbw. geleistet wird, daß das Ubw. etwas Abgetanes, ein iJJjL^JJj 6 ^" 
rudimentäres Organ, ein Residuum der Entwicklung sei. Oder 
anzunehmen, daß sich der Verkehr der beiden Systeme auf 
den Akt der Verdrängung beschränkt, indem das Vbw. alles, 
was ihm störend erscheint, in den Abgrund des Ubw. wirft. 
Das Ubw. ist vielmehr lebend, entwicklungsfähig und unter- 
hält eine Anzahl von anderen Beziehungen zum Vbw., dar- 
unter auch die der Kooperation. Mau muß zusammenfassend 
sagen, das Ubw. setzt sich in die sogenannten Abkömmlinge 
fort, es ist den Einwirkungen des Lebens zugänglich, be- 
einflußt beständig das Vbw. und ist seinerseits sogar Beein- 
flussungen von seilen des Vbw. unterworfen. 

Freud, Neurosenlehre. IV. 21 



322 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEIIKE. IV. 

Das Studium der Abkömmlinge des Ubw. wird unseren 
Erwartungen einer schematisch reinlichen Scheidung zwischen 
den beiden psychischen Systemen eine gründliche Enttäu- 
schung bereiten. Das wird gewiß Unzufriedenheit mit un- 
seren Ergebnissen erwecken und wahrscheinlich dazu benützt 
werden, den Wert unserer Art der Trennung der psychischen 
Vorgänge in Zweifel zu ziehen. Allein wir werden geltend 
machen, daß wir keine andere Aufgabe haben, als die Er- 
gebnisse der Beobachtung in Theorie umzusetzen, und die 
Verpflichtung von uns weisen, auf den ersten Anlauf eine 
glatte und durch Einfachheit sich empfehlende Theorie zu 
erreichen. Wir vertreten deren Komplikationen, solange 3ie 
sich der Beobachtung adäquat erweisen, und geben die Er- 
wartung nicht auf, gerade durch sie zur endlichen Er- 
kenntnis eines Sachverhaltes geleitet zu werden, der an 
sich einfach, den Komplikationen der Realität gerecht wer- 
den kann. 

Unter den Abkömmlingen der ubw. Triebregungen vom 
beschriebenen Charakter gibt es welche, die entgegengesetzte 
Bestimmungen in sich vereinigen. Sic sind einerseits hoch- 
organisiert, widerspruchsfrei, haben allen hhwerb des Systems 
Bw. verwertet und würden sich für unser Urteil von den 
Bildungen dieses Systems kaum unterscheiden. Anderseits 
sind sie unbewußt und unfähig, bewußt zu werden. Sie ge- 
hören also qualitativ zum System V'bw., faktisch aber zum 
Ubw. Ihre Herkunft bleibt das für ihr Schicksal Entschei- 
dende. Man muß sie mit den Mischlingen menschlicher Bässen 
vergleichen, die im großen und ganzen bereits den Weißen 
gleichen, ihre farbige Abkunft aber durch den einen oder 
anderen auffälligen Zug verraten und darum von der Gesell- 
schaft ausgeschlossen bleiben und keines der Vorrechte der 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 323 

Weißen genießen. Solcher Art sind die Phantasiebildungen 

der Normalen wie der Neurotiker, die wir als Vorstufen der 
Traum- wie der Symptombildung erkannt haben, und die 
trotz ihrer hohen Organisation verdrängt bleiben und als 
solche nicht bewußt werden können. Sie kommen nahe ans 
Bewußtsein heran, bleiben ungestört, solange sie keine in- 
tensive Besetzung haben, werden aber zurückgeworfen, so- 
bald sie eine gewisse Höhe der Besetzung überschreiten. 
Ebensolche höher organisierte Abkömmlinge des Ubw. sind 
die Ersatzbildungen, denen aber der Durchbruch zum Be- 
wußtsein dank einer günstigen Relation gelingt, wie z, B. 
durch das Zusammentreffen mit einer Gegenbesetzung 

des Vbw. 

Wenn wir an anderer Stelle die Bedingungen des Be- 
wußtwerdens eingehender untersuchen, wird uns ein Teil der 
hier auftauchenden Schwierigkeiten lösbar werden. Hier mag 
es uns vorteilhaft erscheinen, der bisherigen vom Ubw. her 
aufsteigenden Betrachtung eine vom Bewußtsein ausgehende 
gegenüberzustellen. Dem Bewußtsein tritt die ganze Summe 
der psychischeii- Vorgänge als das Reich des Vorbewußten 
ento-egen. Ein sehr großer Anteil dieses Vorbewußten stammt 
aus dem Unbewußten, hat den Charakter der Abkömmlinge 
desselben und unterliegt einer Zensur, ehe er bewußt werden 
kann. Eiu anderer Anteil des A^bw. ist ohne Zensur bewußt- 
seinsfähig. Wir gelangen liier zu einem Widerspruch gegen 
eine frühere Annahme. In der Betrachtung der Verdrängung 
wurden wir genötigt, die für das Bewußtwerden entscheidende 
Zensur zwischen die Systeme Ubw. und Vbw. zu verlegen. 
Jetzt wird uns eine Zensur zwischen Vbw. und Bw. nahe- 
gelegt. Wir tun aber gut daran, in dieser Komplikation keine 
Schwierigkeit zu erblicken, sondern anzunehmen, daß jedem 

21* 



324 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

Übergang von einem System zum nächst höheren, also jedem 
Fortschritt zu einer höhereu Stufe psychischer Organisation 
eine neue Zensur entspreche. Die Annahme einer fortlau- 
fenden Erneuerung der Niederschriften ist damit allerdings 
abgetan. 

Der Grund all dieser Schwierigkeiten ist darin zu suchen 
daß die Bewußtheit, der einzige uns unmittelbar gegebene 
Charakter der psychischen Vorgänge, sich zur Systemunter- 
scheidung in keiner Weise eignet. Abgesehen davon, daß 
das Bewußte nicht immer bewußt, sondern zeitweilig auch 
latent ist, hat uns die Beobachtung gezeigt, daß vieles, was 
die Eigenschaften des Systems Vbw. teilt, nicht bewußt wird, 
und haben wir noch zu erfahren, daß das Bewußtwerden durch 
gewisse Richtungen seiner Aufmerksamkeit eingeschränkt ist. 
Das Bewußtsein hat so weder v.w den Systemen noch zur 
Verdrängung ein einfaches Verhältnis. Die Wahrheit ist, daß 
nicht nur das psychisch Verdrängte dem Bewußtsein fremd 
bleibt, sondern auch ein Teil der unser Ich beherrschenden 
Regungen, also der stärkste funktionelle Gegensatz des Ver- 
drängten. In dem Maße, als wir uns zu einer metapsycho- 
logischen Betrachtung des Seelenlebens durchringen wollen, 
müssen wir lernen, uns von der Bedeutung des Symptoms 
„Bewußtheit" zu emanzipieren. 

Solange wir noch an diesem haften, sehen wir unsere 
Allgemeinheiten regelmäßig durch Ausnahmen durchbrochen. 
Wir sehen, daß Abkömmlinge des Vbw. als Ersatzbildungen 
und als Symptome bewußt werden, in der Kegel nach großen 
Entstellungen gegen das Unbewußte, aber oft mit Erhaltung 
•vieler zur Verdrängung auffordernder Charaktere. Wir fin- 
den, daß viele vorbewußte Bildungen unbewußt bleiben, die, 
sollten wir meinen, ihrer Natur nach sehr wohl bewußt wer- 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 335 



den dürften. Wahrscheinlich macht sich bei ihnen die 
stärkere Anziehung des übw. geltend. Wir werden darauf 
hingewiesen, die bedeutsamere Differenz nicht zwischen dem 
Bewußten und dem Vorbewußten, sondern zwischen dem Vor- 
bewußten und dem Unbewußten zu suchen. Das Ubw. wird 
an der Grenze des Vbw. durch die Zensur zurückgewiesen, 
Abkömmlinge desselben können diese Zensur umgehen, sich 
hoch organisieren- im Vbw. bis zu einer gewissen Intensität 
der Besetzung heranwachsen, werden aber dann, wenn sie 
diese überschritten haben und sich dem Bewußtsein auf- 
drängen wollen, als Abkömmlinge des Ubw. erkannt und an 
der neuen Zensurgrenze zwischen Vbw. und Bw. neuerlich 
verdrängt. Die erstere Zensur funktioniert so gegen das Ubw. 
selbst, die letztere gegen die vbw. Abkömmlinge derselben. 
Man könnte meinen, die Zensur habe sich im Laufe der indi- 
viduellen Entwicklung um ein Stück vorgeschoben. 

In der psychoanalytischen Kur erbringen wir den un- 
anfechtbaren Beweis für die Existenz der zweiten Zensur, 
der zwischen den Systemen Vbw. und Bw. Wir fordern den 
Kranken auf, reichlich Abkömmlinge des Ubw. zu bilden, 
verpflichten ihn dazu, die Einwendungen der Zensur gegen 
das Bewußtwerden dieser vorbewußten Bildungen zu über- 
winden, und bahnen uns durch die Besiegung dieser Zensur 
den Weg zur Aufhebung der Verdrängung, die das Werk der 
früheren Zensur ist. Fügen wir noch die Bemerkung an, daß 
die Existenz der Zensur zwischen Vbw. und Bw. uns mahnt, 
das Bewußt werden sei kein bloßer Wahrnehmungsakt, son- 
dern wahrscheinlich auch eine Uberbesetzung, ein weiterer 
Fortschritt der psychischen Organisation. 

Wenden wir uns zum Verkehr des Ubw. mit den anderen 
Systemen, weniger um Neues festzustellen, als um nicht das 



326 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



Sinnfälligste zu übergehen. An den Wurzeln der Triebtätigkeit 
kommunizieren die Systeme aufs ausgiebigste miteina-nder. 
Ein Anteil der hier erregten Vorgänge geht durch das Ubw. 
■wie durch eine Vorbereitungsstufe durch und erreicht die 
höchste psychische Ausbildung im Bw., ein anderer wird als 
Ubw. zurückgehalten. Das Ubw. wird aber auch von den 
aus der äußeren Wahrnehmung stammenden Erlebnissen ge- 
troffen. Alle Woge von der Wahrnehmung buhl Ubw. bleiben 
in der Norm frei; erst die vom Ubw. weiter führenden Wege 
unterliegen der Sperrung durch die Verdrängung. 

Es ist sehr bemerkenswert, daß das Ubw. eines Menschen 
mit Umgehung des Bw. auf das Ubw. eines anderen reagieren 
kann. Die Tatsache verdient eingehendere Untersuchung, be- 
sonders nach der Richtung, ob sich vorbewußte Tätigkeit 
dabei ausschließen läßt, ist aber als Beschreibung unbe- 
streitbar. 

Der Inhalt des Systems Vbw. (oder Bw.) entstammt zu 
einem Teile dem Triebieben (durch Vermittlung des Ubw.), 
zum anderen Teile der Wahrnehmung. Es ist zweifelhaft, 
inwieweit die Vorgänge dieses Systems eine direkte Ein- 
wirkung auf das Ubw. äußern können ; die Erforschung patho- 
logischer Fälle zeigt oft eine kaum glaubliche Selbständigkeit 
und Unbeeinflußbarkeit des Ubw. Ein völliges Auseinander- 
gehen der Strebungen, ein absoluter Zerfall der beiden Systeme 
ist überhaupt die Charakteristik des Krankseins. Allein die 
psychoanalytische Kur ist auf die Beeinflussung des Ubw. 
vom Bw. her gebaut und zeigt jedenfalls, daß solche, wie- 
wohl mühsam, nicht unmöglich ist. Die zwischen beiden 
Systemen vermittelnden Abkömmlinge des Ubw. bahnen uns, 
wie schon erwähnt, den Weg zu dieser Leistung. Wir dürfen 
aber wohl annehmen, daß die spontan erfolgende Veränderung 



XVHI. DAS UNBEWUSSTE. 327 



des Ubw. von Seiten des Bw. ein schwieriger und langsam 
verlaufender Prozeß ist. 

Eine Kooperation zwischen einer vorbewußten und einer 
unbewußten, selbst intensiv verdrängten Regung kann zu 
stände kommen, wenn es die Situation ergibt, daß die unbe- 
wußte Regung gleichsinnig mit einer der herrschenden Stre- 
bungen wirken kann. Die Verdrängung wird für diesen Fall 
aufgehoben, die verdrängte Aktivität als Verstärkung der 
vom Ich beabsichtigten zugelassen. Das Unbewußte wird für 
diese eine Konstellation ichgerecht, ohne daß sonst an seiner 
Verdrängung etwas abgeändert würde. Der Erfolg des Ubw. 
ist bei dieser Kooperation unverkennbar; die verstärkten 
Strebungen benehmen sich doch anders als die normalen, 
sie befähigen zu besonders vollkommener Leistung und sie 
zeigen gegen Widersprüche eine ähnliche Resistenz wie etwa 
die Zwangssymptome. 

Den Inhalt des Ubw. kann man einer psychischen Ur- 
bevölkerung vergleichen. Wenn es beim Menschen ererbte 
psychische Bildungen, etwas dem Instinkt der Tiere Ana- 
loges gibt, so macht dies den Kern des Ubw. aus. Dazu 
kommt später das während der Kindheitsentwicklung als 
unbrauchbar Beseitigte hinzu, was seiner Natur nach von 
dem Ererbten nicht verschieden zu sein braucht. Eine scharfe 
und endgültige Scheidung des Inhaltes der beiden Systeme 
stellt sich in der Regel erst mit dem Zeitpunkte der 

Pubertät her. 

Soviel, als wir in den vorstehenden Erörterungen zusam- ***** 
mengetragen haben, läßt sich etwa über das Ubw. aussagen, rubelten 
solange man nur aus der Kenntnis des Traumlebens und der 
tlbertragungsneurosen schöpft, Es ist gewiß nicht viel, macht, 
stellenweise den Eindruck des Ungeklärten und Verwirrenden 



k 



328 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHKE. IV. 



und läßt vor allem die Möglichkeit vermissen, das Ubw. an 
einen bereits bekannten Zusammenhang anzuordnen oder es 
in ihn einzureihen. Erst die Analyse einer der Affektionen, 
die wir narzißtische Psychoneurosen heißen, verspricht uns 
Auffassungen zu liefern, durch welch«; uns das rätselvolle 
.Ubw. näher gerückt und gleichsam greifbar gemacht wird. 
Seit einer Arbeit von Abraham (1908), welche der ge- 
wissenhafte Autor auf meine Anregung zurückgeführt hat, 
versuchen wir die Dementia praecox Kraepclins (Schizo- 
phrenie Bleulers) durch ihr Verhalten zum Gegensatz von 
Ich und Objekt zu charakterisieren. Bei den Übertragungsv 
neurosen (Angst- und Konversionshysterie, Zwangsneurose) 
lag nichts vor, was diesen Gegensatz in den Vordergrund 
gerückt hätte. Man wußte zwar, daß die Versagung des 
Objekts den Ausbruch der Neurose herbeiführt, und daß die 
Neurose den Verzicht auf das reale Objekt involviert, auch 
daß die dem realen Objekt entzogene Libido auf ein pliaa« 
tasiertes Objekt und von da aus auf ein verdrängtes zurück- 
geht (Introversion). Aber die Objektbesetzung überhaupt wird 
bei ihnen mit großer Energie festgehalten, und die feinere 
Untersuchung des Verdränguugs Vorganges hat uns anzu- 
nehmen genötigt, daß die Objektbesetzung im System Ubw. 
trotz der Verdrängung — vielmehr infolge derselben — fort- 
besteht. Die Fähigkeit zur Übertragung, welche wir bei diesen 
Affektionen therapeutisch ausnützen, setzt ja die ungestörte 
Objektbesetzung voraus. 

Bei der Schizophrenie hat sich uns dagegen die Annahme 
aufgedrängt, daß nach dem Prozesse der Verdrängung die 
abgezogene Libido kein neues Objekt suche, sondern ins Ich 
zurücktrete, daß also hier die Objektbesetzungen aufgegeben 
und ein primitiver objektloser Zustand von Narzißmus wieder- 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 



329 



hergestellt werde. Die Unfähigkeit dieser Patienten zur Über- 
tragung — soweit der Krankheitsprozeß reicht — , ihre dar- 
aus folgende therapeutische Unzugänglichkeit., die ihnen 
eigentümliche Ablehnuug der Außenwelt, das Auftreten von 
Zeichen einer Überbesetzung des eigenen Ichs, der Ausgang in 
völlige Apathie, all diese klinischen Charaktere scheinen zu 
der Annahme eines Aufgehons der Objektbesetzungen treff- 
lich zu stimmen. Von Seiten des Verhältnisses der beiden 
psychischen S3 r steme wurde allen Beobachtern auffällig, daß 
bei der Schizophrenie vieles als bewußt geäußert wird, was 
wir bei den Übertragungsneurosen erst durch Psychoanalyse 
im Ubw. nachweisen müssen. Aber es gelang zunächst nicht, 
zwischen der Ich-Objektbeziehung und den Bewußtseinsrela- 
tionen eine verständliche Verknüpfung herzustellen. 

Das Gesuchte scheint sich auf folgendem unvermuteten 
Wege zu ergeben. Bei den Schizophrenen beobachtet man, 
zumal in den so lehrreichen Anfangsstadien, eine Anzahl von 
Veränderungen der Sprache, von denen einige es verdienen, 
unter einem bestimmten Gesichtspunkt betrachtet zu wer- 
den. Die Ausdrucksweise wird oft Gegenstand einer beson- 
deren Sorgfalt, sie wird „gewählt", „geziert". Die Sätze er- 
fahren eine besondere Desorganisation des Aufbaues, durch 
welche sie uns unverständlich werden, so daß wir die Äuße- 
rungen der Kranken für unsinnig halten. Im Inhalt dieser 
Äußerungen wird oft eine Beziehung zu Körperorganen oder 
Körperinnervationen in den Vordergrund gerückt. Dem kann 
man anreihen, daß in solchen Symptomen der Schizophrenie, 
welche hysterischen oder zwangsneurotischen Ersatzbildungen 
bleichen, doch die Beziehung zwischen dem Ersatz und dem 
Verdrängten Eigentümlichkeiten zeigt, welche uns bei den 
beiden genannten Neurosen befremden würden. 



330 SCHRIFTEN ZUB NEUKOSENLEIIKE. IV. 



Herr Dr. V. Tausk (Wien) hat mir einige seiner Be- 
obachtungen bei beginnender Schizophrenie zur Verfügung 
gestellt, die durch den Vorzug ausgezeichnet sind, daß die 
Kranke selbst noch die Aufklärung ihrer Reden geben wollte. 
Ich will nun an zweien seiner Beispiele zeigen, welche Auf- 
fassung ich zu vertreten beabsichtige, zweifle übrigens nicht 
daran, daß es jedem Beobachter leicht sein würde, solches 
Material in Fülle vorzubringen, 

Eine der Kranken Tausks, ein Mädchen, das nach 
einem Zwist mit ihrem («eliebten auf die Klinik gebracht 

wurde, klagt: 

Die Augen sind nicht richtig, sie sind v e r- 
dreht. Das erläutert sie selbst, indem sie in geordneter 
Sru-ache eine Reihe von Vorwürfen gegen den (Jeliebten vor- 
bringt. „Sie kann ihn gar nicht verstehen, er sieht jedesmal 
anders aus, er ist ein Heuchler, ein Augen verd reher, er 
hat ihr die Augen verdreht, jetzt h.it sie verdrehte Augen, 
es sind nicht mehr ihre Augen, .sie sieht die Welt jetzt mit 
anderen Augen." 

Die Äußerungen der Kranken zu ihrer unverständlichen 
Rede haben den Wert einer Analyse, da sie deren Äquivalent 
in allgemein verständlicher Ausdrucksweise enthalten; sie 
geben gleichzeitig Aufschluß über Bedeutung und über Genese 
der schizophrenen Wortbildung. In Obereinstimmung mit 
Tausk hebe ich aus diesem Beispiel hervor, daß die Be- 
ziehung zum Organ (zum Auge) sieh zur Vertretung des 
ganzen Inhaltes aufgeworfen hat. Die schizophrene Rede ha1 
hier einen hypochondrischen Zug, sie ist r g an spräche 
geworden. 

Eine zweite Mitteilung derselben Kranken: „Sie steht 
in der Kirche, plötzlich gibt es ihr einen Huck, sie muß sich 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 331 



anders stellen, als stellte sie jemand, als würde 
sie gesteil t." 

Dazu die Analyse durch eine neue Reihe von Vorwürfen 
gegen den Geliebten. ..der ordinär ist, der sie, die vom Hause 
aus fein war, auch ordinär gemacht hat. Er hat sie sich 
ähnlieh gemacht, indem er sie glauben machte, er sei ihr 
überlegen; nun sei sie so geworden, wie er ist, weil sie 
glaubte, sie werde besser sein, wenn sie ihm gleich werde. 
Er hat sich vorstellt, sie ist jetzt so wie er (Identifizie- 
rung!), er hat sie vorstellt". 

Die Bewegung „des sich anders Stellen", bemerkt Tausk, 
ist eine Darstellung des Wortes „verstellen" und der Iden- 
tifizierung mit dem Geliebten. Ich hebe wiederum die Prä- 
valenz jenes Elements des ganzen Gedankenganges hervor, 
welches eine körperliche Innervation (vielmehr deren Emp- 
findung) zum Inhalt hat, Eine Hysterika hätte übrigens im 
ersten Falle krampfhaft die Augen verdreht, im zweiten den 
Huck wirklich ausgeführt, anstatt den Impuls dazu oder die 
Sensation davon zu verspüren, und in beiden Fällen hätte sie 
keinen bewußten Gedanken dabei gehabt und wäre auch nach- 
träglich nicht im stände gewesen, solche zu äußern. 

Soweit zeugen diese beiden Beobachtungen für das, was 
wir hypochondrische oder Organsprache genannt haben. Sie 
mahnen aber auch, was uns wichtiger erscheint, an einen 
anderen Sachverhalt, der sich beliebig oft z. B. an den in 
Bleulers Monographie gesammelten Beispielen nachweisen 
und in eine bestimmte Formel fassen läßt. Bei der Schizo- 
phrenie werden die Worte demselben Prozeß unterworfen, 
der aus den latenten Traumgedanken die Traumbilder macht, 
den 1 wir den psychischen Tri mär vor gang geheißen 
haben. Sie werden verdichtet und übertragen einander ihre 



332 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEIIRE. IV. 



Besetzungen restlos durch Verschiebung; der Prozeß kann 
so weit gehen, daß ein einziges, durch mehrfache Beziehungen 
dazu geeignetes Wort die Vertretung einer ganzen (iedankcn- 
kette übernimmt. Die Arbeiten von Bleuler, Jung und 
ihren Schülern haben gerade für diese Behauptung reich- 
liches -Material orgeben.*) 

Ehe wir aus solchen Eindrücken einen Schluß ziehen, 
wollen wir noch der feinen, aber doch befremdlich wirkenden 
•Unterschiede zwischen der schizophrenen und der hyste- 
rischen und zwangsneurotischen Ersatzbildung gedenken. Ein 
Patient, den ich gegenwärtig beobachte, läßt sich durch den 
schlechten Zustand seiner Gesichtshaut von allen Interessen 
des Lebens abziehen. Er behauptet, Mitesser zu haben und 
tiefe Löcher im Gesicht, die ihm jedermann ansieht. Die 
Analyse weist nach, daß er seineu Kastrationskomplex an 
seiner Haut abspielt. Er beschäftigte sich zunächst reuelos 
mit seinen Mitessern, deren Ausdrücken ihm große Befrie- 
digung bereitete, weil dabei etwas herausspritzte, wie er 
sagt. Dann begann er zu glauben, daß überall dort, wo er 
einen Comedo beseitigt hatte, eine tiefe (Jrulw entstanden 
sei, und er machte sich die heftigsten Vorwürfe, durch sein 
„beständiges Herumarbeiten mit der Hand" seine Haut für 
alle Zeiten verdorben zu haben. Es ist evident, daß ihm 
das Auspressen des Inhaltes der Mitesser ein Ersatz für die 
Onanie ist. Die Grube, die darauf durch seine Schuld ent- 
steht, ist das weibliche Genitale, d. h. die Erfüllung der 
durch die Onanie provozierten Kastrat ionsdrohung (resp. der 
sie vertretenden Phantasie). Diese Ersatzbildung hat trotz 

*) Gelegentlich behandelt dio Trauiuarbeit die Worte wie dio Dinge 
vnd schafft dann sehr ähnliche- „tohisqphKO»" Reden oder Wortneu- 
bildungcn. 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 333 

ihres hypochondrischen Charakters viel Ähnlichkeit mit einer 
hysterischen Konversion, und doch wird man das Gefühl 
haben, daß hier etwas anderes vorgehen müsse, daß man 
solche Ersatzbildung einer Hysterie nicht zutrauen dürfe, 
noch ehe man sagen kann, worin die Verschiedenheit be- 
gründet ist. Ein winziges Grübchen wie eine Hautpore wird 
ein Hysteriker kaum zum Symbol der Vagina nehmen, die 
er sonst mit allen möglichen Gegenständen vergleicht, welche 
leinen Hohlraum umschließen. Auch meinen wir, daß die 
Vielheit der Grübchen ihn abhalten wird, sie als Ersatz für 
das weibliche Genitale zu verwenden. Ähnliches gilt für einen 
jugendlichen Patienten, über den Tausk vor Jahren der 
Wiener psychoanalytischen Gesellschaft berichtet hat. Er 
benahm sich sonst ganz wie ein Zwangsneurotiker, verbraucht e 
Stunden für seine Toilette u. dgl. Es war aber an ihm auf- 
fällig, daß er widerstandslos die Bedeutung seiner Hem- 
mungen mitteilen konnte. Beim Anziehen der Strümpfe störte 
ihn z. B. die Idee, daß er die Maschen des Gewebes, also 
Löcher auseinanderziehen müsse, und jedes Loch war ihm 
ISymbol der weiblichen Geschlechtsöffnung. Auch dies ist 
einem Zwangsneurotiker nicht zuzutrauen; ein solcher, aus 
der Beobachtung von K. Reit ler, der am gleichen Verweilen 
beim Strumpfanziehen litt, fand nach Überwindung der Wider- 
stände die Erklärung, daß der Fuß ein Penissymbol sei, das 
Überziehen des Strumpfes ein onanistischer Akt, und er mußte 
den Strumpf fortgesetzt an- und ausziehen, zum Teil, um 
das Bild der Onanie zu vervollkommnen, zum Teil, um sie 
ungeschehen zu machen. 

Fragen wir uns, was der schizophrenen Ersatzbildung 
und dem Symptom den befremdlichen Charakter verleiht, 
so erfassen wir endlich, daß es das Überwiegen der Wort- 



334 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

beziehung über die Sachbeziehung ist. Zwischen dem Aus- 
drücken eines Mitessers und einer Ejakulation aus dem 
Penis besteht eine recht geringe Sachähnlichkeit, eine noch 
geringere zwischen den unzähligen seichten Hautporen und 
der Vagina; aber im ersten Falle spritzt, beide Male etwas 
heraus, und für den zweiten gilt wörtlich der zynische Satz: 
Loch ist Loch. Die Gleichheit des sprach lieben Ausdruckes, 
nicht die Ähnlichkeit der bezeichneten Dinge hat den Ersatz 
vorgeschrieben. Wo die beiden — Wort und Ding — sich 
nicht decken, weicht die sebizophrene Ersatzbildung von der 
bei den Übertragungsneurosen ab. 

Setzen wir diese Einsicht mit der Annahme zusammen, 
daß bei der Schizophrenie die Objekt besHzungen aufgegeben 
werden. Wir müssen dann modifizieren: die Besetzung der 
Wortvorstellungen der Objekte wird festgehalten. Was wir 
die bewußte Objektvorstellung heißen durften, zerlegt sich 
uns jetzt in die Wortvorstellung und in die Sachvor- 
stellung, die in der Besetzung, wenn nicht der direkten 
Sacherinnerungsbilder, doch entfernterer und von ihnen ab- 
geleiteter Erinnerungsspuren besteht. Mit einem Male glau- 
ben wir nun zu wissen, wodurch sieh eine bewußte Vorstel- 
lung von einer unbewußten unterscheidet. Die beiden sind 
nicht, wie wir gemeint haben, verschiedene Niederschriften 
desselben Inhaltes an verschiedenen psychischen Orten, auch 
nicht verschiedene funktionelle Besetzungszustiinde an dem- 
selben Orte, sondern die bewußte Vorstellung umfaßt die 
Sachvorstellung plus der zugehörigen Wbrtvorstellung, die un- 
bewußte ist die Sachvorstellung allein, Daa System Ubw. 
enthält die Sachbesetzungen der Objekte, die eisten und 
eigentlichen Objekt besetzungen ; das System Vbw. entsteht., 
indem diese Sachvorstellung durch die Verknüpfung mit den 



XVIII. DAS UNBEWUSSTE. 335 



ihr entsprechenden Wortvorstellungen überbesetzt wird. Sol- 
che Überbesetzungen, können wir vermuten, sind es, welche 
eine höhere psychische Organisation herbeiführen und die 
Ablösung des Primärvorganges durch den im Vbw. herrschen- 
den Sekundärvorgang ermöglichen. Wir können jetzt auch 
präzise ausdrücken, was die Verdrängung bei den Übertra- 
gungsneurosen der zurückgewiesenen Vorstellung verweigert: 
Die Übersetzung in Worte, welche mit dem Objekt verknüpft 
bleiben sollen. Die nicht in Worte gefaßte Vorstellung oder 
der nicht überbesetzte psychische Akt bleibt dann im Ubw. 
als verdrängt zurück. 

Ich darf darauf aufmerksam machen, wie frühzeitig wir 
bereits die Einsicht besessen haben, die uns heute einen der 
auffälligsten Charaktere der Schizophrenie verständlich macht. 
Auf den letzten Seiten der 1900 veröffentlichten „Traum- 
deutung" ist ausgeführt, daß die Denkvorgänge, d. i. die von 
den Wahrnehmungen entfernteren Besetzungsakte an sich 
qualitätslos und unbewußt sind und ihre Fähigkeit, bewußt 
zu werden, nur durch die Verknüpfung mit den Kesten der 
Wortwahrnehmungen erlangen. Die Wortvorstellungen ent- 
stammen ihrerseits der Sinneswahrnehmung in gleicher Weise 
w i-e die Sachvorstellungen, so daß man die Frage aufwerfen 
könnte, warum die Objektvorstellungen nicht mittels ihrer 
eigenen Wahrnehmungsreste bewußt werden können. Aber 
wahrscheinlich geht das Denken in Systemen vor sich, die 
von den ursprünglichen Wahrnehmungsresten so weit ent- 
fernt sind, daß sie von deren Qualitäten nichts mehr erhalten 
haben und zum Bewußtwerden einer Verstärkung durch neue 
Qualitäten bedürfen. Außerdem können durch die Verknüpfung 
mit Worten auch solche Besetzungen mit Qualität versehen 
werden, die aus den Wahrnehmungen selbst keine Qualität 



336 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

mitbringen konnten, weil sie bloß Relationen zwischen den 
Objektvorstellungen entsprechen. Solche erst durch Worte 
faßbar gewordene Relationen sind ein Hauptbestandteil un- 
serer Denkvorgänge. Wir verstehen, daß die Verknüpfung 
mit Wortvorstellungcn noch nicht mit dein Bewußt werden 
zusammenfällt, sondern bloß die Möglichkeit dazu gibt, daß 
sie also kein anderes System als das des Vbw. charakterisiert. 
Nun merken wir aber, daß wir mit diesen Erörterungen unser 
eigentliches Thema verlassen und mitten in die Probleme 
des Vorbewußten und Bewußten geraten, die wir 'zweck- 
mäßigerweise einer gesonderten Behandlung vorbehalten. 

Bei der Schizophrenie, die wir ja hier auch nur so weit 
berühren, als uns zur allgemeinen Erkennung des Ubw. un- 
erläßlich scheint, muß uns der Zweifel auftauchen, ob der 
hier Verdrängung genaunte Vorgang überhaupt noch etwas 
mit der Verdrängung bei den Übertragungsneurosen gemein 
hat. Die Formel, die Verdrängimg sei ein Vorgang zwischen 
dem System Ubw. und dem Vbw. (oder Bw.) mit dem Erfolg 
der Fernhaltung vom Bewußtsein, bedarf jedenfalls einer Ab- 
änderung, um den Fall der Dementia praecox und anderer 
narzißtischer Affektionen miteinschließen zu können. Abej 
der Fluchtversuch des Ichs, der sich in der Abziehung der 
bewußten Besetzung äußert, bleibt immerhin als das Gemein« 
same bestehen. Um wie vieles gründlicher und tiefgreifender 
dieser Fluchtversuch, diese Flucht des Ichs bei den narziß- 
tischen Neurosen ins Werk gesetzt wird, lehrt die oberfläch- 
lichste Überlegung. 

Wenn diese Flucht bei der Schizophrenie in der Ein- 
ziehung der Triebbesetzung von den Stellen besteht, welche 
die unbewußte Objektvorstellung repräsentieren, so mag es 
befremdlich erscheinen, daß der dem System Vbw. ungehörige 



XVIH. DAS UNBEWUSSTE. 337 



Teil derselben Objektvorstellung — die ihr entsprechenden 
Wortvorstellungen — vielmehr eine intensivere Besetzung 
erfahren sollen. Man könnte eher erwarten, daß die Wort- 
Vorstellung als der vorbewußte Anteil den ersten Stoß der 
Verdrängung auszuhaken hat, und daß sie ganz und gar un- 
besetzbar wird, nachdem sich die Verdrängung bis zu den 
unbewußten Sachvorstellungen fortgesetzt hat. Dies ist aller- 
dings eine Schwierigkeit des Verständnisses. Es ergibt sich 
die Auskunft, daß die Besetzung der Wort Vorstellung nicht 
zum Verdrängungsakt gehört, sondern den ersten der Her- 
stellungs- oder Heilungsversuche darstellt, welche das kli- 
nische Bild der Schizophrenie so auffällig beherrschen. Diese 
Bemühungen wollen die verlorenen Objekte wieder bekom- 
men, und es mag wohl sein, daß sie in dieser Absicht 'den 
Weg zum Objekt über den Wortanteil desselben einschlagen, 
wobei sie sich aber dann mit den Worten an Stelle der Dinge 
begnügen müssen. Unsere seelische Tätigkeit bewegt sich ja 
ganz allgemein in zwei entgegengesetzten Verlaufsrichtungen, 
entweder von den Trieben her durch das S} r s.tem Ubw. zur 
bewußten Denkarbeit, oder auf Anregung von außen durch 
das System des Bw. und Vbw. bis zu den ubw. Besetzungen 
des Ichs und der Objekte. Dieser zweite Weg muß trotz 
der vorgefallenen Verdrängung passierbar bleiben und steht 
den Bemühungen der Neurose, ihre Objekte wieder zu ge- 
wännen, ein Stück weit offen. Wenn wir abstrakt denken, 
sind wir in Gefahr, die Beziehungen der Worte zu den un- 
bewußten Sachvorstellungen zu vernachlässigen, und es ist 
nicht zu leugnen, daß unser Philosophieren dann eine un- 
erwünschte Ähnlichkeit in Ausdruck und Inhalt mit der 
Arbeitsweise der Schizophrenen gewinnt. Anderseits kann 
man von der Denkweise der Schizophrenen die Charakteristik 

Froud, Neurosenlehre. IV. 22 



338 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEMRE. IV. 



versuchen, sie behandeln konkrete Dinge, al9 ob sie ab- 
strakte wären. 

Wenn wir wirklieh das Ubw. agnosziert und den Unter- 
schied einer unbewußten Vorstellung von einer vorbewußtert 
richtig bestimmt haben, so werden unsere Untersuchungen 
von vielen anderen Stellen her zu dieser Einsieht zurück- 
führen müssen. 



XIX. 

METAPSYCHOLOGISCHE ERGÄNZUNG 
ZUR TRAUMLEHRE.*) 

Wir worden bei verschiedenen Anlässen die Erfahrung 
machen können, wie vorteilhaft es für unsere Forschung ist, 
wenn wir gewisse Zustände und Phänomene zur Vergleich ung 
heranziehen, die man als Normal Vorbilder krankhafter 
Affektionen auffassen kann. Dahin gehören Affektzustände 
wie Trauer und Verliebtheit, aber auch der Zustand des 
Schlafes und. das Phänomen des Träumens. 

Wir sind nicht gewöhnt, viele Gedanken daran zu 
knüpfen, daß der Mensch allnächtlich die Hüllen ablegt, die 
er über seine Haut gezogen hat, und etwa noch die Er- 
gänzuiigsstüeke seiner Körperorgane, soweit es ihm gelungen 
ist, deren Mängel durch Ersatz zu decken, also die Brille, 
falschen Haare, Zähne usw. Man darf hinzufügen, daß er 
beim Schlafengehen eine ganz analoge Entkleidung seines 



*) Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, IV, 1916/8. — Die beiden 
nachstehenden Abhandlungen stammen ans einer Sammlung, die ich ur- 
sprünglich unter dem Titel „Zur Vorbereitung einer Metapsychologie" in 
Buchform veröffentlichen wollte. Sie schließen an Arbeiten an, welche 
im HI- Jahrgang dieser Zeitschrift (Heft 1 — 5) abgedruckt worden sind. 
(„Triebe und Triebschicksale'' — ..Die Verdrängung" — „Das Unbewußte".) 
Absicht dieser Eeihe ist die Klärung und Vertiefung der theoretischen 
Annahmen, die man einem psychoanalytischen System zu Grunde legen 
könnte. 

2-2* 



340 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

Psychischen vornimmt, auf die meisten seiner psychischen 
Erwerbungen verzichtet und so von beiden Seiten her eine 
außerordentliche Annäherung an die {Situation herstellt, welche 
der Ausgang seiner Lebensentwicklung war. Da* Schlafen 
ist somatisch eine Reaktivierung des Aufenthalles im Mutter- 
Ieibe mit der Erfüllung der Bedingungen von Ruhelage, 
Wärme und Reizabhaltung; ja viele Menschen nehmen im 
Schlafe die fötale Körperhaltung wieder ein. Der psychische 
Zustand der Schlafenden charakterisiert sich durch nahezu 
völlige Zurückziehung aus der Welt der Umgebung und Ein- 
stellung alles Interesse für sie. 

Wenn man die psychoneurotisehen Zustände untersucht, 
wird man veranlaßt, in jedem derselben die sogenannten zeit- 
lichen Regressionen hervorzuheben, den Betrag des 
ihm eigentü mliche n Rüokgreifen.s in der Entwicklung. Man 
unterscheidet zwei solcher Regressionen, die i\cv Ich- und 
die der Libidoentwicklung. Di- letztere reicht beim Schlaf- 
zustand bis zur Herstellung des primitiven Narzißmus, 
die erster« bis zur Stufe der h a 1 1 u z i n a t o r i s c h e n W u n s c h- 
b e f r i e d i g u n g. m 

Was man von den psychischen Charakteren des Schlaf- 
zustandes weiß, hat man natürlich durch das Studium des 
Traumes erfahren. Zwar zeigt uns der Traum den Menschen, 
insofern er nicht schläft, aber er kann doch nicht umhin, 
uns dabei auch Charaktere des Schlafes selbst zu verraten. 
Wir haben aus der Beobachtung einige Eigentümlichkeiten 
des Traumes kennen gelernt, die wir zunächst nicht vor- 
stehen konnten und nun mit leichter Mühe einreihen können. 
So wissen wir, der Traum sei absolut egoistisch, und die 
Person, die in seinen Szenen die Hauptrolle spiele, sei immer 
als die eigene zu agnoszieren. De; leitet sich nun leicht be- 



XIX. METAPSYCHOLOG. ERGÄNZUNG ZUR TRAUMLEHRE. 341 

greiflicherweise von dem Narzißmus des Schlafzustandes ab. 
Narzißmus und Egoismus fallen ja zusammen ; das Wort 
„Narzißmus" will nur betonen, daß der Egoismus auch ein 
libidinöscs Phänomen sei, oder, um es anders auszudrücken, 
der Narzißmus kann als die libidinöse Ergänzung des Egois- 
mus bezeichnet werden. Ebenso verständlich wird auch die 
allgemein anerkannte und für rätselhaft gehaltene „diagno- 
stische" Fähigkeit des Traumes, in welchem beginnende Kör- 
pcrleidcn oft früher und deutlicher als im Wachen verspürt 
werden, und alle gerade aktuellen Körperempfindungen ins 
Riesenhafte vergrößert auftreten. Diese Vergrößerung ist 
hypochondrischer Natur, sie hat zur Voraussetzung, daß alle 
psychische Besetzung von der Außenwelt auf das eigene Ich 
zurückgezogen wurde, und sie ermöglicht nun die frühzeitige 
Erkennung von körperlichen Veränderungen, die im Wach- 
leben noch eine Weile unbemerkt geblieben wären. 

Ein Traum zeigt uns an, daß etwas vorging, was den 
Schlaf stören wollte, und gestattet uns Einsicht in die Art, 
wie diese Störung abgewehrt werden konnte. Am Ende hat 
der Schlafende geträumt und kann seinen Schlaf fortsetzen; 
an Stelle des inneren Anspruches, der ihn beschäftigen wollte, 
ist ein äußeres Erlebnis getreten, dessen Anspruch erledigt 
worden ist. Ein Traum ist also auch eine Projektion, eint; 
Vcräußerlichung eines inneren Vorganges. Wir erinnern uns, 
daß wir die Projektion bereits an anderer Stelle unter den 
Mitteln der Abwehr begegnet haben. Auch der Mechanismus 
der hysterischen Phobie gipfelte darin, daß das Individuum 
sich durch Fluchtversuche vor einer äußeren Gefahr schützen 
durfte welche an die Stelle eines inneren Triebanspruches 
getreten war. Eine gründliche Erörterung der Projektion 
sparen wir uns aber auf, bis wir zur Zergliederung jener nar- 



342 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



zißtischen Affektiou gekommen sind, bei welcher dieser Me- 
chanismus die auffälligste Kollo spielt. - < 
Auf welche Weise kann aber der Fall herbeigeführt wer- 
den, daß die Absicht zu schlafen eine Störung erfährt? Die 
Störung kann von innerer Erregung oder von äußerein Heiz 
ausgehen. Wir wollen den minder du roh sichtigen und interes- 
santeren Fall der Störung von innen zuersl in Betracht ziehen- 
die Erfahrung zeigt uns als Erreger des Traumes Tagesreste 
Denkbesetzungen, welche sich der allgemeinen Abziehung 
der Besetzungen nicht gefügt und ihr zum Trotz ein gewisses 
Maß von libidinösem oder anderem Interesse behalten haben. 
Der Narzißmus des Schlafes hat also hier von vornherein 
eine Ausnahme zulassen müssen, und mit dieser hebt die 
Traumbildung an. Diese Tagesreste lernen wir in der Analyse 
als latente Traumgedanken können und müssen sie nach ihrer 
Natur wie zufolge der ganzen Situation als vorbewußte Vor- 
stellungen, alfi Angehörige des Systems Vbw. gelten lassen. 
Die weiten- Aufklärung der Traumbildung gelingt nicht 
ohne Überwindung gewisser Schwierigkeit,.,,. Der Narzißmus 
des Schlafzustandes bedeute! ja die Abziehung der Besetzung 
von allen Objcktvorstelli.ngen, sowohl der unbewußten, wie 
der vorbewußten Anteile derselben. Wenn also gewisse 
„Tagesreste" besetzt geblieben sind, so hat es Bedenken an- 
zunehmen, daß diese zur Nachtzeil soviel Energie erwerben, 
um sich die Beachtung des Bewußtseins zu erzwingen; man 
ist eher geneigt anzunehmen, daß die ihnen verbliebene Be- 
setzung um vieles schwächer ist, als die ihnen tagsüber eigen 
war. Die Analyse überhebt uns hier weiterer Spekulationen, 
indem sie uns nachweist, daß diese Tagesresto eine Verstär- 
kung aus den Quellen unbewußter Triebregungen bekommen 
müssen, wenn sie als Traumbüdner auftreten sollen. Diese 



XIX. METAPSYCHOLOG. ERGÄNZUNG ZUR TRAUMLEHRE. 343 



Annahme hat zunächst keine Schwierigkeiten, denn wir 
müssen glauben, daß die Zensur zwischen Vbw. und Ubw. im 
Schlafe sehr herabgesetzt, der Verkehr /.wischen beiden Syste- 
men also eher erleichtert ist. 

Aber ein anderes Bedenken darf nicnt verschwiegen wer- 
den. Wenn der narzißtische Schlaf zustand die Einziehung 
aller Besetzungen der Systeme Ubw. und Vbw. zur Folge 
gehabt hat. so entfällt ja auch die Möglichkeit, daß die vor- 
bewußten Tagesreste eine Verstärkung aus den unbewußten 
Triebregungen beziehen, die selbst ihre Besetzungen au das 
Ich abgegeben haben. Die Theorie der Traumbildung läuft 
hier in einen Widerspruch aus, oder sie muß durch eine Modi- 
fikation der Annahme über den Schlafnarzißmus gerettet 
werden. 

Eine solche einschränkende Annahme wird, wie sich 
später ergeben soll, auch in der Theorie der Dementia prae- 
cox unabweisbar. Sie kann nur lauten, daß der verdrängte 
Anteil des Systems Ubw. dem vom Ich ausgehenden Schlaf- 
wunsche nicht gehorcht, seine Besetzung ganz oder teilweise 
behält und sich überhaupt infolge der Verdrängung ein ge- 
wisses Maß von Unabhängigkeit vom Ich geschaffen hat. 
In weiterer Entsprechung müßte auch ein gewisser Betrag 
des Verdrängungsaufwandes (der Gegen beset zu ng) die 
Nacht über aufrecht erhalten werden, um der Triebgefahr 
zu begegnen, obwohl die Unzugänglichkeit aller Wege zur 
Affektentbindung und zur Motilität die Höhe der notwen- 
digen Gegenbesetzung erheblich herabsetzen mag. Wir wür- 
den uns also die zur Traumbildung führende Situation fol- 
gender Art ausmalen: Der Schlaf wünsch versucht alle vom 
Ich ausgeschickten Besetzungen einzuziehen und einen ab- 
soluten Narzißmus herzustellen. Das kann nur teilweise ge- 



344 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

lingen, denn das Verdrängte des Systems Ubw. folgt dein 
Schlafwunsche nicht. Es muß also auch ein Teil der Gegen- 
besetzungen aufrecht erhalten werden und die Zensur zwi- 
schen Ubw. und Vbw., wenngleich nicht in voller Stärke 
verbleiben. Soweit, die Herrschaft des Ichs reicht, sind alle 
Systeme von Besetzungen entleert. Je stärker die ubw. Trieb- 
besetzungen sind, desto labiler ist der Schlaf. Wir kennen 
auch den extremen Fall, daß das Ich den Schlafwunsch auf- 
gibt, weil es sich unfähig fühlt, die während des Schlafes 
frei gewordenen vordrängten Uegungen zu hemmen, mit an- 
deren Worten, daß es auf don Schlaf verzichtet, weil es sich 
vor seineu Träumen fürchtet. 

Wir werden später die Annahme von der Widersetzlich- 
keit der verdrängten Regungen als eine folgenschwere schätzen 
lernen. Verfolgen wir nun die Situation der Traumbildung 
weiter. 

Als zweiten Einbruch in den Narzißmus müssen wir die 
vorhin erwähnte Möglichkeit würdigen, daß auch einige der 
vorbewußten Tagesgedanken sich resistent erweisen und einen 
Teil ihrer Besetzung festhalten. Die beiden Fälle können im 
(Jrunde identisch sein; die Resistenz der T;igesrcste ning sieb 
auf die bereits im Wachlel.en bestehende Verknüpfung mit 
unbewußten Regungen zurückführen, oder es geht etwas we- 
niger einfach zu, und die nicht ganz entleerten Tagesreste 
setzen sich erst im Schlafzustand, dank der erleichterten 
Kommunikation zwischen Vbw. und Ubw., mit dem Ver- 
drängten in Beziehung. In beiden Fällen erfolgt nun der 
nämliche entscheidende Fort sehritt der Traumbildung: Es 
wird der vorbewußte Trauinwunsch geformt, welcher der 
unbewußten Regung Ausdruck gibt in dem Ma- 
terial der vorbewußteu Tagesreste. Diesen Tri um... 



XIX. METAPSYCHOLOG. ERG ÄNZUNG ZUR TRAUMLEHRE. 345 

wünsch sollte man von den Tagesresten scharf unterscheiden ; 
er muß im Wachleben nicht bestanden haben, er kann be- 
reits den irrationellen Charakter zeigen, den alles Unbewußte 
an sich trägt, wenn man es ins Bewußte übersetzt. Der Traum- 
wunsch darf auch nicht mit den Wunschregungen verwech- 
selt werden, die sich möglicherweise, aber gewiß nicht not- 
wendigerweise, unter den vorbewußten (latenten) Traum- 
gedauken befunden haben. Hat es aber solche vorbewußte 
Wünsche gegeben, so gesellt sich ihnen der Traumwunsch 
als wirksamste Verstärkung hinzu. 

Es handelt sich nun um die weiteren Schicksale dieser 
in ihrem Wesen einen unbewußten Triebanspruch vertreten- 
den Wunschregung, die sich im Vbw. als Traum wünsch 
(wunscherfüllende Phantasie) gebildet hat, Sie könnte ihre 
Erledigung auf drei verschiedenen Wegen finden, sagt uns 
die Überlegung. Entweder auf dem Wege, der im Wachleben 
der normale wäre, aus dem Vbw. zum Bewußtsein drängen, 
oder sich mit Umgehimg des Bw. direkte motorische Abfuhr 
schaffen, oder den unvermuteten Weg nehmen, den uns die 
Beobachtung wirklieh verfolgen läßt. Im ersteren Falle würde 
sie zu einer Wahnidee mit dem Inhalt der Wunscherfüllung, 
aber das geschieht im Schlafzustandc nie. (Mit den meta- 
psychologischen Bedingungen der seelischen Prozesse so 
wenig vertraut, können wir aus dieser Tatsache vielleicht 
den Wink entnehmen, daß die völlige Entleerung eines Systems 
es für Anregungen wenig ansprechbar macht.) Der zweite 
Fall, die direkte motorische Abfuhr, sollte durch das näm- 
liche Prinzip ausgeschlossen sein, denn der Zugang zur Moti- 
lität liegt normalerweise noch ein Stück weiter weg von der 
Bewußtseinszensur, aber er kommt ausnahmsweise als Som- 
nambulismus zur Beobachtung. Wir wissen nicht, welche 



346 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLKHItK. IV. 

Bedingungen dies ermöglichen, und warum er sich nicht 
häufiger ereignet. Was bei der Traumbildung wirklich ge- 
schieht, ist eine sehr merkwürdige und ganz unvorhergesehene 
Entscheidung. Der im Vbw. angesponnene und durch das 
Ubw. verstärkte Vorgang nimmt einen rückläufigen Weg 
durch das Ubw. zu der dem Bewußtsein sich aufdrängenden 
Wahrnehmung. Diese Regression ist die dritte Phase 
der Traumbildung. Wir wiederholen hier zur Übersicht die 
früheren: Verstärkung der vbw. Tagesreste durch das Ubw, 
— Herstellung des Trauinwunsches. 

Wir heißen eine solche Regression eiue topischc zum 
Unterschied von der vorhin erwähnten zeitlichen oder 
entwieklungsgeschichtlichen. Die beiden müssen nicht immer 
zusammenfallen, tun es aber gerade in dem uns vorliegenden 
Beispiele. Die Bückwendung des Ablaufes der Erregung vom 
Vbw. durch das Ubw. zur Wahrnehmung, ist gleichzeitig die 
Bückkehr zu der frühen Stufe der halluzinatorischen Wunsoh- 
crfüllung. 

Ee ist aus der „Traumdeutung" bekannt, in welcher 
Weise die Regression der vorbewußten Tagesreste bei der 
Traumbildung vor sich geht. Gedanken werden dabei in 
vorwiegend visuelle — Bilder umgesetzt, also Wortvorstel- 
lungen auf die ihnen entsprechenden Sachvorstclluugen zu- 
rückgeführt im ganzen so, als ob eine Rücksicht auf Dar, 
Stellbarkeit den Prozeß beherrschen würde. Nach voll- 
zogener Regression erübrigt eine Reihe von Besetzungen im 
System Ubw., Besetzungen von Saoherinncrungcn, auf welche 
der psychische Primärvorgang einwirkt, bis er durch deren 
Verdichtung und Verschiebung der Besetzungen zwischen 
ihnen den manifesten Traumiuhalt gestaltet hat. Nur wo 
die Wortvorstellungen in den Tagesresten frische, aktuelle 



XIX. METAPSYCHOLOG. ERGÄNZUNG ZUR TRAUMLEHRE. 347 

Reste von Wahrnehmungen sind, nicht Gedankenausdruck, 
werden sie wie Sachvorstellungen behandelt und unterliegen 
an sich den Einflüssen der Verdichtung und Verschiebung. 
Daher die in der Traumdeutung gegebene, seither zur Evidenz 
bestätigte Regel, daß Worte und Reden im Trauminha.lt nicht 
neugebildet, sondern Reden des Traumtages (oder sonstigen 
frischen Eindrücken, auch aus Gelesenem) nachgebildet wer- 
den. Es ist sehr bemerkenswert, wie wenig die Traumarbeit 
an den Wortvorstellungen festhält; sie ist jederzeit bereit, 
die Worte miteinander zu vertauschen, bis sie jenen Aus- 
druck findet, welcher der plastischen Darstellung die gün- 
stigste Handhabe bietet.*) 

In diesem Punkte zeigt sich nun der entscheidende Un- 
terschied zwischen der Traumarbeit und der Schizophrenie. 
Bei letzterer werden die Worte selbst, in denen der vorbe- 
wußte Gedanke ausgedrückt war, Gegenstand der Bearbeitung 
durch den Primärvorgang; im Traume sind es nicht die 



VOll 



*) Der Rücksicht auf Darstellbarkeit schreibe ich auch die 
Silber er betont« und vielleicht von ihm überschätzte Tatsache zu, 
daß manche Träume zwei gleichzeitig zutreffende und doch wesens ver- 
schiedene Deutungen gestatten, von denen Silberer die eiae die ana- 
lytische, die andere die anagogische heißt. Es handelt sich dann 
immer um Gedanken von sehr abstrakter Natur, die der Darstellung im 
Traume große Schwierigkeiten bereiten mußten. Man halte sich zum Ver- 
gleiche etwa die Aufgabe vor, den Leitartikel einer politischen Zeitung 
durch Illustrationen zu ersetzen! In solchen Fällen muß die Traumarbeit 
den abstrakten Gedankentext erst durch einen konkreteren ersetzen, wel- 
cher mit ihm irgendwie durch Vergleich, Symbolik, allegorische Anspie- 
lung, am besten aber geuetisch verknüpft ist, und der nun an seiner 
Stelle Material der Traüinarbeit wird. Die abstrakten Gedanken ergeben 
die sogen, anagogische Deutung, die wir bei der Deutungsarbeit leichter 
erraten als die eigentlich analytische. Nach einer richtigen Bemerkung 
von 0. Bank sind gewisse Kurträume von analytisch behandelten Pa- 
tienten die besten Vorbilder für die Auffassung solcher Träume «mit 
mehrfacher Deutung. 



348 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEIIRE. IV. 



Worte, sondern die Sachvorstellungen, auf welche die Worte 
zurückgeführt wurden. Der Traum kennt, eine topische Re- 
gression, die Schizophrenie nicht; Ix-ini Trauine ist der Ver- 
kehr zwischen (vbw.) Wortbesetzungen und (ubw.) Sach- 
besetzungeu frei; für die Schizophrenie bleibt charakteristisch, 
daß er abgesperrt ist. Der Eindruck dieser Verschiedenheit 
wird gerade durch die Traumdeutungen, die wir in der psycho- 
analytischen Praxis vornehmen, abgcschwächl. Indem die 
Traumdeutung den Verlauf der Trauinarhcit aufspürt, die 
Wege verfolgt, die von den latenten Gedanken zu den Traum- 
elenienten führen, die Auslxmt ung der \\'<>rt Zweideutigkeiten 
aufdeckt und die Wortbrücken zwisohen verschiedenen Ma- 
terialkrcisen nachweist, macht sie einen bald witzigen, bald 
schizophrenen Eindruck und läßt uns daran vergessen, daß 
alle Operationen an Won,.,, für den Traun, nur Vorbereitung 
y.ur Sachregression sind. 

Die Vollendung des Traum Vorganges liegt darin, daß der 
regressiv verwandelte, zu einer Wunschphnnta.sie umgear- 
beitete Gedankeninhalt, als sinnliche Wahrnehmung bewußt 
wird, wobei er die sekundäre Bearbeitung erfährt, welcher 
jeder Wahrn.-hmungsiuhalt unterlieg!. Wir sagen, der Traum- 
wünsch wird halluziniert und linde als Halluzination 
den Glauben an die Realität seiner Erfüllung. Gerade au 
dieses abschließende Stück <{<;■ Traumbildung knüpfen sich 
die stärksten Unsichcrhcilrn, zu deren Klärung wir den Traum 
in Vergleich mit ihm verwandten pathologischen Zuständen 
bringen wollen. 

Die Bildung der Wunschphantasie und deren Regression 
zur Halluzination sind die wesentlichsten Stücke der Traum- 
arbeit, doch kommen sie ihm nicht ausschließend zu. Viel- 
mehr finden sie sich ebenso bei zwei krankhaften Zu- 






XIX. METAPSYCHOLOG. ERGÄNZUNG ZUR TRAUMLEHRE. 349 

ständen, bei der akuten halluzinatorischen Verworrenheit, der 
Amentia (Meynerts), und in der halluzinatorischen Phase 
der Schizophrenie. Das halluzinatorische Delir der Amentia 
ist eine deutlich keimbare Wunschphantasie, oft völlig ge- 
ordnet wie ein schöner Tagtraum. Man könnte ganz allge- 
mein von einer halluzinatorischen "Wunschpsychose 
sprechen und sie dem Traume wie der Amentia in gleicher 
Weise zuerkennen. Es kommen auch Träume vor, welche aus 
nichts anderem als aus sehr reichhaltigen, unentstelltcn 
Wunschphantasien bestehen. Die halluzinatorische Phase der 
Schizophrenie ist minder gut studiert; sie scheint in der 
Regel zusammengesetzter Natur zu sein, dürfte aber im we- 
sentlichen einem neuen Restitutionsversuch entsprechen, der 
die libidinöse Besetzung zu den Objektvorstellungen zurück- 
bringen will.*) Die anderen halluzinatorischen Zustände bei 
mannigfaltigen pathologischen Affektionen kann ich nicht 
zum Vergleich heranziehen, weil ich hier weder über eigene 
Erfahrung verfüge, noch die Anderer verwerten kann. 

Machen wir uns klar, daß die halluzinatorische Wunsch- 
psychose — im Traume oder anderwärts — zwei keineswegs 
ineinander fallende Leistungen vollzieht. Sie bringt nicht 
nur verborgene oder verdrängte Wünsche zum Bewußtsein, 
sondern stellt sie auch unter vollem Glauben als erfüllt dar. 
Es gilt dieses Zusammentreffen zu verstehen. Man kann 
keineswegs behaupten, die unbewußten Wünsche müßten für 
Realitäten gehalten werden, nachdem sie einmal bewußt ge- 
worden sind, denn unser Urteil ist bekanntermaßen sehr wohl 
im stände, Wirklichkeiten von noch so intensiven Vorstel- 
lungen und Wünschen zu unterscheiden. Dagegen scheint es 

*) Als ersten solchen Versuch haben wir in der Abhandlung über das 
..Unbewußte' 1 die Überbesetzung der Wort Vorstellungen kennen gelernt. 



350 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



gerechtfertigt anzunehmen, daß der Realitätsglaube an die 
Wahrnehmung durch die Sinne geknüpft ist. Wenn einmal 
ein Gedanke den "Weg zur Regression bis zu den unbewußten 
Objekterinnerungsspuren und von da bis zur Wahrnehmung 
gefunden hat, so anerkennen wir seine Wahrnehmung als 
real. Die Halluzination bringt also den Realität sgkiuben mit 
sich. Es fragt sich nun, welches die Bedingung für das Zu- 
standekommen einer Halluzination ist. Die erste Antwort 
würde lauten: Die Regression, und somit die Frage na eh der 
Entstehung der Halluzination durch die nach dem Mecha- 
nismus der Regression ersetzen. Die Antwort darauf brauchten 
wir für den Traum nicht lange schuldig zu bleiben. Die Re- 
gression der vbw. Traumgedanken zu den Sacherinnerungs- 
bildern ist offenbar die Folge der Anziehung, welche diese 
ubw. Triebrepriis.-utanzen — z. B. verdrängte Erlebnis- 
erinnerungen - auf die in Worte gefaßten Gedanken aus- 
üben. Allein wir merken bald, daß wir auf falsche Fährte 
geraten sind. Wäre das Geheimnis der Halluzination kein 
anderes als das der Regression, so müßte jede genug inten- 
sive Regression .ine Halluzination mit Realitätsglauben er- 
geben. Wir kennen aber sehr wohl die Fäll,., [ u denen ein 
regressives Xaehdenken sehr deutliehe visuelle Fainnerimgs- 
bilder zum Bewußtsein bringt, die Mir darum keinen Augen- 
blick für reale Wahrnehmung halt,,,. Wir könnten uns auch 
sehr wohl vorstellen, daß die Traumarbeit bis zu solchen 
Erinnerungsbildern vordringt, uns die bisher unbewußten be- 
wußt macht und uns eine Wunschphantasie vorspiegelt, die 
wir sehnsüchtig empfinden, aber nicht als die reale Erfüllung 
des Wunsches anerkennen würden. Di-' Halluzination muß 
also mehr sein als die regressive Belebung der an sich ubw. 
Erinnerungsbilder. 




XIX. METAPSYCHOLOG. ERGÄNZUNO ZUR TRAUMLEHRE. 351 



Halten wir uns noch vor, daß es von großer praktischer 
Bedeutung ist, Wahrnehmungen von noch so intensiv erin- 
nerten Vorstellungen zu unterscheiden. Unser ganzes Ver- 
hältnis zur Außenwelt, zur Realität, hängt von dieser Fähig- 
keit ab. Wir haben die Fiktion aufgestellt, daß wir diese 
Fähigkeit nicht immer besaßen, und daß wir zu Anfang un- 
seres Seelenlebens wirklich das befriedigende Objekt hallu- 
zinierten, wenn wir das Bedürfnis nach ihm verspürten. Aber 
die Befriedigung blieb in solchem Falle aus, und der Miß- 
erfolg muß uns sehr bald bewogen haben, eine Einrichtung 
zu schaffen, mit deren Hilfe eine solche Wunschwahrnehmung 
von einer realen Erfüllung unterschieden und im weiteren 
vermieden werden konnte. Wir haben mit anderen Worten 
sehr frühzeitig die halluzinatorische Wunschbefriedigung auf- 
gegeben und eine Art der Realitätsprüfung eingerichtet. 
Die Frage erhebt sich nun, worin bestand diese Realitäts- 
prüfung, und wie bringt es die halluzinatorische Wunsch- 
psychose des Traumes und der Amentia u. dgl. zu stände, 
sie aufzuheben und den alten Modus der Befriedigung wieder- 
herzustellen. 

Die Antwort läßt sich geben, wenn wir nun daran gehen, 
das dritte unserer psychischen Systeme, das System Bw., 
•welches wir bisher vom Vbw. nicht scharf gesondert haben, 
näher zu bestimmen. Wir haben uns schon in der Traum- 
deutung entschließen müssen, die bewußte Wahrnehmung als 
die Leistung eines besonderen Systems in Anspruch zu neh- 
men, dem wir gewisse merkwürdige Eigenschaften zuge- 
schrieben haben und mit guten Gründen noch weitere Cha- 
raktere beilegen werden. Dieses dort W. genannte System 
bringen wir zur Deckung mit dem System Bw., an dessen 
Arbeit in der Regel das Bewußtwerden hängt. Noch immer 






352 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

aber deckt sich die Tatsache des Bewußt werden« nicht völlig 
mit der Systemzugehörigkeit, denn wir haben ja erfahren, 
daß sinnliche Erinnerungsbilder bemerkt werden können, denen 
wir unmöglich einen psychischen Ort im System B\v. oder 
W. zugestehen können. 

Allein die Behandlung dieser Schwierigkeit darf wie- 
derum aufgeschoben werden, bis wir das System Bw. selbst 
als Mittelpunkt unseres Interesses einstellen können. Für 
unseren gegenwärtigen Zusammenhang darf uns die Annahme 
gestattet werden, daß die Halluzination in einer Besetzung 
des Systems Bw. (W.) besteht, die aber nicht wie normal 
von außen, sondern von innen her erfolgt, und daß sie zur 
Bedingung hat, die Regression müsse so weit gehen, daß sie 
dies System selbst erreicht und sieh dabei über die Realitäts- 
prüfung hinaussetzen kann.*) 

Wir haben in einem früheren Zusammenhang (Triebe uud 
Triebschicksalc) für den noch hilflosen Organismus die Fähig- 
keit in Anspruch genommen, mittels seiner Wahrnehmungen 
eine erste Orientierung in der Welt zu schaffen, indem er 
„außen" und ..innen" nach der Beziehung zu einer Muskel- 
aktion unterscheidet. Eine Wahrnehmung, die durch eine 
Aktion zum Verschwinden gebracht wird, ist als eine äußere. 
als Realität erkannt ; wo solche Aktion nichts ändert, kommt 
die Wahrnehmung aus dem eigenen Kdrperinnern, sie ist 
nicht real. Es ist dem Individuum wertvoll, daß es ein sol- 
ches Kennzeichen der Realität besitzt, welches gleichzeitig 
eine Abhilfe gegen sie bedeutet, und es wollte gern mit ähn- 
licher Macht gegen seine oft unerbittlichen Triebansprüche 

*) Ich füge ergänzend hinzu, daü ein Erklärungsversuch der Hallu- 
zination nicht an der positiven, sondern vielmehr un der negative»; 
Halluzination angreifen müßte. 



XIX. METAPSYCHOLOG. ERGÄNZUNG ZUR TRAUMLEHRE. 353 

ausgestattet sein. Darum wendet es solche Mühe daran, was 
ihm von innen her beschwerlich wird, nach außen zu ver- 
setzen, zu projizieren. 

Diese Leistung der Orientierung in der Welt durch Un- 
terscheidung von innen und außen müssen wir nun nach 
einer eingehenden Zergliederung des seelischen Apparates dem 
System Bw. (W.) allein zuschreiben. Bw. muß über eine 
motorische Innervation verfügen, durch welche festgestellt 
wird, ob die Wahrnehmung zum Verschwinden zu bringen 
ist oder sich resistent verhält. Nichts anderes als diese Ein- 
richtung braucht die Realitätsprüfung zu sein.*) Nä- 
heres darüber können wir nicht aussagen, da Natur und 
Arbeitsweise des Systems Bw. noch zu wenig bekannt sind. 
Die Realitätsprüfung werden wir als eine der großen In- 
stitutionen des Ichs neben die uns bekannt gewordenen 
Zensuren zwischen den psychischen Systemen hinstellen 
und erwarten, daß uns die Analyse der narzißtischen Affek- 
tionen andere solcher Institutionen aufzudecken verhilft. 

Hingegen können wir schon jetzt aus der Pathologie er- 
fahren auf welche Weise die Realitätsprüfung aufgehoben 
oder außer Tätigkeit gesetzt werden kann, und zwar werden 
wir es in der Wunschps} r chose, der Amentia, unzweideutiger 
erkennen als am Traum: Die Amentia ist die Reaktion auf 
einen Verlust, den die Realität behauptet, der aber vom Ich 
als unerträglich verleugnet werden soll. Darauf bricht das 
Ich die Beziehung zur Realität ab, es entzieht dem System 
der Wahrnehmungen Bw. die Besetzung oder vielleicht besser 
eine Besetzung, deren besondere Natur noch Gegenstand einer 
Untersuchung werden kann. Mit dieser Abwendung von der 



*) Über die Unterscheidung einer Aktualitäts- von einer Realitäts- 
priifung siehe nn späterer Stelle. 

Freud, Neurosenlehrc IV. *3 



364 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

Realität ist die Realität spriifung beseitigt, die — unver- 
drängten, durchaus bewußten — Wunschphantasien können 
ins System vordringen und werden von dort aus als bessere 
Realität anerkannt. Eine solche Knt/.iehung darf den Ver- 
drängungsvorgängen beigeordnet werden ; die Amentia bietet 
uns das interessante .Schauspiel einer Entzweiung des Ichs 
mit einem seiner Organe, welches ihm vielleicht am ge- 
treuesten diente und am innigsten verbunden war.*) 

Was bei der Amentia die „Verdrängung" leistet, das 
macht beim Traum der freiwillige Verzieht. Der Schlaf zustand 
will nichts von der Außenwelt wissen, interessiert sich nicht 
für die Realität oder nur insoweit, als das Verlassen des 
Schlafzustandes, das Erwachen, in Betracht kommt. Er zieht 
also auch die Besetzung vom System Bw. ab, wie von den 
anderen Systemen, dein Vbw. und dem Ubw., soweit die in 
ihnen vorhandenen Positionen dem Schlaf wünsch gehorchen. 
Mit dieser Unbesetztheit des Systems Bw. ist die Möglichkeit 
einer Realitätsprüfung aufgegeben, und die Erregungen, welche 
vom Schlafzustaud unabhängig den Weg der Regression ein- 
geschlagen haben, werden ihn frei finden bis zum System 
Bw., in welchem sie als unbestrittene Realität gelten wer- 
den.**) Für die halluzinatorische Psychoso der Dementia 
praecox werden wir aus unseren Erwägungen ableiten, daß 
sie nicht zu den Eingangssymptomen der Affektion gehören 

*) Man kann von hier aus dio Vermutung wagen, daß auch die 
toxischen Halluzinosen, z. B. das Aikoholdelirium, in analoger Weise zu 
verstehen sind. Der unerträgliche Vorlust, der von der Realität auferlegt 
wird, wäre eben der des Alkohols. Zuführung desselben hebt die Hallu- 
zinationen auf. 

**) Das Prinzip der UnorregUirkeil. unl>r.sH/irr Systeme erscheint 
hier für das Bw. (W.) außer Kraft gesetzt. Aber es kann sich um nur 
teilweiso Aufhebung der Besetzung handeln, und gerado für das Wahr- 
nehmungssystem werden wir eine Anzahl von Erreguiigsbcdiugungcu an- 






XIX. METAPSYCHOLOG. ERGÄNZUNG ZUR TRAUMLEHRE. 355 

kann. Sie wird erst ermöglicht, wenn das Ich des Kranken 
soweit zerfallen ist, daß die Realitätsprüfung nicht mehr die 
Halluzination verhindert. 

Zur Psychologie der Traumvorgänge erhalten wir das 
Resultat, daß alle wesentlichen Charaktere des Traumes durch 
die Bedingung des Schlaf zustandes determiniert werden. Der 
alte Aristoteles behält mit seiner unscheinbaren Aussage, 
der Traum sei die seelische Tätigkeit des Schlafenden, in 
allen Stücken recht. Wir konnten ausführen: Ein Rest von 
seelischer Tätigkeit, dadurch ermöglicht, daß sich der nar- 
zißtische Schlaf zustand nicht ausnahmslos durchsetzen ließ. 
Das lautet ja nicht viel anders, als was Psychologen und 
Philosophen von jeher gesagt haben, ruht aber auf ganz ab- 
weichenden Ansichten über den Bau und die Leistung des 
seelischen Apparates, die den Vorzug vor den früheren haben, 
daß sie auch alle Einzelheiten des Traumes unserem Ver- 
ständnis nahe bringen konnten. 

Werfen wir am Ende noch einen Blick auf die Bedeu- 
tung, welche eine Topik des Verdi'ängungs Vorganges für un- 
sere Einsicht in den Mechanismus der seelischen Störungen 
gewinnt. Beim Traum betrifft die Entziehung der Besetzung 
(Libido, Interesse) alle Systeme gleichmäßig, bei den Über- 
tragungsneurosen wird die vbw. Besetzung zurückgezogen, bei 
der Schizophrenie die des Ubw., bei der Amentia die des Bw. 



nehme«! müssen, die von denen anderer Systeme weit abweichen. — Der 
unsicher tastende Charakter dieser metapsychologischen Erörterungen soll 
natürlich in keiner Weise verschleiert oder beschönigt werden. Erst wei- 
tere Vertiefung kann zu einem gewissen Grade von Wahrscheinlichkeit 
führen. 

23* 






XX 
TRAUER UND MELANCHOLIE •> 

Nachdem uns der Traum als Normalv-orbild der narziß- 
tischen Seelcnstörungcn gedient hat, wollen wir den Versuch 
machen, da,s Wesen der Melancholie durch ihre Vorgleichung 
mit dem Normalaffckt der Trauer zu erhellen. Wir müssen 
aber diesmal ein Bekenntnis vorausschicken, welches vor 
Überschätzung des Ergebnisses warneu soll. Die Melancholie, 
deren Begriffsbestimmung auch in der deskriptiven Psychia- 
trie schwankend ist, tritt in verschiedenartigen klinischen 
Formen auf, deren Zusammenfassung zur Einheit nicht ge- 
sichert scheint, von denen einige eher an somatische als an. 
psychogene Affektionen mahnen, Unser Material beschränkt 
sich, abgesehen von Seil Eindrücken, die jedem Beobachter 
zw Gebote stehen, auf eine kleine Anzahl von Fällen, deren 
psychogene Natur keinem Zweifel unterlag. So werden wil- 
den Anspruch auf allgemein.' Gültigkeit unserer Ergebnisse 
von vornherein fallen lassen und uns mit der Erwägung 
trösten, daß wir mit unseren gegenwärtigen Forsch ungsmittela 
kaum etwas finden können, was nicht typisch wäre, wenn 
nicht für eine ganze Klasse von Affekt ionen, so doch für 
eine kleinere Gruppe. 

Die Zusammenstellung von Melancholie und Trauer er- 
scheint durch das Gesamtbild der beiden Zustände gerecht* 



*) Intern. Zeitschr. für ärztl. 1'nychuinalyso, IV, 191C/18. 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 357 

fertigt.*) Auch die Anlässe zu beiden aus den Lebenseinwir- 
kungen fallen dort, wo sie überhaupt durchsichtig sind, zu- 
sammen. Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust 
einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten 
Abstraktion, wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw. Unter 
den nämlichen Einwirkungen zeigt sich bei manchen Per- 
sonen, die wir darum unter den Verdacht einer krankhaften 
Disposition setzen, an Stelle der Trauer eine Melancholie. 
Es ist auch sehr bemerkenswert, daß es uns niemals ein- 
fällt, die Trauer als einen krankhaften Zustand zu betrachten 
und dem Arzt zur Behandlung zu übergeben, obwohl sie 
schwere Abweichungen vom normalen Lebensverhalten mit 
sicli bringt. Wir vertrauen darauf, daß sie nach einem ge- 
wissen Zeitraum überwunden sein wird, und halten eine Stö- 
rung derselben für unzweckmäßig, selbst für schädlich. 

Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine 
tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Inter- 
esses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebes- 
fähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herab- 
setzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und 
Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Er- 
wartung von Strafe steigert. Dies Bild wird unserem Ver- 
ständnis näher gerückt, wenn wir erwägen, daß die Trauer 
dieselben Züge aufweist bis auf einen einzigen; die Störung 
des Selbstgefühls fällt bei ihr weg. Sonst aber ist es das- 
selbe. Die schwere Trauer, die Beaktion auf den Verlust 
einer beliebten Person, enthält die nämliche schmerzliche 
Stimmung, den Verlust des Interesses für die Außenwelt — ■ 



*) Auch Abraham, dem wir die bedeutsamste unter den wenigen 
analytischen Studien über den Gegenstand verdanken, ist von dieser Ver- 
gleichung ausgegangen (Zentralbl. für Psychoanalyse, II, 6, 1912). 



358 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

soweit sie nicht an den Verstorbenen mahnt — , den Verlust 
der Fähigkeil, irgend ein neues Liebesobjekt zu wählen — - 
was den Betrauerten ersetzen hieße — , die Abwendung von 
jeder Leistung, die nicht mit dem Andenken des Verlorenen 
in Beziehung sieht. Wir fassen es leicht, daß diese Hemmung 
und Einschränkung <]<■* Ichs der Ausdruck der ausschließ- 
lichen Hingabe an die Trauer ist, wobei für andere Absichten 
und Interessen nichts übrig bleibt. Eigentlich erseheint uns 
dieses Verhalten nur da nun nicht jtiithologisch, weil wir es 
so gut zu erklären wissrn. 

Wir werden auch den Vergleich gutheißen, der die .Stim- 
mung der Trauer eine „schmerzliche" nennt. Seine Berech- 
tigung wird uns wahrscheinlich einleuchten, wenn wir im 
stände sind, den Schmerz ökonomisch zu charakterisieren. 

Worin besteht nun die Arbeit, welche die Trauer leistet? 
Ich glaulx>, daß es nichts Gezwungenes enthalten wird, sie 
in folgender Art darzustellen: Die Realitätsprüfung hat ge- 
zeigt, daß das geliebte Objekt nichl mehr besteht, und er- 
läßt nun die Aufforderung, alle Libido uns ihren Verknüp- 
fungen mit diesem Objekt abzuziehen. Dagegen erhebt sicl> 
ein begreifliches Sträuben, — es ist allgemein zu beachten, 
daß der Mensch eine Ubidoposition nicht gern verläßt, selbst 
dann nicht, wenn ihm Ersatz bereits winkt. Dies Sträuben 
kann so intensiv sein, daß eine Abwendung von der Rcalitäi 
und ein Festhalten des Objekts durch eine halluzinatorische 
Wunschpsychose (sieh.- die vorige Abhandlung) zu stände 
kommt. Das Normale ist, daß der Respekt vor der Realität 
den Sieg behält. Doch kann ihr Auftrag nicht sofort erfüllt 
werden. Er wird nun im einzelnen unter großem Aufwand 
von Zeit und Besetzungsenergie durchgeführt und unterdes 
die Existenz des verlor, nm Objekts psychisch fortgesetzt. 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 359 

Jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungen, in denen 
die Libido an das Objekt geknüpft war, wird eingestellt, 
überbesetzt und an ihr die Lösung der Libido vollzogen. 
Warum diese Kompromißleistung der Einzeldurchführung des 
Realitätsgebotes so außerordentlich schmer?haft ist, läßt 
sich in ökonomischer Begründung gar nicht leicht angeben. 
Es ist merkwürdig, daß uns diese Schmerzunlust selbst- 
verständlich erscheint. Tatsächlich wird aber das Ich 
nach der Vollendung der Trauerarbeit wieder frei und un- 
gehemmt. 

Wenden wir nun auf die Melancholie an, was wir von 
der Trauer erfahren haben. In einer Reihe von Fällen ist 
es offenbar, daß auch sie Reaktion auf den Verlust eines 
geliebten Objekts sein kann; bei anderen Veranlassungen 
kann man erkennen, daß der Verlust von mehr ideeller Natur 
ist. Das Objekt ist nicht etwa real gestorben, aber es ist 
als Liebesobjekt verlorengegangen (z. B. der Fall einer ver- 
lassenen Braut). In noch anderen Fällen glaubt man an der 
Annahme eines solchen Verlustes festhalten zu sollen, aber 
man kann nicht deutlich erkennen, was verloren wurde, und 
darf um so eher annehmen, daß auch der Kranke nicht be- 
wußt erfassen kann, was er verloren hat. Ja, dieser Fall 
könnte auch dann noch vorliegen, wenn der die Melancholie 
veranlassende Verlust dem Kranken bekannt ist, indem er 
zwar weiß wen, aber nicht was er an ihm verloren hat. 
So würde uns nahe gelegt, die Melancholie irgendwie auf 
einen dem Bewußtsein entzogenen Objektverlust zu beziehen 
zum Unterschied von der Trauer, bei welcher nichts an dem 
Verluste unbewußt ist. 

Bei der Trauer fanden wir Hemmung und Interesse- 
losigkeit durch die das Ich absorbierende Trauerarbeit rest- 



360 SCHRIFTE N ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

los aufgeklärt. Eine ähnliche innere Arbeit wird auch der 
unbekannte Verlust bei der Melancholie zur Folge haben 
und darum für die Hemmung der .Melancholie verantwortlich 
werden. Nur daß uns die melancholische Hemmung einen 
rätselhaften Eindruck macht, weil wir nicht sehen können, 
was die Kranken so vollständig absorbiert. Der Melancho- 
liker zeigt uns nun noch eines, was bei der Trauer entfällt, 
eine außerordentliche Herabsetzung seines Ichgefühls, eine 
großartige Ichverarmung. Bei der Trauer ist dio Welt arm 
und leer geworden, bei der .Melancholie ist es das Ich selbst. 
Der Kranke schildert uns sein Ich als nichtswürdig, leistungs- 
uufähig und moralisch verwerflich, er macht sich Vorwürfe, 
beschimpft sich und erwartet Ausstoßung und Strafe. Er 
erniedrigt sich vor jedem anderen, lxsdauert jeden der Sei- 
nigen, daß er an eine so unwürdige Person gebunden sei. 
Er hat nicht das Urteil einer Veränderung, die an ihm vor- 
gefallen ist, sondern streckt seine »Selbstkritik über die Ver- 
gangenheit aus; er behauptet, niemals besser gewesen zu 
sein. Das Bild dieses — vorwiegend moralischen — Klein- 
heitswahnes vervollständigt sich durch Schlaflosigkeit, Ab- 
lehnung der Nahrung und eine psychologisch höchst merk- 
würdige Überwindung des Tiirl.cs. der alles hebende am 
Leben festzuhalten zwingt. 

Es wäre wissenschaftlich wie iherapcutisch gleich un- 
fruchtbar, dem Kranken zu widersprechen, der solche An- 
klagen gegen sein Ich vorbringt. Er muß wohl irgendwie recht 
haben und etwas schildern, was sich so verhält, wie es ihm 
erscheint, Einige seiner Angaben müssen wir ja. ohne Ein- 
schränkung sofort bestätigen. Er ist wirklich so interesse- 
los, so unfähig zur Liebe und zur Leistung, wie er sagt. 
Aber das ist, wie wir wissen, sekundär, ist die Folge der 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 3ßl 

inneren, uns unbekannten, der Trauer vergleichbaren Arbeit, 
welche sein Ich aufzehrt. In einigen anderen Selbstanklagen 
scheint er uns gleichfalls recht zu haben und die Wahrheit 
nur schärfer zu erfassen als andere, die nicht melancholisch 
sind. Wenn er sich in gesteigerter Selbstkritik als klein- 
lichen, egoistischen, unaufrichtigen, unselbständigen Men- 
schen schildert, der nur immer bestrebt war, die Schwächen 
seines Wesens zu verbergen, so mag er sich unseres Wissens 
der Selbsterkenntnis ziemlich angenähert haben, und wir fra- 
gen uns nur, warum man erst krank werden muß, um solcher 
Wahrheit zugänglich zu sein. Denn es leidet keinen Zweifel, 
wer eine solche; Selbsteinschätzung gefunden hat und sie 
vor anderen äußert — eine Schätzung, wie sie Prinz Hamlet 
für sich und alle anderen bereit hat — *), der ist krank, 
ob er nun die Wahrheit sagt oder sich mehr oder weniger 
Unrecht tut. Es ist auch nicht schwer zu bemerken, daß 
zwischen dem Ausmaß der Selbsterniedrigung und ihrer 
realen Berechtigung nach unserem Urteil keine Entsprechung 
besteht. Die früher brave, tüchtige und pflichttreue Frau 
wird in der Melancholie nicht besser von sich sprechen als 
die in Wahrheit nichtsnutzige, ja vielleicht hat die erstere 
mehr Aussicht, an Melancholie zu erkranken, als die andere, 
von der auch wir nichts Gutes zu sagen wüßten. Endlich 
muß uns auffallen, daß der Melancholiker sich doch nicht 
»anz so benimmt wie ein normalerweise von Reue und Selbst» 
Vorwurf Zerknirschter. Es fehlt das Schämen vor anderen, 
welches diesen letzteren Zustand vor allem charakterisieren 
würde, oder es tritt wenigstens nicht auffällig hervor. Man 
könnte am Melancholiker beinahe den gegenteiligen Zug einer 



*) „Use every men ßi'ter his desert, and who should scape whippingf 
Hamlet«, II, 2. 







362 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

aufdringlichen Mitteilsamkeit hervorheben, die «in der eigenen 
Bloßstellung eine Befriedigung findet. 

Es ist also nicht wesentlich, ob der Melancholiker mit 
seiner peinlichen Selbstherabsetzung insofern recht hat, als 
diese Kritik mit dem Urteil der anderen zusammentrifft. Es 
muß sich vielmehr darum handeln, daß er seiue psychologische 
Situation richtig beschreibt. Kr hat seine Selbstachtung ver- 
loren und muß guten (Jrund dazu haben. Wir stehen dann 
allerdings vor einem Widerspruch, der uns ein schwer lös- 
bares Rätsel aufgibt. Nach der Analogie mit der Trauer 
mußten wir schließen, daß er einen Verlust am Objekte er- 
litten hat ; aus seinen Aussagen geh! ein Verbist an seinem 
Ich hervor. 

Khe wir uns mit diesem Widerspruch beschäftigen, ver- 
weilen wir einen Moment lang bei dem Einblick, den uns die 
Affektion des Melancholikers in die Konstitution des mensch- 
lichen Ichs gewährt. Wir .;ehcn bei ihm, wie sich ein Teil 
des Ichs dem anderen gegenüberstellt, es kritisch wertet, 
es gleichsam zum Objekt nimmt. Unser Verdacht, d.iü die 
hier vom Ich abgespaltene kritische Instanz auch unter an- 
deren Verhältnissen ihre Selbständigkeil erweisen könne, wird 
Änrch alle weiteret, Beobachtungen bestätigt werden. Wir 
■werden wirklich (Jrund finden, diese Instanz vom übrigen 
Ich zu sondern. Was wir hier kennen lernen, ist die ge- 
wöhnlich Gewissen genannte Instanz; wir werden sie mit 
der Bewußtseinszensur und der Koalilälsprüfung zu den gro- 
ßen Ichinstitutionen rechnen und irgendwo auch die beweise 
dafür finden, daß sie für sich allein erkranken kann. Das 
Krankheitsbild der Melancholie laut das moralische Miß- 
fallen am eigenen Ich vor anderen Ausstollungen hervor- 
treten: körperliche (.iebrechon, Häßlichkeit, Schwäche, soziale 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 363 

Minderwertigkeit sind weit seltener Gegenstand der Selbst- 
einschätzung ; nur die Verarmung nimmt unter den Befürch- 
tungen oder Behauptungen des Kranken eine bevorzugte 

Stelle ein. 

Zur Aufklärung des vorhin aufgestellten Widerspruches 
führt dann eine Beobachtung, die nicht einmal schwer an- 
zustellen ist. Hört man die mannigfachen Selbstanklageo 
des Melancholikers geduldig an, so kann man sich endlich 
des Eindruckes nicht erwehren, daß die stärksten unter ihnen 
zur eigenen Person oft sehr wenig passen, aber mit gering- 
fügigen. Modifikationen einer anderen Person anzupassen sind, 
die der Kranke liebt, geliebt hat oder lieben sollte. So oft 
man den Sachverhalt untersucht, bestätigt er diese Vermu- 
tung. So hat man denn den Schlüssel des Krankheitsbildes 
in der Hand, indem man die Selbstvorwürfe als Vorwürfe 
gegen ein Liebesobjekt erkennt, die von diesem weg auf das 
eigene Ich gewälzt sind. 

Die Frau, die laut ihren Mann bedauert, daß er an eine 
so untüchtige Frau gebunden ist, will eigentlich die Un- 
tüchtigkeit des Mannes anklagen, in welchem Sinne diese 
auch gemeint sein mag. Man braucht sich nicht zu sehr 
y,u verwundern, daß einige echte Selbstvorwürfe unter die 
rückgewendeten eingestreut sind; sie dürfen sich vordrängen, 
weil sie dazu verhelfen, die anderen zu verdecken und die 
Erkenntnis des Sachverhaltes unmöglich zu machen, sie 
stemmen ja auch aus dem Für und Wider des Liebesstreites, 
der zum Liebesverlust geführt hat, Auch das Benehmen der 
Kranken wird jetzt um vieles verständlicher. Ihre Klagen 
sind Anklagen, gemäß dem alten Sinne des Wortes; sie 
schämen und verbergen sich nicht, weil alles Herabsetzende, 
was sie von sich aussagen, im Grunde von einem anderen 



364 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

gesagt wird; und sie sind weit davon entfernt, gegen ihre 
Umgebung die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die 
allein so unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind viel- 
mehr im höchsten Grade quälerisch, immer wie gekränkt und. 
als ob ihnen ein großes Unrecht widerfahren wäre. Dies 
ist alles nur möglieh, weil die Reaktionen ihres Benehmens 
noch von der seelischen Konstellation der Auflehnung aus- 
gehen, welche dann durch einen gewissen Vorgang in die 
melancholische Zerknirschung hIhil.« liilnl worden ist. 

Es hat dann keine Schwierigkeit, diesen Vorgang zu 
rekonstruieren. Ivs hatte eine Objektwahl, eine Bindung der 
Libido an eine bestimmte Person bestanden; durch dm Ein- 
fluß einer realen Kränkung odor Enttäuschung von 
Seiten der geliebten Person trat eine Erschütterung dieser 
Objektbeziehung ein. Der Erfolg war nicht der normale einer 
Abziehung der Libido von diesem Objekt und Verschiebung 
derselben auf ein neues, sondern ein anderer, der mehrere 
Bedingungen für Beio Zustandekommen zu erfordern scheint. 
Die Objektbesetzung erwies si« h als wenig rcbistent, sie wurde 
aufgehoben, aber die freie Libido nicht auf ein anderes Ob- 
jekt verschoben, sondern Ins [ob zurückgezogen. Dort fand 
sie aber nicht eine beliebige Verwendung, sondern diente 
dazu, eine Identifizierung <U>* Ichs mit dem aufgege- 
benen Objekt herzustellen. Der Schatten des Objekts fiel so- 
auf das Ich, welches nun von einer l>csondercn Instanz wie 
ein Objekt, wie das verlassene Objekt, beurteilt werden konnte. 
Auf diese Weise hatte sich der Objektverlust in einen loh.« 
Verlust verwandelt, der Konflikt zwischen dem Ich und der 
geliebten Person in einen Zwiespalt zwischen der Ichkritik 
und dem durch Identifizierung veränderten Ich. 

Von den Voraussetzungen und Krgebnisscn eines solchou 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 365 

Vorganges läßt sich einiges unmittelbar erraten. Es muß 
einerseits eine starke Fixierung an das Liebesobjekt vorhan- 
den sein, anderseits aber im Widerspruch dazu eine geringe 
Resistenz der Objektbesetzung. Dieser Widerspruch scheint 
nach einer treffenden Bemerkung von O. Rank zu fordern, 
daß die Objektwahl auf narzißtischer Grundlage erfolgt sei, 
so daß die Objektbesetzung, wenn sich Schwierigkeiten gegen 
sie erheben, auf den Narzißmus regredieren kann. Die nar- 
zißtische Identifizierung mit dem Objekt wird dann zum Er- 
satz der Liebesbesetzung, was den Erfolg hat, daß die Lie- 
besbeziehung trotz des Konflikts mit der geliebten Person 
nicht aufgegeben werden muß. Ein solcher Ersatz der Objekt- 
liebe durch Identifizierung ist ein für die narzißtischen Affek- 
tionen bedeutsamer Mechanismus; K. Landauer hat ihn 
kürzlich in dem Heilungsvorgang einer Schizophrenie auf- 
decken können.*) Er entspricht natürlich der Regression 
von einem Typus der Objektwahl auf den ursprünglichen 
Narzißmus. Wir haben an anderer Stelle ausgeführt, daß die 
Identifizierung die Vorstufe der Objektwahl ist und die erste, 
in ihrem Ausdruck ambivalente, Art, wie das Ich ein Objekt 
auszeichnet. Es möchte sich dieses Objekt einverleiben, und 
zwar der oralen oder kannibalischen Phase der Libido- 
entwicklung entsprechend auf dem Wege des Fressens. Auf 
diesen Zusammenhang führt Abraham wohl mit Recht die 
Ablehnung der Nahrungsaufnahme zurück, welche sich bei 
schwerer Ausbildung des melancholischen Zustandes kundgibt. 

Der von der Theorie geforderte Schluß, welcher die 
Disposition ; zur melancholischen Erkrankung oder eines 
Stückes von ihr in die Vorherrschaft des narzißtischen Typus 
der Objektwahl verlegt, entbehrt leider noch der Bestätigung 

*)~Intem. Zeitsohr. für ärzfcl. Psychoanalyse, II, 1914. 



366 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHHK. IV. 

durch die Untersuchung. loh habe in den einleitenden Sätzen 
dieser Abhandlung bekannt, daß das empirische Material, auf 
welches diese Studie gebaut ist, für unsere Ansprüche nicht 
zureicht. Dürfen wir eine Übereinstimmung der Beobachtung 
mit unseren Ableitungen annehmen, so würden wir nicht 
zögern, die Regression von der Objektbesetzung auf die noch 
dem Narzißmus ungehörige orale Libidophase in die Charak- 
teristik der Melancholie aufzunehmen. Identifizierungen mit 
dem Objekt sind aueh bei den Obertragungsncurosen keines- 
wegs seilen, vielmehr ein lx;kannter Mechanismus der Sym- 
ptombildung, zumaJ bei der Hysterie. Wir dürfen aber den 
Unterschied der narzißtischen Identifizierung von der hyste- 
rischen darin erblicken, daß hei erstrnr < 1 i* - Objekt besetzung 
aufgelassen wird, während sie bei letzterer bestehen bleibt 
und eine Wirkung äußert, die sich gewöhnlich auf gewisse 
einzeln.- Aktionen und Innervationen beschrankt.. Immerhin 
ist die Identifizierung ;i lieh bei den ObertraguiigMieurosen der 
Ausdruck einer Gemeinaohait, welche Liel>e leimten kann. 
Die narzißtische Identifizierung ist die ursprünglichere und 
eröffnet uns den Zugang zum Verständnis der weniger gut 
studierten hysterischen. 

Die Melaneholi,. entlehnt also einen Teil ihrer Charak- 
tere der Trauer, den anderen Teil dem Vorgang der Regression 
von der narzißtischen Objoktwahl zun. Narzißmus. Sie ist 
einerseits wie die Trauer Reaktion auf den realen Verlust 
des Liebcsobjekis. aber sie ist überdies mit einer Bedingung 
behaftet, welche d-r normalen Trauer abgeht oder dieselbe, 
wo sie hinzutritt] in eine pathologische verwandelt. Der Ver- 
lust des Liebesobjekts ist ein ausgezeichneter Anlaß, um die 
Ambivalenz der Lielx \sbcziehungen zur (iVItung und zum 
Vorschein zu bringen. Wo die Disposition zur Zwangsneurose 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 357 

vorhanden ist, verleiht darum der Ambivalenzkonflikt der 
Trauer eine pathologische Gestaltung und zwingt sie, sich 
in der Form von Selbstvorwürfen, daß man den Verlust des 
Liebesobjekts selbst verschuldet, d. h. gewollt habe, zu 
äußern. In solchen zwangsneurotischen Depressionen nach 
dem Tode geliebter Personen wird uns vorgeführt, was der 
Ambivalenzkonflikt für sich allein leistet, wenn die regressive 
Einziehung der Libido nicht mit dabei ist. Die Anlässe der 
Melancholie gehen meist über den klaren Fall des Verlustes 
durch den Tod hinaus und umfassen alle die Situationen von 
Kränkung, Zurücksetzung und Enttäuschung, durch welche 
ein Gegensatz von Lieben und Hassen in die Beziehung ein- 
getragen oder eine vorhandene Ambivalenz verstärkt werden 
kann. Dieser Ambivalenzkonflikt, bald mehr realer, bald 
mehr konstitutiver Herkunft, ist unter den Voraussetzungen 
der Melancholie nicht zu vernachlässigen. Hat sich die Liebe 
zum Objekt, die nicht aufgegeben werden kann, während das 
Objekt selbst aufgegeben wird, in die narzißtische Identifi- 
zierung geflüchtet, so betätigt sich an diesem Ersatzobjekt 
der Haß, indem er es beschimpft, erniedrigt, leiden macht 
und an diesem Leiden eine sadistische Befriedigung gewinnt. 
Die unzweifelhaft genußreiche Selbstquälerei der Melancholie 
bedeutet ganz wie das entsprechende Phänomen der Zwangs- 
neurose die Befriedigung von sadistischen und HaJJtendenzen,*) 
die einem Objekt gelten und auf diesem Wege eine Wendung 
gegen die eigene Person erfahren Haben. Bei beiden Affek- 
tionen pflegt es den Kranken noch zu gelingen, auf dem Um- 
wege über die Selbstbestrafung Rache an den ursprünglichen 
Objekten zu nehmen und ihre Lieben durch Vermittlung des 



*) über deren Unterscheidung siehe den Aufsatz über ., Triebe und 
Triebschicksalo". 



368 SCHRIFTE N ZUR NKUROSENLEHRK. IV. 

Krankseins zu quälou, nachdem sie sich in die Krankheit 
begeben haben, um ihnen ihre Feindseligkeit nicht direkt 
zeigen zu müssen. Dir Person, welche die Gefühlsstörimg 
dos Kranken hervorgerufen, nach welcher sein Kranksein 
orientiert ist, ist doch gewöhnlich in der nächsten Umgebung 
des Kranken zu finden. So hat die Liebesbesetzung des Melan- 
cholischen für sein Objekt ein zweifaches Schicksal erfahren ; 
sie ist zum Teil auf die Identifizierung regrediert, zum an- 
deren Teil aber unter dem Kinfluß des Ambivalenzkonflikta 
auf die ihm nähere Stufe des Sadismus zuiückversetzt worden. 
Erst dieser Sadismus löst uns das Hat el der Selbstmord- 
neigung, durch welche die Melancholie so interessant und 
so — gefährlich wird. Wir haben als den Urzustand, vdh 
dem das Triebleben ausgeht, eine so großartige Selbstliebe 
des Ich9 erkannt, wir sehen in der Angst, die bei Lebens- 
bedrohung auftritt, einen so riesigen Betrag der narzißtischen 
Libido frei werden, daß wir es nicht erfassen, wie dies Ich 
seiner Selbstzerstörung zustimmen könne. Wir wußten zwar 
längst, daß kein Ncurotiker Selbst ui.-.rdal-sichtcn verspürt, der 
solche nicht von einem Mordimpuls gegen andere auf sich 
zurückwendet, aber es blieb unverständlich, durch welches 
Kräftespiel eine solche Absicht sieh zur Tat durchsetzen kanu. 
Nun lehrt uns die Analyse der Melancholie, daß das Ich 
sich nur dann töten kann, wenn es durch die Rückkehr der 
Objektbesetzung sich selbst wie ein Objekt, behandeln kam», 
wenn es die Feindseligkeit gegen sieh richten darf, die einem 
Objekt gilt, und die die ursprüngliche Reaktion des Ichs 
gegen Objekte der Außenwelt vertritt. (Siehe Triebe und Trieb- 
schicksale.) So ist bei der Regression von der narzißtischen 
Objektwahl das Objekt zwar auf-vh'-ben worden, aber 03 
hat sich doch mächtiger erwiesen als il.is Ich selbst. In den 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 369 



zwei entgegengesetzten Situationen der äußersten Verliebt- 
heit und des Selbstmordes wird das Ich, wenn auch auf gänz- 
lich verschiedenen Wegen, vom Objekt überwältigt. 

Es liegt dann noch nahe, für den einen auffälligen Cha- 
rakter der Melancholie, das Hervortreten der Verarmungs- 
angst, die Ableitimg der aus ihren Verbindungen gerissenen 
und regressiv verwandelten Analerotik zuzulassen. 

Die Melancholie stellt uns noch vor andere Fragen, deren 
Beantwortung uns zum Teil entgeht. Daß sie nach einem ge- 
wissen Zeitraum abgelaufen ist, ohne nachweisbare grobe Ver- 
änderungen zu hinterlassen, diesen Charakter teilt sie mit 
der Trauer. Dort fanden wir die Auskunft, die Zeit werde 
für die Detaildurchführung des Gebotes der Realitätsprüfung 
benötigt, nach welcher Arbeit das Ich seine Libido vom ver- 
lorenen Objekt frei bekommen habe. Mit einer analogen Ar- 
beit können wir das Ich während der Melancholie beschäftigt 
denken; das ökonomische Verständnis des Herganges bleibt 
hier wie dort aus. Die Schlaflosigkeit der Melancholie be- 
zeugt wohl die Starrheit des Zustandes, die Unmöglichkeit, 
die für den Schlaf erforderliche allgemeine Einziehung der 
Besetzungen durchzuführen. Der melancholische Komplex 
verhält sich wie eine offene Wunde, zieht von allen Seiten 
Besetzungsenergien an sich (die wir bei den Ubertragungs- 
neurosen „Gegenbesetzungen" geheißen haben) und entleert 
das Ich bis zur völligen Verarmung; er kann sich leicht 
resistent gegen den Schlafwunsch des Ichs erweisen. — Ein 
wahrscheinlich somatisches, psychogen nicht aufzuklärendes 
Moment kommt in der regelmäßigen Linderung des Zustan- 
des zur Abendzeit zum Vorschein. An diese Erörterungen 
schließt die Frage an, ob nicht Ichverlust ohne Rücksicht 
auf das Objekt (rein narzißtische Ichkränkung) hinreicht, 

Freud, Neurosenlehre. IV. 24 



370 SCHRIFTEN ZUR NEU ROSEN LEHRE. IV. 

das Bild der Melancholie zu erzeugen, und ob nicht direkt 
toxische Verarmung an Ichlihido gewisse Formen der Affvk- 
tion ergeben kann. 

Die merkwürdigste und aufklärungsbedürftigste Eigen- 
tümlichkeit der Melancholie ist durch ihre Neigung gegeben, 
in den symptomatisch gegensätzlichen Zustand der Manie um- 
zuschlagen. Bekanntlich hat nicht jede Melancholie dieses 
Schicksal. Manche Fälle verlaufen in periodischen Rezidiven, 
deren Intervalle entweder keine oder eine nur sehr gering- 
fügige Tönung von Manie erkennen lassen. Andere zeigen jene 
regelmäßige Abwechslung von melancholischen und manischen 
Phasen, die in der Aufstellung des zyklischen Irreseins Aus- 
druck gefunden hat. Man wäre versucht, diese Fälle von 
der psychogenen Auffassung auszuschließen, wenn nicht die 
psychoanalytische Arbeit gerade für mehrere dieser Erkran- 
kungen Auflösung wie therai>cutisehc Beeinflussung zu stände 
gebracht hätte. Es ist also nicht nur gestattet, sondern sogar 
geboten, eine analytische Aufklärung der Melancholie auch 
auf die Manie auszudehnen. 

Ich kann nicht versprechen, daß dieser Versuch voll 
befriedigend ausfallen wird. Er reicht vielmehr nicht weil 
über die Möglichkeit einer ersten Orientierung hinaus. Es 
stehen uns hier zwei Anhaltspunkte zu Gebote, der erste ein 
psychoanalytischer Eindruck, der andere eine, man darf 
wohl sagen, allgemeine ökonomische Erfahrung. Der Ein- 
druck, dem bereits mehrere psychoanalytische Forscher Worte 
geliehen haben, geht dahin, daß die Manie keinen anderen 
Inhalt hat als die Melancholie, daü beide Affektionen mit 
demselben „Komplex" ringen, dem das Ich wahrscheinlich 
in der Melancholie erlegen ist, während es ihn in der Manie 
bewältigt oder beiseite gcscholxm hat. Den anderen Anhalt 



XX. TRAUEK UND MELANCHOLIE. 



371 



gibt die Erfahrung, daß alle Zustände von Freude, Jubel, 
Triumph, die uns das Nornialvorbild der Manie zeigen, die 
nämliche ökonomische Bedingtheit erkennen lassen. Es han- 
delt sich bei ihnen um eine Einwirkung, durch welche ein 
großer, lange unterhaltener, oder gewohnheitsmäßig herge- 
stellter psychischer Aufwand endlich überflüssig wird, so 
daß er für mannigfache Verwendungen und Abfuhrmöglich- 
keiten bereit steht. Also zum Beispiel: Wenn ein armer Teufel 
durch einen großen Geldgewinn iriötzlich der chronischen 
Sorge um das tägliche Brot enthoben wird, wenn ein langes 
und mühseliges Bingen sich am Ende durch den Erfolg ge- 
krönt sieht, wenn man in die Lage kommt, einen drückenden 
Zwang, eine lange fortgesetzte Verstellung mit einem Schlage 
aufzugeben u. dgl. Alle solche Situationen zeichnen sich 
durch die gehobene Stimmung, die Abfuhrzeichen des freu- 
digen Affekts, und durch die gesteigerte Bereitwilligkeit zu 
allerlei Aktionen aus, ganz wie die Manie und im vollen Ge- 
gensatz zur Depression und Hemmimg der Melancholie. Man 
kann wagen es auszusprechen, daß die Manie nichts anderes 
ist als ein solcher Triumph, nur daß es wiederum dem Ich 
verdeckt bleibt, was es überwunden hat und worüber es 
triumphiert. Den in dieselbe Reihe von Zuständen gehörigen 

Alkoholrausch wird man — insofern er ein heiterer ist 

ebenso zurechtlegen dürfen; es handelt sich bei ihm wahr- 
scheinlich um die toxisch erzielte Aufhebung von Verdrän- 
gungsaufwänden. Die Laienmeinung nimmt gern an, daß man 
in solcher maniakalischer Verfassung darum so bewegungs- 
und unternehmungslustig ist, weil man so ,,gut aufgelegt" 
ist. Diese falsche Verknüpfung wird man natürlich auflösen 
müssen. Es ist jene erwähnte ökonomische Bedingung im 
Seelenleben erfüllt worden, und darum ist man einerseits 

24* 



372 SCHRIFTEN ZUR NKUROSENLEHRE. IV. 



in so höherer Stimmung und anderseits so ungehemmt 

im Tun. 

Setzen wir die beide» Andeutungen zusammen, so er- 
gibt sich: In der Manie muß das Ich den Verlust des Ob- 
jekts (oder die Trauer über den Verlust oder vielleicht da* 
Objekt selbst) überwunden haben, und nun ist der ganze Be- 
trag von Gegenbesetzung, de» das schmerzhafte Leiden der 
Melancholie aus dem Ich an sich gezogen und gebunden 
hatte, verfügbar geworden. Der Manische demonstriert uns 
auch unverkennbar seine Befreiung von dem Objekt, an dem 
er gelitten hatte, indem er wie ein Heißhungriger auf neue 
Objektbesetzungen ausgebt , 

Diese Aufklärung klingt ja plausibel, aber sie ist erstens 
noch zu wenig bestimmt und läßt zweitens mehr neue Fragen 
und Zweifel auftauchen, als wir beantworten können. Wir 
•wollen uns der Diskussion derselben nicht entziehen, wenn 
•wir auch nicht erwarte» können, durch sie hindurch den 
Weg der Klarheit zu finden. 

Zunächst: Die normale Trauer ülierwindot ja auch den 
Verlust des Objekts und absorbiert gleichfalls während ihres 
Bestandes alle Energien des Ichs. Wann» stellt sich bei 
ihr die ökonomische Bedingung für eine Phase des Triumphes 
nach ihrem Ablaufe auch nicht andeutungsweise her? Ich 
finde es unmöglich, auf diesen Einwand kurzerhand zu ant- 
worten. Er macht uns auch darauf aufmerksam, daß wir 
nicht einmal sagen könne», durch welche ökonomischen Mittel 
die Trauer ihre Aufgabe löst; »her vielleicht kann hier eine 
Vermutung ausheile». A» jede einzelne der Krinnerungea 
und Erwartungssituatione». welche die Libido an das ver- 
lorene Objekt geknüpft zeige», bringt die Realität ihr Ver- 
dikt heran, daß das Objekt nicht mehr existiere, und das 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 373 



Ich, gleichsam vor die Frage gestellt, ob es dieses Schicksal 
teilen will, läßt sich durch die Summe der narzißtischen 
Befriedigungen, am Leben zu sein, bestimmen, seine Bindung 
an das vernichtete Objekt zu lösen. Man kann sich etwa 
vorstellen, diese Lösung gehe so langsam und schrittweise 
vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit auch der für 
sie erforderliche Aufwand zerstreut ist.*) 

Es ist verlockend, von der Mutmaßung über die Arbeit 
der Trauer den Weg zu einer Darstellung der melancholischen 
Arbeit zu suchen. Da kommt uns zuerst eine Unsicherheit 
in den Weg. Wir haben bisher den topischen Gesichtspunkt 
bei der Melancholie noch kaum berücksichtigt und die Frage 
nicht aufgeworfen, in und zwischen welchen psychischen 
Systemen die Arbeit der Melancholie vor sich geht. Was 
von den psychischen Vorgängen der Affektion spielt sich 
noch an den aufgelassenen unbewußten Objektbesetzungen, 
was an deren Identifizierungsersatz im Ich ab? 

Es spricht sich nun rasch aus und schreibt sich leicht 
nieder, daß die „unbewußte (Ding-) Vorstellung des Objekts 
von. der Libido verlassen wird". Aber in Wirklichkeit ist 
diese Vorstellung durch ungezählte Einzeleindrücke (unbe- 
wußte Spuren derselben) vertreten, und die Durchführung 
dieser Libidoabziehung kann nicht ein momentaner Vorgang 
sein, sondern gewiß wie bei der Trauer ein langwieriger, all- 
mählich fortschreitender Prozeß. Ob er an vielen Stellen 
gleichzeitig beginnt oder eine irgendwie bestimmte .Reihen- 
folge enthält, läßt sich ja nicht leicht unterscheiden; in den 
Analysen kann man oft feststellen, daß bald diese, bald jene 

*) Der ökonomische Gesichtspunkt ist bisher in psychoanalytischen 
Arbeiten wenig berücksichtigt worden. Als Ausnahme sei der Aufsatz 
von V. Tausk, Entwertung des Verdrängungsinotives durch Rekom- 
pense, Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, I, 1913, hervorgehoben. 



374 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



Erinnerung aktiviert ist, und daß die gleichlautenden, durch 
ihre Monotonie ermüdenden Klagen doch jedesmal von einer 
anderen unbewußten Begründung herrühren. Wenn das Ob- 
jekt keine so große, durch tausend fähige Verknüpfung ver- 
stärkte Bedeutung für das Ich hat, so ist sein Verlust Auch 
nicht geeignet, eine Trauer oder eine Melancholie zu ver- 
ursachen. Der Charakter (1er Einzeldurehführung der Libido- 
ablösung ist also der Melancholie wir der Trauer in gleicher 
Weise zuzuschreiben, stützt sich wahrscheinlich auf die 
gleichen ökonomischen Verhältnisse und dient denselben 
Tendenzen. 

Die Melancholie hat aber, wir wir gehört haben, etwas 
mehr zum Inhalt als dir normale Trauer. Das Verhältnis 
zum Objekt ist bei ihr kein einfaches, es wird durch den 
Ambivalenzkonflikt, kompliziert. Die Ambivalenz ist ent- 
weder konstitutionell, d. h. sie häng! jeder Liebesbeziehung 
dieses Ichs an, oder sie geht gerade aus den Krlrbnissen. 
hervor, welche die Drohung des Objcktverlustes mit sich 
bringen. Die Melancholi«' kann darum in ihren Veranlassun- 
gen weit über die Trauer hinausgehen, welche in der Regel 
nur durch den Rcalvrrlust, den Tod de<3 Objekts, ausgelöst 
wird. Es 3pinnt sich also bei der Melancholie eine Unzahl 
von Einzelkämpfcn um das Objekt an, in denen Haß und 
Liebe miteinander ringen, dir eine, um dir Libido vom Objekt 
zu lösen, die andere, um diese LHni!"j > ilion gegen den An- 
sturm zu behaupten. Diese Linzelkäinpfr können wir in kein 
anderes System verlegen, als in das Ubw., in das Reich der 
sachlichen Erinnerung« spuren (im Gegensatz zu den Wort- 
besetzungen). Ebendort spielen sieh auch die Lösungsversuche 
bei der Trauer ab, a.ber bei dieser letzteren besteht kein Hin- 
dernis dagegen, daß sich diese Vorgi'tnge auf dem normalen 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 375 



Wege durch das Vbw. zum Bewußtsein fortsetzen. Dieser 
Weg ist für die melancholische Arbeit gesperrt, vielleicht 
infolge einer Mehrzahl von Ursachen oder des Zusammen- 
wirkens derselben. Die konstitutive Ambivalenz gehört an 
und für sich dem Verdrängten an, die traumatischen Erleb- 
nisse mit dem Objekt mögen anderes Verdrängte aktiviert 
haben. So bleibt alles an diesen Ambivalenzkämpfen dem 
Bewußtsein entzogen, bis nicht der für die Melancholie 
charakteristische Ausgang eingetreten ist. Er besteht, wie 
wir wissen, darin, daß die bedrohte Libidobesetzung endlich 
das Objekt verläßt, aber nur, um sich auf die Stelle des 
Ichs, von der sie ausgegangen war, zurückzuziehen. Die Liebe 
hat sich so durch ihre Flucht ins Ich der Aufhebung ent- 
zogen. Nach dieser Regression der Libido kann der Vorgang 
bewußt werden und repräsentiert sich dem Bewußtsein als 
ein Konflikt zwischen einem Teil des Ichs und der kritischen 

Instanz. 

Was das Bewußtsein von der melancholischen Arbeit 
erfährt, ist also nicht das wesentliche Stück derselben, auch 
nicht jenes, dem wir einen Einfluß auf die Lösung des Lei- 
dens zutrauen können. Wir sehen, daß das Ich sich herab- 
würdigt und gegen sich wütet, und verstehen so wenig wie 
der Kranke, wozu das führen und wie sich das ändern kann. 
Dem unbewußten Stück der Arbeit können wir eine solche 
Leistung eher zuschreiben, weil es nicht schwer fällt, eine 
wesentliche Analogie zwischen der Arbeit der Melancholie 
und jener der Trauer herauszufinden. Wie die Trauer das 
Ich dazu bewegt, auf das Objekt zu verzichten, indem es 
das Objekt für tot erklärt und dem Ich die Prämie des Ani- 
lebenbleibens bietet, so lockert auch jeder einzelne Ambi- 
valenzkampf die Fixierung der Libido an das Objekt, indem 



376 SCHRIFTEN ZUR NE UROSENLEHRE. IV. 

er dieses entwertet, herabsetzt, gleichsam auch erschlägt. Es 
ist die Möglichkeit gegel>cn, daß der Prozeß im Ubw. zu 
Ende komme, sei es nachdem die Wut sich ausgetobt hat, 
sei es nachdem das Objekt als wertlos aufgegeben wurde. 
Es fehlt uns der Einblick, welche dieser beiden Möglichkeiten 
regelmäßig oder vorwiegend häufig der Melancholie ein Ende 
bereitet, und wie diese Beendigung den weitereu Verlauf des 
Falles beeinflußt. Da.* Ich mag dabei die Befriedigung ge- 
nießen, daß es sieh als das Bessere, als dem Objekt überlegen 
anerkennen darf. 

Mögen wir diese Auffassung der melancholischen Arbeit 
auch annehmen, sie kann uns doch das eine nicht leisten, auf 
dessen Erklärung wir ausgegangen sind. Unsere Erwartung, 
die ökonomische Bedingung für das Zustandekommen der 
Manie nach abgelaufener Melancholie aus der Ambivalenz ab- 
zuleiten, welche diese Affektion beherrscht, könnte sich aui 
Analogien aus verschiedenen anderen Gebi.-ten stützen; aber 
es gibt eine Tatsache, vor welcher sie sich beugen muß. Von 
den drei Voraussetzungen der Melancholie: Verlust des Ob- 
jekts, Ambivalenz und Regression der Libido ins Ich, finden 
wir die beiden ersten lxü den Zwangsvorwürfeu nach Todes- 
fällen wieder. Dort ist es die Ambivalenz, die unzweifelhaft 
die Triebfeder des Konflikte darstellt, und die Beobachtung 
zeigt, daß uacii Ablauf dessclbon nichts von einem Triumph 
einer manischen Verfassung erübrigt. Wir we/den so auf 
das dritte Moment als das einzig wirksame hingewiesen. Jene 
Anhäufung von zunächst gebundener Besetzung, welche nach 
Beendigung der melancholischen Arlx?it frei wird und die 
Manie ermöglicht, muß mit der Regression der Libido auf 
den Narzißmus zusammenhängen. Der Konflikt im Ich, den 
die. Melancholie für den Kampf um das Objekt eintauscht, 



XX. TRAUER UND MELANCHOLIE. 377 

muß ähnlich wie eine schmerzhafte Wunde wirken, die eine 
außerordentlich hohe Gegenbesetzung in Anspruch nimmt. 
Aber hier wird es wiederum zweckmäßig sein. Halt, zu machen 
und die weitere Aufklärung der Manie zu verschieben, bis 
wir Einsicht in die ökonomische Natur zunächst des körper- 
lichen und dann des ihm analogen seelischen Schmerzes 
gewonnen haben. Wir wissen es ja schon, daß der Zusammen- 
hang der verwickelten seelischen Probleme uns nötigt, jede 
Untersuchung unvollendet abzubrechen, bis ihr die Ergebnisse 
einer anderen zu Hilfe kommen können. 






XXI. 

DIE HANDHABUNG DER TRAUMDEUTUNG 
IN DER PSYCHOANALYSE. ) 

Das Zentralblatt für Psychoanalyse hat sich nicht nur 
die eine Aufgabe gesetzt, über die Fortschritte der Psycho- 
analyse zu orientieren und .selbst kleinere Beiträge zur Ver- 
öffentlichung zu bringen, sondern möchte auch den anderen. 
Aufgaben genügen, das bereits Erkannte in klarer Fassung- 
dem Lernenden vorzulegen und dem Anfänger in der analy- 
tischen Behandlung durch geeignete Anweisungen Aufwand 
an Zeit und Mühe zu ersparen. Es werden darum in dieser 
Zeitschrift von nun an auch Aufsätze didaktischer Natur und 
technischen Inhaltes erscheinen, an denen es nicht wesent- 
lich ist, ob sie auch etwas Neues mitteilen. 

Die Frage, die ich heule zu behandeln gedenke, ist 
nicht die nach der Technik der Traumdeutung. Es soll nicht 
erörtert werden, wie man Träume zu deuten und deren Deu- 
tung zu verwerten habe, sondern nur. welchen (Jebrauch man 
bei der psychoanalytischen Behandlung von Kranken von der 
Kunst der Traumdeutung machen solle. Man kann dabei ge- 
wiß in verschiedener Weise vorgehen, aber die Antwort auf 
technische Fragen ist in der Psychoanalyse niemals selbst- 
verständlich. Wenn es vielleicht mehr als nur einen guten 
Weg gibt, so gibt es doch sehr viele schlechte, und eine 

*) ZentmlbkUt für Psychwimilyse, II, 1919 



XXI. TRAUMDEUTUNG IN DER PSYCHOANALYSE. 379 

Vergleichung verschiedener Techniken kann nur aufklärend 
wirken, auch wenn sie nicht zur Entscheidung für eine be- 
stimmte Methode führen sollte. 

Wer von der Traumdeutung her zur analytischen Be- 
handlung kommt, der wird sein Interesse für den Inhalt der 
Träume festhalten und darum jeden Traum, den ihm der 
Kranke erzählt, zur möglichst vollständigen Deutung brin- 
gen wollen. Er wird aber bald merken können, daß er sich 
nun unter ganz andersartigen Verhältnissen befindet, und daß 
er mit den nächsten Aufgaben der Therapie in Kollision 
gerät, wenn er seinen Vorsatz durchführen will. Erwies sich 
etwa der erste Traum des Patienten als vortrefflich brauch- 
bar für die Anknüpfung der ersten an den Kranken zu rich- 
tenden Aufklärungen, so stellen sich alsbald Träume ein, die 
so lang und so dunkel sind, daß ihre Deutung in der be- 
grenzten Arbeitsstunde eines Tages nicht zu Ende gebracht 
werden kann. Setzt der Arzt diese Deutimgsarbeit durch die 
nächsten Tage fort, so wird ihm unterdes von neuen Träu- 
men berichtet, die zurückgestellt werden müssen, bis er den 
ersten Traum für erledigt halten kann. Gelegentlich ist die 
Traumproduktion so reichlich und der Fortschritt des Kran- 
ken im Verständnis der Träume dabei so zögernd, daß der 
Analytiker sich der Idee nicht erwehren kann, diese Art der 
Darreichung des Materials sei nur eine Äußerung des Wider- 
standes, welcher sich der Erfahrung bedient, daß die Kur 
den ihr so gebotenen Stoff nicht bewältigen kann. Unterdes 
ist die Kur aber ein ganzes Stück hinter der Gegenwart zu- 
rückgeblieben und hat den Kontakt mit der Aktualität ein- 
gebüßt. Einer solchen Technik muß man die Kegel entgegen- 
halten, daß es für die Behandlung von größter Bedeutung 
ist, die jeweilige psychische Oberfläche des Kranken zu 






380 SCHUHTEN ZUR NEUROSENLE1IRE. IV. 



können, darüber orientiert zu sein, welche Komplexe und 
welche Widerstände derzeit U-i ihm rege gemacht sind, 
und welche bewußte Ih-akiion (biegen sein Benehmen, 
leiten wird. Dies<'s thera]>cut isohe Ziel darf kaum jemals 
zu Gunsten des Interesses an der Traumdeutung hintan- 
gesetzt werden. 

Wie soll man es als.) mit der Traumdeutung in der 
Analyse halten, wenn man jener Hegel eingedenk bleiben 
will? Etwa so: Man begnüge sich jedesmal mit dem Ergebnis 
an Deutung, welches in einer Stunde zu gewinnen ist, und 
halte es nicht für einen Verlust, daß man den Inhalt des 
Traume* nicht vollständig erkannt hat. Am nächsten Tage 
setze man die Deut migs.-irbeit nicht wie seihst verständlich 
fort, sondern erst dann, wenn man merkt, daß inzwischen 
nichts anderes sich beim Kranken in den Vordergrund ge- 
drängt hat. Man mache also von der Regel, immer das zu 
nehmen, was dem Kranken zunächst in den Sinn kommt, 
zu Gunsten einer unterbrochenen Traumdeutung keine Aus- 
nahme. Haben sich neue Träume eingestellt, che man die 
früheren zu Ende gebracht, so wende man sich diesen rezen- 
teren Produktionen zu und mache sich aus der Vernachläs- 
sigung der älteren keinen Vorwurf. Sind die Träume gar zu 
umfänglich und weitschweifig geworden, so verzichte man 
bei sich von vornherein auf eine vollständige Lösung. .Man 
hüte sich im allgemeinen davor, ein ganz besonderes Inter- 
esse für die Deutung der Träume an den Tag zu legen oder 
im Kranken die Meinung zu erwecken, daß die Arbeit still« 
.stehen müsse, wenn er keine Träume bringt. Man läuft sonst 
Gefahr, den Widerstand auf die Traumproduktion zu lenken 
und ein Versiegen der Träume hervorzurufen. Der Analy- 
sierte muß vielmehr zur Überzeugung erzogen werden, daß 



XXI. TRAUMDEUTUNG IN DER PSYCHOANALYSE. 381 

die Analyse in jedem Falle Material zu ihrer Fortsetzung 
findet, gleichgültig, ob er Träume beibringt oder nicht, und 
in welchem Ausmaße man sich mit ihnen beschäftigt. 

Man wird nun fragen: Verzichtet man nicht auf zuviel 
wertvolles Material zur Aufdeckung des Unbewußten, wenn 
man die Traumdeutung nur unter solchen methodischen Ein- 
schränkungen ausübt? Darauf ist folgendes zu erwidern: Der 
Verlust ist keineswegs so groß, wie es bei geringer Vertiefung 
in den Sachverhalt erscheinen wird. Man mache sich einer- 
seits klar, daß irgend ausführliche Traumproduktionen bei 
schweren Fällen von Neurosen nach allen Voraussetzungen 
als prinzipiell nicht vollständig lösbar beurteilt werden 
müssen. Ein solcher Traum baut sich oft über dem gesamten 
pathogenen Material des Falles auf, welches Arzt und Fa- 
tient noch nicht kennen (sog. Frogrammträurne, biographi- 
sche Träume); er ist gelegentlich einer Übersetzimg des 
ganzen Inhaltes der Neurose in die Traumsprache gleichzu- 
stellen. Beim Versuch, einen solchen Traum zu deuten, wer- 
den alle noch unangetastet vorhandenen Widerstände zur 
Wirkung kommen und der Einsicht bald eine Grenze setzen. 
Die vollständige Deutung eines solchen Traumes fällt eben 
zusammen mit der Ausführimg der ganzen Analyse. Hat man 
ihn zu Beginn der Analyse notiert, so kann man ihn etwa 
am Ende derselben, nach vielen Monaten, verstehen. Es ist 
derselbe Fall wie beim Verständnis eines einzelnen Symptoms 
(des Hauptsymptoms etwa). Die ganze Analyse dient der 
Aufklärung desselben; während der Behandlung muß man der 
Reihe nach bald dies bald jenes Stück der Symptombedeutimg 
zu erfassen suchen, bis man all diese Stücke zusammensetzen 
kann. Mehr darf man also auch von einem zu Anfang der 
Analyse vorfallenden Traume nicht verlangen; man muß sich 



382 SCHRIFTEN BOB NRUROSKNLEHRE. IV 



zufrieden geben, wenn man aus seinem Deutungsversuch zu- 
nächst eine einzelne pathogen,' Wunschregung errät. 

Man verzichtet also auf nichts Erreichbares, wenn man 
die Absicht einer vollständigen Traumdeutung aufgibt. Man 
verliert aber auch in der Regel nichts, wenn man die Deu- 
tung eines älteren Traumes abbricht, um sich einem rezen- 
teren zuzuwenden. Wir haben aus schönen Beispielen voll 
gedeuteter Träume erfahren, daß mehrere aufeinanderfolgende; 
Szenen desselben Traumes den nämlichen Inhalt haben können, 
der sich in ihnen etwa mit steigender Deutlichkeit durch- 
setzt. Wir haben cIkmiso gelernt, dn.U mehrere in derselben 
Nacht vorfallende Träume nichts anderes zu sein brauchen 
als Versuche, denselben Inhalt in verschiedener Ausdrucks- 
weise darzustellen. Wir können ganz allgemein versichert sein, 
daß jede Wunschreguug, die sieh heute einen Traum schafft, 
in einem anderen Traume wiederkehren wird, solange sie nicht 
verstanden und der Herrschaft des Unbewußten entzogen ist. 
So wird auch oft der beste Weg, um die Deutung eines 
Traumes zu vervollständigen, darin bestehen, dali man ihn 
verläßt, um sich dem neuen Traum zu widmen, der das näm- 
liche Material in vielleicht zugänglicherer Form wieder auf- 
nimmt. Ich weiß, daß es nicht nur für den Analysierten, 
sondern auch für den Arzt eine starke Zumutung ist, die 
bewußten Zielvorstelluugea bei der Behandlung aufzugeben 
und sich ganz einer Leitung zu überlassen, die uns doch immer 
wieder als „zufällig"' erscheint. Alx-r ich kann versichern, 
es lohnt sich jedesmal, wenn man sich entschließt, seinen 
eigenen theoretischen Behauptungen Glauben zu schenken, 
und sich dazu überwindet, die Herstellung des Zusammen- 
hanges der Führung des Unbewußten nicht streitig zu machen. 

Ich plaidierc also dafür, daß die Traumdeutung in der 



XXI. TRAUMDEUTUNG IN DER PSYCHOANALYSE. 333 

analytischen Behandlung nicht als Kunst um ihrer selbst 
willen betrieben werden soll, sondern daß ihre Handhabung 
jenen technischen Kegeln unterworfen werde, welche die Aus- 
führung der Kur überhaupt beherrschen. Natürlich kann 
man es gelegentlich auch anders machen und seinem theo- 
retischen Interesse ein Stück weit nachgehen. Man muß da- 
bei aber immer wissen, was man tut. Ein anderer Fall ist 
noch in Betracht zu ziehen, der sich ergeben hat, seitdem 
wir zu unserem Verständnis der Traumsymbolik größeres Zu- 
trauen haben und uns von den Einfällen der Patienten un- 
abhängiger wissen. Ein besonders geschickter Traumdeuter 
kann sich etwa in der Lage befinden, daß er jeden Traum 
des Patienten durchschaut, ohne diesen zur mühsamen und 
zeitraubenden Bearbeitung des Traumes anhalten zu müssen. 
Für einen solchen Analytiker entfallen also alle Konflikte 
zwischen den Anforderungen der Traumdeutung und jenen 
der Therapie. Er wird sich auch versucht fühlen, die Traum- 
deutung jedesmal voll auszunützen und dem Patienten alles 
mitzuteilen, was er aus seinen Träumen erraten hat. Dabei 
hat er aber eine Methodik der Behandlung eingeschlagen, 
die von der regulären nicht unerheblich abweicht, wie ich in 
aaiderem Zusammenhange dartun werde. Dem Anfänger in 
der psychoanalytischen Behandlung ist jedenfalls zu wider- 
raten, daß er sich diesen außergewöhnlichen Eall zum Vor- 
bild nehme. 

Gegen die allerersten Träume, die ein Patient in der 
analytischen Behandlung mitteilt, so lange er selbst noch 
nichts von der Technik der Traumübersetzung gelernt hat r 
verhält sich jeder Analytiker wie jener von uns angenommene 
überlegene Traumdeuter. Diese initialen Träume sind sozu- 
sagen naiv, sie verraten dem Zuhörer sehr viel, ähnlich wie 



384 SCHRIFTEN BUB NEUKOSENLEHUE. IV. 



die Träume sogenannt gesunder Menschen. Es entsteht nun 
die Frage, soll der Arzt auch sofort dem Kranken alles über- 
setzen, was er selbst aus dem Traume herausgelesen hat. 
Diese Frage soll aber hier nicht beantwortet werden, denn 
sie ist offenbar der umfassenderen Krage untergeordnet, in 
welchen Phasen der Behandlung und in welchem Tempo der 
Kranke in die Kenntnis des ihm seelisch Verhüllten vom 
Arzte eingeführt werden soll. Je mehr dann der Patient von 
der Übung der Traumdeutung erlernt hat, desto dunkler wer» 
den in der Regel seine späteren Träum«-. Alles erworbene 
Wissen um den Traum dienl auch der Traumbildung als 
Warnung. 

In den „Wissenschaft liehen" Arbeiten über den Traum, 
die trotz der Ablehnung der Traumdeutung einen neuen Im- 
puls durch die Psychoanalyse empfangen haben, findet man 
immer wieder eine recht ül>erf lässige Sorgfalt auf die ge- 
treue Erhaltung des Traumtextes verlegt, der angeblich vor 
den Entstellungen und Usuren der nächsten Tagesstunden 
bewahrt werden muß. Audi manche Psychoanalytiker schei- 
nen sich ihrer Einsicht in die Bedingungen der Traumbildung 
nicht konsequent genug zu bedienen, wenn sie dem behan- 
delten den Auftrag gehen, jeden Traum unmittelbar nach 
dem Erwachen schriftlich zu fixieren. Diese Maßregel ist in 
der Therapie überflüssig; auch bedienen sich die Kranken 
der Vorschrift gern, um sich im Schlafe zu stören und einen 
großen Eifer dort anzubringen, wo er nicht von Nutzen sein 
kann. Hat man nämlich auf solche Weise mühselig einen 
Traumtext gerettet, der sonst vom Vergessen verzehrt wor- 
den wäre, so kann man sich doch leicht iil»<T/. engen, daß 
für den Kranken damit nichts erreicht ist. Zu dem Text 
stellen sich die Einfälle nicht ein, und der Effekt ist der 



XXI. TRAUMDEUTUNG IN DER PSYCHOANALYSE. 385 

nämliche, als ob der Traum nicht erhalten geblieben wäre. 
Der Arzt hat allerdings in dem einen Falle etwas erfahren, 
was ihm im anderen entgangen wäre. Aber es ist nicht das- 
selbe, ob der Arzt oder ob der Patient etwas weiß; die Be- 
deutung dieses Unterschiedes für die Technik der Psycho- 
analyse soll ein anderes Mal von uns gewürdigt werden. 

Ich will endlich noch einen besonderen Typus von Träu- 
men erwähnen, die ihren Bedingungen nach nur in einer psy- 
choanalytischen Kur vorkommen können, und die den An- 
fänger befremden oder irreführen mögen. Es sind dies die 
sogenannten nachhinkenden oder bestätigenden Träume, die 
der Deutung leicht zugänglich sind und als Übersetzung 
nichts anderes ergeben, als was die Kur in den letzten Tagen 
aus dem Material der Tageseinfälle erschlossen hatte. Es 
sieht dann so aus, als hätte der Patient die Liebenswürdig- 
keit gehabt, gerade das in Traumform zu bringen, was man 
ihm unmittelbar vorher „suggeriert" hat. Der geübtere Ana- 
lytiker hat allerdings Schwierigkeiten, seinem. Patienten solche 
Liebenswürdigkeiten zuzumuten; er greift solche Träume als 
erwünschte Bestätigungen auf und konstatiert, daß sie nur 
unter bestimmten Bedingungen der Beeinflussung durch die 
Kur beobachtet werden. Die weitaus zahlreichsten Träume 
eilen ja der Kur voran, so daß sich aus ihnen nach Abzug 
von allem bereits Bekannten und Verständlichen ein mehr 
oder minder deutlicher Hinweis auf etwas, was bisher ver- 
borgen war, ergibt. 



Freud, Neurosenlehre. IV. 25 






XXII. 
ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG.*) 

Das schwor zu erschöpfende Thema der „Übertragung* 
ist kürzlich in diesem Zentralblatt von \V. St ekel in dc- 
skripter Weise behandelt worden.**) Ich möchte nun hie* 
einig« Bemerkungen anfügen, die verstehen lassen sollen, wie 
die Obertragung während einer |.syeh<>nnaly tischen Kur not- 
wendig zu stände kommt, und wie sie zu der bekannten Rolle 
während der liehandlung gelangt. 

Machen wir uns klar, daß jeder Mensch durch das Zu- 
sammenwirken von mitgebrachter Anlage und von Einwirkun- 
gen auf ihn während seiner Kinderjahre eine bestimmte Eigen- 
art erworben hat, wie er das Liel>es]ebeii ausübt, also welche 
Liebesbedingungen er stellt, welche Triebe er dabei befriedigt, 
und welche Ziele er sich setzt.***) Das ergibt sozusagen ein 



*) ZentraJblutt für Piyohoualytet II, r.M2. 
•*) Jahrg. II, Nr. II, 8. 86. 

***) Verwahren wir mm an diOMI Stelle gogvu dou mißverständlichen 
Vorwurf, als hätten wir dio Bedeutung der angeborenen (konstitutionellem.} 
Momente geleugnet, weil wir die der infantilen Eindrücke hervorgehoben 

haben. Ein solcher Vorwurf stammt aus dor En les Kausalbedürfnissen 

der Menschen, welches sich im <;< ■< unat« *ur gewöhn liehen Gestaltung 
der HealitäL mit einem einzigen verursachenden Moment zufrieden goben 
will. Dio Psychoanalyse- liat Ober dio akzidentellen Faktoren der Ätiologie 
viel, über dio konstitutionellen wenig geäußert, aber nur darum, Weil 
sie zu den ersteren etwas Neue« beibringen konnte, Qbor dio letzteren 
hingegen zunächst nicht mehr wußte, als man sonst weiß. Wir lehnen 
es ab, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen beiden Reiben von ätir>_ 









XXII. ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG. 3537 

Klischee (oder auch mehrere), welches im Laufe des Lebens 
regelmäßig wiederholt, neu abgedruckt wird, insoweit die 
äußeren Umstände und die Natur der zugänglichen Liebes- 
objekte es gestatten, welches gewiß auch gegen rezente Ein- 
drücke nicht völlig unveränderlich ist. Unsere Erfahrungen 
haben nun ergeben, daß von diesen das Liebeslebcn bestim- 
menden Regungen nur ein Anteil die volle psychische Ent- 
wicklung durchgemacht hat ; dieser Anteil ist der Realität 
zugewendet, steht der bewußten Persönlichkeit zur Verfügung 
und macht ein Stück von ihr aus. Ein anderer Teil dieser 
libidinösen Regungen ist in der Entwicklung aufgehalten wor- 
den, er ist von der bewußten Persönlichkeit wie von der 
Realität abgehalten, durfte sich entweder nur in der Phan- 
tasie ausbreiten oder ist gänzlich im Unbewußtsein verblieben, 
so daß er dem Bewußtsein der Persönlichkeit unbekannt ist. 
Wessen Liebesbedürftigkeit nun von der Realität nicht rest- 
los befriedigt wird, der muß sich mit libidinösen Erwartungs- 
vorstellungen jeder neu auftretenden Person zuwenden, und 
es ist durchaus wahrscheinlich, daß beide Portionen seiner 
Libido, die bewußtseinsfällige wie die imbewußte an dieser 
Einstellung Anteil haben. 



logischen Momenten zu statuieren; wir nehmen vielmehr ein reo-elmär 
ßiges Zusammenwirken beider zur Hervorbringung des beobachteten Effekts 
an. Aaiftwv xai Tvpj bestimmen das Schicksal eines Menschen; selten, 
vielleicht! niemals, eine dieser Mächte allein. Die Aufteiluno- der ätio- 
logischen Wirksamkeit zwischen den beiden wird sich nur individuell 
und im einzelnen vollziehen lassen. Die Reihe, in welcher sich wechselnde 
Grüßen der beiden Faktoren zusammensetzen, wird gewiß auch ihre ex- 
tremen Fälle haben. Je nach dem Stande unserer Erkenntnis werden 
wir den Anteil der Konstitution oder des Erlebens im Einzelfalle anders 
einschätzen und das Recht behalten, mit der Veränderung unserer Ein- 
sichten unser Urteil zu modifizieren. Übrigens . könnte man es wagen, 
die Konstitution selbst aufzufassen als den Niederschlag aus den akziden- 
tellen Einwirkungen auf die unendlich große Reihe der Ahnen. ' ' 

25* 



39 8 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHR E, IV. 



Es ist also völlig normal und verständlich, wenn die 
erwartungsvoll bereit gehaltene Libidolx\sofzung des teilweise 
Unbefriedigten sich auch der Person des Arztes zuwendet. 
Unserer Voraussetzung gemäß, wird sieh diese Besetzung an 
Vorbilder halten, an eines der Klischees anknüpfen, die bei 
der betreffenden Person vorhanden sind oder, wie wir auch 
sagen können, sie wird den Ar/.1 in eine der psychische^ 
„Reihen" einfügen, die der leidende bisher gebildet hat. Es 
entspricht den realen Beziehungen zum Arzte, wenn für diese 
Einreihung die Vnlci-Imngo (nach Jungs glücklichem Aus- 
druck)*) maßgebend wird. Aber die Übertragung ist an dieses 
Vorbild nicht gebunden, eie kann auch nach der Mutter- oder 
Bruder-Imago usw. erfolgen. Die Besonderheiten der Über- 
tragung auf den Arzt, durch welche sie über Maß und Art 
dessen hinausgeht, was sich nüchtern und rationell recht- 
fertigen läßt, werden durch die Krwügung verständlich, daß 
eben nicht nur die hewußten Krwnrlungsvorstollungen, son- 
dern auch die zurückgehaltenen oder unl»ewußtcn diese Über- 
tragung hergestellt haben. 

Über dieses Verhalten der Übertragung wäre weiter nichts 
zu sagen oder zu grübeln, wenn nicht dalxu zwei Punkte un- 
erklärt blieben, die für den Psychoanalytiker von besonderem 
Interesse sind. Erstens verstehen wir nicht, daß die Über- 
tragung bei neurotischen Personen in der Analyse soviel in- 
tensiver ausfällt als bei anderen, nicht analysierten, und zwei- 
tens bleibt es rätselhaft, weshalb uns bei der Analyse die 
Übertragung als der stärkste W i d e r s t a n d gegen die 
Behandlung entgegentritt, während wir sie außerhalb der 
Analyse als Trägerin der Heilwirkung, als Bedingung des 






*) Symbole und Wandluugou der Libido. Jahrbuch für Psychoanalyse, 
III, S. 164. 



XXII. ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG. 389 

guten Erfolges anerkennen müssen. Es ist doch eine beliebig 
oft zu bestätigende Erfahrung, daß, wenn die freien Asso- 
ziationen eines Patienten versagen*), jedesmal die Stockung 
beseitigt werden kann durch die Versicherung, er stehe jetzt 
unter der Herrschaft eines Einfalles, der sich mit der Person 
des Arztes oder mit etwas zu ihm Gehörigen beschäftigt. 
Sobald man diese Aufklärung gegeben hat, ist die Stockung 
beseitigt, oder man hat die Situation des Versagens in die 
des Verschweigens der Einfälle verwandelt. 

Es scheint auf den ersten Blick ein riesiger methodischer 
Nachteil der Psychoanalyse zu sein, daß sich in ihr die 
Übertragung, sonst der mächtigste Hebel des Erfolges, in 
das stärkste Mittel des Widerstandes verwandelt. Bei näherem 
Zusehen wird aber wenigstens das erste der beiden Probleme 
weggeräumt. Es ist nicht richtig, daß die Übertragung wäh- 
rend der Psychoanalyse intensiver und ungezügelter auftritt 
als außerhalb derselben. Man beobachtet in Anstalten, in 
denen Nervöse nicht analytisch behandelt werden, die höch- 
sten Intensitäten und die unwürdigsten Formen einer bis 
zur Hörigkeit gehenden Übertragung, auch die unzweideutigste 
erotische Färbung derselben. Eine feinsinnige Beobachterin 
wie die Gabriele Reuter hat dies zur Zeit, als es noch 
kaum eine Psychoanalyse gab, in einem merkwürdigen Buche 
geschildert, welches überhaupt die besten Einsichten in das 
Wesen und die Entstehung der Neurosen verrät.**) Diese 
Charaktere der Übertragung sind also nicht' auf Rechnung 
der Psychoanalyse zu setzen, sondern der Neurose selbst zu- 
zuschreiben. Das zweite Problem bleibt vorläufig unangetastet. 



*) Ich meine, wenn sie wirklich ausbleiben, und nicht etwa infolge 
eines banalen Unlustgefühles von ihm verschwiegen werden. 

**) Aus guter Familie, 1805., 



390 SCHRIFTEN ZUR NEUKOB ErTLEHRE. IV. 

Diesem Problem, der Frage, warum die Übertragung uns 
in der Psychoanalyse als Widerstand entgegentritt, müssen 
wir nun näher rücken. Vergegenwärtigen wir uns die psycho- 
logisch- Situation i\ev Behandlung: Mine regelmäßige und 
unentbehrliche Vorbedingung jedo»r [Erkrankung au einer 
I\vchoneurose ist der Vorgang, den Jung treffend als In- 
troversion der Libido Im*/.< i<hm-i bat.*) Das beißt: Der 
Anteil der bewußtscinsfähigen, der Realität /»ige wendeten 
Libido wird verringert, der Anteil der von der Realität a.h- 
gewendeten. unbewußten, welche etwa noeli die Phantasien 
der Person sjx'isen darf, aber dem Unbewußten angehört, um 
so viel vermehrt. Die Libido hat sich (guuz oder teilweise) 
in die Hegivssiou iK-gclx-n und dir iufa.nl ilen linagines wieder- 
iM-kbt.**) Dort hin folgt ihr nun die analytische Kur nach, 
widdie die Libido aufsuchen, wieder dem Bewußtsein zu- 
gänglich und endlich der Realität dienst Uir inachen will. 
Wo die analytische Forschung auf die in ihre Versbeck» 
zurückgezogene Libido Btößt, muß eiu Kampf ausbrechen; 
alle die Kräfte, welche die Regression der Libido verursacht. 

*) Wenngleich maiu-ho Äußerungen Jung- den Eindruck machen, 
als sehe er in diesrr Inl rciv.r-nni H«,n fm dir Dnurud.i praecox Cha- 
i;ikteristis«-h,'s. w ; ,s i.ri anderes Neurogen nichl ebenso in Betracht käme-. 

**) Es wäre bequem zu Mirm: sie h.-it dir infantil. m ..Komplexe" 
wieder besetzt. Aber da« wii.ro unrichtig; ••in/e; zu rechtfertigen W&W 
die Aussage: Die unbewußten Antoilo dieiior Komploxo. — Dio außer. 
ordentliche Vcrechlungenhoii dos in dieeor Arbeil bohandolteu Themaa 
Jcgt die Versuchung nahe, auf sine Anuihl von anstoßenden Problemen 
einzugehen, deren Klärung eigentlich erforderlich wäre, ehe man von 
d.-n hier zu beschreibenden psyehischon Vorgangon in unzweideutigen 
Worten reden konnte. Solche Probleme sind: Die Abgrenzung der Intro- 
version und der Regression gegeneinander, dio Einfügung der Komplex. 
lehre in dio Libidotheorie, die Beziehungen des I'lia renn zum Be- 

wußten und Unbewußten wie zur Heaüi.'Li u :i ):■ bedarf keiner Ent- 
sehuldigung- \v,nn ich du dieser Stelle dieson Versuchungen wider- 
standen habe. 



XXII. ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG. 391 

haben, werden sich als „Widerstände" gegen die Arbeit er- 
heben, um diesen neuen Zustand zu konservieren. Wenn näm- 
lich die Introversion oder Regression der Libido nicht durch 
eine bestimmte Relation zur Außenwelt (im allgemeinsten: 
durch die Versagung der Befriedigung) berechtigt und selbst 
für den Augenblick zweckmäßig gewesen wäre, hätte sie über- 
haupt nicht zu stände kommen können. Die Widerstände 
dieser Herkunft sind aber nicht die einzigen, nicht einmal 
die stärksten. Die der Persönlichkeit verfügbare Libido hatte 
immer unter der Anziehung der unbewußten Komplexe (rich- 
tiger der dem Unbewußten angehörenden Anteile dieser Kom- 
plexe) gestanden und war in die Regression geraten, weil die 
Anziehung der Realität nachgelassen hatte. Um sie frei zu 
machen, muß nun diese Anziehung des Unbewußten über- 
wunden, also die seither in dem Individuum konstituierte 
Verdrängung der unbewußten Triebe und ihrer Produktionen 
aufgehoben werden. Dies ergibt den bei weitem großartigeren 
Anteil des Widerstandes, der ja so häufig die Krankheit fort- 
bestehen läßt, auch wenn die Abwendung von der Realität 
ihre zeitweilige Begründung wieder verloren hat. Mit den 
Widerständen aus beiden Quellen hat die Analyse zu kämpfen. 
Der Widerstand begleitet die Behandlung auf jedem Schritt ; 
jeder einzelne Einfall, jeder Akt des Behandelten muß dem 
Widerstände Rechnung tragen, stellt sich als ein Kompro- 
miß aus den zur Genesung zielenden Kräften und den an- 
geführten, ihr widerstrebenden, dar. 

Verfolgt man nun einen pathogenen Komplex von seiner 
(entweder als Symptom auffälligen oder auch ganz unschein- 
baren) Vertretung im Bewußten gegen seine Wurzel im Un- 
bewußten hin, so wird man bald in eine Region kommen, wo 
der Widerstand sich so deutlich geltend macht, daß der 






392 SCHRIFTEN ZUK NKUR03ENLEHRE. IV. 



nächste Einfall ihm Rechnung tragen und als Kompromiß 
zwischen seinen Anforderungen und denen der Forschungs- 
arbeit erscheinen muß. Hier tritt nun nach dem Zeugnisse 
der Erfahrung die Übertragung ein. Wenn irgend etwas aus 
dem Komplexstoff (dem Inhalt des Komplexes) sich dazu 
eignet, auf die Person des Arztes übertragen zu werden, so 
stellt sich diese Übertragung her, ergibt den nächsten Ein- 
fall und kündigt sich durch die Anzeiohen eines Widerstandes, 
etwa durch ein«- Stockung, an. Wir schliefen aus dieser Er- 
fahrung, daß diese Übertragungsidee darum vor allen anderen 
Einfallsmöglichkeiten /.um Bewußtsein durchgedrungen ist, 
weil sie auch dem Widerstände (innige tut. Ein solcher 
Vorgang wiederholt sich im Verlaufe einer Analyse ungezählte 
Male. Immer wieder wird, wenn man sieh einem puthogenen 
Komplexe annähert, zuerst der zur Übertragung befähigte 
Anteil des Komplexes ins Bewußtsein vorgeschoben und mit 
der größten Hartnäckigkeit verteidigt.*) 

Nach seiner Überwindung macht die der anderen Koin- 
plexbestandteile wenig Schwierigkeiten mehr. Je länger eine 
analytische Kur dauert, und je deutlicher der Kranke er- 
kannt hat, daß Entstellungen des pathogem-n Materials allein 
keinen Schutz gegen die Aufdeckung bieten, desto konse- 
quenter bedient er sich der einen Art von lud Stellung, die 
ihm offenbar die größten Vorteile bringt, der Entstellung 
durch Übertragung. Diese Verhältnisse nehmen die Richtung 

*) Woraus man aber nicht allgemein auf «•im- bo.-mndoro ]>athogene 
Bedeutsamkeit des zum Übcrtraguugswiderstand gewählten Elements schlie- 
ßen darf. Wonn in einer Schlacht um <I<mi H<-*iU •'""■••< gewissen Kirch- 
leins oder eines einzelnen Gehöfts mit besonderer Erbitterung gestritten 
wird, braucht man nicht onzunohmon, dal) die Kircho etwa ein National. 
heiligtum sei, oder datt da* llaua den ArmooschaU berge. Der Wert der 
Objekt« kann ein bloß taktischer »ein, vielleicht nur in dieser ciaen 
Schlacht zur Geltung kommen. 



XXII. ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG. 393 

nach einer Situation, in welcher schließlich alle Konflikte 
auf dem Gebiete der Übertragung ausgefochten werden müssen. 

So erscheint uns die Übertragung in der analytischen 
Kur zunächst immer nur als die stärkste Waffe des Wider- 
standes, und wir dürfen den Schluß ziehen, daß die Inten- 
sität und Ausdauer der Übertragung eine Wirkung und ein 
Ausdruck des Widerstandes seien. Der Mechanismus der Über- 
tragung ist zwar durch ihre Zurückführung auf die Bereit- 
schaft der Libido erledigt, die im Besitze infantiler Ima- 
gines geblieben ist; die Aufklärung ihrer Rolle in der Kur 
gelingt aber nur, wenn man auf ihre Beziehungen zum Wider- 
stände eingeht. 

Woher kommt es, daß sich die Übertragung so vorzüg- 
züglich zum Mittel des Widerstandes eignet? Man sollte 
meinen, diese Antwort wäre nicht schwer zu geben. Es ist 
ja klar, daß das Geständnis einer jeden verpönten Wunsch- 
regung besonders erschwert wird, wenn es vor jener Person 
abgelegt werden soll, der die Regung selbst gilt. Diese Nöti- 
gung ergibt Situationen, die in der Wirklichkeit als kaum 
durchführbar erscheinen. Gerade das will nun der Analysierte 
erzielen, wenn er das Objekt seiner Gefühlsregungen mit dem 
Arzte zusammenfallen läßt. Eine nähere Überlegung zeigt 
aber, daß dieser scheinbare Gewinn nicht die Lösung des 
Problems ergeben kann. Line Beziehung von zärtlicher, hin- 
gebungsvoller Anhänglichkeit kann ja anderseits über alle 
Schwierigkeiten des Geständnisses hinweghelfen. Man pflegt 
ja unter analogen realen Verhältnissen zu sagen: Vor dir 
schäme ich mich nicht, dir kann ich alles sagen. Die Über- 
tragung auf den Arzt könnte also ebensowohl zur Erleich- 
terung des Geständnisses dienen, und man verstünde nicht, 
warum sie eine Erschwerung hervorruft. 



394 SCHRIFTEN ZUR NEUR08ENLEHRK. IV. 



Dir Antwort auf diese hier wiederholt gestellte Prag« 
wird nicht durch weitere rUrlegung gewonnen, sondern durch 
die Erfahrung gegeben, die man bei der Untersuchung der 
einzelnen Übertragswiderstände in der Kur maehl. Man merkt 
endlich, daß man die Verwendung der Ül>crtragung '/.um Wider- 
stände nicht verstehen kann, solange man an „Übertragung* 
schlechtweg denkt. Man muß sieh entschließen, eine „posi- 
tive" Übertragung von einer ..negativen" zu sondern, die Über- 
tragung zärtlicher Gefühle von der feindseliger, und beide 
Arten der Übertragung auf den Arzt gesondert zu behandeln. 
Die positive Übertragung zerlegt sieh dann noch in die sol- 
cher freundlicher oder startlicher (Jefühle, welche bewußt- 
»eins fähig sind, und in die ihrer Kortset zungen ins Unbe- 
wußte. Von den letzteren weist die Analyse nach, daß sie 
regelmäßig auf erotische Quellen zurückgehen, so daß wir 
zur Einsicht gelangen müssen, alle unsere im I. rl.cn ver- 
wertbaren Uefühlsbeziehungen von Sympathie, Freundschaft, 
Zutrauen u. dgl. seien genetisch mit der Sexualität verknüpft 
und haben sich durch Abschwächung des Sexualzieles aus 
rein sexuellen Begehrungen entwickelt, so rein und unsinn- 
lich sie sieh auch unserer bewußten Selbst Wahrnehmung dar- 
stellen mögen, ursprünglich haben wir nur Sexualobjekte 
gekannt; die Psychoanalyse zeigt uns. daß die bloß ge- 
schätzten oder verehrten Personen unser« r Realität für das 
Unbewußte in uns immer noch Sexualobjekte sein können. 
Die Lösung <\r< Rätsels ist also, daß die Übertragung 
aal den Arzt sich nur insofern zum Widerstände in der Kur 
eignet, als sie negative Übertragung oder |osilive von ver- 
drängten erotischen Regungen ist. Wenn wir durch licwußt« 
machen die Übertragung „aufheben", so lösen wir nur die 
beiden Komponenten des Gefühlsaktes von der Person des 







XXII. ZUH DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG. 395 

Arztes ab; die andere bewußt seinsfähige und unanstößige 
Komponente bleibt bestehen und ist in der Psychoanalyse 
genau ebenso die Trägerin des Erfolges wie bei anderen Be- 
handlungsmethoden. Insofern gestehen wir gerne zu, die Re- 
sultate der Psychoanalyse beruhten auf Suggestion; nur muß 
man unter Suggestion das verstehen, was wir mit Ferenczi*) 
darin finden : die Beeinflussung eines Menschein vermittels 
der bei ihm möglichen Übertragimgsphänomene. Für die 
endliche Selbständigkeit des Kranken sorgen wir, indem wir 
die Suggestion dazu benutzen, ihn eine psychische Arbeit 
vollziehen zu lassen, die eine dauernde Verbesserung seiner 
psychischen Situation zur notwendigen Folge hat. 

Es kann noch gefragt werden, warum die Widerstands- 
phänomene der Übertragung nur in der Psychoanalyse, nicht 
auch bei indifferenter Behandlung, z. B. in Anstalten zum 
Vorschein kommen. Die Antwort lautet : sie zeigen sich auch 
dort, nur müssen sie als solche gewürdigt werden. Das Her- 
vorbrechen der negativen Übertragung ist in Anstalten sogar 
recht häufig. Der Kranke verläßt eben die Anst.-i.lt imgoändort 
oder rückfällig, sobald er unter die Herrschaft der negativen 
Übertragung gerät. Die erotische Übertragung wirkt in An- 
stalten nicht so hemmend, da sie dort wie im Leben be- 
schönigt, anstatt aufgedeckt wird ; sie äußert sich aber ganz 
deutlich als Widerstand gegen die Genesung, zwar nicht, in- 
dem sie den Kranken aus der Anstalt treibt, — sie hält ihn 
im Gegenteil in der Anstalt zurück — , wohl aber dadurch, 
daß sie ihn vom Leben ferne hält, Für die Genesung ist es 
nämlich recht gleichgültig, ob der Kranke in der Anstalt 
diese oder jene Angst oder Hemmung überwindet ; es kommt 

*) Ferenczi, Iiitrojektion und Übertragung, Jahrbuch für Psycho- 
analyse, Bd. I, 1909. 



396 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

vielmehr darauf an, dftfl BT auch in der Realität seines Lebens 
davon frei wird. 

Die negative Übertragung verdiente eine eingehende Wür- 
digung, die ihr im Rahmen dieser Ausführungen nicht zu 
teil werden kann. Bei den heilbaren Formen von Psycho- 
neurosen findet sie sich neben der zärtlichen Übertragung, 
oft gleichzeitig auf die nämliche IVrson gerichtet, für wel- 
ehen .Sachverhalt Bleuler den guten Ausdruck Ambi- 
valenz geprägt hat.*) Kiu«' solche Ambivalenz der Ge- 
fühle seheint bis zu einem gewissen Maße normal zu sein, 
aber ein hoher Grad von Ambivalenz der Gefühle ist gewiß 
eine besondere Auszeichnung neurotischer Personen, bei der 
Zwangsneurose scheint eine frühzeitige „Trennung der Gegen- 
satzpaare" für das Triebleben charakteristisch zu sein und 
eine ihrer konstitutionellen Bedingungen darzustellen. Die 
Ambivalenz der Gofühlsriehtungen erklärt uns am besten die 
Fähigkeit der Neurotiker, ihre Übertragungen in den Dienst 
des Widerstandes zu stellen. Wo die Olxit rngungsfähigkei* 
im wesentlichen negativ geworden ist, wie U-i den Paranoiden, 
da hört die Möglichkeit der Beeinflussung und der Heilung 
auf. 

Mit allen diesen Frört erungen haben wir al>er bisher nur 
eine Seite des Übcrtragungsphünomens gewürdigt; es wird 
erfordert, unsere Aufmerksamkeit einem anderen Aspekt der- 
selben Sache zuzuwenden. Wer sich den richtigen Kindruck 
davon geholt hat, wie der Analysierte aus seinen realen Be- 
ziehungen zum Arzte herausgeschleudert wird, sobald er unter 

*) E. Bleuler, Dementia praecox wkr (imppo der Schizophrenien 
in Aschaf f ouburgs Handbuch der Pie/chialriu, 1911. — Vortrag über 
Ambivalenz in Bern 1910, referiert in dienern Zuntralblatt, I, p. 266. — 
Für die gleichen Phänomene halte W. Stokul vorher diu Bezeichnung 
„Bipolari tat" vorgeschlagen. 



XXII. ZUR DYNAMIK DER ÜBERTRAGUNG. 397 



die Herrschaft eines ausgiebigen Übertragungswiderstandes 
gerät, wie er sich dann die Freiheit herausnimmt, die psycho- 
analytische Grundregel zu vernachlässigen, daß man ohne 
Kritik alles mitteilen sollte, was einem in den Sinn kommt, 
wie er die Vorsätze vergißt, mit denen er in die Behandlung 
getreten war, und wie ihm logische Zusammenhänge und 
Schlüsse nun gleichgültig werden, die ihm kurz vorher den 
größten Eindruck gemacht hatten, der wird das Bedürfnis 
haben, sich diesen Eindruck noch aus anderen als den bisher 
angeführten Momenten zu erklären, und solche liegen in der 
Tat nicht ferne ; sie ergeben sich wiederum aus der psycho- 
logischen Situation, in welche die Kur den Analysierten ver- 
setzt hat. 

In der Aufspürung der dem Bewußten abhanden ge- 
kommenen Libido ist man in den Bereich des Un- 
bewußten eingedrungen. Die Reaktionen, die man erzielt, 
bringen nun manches von den Charakteren unbewußter Vor- 
gänge mit ans Licht, wie wir sie durch das Studium der 
Träume kennen gelernt haben. Die unbewußten Regungen 
Wollen nicht erinnert werden, wie die Kur es wünscht, son- 
dern sie streben danach, sich zu reproduzieren, entsprechend 
der Zcitlosigkeit und der Halluzinationsfähigkeit des Unbe- 
wußten. Der Kranke spricht ähnlich wie im Traume den Er- 
gebnissen der Erweckung seiner unbewußten Regungen Gegen- 
wärtigkeit und Realität zu; er will seine Leidenschaften 
agieren ; ohne auf die reale Situation Rücksicht zu nehmen. 
Der Arzt will ihn dazu nötigen, diese Gefühlsregungen in den 
Zusammenhang der Behandlung und in den seiner Lebens- 
geschichte einzureihen, sie der denkenden Betrachtung unter- 
zuordnen und nach ihrem psychischen Werte zu erkennen. 
Dieser Kampf zwischen Arzt und Patienten, zwischen Tn- 



398 SCHRIFTEN ZUR NEl'ROSKNLEHRE. IV. 

tellekt und Triebleben, zwischen Erkennen und Agierenwollon 
sjii.'It sich fast ausschließlich an den flieri ragungsphäriomenon. 
ah. Auf diesem Felde muß der Sieg gewonnen werden, dessen 
Ausdruck die dauernde Genesung von der Neurose ist. Ea 
ist unleugbar, daß die Bezwingung der Ubcrtragungsphäno- 
mene dem Psychoanalytiker die größton Schwierigkeiten be- 
reitet, aber man darf nicht vergessen, daß gerade sie uns 
den unschätzbaren Dienst erweisen, die verborgenen und verx 
gessenen Liebeeregungen der Kranken aktuell und manifest 
zu machen, denn schließlich kann niemand in absentia oder 
in effigie erschlagen werden. 



XXIII. 

RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT 
BEI DER PSYCHOANALYTISCHEN BEHANDLUNG.*) 

Die technischen Regeln, die ich hier in Vorsehlag bringe, 
haben sich mir aus der langjährigen eigenen Erfahrung er- 
geben, nachdem ich durch eigenen Schaden von der Verfol- 
gung anderer Wege zurückgekommen war. Mau wird leicht 
bemerken, daß sie sich, wenigstens viele von ihnen, zu einer 
einzigen Vorschrift zusammensetzen. Ich hoffe, daß ihre Be- 
rücksichtigung den analytisch tätigen Ärzten viel unnützen 
Aufwand ersparen und sie vor manchem übersehen behüten 
wird; aber ich muß ausdrücklich sagen, diese Technik hat 
sich als die einzig zweckmäßige für meine Individualität er- 
geben; ich wage es nicht in Abrede zu stellen, daß eine ganz 
anders konstituierte ärztliche Persönlichkeit dazu gedrängt 
werden kann, eine andere Einstellung gegen den Kranken und 
gegen die zu lösende Aufgabe zu bevorzugen. 

a) Die nächste Aufgabe, vor die sich der Analytiker 
gestellt sieht, der mehr als einen Kranken im Tage so be- 
handelt, wird ihm auch als die schwierigste erscheinen. Sie 
besteht ja darin, alle die unzähligen Namen, Daten, Einzel- 
heiten der Erinnerung, Einfälle und Krankheitsproduktionen 



*) Zentralblatt für Psychoanalyse. II, 1912. 



400 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRK. IV. 

während der Kur, die- ein Patient im Laufe von Monaten 
und Jahren vorbringt, im Gedächtnis zu behalten und sie 
nicht mit ähnlichem Material zu verwechseln, das von anderen 
gleichzeitig oder früher analysierten Patienten herrührt. Ist 
man gar genötigt, täglich sechs, acht Kranke oder selbst 
mehr zu analysieren, so wird eine Gedächtnisleistung, der 
solches gelingt, bei Außenstehenden Unglauben, Bewunderung 
oder selbst Bedauern wecken. In jedem Falle wird man auf 
die Technik neugierig sein, welche die Bewältigung einer 
solchen Fülle gestattet, und wir ei warten, daß dieselbe sich 
besonderer Hilfsmittel Ix-diene, 

Indes ist diese Technik eine sehr einfache. Sic lehnt 
alle Hilfsmittel, wie wir hören werden, selbst das Nieder- 
schreiben ab und besteht einfach darin, sieh nichts beson- 
ders merken zu wollen und allem, was man zu hören bekommt, 
die nämliche „gleiohschwebendc Aufmerksamkeit", wie ich es 
schon einmal genannt habe, entgegen zu bringen. Man er- 
spart sich auf diese Weise eine Anstrengung der Aufmerk- 
samkeit, die man doeh nicht durch viele Stunden täglich fest- 
halten könnte, und vermeide! eine Gefahr, die von dem ab- 
sichtlichen Aufmerken unzertrennlich ist. Sowie niaai näm- 
lich seine Aufmerksamkeit absichtlieh bis zu einer gewissen 
Höhe anspannt, beginnt man auch unter dem dargebotenen 
Materialc auszuwählen ; man fixiert das eine Stück besonders 
scharf, eliminiert dafür ein anderes, und folgt bei dieser 
Auswahl seinen Erwartungen oder seinen Neigungen. Gerade 
dies darf man aber nicht ; folgt man bei der Auswahl seinen 
Erwartungen, so ist man in Gefahr, niemals etwas anderes 
zu finden, als was mau bereits weiß; folgt man seinen Nei- 
gungen, so wird man sicherlich die mögliche Wahrnehmung 
fälschen. Man darf nicht darauf vergessen, daß man ja zu- 



XXUI. RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT. 4Q1 



meist Dinge zu hören bekommt, deren Bedeutung erst nach- 
träglich erkannt wird. 

Wie man sieht, ist die Vorschrift, sich alles gleichmäßig 
zu merken, das notwendige Gegenstück zu der Anforderung 
aai den Analysierten, ohne Kritik und Auswahl alles zu er- 
zählen, was ihm einfällt. Benimmt sich der Arzt anders, so 
macht er zum großen Teile den Gewinn zu nichte, der aus 
der Befolgung der „psychoanalytischen Grundregel'" von Seiten 
des Patienten resultiert. Die Regel für den Arzt läßt sich 
so aussprechen: Man halte alle bewußten Einwirkungen von 
seiner Merkfähigkeit ferne und überlasse sich völlig seinem 
„unbewußten Gedächtnisse", oder rein technisch ausgedrückt: 
Man höre -zu und kümmere sich nicht darum, ob man sich etwas 
merke. 

Was man auf diese Weise bei sich erreicht, genügt allen 
Anforderungen wahrend der Behandlung. Jene Bestandteile 
des Materials, die sich bereits zu einem Zusammenhange fügen, 
werden für den Arzt auch bewußt verfügbar; das andere, noch 
zusammenhanglose, chaotisch ungeordnete, scheint zunächst 
versunken, taucht aber bereitwillig im Gedächtnisse auf, so- 
bald der Analysierte etwas Neues vorbringt, womit es sich 
in Beziehung bringen und wodurch es sich fortsetzen kann. 
Man nimmt dann lächelnd das unverdiente Kompliment des 
Analysierten wegen eines „besonders guten Gedächtnisses" 
entgegen, wenn man nach Jahr und Tag eine Einzelheit 
reproduziert, die der bewußten Absicht, sie im Gedächtnisse 
zu fixieren, wahrscheinlich entgangen wäre. 

Irrtümer in diesem Erinnern ereignen sich nur zu Zeiten 
und an Stellen, wo man durch die Eigenbeziehung gestört 
wird (s. unten), hinter dem Ideale des Analytikers also in 
arger Weise zurückbleibt. Verwechslungen mit dem Materials 

Freud, Neurosenlehre. IV. 26 



402 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



anderer Patienten kommen recht sehen zu stunde. In cineir» 
Streite mit dem Analysierten, ob und wie er etwas eiuzeliiea 
gesagt habe, bleibt der Arzt zumeist im Hechle.*) 

6) Ich kann es nicht empfahlen, während der Sitzungen 
mit dem Analysieren Notizen in größerem Umfange zu ma- 
chen, Protokolle anzulegen u. dgl. Abgesehen von dem un- 
günstigen Eindruck, den dies l»-i manchen Patienten hervor- 
ruft, gelten dagegen die nämlichen (iesichlspunkte, die wir 
beim Merken gewürdigt haln-n. Man trifft notgedrungen eino 
schädliche Auswalllaus dem Stoffe, während man nachschreibt 
oder stenographiert, und man bindet ein Stück seiner eigenen 
Oistest ätigkeit, das in der Deutung des Angehörten eine 
bessere Verwendung finden soll. Man kann ohne Vorwurf 
Ausnahmen von dieser Regel zulassen für Daten, Traumtexte 
oder einzelne bemerkenswerte Ergebnisse, die sich leicht ans 
dem Zusammenhange lösen lassen und für eine selbständige 
Verwendung als Beispiele geeignet sind. Aber ich pflege auch 
dies nicht zu tun. Heispiele schrciU- ich am Abend nach Ab- 
schluß der Arbeit aus dem Gedächtnis nieder; Traumtexte, 
an denen mir gelegen ist, lasso ich von den Patienten nach 
der Erzählung des Tramncs fixieren. 

c) Die Niederschrift, während der Sit zun«,' mit dem Pa- 
tienten könnte durch den Vorsat/, gerechtfertigt werden, den 
behandelten Fall zum Gegenstand»- einer wissenschaftlichen 
Publikation zu machen. Das kann man ja prinzipiell kaum 

*) Der Analysierte behauptet oft, ein.- ^-wisso Mitteilung bereits 
früher gemacht zu haben, wührund mau ihm mit ruhiger Überlegenheit 
versichern kann, sio erfolge jotzt zum entW-umal. Ks Htollt sich dann, 
heraus, daß dor Analysierte früher einmal di»- Intention xu dieser Mit- 
teilung gehabt hat, an ihrvr Abführung aber durch einen noch bestehen- 
den Widerstand gehindert wurdo. Die Krinnemng an diese Intention ist 
für ihn ununterscheidbar von der Erinnerung an deren Ausführung. 




XXIII. RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT. 403 

versagen. Aber man muß doch im Auge behalten, daß genaue 
Protokolle in einer analytischen Krankengeschichte weniger 
leisten, als man von ihnen erwarten sollte. .Sie gehören, streng 
genommen, jener Scheinexaktheit an, für welche uns die „mo- 
derne" Psychiatrie manche auffällige Beispiele zur Verfügung 
stellt. Sie sind in der Regel ermüdend für den Leser und 
bringen es doch nicht dazu, ihm die Anwesenheit bei der^ 
Analyse zu ersetzen. Wir haben überhaupt die Erfahrung ge- 
macht, daß der Leser, wenn er dem Analytiker glauben will, 
ihm auch Kredit für das bißchen Bearbeitung einräumt, das 
er an seinem Material vorgenommen hat; wenn er die Analyse 
und den Analytiker aber nicht ernst nehmen will, so setzt 
er sich auch über getreue Behandlungsprotokolle hinweg. Dies 
scheint nicht der Weg, um dem Mangel an Evidenz abzu- 
helfen, der an den psychoanalytischen Darstellungen gefun- 
den wird. 

<?) Es ist zwar einer der .Ruhmestitel der analytischen 
Arbeit, daß Forschung und Behandlung bei ihr zusammen- 
fallen, aber die Technik, die der eiueu dient, widersetzt sich 
von einem gewissen Puukte an doch der anderen. Es ist nicht 
gut, einen Fall wissenschaftlich zu bearbeiten, solange seine 
Behandlung noch nicht abgeschlossen ist, seinen Aufbau 
zusammenzusetzen, seineu Fortgang erraten zu wollen, von 
Zeit zu Zeit Aufnahmen des gegenwärtigen Status zu machen, 
wie das wissenschaftliche Interesse es fordern würde. Der 
Erfolg leidet in solchen Fällen, die man von vornherein der 
wissenschaftlichen Verwertung bestimmt und nach deren Be- 
dürfnissen behandelt; dagegen gelingen jene Fälle am besten, 
bei denen man wie absichtslos verfährt, sich von jeder Wen- 
dung überraschen läßt, und denen man immer wieder unbe- 
fangen und voraussetzungslos entgegentritt. Das richtige Ver- 

26* 



404 SCHRIFTEN ZUR NEUROSEN LEHR&IV. 

halten für ilni Analytiker wird darin bestehen, sich aus der 
einen psychischen Einstellung nach Bedarf in die andere y. u 
schwingen, nicht zu spekulieren und zu grübeln, solange er 
analysiert, und erst dann das gewonnene Material der syn- 
thetischen Denkarbeit zu unterziehen, nachdem die Analyse 
abgeschlossen ist. Di«' l'nterscheidung der beiden 1 Zustel- 
lungen würde bedeutungslos, wenn wir bereits im Besitze allen 
oder doch der wesentlichen Erkenntnisse über die Psychologie 
des Unbewußten und über die Struktur der Neurosen wären, 
die wir ans <\<-r psychoanalytischen Arlx-it gewinnen können. 
Gegenwärtig sind wir von diesem Ziele noch weit entfernt, 
und dürfen uns die Wege Dicht verschließen, um da.s bisher 
Erkannte nachzuprüfen und Neues dazu zu finden. 

e) Ich kann den Kollegen nicht dringend genug emp- 
fehlen, sieh widirend der psychoanalytischen Behandlung den 
Chirurgen zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte 
und selbst sein menschliches Mitleid lx?iseite drängt und 
si inen geistigen Kräften ein einziges Ziel setzt, die Operation 
so kunstgerecht als möglioh zu vollziehen. Für den Psycho- 
analytiker wird unter den heute waltenden Umständen eine 
Affcktstn-liung am gefährlichsten, der t hera|.cutische Ehrgeiz, 
mit seinem neuen und viel angefochtenen Mittel etwas zu 
leisten, was überzeugend auf andere wirken kann. Damit, 
bringt er nicht nur .-ich selbst [ D <.j n e für die Arbeit un- 
günstige Verfassung, er setzt sich mich wehrlos gewissen 
Widerstanden des Patienten aus, von dessen Kräftespiel ja 
die (ieuesung in erster Linie abhängt. Die Rechtfertigung 
dieser vom Analytiker zu fordernden (iefühlskälle liegt darin, 
daß sie für beide Teile die vorteilhaftesten l'.cdingungen 
schafft, für den Arzt die wünschenswerte Schonung seines 
eigenen Affektlelx'iis, für den Kranken das größte Ausmaß 



XXIII. RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT. 495 

von Hilfeleistung, das uns heute möglich ist. Ein alter Chi- 
rurg hatte zu seinem Wahlspruch die Worte genommen: Je 
le pansai, Dieu le guerit. Mit etwas Ähnlichem sollte sich 
der Analytiker zufrieden geben. 

/) Es ist leicht zu erraten, in welchem Ziele diese einzeln 
vorgebrachten Regeln zusammentreffen. Sie wollen alle beim 
Arzte das Gegenstück zu der für den Analysierten aufgestell- 
ten „psychoanalytischen Grundregel" schaffen. Wie der Ana- 
lysierte alles mitteilen soll, was er in seiner Selbstbeobach- 
tung erhascht, mit Hintanhaltung aller logischen und affek- 
tiven Einwendungen, die ihn bewegen wollen, eine Auswahl 
zu treffen, so soll sich der Arzt in den Stand setzen, alles 
ihm Mitgeteilte für die Zwecke der Deutung, der Erkennung 
des verborgenen Unbewußten zu verwerten, ohne die vom 
Kranken aufgegebene Auswahl durch eine eigene Zensur zu 
ersetzen, in eiue Formel gefaßt: Er soll dem gebenden Un- 
bewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes als emp- 
fangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten ein- 
stellen wie der Recciver des Telephons zum Teller eingestellt 
ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten elek- 
trischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen 
verwandelt, so ist das Unbewußte des Arztes befähigt, aus 
den ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewußten dies 
Unbewußte, welches die Einfälle des Kranken determiniert 
hat, wiederherzustellen. 

Wenn der Arzt aber im stände sein soll, sich seines Un- 
bewußten in solcher Weise als Instrument bei der Analyse 
zu bedienen, so muß er selbst eine psychologische Bedingung 
in weitem Ausmaße erfüllen. Er darf in sich selbst keine 
Widerstände dulden, welche das von seinem Unbewußten Er- 
kannte von seinem Bewußtsein abhalten, sonst würde er eine 



406 SCHRIFTEN Z UR NEU ROSEN LEHRE. IV. 

Bens Art von Auswahl und Umstellung in die Analyse ein- 
führen, welche weit schädlicher wäre als die durch Anspan- 
mint; seiner Uwußten Aufmerksamkeil hervorgerufene. Es 
genügt nicht hiei'ür. daß er eelbal ein annähernd normaler 
Merisel, sei. man darf Helmehr die Forderung aufstellen, daß 
er sich einer psychoanalytischen Purifi/.ierung unterzogen und 
von jenen Kigenk.mplexen Kenntnis genommen halw, die ge- 
eignet wären, ihn in der Erfassung des vom Analysierton 
Dargebotenen IU stören. An der disqualifizierenden Wirkung 
solcher eigener Defekte kam» billigorweise nicht gezweifelt 
«erden; jede ungelöste Verdrängung beim Arzt« entsprieß 
naeh einem treffenden Worte v.u. W. Stekel einem „blin- 
den Fleck" in seiner anah i [ftohen W.dn iH'hmuie.:. 

Vor Jahren erwiderte ich auf die Frage, wie man ein 

Analytiker «erden könne: Durch die Analyse .seiner eigenen 
Träume. Gewiß reicht diese \'<.rt>ercitung für viele Personen 
aus, alx-r nicht für alle, die die Analyse erlernen möchten, 
Audi gelingt es nicht allen, die eigenen Träume ohne fremde 
Hilfe zu deuten. Ich rechne es zu den vielen Verdiensten der 
Zürich.:- analytischen Schuh-, dafl sie die Bediugung ver- 
schärft und in der Forderung niedergelegt hat, es solle sich 
jeder, der Analysen an anderen ausführen will, vorher selbst 
einer Analyse bei einem Sachkundigen unterziehen. Wer es 
mit der Aufgabe ernst meint., sollte diesen Wog wählen, dor 
mehr als einen Vorteil verspricht; das Opfer, sieh ohne Krank- 
heitszwang einer fremden Person oröffuot zu haben, wird 
reichlich gelohnt. Man wird nicht nur seine Absicht, das 
Verborgene der eigenen Person kennen zu lernen, in weit 
kürzerer Zeit und mit geringem affektiven Aufwand verwirk- 
lichen, sondern auoh Bindrüoke und Oberzeugungen am eigenen 
Leibe gewinnen, die man durch das Studium von Büchern 




XXIII. RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT. 407 

und Anhören von Vorträgen vergeblich anstrebt. Endlich ist 
auch der Gewinn aus der dauernden seelischen .'Beziehung 
nicht gering anzuschlagen, die sich zwischen dem Analysier- 
ten und seinem Einführenden herzustellen pflegt. 

Eine solche Analyse eines praktisch Gesunden wird be- 
greiflicherweise unabgeschlossen bleiben. Wer den hohen Wert 
der durch sie erworbenen Selbsterkenntnis und Steigerung 
der Selbstbeherrschung zu würdigen weiß, wird die analytische 
Erforschung seiner eigenen Person nachher als Selbstanalyse 
fortsetzen und sich gerne damit bescheiden, daß er in sich 
wie außerhalb seiner immer Neues zu finden erwarten muß. 
Wer aber als Analytiker die Vorsicht der Eigenanalyse ver- 
schmäht hat, der wird nicht nur durch die Unfähigkeit be- 
straft, über ein gewisses Maß an seinen Kranken zu lernen, 
er unterliegt auch einer ernsthafteren Gefahr, die zur Ge- 
fahr für andere werden kann. Er wird leicht in die Ver- 
suchung geraten, was er in dumpfer Selbstwahrnehmung von 
'den Eigentümlichkeiten seiner eigenen Person erkennt, als 
allgemeingültige Theorie in die Wissenschaft hinauszuproji- 
zieren, er wird die psychoanalytische Methode in Mißkredit 
bringen und Unerfahrene irre leiten. 

o) Ich füge noch einige andere Regeln an, in welchen 
der Übergang gemacht wird von der Einstellung des Arztes 
zur Behandlung des Analysierten. 

Es ist gewiß verlockend für den jungen und eifrigen 
Psychoanalytiker, daß er viel von der .eigenen Individualität 
einsetze, um den Patienten mit sich fortzureißen und ihn im 
Schwung über die Schranken seiner engen Persönlichkeit zu 
erheben. Man sollte meinen, es sei -durchaus zulässig, ja 
zweckmäßig für die Überwindung der beim Kranken bestehen- 
den Widerstände, wenn der Arzt ihm Einblick in die eigenen 



408 SCHRIFTEN ZUR .\ KlK< "SKNI.EHKK. IV. 



seelischen Defekte und Konflikte gestattet, ihm durch ver- 
trauliche Mitteilungen aus seinem Loben die Gleichstellung 
ermöglicht. Kin Verl innen ist doch das andere wert, und 
wer Intimität vmn anderen fordert, muß ihm doch auch solche 
bezeugen. 

Allein im psychoanalytischen Vorkehre läuft manches 
anders ab. als wir et naoh den Voraussetzungen der Jiewußt- 
s ;;, ipsycholo ;ir erwarten dürf« n Di. Ei fahl ing spricht aiob.1 
für die Vdrxügliohkeh einer solchen affektiven Technik. Ea 
ist auch nicht »ohwei einwischen, daß man mit ihr den psy- 
choanaly tischn i Boden verläßt un«l sich den Suggestions- 
behandlnngeaa annähert. Man erreicht so etwa, daß der Patient 
»her und leichter mitteilt, was ihm selbst iVkaunt ist, und 
was er aus konventionellen Widerständen noch eine Weile 
zurückgehalten hätte Kur die Aufdeckung des dem Kranken 
1'nlx'wuÜten leistet diese Technik nichts, sie macht ihn nur 
noch unfähiger, tiefere Widerstände zu überwinden, und sie 
versagt in schwereren Fällen regelmäßig an der rege gemach- 
ten Unersättlichkeit des Kranken, drv dann gerne das Ver- 
hältnis umkehren möchte und die Analyse <\<-s Arztes inter- 
essanter findet als die eigene. Auch die Lösung der Über- 
tragung, eine der Hauptaufgaben der Kur. wird durch die 
intfane Einstellung dftl Anl es erschwert, so daß der etwaige 
Gewinn zu Anfang schließlich mehr als weit gemacht wird. 
Ich stehe darum nicht au, diese \n der Technik als eine 
fehlerhafte zu verwerfen. Der Arzt soll undurchsichtig für 
den Analysierten sein und wie eine Spiegelplatte nichts an* 
dercs /eigen, als was ihm gezeigt wird. ESs ist allerdings 
praktisch nichts dagegen zu sagen, wenn ein Psychothera- 
peut, ein Stück Analyse mit einer Portion Suggestivbeeüi- 
flussung vermengt, um in kürzerer Zeil sichtbare Erfolge zu 












XXIII. RATSCHLAGE FÜR DEN ARZT. 499 



erzielen, wie es z. B. in Anstalten notwendig wird, aber man 
darf verlangen, daß er selbst nicht im Zweifel darüber sei, 
was er vornehme, und daß er wisse, seine Methode sei nicht 
die der richtigen Psychoanalyse. 

h) Eine andere Versuchung ergibt sich aus der erzieheri- 
schen Tätigkeit, die dem Arzte bei der psychoanalytischen 
Behandlung ohne besonderen Vorsatz zufällt. Bei der Lösung 
von Entwicklungshemmungen macht es sich von selbst, daß 
der Arzt in die Lage kommt, den frei gewordenen Strebungen 
neue Ziele anzuweisen. Es ist dann nur ein begreiflicher 
Ehrgeiz, wenn er sich bemüht, die Person, auf deren Be- 
freiung von der Neurose er soviel Mühe aufgewendet hat, 
auch zu etwas besonders vortrefflichem zu machen, und ihren 
Wünschen hohe Ziele vorschreibt. Aber auch hiebei sollte 
der Arzt sich in der Gewalt haben und weniger die eigenen 
Wünsche als die Eignung des Analysierten zur Richtschnur 
nehmen. Nicht alle Neuro tiker bringen viel Talent zur Subli- 
mierung mit ; von vielen unter ihnen kann man annehmen, 
daß sie überhaupt nicht erkrankt wären, wenn sie die Kunst, 
ihre Triebe zu sublimieren, besessen hätten. Drängt man sie 
übermäßig zur Sublimierung und schneidet ihnen die näch- 
sten und bequemsten Triebbefriedigungen ab, so macht man 
ihnen das Leben meist noch schwieriger, als sie es ohnedies 
empfinden. Als Arzt muß man vor allem tolerant sein gegen 
die Schwäche des Kranken, muß sich bescheiden, auch einem 
nicht Vollwertigen ein Stück Leistungs- und Genußfähigkeit 
wiedergewonnen zu haben. Der erzieherische Ehrgeiz ist so 
wenig zweckmäßig wie der therapeutische. Es kommt außer- 
dem in Betracht, daß viele Personen gerade an dem Versuche 
erkrankt sind, ihre Triebe über das von ihrer Organisation 
gestattete Maß hinaus zu sublimieren, und daß sich bei den 



41 q SCHRIFTEN ZUR N'EUKOSENLEHRE. IV. 



zur BnbUmiotimg Befähigten dieser Prozeß von seihst au voll- 
riehen pflegt, sobald ihre Hemmungen durch die Analyse 
überwunden sind. Ich meine als.., «las li. streben, die ana- 
lytische Behandlung regelmäßig zur Triebsublimierung zu 
verwenden, ist zwar immer lobenswert, al>er keineswegs in 
allen Fällen empfehlenswert. 

t) In welchen Grenzen s«.ll man die intellektuelle Mit- 
arbeit des Analysierten bei der Behandlung in Anspruch 
nehmen? Es ist schwer, hierüber etwas allgemein (iültiges 
auszusagen. Die Persönlichkeit des Patienten entscheidet in 
erster Linie. Aber Vorsieht und Zurückhaltung sind hiebei 
jedenfalls zu l>eol>achten. Es ist unrichtig, dem Analysierten 
Aufgaben zu stellen, er solle Mine Krinncrung sammeln, über 
eine gewisse Zrii seines Lebens nachdenken u. dgl. Kr hat 
vielmehr vor allem zu lernen, was keinem leicht lallt anzu- 
nehmen, daß durch listige Tätigkeit von der Art des Nach- 
denkens, daß durch Willens- und Aufmerksnmkeitsanstrengung 
keines der Rätsel der Neurose gelöst wird, sondern nur durch 
die geduldige Befolgung der psychoanalytischen Kegel, welche 
die Kritik gegen das Unbewußt«- und dessen Abkömmlinge 
auszuschalten gebietet. Besonders unerbittlich sollt« man auf 
der Befolgung dieser Regel lx-i jenen Kranken bestehen, die 
die Kunst üben, bei der Behandlung ins Intellektuelle auszu- 
weichen, dann viel und oft sehr weise über ihren Zustand 
reflektieren, und es sich so ersparen, etwas zu seiner Be- 
wältigung zu tun. Ich nehme darum l n-i meinen Patienten 
auch die Lektüre analytischer Schriften nicht gerne zu Hilfe; 
ich verlange, daß sie an der eigenen Person lernen sollen, 
und versichere il,n<m, dafl si« dadurch mehr und 'VYi-rtvol- 
leres erfahren werden, als ihnen die gesamte psychoanalytische 
Literatur sagen könnte. Ich lohe aber ein, daß es unter den 



XXIII. RATSCHLÄGE FÜR DEN ARZT. 



411 



Bedingungen eines Anstaltsaufenthaltes sehr vorteilhaft wer- 
den kann, sich der Lektüre zur Vorbereitung der Analysier- 
ten und znr Herstellung einer Atmosphäre von Beeinflussung 
zu 1 »«'dienen. 

Am dringendsten möchte ich davor warnen, um die Zu- 
stimmung oder Unterstützung von Eltern oder Angehörigen 
zu werben, indem man ihnen ein — einführendes oder tiefer 
gehendes — Werk unserer Literatur zu lesen gibt. Meist 
reicht dieser wohlgemeinte Schritt hin. um die naturgemäße, 
irgcndeinmal unvermeidliche, Gegnerschaft der Angehörigen 
gegen die psychoanaly tische Behandlung der Ihrigen vor- 
zeitig losbrechen zu lassen, so daß es überhaupt nicht zum 
Beginne der Behandlung kommt. 

Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die fortschreitende 
Erfahrung der Psychoanalytiker bald zu einer Einigung über 
die Fragen der Technik führen wird, wie man am zweck- 
mäßigsten die Neurotiker behandeln solle. Was die Behand- 
lung der „Angehörigen" betrifft, so gestehe ich meine völ- 
lige Ratlosigkeit ein und setze auf deren individuelle Be- 
handlung überhaupt wenig Zutrauen. 



XXIV. 

WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER 
PSYCHOANALYSE. # ) 

T. ZUR EINLEITUNG DER BEHANDLUNG. 

Wer (In* edle Schachspiel aus Büchern erlernen will, 
der wird bald erfahren, d&B nur die Eröffnungen und End- 
spiele eine erschöpfend* systematische Darstellung gestatten, 
während die unübersehbare Mannigfaltigkeil der uaoh der 
Eröffnung beginnenden Spiele sich einer solchen versagt, 
Eifriges Studium von Partien, in denen Meister mit einander 
gekämpft haben, kann allein die Lücke in der Unterweisung 
ausfüllen. Ähnlichen ESineehränkungen unterliegen wohl die 
Reg« In, die man für die Ausübung der psychoanalytischen 
Behandlung gelwn kann. 

Ich werde im Folgenden versuchen, einige dieser Regeln 
für die Einleitung der Kur zum Gebrauche des praktischen 
Analytikers zusammenzustellen. Es sind Bestimmungen dar- 
unter, die kleinlich erscheinen mögen und es wohl auch sind. 
Zu ihrer Entschuldigung diene, daß es eben Spielregeln sind, 
die ihre Bedeutung aus dem Zusammenhange >\r* Spielplanes 
schöpfen müssen. Ich tue al>cr gut daran, diese Regeln als 



•) Intern. Zeitschr. für Intl. I'syclunujalyao, I, 1913. 



XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR T ECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 413 

„Ratschläge'" auszugeben und keine unbedingte Verbindlich- 
keit für sie zu beanspruchen. Die außerordentliche Verschie- 
denheit der in Betracht kommenden psychischen Konstel- 
lationen, die Plastizität aller seelischen Vorgänge und der 
Reichtum an determinierenden Faktoren widersetzen sich auch 
einer Mechanisierung der Technik und gestatten es, daß ein 
sonst berechtigtes Vorgehen gelegentlich wirkungslos bleibt 
und ein für gewöhnlich fehlerhaftes einmal zum Ziele führt. 
Diese Verhältnisse hindern indes nicht, ein durchschnittlich 
zweckmäßiges Verhalten des Arztes festzustellen. 

Die wichtigsten Indikationen für die Auswahl der Kran- 
ken habe ich bereits vor Jahren an anderer Stelle angegeben. 
Ich wiederhole sie darum hier nicht; sie haben unterdes die 
Zustimmung anderer Psychoanalytiker gefunden.*) Ich füge 
aber hinzu, daß ich mich seither gewöhnt habe, Kranke, von 
denen ich wenig weiß, vorerst nur provisorisch, für die Dauer 
von 1 — 2 Wochen, anzunehmen. Bricht man innerhalb dieser Zeit 
ab, so erspart man dem Kranken den peinlichen Eindruck eines 
verunglückten Hcilungsversuch.es. Alan hat eben nur eine 
Sondierung vorgenommen, um den Fall kennen zu lernen und 
um zu entscheiden, ob er für die Psychoanalyse geeignet ist. 
Eine andere Art der Erprobung als einen solchen Versuch 
hat man nicht zur Verfügung; noch so lange fortgesetzte 
Unterhaltungen und Ausfragungen in der Sprechstunde wür- 
den keinen Ersatz bieten. Dieser Vorversuch aber ist bereits 
der Beginn der Psychoanalyse und soll den Regeln derselben 
folgen. Man kann ihn etwa dadurch gesondert halten, daß 
man hauptsächlich den Patienten reden läßt und ihm von 
Aufklärungen nicht mehr mitteilt, als zur Fortführung seiner 
Erzählung durchaus unerläßlich ist. 



*) Über Psychotherapie, 1905. 



414 SCHRIFTEN ZfR NEUROSENLEHRE. IV. 

Die Einleitung clor Behandlung mit einer solchen für 
einig« Wochen angesetzten Prol>czcit hat übrigens auch eine 
diagnostische Motivierung. Oft genug, wenn man eine Neu- 
rose mit hysterischen oder Zwajigssyntptomen vor sich hat, 
von nicht exzessiver Ausprägung und von kürzerem Bestände, 
also gerade solch.- Formen, die man als günstig für die Be- 
handlung ansehen wollte, muß mau dem Zweifel Kaum geben, 
ob der Fall nieht einem Vorstadium einer sogenannten De- 
mentia praecox (Schizophrenie nach Bleuler, Paraphrenie 
nach meinem Vorschlage) entspricht und nach kürzerer oder 
längerer Zeit <in ausgesprochenes Bild dieser Affektion /..igen 
wird. Ich bestreite es. .laß es immer so leicht möglich ist, 
die Unterscheidung zu treffen. Ich weiß, daß es Psychiater 
gibt, die in der Differentialdiagnose seltener schwanken, aber 
ich habe mich überzeugt, daß sie ebenso häufig irren. Der 
Irrtum ist nur für den Psychoanalytiker verhängnisvoller als 
für den sogenannten klinischen Psychiater. Denn der letztere 
unternimmt in dem einen Falle so wenig wie in dem anderen 
etwas Ersprießliches; er läuft nur die Gefahr eines theo-. 
retischen Irrtums und seine Diagnose hat nur akademisches 
Interesse. Der Psychoanalytiker hat aber im ungünstigen 
Falle, einen praktischen Mißgriff l>egnngen, er hat einen ver- 
geblichen Aufwand verschuldet und sein Heilverfahren dis- 
kreditiert. Er kann sein Heilungsversprecheu nicht halten, 
wenn der Kranke nicht an Hysterie oder Zwangsneurose, son- 
dern an Paraphrenie leidet, und hat. darum besonders starke 
Motive, den diagnostischen Irrtum zu vermeiden. In einer 
Probcbehandlung von einigen Wochen wird er oft verdächtige 
Wahrnehmungen machen, die ihn Ixvstimmcn können, den Ver- 
such nieht weiter fortzusetzen. Ich kann leider nicht be- 
haupten, daß ein solcher Versuch regelmäßig eine sichere 



XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 415 

Entscheidung ermöglicht; es ist nur eine gute Vorsicht 
mehr.*) 

Lange Vorbesprechungen vor Beginn der analytischen 
Behandlung, eine andersartige Therapie vorher, sowie frühere 
Bekanntschaft zwischen dem Arzte und dem zu Analysieren- 
den haben bestimmte ungünstige Folgen, auf die man vor- 
bereitet sein muß. Sie machen nämlich, daß der Patient dem 
Arzte in einer fertigen Übertragungseinstellung gegenüber- 
tritt, die der Arzt erst langsam aufdecken muß, anstatt daß 
er die Gelegenheit hat, das Wachsen und Werden der Über- 
tragung von Anfang au zu beobachten. Der Patient hat so 
eine Zeitlang einen Vorsprung, den man ihm in der Kur nur 

ungern gönnt. 

Gegen alle die, welche die Kur mit einem Aufschübe 
beginnen wollen, sei man mißtrauisch. Die Erfahrung zeigt, 
daß sie nach Ablauf der vereinbarten Frist nicht eintreffen, 
auch wenn die Motivierung dieses Aufschubes, also die Ra- 
tionalisierung des Vorsatzes, dem Uneingeweihten tadellos er- 
scheint. . 

Besondere Schwierigkeiten ergeben sich, wenn zwischen 

dem Arzte, und dem in die Analyse eintretenden Patienten 
oder deren Familien freundschaftliche oder gesellschaftliche 
Beziehungen bestanden haben. Der Psychoanalytiker, von dem 
verlangt wird, daß er die Ehefrau oder das Kind eines Freun- 

*) über das Thema dieser diagnostischen Unsicherheit, über die 
Chancen der Analyse bei leichten Formen von Paraphrenie und über die 
Begründung der Ähnlichkeit beider Affektionen wäre sehr viel zu sagen, 
was ich in diesem Zusammenhange nicht ausführen kann. Gern würde 
ich nach Jungs Vorgang Hysterie und Zwangsneurose als „Obertra- 
,r U n<snourosen" den paraphrenischen Affektionen als „Introver- 
»ion°sneurosen" gegenüberstellen, wenn bei diesem Gebrauch der 
Begriff der „Introversion" (der Libido) nicht seinem einzig berechtigten 
Sinne entfremdet würde. 



** 



416 SCHRIFTEN ZUR NEUROßENLEHRE. T V. 



des in Behandlung nehme, darf sich darauf vorbereiten, daß 
ihn das Unternehmen, wie Immer es ausgehe, die Freund* 
BOhaft kosten wird. Er muß doch d;us Opfer bringen, wenn 
er nicht einen vertrauenswürdigen Vertreter stellen kann. 

Laien wie Arzte, welche die Psychoanalyse immer noch 
gern mit einer Suggestivbehundlung verwechseln, pflegen 
hohen Wert aal die Erwartung zu legen, weiche der Patient 
der neuen Behandlung entgegenbringt. Sie meinen oft, mit 
dein einen Kranken werde man nicht viel Mühe haben, denn 
er habe ein großes Zutrauen zur Psychoanalyse und sei von 
ihrer Wahl heil und ihrer Leistungsfähigkeit voll über/engt. 
Bei einem anderen werde «'S wohl schwerer gehen, denn er 

verhalte lieh skeptisch und wolle nichts glauben, ehe er nicht 

den Erfolg an seiner eigenen Person gesehen habe. In Wirk- 
lichkeit hat aU-r diese ICinstelluug des Kranken eine recht 
geringe Bedeutung; sein vorläufiges Zutrauen oder .Mißtrauen 
kommt gegen die inneren Widerstände, welche die Neurose 
verankern, kaum in Betracht, Die Vertrauensseligkeit des 
Patienten macht ja den ersten Verkehr mit ihm recht, an- 
genehm; man dankt ihm für sie, bcrcitcl ihn aber darauf 
vor, daß seine günstige Voreingenommen heil au der ersten 
in der Behandlung auftauchenden Schwierigkeit verschallen 
wird. Dem Skeptiker sagt man, daß die Analyse kein Ver- 
trauen braucht, daß er so kritisch und mißtrauisch sein düvir, 
als ihm beliebt, <hi\ man seine Einstellung gar nicht auf die 
Rechnung seines Urteils setzen wolle, denn or sei ja nicht 
in der Lage, sich ein verläßliches Urteil über diese Punkte /.u 
bilden; sein .Mißtrauen sei elwn ein Symptom wie seine an- 
deren Symptome, und es werde sich nicht störend erweisen, 
wenn er nur gewissenhaft befolgen wolle, was die Regel der 
Behandlung von ihm fordere, 






XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 417 

Wer mit dein Wesen der Neurose vertraut ist, wird nicht 
erstaunt sein zu hören, daß auch derjenige, der sein* wohl 
befähigt ist, die Psychoanalyse an anderen auszuüben, sich 
benehmen kann wie ein anderer Sterblicher und die inten- 
sivsten Widerstände zu produzieren im stände ist, sobald er 
selbst zum Objekte der Psychoanalyse gemacht wird. Man 
bekommt dann wieder einmal den Eindruck der psychischen 
Tiefendimension und findet nichts überraschendes daran, daß 
die Neurose in psychischen Schichten wurzelt, bis zu denen 
die analytische Bildung nicht hinabgedrungen ist. 

Wichtige Punkte zu Beginn der analytischen Kur sind 
die Bestimmungen über Zeit und Geld. 

In betreff der Zeit befolge ich ausschließlich das Prin- 
zip des Vermietens einer bestimmten Stunde. Jeder Patient 
erhält eine gewisse Stunde meines verfügbaren Arbeitstages 
zugewiesen; sie ist die seine und er bleibt für sie haftbar, 
auch wenn er sie nicht benützt. Diese Bestimmung, die für 
den Musik- oder Sprachlehrer in unserer guten Gesellschaft 
als selbstverständlich gilt, erscheint beim Arzte vielleicht hart 
oder selbst standesunwürdig. Man wird geneigt sein, auf die 
vielen Zufälligkeiten hinzuweisen, die den Patienten hindern 
mögen, jedesmal zu derselben Stunde beim Arzte zu er- 
scheinen, und wird verlangen, daß den zahlreichen interkur- 
renten Erkrankungen Rechnung getragen werde, die im Ver- 
laufe einer längeren analytischen Behandlung vorfallen können. 
Allein meine Antwort ist: es geht nicht anders. Bei milderer 
Praxis häufen sich die „gelegentlichen" Absagen so sehr, daß 
der Arzt seine materielle Existenz gefährdet findet. Bei stren- 
ger Einhaltung dieser Bestimmung stellt sich dagegen heraus, 
daß hinderliche Zufälligkeiten überhaupt nicht vorkommen 
und interkurrente Erkrankungen nur sehr selten. Man kommt 

Freud, Keurownlebre. IV. " 



418 SCHKIFTEN ZUK NEUROSENLKHUE. IV. 

kaum je in die Lage, eine Muß-' zu genießen, deren man sich 
als Erwerbender zu schämen hätte; man kann die Arbeit 
ungestört fortsetzen und entgeht der peinlichen, verwirren- 
den Erfahrung, daß gerade dann immer eine unverschuldete 
Pause in der Arbeit eintreten muß, wenn sie l>osonders wichtig 
und inhaltsreich ni werden versprach. Von der Bedeutung 
der Psychogene im täglichen Leben der Menschen, von der 
Häufigkeit der ..Schulkninkli.it en" und der Nichtigkeit des 
Zufalles gewinnt mun erst eine ordentliche Überzeugung, wenn 
man einige Jahre hindurch Psychoanalyse l>ct rieben hat unter 
strenger llofolgung des Prinzips der Stundenmiete. Bei un- 
zweifelhaften organischen Affekt ionen, die durch das psy- 
chische Intcrvs.se doch nicht ausgeschlossen werden können, 
unterbreche ich dir Behandlung, halte mich für berechtigt, 
die frei gewordene Stande anderH zu vergelx-n, und nehme 
den Patienten wieder auf, sukild er hergestellt ist, und ich 
• ine andere Stunde frei Umkommen habe, 

Ich arbeite mit meinen Patienten täglich mit Ausnahme 
der Sonntage" und der großen Festtage, also für gewöhnlich 
sechsmal in der Woche. Für leichte Falle oder Fortsetzun- 
gen von weit gediehenen Behandlungen reichen auch drei 
Stunden IPÖQhft&tHoh aus. Sonst bringen Einschränkungen 
an Zeit weder drm Arzte U o<-h dem i'atirnten Vorteil; fin- 
den Anfang sind sie ganz zu verwerfen. Schon durch kurze 
Unterbrechungen wird die Arbeit, immer ein wenig verschüttet ; 
wir pflegten scherzhaft von einer „Montagskruste" zu spre- 
chen, wenn wir nach der Sonntagsruhe vou neuem begannen; 
bei seltener Arbeit besteht die Ctofahr, daß man mit dem 
realen Erleben des Patienten nieht Schrill halten kann, daß 
die Kur den Kontakt mit der Gegenwart verliert und auf 
Seitenwege gedrängt wird. ( ble-mt lieh trifft man auch auf 




XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 4 19 

Kranke, denen man mehr Zeit als das mittlere Maß von einer 
Stunde widmen muß. weil sie den größeren Teil einer Stunde 
▼erbrauchen, um aufzutauen, überhaupt mitteilsam zu werden. 
Eine dem Arzte unliebsame Frage, die der Kranke zu 
allem Anfange an ihn richtet, lautet: Wie lange Zeit wird 
die Behandlung dauern? Welche Zeit brauchen Sie, um mich 
▼on meinem Leiden zu befreien? Wenn man eine Probebehand- 
lung von einigen Wochen vorgeschlagen hat, entzieht man 
sich der direkten Beantwortung dieser Frage, indem man ver- 
spricht, nach Ablauf der Probezeit eine zuverlässigere Aus- 
sage abgeben zu können. Man antwortet gleichsam wie der 
Ä s o p der Fabel dem Wanderer, der nach der Länge des Wege« 
fragt, mit der Aufforderung: Geh, und erläutert den Bescheid 
durch die Begründung, man müsse zuerst den Schritt des 
Wanderers kennen lernen, ehe man die Dauer seiner Wan- 
derung berechnen könne. Mit dieser Auskunft hilft man sich 
über die ersten Schwierigkeiten hinweg, aber der Vergleich 
ist nicht gut, denn der Neurotiker kann leicht sein Tempo 
verändern und zu Zeiten nur sehr langsame Fortschritte ma- 
chen. Die Frage nach der voraussichtlichen Dauer der Be- 
liandlung" ist in Wahrheit kaum zu beantworten. 

Die Einsichtslosigkeit der Kranken und die Unaufrich- 
tigkeit der Ärzte vereinigen sich zu dem Effekt, an die Ana- 
lyse die maßlosesten Ansprüche zu stellen und ihr dabei die 
knappste Zeit einzuräumen. Ich teile z. B. aus dem Briefe 
einer Dame in Rußland, der vor wenigen Tagen an mich ge- 
kommen ist, folgende Daten mit. Sie ist 33 Jahre alt, seit 
23 Jahren leidend, seit zehn Jahren keiner anhaltenden Arbeit 
mehr fällig. „Behandlung in mehreren Nervenheilanstalten" 
hat es nicht vermocht, ihr ein „aktives Leben" zu ermög- 
lichen. Sie hofft durch die Psychoanalyse, über die sie ge- 

27* 



42() SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

l.-«-ii hat. ganz, geheilt zu werden. Aber ihn- Behandlung hat 
ihr. i Pamilie schon so viel gekostet, «laß sie keinen län- 
geren Aufenthalt in Wien nehmen kann als sechs Wochen 
oder zwei Monate. Dazu kounnl die Erschwerung, daß sie 
sich von Anfang an nur schriftlich „deutlich machen" will, 
denn Antasten ihrer Komplexe würde l»i ihr eine Kxplosion 
hervorrufen oder sie ..zeillich verstummen lassen". - Nie- 
mand wünle sonst erwarten, daß man einen schweren Tisch 
mit zwei Kindern beben werde wie einen leichten Schemel, 
Oder dal man ein großes Hans in dersell>eji »it hauen könne 
wir ein Holshüttohen, doch sowie es sieh um die Neurosen 
handelt, die in den Zusammenhang des menschlichen Denkens 
derzeit noch nieh! eingereiht scheinen, vergessen seihst in- 
telligente Personen an die notwendige Proportionalität zwi- 
schen Zeit. Arlx-it und Krfolg. Obrigens eine begreifliche 
Folge der tiefen Unwissenheit nl*-r die Ätiologie der Neu- 

roMS. Dank dieser Egnorani ist Ihnen die Neurose eine Art 

..Mädchen ans der l'Yemde". Man wußte nicht, woher sie 
kam, und darum erwartet man. daß nie eines Tages ent- 
sohwnnden sein wird. 

Die Ar/.te unterstützen diese Yeti i a uon.sseligkeit ; auch 
wissende unter ihnen Hcliätzen häufig die Schwnv der neu- 
rotischen Erkrankungen nicht ordentlich ein. hin befreundeter 
Kollege, dem loh es hoch anrechne, daß er sich nach meh- 
reren Dezennien wissenschaftliche] Arbeil auf anderen Vor*. 
aussei zungen zur Würdigung der Psychoanalyse In-kehrt hat, 
schnell mir einmal: Was uns nottut, ist eine kurze, bequeme, 

ambnlatorisohe Behandlung der Zwangsneurosen. Ich konnte 
damit nicht dienen, sohamte mich und suchte mich mit der 
Bemerkung zu entschuldigen, daß wahrscheinlich auch die 
Internisten mit einer Therapie der Tuberkulose "der des Kar- 



XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 421 

zinoins, welche diese Vorzüge vereinte, sehr zufrieden sein 
würden. 

üni es direkter zu sagen, es handelt sich bei der Psy- 
choanalyse immer um lange Zeiträume, halbe oder ganze Jahre, 
um längere, als der Erwartung des Kranken entspricht. Man 
hat daher die Verpflichtung, dem Krankon diesen Sachverhalt 
zu eröffnen, ehe er sich endgültig für die Behandlung ent- 
schließt. Ich halte es überhaupt für würdiger, aber auch für 
zweckmäßiger, wenn man ihn. ohne gerade auf seine Ab- 
schreckung hinzuarbeiten, doch von vornherein auf die Schwie- 
rigkeiten und Opfer der analytischen Therapie aufmerksam 
macht und ihm so jede Berechtigung nimmt, später einmal 
zu behaupten, man habe ihn in die Behandlung, deren Um- 
fang und Bedeutung er nicht gekannt habe, gelockt. Wer 
sieh durch solche Mitteilungen abhalten läßt, der hätte sich 
später doch als unbrauchbar erwiesen. Es ist gut, eine der- 
artige Auslese vor dem Beginne der Behandlung vorzunehmen. 
Mit dem Fortschritte der Aufklärung unter den Kranken 
wächst doch die Zahl derjenigen, welche diese erste Probe 

bestehen. 

Ich lehne es ab, die Patienten auf eine gewisse Dauer 
des Ausharrens in der Behandlung zu verpflichten, gestatte 
iedero, die Kur abzubrechen, wann es ihm beliebt, verhehle 
ihm aber nicht, daß ein Abbruch nach kurzer Arbeit keinen 
Erfolg zurücklassen wird, und ihn leicht wie eine unvoll- 
endete Operation in einen unbefriedigenden Zustand versetzen 
kann. In den ersten Jahren meiner psychoanalytischen Tätig- 
keit fand ich die größte Schwierigkeit, die Kranken zum Ver- 
bleiben zu bewegen; diese Schwierigkeit hat sich längst ver- 
schoben, ich muß jetzt ängstlich bemüht sein, sie auch zum 
Aufhören zu nötigen. '~^\ 



422 SCHRIFTEN ZUR NEUR08ENLEHRE. IV. 

Die Abkürzung der analytischen Kur bleibt ein berech- 
tigter Wunsch, dessen Erfüllung, wie wir hören werden, auf 
verschiedenen Wegen angestrebt wird. Es steht ihr leider 
ein sehr bedeutsames Moment entgegen, die Langsamkeit, 
mit der sich tiefgreifende seelische Veränderungen vollziehen, 
in letzter Linie wohl die „Zcitlosigkeit' - unserer unbewußten 
Vorgänge. Wenn die Kranken vor die Schwierigkeit des gro- 
ßen Zeitaufwandes für die Analyse gestellt werden, so wissen 
sie nicht selten ein gewisses Auskunftsniittcl vorzuschlagen. 
Sie teilen ihre Beschwerden in solche ein, die sie als un- 
erträglich, und andere, die .sie als ncliensächlich beschreiben, 
und sagen: Wenn sie mich nur von dem einen (z. B. dem 
Kopfschmerz, der bestimmten Angst) befreien, mit dem an- 
deren will ich schon selbst im Leben fertig werden. Sie über- 
schätzen aber dabei die elektivc Macht, der Analyse. Gewiß 
vermag der analytische Arzt viel, aber er kann nicht genau 
bestimmen, was er zu stände bringen wird. Er leitet einen 
Prozeß ein. den der Auflösung der bestehenden Verdrängun- 
gen, er kann ihn überwachen, fördern, Hindernisse aus dem 
Wege räumen, gewiß auch viel an ihm verderl>en. Im ganzen 
aber geht der einmal eingeleitete Prozeß seinen eigenen Weg 
und läßt sich weder seine Richtung noch die Eeihenfolge 
der Punkte, die er angreift, vorschreiben. Mit der Macht 
des Analytikers über die Krankheitserscheinungen steht es 
also ungefähr so wie mit der männlichen Potenz. Der kräf- 
tigste Mann kann zwar ein ganzes Kind zeugen, aber nicht 
im weiblichen Organismus einen Kopf allein, einen Arm oder 
ein Bein entstehen lassen; er kann nicht einmal über das 
Geschlecht des Kindes bestimmen. Er leitet eben auch nur 
einen höchst verwickelten und durch alte Geschehnisse deter- 
minierten Prozeß ein, der mit der Lösung des Kindes von der 



XXIV. WEITERE RATSCHL ÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 423 

Mutter endet. Auch die Neurose eines Menschen besitzt die 
Charaktere eines Organismus, ihre Teilerschoinungen sind nicht 
unabhängig voneinander, sie bedingen einander, pflegen sich 
gegenseitig zu stützen; man leidet immer nur an einer Neu- 
rose, nicht an mehreren, die zufällig in einem Individuum 
zusammengetroffen sind. Der Kranke, den man nach seinem 
Wunsche von dem einen unerträglichen Symptome befreit hat, 
könnte leicht die Erfahrung machen, daß nun ein bisher mildes 
Symptom sich zur Unerträglichkeit steigert. Wer überhaupt 
den Erfolg von seinen suggestiven (d. h. € bertragungs-) Be- 
dingungen möglichst ablösen will, der tut gut daran, auch 
auf die Spuren elektiver Beeinflussung des Heilerfolges, die 
dem Arzte etwa zustehen, zu verzichten. Dem Psychoana- 
lytiker müssen diejenigen Patienten am liebsten sein, welche 
die volle Gesundheit, soweit sie zu haben ist. von ihm for- 
dern, und ihm so viel Zeit zur Verfügung stellen, als der 
Prozeß der Herstellung verbraucht. Natürlich sind so gün- 
stige Bedingungen nur in wenig Fällen zu erwarten. 
, Der nächste Punkt, über den zu Beginn einer Kur ent- 
schieden werden soll, ist das Geld, das Honorar des Arztes. 
Der Analytiker stellt nicht in Abrede, daß Geld in erster 
Linie als Mittel zur Selbsterhaltung und Machtgewinnung zu 
betrachten ist, aber er behauptet, daß mächtige sexuelle Fak- 
toren an der Schätzung des Geldes mitbeteiligt sind. Er kann 
sich dann darauf berufen, daß Geldangelegenheiten von den 
Kulturmenschen in ganz ähnlicher Weise behandelt werden 
wie sexuelle Dinge, mit derselben Zwiespältigkeit, Prüderie 
und Heuchelei. Er ist also von vornherein entschlossen, dabei 
nicht mitzutun, sondern Geldbeziehungen mit der nämlichen 
selbstverständlichen Aufrichtigkeit vor dem Patienten zu be- 
handeln, zu der er ihn in Sachen des Sexuallebens erziehen 






424 SCHRIFTEN ZUR NEUK08ENLEHRE. IV. 



will. Er beweist ihm, daß er selbst ein«- falsche Scham ab- 
gelegt hat, indem er unaufgefordert mitteilt, wie er seine 
Zeit einschätzt, Menschliche Klugheit gebietet dann, nicht 
große Summen zusammenkommen zu lassen, sondern nach 
kürzeren regelmäßigen Zeiträumen (etwa monatlioh) Zahlung 
zu nehmen. (Man erhöht, wie bekannt, die Schätzung der 
Behandlung beiin Patienten nicht, wenn man sie sehr wohl- 
feil gibt.) Das ist, wie man weiß, nicht die gewöhnliche 
Praxis des Nervenarztes oder des Internisten in unserer euro- 
päischen Gesellschaft. Aber der Psychoanalytiker darf sich 
in die Lage des Chirurgen versetzen, der aufrichtig und kost- 
spielig ist, weil er über Behandlungen verfügt, welche helfen 
können. Ich meine, et ist doch würdiger und ethisch un- 
bedenklicher, sich zu seinen wirklichen Ansprüchen und Be- 
dürfnisseu zu bekennen, als, wie es jetzt noch unter Ärzten 
gebräuchlich ist, den uneigennützigen Menschenfreund zu agie- 
ren, dessen Situation einem doch versagt ist, und sich dafür 
im Stillen über die Rücksichtslosigkeit und diu Ausbeutungs- 
sucht der Patienten zu grämen oder laut darüber zu schimpfen. 
Der Analytiker wird für seinen Anspruch auf Bezahlung noch 
geltend machen, daß er bei schwerer Arbeil nie so viel er- 
werben kann wie andere medizinische Spezialisten. 

Aus denselben Gründen wird er es auch ablehnen dür- 
fen, ohne Honorar zu behandeln, und auch zu Gunsten der 
Kollegen oder ihrer Angehörigen keine Ausnahme macheu. 
Die letzte Forderung scheint gegen die ärztlich« 1 Kollegialität 
zu verstoßen; man halte sich aber vor, daß eine Gratisbe- 
handlung für den Psychoanalytiker weit mehr bedeutet als 
für jeden anderen, nämlich die Kniziehung eines ansehnlichen 
Bruchteiles seiner für den Krwerb verfügbaren Arbeitszeit 
(eines Achtels, Siebentels u. dgl.) auf die Dauer von vielen 



■ 






XXIV.WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 425 

Monaten. Eine gleichzeitige zweite Gratisbehaudlung raubt 
ihm bereits ein Viertel oder Drittel seiner Erwerbsfähigkeit, 
was der Wirkung eines schweren traumatischen Unfalles 
gleichzusetzen wäre. 

Es fragt sich dann, ob der Vorteil für den Kranken 
das Opfer des Arztes einigermaßen aufwiegt. Ich darf mir 
wohl ein Urteil darüber zutrauen, denn ich habe durch etwa 
zehn Jahre täglich eine Stunde, zeitweise auch zwei, Gratis- 
behandlungen gewidmet, weil ich zum Zwecke der Orien- 
tierung in der Neurose möglichst widerstandsfrei arbeiten 
wollte. Ich fand dabei die Vorteile nicht, die ich suchte. 
Manche der Widerstände des Neurotikers werden durch die 
Gratisbehaudlung enorm gesteigert, so beim jungen Weihe 
die Versuchung, die in der Übertragungsbcziehimg enthalten 
ist, beim jungen Manne das aus dem Vaterkomplex .stammende 
Sträuben gegen die Verpflichtung der Dankbarkeit, das zu 
den widrigsten Erschwerungen der ärztlichen Hilfeleistung 
gehört. Der Wegfall der Eegulierung, die doch durch die 
Bezahlung an den Arzt gegeben ist, macht sich sehr peinlich 
fühlbar; das ganze Verhältnis rückt aus der realen Welt 
heraus; ein gutes Motiv, die Beendigung der Kur anzustre- 
ben wird dem Patienten entzogen. 

Man kann der asketischen Verdammung des Geldes ganz 
ferne stehen und darf es doch bedauern, daß die analytische 
Therapie aus äußeren wie aus inneren Gründen den Armen 
fast unzugänglich ist, Es ist wenig dagegen zu tun. Vielleicht 
hat die viel verbreitete Behauptung recht, daß der weniger 
leicht der Neurose verfällt, wer durch die Not des Lebens 
zu harter Arbeit gezwungen ist. Aber ganz unbestreitbar 
steht die andere Erfahrung da, daß der Arme, der einmal 
eine Neurose zu stände gebracht hat, sich dieselbe nur sehr 



426 SCHRIFTEN ZUR NElltOSENLEHRE. IV. 

schwer entreißen läßt. Sic leistet ihm zu gute Dienste im 
Kampfe um die Selbstbehauptung; der sekundäre Krankheite- 
gewinn, den sie ihm bringt, ist allzu bedeutend. Das Er- 
barmen, das die Menschen seiner materiellen Not versagt 
haben, beansprucht er jetzt unter dem Titel seiner Neurose 
und kann sich von der Forderung, seine Armut durch Arbeit 
zu bekämpfen, selbst freisprechen. Wer die Neurose eines 
Armen mit den Mitteln der Psychotherapie angreift, macht 
also in der Regel die Erfahrung, daß in diesem Falle eigent- 
lich eine Aktualtherapie ganz anderer Art von ihm gefordert 
w-ird, eine Therapie, wie sie nach der tn-i uns heimischen 
Sage Kaiser Josef II. zu üben pflegte. Natürlich findet man 
doch gelegentlich wertvolle und ohne ihre Schuld hilflose 
Menschen, bei denen die unentgeltliche Behandlung nicht 
auf die angeführten Hindernisse Btößt und schöne Erfolge 
erzielt. 

Für den Mittelstand ist der für die Psychoanalyse be- 
nötigte Geldaufwand nur scheinbar ein übermäßiger. Ganz 
abgesehen davon, daß Gesundheit und Leistungsfähigkeil einer- 
seits, ein mäßiger Geldaufwand anderseits überhaupt inkom- 
mensurabel sind: wenn man die nie aufhörenden Ausgaben 
für Sanatorien und ärztliche Behandlung zusammenrechnet 
und ihnen die Steigerung der Leistung*- und Erwerbsfähig- 
keit nach glücklich beendeter analytischer Kur gegenüber- 
stellt, darf man sagen, daß die Krauken einen guten Handel 
gemacht haben. Es ist nichts Kostspieligeres im Leben als 
die Krankheit und — die Dummheit. 

Ehe ich diese Bemerkungen zur Einleitung der analyti- 
schen Behandlung beschließe, noch ein Wort über ein ge- 
wisses Zeremoniell der Situation, in welcher die Kur aus- 
geführt wird. Ich halte an dem Kali' fest, den Kranken auf 




XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 427 

einem Ruhebett lagern zu lassen, während man hinter ihm, 
von ihm ungesehen, Platz nimmt. Diese Veranstaltung hat 
einen historischen Sinn, sie ist der Rest der hypnotischen 
Behandlung, aus welcher sich die Psychoanalyse entwickelt 
hat. Sie verdient aber aus mehrfachen Gründen festgehalten 
zu werden. Zunächst wegen eines persönlichen Motivs, daß 
aber andere mit mir teilen mögen. Ich vertrage es nicht, 
acht Stunden täglich (oder länger) von anderen angestarrt 
zu werden. Da ich mich während des Zuhörcns selbst dem 
Ablauf meiner unbewußten Gedanken überlasse, will ich nicht, 
daß meine Mienen dem Patienten Stoff zu Deutungen geben 
oder ihn in seinen Mitteilungen beeinflussen. Der Patient 
faßt die ihm aufgezwungene Situation gewöhnlich als Ent- 
behrung auf und sträubt sich gegen sie, besonders wenn der 
Schautrieb (das Voyeurtum) in seiner Neurose eine bedeu- 
tende Rolle spielt, Ich beharre aber auf dieser Maßregel, 
welche die. Absicht und den Erfolg hat, die unmerkliche 
Vermengung der Übertragung mit den Einfällen des Patienten 
•zu verhüten, die Übertragung zu isolieren und sie zur Zeit 
als Widerstand scharf umschrieben hervortreten zu lassen. 
Ich weiß, daß viele Analytiker es anders machen, aber ich 
-weiß nicht, ob die Sucht, es anders zu machen, oder ob ein 
Vorteil, den sie dabei gefunden haben, mehr Anteil an ihrer 
Abweichung hat. 

Wenn nun die Bedingungen der Kur in solcher Weise 
geregelt sind, erhebt sich die Frage, an welchem Punkte 
und°mit welchem Materiale soll man die Behandlung be- 
ginnen? 

Es ist im ganzen gleichgültig, mit welchem Stoffe man 
die Behandlung beginnt, ob mit der Lebensgeschichte, der 
Krankengeschichte oder den Kindheitserinnerungen des Pa- 



428 SCHRIFTEN ZUR NEKROSEN LEHRE. IV. 

tientcn. Jedenfalls aber so, daß mau den Patienten erzählen 
läßt und ihm die Wahl de* Anfangspunktes frei stellt. Mau. 
sagt ihm also: Ehe ich Ihnen etwas sagen kann, muß ich 
viel über Sie erfahren haben; bitte teileu Sie mir mit, was 
Sie von sich wissen. 

Nur für die (irundrogcl der psychoanalytischen Technik, 
die der Patient zu beobachten hat, macht man eine Aus- 
nahme. Mit dieser macht man ihm von allem Anfang au 
bekannt : Xocl. eines, ehe Sie beginuen. Ihre Erzählung soll 
sich doch in einem Punkte von einer gewöhnlichen Kon- 
versation unterscheiden. Während Sie sonst mit Hecht ver- 
suchen, in Ihrer Darstellung den Faden des Zusammenhanges, 
festzuhalten und alle störenden Kinfälle und Nebengedanken 
abweisen, um nicht, wie mau sagt, aus dem Hundertsten ins 
Tausendste zu kommen, sollen Sic hier anders vorgehen. Sie 
werden beobachten, daß Ihnen während Ihrer Erzählung ver- 
schiedene Gedanken kommen, welche Sie mit gewissen kri- 
tischen Einwendungen zurückweisen möchten. Sie werden 
versucht sein, sich zu sagen: Dies oder jenes gehört nicht 
hieher, oder es ist ganz, unwichtig, oder es ist unsinnig, man 
braucht es darum nicht zu sagen, (leben Sie dieser Kritik 
niemals mich und sagen Sie es trotzdem, ja gerade darum, 
weil Sie eine Abneigun-- dagegen verspüren, \h-n Grund für 
diese Vorschrift — eigentlich die einzige, die Sie befolgeil 
sollen werden Sie später erfahreu und einsehen lernen. 
Sagen Sie also alles, was Ihnen durch den Sinn geht. Be- 
nehmen Sie sich so, wie z. B. ein Reisender, der am Fenster- 
plätze des Eisenbahnwagens sitzt und dem im Inneren Un- 
tergebrachten beschreibt, wie sieh vor seinen Blicken die 
Aussieht verändert. Endlich vergessen Sie nie daran, daß Sie 
volle Aufrichtigkeit versprochen haben, und gehen Sie nie 



XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER TSYCHO ANALYSE. 429 



über etwas hinweg, weil Ihnen dessen Mitteilung aus irgend 
einem Grunde unangenehm ist.*) 

Patienten, die ihr Kranksein von einem bestimmten Mo- 
mente an rechnen, stellen sich gewöhnlich auf die Krauk- 



*) übei die Erfahrungen mit der ({.sc Grundregel wäre viel zu sagen. 
Alan trifft gelegentlich auf Personen, die sich benehmen, als ob sie sich 
diese Regel selbst gegeben hätten. Andere sündigen gegen sie von allem 
Anfang an. Ihre Mitteilung ist in den ersten Stadien der Behandlung 
unerläßlich, auch nutzbringend; später unter der Herrschaft der Wider- 
stände versagt der Gehorsam gegen sie, und für jeden kommt irgend 
einmal die Zeit, sich über sie hinauszusetzen. Man muß sich aus seiner 
Selbstanalvse daran erinnern, wie unwiderstehlich die Versuchung auf- 
tritt, jenen kritischen Verwänden zur Abweisung von Einfällen nachzu- 
geben. Von der geringen Wirksamkeit solcher Verträge, wie man sie 
durch die Aufstellung der <}a Grundregel mit dem Patienten schließt, 
kann man sich regelmäßig überzeugen, wenn sich zum erstenmal etwas 
Intimes über dritte Personen zur Mitteilung einstellt. Der Patient weiß, 
daß er alles sagen soll, aber er macht aus der Diskretion gegen andere 
eine neue Abhaltung. „Soll ich wirklich alles sagen? Ich habe geglaubt, 
das gilt nur für Dinge, die mich selbst betreffen." Es ist natürlich 
unmöglich, eine analytische Behandlung durchzuführen, bei der die Be- 
ziehungen des Patienten zu anderen Personen und seine Gedanken über 
sie von der Mitteilung ausgenommen sind. Pour faire une omelette il 
faul casser des oeufs. Ein anständiger Mensch vergißt bereitwdhg, ^ 
ihm von solchen Geheimnissen fremder Leute nicht wissenswert er- 
scheint Auch auf die Mitteilung von Namen kann mau nicht verzichten; 
Yo Erzählungen des Patienten bekommen sonst etwas Schattenhaftes 
'ie die Szenen der „natürlichen Tochter" Goethes, was im Gedächtnis 
des Arztes nicht haften will; auch decken die zurückgehaltenen Namen 
den Zugang zu allerlei wichtigen Beziehungen. Man kann Namen etwa 
reservieren lassen, bis der Analysierte mit dem Arzt und dem Verfahren 
vertrauter geworden ist. Es ist sehr merkwürdig, daß die ganze Auf- 
gabe unlösbar wird, sowie man die Reserve an einer einzigen Stelle ge- 
stattet hat. Aber man bedenke, vAmn bei uns ein Asylrecht, z. B. für 
rinen einzigen Platz in der Stadt bestände, Wie lange es brauchen wurde, 
bis 'alle. Gesindel der Stadt auf diesem einen Platz zusammenträfe. Ich 
behandelte einmal einen hohen Funktional-, der durch seinen Diensteid 
genötigt war, gewisse Dinge als Staatsgeheimnisse vor der Mitteilung 
,u bewahren, und scheiterte bei ihm an dieser Einschränkung. Die psycho- 
analytische Behandlung muß sich über alle Rücksichten hinaussetzen, 
weil" die Neurose und ihre Widerstände rücksichtslos sind. 



430 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



heitsvcraiilassung ein; andere, die den Zusammenhang ihrer 
Neurose mit ihrer Kindheit selbst nicht verkennen, beginnen 
oft mit der Darstellung ihrer ganzen Lebensgeschichte. Eine 
systematische Erzählung erwarte man auf keinen Fall und 
tue nichts dazu, sie zu fördern. Jedes Stückchen der Ge- 
schichte wird später von Neuem erzählt werden müssen, und 
erst bei diesen Wiederholungen werden die Zusätze erschei- 
nen, welche die wichtigen, dem Kranken unbekannten Zu- 
sammenhänge vermitteln. 

Es gibt Patienten, die sich von den ersten Stunden an 
sorgfältig auf ihre Erzählung vorbereiten, angeblich um so 
die bessere Ausnutzung der Behandlungszeit zu sichern. Was 
sich so als Eifer drapiert, ist Widerstand. Man widerrate 
solche Vorbereitung, die nur zum Schutze gegen das Auf- 
tauchen unerwünschter Einfälle geübt wird.*) Mag der Kranke 
noch so aufrichtig an seine löbliche Absieht glauben, der 
Widerstand wird seinen Anteil an der absichtlichen Vor- 
bereitungsart fordern und es durchsetzen, daß das wertvollste 
Material der Mitteilung entschlüpft, Man wird bald merken, 
daß der Patient noch andere Methoden erfinde!, um der Be- 
handlung das Verlangte zu entziehen. Er wird sich etwa 
täglich mit einem intimen Freunde über die Kur besprechen 
und in dieser Unterhaltung alle die Gedanken unterbringen, 
die sich ihm im Beisein des Arztes auf, bangen sollten. Die 
Kur hat dann ein Leck, durch das gerade das Beste ver- 
rinnt. Es wird dann bald an der Zeit sein, dem Patienten 
anzuraten, daß er seine analytische Kur als eine Angelegenheit 
zwischen seinem Arzte und ihm selbst behandle und alle an- 
deren Personen, mögen sie noch so nahestehend oder noch 

*) Ausnahmen laaso man nur zu für Daten wie: FauiilientafeL 

Aufenthalte, Operationen u. dgl. 



XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 431 

so neugierig sein, von der Mitwisserschaft ausschließe. In 
späteren Stadien der Behandlung ist der Patient in der Regel 
solchen Versuchungen nicht unterworfen. 

Kranken, die ihre Behandlung geheim haltet) wollen, oft 
darum, weil sie auch ihre Neurose geheim gehalten haben, 
lege ich keine Schwierigkeiten in den Weg. Es kommt na- 
türlich nicht in Betracht, wenn infolge dieser Reservation 
einige der schönsten Heilerfolge ihre Wirkung auf die Mit- 
welt verfehlen. Die Entscheidung der Patienten für das Ge- 
heimnis bringt selbstverständlich bereits einen Zug ihrer Ge- 
heimgeschichte ans Licht. 

Wenn man den Kranken einschärft, zu Beginn ihrer Be- 
handlung möglichst wenig Personen zu Mitwissern zu machen, 
»o schützt man sie dadurch auch einigermaßen vor den vie- 
len feindseligen Einflüssen, die es versuchen werden, sie der 
Analyse abspenstig zu machen. Solche Beeinflussungen können 
zu Anfang der Kur verderblich werden. Späterhin sind sie 
meist gleichgültig oder selbst nützlich, um Widerstände, die 
sich verbergen wollen, zum Vorscheine zu bringen. 

Bedarf der Patient während der analytischen Behandlung- 
Torübergehend einer anderen, internen oder spezialistischen 
Therapie, so ist es weit zweckmäßiger, einen nicht analyti- 
schen Kollegen in Anspruch zu nehmen, als diese andere 
Hilfeleistung selbst zu besorgen. Kombinierte Behandlungen 
wegen neurotischer Leiden mit starker organischer Anlehnung 
sind meist undurchführbar. Die Patienten lenken ihr Inter- 
esse von der Analyse ab, sowie man ihnen mehr als einen 
Weg zeigt, der zur Heilung führen soll. Am besten schiebt 
man die organische Behandlung bis nach Abschluß der psy- 
chischen auf; würde man die erstere voranschicken, so bliebe 
sie in den meisten Fällen erfolglos. 



432 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



Kehren wir /ur Einleitung der Behandlung zurück. Man 
wird gelegentlich Patienten begegnen, die ihre Kur mit der 
ablehnenden Versicherung beginnen, daß ihnen nichts einfalle, 
■was sie erzählen könnten, obwohl das ganze Gebiet der Le- 
bens- und Krankheitsgeschichte unberührt vor ihnen liegt. 
Auf die Bitte, ihnen doch anzugehen, wovon sie sprechen 
sollen, gehe mau nicht ein, dieses erste Mal so wenig wie 
Spätere Male. Man halte sich vor. womit man es in solchen 
Fällen zu tun hat. Ein starker Widerstand ist da in die 
Front gerückt, um die Neurose zu verteidigen; man nehme 
die Herausforderung sofort an und rücke ihm an den Leib. 
Die energisch wiederholte Versicherung, daß es solches Aus- 
bleiben allei Einfälle zu Anfang nicht gibt, und daß es sich 
um einen Widerstand gegen die Analyse handle, nötigt den 
Patienten bald zu den vermuteten Geständnissen oder deckt 
ein erstes Stück seiner Komplexe auf. Es ist böse, wenn er 
gestehen muß, daß er sich während des Anhörens der Grund- 
regel die Reservation geschaffen hat, dies oder jenes werde 
er doch für sich behalten. Minder arg, wenn er nur mitzu- 
teilen braucht, welches Mißtrauen er der Analyse entgegen- 
bringt, oder was für abschreckende Dinge er über sie gehört 
habe. Stellt er diese und ähnliche Möglichkeiten, die man 
ihm vorhält, in Abrede, so kann man ihn durch Drängen 
zum Eingeständnis nötigen, daß er doch gewisse Gedanken, 
die ihn beschäftigen; vernachlässigt hat. Er hat an die Kur 
selbst gedacht, aber an nichts Bestimmtes, oder das Bild 
des Zimmers, in dem er sich befindet, hat ihn beschäftigt, 
oder er muß an die Gegenstände im Behandlungsraum denken, 
und daß er hier auf einein Di van liegt, was er alles durch 
die Auskunft „Nichts" ersetzt hat. Diese Andeutungen sind 
wohl verständlich; alles was an die gegenwärtige Situation 







XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR T ECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 433 

anknüpft, entspricht einer Übertragung auf den Arzt, die sich' 
zu einem Widerstände geeignet erweist. Man ist so genötigt, 
mit der Aufdeckung dieser Übertragung zu beginnen; von ihr 
aus findet sich rasch der Weg zum Eingange in das patho- 
gene Material des Kranken. Frauen, die nach dem Inhalte 
ihrer Lebensgeschichte auf eine sexuelle Aggression vorbereitet 
sind, Männer mit überstarker verdrängter Homosexualität wer- 
den am ehesten der Analyse eine solche Verweigerung der 
Einfälle vorauszuschicken. 

Wie der erste Widerstand, so können auch die ersten 
Symptome oder Zufallshandlungen der Patienten ein beson- 
deres Interesse beanspruchen und einen ihre Neurose beherr- 
schenden Komplex verraten. Ein geistreicher junger Philo- 
soph, mit exquisiten ästhetischen Einstellungen, beeilt sich, 
den Hosenstreif zurecht zu zupfen, ehe er sich zur ersten 
Behandlung niederlegt; er erweist sich als dereinstiger Kopro- 
phile von höchstem Raffinement, wie es für den späteren 
Ästheten zu erwarten stand. Ein junges Mädchen zieht in 
der gleichen Situation hastig den Saum ihres Rockes über 
den vorschauenden Knöchel; sie hat damit das Beste ver- 
raten, was die spätere Analyse aufdecken wird, ihren nar- 
zißtischen Stolz auf ihre Körperschönheit und ihre Exliibi- 
tionsneigungen. 

Besonders viele Patienten strauben sich gegen die ihnen 
vorgeschlagene Lagerung, während der Arzt ungesehen hinter 
ihnen sitzt, und bitten um die Erlaubnis, die Behandlung in 
anderer Position durchzumachen, zumeist, weil sie den An- 
blick des Arztes nicht entbehren wollen. Es wird ihnen regel- 
mäßig verweigert; man kann sie aber nicht daran hindern, 
daß sie sich's einrichten, einige Sätze vor Beginn der „Sit- 
zung" zu sprechen oder nach der angekündigten Beendigung 

v rcml, Neurosenlehre. IV. 28 



4 34 SCHRIFTEN ZUR NEU BQSENLEHBE. IV. 




derselben, wenn sie sich vom Lager erhoben haben. Sie teilen 
sich so die Behandlung in einen offiziellen Abschnitt, während 
dessen sie sich meist sehr gehemmt benehmen, und in einen 
„gemütliehen", in dem sie wirklich frei sprechen und allerlei 
mitteilen, was sie selbst nicht zur Behandlung rechnen. Der 
Arzt läßt sich diese Scheidung nicht lange gefallen, er merkt 
auf das vor oder nach der Sitzung Gesprochene, und indem 
eres bei nächster Gelegenheit verwertet, reißt er die Scheide- 
wand nieder, die der Patient aufrichten wollte. Dieselbe wird 
wiederum aus dem Materiale eines Übertragungswiderstandes 
gezimmert sein. 

Solange nun die .Mitteilungen und Einfälle 
des Patienten ohne Stockung erfolgen, lasse man 
das Thema der Cber t rag ung unberührt. Man warte 
mit dieser heikelsten aller Prozeduren, bis die Übertragung 
zum Widerstände geworden ist. 

Die nächste Frage, vor die wir uns gestellt finden, ist 
eine prinzipielle. Sie lautet: Wann sollen wir mit den Mit- 
teilungen an den Analysierten beginnen.' Wann ist es Zeit, 
ihm die geheime Bedeutung seiner Einfälle zu enthüllen, ihn 
in die Voraussetzungen und technischen Prozeduren der Ana- 
lyse einzuweihen? 

Die Antwort hierauf kann nur lauten: Nicht eher, als 
bis sich . eine leistungsfähige Übertragung, ein ordentlicher 
Rapport, bei dem Patienten hergestellt hat. Das erste Ziel 
der Behandlung bleibt, ihn an die Kur und an die Person 
des Arztes zu atUchieren. Man braucht nichts anderes dazu 
zu tun, als ihm Zeit zu lassen. Wenn man ihm ernstes Inter- 
esse bezeugt, die anfangs auftauchenden Widerstände sorg- 
fältig beseitigt und gewisse Mißgriffe vermeidet, stellt der 



XXLV - WEITERE RATSCHLAGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 435 

Patient ein solches Attachenient von selbst her und reiht 
den Arzt an eine der Imagines jener Personen an, von denen 
er Liebes zu empfangen gewohnt war. Man kann sich diesen 
ersten Erfolg allerdings verscherzen, wenn man von Anfang 
an einen anderen Standpunkt einnimmt als den der Einfüh- 
lung, etwa einen moralisierenden, oder wenn man sich als 
Vertreter oder Mandator einer Partei gebärdet, des anderen 
Eheteils etwa usw. 

Diese Antwort schließt natürlich die Verurteilung eines 
Verfahrens ein, welches dem Patienten die Übersetzungen 
seiner Symptome mitteilen wollte, sobald man sie selbst er- 
raten hat, oder gar einen besonderen Triumph darin erblicken 
würde, ihm diese „Lösungen" in der ersten Zusammenkunft 
ins Gesicht zu schleudern. Es wird einem geübteren Ana- 
lytiker nicht schwer, die verhaltenen Wünsche eines Kranken 
schon aus seinen Klagen und seinem Krankenberichte deutlich 
vernehmbar herauszuhören; aber welches Maß von Selbst- 
gefälligkeit und von Unbesonnenheit gehört dazu, um einem 
Fremden, mit allen analytischen Voraussetzungen Unvertrau- 
fcen nach der kürzesten Bekanntschaft zu eröffnen, er hänge 
inzestuös an seiner Mutter, er hege Todeswünsche gegen seine 
angeblich geliebte Frau, er trage sich mit der Absicht, seinen 
Chef zu betrügen u. dgl. ! Ich habe gehört, daß es Analytiker 
gibt, die sich mit solchen Augenblicksdiagnosen und Schnell- 
behandlungen brüsten, aber ich warne jedermann davor, sol- 
chen Beispielen zu folgen. Man wird dadurch sich und seine 
Sache um jeden Kredit bringen und die heftigsten Wider- 
sprüche hervorrufen, ob man nun richtig geraten hat oder 
nicht, ja eigentlich um so heftigeren Widerstand, je eher 
man richtig geraten hat. Der therapeutische Effekt wird in 
der Regel zunächst gleich Null sein, die Abschreckung von 

28* 



436 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 




der Analyse aber eine endgültige. Noch in späteren Stadien 
der Behandlung wird man Vorsicht üben müssen, um eine 
Symptomlösung und Wunschübersetzung nicht eher mitzu- 
teilen, als bis der Patient knapp davor steht, so daß er nur 
noch einen kurzen Schritt zu machen hat. um sich dieser Lö- 
sung selbst zu bemächtigen. In früheren Jahren hatte ich häufig 
Gelegenheit zu erfahren, daß die vorzeitige .Mitteilung einer 
Lösung der Kur ein vorzeitiges Ende bereitete, sowohl in- 
folge der Widerstände, die so plötzlich geweckt wurden, als 
auch auf Grond der Erleichterung, die mit der Lösung ge- 
geben w:ir. 

Man wird hier die Einwendung machen: Ist es denn un- 
sere Aufgabe, die Behandlung zu verlängern, und nicht viel- 
mehr, sie so rasch wie möglich zu Ende zu führen? Leidet 
der Kranke nicht infolge seines Nichtwissens und Nichtver- 
stehens, und ist es nicht Pflicht, ihn so bald als möglich 
wissend zu machen, also, sobald der Arzt selbst wissend ge- 
worden ist ? 

Die Beantwortung dieser Frage forden zu einem kleinen 
Exkurs auf, über die Bedeutung des Wissens und über den 
Mechanismus der Heilung in der Psychoanalyse. 

In den frühesten Zeiten der analytischen Technik haben 
wir allerdings in intellektualist ischer Denkeinstellung das 
Wissen des Kranken um das von ihm Vergessene hoch ein- 
geschätzt und dabei kaum zwischen unserem Wissen und dem 
seinigon unterschieden. Wir hielten es für einen besonderen 
Glücksfall, wenn es gelang, Kunde von dem vergossenen Kind- 
heitstrauuu' von anderer Seile her zu U-kommcn, z. B. von 
Eltern, Pflegepersonen oder dem Verführer selbst, wie es in 
einzelnen Fällen möglich wurde, und beeilten uns, dem Kran- 
ken die Nachricht und die Beweise für ihre Richtigkeit zur 



XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 437 

Kenntnis zu bringen in der sicheren Erwartung, so Neurose 
und Behandlung zu einem schnellen Ende zu führen. Es war 
eine schwere Enttäuschung, als der erwartete Erfolg aus- 
blieb. Wie konnte es nur zugehen, daß der Kranke, der jetzt 
von seinem traumatischen Erlebnis wußte, sich doch benahm, 
als wisse er nicht mehr davon als früher? Nicht einmal die 
Erinnerung an das verdrängte Trauma wollte infolge der Mit- 
teilung und Beschreibung desselben auftauchen. 

In einem bestimmten Falle hatte mir die Mutter eines 
hysterischen Mädchens das homosexuelle Erlebnis verraten, 
dem auf die Fixierung der Anfälle des Mädchens ein großer 
Einfluß zukam. Die Mutter hatte die Szene selbst überrascht, 
die Kranke aber dieselbe völlig vergessen, obwohl sie bereits 
den Jahren der Vorpubertät angehörte. Ich konnte nun eine 
lehrreiche Erfahrung machen. Jedesmal, wenn ich die Er- 
zählung der Mutter vor dem Mädchen wiederholte, reagierte 
dieses mit einem hysterischen Anfalle, und nach diesem war 
die Mitteilung wieder vergessen. Es war kein Zweifel, daß 
die Kranke den heftigsten Widerstand gegen ein ihr aufge- 
drängtes Wissen äußerte; sie simulierte endlich Schwachsinn 
und vollen Gedächtnisverlust, um sich gegen meine Mit- 
teilungen zu schützen. So mußte man sich denn entschließen, 
dem Wissen an sich die ihm vorgeschriebene Bedeutung zu 
entziehen und den Akzent auf die Widerstände zu legen, 
welche das Nichtwissen seinerzeit verursacht hatten und jetzt 
noch bereit waren, es zu verteidigen. Das bewußte Wissen 
aber war c € o eI1 di ese Widerstände, auch wenn es nicht wieder 
ausgestoßen wurde, ohnmächtig. 

Das befremdende Verhalten der Kranken, die ein be- 
wußtes Wissen mit dem Nichtwissen zu vereinigen verstehen, 
bleibt für die sogenannte Normalpsychologie unerklärlich. 



438 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



Der Psychoanalyse bereitet es auf Grund ihrer Anerkennung 
des Unbewußten keine Schwierigkeit; das beschriebene Phä- 
nomen gehört aber zu den besten Stützen einer Auffassung, 
weiche sich die seelischen Vorgänge topisch differenziert 
näher bringt. Die Kranken wissen nun von dem verdrängten 
Erlebnis in ihrem Denken, aber diesem fehlt die Verbindung 
mit jener Stelle, an welcher die verdrängte Erinnerung in 
irgend einer Art enthalten ist. Eine Veränderung kann erst 
eintreten, wenn der bewußte Denkprozeß bis zu dieser Stelle 
vorgedrungen ist und dort die Verdrängungswiderstände über- 
wunden hat. Es ist gerade so, als ob im Justizministerium 
ein Erlaß verlautlxirt worden wäre, daß man jugendliche Ver- 
gehen in einer gewissen milden Weise richten solle. Solange 
dieser Erlaß nicht zur Kenntnis der einzelnen Bezirksgerichte 
gelangt ist, oder für den Fall, daß die Bezirksrichter nicht 
die Absicht haben, diesen Erlaß zu befolgen, vielmehr auf 
eigene Hand judizieren, kann an der Behandlung der ein- 
zelnen jugendliehen Deliquenten nichts geändert sein. Fügen 
wir noch zur Korrektur hinzu, daß die bewußte Mitteilung 
des Verdrängten an den Kranken doch nicht wirkungslos 
bleibt. Sie wird nicht die. gewünschte Wirkung äußern, den 
Symptomen ein Ende zu machen, sondern andere Folgen haben. 
Sie wird zunächst Widerstände, dann aber, wenn deren Über- 
windung erfolgt ist, einen Denkprozeß anregen, in dessen 
Ablauf sich endlich die erwartete Beeinflussung der unbe- 
wußten Erinnerung herstellt. 

Es ist jetzt an der Zeit, eine Übersicht des Krältespiels 
zu gewinnen, welches wir durch die Behandlung in Gang 
bringen. Der nächste Motor der Therapie ist das Leiden des 
Patienten und sein daraus entspringender lleilungswunsch. 
Von der Größe dieser Triebkraft zieht sieh mancherlei ab, 



XXIV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE. 439 

was erst im Laufe der Analyse aufgedeckt wird, vor allem 
der sogenannte sekundäre Krankheitsgewinn, aber die Trieb- 
kraft selbst muß bis zum Ende der Behandlung erhalten 
bleiben; jede Besserung ruft eine Verringerung derselben her- 
vor. Für sich, allein ist sie aber unfähig, die Krankheit zu 
beseitigen; es fehlt ihr zweierlei dazu: sie kennt die "Wege 
nicht, die zu diesem Ende einzuschlagen sind, und sie bringt 
die notwendigen Energiebeträge gegen die Widerstände nicht 
auf. Beiden Mängeln hilft die analytische Behandlung ab. 
Die zur Überwindung der Widerstände erforderten Affekt- 
größen stellt sie durch die Mobilmachung der Energien bei, 
welche für die Übertragung bereit liegen; durch die recht 
zeitigen Mitteilungen zeigt sie dem Kranken die Wege, auf 
welche er diese Energien leiten soll. Die Übertragung kann 
häufig genug die Leidenssymptome allein beseitigen, aber 
dann nur vorübergehend, solange sie eben selbst Bestand hat. 
Das ist dann eine Suggestivbehandlung, keine Psychoanalyse. 
Den letzteren Namen verdient die Behandlung nur dann, 
wenn die Übertragung ihre Intensität zur Überwindung der 
Widerstände verwendet hat. Dann allein ist das Krank- 
sein unmöglich geworden, auch wenn die Übertragung wie- 
der aufgelöst worden ist, wie ihre Bestimmung es ver- 
langt. 

Im Laufe der Behandlung wird noch ein anderes for- 
derndes Moment wachgerufen, das intellektuelle Interesse und 
Verständnis des Kranken. Allein dies kommt gegen die an- 
deren miteinander ringenden Kräfte kaum in Betracht; es 
droht ihm beständig die Entwertung infolge der Urteils- 
trübimg, welche von den Widerständen ausgeht. Somit er- 
übrigen ' Übertragung und Unterweisung (durch Mitteilung) 
als die neuen Kraftquellen, welche der Kranke dem Analytiker 




440 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEIIRE. IV. 



verdankt, Der Unterweisung bedient, er sieh aber nur, inso- 
fern er durch die Übertragung dazu bewogen wird, und 
darum soll die erste Mitteilung abwarten, bis sich eine 
starke Übertragung hergestellt hat, und fügen wir hinzu, 
jede spätere, bis die Störung der Übertragung durch die der 
Reihe nach auftauchenden Übertragswiderstände beseitigt 
ist. 









XXV. 

WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER 
PSYCHOANALYSE.*) 

II. ERINNERN, WIEDERHOLEN UND DURCHARBEITEN. 

Es scheint mir nicht überflüssig, den Lernenden immer 
wieder daran zu mahnen, welche tiefgreifenden Veränderun- 
gen die psychoanalytische Technik seit ihren ersten Anfängen 
erfahren hat. Zuerst, in der Phase der Breuer sehen Kathar- 
sis, die direkte Einstellung des Moments der Symptombil- 
dung und das konsequent festgehaltene Bemühen, die psy- 
chischen Vorgänge jener Situation reproduzieren zu lassen, 
um sie zu einem Ablauf durch bewußte Tätigkeit zu leiten. 
Erinnern und Abreagieren waren damals die mit Hilfe des 
hypnotischen Zustandes zu erreichenden Ziele. Sodann, nach 
dem Verzicht auf die Hypnose, drängte sich die Aufgabe vor, 
aus den freien Einfällen des Analysierten zu erraten, was er 
a u erinnern versagte. Durch die Deutungsarbeit und die Mit- 
teilung ihrer Ergebnisse an den Kranken sollte der Wider- 
stand umgangen werden; die Einstellung auf die Situationen 
der Symptombildung und jene anderen, die sich hinter dem 
Momente der Erkrankung ergaben, blieb erhalten, das Ab- 
reagieren trat zurück und schien durch den Arbeitsaufwand 

*) Intern. Zeitsohr. für ärztl. Psychoanalyse, II, 1914. 



442 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



ersetzt, den der Analysierte bei der ihm aufgedrängten Über- 
windung der Kritik gegen seine Einfälle (bei der Befolgung- 
der <yi (irundregel) zu Listen hatte. Endlich hat sich die 
konsequente heutige Technik herausgebildet, bei welcher der 
Arzt auf die Einstellung eines bestimmten Momentes oder 
Problems verzichtet, sich damit begnügt, die jeweilige psy- 
chische Oberfläche des Analysierten zu studieren und die 
Deutungskunst wesentlich dazu !>cnützt, um die a.n dieser 
hervortretenden Widerstände zu erkennen und dem Kranken 
bewußt zu machen. Ms stellt sich dann eine neue Art von 
Arbeitsteilung her: der Aiv.i deckt die dem Kranken unbe- 
kannten Widerstünde auf; sind diese erst bewältigt, so er- 
zählt der Kranke oft ohne alle Mühe die vergessenen Situa- 
tionen und Zusammenhänge. Das Ziel dieser Techniken ist 
natürlich unverändert geblieben. Deskriptiv: die Ausfüllung 
der Lücken der Erinnerung, dynamisch: dir Überwindung der 
Verdrängungswiderstände. 

Man muß der alten hypnotischen Technik dankbar dafür 
bleiben, daJ3 sie uns einzelne psychische Vorgänge der Ana. 
lyse in Isolierung und Sohematisierung vorgeführt hat. Nur 
dadurch konnten wir den Mut gewinnen, komplizierte Situa- 
tionen in der analytischen Kur selbst zu schallen und durch- 
sichtig zu erhalten. 

Das Erinnern gestaltete sich nun in jenen hypnotischen 
Behandlungen sehr einfach. Der Patient versetzte sich in 
eine frühere Situation, die er tnil der gegenwärtigen niemals 
zu verwechseln schien, teilte die psychischen Vorgänge der- 
selben mit, soweit sie normal geblieben waren, und fügte 
daran, was sich durch die Umsetzung der damals unbewuß- 
ten Vorgänge in bewußte ergeben konnte. 

Ich schließe hier einige Bemerkungen an, die jeder Ana- 






XXV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TEC HNIK D. PSYCHOANALYSE. 11. 443 

lytiker in seiner Erfahrung bestätigt gefunden hat. Das Ver- 
gessen von Eindrücken. Szenen. Erlebnissen reduziert sich' 
zumeist auf eine ..Absperrung" derselben. Wenn der Patient 
von diesem „Vergessenen" spricht, versäumt er selten, hin- 
zuzufügen: das habe ich eigentlich immer gewußt, nur nicht 
daran gedacht. Er äußert nicht selten seine Enttäuschung 
darüber, daß ihm nicht genug Dinge einfallen wollen, die 
er als „vergessen" anerkennen kann, an die er nie wieder 
gtedacht. seitdem sie vorgefallen sind. Indes findet auch diese 
Sehnsucht, zumal bei Konversionshysterien, ihre Befriedigung. 
Das „Vergessen" erfährt eine weitere Einschränkung durch 
die Würdigung der so allgemein vorhandenen Deckcrinnerun- 
gen. In manchen Fällen habe ich den Eindruck empfangen, 
daß die bekannte, für uns theoretisch so bedeutsame Kind- 
heit samnesie durch die Deckerinnerungen vollkommen auf- 
gewogen wird. In diesen ist nicht nur einiges wesentliche 
aus dem Kindheitsleben erhalten, sondern eigentlich alles 
wesentlich. Man muß nur verstehen, es durch die Analyse 
aus ihnen zu entwickeln. Sie repräsentieren die vergessenen 
Kinderjahre so zureichend wie der manifeste Trauminhalt die Jlj 

Traumgedanken. 

Die andere Gruppe von psychischen Vorgängen, die man 
als rein interne Akte den Eindrücken und Erlebnissen ent- 
gegenstellen kann, Phantasien, Beziehungsvorgänge, Gefühls- 
regungen. Zusammenhänge, muß in ihrem Verhältnisse zum 
Vergessen und Erinnern gesondert betrachtet werden. Hier 
ereignet es sich besonders häufig, daß etwas „erinnert" wird, , 

was nie „vergessen" werden konnte, weil es zu keiner Zeit 
gemerkt wurde, niemals bewußt war, und es scheint über- 
dies völlig gleichgültig für den psychischen Ablauf, ob ein 
solcher „Zusammenhang" bewußt war und dann vergessen 



444 SCHRIFTEN Zl'K NEUROSENLEHKE. IV. 



•wurde, oder ob er es niemals zum Bewußtsein gebraucht 
hat. Die Überzeugung, die der Kranke im Laufe der Ana- 
lyse erwirbt, ist TOD einer solchen Erinnerung ganz un- 
abhängig. 

Besonders bei den mannigfachen Formen der Zwangsneu- 
rose schränkt sieh da.s Vergessene meisl auf die Auflösung 
von Zusammenhängen, Verkennung von Abfolgen, Isolierung 
von Erinnerungen tili. 

Für eine besondere Art von überaus wichtigen Erleb- 
nissen, die in sehr frühe Zeiten der Kindheit fallen und seiner- 
zeit ohne Verständnis erlebt worden sind, nachträglich 
aber Verständnis und Deutung gefunden halxm, läßt sich eine 
Erinnerung meist, nichl erwecken. .Man gelangt durch Träume 
zu ihrer Kenntnis und wird durch die zwingendsten Motive 
aus dem Gefüge der Neurose genötigt, an sie zu glauben, 
kann sich auch überzeugen, dnü der Analysierte nach Über- 
windung seiner Widerstände das AusbleilxMi des Krinuerungs- 
gefühles (liekannlschaftsenipfindung) nicht gegen deren An- 
nahme verwertet, immerhin erfordert dieser Gegenstand so- 
viel kritische Vorsieht und bringt so viel Neues und Be- 
fremdendes, daß ich ihn einer gesonderten ISchnndluug an 
geeignetem Materials vorbehalte. 

Von diesem erfreulich glatten AI. lauf ist nun bei An- 
wendung der neuen Technik sehr wenig, oft nichts, übrig 
geblieben. Es kommen auch hier Fälle vor, die sieh ein Stück 
weit verhalten wie bei der hypnotischen Technik, und erst 
später versagen; andere fülle benehmen sich aber von vorn- 
herein anders. Hallen wir uns zur Kennzeichnung des Un- 
terschiedes an den letzteren Typus, so dürfen wir sagen, der 
Analysierte eri nnc re überhaupt nichts von dein Vergessenen 
und Verdrängten, sondern er agiere es. Er reproduziert es 



XXV. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK D. PSYCHOANALYSE. II. 445 

nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, 
ohne natürlich zu wissen, daß er es wiederholt. 

Z, 13. Der Analysierte erzählt nicht, er erinnere sich, 
daß er trotzig und ungläubig gegen die Autorität der Eltern 
gewesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise gegen 
den Arzt. Er erinnert nicht, daß er in seiner infantilen Se- 
xualforschung rat- und hilflos stecken geblieben ist, son- 
dern er bringt einen Haufen verworrener Träume und Ein- 
fälle vor, jammert, daß ihm nichts gelinge, und stellt es 
als sein Schicksal hin, niemals eine Unternehmung zu Ende 
zu führen. Er erinnert nicht, daß er sich gewisser Sexual- 
betütigungen intensiv geschämt und ihre Entdeckung ge- 
fürchtet hat, sondern er zeigt, daß er sich der Behandlung 
schämt, der er sich jetzt unterzogen hat, und sucht diese 
vor allem geheim zu halten usw. 

Vor allem beginnt er die Kur mit einer solchen Wieder- 
Jiolung. Oft, wenn man einem Patienten mit wechselvoller 
Lebensgeschichte und langer Krankheitsgeschichte die psycho- 
analytische Grundregel mitgeteilt und ihn dann aufgefordert 
hat zu sagen, was ihm einfalle, und nun erwartet, daß sich 
seine Mitteilungen im Strom ergießen werden, erfahrt man 
zunächst, daß er nichts zu sagen weiß. Er schweigt und 
behauptet, daß ihm nichts einfallen will. Das ist natürlich 
nichts anderes als die Wiederholung einer homosexuellen Ein- 
stellung,, die sich als Widerstand gegen jedes Erinnern vor- 
drängt. Solange er in Behandlung verbleibt, wird er von 
diesem Zwange zur Wiederholung nicht mehr frei; man ver- 
steht endlich, dies ist seine Art zu erinnern. 

Natürlich wird uns das Verhältnis dieses Wiederholungs- 
zwanges zur Übertragung und zum Widerstände in erster 
Linie interessieren. Wir merken bald, die Übertragung ist 



446 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



selbst nur ein Stück Wiederholung und die Wiederholung 
ist die Übertragung der vergessenen Vergangenheit nicht nur 
auf den Arzt, sondern auch auf alle anderen («cbiete der 
gegenwärtigen Situation. Wir müssen also darauf gefaßt sein, 
daß der Analysierte sich dem Zwange zur Wiederholung, der 
nun den Impuls zur Erinnerung ersetzt, nicht nur im per- 
sönlichen Verhältnis zum Arzte hingibt, sondern auch in 
allen anderen gleichzeitigen Tätigkeiten und Beziehungen 
seines Lebens, z. B. wenn er während der Kur ein Liebes- 
objekt wühlt, eine Aufgabe auf sich nimmt, eine Unterneh- 
mung eingeht. Auch der Anteil des Widerstandes ist leicht 
zu erkennen. Je größer der Widerstand ist, desto ausgiebiger 
wird «las Erinnern durch das Agieren (Wiederholen) ersetzt 
sein. Entspricht doch das ideale Erinnern des Vergessenen 
in der Hypnose einem Zustande, in welchem der Widerstand 
völlig bei Seite geschoben ist, beginnt die Kur unter der 
Patronanz einer milden und unausgesprochenen positiven Über- 
tragung, so gestattet sie zunächst ein Vertiefen in die Er- 
innerung wie bei der Hypnose, während dessen selbst die 
Krankheitssymptome schweigen; wird aber im weiteren Ver- 
laufe diese Übertragung feindselig oder überstark und darum 
verdrängungsbedürftig, so tritt sofort das Erinnern dem Agie- 
ren den Platz ab. Von da an bestimmen dann die Widerstände 
die Reihenfolge des zu Wiederholenden. Der Kranke holt aus 
dem Arsenale der Vergangenheit die Waffen hervor, mit 
denen er sich der Fortsetzung der Kur erwehrt, und die wir 
ihm Stock für Stück entwinden müssen. 

Wir haben nun gehört, der Analysierte wiederholt, an- 
statt zu erinnern, er wiederholt unter den Bedingungen des 
Widerstandes; wir dürfen jetzt fragen, was wiederholt oder 
agiert ei eigentlich? Die Antwort lautet, er wiederholt alles, 






XXV. WEITERE RATSCHLÄGE ZI7R TECHNIK D. PSYCHOANALYSE. II. 447 

was sich aus den Quellen seines Verdrängten bereits in sei- 
nem offenkundigen Wesen durchgesetzt hat, seine Hemmun- 
gen und unbrauchbaren Einstollungen, seine pathologischen 
Charakterzüge. Er wiederholt ja auch während der Behand- 
lung alle seine Symptome. Und nun können wir merken, daß 
wir mit der Hervorhebung des Zwanges zur Wiederholung- 
keine neue Tatsache, sondern nur eine einheitlichere Auf- 
fassung gewonnen haben. Wir machen uns nur klar, daß dies 
Kranksein des Analysierten nicht mit dem Beginne seiner 
Analyse aufhören kann, daß wir seine Krankheit nicht als 
eine historische Angelegenheit, sondern als eine aktuelle 
Macht zu behandeln haben. Stück für Stück dieses Krankseins 
wird nun in den Horizont und in den Wirkungsbereich der 
Kur geruckt, und während der Kranke es als etwas Reales 
und Aktuelles erlebt, haben wir daran die therapeutische 
Arbeit zu leisten, die zum guten Teile in der Zurückführung 
auf die Vergangenheit besteht. 

Das Erinnernlassen in der Hypnose mußte den Eindruck 
eines Experimentes im Laboratorium machen. Das Wieder- 
holenlassen während der analytischen Behandlung nach der 
neueren Technik heißt ein Stück realen Lebens heraufbe- 
■chwören und kann darum nicht in allen Fällen harmlos und 
unbedenklich sein. Das ganze Problem der oft unausweich- 
lichen „Verschlimmerung während der Kur" schließt hier au. 

Vor allein bringt es schon die Einleitung der Behandlung 
mit sich, daß der Kranke seine bewußte Einstellung zur 
Krankheit ändere. Er hat sich gewöhnlich damit begnügt, 
si e zu bejammern, sie als Unsinn zu verachten, in ihrer Be- 
deutung zu unterschätzen, hat aber sonst das verdrängende 
Verhalten, die Vogel-Strauß-Politik, die er gegen ihre Ur- 
sprünge übte, auf ihre Äußerungen fortgesetzt. So kann es 



448 SCHRIFTEN ZI K NEtK OSENLEHKE. IV. • 

kommen, daß er die Bedingungen seiaer Phobie nicht ordent- 
lich kennt, den richtigen Wortlaut seiner Zwangsideen nicht 
anhört oder die eigentliche Absicht seines Zwangsimpulses 
nicht erfaßt. Das kann die Kur natürlich nicht brauchen. 
Er muß den Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit den 
Erscheinungen seiner Krankheit zu l>esehüfligen. Die Krank- 
heit selbst darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, viel- 
mehr ein würdiger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, 
das sich auf gute .Motive stützt, ans dem es Wertvolles für 
sein späteres Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem 
Verdrängten, welches sich in den Symptomen äußert, wird 
so von Anfang an vorU-roitot, aber es wird auch eine gewisse 
Toleranz fürs Kranksein eingeräumt. Werden nun durch dies 
neue Verhältnis zur Krankheil Konflikte verschärft und Sym- 
ptome hervorgedrangt, die früher noch undeutlich waren, so 
kann man den Patienten darüber leicht durch die Bemer- 
kungen trösten, daß dies nur notwendige aber vorübergehende 
Verschlechterungen sind, und daß man keinen Feind uni- 
bringen kann, der abwesend oder nicht nahe genug ist. Der 
Widerstand kann aber die Situation für seine Absichten aus- 
beuten und die Erlaubnis, krank zu sein, mißbrauchen wollen. 
Er seheint dann zu demonstrieren: Schau her, was dabei 
herauskommt, wenn ieh mich wirklieh auf diese Dinge ein- 
lasse. Hab' ich nicht recht getan, sie der Verdrängung zu 
überlassen? Besonders Jugendliebe und kindliche Personen 
pflegen die in der Kur erforderliehe Finh-nkung auf das Krank- 
sein gern zu einem Schwelgen in den Krankheitssymptomen 

zu benützen. 

Weitere Gefahren entstehen dadurch, daß im Fortgange 
der Kur auch neue, tiefer liegende Triebregungen, die sich 
noch nicht durchgesetzt hatten, zur Wiederholung gelangen 



XXV. WEITE R E RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK D. PS YCHOANALYSE. H. 449 

können. Endlich können die Aktionen des Patienten außer- 
halb der Übertragung vorübergehende Lebensschädigungen mit 
sich bringen oder sogar so gewählt sein, daß sie die zu 
erreichende Gesundheit dauernd entwerten. 

Die Taktik, welche der Arzt in dieser Situation einge- 
schlagen hat, ist leicht zu rechtfertigen. Für ihn bleibt das 
Erinnern nach alter Manier, das Reproduzieren auf psychi- 
schem Gebiete, das ZieL an welchem er festhält, wenn er 
auch weiß, daß es bei der neuen Technik nicht zu erreichen 
ist. Er richtet sich auf einen beständigen Kampf mit dem 
Patienten ein, um alle Impulse auf psychischem Gebiete zu- 
rückzuhalten, welche dieser aufs Motorische lenken möchte, 
und feiert es als einen Triumph der Kur, wenn es gelingt, 
etwas durch die Erinnerungsarbeit zu erledigen, was der Pa- 
tient durch eine Aktion abführen möchte. Wenn die Bindung 
durch die Übertragung eine irgend brauchbare geworden ist, 
so bringt es die Behandlung zu stände, den Kranken an allen 
bedeutungsvolleren Wiederholungsaktionen zu hindern und den 
Vorsatz dazu in statu nascendi als Material für die thera- 
peutische Arbeit zu verwenden. Vor der Schädigung durch 
die Ausführung seiner Impulse behütet mau den Kranken am 
besten wenn man ihn dazu verpflichtet, während der Dauer 
der Kur keine lebenswichtigen Entscheidungen zu treffen, 
etwa keinen Beruf, kein definitives Liebesobjekt zu wählen, 
sondern für alle diese Absichten den Zeitpunkt der Genesung 

abzuwarten. 

Man schont dabei gern, was von der persönlichen Frei- 
heit des Analysierten mit diesen Vorsichten vereinbar ist, 
hindert ihn nicht an der Durchsetzung belangloser, Wenn 
auch törichter Absichten, und vergißt nicht daran, daß der 
Mensch eigentlich nur durch Schaden und eigene Erfahrung 

Freud, Nenroseulehre. IV. *9 



450 SCHRIFTEN ZUR NEUR08ENLEHHE. IV. 




klug werden kann. Ks gibt wohl auch Fälle, die man nicht 
abhalten kann, sich während der Behandlung in irgend eine 
ganz unzweckmäßige Unternehmung einzulassen, und die erst 
nachher mürbe und für die analytische Bearbeitung zugäng- 
lich werden. Gelegentlich muß es auch vorkommen, daß man 
nicht die Zeit hat, den wilden Trieben den Zügel der Über- 
tragung anzulegen, oder daß der Patient in einer Wieder- 
holungsaktiou das Band zerreißt, das ihn an die Behandlung 
knüpft. Ich kann als extremes Beispiel den Fall einer älteren 
Dame wählen, die wiederholt in Dämmerzuständen ihr Haus 
und ihren Mann verlassen hatte und irgendwohin geflüchtet 
war, ohne sich je eines Motives für dieses „Durchgehen"' 
bewußt zu werden. Sie kam mit einer gut ausgebildeten zärt- 
lichen Übertragung in meine Behandlung, steigerte dieselbe 
in unheimlich rascher Weise in den ersten Tagen und war 
am Ende einer Woche auch von mir „durchgegangen", ehe 
ich noch Zeil gehabt hatte, ihr etwas zu sagen, was sie an 
dieser Wiederholung hätte hindern können. 

Das Hauptmittel aber, den Wiederholungszwang des Pa- 
tienten zu bändigen und ihn zu einem Motiv fürs Erinnern 
umzuschaffen, liegt in der Handhabung der Übertragung. Wir 
machen ihn unschädlich, ja vielmehr nutzbar, indem wir ihm 
sein Recht einräumen, ihn auf einem bestimmten Gebiete ge- 
währen lassen. Wir eröffnen ihm die Übertragung als den 
Tummelplatz, auf dem ihm gestattet wird, sich in fast völ- 
liger Freiheit zu entfalten, und auferlegt ist, uns alles vorzu- 
führen, was sich an pathogenen Trieben im Seelenleben dos 
Analysierten verborgen hat. Wenn der Patient nur so viel 
Entgegenkommen zeigt, daß er die Existenzbedingungen der 
Behandlung respektiert, gelingt es uns regelmäßig, allen Sym- 
ptomen der Krankheit eine neue Übertragungsbedingung zu 



XXV. WEITERE KATSCHLÄGE ZUR TECHNIK D. PSYCHOANALYSE. IL 451 

geben, seine geineinsame Neurose durch eine Übertragungs- 
neurose zu ersetzen, von der er durch die therapeutische 
Arbeit geheilt werden kann. Die Übertragung schafft so ein 
Zwischenreich zwischen der Krankheit und dem Leben, durch 
welches sich der Übergang von der ersteren zum letzteren 
vollzieht. Der neue Zustand hat alle Charaktere der Krank- 
heit übernommen, aber er stellt eine artefizielle Krankheit 
dar, die überall unseren Eingriffen zugänglich ist. Er ist 
gleichzeitig ein Stück des realen Erlebens, aber durch be- 
sonders günstige Bedingungen ermöglicht und von der Natur 
eines Provisoriums. Von den Wiederholungsreaktionen, die 
sich in der Übertragung zeigen, führen dann die bekannten 
Wege zui Erweckung der Erinnerungen, die sich nach Über- 
windung der Widerstände wie mühelos einstellen. 

Ich könnte hier abbrechen, wenn nicht die Überschrift 
dieses Aufsatzes mich verpflichten würde, ein weiteres Stück 
der analytischen Technik in die Darstellung zu ziehen. Dio 
Überwindung der Widerstände wird bekanntlich dadurch ein- 
geleitet, daß der Arzt den vom Analysierten niemals erkann- 
ten Widerstand aufdeckt und ihn dem Patienten mitteilt. 
Es scheint nun, daß Anfänger in der Analyse geneigt sind, 
diese Einleitung für die ganze Arbeit zu halten. Ich bin oft, 
m Fällen zu Rate gezogen worden, in denen der. Arzt darüber 
klaffte er habe dem Kranken seinen Widerstand vorgestellt, 
md doch habe sich nichts geändert, ja der Widerstand sei 
j. rec ht erstärkt und die ganze Situation sei noch undurch- 
sichtiger geworden. Die Kur scheine nicht weiter zu gehen. 
Diese trübe Erwartung erwies sich dann immer als irrig. Die 
Kur war in der Regel im besten Fortgänge; der Arzt hatte 
nur vergessen, daß das Benennen des Widerstandes nicht das 
unmittelbare Aufhören desselben zur Folge haben kann. Man 

29* 



452 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLE HRE. IV. 

muß dem Kranken die Zeit lassen, sich in den ihm unbekann- 
ten Widerstand zu vertiefen, ihn durchzuarbeiten, ihn 
zu überwinden, indem er ihm zum Trotze die Arbeit nach 
der analytischen Grundregel fortsetzt. Erst auf der Höhe des- 
selben findet man dann in gemeinsamer Arbeit mit dem Ana- 
lysierten die verdrängten Triebregungen auf, welche denWider- 
Btand speisen, und von deren Existenz und Mächtigkeit sich 
der Patient durch solches Erleben überzeugt. Der Arzt hat 
dabei nichts anderes zu tun, als zuzuwarten und einen Ab- 
lauf zuzulassen, der nicht vermieden, auch nicht immer be- 
schleunigt werden kann. Hält er an dieser Einsicht fest, so 
wird er sich oftmals die Täuschung, gescheitert zu sein, er- 
sparen, wo er doch die Behandlung längs der richtigen Linie 
fortführt. 

Dieses Durcharbeiten der Widerslände mag in der Praxis 
zu einer beschwerlichen Aufgabe für den Analysierten und 
zu einer Geduldprobe für den Arzt werden. Es ist aber jenes 
Stück der Arbeit, welches die größte verändernde Einwirkung 
auf den Patienten hat, und das die analytische Behandlung 
von jeder Suggestionsbeeinflussung unterscheidet. Theoretisch 
kann man es dem „Abreagieren" der durch die Verdrängung 
eingeklemmten Affektbeträgo gleichstellen, ohne welches die 
hypnotische Behandlung einflußlos blieb. 



I 



XXVI. 

WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK DER 
PSYCHOANALYSE.*) 

in. BEMERKUNGEN ÜBER DIE ÜBERTRAGUNGSLIEBE. 

Jeder Anfänger in der Psychoanalyse bangt wohl zuerst 
vor den Schwierigkeiten, welche ihm die Deutung der Ein- 
fälle des Patienten und die Aufgabe der Reproduktion des 
Verdrängten bereiten werden. Es steht ihm aber bevor, diese 
Schwierigkeiten bald gering einzuschätzen und dafür die Über- 
zeugung einzutauschen, daß die einzigen wirklich ernsthaften 
Schwierigkeiten bei der Handhabung der Übertragung anzu- 
treffen sind. 

Von den Situationen, die sich hier ergeben, will ich eine 
einzige, scharf umschriebene, herausgreifen, sowohl 1 wegen 
ihrer Häufigkeit und realen Bedeutsamkeit als auch wegen 
ihres theoretischen Interesses. Ich meine den Fall, daß eine 
weibliche Patientin durch unzweideutige Andeutungen erraten 
läßt oder es direkt ausspricht, daß sie sich wie ein anderes 
sterbliches Weib in den sie analysierenden Arzt verliebt hat. 
Diese Situation hat ihre peinlichen und komischen Seiten 



*) Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, III, 1915. 



454 SCHRIFTEN ZUR NEU ROSEN LEHRE. IV. 

wie ihre ernsthaften; sie ist auch so verwickelt und viel- 
seitig bedingt, so unvermeidlich und so schwer lösbar, daß 
ihre Diskussion längst ein vitales Bedürfnis der analytischen 
Technik erfüllt hätte. Aber da wir selbst nicht immer frei 
sind, die wir über die Fehler der anderen spotten, haben 
wir uns zur Erfüllung dieser Aufgabe bisher nicht eben ge- 
drängt. Immer wieder stoßen wir hier mit der Pflicht der 
ärztlichen Diskretion zusammen, die im Leben nicht zu ent- 
behren, in unserer Wissenschaft aber nicht zu brauchen ist. 
Insofernc die Literatur der Psychoanalytik auch dem realen 
Leben angehört, ergibt sich hier ein unlösbarer Widerspruch. 
Ich habe mich kürzlich an einer Stelle über die Diskretion 
hinausgesetzt und angedeutet, daß die nämliche Übertragungs- 
situation die Entwicklung der psychoanalytischen Therapie 
um ihr erstes Jahrzehnt verzögert hat.*) 

Für den wohlerzogenen Laien — ein solcher ist wohl 
der ideale Kulturmensch der Psychoanalyse gegenüber — sind 
Liebesbegebenheiten mit allem anderen inkommensurabel; sie 
stehen gleichsam auf einem besonderen 1 Hatte, das keine an- 
dere Beschreibung verträgt. Wenn sich also die Patientin in 
den Arzt verliebt, hat, wird er meinen, dann kann es nur 
zwei Ausgänge halxm, den selteneren, daß alle Umstünde die 
dauernde legitime Vereinigung der Beiden gestatten, und den 
häufigeren, daß Arzt und Patientin auseinandergehen und die 
begonnene Arbeit, welche der Herstellung dienen sollte, als 
durch ein Elementarereignis gestört aufgeben. Gewiß ist 
auch ein dritter Ausgang denkbar, der sieh sogar mit der 
Fortsetzung der Kur zu vertragen scheint, die Anknüpfung 
illegitimer und nicht für die Ewigkeit bestimmter Liebes- 

*) Beiträge zur Geschichte der ptyohoanalytieouen Bewegung, Jahr- 
buch der Psychoanalyse, VI, 101 1, im ersten Abschnitt. (Diese Sammlung I.) 



. 



XXVI. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK D. PSYCHOANALYSE. III 455 



bcziehungen ; aber dieser ist wohl durch die bürgerliche Mo- 
ral wie durch die ärztliche Würde unmöglich gemacht. Im- 
merhin würde der Laie bitten, durch eine möglichst deut- 
liche Versicherung des Analytikers über den Ausschluß die- 
ses dritten Falles beruhigt zu werden. 

Es ist evident, daß der Standpunkt des Psychoanalytikers 

ein anderer sein muß. 

Setzen wir den Fall des zweiten Ausganges der Situation, 
die wir besprechen. Arzt und Patientin gehen auseinander, 
nachdem sich die Patientin in den Arzt verliebt hat; die 
Kur wird aufgegeben. Aber der Zustand der Patientin macht 
bald einen zweiten analytischen Versuch bei einem anderen 
Arzte notwendig; da stellt es sich denn ein, daß sich die 
Patientin auch in diesen zweiten Arzt verliebt fühlt, und 
ebenso, wenn sie wieder abbricht und von Neuem anfängt, 
in den dritten usw. Diese mit Sicherheit eintreffende Tat- 
sache, bekanntlich eine der Grundlagen der psychoanalytischen 
Theorie, gestattet zwei Verwertungen, eine für den analy- 
sierenden Arzt, die andere für die der Analyse bedürftige 

Patientin. • 

Für den Arzt bedeutet sie eine kostbare Aufklärung und 
• e gute Warnung vor einer etwa bei ihm bereitliegenden 
C^genübertragung. Er muß erkennen, daß das Verlieben der 
Patientin durch die analytische Situation erzwungen wird 
und nicht etwa den Vorzügen seiner Person zugeschrieben 
werden kann, daß er also gar keinen Grund hat, auf «ine 
solche .Eroberung«, wie man sie außerhalb der Analyse hei- 
len würde, stolz zu sein. Und es ist immer gut, daran ge- 
malmt zu werden. Für die Patientin ergibt sich aber eine 
Alternative: entweder sie muß auf eine psychoanalytische 
Behandlung verzichten, oder sie muß sich die Verliebt- 



456 SCHRIFTEN ZUB NEUEOSENLEHBE. IV. 

heit in den Arzt als unausweichliches Schicksal gefallen 
lassen.*) 

Ich zweifle nicht daran, daß sich' die Angehörigen der 
Patientin mit eben solcher Entschiedenheit für die erste der 
beiden Möglichkeiten erklären werden wie der analysierende 
Arzt für die zweite. Aber ich meine, es ist dies ein Fall, 
in welchem der zärtlichen — oder vielmehr egoistisch eifer- 
süchtigen — Sorge der Angehörigen die Entscheidung nicht 
überlassen werden kann. Nur das Interesse der Kranken sollte 
den Ausschlag geben. Die Liebe der Angehörigen kann aber 
keine Neurose heilen. Der Psychoanalytiker braucht sich 
nicht aufzudrängen, er darf sich aber als unentbehrlich für 
gewisse Leistungen hinstellen. Wer als Angehöriger die Stel- 
lung Tolstois zu diesem Probleme zu der seinigen macht, 
mag, im ungestörten Besitze seiner Frau oder Tochter blei- 
ben und muß es zu ertragen suchen, daß diese auch ihre 
Neurose und die mit ihr verknüpfte Störung ihrer Liebes- 
fähigkeit beibehält. Es ist schließlich ein ähnlicher Fall wie 
der der gynäkologischen Behandlung. Der eifersüchtige Vater 
oder Gatte irrt übrigens groß, wenn er meint, die Patientin 
werde der Verliebtheit in den Arzt entgehen, wenn er sie 
zur Bekämpfung ihrer Neurose eine andere als die analytische 
Behandlung einschlagen läßt, Der Unterschied wird viel- 
mehr nur sein, daß eine solche Verliebtheit, die dazu be- 
stimmt ist, unausgesprochen und unanalysiert zu bleiben, 
niemals jenen Beitrag zur Herstellung der Kranken leisten 
wird, den ihr die Analyse abzwingen würde. 

Es ist mir bekannt worden, daß einzelne Ärzte, welche 

*) Daß dio Übertragung sich in anderen und minder zärtlichen 
Gefühlen äußern kann, ist bekannt und soll in diesem Aufsatze nicht be- 
handelt werden. • - 




XXVI. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK D. PSYCHOANALYSE. III. 457 

die Analyse ausüben, die Patienten häufig auf das Erscheinen 
der Liebesübertragung vorbereiten oder sie sogar auffordern, 
sich ..nur in den Arzt zu verlieben, damit die Analyse vor- 
wärts gehe". Ich kann mir nicht leicht eine unsinnigere Tech- 
nik vorstellen. Man raubt damit dem Phänomen den über- 
zeugenden Charakter der Spontaneität und bereitet sich selbst 
schwer zu beseitigende Hindernisse. 

Zunächst hat es allerdings nicht den Anschein, als ob 
aus der Verliebtheit in der Übertragung etwas für die Kur 
Förderliches entstehen könnte. Die Patientin, auch die bis- 
her fügsamste, hat plötzlich Verständnis und Interesse für 
die Behandlung verloren, will von nichts anderem sprechen 
und hören als von ihrer Liebe, für die sie Entgegnung fordert; 
sie hat ihre Symptome aufgegeben oder vernachlässigt sie, 
ja sie erklärt sich für gesund. Es gibt einen völligen Wechsel 
der Szene, wie wenn ein Spiel durch eine plötzlich herein- 
brechende Wirklichkeit abgelöst würde, etwa wie wenn sich 
während einer Theatervorstellung Feuerlärm erhebt. Wer dies 
als Arzt zum erstenmal erlebt, hat es nicht leicht, die ana- 
lytische Situation festzuhalten und sich der Täuschung zu 
entziehen, daß die Behandlung wirklich zu Ende sei. 

Mit etwas Besinnung findet man sich dann zurecht. Vor 
allem gedenkt man des Verdachtes, daß alles, was die 
Fortsetzung der Kur stört, eine Widerstandsäußerung sein 
mag. An dem Auftreten der stürmischen Liebesforderung 
hat der Widerstand unzweifelhaft einen großen Anteil. 
Man hatte ja die Anzeichen einer zärtlichen Übertragung 
bei der Patientin längst bemerkt und durfte ihre Gefügig- 
keit ihr Eingehen auf die Erklärungen der Analyse, ihr aus- 
gezeichnetes Verständnis und die hohe Intelligenz, die sie 
dabei erwies, gewiß auf Rechnung einer solchen Einstel- 



458 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

lung gegen den Arzt schreiben. Nun ist da« alles wie weg- 
gefegt, die Kranke ist ganz einsichtslos geworden, sie scheint 
in ihrer Verliebtheit aufzugehen, und diese Wandlung ist 
ganz regelmäßig in einem Zeitpunkte aufgetreten, da man 
ihr gerade zumuten mußte, ein l>csonders peinliches und 
schwer verdrängtes Stück ihrer Lel>cnsgeschichte zuzugeste- 
hen oder zu erinnern. Die Verliebtheit ist also längst da- 
gewesen, aber jetzt beginnt der Widerstand sich ihrer zu 
bedienen,, um die Fortsetzung der Kur zu hemmen, um alles 
Interesse von der Arbeit abzulenken, und um den analysieren- 
den Arzt in eine peinliche Verlegenheil ZU bringen. 

Sieht man näher zu, so kann man in der Situation auch 
den Einfluß komplizierender Motive erkennen, zum Teile sol- 
cher, die sich der Verliebtheit anschließen, zum anderen Teile 
aber besonderer Äußerungen des Widerstandes. Von der er- 
steren Art ist das Bestreben der Patientin, sich ihrer Un- 
widerstehlichkeit zu versichern, die Autorität des Arztes 
durch seine Herabsetzung zum Geliebton zu brechen, und was 
sonst als Nebengewiun bei der Liebeshefriedigung winkt. Vom 
Widerstände darf man rormuten, daß er gelegentlich die 
Liebeserklärung als Mittel benutzt, um den gestrengen Ana- 
lytiker auf die Probe zu stellen, worauf er im Falle seiner 
Willfährigkeit eine Zurechtweisung zu erwarten hätte. Vor 
allem aber hat man den Eindruck, daß der Widerstand als 
agent provocateur die Verliebtheit steigert und die Bereit- 
willigkeit zui sexuellen Hingabe übertreibt, um dann desto 
nachdrücklicher unter Berufung auf die Gefahren einer sol- 
chen Zuchtlosigkeit das Wirken der Verdrängung zu recht- 
fertigen. All dieses Beiwerk, das in reineren Fällen auch 
wegbleiben kann, ist von Alf. Adler bekanntlieh als das 
Wesentliche des ganzen Vorganges angesehen worden. 









XXVI. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK D.PSYCHOANALYSE. III. 459 



Wie muß sich aber der Analytiker benehmen, -um nicht 
an dieser Situation zu scheitern, wenn es für ihn feststeht, 
daß die Kur trotz dieser Liebesübertragung und durch die- 
selbe hindurch fortzusetzen ist? 

Ich hätte- es nun leicht, unter nachdrücklicher Beto- 
nung der allgemein gültigen Moral zu postulieren, daß der 
Analytiker nie und nimmer die ihm angebotene Zärtlichkeit 
annehmen oder erwidern dürfe. Er müsse vielmehr den Mo- 
ment für gekommen erachten, um die sittliche Forderung 
und die Notwendigkeit des Verzichtes vor dem verliebten 
Weibe zu vertreten, und es bei ihr zu erreichen, daß sie 
von ihrem Verlangen ablasse und mit Überwindung des ani- 
malischen Anteiles an ihrem Ich die analytische Arbeit, fort- 
setze. 

Ich werde aber diese Erwartungen nicht erfüllen, weder 
den ersten noch den zweiten Teil derselben. Den ersten nicht, 
weil ich nicht für die Klientel schreibe, sondern für Ärzte, 
die mit ernsthaften Schwierigkeiten zu ringen haben, und 
weil ich überdies hier die Moral Vorschrift auf ihren Ur- 
sprung, d. h. auf Zweckmäßigkeit zurückführen kann. Ich 
bin diesmal in der glücklichen Lage, das moralische Oktroi 
ohne Veränderung des Ergebnisses durch Eücksichten der 
analytischen Technik zu ersetzen. 

Noch entschiedener werde ich aber dem zweiten Teile 
der angedeuteten Erwartung absagen. Zur Triebunterdrückung, 
zum Verzicht und zur Sublimierung auffordern, sobald die 
Patientin ihre Liebesübertragung eingestanden hat, hieße 
nicht analytisch, sondern sinnlos handeln. Es wäre nicht 
anders, als wollte man mit kunstvollen Beschwörungen einen 
Geist aus der Unterwelt zum Aufsteigen zwingen, um ihn 
dann ungefragt wieder herunter zu schicken. Man hätte ja 



460 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

dann das Verdrängte nur zum Bewußtsein gerufen, um es er- 
schreckt von Neuem zu verdrängen. Auch über den Erfolg 
eines solchen Vorgehens braucht man sich nicht zu täuschen. 
Gegen Leidenschaften richtet man mit sublimen Redensarten 
bekanntlich wenig aus. Di« 1 Patientin wird nur die Ver- 
selimäliung empfinden und nicht versäumen, sich für sie 
zu rächen. 

Ebensowenig kann ich zu einem Mittelwege raten, der 
sich manchen als besonders klug empfehlen würde, welcher 
darin besteht, daß man die zärtlichen Gefühle der Patientin 
zu erwidern behauptet und dabei allen körperlichen Betäti- 
gungen dieser Zärtlichkeit ausweicht, bis man das Verhält- 
nis in ruhigere Buhnen lenken und auf eine höhere Stufe 
heben kann. Ich habe gegen dieses Auskuuftsmittel einzu- 
wenden, daß die psyehoanaht ische P.ehandlung auf Wahr- 
haftigkeit aufgebaut ist. Darin liegt ein gutes Stück ihrer 
erziehlichen Wirkung und ihres ethischen Wertes. Es ist 
gefährlich, dieses Fundament zu verlassen. Wer sich in die 
analytische Technik eingelebt hat, trifft das dem Arzte sonst 
unentbehrliche Lügen und Vorspiegeln überhaupt nicht mehr 
und pflegt sich zu verraten, wenn er es in bester Absicht 
einmal versucht. Da man vom Patienten strengste Wahr- 
haftigkeit fordert, setzt man seine ganze Autorität aufs SpieL 
wenn man sich selbst bei einer Abweichung von der Wahr- 
heit von ihm ertappen läßt. Außerdem ist der Versuch, sich 
in zärtliche Gefühle gegen die Patientin gleiten zu lassen, 
nicht ganz ungefährlich. .Man beherrscht sieh nicht so gut, 
daß man nicht plötzlich einmal weiter gekommen wäre, als 
man beabsichtigt hatte. Ich meine also, man darf die In- 
differenz, die man sich durch die Nicdcrhaltung der Gegen- 
übertragung erworben hat, nicht verleugnen. 




XXVI. WEITERE RATSCHLÄG E ZUR TECHNIK D.PSYCHOANALYSE. III. 461 

Ich habe auch bereits erraten lassen, daß die analytische 
Technik es dem Arzte zum Gebote macht, der liebesbedürf- 
tigen Patientin die verlangte Befriedigung zu versagen. Die 
Kur muß in der Abstinenz durchgeführt werden; ich meine 
dabei nicht allein die körperliche Entbehrung, auch nicht 
die Entbehrung von allem, was man begehrt, denn dies würde 
vielleicht kein Kranker vertragen. Sondern ich will den Grund- 
satz aufstellen, daß man Bedürfnis und Sehnsucht als zur 
Arbeit und Veränderung treibende Kräfte bei der Kranken 
bestehen lassen und sich hüten muß, dieselben durch Sur- 
rogate zu beschwichtigen. Anderes als Surrogate könnte man 
ja nicht bieten, da die Kranke infolge ihres Zustandes, so- 
lange ihre Verdrängungen nicht behoben sind, einer wirk- 
liehen Befriedigung nicht fähig ist. 

Gestehen wir zu, daß der Grundsatz, die analytische Kur 
solle in der Entbehrung durchgeführt werden, weit über den 
hier betrachteten Einzelfall hinausreicht und einer eingehen- 
den Diskussion bedarf, durch welche die Grenzen seiner 
Durchführbarkeit abgesteckt werden sollen. Wir wollen es 
aber vermeiden, dies hier zu tun, und uns möglichst enge 
a» die Situation halten, von der wir ausgegangen sind. Was 
würde geschehen, wenn der Arzt anders vorginge und die 
etwa beiderseits gegebene Freiheit ausnützen würde, um die 
Liebe der Patientin zu erwidern und ihr Bedürfnis nach Zärt- 
lichkeit zu stillen? 

Wenn ihn dabei die Berechnung leiten sollte, durch sol- 
ches Entgegenkommen würde er sich die Herrschaft über 
L Patientin sichern und sie so bewegen, die Aufgaben der 
Kur zu lösen, also ihre dauernde Befreiung von der Neurose 
zu erwerben, so müßte ihm die Erfahrung zeigen, daß er 
sich verrechnet hat. Die Patientin würde ihr Ziel erreichen, 



462 SCHRIFTEN ZUR NEUKOSENLEHRE. IV. 



er niemals das seinige. Es hätte sich zwischen Arzt und 
Patientin nur wieder abgespielt, was eine lustige Geschichte 
vom Pastor und vom Versicherungsagenten erzählt. Zu dem 
ungläubigen und schwerkranken Versicherungsagenten wird 
auf Betreiben der Angehörigen ein frommer Mann gebracht 
der ihn vor seinem Tode bekehren soll. Die Unterhaltung 
dauert so lange, daß die Wartenden Hoffnung schöpfen. End- 
lich öffnet sich die Tür des Krankenzimmers. Der Un- 
gläubige ist nicht bekehrt worden, aber der Pastor geht ver- 
fcichert weg. 

Es wäre ein großer Triumph für die Patientin, wenn 
ihre Liebeswerbuug Erwiderung fände, und eine volle Nieder- 
lage für die Kur. Die Kranke hätte erreicht, wonach alle 
Kranken in der Analyse streben, etwas zu agieren, im Leben 
zu wiederholen, wa« sie nur erinnern, als psychisches Ma- 
terial reproduzieren und auf psychischem Gebiete erhalten 
soll.*) Sie würde im weiteren Vorlaufe des Liebesverhält- 
nisses alle Hemmungen und pathologischen Reaktionen ihres 
Liebeslebens zum Vorscheine bringen, ohne daß .ine Kor- 
rektur derselben möglich wäre, und das peinliche Erlebnis 
mit Reue und großer Verstärkung ihrer Verdränguugsneigiing 
abschließen. Das Liebesverhältnis macht eben der Beeinfluß- 
barkeit durch die analytische Behandlung ein Endo; eine 
Vereinigung von beiden ist ein Unding. 

Die Gewährung des Liebesverlangons der Patientin ist 
also ebenso verhängnisvoll für die Analyse wie die Unter- 
drückung desselben. Der Weg des Analytikers ist ein anderer, 
ein solcher, für den das real.- Leben kein Vorbild liefert. 
Man hütet sich, von der Liebesübertragung abzulenken, sie 
zu verscheuchen oder der Patientin zu verleiden; mau ent- 

*) Siehe Abhandlung 11 dieser Reihe. 



_»^ 



XXVI. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR T ECHNIK D. PSYCHOANALYSE. III. 463 

hält sich ebenso sündhaft jeder Erwiderung derselben. Man 
hält die Liebesübertragung fest, behandelt sie aber als etwas 
Unreales, als eint; Situation, die in der Kur durchgemacht, 
auf ihre unbewußten Ursprünge zurückgeleitet werden soll 
und dazu verhelfen muß, das Verborgenste des Liebeslebens 
der Kranken dem Bewußtsein und damit der Beherrschung 
zuzuführen. Je mehr man den Eindruck macht, selbst gegen 
jede Versuchung gefeit zu sein, desto eher wird man der 
Situation ihren analytischen Gehalt entziehen können. Die 
Patientin, deren Sexualverdrängung doch nicht aufgehoben, 
bloß in den Hintergrund geschoben ist, wird sich dann sicher 
genug fühlen, um alle Liebesbedingungen, alle Phantasien 
ihrer Sexualsehnsucht, alle Einzelcharaktcre ihrer Verliebt- 
heit zum Vorscheine zu bringen, und von diesen aus dann 
selbst den Wog zu den infantilen Begründungen ihrer Liebe 

eröffnen. 

Bei einer Klasse von Frauen wird dieser Versuch, die 
Liebesübertragung für die analytische Arbeit zu erhalten, 
ohne sie zu befriedigen, allerdings nicht gelingen. Es sind 
das Frauen von elementarer Leidenschaftlichkeit, welche keine 
Surrogate verträgt, Naturkinder, die das Psychische nicht 
für das Materielle nehmen wollen, die nach dos Dichters 
Worten nur zugänglich sind „für Suppenlogik mit Knödel- 
axgumenten". Bei diesen Personen steht man vor der Wahl: 
entweder Gegenliebe zeigen oder die volle Feindschaft des 
verschmähten Weites auf sich laden. In keinem von beiden 
Fällen kann man die Interessen der Kur wahrnehmen. Man 
muß sich erfolglos zurückziehen und kann sich etwa das 
Problem vorhalten, wie sich die Fähigkeit zur Neurose mit 
so unbeugsamer Liebesbedürftigkeit vereinigt. 

Die Art, wie man andere, minder gewalttätige Verliebte 



464 SCHRIPrEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

allmählich zur analytischen Auffassung nötigt, dürfte sich 
vielen Analytikern in gleicher Weise ergeben haben. Man 
betont vor allem den unverkennbaren Anteil des Widerstandes 
an dieser „Liebe". Eine wirkliche Verliebtheit würde die 
Patientin gefügig machen und ihre Bereitwilligkeit steigern, 
•um die Probleme ihres Falles zu lösen, bloß darum, weil 
der geliebte Mann es fordert. Eine solche würde gern den 
Weg über die Vollendung der Kur wählen, um sich dem 
Arzte wertvoll zu machen und die Kealität vorzubereiten, in 
welcher die Liebesneigung ihren Platz finden könnte. Anstatt 
dessen zeige sieh die Patientin eigensinnig und ungehorsam, 
habe alles Interesse für die Behandlung von sich geworfen 
und offenbar auch keim- Achtung vor den tief begründeten 
Oberzeugungen des Arztes. Sie produziere also einen Wider- 
stand in der Erscheinungsform der Verliebtheit und trage 
überdies kein Bedenken, ihn in die Situation der sogenannte« 
„Zwickmühle" zu bringen. Denn wenn er ablehne, wozu seine 
Pflicht und sein Verständnis ihn nötigen, werde sie die Ver- 
schmähte spielen können und sich dann aus Kachsucht und 
Erbitterung der Heilung durch ihn entziehen, wie jetzt in- 
folge der angeblichen Verliebtheit. 

Als zweites Argument gegen die Echtheit dieser Liebe 
führt man die Behauptung ein, daß dieselbe nicht einen ein- 
zigen neuen, aus der gegenwärtigen Situation entspringenden 
Zug an sich trage, sondern sich durchwegs aus Wiederholun- 
gen und Abklatschen früherer, auch infantiler, Reaktionen 
zusammensetze. Man macht sich anheischig, dies durch die 
detaillierte Analyse des Liebesverhaltens der Patientin zu er- 
weisen. 

Wenn man zu diesen Argumenten noch das erforderliche 
Maß von Geduld hinzufügt, gelingt es zumeist, die schwie- 






XXVI. WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK D. PSYCHOANALYSE. III. 4(55 

rige Situation zu überwinden und entweder mit einer er- 
mäßigten oder mit der „umgeworfenen" Verliebtheit die Ar- 
beit fortzusetzen, deren Ziel dann die Aufdeckung der in- 
fantilen Objektwahl und der sie umspinnenden Phantasien 
ist. Ich möchte aber die erwähnten Argumente kritisch be- 
leuchten und die Frage aufwerfen, ob wir mit ihnen der 
Patientin die Wahrheit sagen oder in unserer Notlage zu 
Verhehlungen und Entstellungen Zuflucht genommen haben. 
Mit anderen Worten: ist die in der analytischen Kur mani- 
fest werdende Verliebtheit wirklich keine reale zu nennen? 
Ich meine., wir haben der Patientin die Wahrheit ge- 
sagt, aber doch nicht die ganze, um das Ergebnis unbeküm- 
merte. Vorj unseren beiden Argumenten ist das erste das 
stärkere. Der Anteil des Widerstandes an der Übertragimgs- 
liebe ist unbestreitbar und sehr beträchtlich. Aber der Wider- 
stand hat diese Liebe doch nicht geschaffen, er fiudet sie 
vor, bedient sich ihrer und übertreibt ihre Äußerungen. Die 
Echtheit des Phänomens wird auch durch den Widerstand 
nicht entkräftet. Unser zweites Argument ist weit schwä- 
cher: es ist wahr, daß diese Verliebtheit aus Neuauflagen 
alter Zöge besteht und infantile Reaktionen wiederholt. Aber 
dies ist der wesentliche Charakter jeder Verliebtheit. Es 
c ibt; keine, die nicht infantile Vorbilder wiederholt. Ge- 
rade das, was ihren zwanghaften, ans Pathologische mah- 
nenden Charakter ausmacht, rührt von ihrer infantilen Be- 
dingtheit her. Die Übertragungsliebe hat vielleicht einen 
Grad von Freiheit weniger als die im Leben vorkommende, 
normal genannte, läßt die Abhängigkeit von der infantilen 
Vorlage deutlicher erkennen, zeigt sich weniger schmiegsam' 
und modifikationsfähig, aber das ist auch alles und nicht 
das Wesentliche. 

30 
Freud, Neurosenlehre. IV. 



4ßß SCHRIFTE N ZUR NEUROSKNLEHBK. IV. 

Woran soll man die Echtheit einer Liebe sonst erkennen? 
An ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Brauchbarkeit zur Durch- 
setzung des Liebeszicles? In diesem Punkte scheint die 
Übertragungsliebe hinter keiner anderen zurückzustehen; man 
hat den Eindruck, daß man alles von ihr <>rreichen könnte. 
Resümieren wir also: Man hat kein Anrecht, der in der 
analytischen Behandlung zu Tage tretenden Verliebtheit den 
Charakter einer „echten" Lielxs abzustreiten. Wenn sie so 
wenig norm;.] erseheint, so erklärt sieh dies hinreichend aus 
dem Umstände, dun auch die sonstige Verliebtheit außer- 
halb der analytischen Kur eher an die abnormen als an die 
normalen seelischen Phänomene erinnert. Immerhin ist sie 
durch einige Züge ausgezeichnet, welche ihr eine besondere 
Stellung sichern. Sie ist 1. du ich die analytische Situation 
provoziert, 2. durch den diese Situation beherrschenden Wider- 
stand in die Hohe gel rieben, und :*., sie entbehrt in hohem 
Grade der Rücksieht, auf die Realität, Bio ist unkluger, un- 
bekümmerter um ihre Konsequenzen, verblendeter in der 
Schätzung der geliebten Person, als wir einer normalen Ver- 
liebtheit gerne zugestehen wollen. Wir dürfen aber nicht 
vergessen, daß gerade diese von der Norm abweichenden Züge 
das Wesentlich* einer Verlieblheii ausmachen. 

Für das I Landein des Arztes ist die erste der drei er- 
wähnten Eigenheiten der Clx-rtragungsliel>e das Maßgebende. 
Er hat diese Verliebtheit dureh die Einleitung der analyti- 
schen Behandlung zur Heilung der Neurose hervorgelockt; 
sie ist für ihn das unvermeid liehe Ergebnis einer ärztlichen 
Situation, ähnlich wie die körperliehe Entblößung eines Kran- 
ken oder wie die Mitteilung eines lelM-nswiehtigen Geheim- 
nisses. Damit steht es für ihn fest, daß er keinen persön- 
lichen Vorteil aus ihr ziehen darf. Die Bereif Willigkeit der 






SXVI. WEITERE BATSCHLAGE ZUR TECHNIK D. PSYCHOANALYSE. HI. 467 

Patientin ändert nichts daran, wälzt nur die ganze Verant- 
wortlichkeit auf seine eigene Person. Die Kranke war ja, 
wie er wissen muß, auf keinen anderen Mechanismus der 
Heilung vorbereitet. Nach glücklicher Überwindung aller 
Schwierigkeiten gesteht sie oft die Erwartungsphantasie ein, 
mit der sie in die Kur eingetreten war: Wenn sie sich brav 
benehme, werde sie am Ende durch die Zärtlichkeit des 
Arztes belohnt werden. 

Für den Arzt vereinigen sich nun ethische Motive mit 
den technischen, um ihn von der Liebesgewälirung an die 
Kranke zurückzuhalten. Er muß das Ziel im Auge behalten, 
daß das in seiner Liebesfähigkeit durch infantile Fixierun- 
gen behinderte Weib zur freien Verfügung über diese für 
sie unschätzbar wichtige Funktion gelange, aber sie nicht 
in der Kur verausgabe, sondern sie fürs reale Leben bereit- 
halte, wenn dessen Forderungen nach der Behandlung an sie 
herantreten. Er darf nicht die Szene des Hundewettrennens 
mit ihr aufführen, bei dem ein Kranz von Würsten als Preis 
ausgesetzt ist, und das ein Spaßvogel verdirbt, indem er 
eine einzelne Wurst iu die Rennbahn wirft. Über die fallen 
die Hunde her und vergessen ans Wettremien und an den 
in der Ferne winkenden Kranz für den Sieger. Ich will 
nicht behaupten, daß es dem Arzte immer leicht wird, sich 
innerhalb der ihm von Ethik und Technik vorgeschriebenen 
Schranken zu halten. Besonders der jüngere und noch nicht 
fest gebundene Mann mag die Aufgabe als eine harte emp- 
finden. Unzweifelhaft ist die geschlechtliche Liebe einer 
der Hauptinhalte des Lebens und die Vereinigung seelischer 
und körperlicher Befriedigung im Liebesgenusse geradezu 
einer der Höhepunkte desselben. Alle Menschen bis auf 
wenige verschrobene Fanatiker wissen das und richten ihr 

30* 



4 gg SCHRIFTEN EUB NEUROSENLEHR E. IV. 



Leben danach ein; nur in der Wissenschaft ziert man sich, 
ea zuzugestehen. Anderseits ist es ein« peinliche Rolle für 
den Mann, den Abweisenden und Vorsagenden zu spielen, 
wenn das Weih um Liel>c wirht, und von einer edlen Frau, 
dio sieh zu ihrer Leidenschaft bekennt, geht trotz Neurose 
und Widerstand ein unvergleichbarer Zauber aus. Nicht das 
grohsinnliche Verlangen der Patientin stellt die Versuchung 
her. Dies wirkt jacher abstoßend und ruft alle Toleranz 
auf, um es als natürliches Phänomen gelton zu lassen. Die 
feineren und zielgehemmten Wunschregungen des Weibes sind 
es vielleicht, die die (Jefa.hr mit sich bringen, Technik und 
ärztliche Aufgabe über ein schönes Erlebnis zu vergessen. 
Und doch bleibt, für i\m Analytiker das Nachgeben aus- 
geschlossen. So hoch er die Lieln- .schätzen mag. er muß 
ea höher stellen, daß er die Gelegenheit hat, seine Patientin 
über eine entscheidende Stute ihres Lebens zu heben. Sie 
hat von ihm die Cl>cr\viiwhmg des Lustprinzips zu lernen, 
den Verzicht auf eine naheliegende, nhor sozial nicht ein- 
geordnete Befriedigung zu dunsten einer entfernteren, viel- 
leicht überhaupt unsicheren, aber psychologisch wie sozial 
untadeligen. Zum Zwecke dieser Überwindung soll sie durch 
die Urzeiten ihrer seelischen Umwicklung durchgeführt werden 
und auf diesem Wege jenes Mehr von seelischer Freiheit er- 
werben, durch welches sieh die bewußte Seelentätigkeit -- im 
systema tischen Sinne — von der unbewußten unterscheidet. 
Der analytische Psychotherapeut hat so einen dreifachen 
Kampf zu führen, in seinem Inneren gegen die Mächte, 
welche ihn von den. analytischen Niveau herabziehen möch- 
ten, außerhalb der Analyse gegen die Gegner, die ihm die 
Bedeutung der sexuellen Triebkräfte bestreiten und es ihm 
verwehren, sich ihrer in seiner wissenschaftlichen Technik 



XXVL WEITERE RATSCHLÄGE ZUR TECHNIK D. PSYCHOANALYSE. III. 469 

zu bedienen, und in der Analyse gegen seine Patienten, die 
sich anfangs wie die Gegner gebärden, dann aber die sie 
beherrschende Überschätzung des Sexuallebens kundgeben 
und den Arzt mit ihrer sozial angebändigten Leidenschaft- 
lichkeit gefangen nehmen wollen. 

Die Laien, von deren Einstellung zur Psychoanalyse ich 
eingangs sprach, werden gewiß auch diese Erörterungen über 
die Übertragungsliebe zum Anlasse nehmen, um die Auf- 
merksamkeit der Welt auf die Gefährlichkeit dieser thera- 
peutischen Methode zu lenken. Der Psychoanalytiker weiß, 
daß er mit den explosivsten Kräften arbeitet und derselben 
Vorsicht und Gewissenhaftigkeit bedarf wie der Chemiker. 
Aber wann ist dem Chemiker je die Beschäftigung mit den 
ob ihrer Wirkung unentbehrlichen Explosivstoffen wegen 
deren Gefährlichkeit untersagt worden? Es ist merkwürdig, 
daß sich die Psychoanalyse alle Lizenzen erst neu erobern 
muß, die anderen ärztlichen Tätigkeiten längst zugestanden 
sind. Ich bin gewiß nicht dafür, daß die harmlosen Behand- 
lungsmethoden aufgegeben werden sollen. Sie reichen für 
manche Fälle aus, und schließlich kann die menschliche Ge- 
sellschaft den furor sanandi ebensowenig brauchen wie irgend 
einen anderen Fanatismus. Aber es heißt die Psychoneurosen 
nach ihrer Herkunft und ihrer praktischen Bedeutung arg 
unterschätzen, wenn man glaubt, diese Affektionen müßten 
durch Operationen mit harmlosen Mittelchen zu besiegen 
sein. Nein, im ärztlichen Handeln wird neben der „medicina" 
immer ein Raum bleiben für das „ferruni" und für das „ig- 
nis", und so wird auch die kunstgerechte, unabgeschwächte 
Psychoanalyse nicht zu entbehren sein, die sich nicht scheut,, 
die gefährlichsten seelischen Regungen zu handhaben und 
zum Wohle des Kranken zu meistern. 



XXVII. 
DAS MOTIV DER KÄSTCHENWAHL.*) 

I. 

Zwei Szenen aus Shakespeare, eine heitere und eine 
tragische, haben mir kürzlich den Anlaß zu einer kleinen 
Problemstellung und Lösung gegeben. 

Die heitere ist die Wahl des Freiers zwischen drei Käst- 
chen im „ Kaufmann von Venedig". Die schöne und kluge 
Porzia ist durch den Willen ihres Vaters gebunden, nur dea 
von ihren Bewerbern zum Manne zu nehmen, der von drei 
ihm vorgelegten Kästchen das richtige wählt. Die drei Käst- 
chen sind von Gold, von Silber und von Blei; das richtige 
ist jenes, welches ihr Bildnis einschließt. Zwei Bewerber sind 
bereits erfolglos abgezogen, sie hatten Gold und Silber ge- 
wählt. Bassanio, der dritte, entscheidet sich für das Blei; 
er gewinnt damit die Braut, deren Neigung ihm bereits vor- 
der Schicksalsprobe gehört hat. Jeder der Freier hatte seine 
Entscheidung durch eine Rede motiviert, in welcher er da« 
von ihm bevorzugte Metall anpries, während er die beiden 
anderen herabsetzte. Die schwerste Aufgabe war dabei dem 
glücklichen dritten Freier zugefallen; was er zur Verherr- 
lichung des Bleis gegen Gold und Silber sagen kann, ist 
wenig und klingt gezwungen. Stünden wir in der psycho- 

*) Imago, II, 1913. 



XXVIL DAS MO TIV DER KÄSTCHEN WAHL. 47 j^ 

analytischen Praxis vor solcher Rede, so würden wir hinter 
der unbefriedigenden Begründung geheimgehaltene Motive 
wittern. 

Shakespeare hat das Orakel der Kästchenwahl nicht 
selbst erfunden, er nahm es aus einer Erzählung der „Gesta 
ltomanorum", in welcher ein Mädchen dieselbe Wahl vor- 
nimmt, um den Sohn des Kaisers zu gewinnen.*) Auch hier 
ist das dritte Metall, das Blei, das Glückbringende. Es ist 
nicht schwer zu erraten, daß hier ein altes Motiv vorliegt, 
welches nach Deutung, Ableitung und Zurückführimg ver- 
langt. Eine erste Vermutung, was wohl die Wahl zwischen 
Gold, Silber und Blei bedeuten möge, findet baJd Bestätigung 
durch eine Äußerung von E. Stucken**), der sich in weit- 
ausgreifendem Zusammenhang mit dem nämlichen Stoffe be- 
schäftigt. Er sagt: „Wer die drei Freier Porzias sind, erhellt 
aus dem, was sie wählen: Der Prinz von Marokko wählt den 
goldenen Kasten: er ist die Sonne; der Prinz von Arragon 
wäilt den silbernen Kasten: er ist der Mond; Bassanio wählt 
den bleiernen Kasten: er ist der Sternenknabe." Zur Unter- 
stützung dieser Deutung zitiert er eine Episode aus dem est- 
nischen Volksepos Kalewipoeg, in welcher die drei Freier 
unverkleidet als Sonnen-, Mond- und Sternen Jüngling („des 
Polarsterns ältestes Söhnchen") auftreten und die Braut wie- 
derum dem Dritten zufällt. 

So führte also unser kleines Problem auf einen Astral- 
mythus! Nur schade, daß wir mit dieser Aufklärung nicht 
zu Ende gekommen sind. Das Fragen setzt sich weiter fort, 
denn wir glauben nicht mit manchen Mythenforschern, daß 
die Mythen vom Himmel herabgelesen worden sind, vielmehr 

*) G. Brandes, Wiliam Shakespeare, 1896. 
**) Ed. Stucke», Astralmythen, p. 655, Leipzig 1907. 



472 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



urteilen wir mil 0. Hank*), daß sie auf den Himmel pro- 
jiziert wurden, nachdem sie anderswo unter rein mensch- 
lichen Bedingungen entstanden waren. Diesem menschlichen 
Inhalte gilt aber unser Interesse. 

Fassen wir unseren Stoff noehmajs ins Auge. Im est- 
nischen Epos wie in der Erzählung der Gesta Romanorum 
handelt es sich um die Wahl eines Mädchens zwischen drei 
Freiern, in der Szene des „Kaufmann von Venedig" anschei- 
nend um das nämliche, aber gleichzeitig tritt an dieser letz- 
ten Stelle etwas wie eine Umkehrung des Motivs auf: Ein 
Mann wählt zwischon drei Kästehen. Wenn wir es mit 

einem Traum zu tun hätten, würden wir sofort daran den- 
ken, daß die Kästchen auch Frauen sind, Symbole des Wo- 
s.ntlichen an der l-'rau und darum der Frau selbst, ,wie 
Büchsen, Dosen, Schachteln, Körbe usw. Gestatten wir uns 
eine solche symbolische Ersetzung auch beim Mythus anzu- 
nehmen, so wird die Küsicheuszenc im „Kaufmann von Ve- 
nedig" wirklich zur Umkehrung, die wir vermutet haben. 
Mit einem Rucke, wie er sonst nur im Märchen l>eschricben 
wird, haben wir unserem Thema das astrale Gewand abge- 
streift und sehen nun, es behandelt ein menschliches Motiv, 
die Wahl eines Mannes zwischen drei Frauen. 

Dasselbe ist aber der Inhalt einer anderen Szene Shake- 
speares in einem der erschütterndsten seiner Dramen, keine 
Brautwahl diesmal, aber doch durch so viel geheime Ähn- 
lichkeiten mit der Kästehrnwahl im „Kaufmann" verknüpft. 
Der alte König Lear beschließt noch bei Lebzeiten sein Reich 
unter seine drei Töchter zu verteilen, je nach Maßgabe der 
Liebe, die sie für ihn äußern. Die beiden älteren, Goneril 

*) 0. Rank, Der Mylhus vou der Ucburl de* Holden, l». 8 ig., 
Wien und Leipsig 1900. 






. 



XXVII. DAS MOTIV DER KÄSTCHEN WAHT,. 473 

und R e g a n, erschöpfen sich in Beteuerungen und Anprei- 
sungen ihrer Liebe, die dritte, Cordelia, weigert sich dessen. 
Er hätte diese unscheinbare, wortlose Liebe der Dritten er- 
kennen und belohnen sollen, aber er verkennt sie, verstößt 
Cordelia und teilt das Reich unter die beiden anderen, zu 
seinem und aller Unheil. Ist das nicht wieder eine Szene 
der Wahl zwischen drei Frauen, von denen die jüngste die 
beste, die vorzüglichste ist? 

Sofort fallen uns nun aus Mythus, Märchen und Dich- 
tung andere Szenen ein, welche die nämliche Situation zum 
Inhalte haben: Der Hirte Paris hat die Wahl zwischen drei 
Göttinnen, von denen er die dritte zur Schönsien erklärt 
Aschenputtel ist eine ebensolche Jüngste, die der Königs- 
sohn den beiden Älteren vorzieht, Psyche im Märchen des 
Apulejus ist die jüngste und schönste von drei Schwestern, 
Psyche, die einerseits als menschlich gewordene Aphrodite 
verehrt wird, anderseits von dieser Göttin behandelt wird 
wie Aschenputtel von ihrer Stiefmutter, einen vermischten 
Haufen von Samenkörnern schlichten soll und es mit Hilfe 
von kleinen Tieren (Tauben bei Aschenputtel, Ameisen bei 
Psyche) zustandebringt.*) Wer sich weiter im Materiale um- 
sehen wollte, würde gewiß noch andere Gestaltungen desselben 
Motives mit Erhaltung derselben wesentlichen Züge auffinden 

können. 

Begnügen wir uns mit Cordelia, Aphrodite, Aschenputtel 
und Psyche! Die drei Frauen, von denen die dritte die vor- 
züglichste ist, sind wohl als irgendwie gleichartig aufzu- 
fassen, wenn sie als Schwestern vorgeführt werden. Es soll 
uns nicht irre machen, wenn es bei Lear die drei Töchter 

"*)"l)en Himveis auf diese Übereinstimmungen verdanke ich Dr. 
O. Hank. 



474 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 




des Wählenden sind, das bedeutet vielleicht nichts anderes, 
als daß Lear als alter Mann dargestellt werden soll. Den 
alten Mann kann man nicht leicht anders zwischen drei 
Frauen wählen lassen; darum werden diese zu seinen Töchtern. 

Wer sind aher diese drei Schwestern und warum muß 
die Wahl auf die Dritte fallen? Wenn wir diese Frage beant- 
worten könnten, wären wir im Besitze der gesuchten Deutung. 
Nun haben wir uns bereits einmal der Anwendung psycho- 
analytischer Techniken bedient, ;ils wir uns die drei Käst- 
chen symbolisch als drei Frauen aufklärten. Haben wir den 
Mut, ein solches Verfahren fortzusetzen, so betreten wir einen 
Weg, der zunächst ins Unvorhergesehene, Unbegreifliche, auf 
Umwegen vielleicht zu einem Ziele führt. 

Es darf uns auffallen, daß jene vorzügliche Dritte in 
mehreren Fällen außer ihrer Schönheit noch gewisse Beson- 
derheiten hat. Es sind Eigenschaften, die nach irgendeiner 
Einheit zu streben scheinen; wir dürfen gewiß nicht erwarten, 
sie in allen Beispielen gleich gut ausgeprägt zu finden. Cor- 
delia macht sich unkenntlich, unscheinbar wie das Blei, sie 
bleibt stumm, sie „liebt und schweigt". Aschenputtel ver- 
birgt sich, so daß sie nicht aufzufinden ist. Wir dürfen viel- 
leicht das Siel) verbergen «lern Verstummen gleichsetzen. Dies 
wären allerdings nur zwei Fälle von den fünf, die wir heraus- 
gesucht haben. Aber eine Andeutung davon findet sich merk- 
würdigerweise auch noch bei zwei anderen. Wir haben uns 
ja entschlossen, die widerspenstig ablehnende Cordelia dem 
Blei zu vergleichen. Von diesem heißt es in der kurzen Rede? 
des Bassanio während der Kästchenwahl, eigentlich so ganz 
unvermittelt : 

Thy pal ©nes s moves me m o r c I hau oloquenco. 
(plainnoss iuicIi midi-rcr l.cscurl). 





XXVII. DAS MOTIV DER KÄSTCHENWAHL. 475 

Also: Deine Schlichtheit geht mir näher als der beiden 
anderen schreiendes Wesen. Gold und Silber sind „laut", 
das Blei ist stumm, wirklich wie Cordelia, die „liebt und 
schweigt".*) 

In den altgriechischen Erzählungen des Parisurteils ist 
von einer solchen Zurückhaltung der Aphrodite nichts ent- 
halten. Jede der drei Göttinnen spricht zu dem Jüngling 
und sucht ihn durch Verheißungen zu gewinnen. Aber in 
einer ganz modernen Bearbeitung derselben Szene kommt der 
Ulis auffällig gewordene Zug der Dritten sonderbarerweise 
wieder zum Vorscheine. Im Libretto der „Schönen Helena" 
erzählt Paris, nachdem er von den Werbungen der beiden 
anderen Göttinnen berichtet, wie sich Aphrodite in diesem 
Wettkampfe um den Schönheitspreis benommen: 

Und die Dritte — ja die Dritte — 
Stand daneben und blieb stumm. 
Ihr mußt' ich den Apfel geben usw. 

Entschließen wir uns, die Eigentümlichkeiten unserer 
Dritten in der „Stummheit" konzentriert zu sehen, so sagt 
uns die Psychoanalyse: Stummheit ist im Traume eine ge- 
bräuchliche Darstellung des Todes.**) 

Vor mehr als zehn Jahren teilte mir ein hochintelligenter 
Mann einen Traum mit, den er als Beweis für die telepa- 
thische Natur der Träume verwerten wollte. Er sah einen 
abwesenden Freund, von dem er überlange keine Nachricht 
erhalten hatte, und machte ihm eindringliche Vorwürfe über 



*) In der Schlegel sehen Übersetzung geht diese Anspielung ganz 
verloren, ja sie wird zur Gegenseite gewendet: 

Dein schlichtes Wesen spricht beredt mich an. 
**) Auch in Stekels „Sprache des Traumes" 1911 unter den Todes- 
symbolen angeführt (p. 351). 



476 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



sein Stillschweigen. Der Freund gab keine Antwort. Es stellte 
Sich dann heraus, daß er ungefähr um die Zeit dieses Trauines 
durch Selbstmord geendet hatte. Lassen wir das Problem 
der Telepathie beiseite; daß die Stummheit im Traume zur 
Darstellung des Todes wird, scheint hier nicht zweifelhaft. 
Auch das Sichverbergen, Unauffindbarsein, wie es der Mär- 
chenprinz dreimal beim Aschenputtel «'riebt, ist im Traume 
ein unverkennbares Todessymbol; nicht, minder die auffällige 
Blässe, an welche die paleness des Bleies in der einen Lese- 
art des Shakespean -sehen Textes erinnert.*) Die Über- 
tragung dieser Deutungen aus der Sprache des Traumes auf 
die Ausdrucksweise des uns beschäftigenden Mythus wird uns 
aber wesentlich erleichtert, wenn wir wahrscheinlich machen 
können, daß die Stummheit auch in anderen Produktionen, 
die nicht Träume sind, als Zeichen (\cs Totseins gedeutet 
werden muß. 

Ich greife hier das neunte der Grimm sehen Volks- 
märchen heraus, welches die OlxTsehrift hat : „Die zwölf 
Brüder".**) Ein Koni- und eine Königin hatten zwölf Kin- 
der, lauter Buben. Da sagte der König, wenn das dreizehnte 
Kind ein Mädchen ist, müssen die Buben sterben. In Er- 
wartung dieser (Jeburt läßt, er zwölf Särge machen. Die 
zwölf Söhne flüchten sich mit Mille der Mutter in einen 
verstockten Wald und schwören jedem Mädchen den Tod, 
das sie begegnen sollten. 

Ein Mädchen wird geboren, wächst heran und erfährt 
einmal von der Mutter, daß 98 zwölf Brüder gehabt hat. Es 
beschließt, sie aufzusuchen, und findet, im Walde den Jüng- 
sten, der sie erkennt aber verbergen möchte wegen des Eides 

*) Stokel, 1. o. 
*•) S. 50 der Koklauxau-gnli.'. I. Bd. 



XXVII. DAS MOTIV DER KÄSTCHENWAHL. 477 

der Brüder. Die Schwester sagt: Ich will gerne sterben, wenn 
ich damit meine zwölf Brüder erlösen kann. Die Brüder 
nehmen sie aber herzlich auf. sie bleibt bei ihnen und be- 
sorgt ihnen das Haus. 

In einem kleinen Garten bei dem Hause wachsen zwölf 
Lilienblumen; die bricht das Mädchen ab. um jedem Bruder 
eine zu schenken. In diesem Augenblicke werden die Brüder 
in Raben verwandelt und verschwinden mit Haus und Garten. 
— Die Raben sind Seelenvögel, die Tötung der zwölf Brüder 
durch ihre Schwester wird durch das Abpflücken der Blumen 
von neuem dargestellt, wie zu Eingang durch die Särge und 
das Verschwinden der Brüder. Das Mädchen, das wiederum 
bereit ist, seine Brüder vom Tode zu erlösen, erfährt nun als 
Bedingung, daß sie sieben Jahre stumm sein, kein einziges 
Wort sprechen darf. Sie unterzieht sich dieser Probe, durch 
die sie selbst in Lebensgefahr gerät, d. h. sie stirbt selbst 
für die Brüder, wie sie es vor dem Zusammentreffen mit 
den Brüdern gelobt hat. Durch die Einhaltung der Stumm- 
heit gelingt ihr endlich die Erlösung der Raben. 

Ganz ähnlich werden im Märchen von den „sechs Schwä- 
nen" die in Vögel verwandelten Brüder durch die Stummheit, 
der Schwester erlöst, d. h. wiederbelebt. Das Mädchen hat 
den festen Entschluß gefaßt, seine Brüder zu erlösen, und 
„wenn es auch sein Leben kostete" und bringt als Gemahlin 
des Königs wiederum ihr eigenes Leben in Gefahr, weil sie 
gegen böse Anklagen ihre Stummheit nicht aufgeben will. 

' Wir würden sicherlich aus den Märchen noch andere 
Beweise erbringen können, daß die Stummheit als Dante), 
hing des Todes verstanden werden muß. Wenn wir diesen 
Anzeichen folgen dürfen, so wäre die dritte unserer Schwe- 
stern, zwischen denen die Wahl stattfindet, eine Tote. Sie 



478 SCHRIFTEN ZUK NRUROSKNLEIIRE. IV. 

kann aber auch etwas anderes sein, nämlich der Tod selbst, 
die Todesgöttin. Vermöge einer gar nicht seltenen Verschie- 
bung werden die Eigenschaften, die eine Gottheit den Men- 
schen zuteilt, ihr selbst zugeschrieben. Am wenigsten wird 
uns solche Verschiebung bei der Todesgöttin befremden, denn 
in der modernen Auffassung und Darstellung, die hier vor- 
weggenommen würde, ist der Tod selbst nur ein Toter. 

Wenn aber die dritte der Schwestern die Todesgöttin 
ist, so kennen wir die Schwestern. Es sind die Schicksals- 
schwestern, die Moiren oder Parzen oder Nomen, dejren 
dritte Atropos heißt: die Unerbittliche. 

II. 

Stelleu wir die Sorge, wie die gefundene Deutung in 
unseren Mythus eirr/ufügen ist, einstweilen beiseite, und holen 
wir uns bei den Mythologen Belehrung über Rolle und Her- 
kunft der Schicksalsgöttinnen.*) 

Die älteste griechische Mythologie keimt nur eine Moiga 
als Personifikation des unentrinnbaren Schicksals (bei Homer). 
Die Fortentwicklung dieser einen Moira zu einem Schwester- 
verein von drei (seltener zwei) ("Jott heilen erfolgte wahr- 
scheinlich in Anlehnung an andere Göttergestalten, denen 
die Moiren nahestehen, die Chariten und die Hören. 

Die Hören sind ursprünglich Gottheiten der himmlischen 
Gewässer, die Regen und Tau spenden, der Wolken, pius 
denen der Regen niederfällt, und da diese Wolken als Ge- 
spinst erfaßt werden, ergibt sich für diese Göttinnen der 
Charakter der Spinnerinnen, der dann an den Moiren fixiert 
wird. In den von der Sonne verwöhnten Mittelmeerländern 

*) Das i* olgende nach Roschers Lexikon der griechischen und 
römischen Mythologie unter den entsprechenden Titeln. 



XXVII. DAS MOTIV DER KÄSTCHEN WAHL. 479 

ist es der Regen, von dem die Fruchtbarkeit des Bodens 
abhängig wird, und darum wandeln sich die Hören zu Vege- 
tationsgottheiten. Man dankt ihnen die Schönheit der Blu- 
men und den Reichtum der Früchte, stattet sie mit einer 
Fülle von liebenswürdigen und anmutigen Zügen aus. Sie 
werden zu den göttlichen Vertreterinnen der Jahreszeiten 
und erwerben vielleicht durch diese Beziehung ihre Dreizahl, 
wenn die heilige Natur der Drei zu deren Aufklärung nicht 
genügen sollte. Denn diese alten Völker unterschieden zuerst 
nur drei Jahreszeiten: Winter, Frühling und Sommer. Der 
Herbst kam erst in späten griechisch-römischen Zeiten hinzu - T 
dann bildete die Kunst häufig vier Hören ab. 

Die Beziehung zur Zeit blieb den Hören erhalten; sie 
wachten später über die Tageszeiten wie zuerst über die 
Zeiten des Jahres; endlich sank ihr Name zur Bezeichnung 
der Stunde (heure, ora) herab. Die den Hören und Moiren 
wesensverwandten Nomen der deutschen Mythologie tragen 
diese Zeitbedeutung in ihren Namen zur Schau. Es konnte 
aber nicht ausbleiben, daß das Wesen dieser Gottheiten 
tiefer erfaßt und in das Gesetzmäßige im Wandel der Zeiten 
verlegt wurde; die Hören wurden so zu Hüterinnen des Natur- 
gesetzes und der heiligen Ordnung, welche mit unabänder- 
licher Reihenfolge in der Natur das gleiche wiederkehren laßt. 

Diese Erkenntnis der Natur wirkte zurück auf die Auf- 
fassung des menschlichen Lebens. Der Naturmythus wan- 
delte sich zum Menschenmythus; aus den Wettergöttinnen 
wurden Schicksalsgottheiten. Aber diese Seite der Hören 
kam erst in den Moiren zum Ausdrucke, die über die not- 
wendige Ordnung im Menschenleben so unerbittlich wachen 
wie die Hören über die Gesetzmäßigkeit der Natur. Das 
unabwendbar Strenge des Gesetzes, die Beziehung zu Tod 



480 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

und Untergang, die an den liebliehen (lost alten der Hören 
vermieden worden waren, sie prägten sich nun an den Moi- 
ren ans. als ob der Mensch den ganzen Frust des Naturgesetzes 
erst dann empfände, wenn er die eigene Person ihm unter- 
ordnen soll. 

Die Namen der drei Spinnerinnen haben auch bei den 
Mylhologen bedeutsames Verständnis gefunden. Die zweite 
Lachesis scheint das „innerhalb der Gesetzmäßigkeit des 
Schicksals Zufällige'' zu bezeichnen*) — wir würden sagen: 
das Erleben - wie Atropos das Unabwendbare, den Tod, 
und dann bliebe für Klotho die Bedeutung der verhängnis- 
vollen, mitgebrachten Anlage. 

Und nun ist es Zeit, zu dem der Deutung unterliegenden 
Motiv« der Wahl zwischen drei Schwestern zurückzukehren. 
Mit tiefem Mißvergnügen werden wir bemerken, wie unver- 
ständlich die betrachteten Situationen werden, wenn wir in 
sie die gefundene Deutung einsetzen, und welche Widersprüche 
zum scheinbaren Inhalte derselben sieh dann ergeben. Die 
dritte der Schwestern soll die Todesgöttin sein, der Tod 
selbst, und im Parislirteile ist es die Liebesgöttin, im Mär- 
chen des Apulejus eine dieser letzteren vergleichbare Schön- 
heit, im „Kaufmann" die schönste und klügste Frau, im 
Lear die einzige treue Tochter. Kanu ein Widerspruch voll- 
kommener gedacht werden? Doch vielleicht ist diese un- 
wahrscheinliche Steigerung ganz in der Nähe. Sie liegt wirk- 
lich vor, wenn in unserem .Motive jedesmal zwischen den 
Frauen frei gewählt wird, und wenn die Wahl dabei auf 
den Tod fallen soll, den doch niemand wählt, dem man 
durch ein Verhängnis zum Opfer fällt. 



*) J. Röscher nach Prellei-Robert, (iiierli. Kythologfa 



XXVH. DAS MOTIV DER KÄSTCHEN WAHL. 481 



Indes Widersprüche von einer gewissen Art, Ersetzun- 
gen durch das volle kontradiktorische Gegenteil bereiten der 
analytischen Deutungsarbeit keine ernste Schwierigkeit. Wir 
werden uns hier nicht darauf berufen, daß Gegensätze in 
den Ausdrucks weisen des Unbewußten wie im Traume so 
häufig durch eines und das nämliche Element dargestellt 
werden. Aber wir werden dnran denken, daß es Motive im 
Seelenleben gibt, welche die Ersetzung durch das Gegenteil 
als sogenannte Reaktionsbildung herbeiführen, und können 
den Gewinn unserer Arbeit gerade in der Aufdeckung solcher 
verborgener Motive suchen. Die Schöpfung der Moiren ist 
der Erfolg einer Einsicht, welche den Menschen mahnt, auch 
er sei ein Stück der Natur und darum dem unabänderlichen 
Gesetze des Todes unterworfen. Gegen diese Unterwerfung 
mußte sich etwas im Menschen sträuben, der nur höchst 
ungern auf seine Ausnahmsstcllung verzichtet. Wir wissen, 
daß der Mensch seine Phantasietätigkeit zur Befriedigung 
seiner von der Realität unbefriedigten Wünsche verwendet. 
So lehnte sich denn seine Phantasie gegen die im Moiren- 
mythus verkörperte Einsicht auf und schuf den davon ab- 
geleiteten Mvthus, in dem die "Todesgöttin durch die Liebes- 
göttin und was ihr an menschlichen Gestaltungen gleich- 
kommt, ersetzt ist. Die dritte der Schwestern iat nicht mehr 
de, Tod, sie ist die schönste, beste, begehrenswerteste, Le- 
benswerteste der Frauen. Und diese Ersetzung war technisch 
keineswegs schwer; sie war durch eine alte Ambivalenz vor- 
bereitet, sie vollzog sich längs eines uralten Zusammenhanges, 
der noch nicht lange vergessen sein konnte. Die Liebesgot- 
tin selbst, die jetzt an die Stelle der Todesgöttin trat, war 
einst mit ihr identisch gewesen. Noch die griechische Aphro- 
dite entbehrte nicht völlig der Beziehungen zur Unterwelt, 

Freud, Neurosenlehre. IV. 



482 SCHUFTEN ZUR NEUHOSENLEIIRE. IV. 



obwohl sie ihre chthonischc Rolle längst an andere Götter- 
gostnlteu, an die Tersephone, die dreigesl altige Artcmis-He- 
kato, abgegeben hatte. Die großen Muttergottheiten der orien- 
talischen Völker scheinen aber alle ebensowohl Zeuge rinnen 
wie Vernichterinnen, Göttinnen des Lebens und der Befruch- 
tung wie Todesgöttinnen gewesen zu sein. So greift die Er- 
setzung durch ein Wunschgegontril bei unserem Motive auf 
eine uralte Identität zurück. 

Dieselbe Erwägung beantwortet uns die Frage, woher der 
Zug der Wahl in den Mythus von diu drei Schwestern ge- 
raten ist. Es hat hier wiederum eine Wunschvcrkehrung statt- 
gefunden. Wahl steht an der Stelle von Notwendigkeit, von 
Verhängnis, So aberwindet der Mensch den Tod, den er in 
seinem Denken anerkannt hat. Es ist kein stärkerer Triumph 
der Wunscherfüllung denkbar. Man wählt dort, wo man in 
Wirklichkeit dem Zwange gehorcht, und die man wählt, ist 
nicht die Schreckliche, sondern die Schönste und Begehrens- 
werteste. 

Bei näherem Zusehen merken wir freilich, daß die Ent- 
stellungen des ursprünglichen Mythus nicht gründlich genug 
smd, um sieh nicht durch Resterscheinungen zu verraten. 
Die freie Wahl zwischen den drei Schwestern ist eigentlich 
keine freie Wahl, denn sie muß notwendigerweise die dritte 
treffen, wenn nicht, wie im Lear, ..Urs Unheil aus ihr ent- 
stehen soll. Die Schönste und Beste, welche an Stelle der 
Todesgöttin getreten ist, hat Züge behalten, die an das Un- 
heimliche streifen, so daß wir aus ihnen das Verborgene er- 
raten konnten.*) 

*) Auch die Psycho des Apulojus hat reichlich Züge bewahrt, 
welche an ihre Beziehimg zum Tode inuunon. Ihro Hochzeit wird gerüstet 
wie eino Leichenfeier, sie muü in die Unterwelt hinabsteigen und vor- 
sinkt nachher in einen totenühnlichen Schlaf (O. Bank). 









XXVU. DAS MOTIV DER KÄSTCHEN WAHL. 483 



Wir haben bisher den Mythus und seine Wandlung ver- 
folgt und hoffen die geheimen Gründe dieser Wandlung auf- 
gezeigt zu haben. Nun darf uns wohl die Verwendung des 
Motivs beim Dichter interessieren. Wir bekommen den Ein- 
druck, als ginge beim Dichter eine Reduktion des Motivs 
auf den ursprüglichen Mythus vor sich, so daß der ergrei- 
fende durch die Entstellung abgeschwächte Sinn des letz- 
tercn'von uns wieder verspürt wird. Durch diese Reduktion 
der Entstellung, die teilweise Rückkehr zum Ursprünglichen, 
erziele der Dichter die tiefere Wirkung, die er bei uns erzeugt. 
Um Mißverständnissen vorzubeugen, will ich sagen, ich 
habe nicht die Absicht zu widersprechen, daß das Drama 
vom König Lear die beiden weisen Lehren einschärfen wolle, 
mau solle auf sein Gut und seine Rechte nicht zu Lebzeiten 
verzichten, und man müsse sich hüten, Schmeichelei für bare 
Münze zu nehmen. Diese und ähnliche Malmungen ergeben 
Sich wirklich aus dem Stücke, aber es erscheint mir ganz 
unmöglich, die ungeheure Wirkung des Lear aus dem Ein- 
druck* dieses Gedankeninhaltes zu erklären oder ««M 
2 die persönlichen Motive des Dichters nut der Absrcht 
£. Lehren vorzutragen, erschöpft seien. Auch die Auskunft, 
Tv Dichter habe uns die Tragödie der Undankbarkeit vor- 
8 " elen wollen, deren Bisse er wohl am eigenen Leibe, ver- 

tt^r die Bedeutung der Psyche als Frühlingsgottheit und als „Braut 

4 M Todes" B. A. Zinzow: „Psyche und Eros" (Halle 1881). 

In einem anderen Grimmschen Märchen (Nr. 179, Die Ganselnrtin 

„ Brunnen) findet sich wie beim Aschenputtel die Abwechslung von 

Yto£ und häßlicher Gestalt der dritte Tochter, in der man wohl emo 

TS von deren Doppelnatur - vor und nach der Ersetzung - 

■'M-tl darf Diese dxSe wird von ihrem Vater nach einer Probe 

erblicken ÖBXl J»esc zusammenfällt. Sie soll 

Ä iX^ScIw«^ angebe* Wie lieb sie den Vater l.t findet 
Tor einen anderen Ausdruck ihrer Liebe ^ den Vergleich mit dem 
tSL (Freundliche Mitteilung von Dr. Hanns Sachs.) 



31* 



484 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

spürt, und dir Wirkung des Spieles beruhe auf dem rein, 
formalen Momente der künstlerischen Einkleidung, acheint 
mir das Verständnis nicht zu ersetzen, welches uns durch 
die Würdigung des Motivs der Wahl zwischen den drei 
Schwestern eröffnet wird. 

Lear ist ein alter Mann. Wir sagten schon, darum er- 
scheinen die drei Schwestern nls seine Töchter. Das Vater- 
verhältnis, aus dem so viel fruchtbare dramatische Antriebe 
erf ließen könnten, wird im Drama, weiter nicht verwertet. 
Lear ist abei nicht nur ein Alter, sondern auch ein Ster- 
bender. Die so absonderliche Voraussetzung der Erbteilung 
verliert dann alles Befremdende. Dieser dem Tode Verfal- 
lene will aber auf die Liebe des Weibes nicht verzichten, 
er will hören, wie sehr er geliebt wird. Nun denke man an 
die erschütternde letzte Szene, einen der Höhepunkte der 
Tragik im modernen Drama: Lear trägt den Leichnam der 
Cordelia auf die Bühne. (ordelia ist der Tod. Wenn man 
die Situation umkehrt, wird sie uns verständlich und ver- 
traut. Es ist die Todesgöttin, die den verstorbenen Helden 
vom Kampfplätze wegträgt, wie die Walküre in der deut- 
schen Mythologie. Ewige Weisheit im (iewandc <\c^ uralten 
Mythus rät dem alten Manne, der l,iei>e zu entsagen, den 
Tod zu wählen, sich mit der Notwendigkeit des Sterbens zu 
befreunden. 

Der Dichter bringt uns das alte Motiv näher, indem er 
die Wald zwischen den drei Schwestern von einem Gealterten 
und Sterbenden vollziehen l&ßt. Die regressive Bearbeitung, 
die er so mit dem durch Wunschverwandlung entstellten 
Mythus vorgenommen, läßt dessen alten Sinn so weit durch- 
schimmern, daß uns vielleicht auch eine tla.ehenhafte, alle- 
gorische Deutung der drei Frauengest alten des Motivs er- 




XXVn. DAS MOTIV DER KÄSTCHENWAHL. 485 



niöglicht Wird. Man könnte sagen, es seien die drei für den 
Mann unvermeidlichen Beziehungen zum Weibe, die hier dar- 
gestellt sind: Die Gebäxerin, die Genossin und die Verder- 
berin. Oder die drei Formen, zu denen sich ihm das Bild 
der Mutter im Laufe des Lebens wandelt : Die Mutter selbst, 
die Geliebte, die er nach deren Ebenbild gewählt, und zuletzt 
die Mutter Erde, die ihn wieder aufnimmt. Der alte Mann 
aber hascht vergebens nach der Liebe des Weibes, wie er 
sie zuerst von 'der Mutter empfangen; nur die dritte der 
Schicksalsfrauen, die schweigsame Todesgöttin, wird ihn in 
ihre Arme nehmen. 



xxvm. 

ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD.*) 

I. DIE ENTTÄUSCriUNG DES KRIEGES. 

Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig uu- 
t< mclitet, ohne Distanz von den großen Veränderungen, die 
sich bereits vollzogen haben oder zu vollziehen beginnen, 
und ohne Witterung der sich gestaltenden Zukunft, werden 
wir selbst irre an der Bedeutung der Eindrücke, die sich uns 
aufdrängen, und an dem Werte der Urteile, die wir bilden. 
Es will uns scheinen, als hätte noch niemals ein Ereignis 
so viel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele 
der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlieh das Hohe 
erniedrigt. Selbst die Wissenschaft hat ihre leidenschafts- 
lose Unparteilichkeit verloren; ihre aufs tiefste erbitterton 
Diener suchen ihr Waffen zu entnehmen, um einen Beitrag 
zur Bekämpfung des Feindes zu leisten. Der Anthropologe 
muß den Gegner für minderwertig und degeneriert erklären, 
der Psychiater die Diagnose seiner (Jeisi.es- oder Scelen- 
störung verkünden. Aber wahrscheinlich empfinden wir das 
Böse dieser Zeit unmäßig stark und haben kein Recht, es 
mit dem Bösen anderer Zeiten zu vergleichen, die wir nicht 
erlebt haben. 

*) Imago, IV, 1915. (Seither ins Holländische und Kuglisch« 
übersetzt.) . . 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UKD TOD. 487 



Der Einzelne, der nicht selbst ein Kämpfer und somit 
ein Partikelchen der riesigen Kriegsmaschinerie geworden ist, 
fühlt sich in seiner Orientierung verwirrt und in seiner 
Leistungsfähigkeit gehemmt. Ich meine, ihm wird jeder 
kleine Wink willkommen sein, der es ihm erleichtert, sich 
wenigstens in seinem eigenen Innern zurechtzufinden. Unter 
den Momenten, welche das seelische Elend der Daheimgebhe- 
benen verschuldet haben, und deren Bewältigung ihnen so 
schwierige Aufgaben stellt, möchte ich zwei hervorheben und 
m dieser Stelle behandeln: Die Enttäuschung, che dieser 
Krieg hervorgerufen hat, und die veränderte Einstellung zum 
Tode, zu der er uns - wie alle anderen Kriege - notigt. 
Wenn ich von Enttäuschung rede, weiß jedermann sofort, 
was damit gemeint ist. Man braucht kein Mitleiclsschwarmer 
zu sein man kann die biologische und psychologische Not- 
wendigkeit des Leidens für die Ökonomie des Menschenlebens 
einsehen und darf doch den Krieg in seinen Mitteln und 
Zielen verurteilen und das Aufhören der Kriege herbeisehnen. 
Mi sagte sieb zwar, die Kriege könnten nicht au hören, 
T die Völker unter so verschiedenartigen Existenzbe- 

•Leu weit auseinandergehen, und solange die Gehässig- 
keiten, welche sie trennen, so starke seelische Triebkräfte 
repräsentieren. Man war also darauf vorbereitet, daß Kriege 
zwischen den primitiven und den zivilisierten Völkern, zwi- 
schen den Menschenrassen, die durch die Hautfarbe vonein- 
ander geschieden werden, ja Kriege mit und unter den wenig 
entwickelten oder verwilderten Völkerindividuen Europas die 
Menschheit noch durch geraume • Zeit in Anspruch nehmen 
werden. Aber man getraute sich etwas anderes zu hoffen. 
Von den -roßen weltbeherrschenden Nationen weißer Rasse, 



4S8 SCHRIFTEN ZUR N EUROS ENLKHRK. IV. 



denen die Führung des .Menschengeschlechtes zugefallen ist 
die man mit der Pflege weltumspannender Interessen be- 
schäftigt wußte, deren .Schöpfungen die technischen Fort- 
schritte in der Beherrschung der Natur wie die künstlerischen 
und wissenschaftlichen Kulturwerte sind, von diesen Völkern 
hatte man erwartet, daß sie es verstehen würden, Mißhellig- 
keiten und Interessenkonflikte auf anderem Wege zum Aus- 
trage zu bringen. Innerhalb jeder dieser Nationen waren hohe 
sittliche Normen für den einzelnen aufgestellt worden, nach 
denen er seine Lebensführung einzurichten hatte, wenn er 
an der Kulturgerucinschaft teilnehmen wollte. Diese oft über- 
strengen Vorschriften forderten viel von ihm, eine ausgiebige 
Selbst beschränkung, einen weitgehenden Verzieht auf Trieb- 
U >fri<xligung. Es war ihm vor allem versagt, sich der außer- 
ordentlichen Vorteile zu bedienen, die der Gebrauch von Lüge 
und Betrug im Wettkampfe mit den Nebenmenschen schafft. 
Der Kulturstaat hielt die.se .sittlichen Nonnen für die Grund- 
lage seines Bestandes, er schritt ernsthaft ein, wenn man 
sie anzutasten wagt.-, erk&rte es oft für untunlich, sie auch 
nur einer Prüfung durch den kritischen Verstand zu uutur- 
zichcn. Es war also anzunehmen, daß er sie selbst respek- 
tieren wolle und nichts gegen sie zu unternehmen gedenke, 
wodurch er der Begründung seiner eigenen Existenz wider- 
sprochen hätte. Endlieh konnte man zwar die Wahrnehmung 
machen, daß es innerhalb dieser Kulturnationen gewisse ein- 
gesprengte Völkerreste gäbe, die ganz allgemein unliebsam 
wären und darum nur widerwillig, auch nicht im vollen Um- 
fange, zur Teilnahme an der gemeinsamen Kulturarbeit zu- 
gelassen würden, für die sie sich als genug geeignet erwiesen 
hatten. Aber die großen Völker selbst, konnte man meinen, 
hätten so viel Verständnis für ihre Gemeinsamkeiten und so 



XXV1U. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 489 



viel Toleranz für ihre Verschiedenheiten erworben, daß „fremd" 
und „feindlich" nicht mehr wie noch im klassischen Alter- 
tume für sie zu einem Begriffe verschmelzen durften. 

Vertrauend auf diese Einigung der Kulturvölker haben 
ungezählte Menschen ihren Wohnort in der Heimat gegen 
den Aufenthalt in der Fremde eingetauscht und ihre Existenz, 
an die Verkehrsbeziehungen zwischen den befreundeten Völ- 
kern geknüpft. Wen aber die Not des Lebens nicht ständig 
an die nämliche Stelle bannte, der konnte sich aus allen 
Vorzügen und Reizen der Kulturländer ein neues größeres 
Vaterland zusammensetzen, in dem er sich ungehemmt lind 
unverdächtig! erging. Er genoß so da« blaue und das graue 
Meer, die Schönheit der Schneeberge und die der grünen 
Wiesenflächen, den Zauber des nordischen Waldes und die 
Pracht der südlichen Vegetation, die Stimmung der Land- 
schaften, auf denen große historische Erinnerungen ruhen, 
und die Stille der unberührten Natur. Dies neue Vaterland 
war für ihn auch ein Museum, erfüllt mit allen Schätzen, 
welche die Künstler der Kulturmenschheit seit vielen Jahr- 
hunderte geschaffen und hinterlassen hatten. Während er 
von einem Saale dieses Museums in einen anderen wanderte, 
konnte er in parteiloser Anerkennung feststellen, was für ver- 
schiedene Typen von Vollkommenheit Blutmischung, Ge- 
schichte und die Eigenart der Mutter Erde an seinen wei- 
teren Kompatrioten ausgebildet hatten. Hier war die kühle 
unbeugsame Energie aufs höchste entwickelt, dort die gm- 
ziÖ8 e Kunst, das Leben zu verschönern, anderswo der Sinn 
für Ordnung und Gesetz oder andere der Eigenschaften, die 
den Menschen zum Herrn der Erde gemacht haben. 

Vergessen wir auch nicht daran, daß jeder Kulturwelt- 
büvger Sieb einen besonderen „Parnaß" und eine „Schule von 



490 SCHRIFTEN Zl'K NEUROSEN LEU KK. IV. 



Athen" geschaffen hatte. Unter den großen Denkern. Dich- 
tem, Künstlern aller Nationen, hatte er die ausgewählt, denen 
er das Beste zu schulden vermeinte, was ihm an Lebensgenuß 
und Lcl>ensverständnis zugänglich geworden war, und sie den 
unsterblichen Alten in seiner Verehrung zugesellt wie den 
vertrauten Meistern seiner eigenen Zunge. Keiner von diesen 
Großen war ihm darum fremd erschienen, weil er in anderer 
Sprache geredet hatte, weder der unvergleichliche Ergründet- 
der menschlichen Leidenschaften, noch der sehönheitstrun- 
kene Schwärmer oder der gewallig drohende Prophet, der 
feinsinnige Spötter, und niemals wart er sich dabei vor. ab- 
trünnig geworden zu sein der eigenen Nation und der ge- 
liebten Muttersprache. 

Der Genuß der Kuli Urgemeinschaft wurde gelegentlieh 
durch Stimmen gestört, welche warnten, daß infolge altüber- 
kommencr Differenzen Kriege auch unter den Mitgliedern 
derselben unvermeidlich wären. Man wollte nicht daran glau- 
ben, aber wie stellte man sich einen solchen Krieg vor, wenn 
es dazu kommen sollte? Als eine Gelegenheit die Fortschritte 
im Gemeingefühle der Menschen aufzuzeigen seit jener Zeit, 
da. die griechischen Amphikl vonien verboten hatten, eine dem 
Bündnisse aiigehörige Stadt zu zerstören, ihre Ölbäume um- 
zuhauen und ihr das Wass,,- abzuschneiden. Als einen ritter- 
lichen Waffengang, der siel, darauf beschranken wollte, die 
Überlegenheit des einen Teiles festzustellen, unter möglich- 
ster Vermeidung schwerer Leiden, die zu dieser Entscheidung 
nichts beitragen könnten, mit voller Schonung für den Ver- 
wundeten, der aus dem Kampfe ausscheiden muß, und für 
den Arzt und Pfleger, der sich seiner Herstellung widmet. 
Natürlich mit allen Kücksichten für den nicht kriegführen- 
den Teil der Bevölkerung, für die Frauen, die dem Kriegs- 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 491 



handwerk ferne bleiben, und für die Kinder, die, herange- 
wachsen, einander von beiden Seiten Freunde und Mithelfer 
werden sollen. Auch mit Erhaltung all der internationalen 
Unternehmungen und Institutionen, in denen sich die Kul- 
tiirgemeinsckaft der Friedenszeit verkörpert hatte. 

Ein solcher Krieg hätte immer noch genug des Schreck- 
lichen und schwer zu Ertragenden enthalten, aber er hätte 
die Entwicklung ethischer Beziehungen zwischen den Groß- 
individuen der Menschheit, den Völkern und Staaten, nicht 

unterbrochen. 

Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun 
aus und er brachte die - Enttäuschung. Er ist nicht nur 
blutiger und verlustreicher als einer der Kriege vorher, in- 
folge der mächtig vervollkommneten Waffen des Angriffes 
und der Verteidigung, sondern mindestens ebenso grausam, 
erbittert, schonungslos wie irgend ein früherer. Er setzt sich 
über alte Einschränkungen hinaus, zu denen man sich in 
friedlichen Zeiten verpflichtet, die man das Völkerrecht ge- 
nannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des Verwunden 
«nd m Arztes, die Unterscheidimg des friedlichen und des 
köpfenden Teiles der Bevölkerung, die Ansprüche des J'n- 
vateigentumes. Er wirft nieder, was ihm im Wege steht, in 
blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden 
unter den Menschen nach ihm geben. Er zerreißt alle Bande 
der Gemeinschaft unter den miteinander ringenden Völkern 
„nd droht eine Erbitterung zu hinterlassen, welche eine Wie- 
deranknüpfung derselben für lange Zeit unmöglich machen 

mT Er brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum 
Vorscheine daß die Kulturvölker einander so wenig kennen 
und verstehen, daß sich das eine mit Haß und Abscheu 



492 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



gegen das andere wenden kann. Ja, daß eine der großen 
Kulturnationen so allgemein mißliebig ist, daß der Versuch 
gewagt werden kann, sie als „barbarisch" von der Kultur- 
gemeinschaft auszuschließen, obwohl sie ihre Eignung durch 
die großartigsten Bcitrngslcistungen längst erwiesen hat. Wir 
leben der Hoffnung, eine unparteiische Geschichtsschreibung 
werde den Nachweis erbringen, daß gerade diese Nation, die. 
in deren Sprache wir schreiben, für deren Sieg unsere Lieben 
kämpfen, eich am wenigsten gegen die Gesetze der mensch- 
lichen Gesittung vergnügen habe, aber wer darf in solcher 
Zeit als Richter auftreten in eigener Sache? 

Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bil- 
den, repräsentiert ; diese Staaten durch die Regierungen, die 
sie leiten. Der einzelne YV>lks.uigehörige kann in diesem 
Kriege mit Schrecken feststellen, was sieh ihm gelegentlich 
schon in Friedenszeiten aufdrängen wollte, daß der Staat 
dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechtes untersagt hat, 
nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopoli- 
sieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende Staat 
gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den 
Einzelnen entehren würde. Er bedient sich nicht nur der 
erlaubten List, sondern auch der bewußten Lüge und des 
absichtlichen Betruges gegen den Feind, und dies zwar in. 
einem Maße, welches das in früheren Kriegen Gebräuchliche 
zu übersteigen scheint, Der Staat fordert das Äußerste an 
Gehorsam und Aufopferung von seinen Bürgern, entmündigt 
sie aber dabei durch ein Übermaß von Verheimlichung und 
eine Zensur der Mitteilung und Meinungsäußerung, welche 
die Stimmung der so intellektuell Unterdrückten wehrlos 
macht gegen jede ungünstige Situation und jedes wüste Ge- 
rücht. Er löst sich los von Zusicherungen und Verträgen 



XXVIII. ZEITGEMASSES ÜBER KRIEG UND TOD. 493 



durch die er sich gegen andere Staaten gebunden hatte, be- 
kennt sich ungescheut zu seiner Habgier und seinem Macht- 
streben, die dann der Einzelne aus Patriotismus gutheißen soll. 
Man wende nicht ein, daß der Staat auf den Gebrauch 
des Unrechtes nicht verzichten kann, weil er sich dadurch 
in Nachteil setzte. Auch für den Einzelnen ist die Befolgung 
der sittlichen Normen, der Verzicht auf brutale Machtbe- 
tätigung in der Eegel sehr unvorteilhaft, und der Staat zeigt 
sich nur selten dazu fähig, den Einzelnen für das Opfer zu 
entschädigen, das er von ihm gefordert hat. Man darf sich 
auch nicht darüber verwundern, daß die Lockerung aller sitt- 
lichen Beziehungen zwischen den Großindividuen der Mensch- 
heit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit der Einseinen ge- 
äußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeugsame 
Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem 
Ursprünge „soziale Angst« 4 und nichts anderes. Wo die 
Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt, hört auch die Unter- 
drückung der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen 
Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Roheit, deren 
Möglichkeit man in ihrem kulturellen Niveau für unvereinbar 

gehalten hätte. . „#«w 

So mag der Kulturweltbürger, den ich vorhin eingeführt 

habe, r&tlos dastehen in der ihm fremd gewordenen Welt, 
sein großes Vaterland zerfallen, die gemeinsamen Besitztümer 
verwüstet, die Mitbürger entzweit und erniedrigt! 

Zur Kritik seiner Enttäuschung wäre einiges zu bemer- 
ken Sic ist, strenge genommen, nicht berechtigt, denn sie 
besteht in der Zerstörung einer Illusion. Illusionen emp- 
fehlen sich uns dadurch, daß sie Unlustgefühlc ersparen und 
uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen. Wir müs< 
sen es dann ohne Klage hinnehmen, daß sie irgend einmal 



494 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

mit einem Stücke der Wirklichkeit zusammenstoßen, an dem 
sie zerschellen. 

Zweierlei in diesem Kriege hat unsere Enttäuschung rege 
gemacht: die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen, 
die sich »ach innen als die Wächter der sittlichen Normen 
gebärden, und. die Brutalität im Benehmen der Einzelnen, 
denen man als Teilnehmer an der höchsten menschlichen 
Kultur ähnliches nicht zugetraut hat. 

Beginnen wir mit dem zweiten Punkte und versuchen 
wir es, die Anschauung, die wir kritisieren wollen, in einen 
einzigen knappen Satz zu fassen. Wie stellt man sich denn 
eigentlich den Vorgang vor, durch welchen ein einzelner Mensch 
zu einer höheren Stufe von Sittlichkeit gelangt? Die erste 
Antwort wird wohl lauten: Er ist eben von Geburt und von 
Anfang an gut und edel. Sie soll hier weiter nicht berück- 
sichtigt werden. Eine zweite Antwort wird auf die Anregung 
eingehen, daß hier ein Entwicklungsvorgang vorliegen müsse, 
und wird wohl annehmen, diese Entwicklung bestehe darin, 
daß die bösen Neigungen des Menschen in ihm ausgerottet 
und unter dem Einflüsse von Erziehung und Kulturumgebuug 
durch Neigungen zum Outen ersetzt werden. Dann darf man 
sich allerdings verwundern, daß bei dem so Erzogenen das 
Böse wieder so tatkraftig zum Vorschein kommt, 

Aber diese Antwort enthüll auch den Satz, dem wir 
widersprechen wollen. In Wirklichkeit gibt es keine „Aus- 
rottung" des Bösen. Die psychologische — im strengeren 
Sinne die psychoanalytische — Untersuchung zeigt vielmehr, 
daß das tiefste Wesen des Menschen in Triebregungen be- 
steht, die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig 
sind und auf die Befriedigung gewisser ursprünglicher Be- 
dürfnisse zielen. Diese Triebregungen sind an sich weder 




XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 495 

gut noch böse. Wir klassifizieren sie und ihre Äußerungen 
in solcher Weise, je nach ihrer Beziehung zu den Bedürf- 
nissen und Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft. 
Angegeben ist, daß alle die Regungen, welche von der Ge- 
sellschaft als böse verpönt werden — nehmen wir als Ver- 
tretung derselben die eigensüchtigen und die grausamen — 
sich unter diesen primitiven befinden. 

Diese primitiven Regungen legen einen langen Entwick- 
lungsweg zurück, bis sie zur Betätigung beim Erwachsenen 
zugelassen werden. Sie werden gehemmt, auf andere Ziele 
und Gebiete gelenkt, gehen Verschmelzungen miteinander 
ein, wechseln ihre Objekte, wenden sich zum Teile gegen die 
eigene Person. Reaktionsbildungen gegen gewisse Triebe täu- 
schen die inhaltliche Verwandlung derselben vor, als ob aus 
Egoismus — Altruismus, aus Grausamkeit — Mitleid gewor- 
don wäre. Diesen Reaktionsbildungen kommt zugute, daß 
manche Triebregungen fast von Anfang an in Gegensatz- 
paaren auftreten, ein sehr merkwürdiges und der populären 
Kenntnis fremdes Verhältnis, das man die „Gefühlsambiyalenz" 
benannt hat. Am leichtesten zu beobachten und vom Verständ- 
nis zu bewältigen ist die Tatsache, daß starkes Lieben und 
starkes Hassen so häufig miteinander bei derselben Person 
vereint vorkommen. Die Psychoanalyse fügt dem zu, daß 
die beiden entgegengesetzten Gefühlsregungen nicht selten 
auch die nämliche Person zum Objekte nehmen. 

Erst nach Überwindung all solcher „Triebschicksale" 
stellt sich das heraus, was man den Charakter eines Men- 
schen nennt, und was mit „gut" oder „böse" bekanntlich nur 
sehr unzureichend klassifiziert werden kann. Der Mensch ist 
selten im ganzen gut oder böse, meist „gut" in dieser Rela- 
tion, böse in einer anderen oder „gut" unter solchen äußeren 



496 SCHRIFTEN ZUR NEUR08ENLEHRK. IV. 

Bedingungen, unter anderen entschieden „böse'". Interessant 
ist die Erfahrung, daß die kindliche Präexistenz starker 
„böser" Regungen oft geradezu die Bedingung wird für eine 
besonders deutliche Wendung des Erwachsenen zum „Gu- 
ten". Die stärksten kindlichen Egoisten können die hilfreich- 
sten und aufopferungsfähigsteu Bürger werden; die meisten 
Mitleidsschwärmer, Menschenfreunde, Tierschützer haben sich 
aus kleinen Sadisten und Tierquälern entwickelt. 

Die Umbildung der „bösen" Triebe ist das Werk zweier 
im gleichen Sinne wirkenden Faktoren, eines inneren Und 
eines äußeren. Der innere Faktor besteht in der Beeinflussung 
<ler bösen — sagen wir: eigensüchtigen Triebe durch die 
Erotik, das Liebesbedürfnis des Menschen im weitesten Sinne 
genommen. Durch die Zumischung der erotischen Kom- 
ponenten werden die eigensüchtigen Triebe in soziale um- 
gewandelt. Man lernt das tJeliebt werden als einen Vorteil 
schätzen, wegen dessen man auf andere Vorteile verzichten 
darf. Der äußere Faktor ist der Zwang der Erziehung, welche 
die Ansprüche der kulturellen Umgebung vertritt, und die 
d.uin durch die direkte Einwirkung des Kulturmilieus fort- 
gesetzt wird. Kuljur ist durch Verzicht auf Triebbefriedigung 
gewonnen worden und fordert von jedem neu Ankommenden, 
daß er denselben Triebverzicht leiste. Während des indivi- 
duellen Lebens findet eine bestündige Umsetzung von äußerem 
Zwange in inneren Zwang statt. Die Kultureinflüsse leiten 
dazu an. daß immer mehr von den eigensüohtigen Strebungen 
durch erotische Zusätze in altruistische, soziale verwandelt 
werden. Man darf endlieh annehmen, daß aller innere Zwang, 
der sich in der Entwicklung des Menschen geltend macht, 
ursprünglich, d. h. in der Menschheit sgeschichte nur 
äußerer Zwang war. Die Mensehen, die heute geboren werden, 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 497 

bringen ein Stück Neigung (Disposition) zur Umwandlung 
der egoistischen in soziale Triebe als ererbte Organisation 
mit, die auf leichte Anstöße hin diese Umwandlung durch- 
führt. Ein anderes Stück dieser Triebumwandlung muß im 
Leben selbst geleistet werden. In solcher Art steht der ein- 
zelne Mensch nicht nur unter der Einwirkung seines gegen- 
wärtigen Kulturmilieus, sondern unterliegt auch dem Einflüsse 
der Kulturgeschichte seiner Vorfahren. 

Heißen wir die einem Menschen zukommende Fähigkeit 
zur Umbildung der egoistischen Triebe unter dem Einflüsse 
der Erotik seine Kultureignung, so können wir aus- 
sagen, daß dieselbe aus zwei Anteilen besteht, einem ange- 
borenen und einem im Leben erworbenen, und daß das Ver- 
hältnis der beiden zueinander und zu dem unverwandelt ge- 
bliebenen Anteile des Trieblebens ein sehr variables ist. 

Im allgemeinen sind wir geneigt, den angeborenen Anteil 
zu hoch zu veranschlagen, und überdies laufen wir Gefahr, 
die gesamte Kultureignung in ihrem Verhältnisse zum pri- 
mitiv gebliebenen Triebleben zu überschätzen, d. h. wir wer- 
den dazu verleitet, die Menschen „besser" zu beurteilen, als 
sie in Wirklichkeit sind. Es besteht nämlich noch ein an- 
deres Moment, welches unser Urteil trübt und das Ergebnis 
im günstigen Sinne verfälscht. 

Die Triebregungen eines anderen Menschen sind unserer 
Wahrnehmung natürlich entrückt. Wir schließen auf sie aus 
seinen Handlungen und seinem Benehmen, welche wir auf 
Motive aus seinem Triebleben zurückführen. Ein solcher 
Schluß geht notwendigerweise in einer Anzahl von Fällen 
irre. Die nämlichen, kulturell „guten" Handlungen können 
das einemal von „edlen" Motiven herstammen, das andere- 
mal nicht. Die theoretischen Ethiker heißen nur solche 

Freud, Nenroienlehre. IV. 32 



498 SCHRIFTEN Zl'R NEUR0SENLEI1RE. IV. 



Handlungen „gut", welche der Ausdruck guter Triebregungou 
sind, dem anderen versagen sie ihre Anerkennung. Die von 
praktischen Absichten geleitete Gesellschaft kümmert sich 
aber im ganzen um diese Unterscheidung nicht; sie begnügt 
sieh damit, daß ein .Mensch sein Benehmen und seine Hand- 
lungen nach den kulturellen Vorschriften richte, und fragt 
wenig nach seinen Motiven. 

Wir haben gehört, daß der äußere Zwang, den Er- 
ziehung und Umgebung auf den Manschen üben, eine weitere 
Umbildung seines Trieblebens /.um (Juten, eine Wendung vom 
Egoismus zum Altruismus herbeiführt. Aber dies ist nicht 
die notwendige oder regelmäßige Wirkung des äußeren Zwan- 
ges. Erziehung und Umgebung haben nicht nur Liebesprä- 
mien anzubieten, sondern arbeiten auch mit Vorteilsprämicn 
anderer Art, mit Lohn und Strafen. Sic können also die Wir- 
kung Äußern* daß der ihrem Einflüsse Unterliegende sich 
zum guten Handeln im kulturellen Sinne entschließt, ohne 
daß sich eine Triebveredlung, eine Umsetzung egoistischer 
in soziale Neigungen, in ihm vollzogen hat. Der Erfolg wird 
im groben derselbe! sein; erst anter besonderen Verhältnissen 
wird es sich zeigen, daß der eine immer gut handelt, rweil 
ihn seine Triebneigungen dazu nötigen, ih-r andere nur gut 
ist, weil, insolange und insoweit «lies kulturelle Verhalten 
seinen eigensüeln igen Al.sichien Vorteile bringt. Wir aber 
werden bei oberflächlicher Bekanntschaft mit den Einzelnen" 
kein Mitte] haben, die beiden Fälle zu unterscheiden, und 
gewiß durch unseren Optimismus verführt werden, (die 
Anzahl der kulturell veränderten Menschen arg zu über- 
schätzen. 

Die Kuli Urgesellschaft, die die gute Handlung fordert 
und sieh um die !Triebbegrttndung derselben Dicht kümmert, 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KKIEG UND TOD. 499 

hat also eine große Zahl von Menschen zum Kulturgehorsam 
gewonnen, die dabei nicht ihrer Natur folgen. Durch diesen 
Erfolg ermutigt, hat sie sich verleiten lassen, die sittlichen 
Anforderungen möglichst hoch zu spannen und so ihre Teil- 
nehmer zu noch weiterer Entfernung von ihrer Triebveran- 
lagung gezwungen. Diesen ist nun eine fortgesetzte Trieb- 
imterdrückung auferlegt, deren Si>animng sich in den merk- 
würdigsten Reaktions- und Kompensationsersoheinungen kund- 
gibt. Auf dem Gebiete der Sexualität, wo solche Unter- 
drückung am wenigsten durchzuführen ist, kommt es so zu 
den Reaktionserscheinungen der neurotischen Erkrankungen. 
Der sonstige Druck der Kultur zeitigt zwar keine pathologi- 
sche Folgen, äußert sich aber in Charakterverbildungcn und 
in der steten Bereitschaft der gehemmten Triebe, bei passen- 
der Gelegenheit zur Befriedigung durchzubrechen. Wer so 
genötigt wird, dauernd im Sinne von Vorschriften zu reagieren, 
die nicht der Ausdruck seiner Triebneigungen sind, der lebt, 
psychologisch verstanden, über seine Mittel und darf objek- 
tiv als Heuchler bezeichnet werden, gleichgültig ob ihm diese 
Differenz klar bewußt worden ist oder nicht. Es ist unleug- 
bar daß unsere gegenwärtige Kultur die Ausbildung dieser 
Art von Heuchelei in außerordentlichem Umfange begünstigt. 
Man könnte die Behauptung wagen, sie sei auf solcher Heu- 
chelei aufgebaut und müßte sich tiefgreifende Abänderungen 
gefallen lassen, wenn es die Menschen unternehmen würden, 
der psychologischen Wahrheit nachzuleben. Es gibt also un- 
gleich mehr Kulturheuchler als wirklich kulturelle Menschen, 
ja man kann den Standpunkt diskutieren, ob ein gewisses 
Maß von Kulturheuchelei nicht zur Aufrechterhaltung der 
Kultur unerläßlich sei, weil die bereits organisierte Kultur- 
eignung der heute lebenden Menschen vielleicht für diese 

32* 



500 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

Leistung nicht zureichen würde. Anderseits bietet die Auf- 
rechterhaltung der Kultur auch auf so bedenklicher Grund- 
lage die Aussicht, bei jeder neuen Generation eine weiter- 
gehende Triebumbildung als Trägerin einer besseren Kultur 
anzubahnen. 

Den bisherigen Erörterungen entnehmen wir bereits den 
einen Trost, daß unsere Kränkung und schmerzliche Ent- 
täuschung wegen des ankulturellen Benehmens unserer Welt- 
mitbürger in diesem Kriege unberechtigt waren. Sie beruhten 
auf einer Illusion, der wir uns gefangen gaben. In Wirklich- 
keit sind sie nicht so lief gesunken, wie wir fürchten, weil 
sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wirs von ihnen 
glaubten. Daß die menschlichen (iroliindividuen, die Völker 
und Staaten, die sittlichen Beschränkungen gegeneinander 
fallen ließen, wurde ihnen zur begreiflichen Anregung, sich 
für eine Weile dem bestehenden Drucke der Kultur zu ent- 
ziehen und ihren zurückgehaltenen Trieben vorübergehend 
Befriedigung zu gönnen. Dabei geschah ihrer relativen Sitt- 
lichkeit innerhalb des eigenen Volkstums wahrscheinlich kein 
Abbruch. 

Wir können uns al>cr da« Verständnis der Veränderung, 
die der Krieg an unseren früheren Kompatrioten zeigt, noch 
vertiefen und empfangen dabei eine Warnung, kein Unrecht 
au ihnen zu begehen. Seelische Kntwiekhingcn besitzen näm- 
lich eine Eigentümlichkeit, welche sich bei keinem anderen 
J'Int Wicklungsvorgang mehr vorfindet. Wenn ein Dorf zur 
Stadt, ein Kind zum Manne heranwächst, so gehen dabei 
Dorf und Kind in Stadt und Mann unter. Nur die Erinnerung 
kann die alten Züge in das neue Bild einzeichnen; in Wirk- 
lichkeit sind die alten Materialien oder Formen beseitigt und 
durch neue ersetzt worden. Anders geht es bei einer seelischen 




XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 501 



Entwicklung- zu. -Mau kann den nicht zu vergleichenden Sach- 
verhalt nicht anders beschreiben als durch die Behauptung, 
daß jede frühere Entwicklungsstufe neben der späteren, die 
aus ihr geworden ist, erhalten bleibt; die Sukzession bedingt 
eine Koexistenz mit, obwohl es doch dieselben Materialien 
sind, an denen die ganze Reihenfolge von Veränderungen ab- 
gelaufen ist. Der frühere seelische Zustand mag sich jahre- 
lang nicht geäußert haben, er bleibt doch soweit bestehen, 
daß er eines Tages wiederum die Äußerungsform der seeli- 
schen Kräfte werden kann, und zwar die einzige, als ob alle 
späteren Entwicklungen annulliert, rückgängig gemacht wor- 
den wären. Diese außerordentliche Plastizität der seelischen 
Entwicklungen ist in ihrer Richtung nicht unbeschränkt; 
man kann sie als eine besondere Fälligkeit zur Rückbildung 
— Regression — bezeichnen, denn es kommt wohl vor, daß 
eine spätere und höhere Entwicklungsstufe, die verlassen 
wurde, nicht wieder erreicht werden kann. Aber die pri- 
mitiven Zustände können immer wieder hergestellt wer- 
den; das primitive Seelische ist im vollsten Sinne un- 
vergänglich. 

Die sogenannten Geisteskrankheiten müssen beim Laien 

den Eindruck hervorrufen, daß das Geistes- und Seelenleben 
der Zerstörung anheimgefallen sei. In Wirklichkeit betrifft 
die Zerstörung nur spätere Erwerbungen und Entwicklungen. 
Pas Wesen der Geisteskrankheit besteht in der Rückkehr 
zu früheren Zuständen des Affektlebens und der Funktion. 
Kin ausgezeichnetes Beispiel für die Plastizität des Seelen- 
lebens gibt der Schlaf zustand, den wir allnächtlich anstreben. 
Seitdem wir auch tolle und verworrene Träume zu übersetzen 
verstehen, wissen wir, daß wir mit jedem Einschlafen unsere 
mühsam erworbene Sittlichkeit wie ein Gewand von uns 



502 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



werfen — um <\s am Moroni wieder anzutun. Diese Ent- 
blößung ist natürlich ungefälirlicli. weil wir durch den Schlaf - 
zustand gelähmt, zur Inaktiviiüt verurteilt sind. Nur der 
Traum kann von der Kcgivssion unseres ( iel'ühllebons auf 
eine der frühesten Entwicklungsstufen Kunde geben. So ist 
es z. B. bemerkenswert, dnJJ alle unsere Träume von rein 
egoistischen Motiven beherrscht werden. Kiner meiner eng- 
lischen Freunde vertrat einmal diesen Satz vor einer wissen- 
schaftlich. 1, Versammlung in Amerika, worauf ihm eine an- 
wesende Dame die Bemerkung machte, das möge vielleicht 
für Österreich richtig sein, aber sie dürfe von sich und ihren 
Freunden lx'hauptcn, daß sie auch noch im Traume altruistisch 
fühlen. Mein freund, obwohl .selbst ein Angehöriger der eng- 
lischen Rasse, müßte auf Grund seiner eigenen Erfahrungen 
in der Traum.in.dys,. der Dam.- energisch widersprechen: Im 
Traume sei and, die edle Ann rikanerin ebenso egoistisch wie 
der Österreicher. 

Es kann also auch die Triebumbildung, auf welcher un- 
sere Kulturci-nung beruht, durch Einwirkungen des Lebens 
— dauernd oder zeitweilig — rückgängig gemacht werden. 
Ohne Zweif.d gehören die Einflüsse des Krieges zu den Mach- 
ten, welche solche Rückbildung erzeugen können, und darum 
brauchen wir nicht ;i n,. M ,,.,„.,,, die sich gegenwartig Un- 
kulturen benehmen, die Kultureignung abzusprechen, und dür- 
fen erwarten, daß sich ihre Triebveredlung in ruhigeren Zeilen 
wieder herstellen wird. 

Vielleicht bat uns aber ein anderes .Symptom bei un- 
seren Weltmitbüigcrn nicht weniger überrascht und geschreckt 
als das so schmerzlich empfundene Herabsinken von ihrer 
ethischen Höhe, Ich meine die l-unsichtslosigkeit, die sich 
bei den besten Köpfen zeigt. Ihre Verstocktheit, Unzugäng- 



XXVIII. ZEITGEMASSES ÜBER KRIEG UND TOD. 503 



liohkeit gegen die eindringlichsten Argumente, ihre kritiklose 
Leichtgläubigkeit für die anfechtbarsten Behauptungen. Dies 
ergibt freilich ein trauriges Bild, und ich will ausdrücklich 
betonen, daß ich keineswegs als verblendeter Parteigänger 
alle intellektuellen Verfehlungen nur auf einer der beiden 
Seiten finde. Allein diese Erscheinung ist noch leichter zu 
erklären und weit weniger bedenklich als die vorhin gewür- 
digte. Menschenkenner und Philosophen haben uns längst 
belehrt, daß wir Unrecht daran tun, unsere Intelligenz als 
selbständige Macht zu schätzen und ihre Abhängigkeit vom 
Gefühlsleben zu übersehen. Unser Intellekt könne nur ver- 
läßlich arbeiten, wenn er den Einwirkungen starker Gefühls- 
regungen entrückt sei; im gegenteiligen Falle benehme er 
sich einfach wie ein Instrument zu Händen eines Willens 
und liefere das Resultat, das ihm von diesem aufgetragen 
sei. Logische Argumente seien also ohnmächtig gegen affek- 
tive Interessen, und darum sei das Streiten mit Gründen, 
die nach Falstaffs Wort so gemein sind wie Brombeeren, 
in der Welt der Interessen so unfruchtbar. Die psychoana- 
lytische Erfahrung hat diese Behauptung womöglich noch 
unterstrichen. Sie kann alle Tage zeigen, daß sich die scharf- 
sinnigsten Menschen plötzlich einsichtslos wie Schwachsin- 
nige benehmen, sobald die verlangte Einsicht einem Gefühls- 
widerstand bei ihnen begegnet, aber auch alles Verständnis 
wieder erlangen, wenn dieser Widerstand überwunden ist. 
Die logische Verblendung, die dieser Krieg oft gerade bei 
tlen besten unserer Mitbürger hervorgezaubert hat, ist 
also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühls- 
erregung, und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu ver- 
schwinden. 

Wenn wir solcher Art unsere uns entfremdeten Mitbürger 



504 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHBK. IV. 



wieder verstehen, werden wir die Enttäuschung, die uns die 
Großindividuen der Menschheit, die Völker, bereitet haben, 
um vieles leichter ertragen, denn an diese dürfen wir nur 
weit bescheidenere Ansprüche stellen. Dieselben wiederholen 
vielleicht die Entwicklung der Individuen und treten uns 
heute noch auf sehr primitiven Stufen der Organisation, der 
Bildung höherer Einheilen, entgegen. Dementsprechend ist 
das erziehliehe .Moment, des äußeren Zwanges zur Sittlichkeit, 
welches wir beim IDillZdI&en so wirksam landen, bei ihnen 
i.i.h kaum naehweislvir. Wir hatten /.war gehofft, daß die 
großartige, durch Verkehr und Produktion hergestellte In- 
teressengemeinschaft den Anfang eines solchen Zwanges er- 
geben werde, allein es scheint, die Völker gehorchen ihren 
Leidenschaften derzeit, weit mehr als ihren Interessen. Sie 
bedienen sich höchstens der Interessen, um die Leidenschaften 
zu rationalisieren; sie •ohielxm ihre Interessen vor, um 
die Befriedigung ihrer Leidenschaften begründen zu können. 
Warum die Völkerindividuen einaadsx eigentlich geringschät- 
zen, hassen, verabscheuen, und zwar auch in Friedenszeiten, 
und jede Nation die andere, das ist freilich rätselhaft. Ich 
weiß es nicht zu sagen. Fs ist. in diesem Falle gerade so, 
als ob sich alle sittlichen Frwerbungen der Finzelnen aus- 
löschten, wenn man eine Mehrheit oder gar Millionen Hin- 
sehen zusammennimmt, und nur die primitivsten, ältesten 
und rohesten, seelischen Einstellungen übrig blieben. Au 

diesen bedauerliches Verhältnissen werden vielleicht erst 

späte Entwicklungen etwas ändern können. Alx-r etwas mehr 
Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit allerseits, in den Bezie- 
hungen der Menschen zueinander und zwischen ihnen und 
den sie Regierenden, dürfte auch für diese Umwandlung die 
Wege ebnen. 






XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBEß KRIEG UND TOD. 505 

IL UNSER VERHÄLTNIS ZUM TODE. 

Das zweite Moment, von dem ich es ableite, daß wir uns 
so befremdet fühlen in dieser einst so schönen und trauten 
Welt, ist die Störung des bisher von uns festgehaltenen Ver- 
hältnisses zum Tode. 

Dies Verhältnis war kein aufrichtiges. Wenn man uns 
anhörte, so waren wir natürlich bereit zu vertreten, daß der 
Tod der notwendige Ausgang alles Lebens sei, daß jeder von 
uns der Natur einen Tod schulde und vorbereitet sein müsse, 
die Schuld zu bezahlen, kurz, daß der Tod natürlich sei, un- 
ablcugbar und unvermeidlich. In Wirklichkeit pflegten wir 
uns aber zu benehmen, als ob es anders wäre. Wir haben 
die unverkennbare Tendenz gezeigt, den Tod beiseite zu schie- 
ben, ihn aus dem Leben zu eliminieren. Wir haben versucht, 
ihn totzuschweigen ; wir besitzen ja auch das Sprichwort : 
man denke au etwas wie an den Tod. Wie an den eigenen 
natürlich. Der eigene Tod ist ja auch unvorstellbar, und so 
oft wir den Versuch dazu machen, können wir bemerken, 
daß wir eigentlich als Zuschauer weiter dabei bleiben. So 
konnte in der psychoanalytischen Schule der Ausspruch ge- 
wagt werden: Im Grunde glaube niemand an seinen eigenen 
Tod oder, was dasselbe ist: Im Unbewußten sei jeder von 
ans seiner Unsterblichkeit überzeugt. 

Was den Tod eines anderen betrifft, so wird der Kultur- 
mensch es sorgfältig vermeiden, von dieser Möglichkeit zu 
sprechen, wenn der zum Tode Bestimmte es hören kann. Nur 
Kinder setzen sich über diese Beschränkung hinweg; sie dro- 
hen einander ungescheut mit den Chancen des Sterbens und 
bringen es auch zu stände, einer geliebten Person dergleichen 
ins Gesicht zu sagen, wie z. B. : Liebe Mama, wenn du leider 
gestorben sein wirst, werde ich dies oder jenes. Der erwach- 



506 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

sene Kultivierte wird den Tod eines linderen auch nicht gern 
in seine Gedanken einsetzen, ohne sich hart oder böse zu 
erscheinen: es sei denn, daß er berufsmäßig als Arzt, Ad- 
vokat u. dgl. mit dem Tode zu tun habe. Am wenigsten wird 
er sich gestatten, an den Tod des anderen zu denken, wenn 
mit diesem Ereignis ein Gewinn an Freiheit, Besitz, Stellung 
verbunden ist. Natürlich lassen sich Todesfälle durch dies 
unser Zartgefühl nicht zurückhalten; wenn sie sich ereignet 
haben, sind wir jedesmal tief ergriffen und wie in unseren 
Erwartungen erschüttert. Wir betonen regelmäßig die zufäl- 
lige Veranlassung des Todes, den Unfall, die Erkrankung, 
die Infektion, das hohe Alter, und verraten so unser Bestreben, 
den Tod von einer Notwendigkeil zu einer Zufälligkeit herab- 
zudrücken. Eine Häufung von Todesfällen erseheint uns als 
etwas überaus Schreckliches. Dem Verstorbenen selbst brin- 
gen wir ein besonderes Verhalten entgegen, fast wie eine 
Bewunderung für einen, der etwas sehr Schwieriges zu stände 
gebracht hat. Wir stellen die Kritik gegen ihn ein. sehen 
ihm sein etwaiges Unrecht nach, gehen den Befehl aus: De 
mortuis nil nisi bene, und finden es gerechtfertigt, daß man 
ihm in der Leichenrede und auf dein Grabsteine das Vor- 
teilhafteste nachrühmt. Die Rücksicht auf den Toten, deren 
er doch nicht mehr bedarf, steht uns über der Wahrheit, den 
meisten von uns gewiß auch über der Rücksicht für den Le- 
benden. 

Diese kulturell-konventionelle Einstellung gegen den Tod 
ergänzt sich nun durch unseren völligen Zusammenbruch, 
wenn das Sterben eine der uns nahestehenden Personen, einen 
Eltern- oder Gattenteil, ein Geschwister, Kind oder teuren 
Freund getroffen hat. Wir begraben mit ihm unsere Hoff- 
nungen, Ansprüche. Genüsse, lassen uns nicht trösten und 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 507 

weigern uns, den Verlorenen zu ersetzen. Wir benehmen uns 
dann wie eine Art von Asra, welche mit sterben, wenn 
die sterben, die sie lieben. 

Dies unser Verhältnis zum Tode hat aber eine starke 
Wirkung auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert 
an Interesse, wenn der höchste Einsatz in den Leben sspielen, 
eben das Leben selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird 
so schaal, gehaltlos wie etwa ein amerikanischer Flirt, bei 
dorn es von vornherein feststeht, daß nichts vorfallen darf, 
zum Unterschied von einer kontinentalen Liebesbeziehung, bei 
welcher beide Partner stets der ernsten Konsequenzen ein- 
gedenk bleiben müssen. Unsere Gcfühlsbindungcn, die un- 
erträgliche Intensität unserer Trauer, machen uns abgeneigt, 
für uns und die unserigen Gefahren aufzusuchen. Wir ge- 
trauen uns nicht, eine Anzahl von Unternehmungen in Be- 
tracht zu ziehen, die gefährlich, aber eigentlich unerläßlich 
sind wie Flugversuche, Expeditionen in ferne Länder, Ex- 
perimente mit explodierbaren Substanzen. Uns lähmt dabei 
das Bedenken, wer der Mutter den Sohn, der Gattin den 
Mann, den Kindern den Vater ersetzen soll, wenn ein Un- 
' glück geschieht. Die Neigung, den Tod aus der Lebensrech- 
nung auszuschließen, hat so viele andere Verzichte und Aus- 
schließungen im Gefolge. Und doch hat der Wahlspruch der 
Hansa gelautet: Navigare necesse est, vivere non necessel 
(Seefahren muß man, leben muß man nicht.) 

Es kann dann nieht anders" kommen, als daß wir in der 
Welt der Fiktion, in der Literatur, im Theater Ersatz suchen 
für die Einbuße des Lebens. Dort finden wir noch Menschen, 
die zu sterben verstehen, ja, die es auch zu stände bringen, 
einen anderen zu töten. Dort allein erfüllt sich uns auch 
die Bedingung, unter welcher wir uns mit dem Tode ver- 



508 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



Bohnen könnten, wenn wir nämlich hinter allen Wechselfällen 
dea Lebens noch ein unantastbares Leben übrig behielten. 
Es ist doch zu traurig,' daß es im Leben zugehen kann wie 
im Schachspiel, wo ein falscher Zug uns zwingen kann, die 
Partie verloren zu geben, mit dem Unterschiede aber, daß 
wir keine zweite, keine Beronohepartie beginnen können. Auf 
dem Gebiete der Fiktion finden wir jene Mehrheit von Leben, 
deren wir bedürfen. Wir sterben in der Identifizierung mit 
dem einen Helden, überleben ihn aber docli und sind bereit, 
ebenso ungeschädigt ein zweites Mal mit einem anderen Hel- 
den zu sterben. 

Es ist evident, daß der Krieg diese konventionelle .Be- 
handlung des Todes hinwegfegen muß. Der Tod läßt sich 
jetzt nicht mehr verleugnen; man maß an ihn glauben. Du: 
Menschen sterben wirklich, auch nicht mehr einzeln, sondern 
viele, oft Zehntausende an einem Tag''. Er ist auch kein 
Zufall mehr. Es scheint freilich noch zufällig, ob diese Kugel 
den einen trifft oder den anderen; aber diesen anderen mag 
leicht eine zweite Kugel treffen, die Häufung macht dem 
Eindruck des Zufälligen ein Ende. Das Leben ist freilich 
wieder interessant geworden, es hat seinen vollen Inhalt wie- 
der bekommen. 

Man müßte hier eine Scheidung in zwei Gruppen vor- 
nehmen, diejenigen, die selbst im Kampfe ihr Leben preis- 
geben, trennen von den anderen, die zu Hause geblieben sind 
und nur zu erwarten haben, einen ihrer Lieben an den Tod 
durch Verletzung, Krankheit oder Infektion zu verlieren. Es 
wäre gewiß sehr interessant, die Veränderungen in der Psy- 
chologie der Kampfer zu studieren, aber ich weiß zu wenig 
darüber. Wir müssen uns an die zweite Gruppe halten, zu 
der wir selbst gehören. Ich sagte schon, daß ich meine, ,die 









XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 509 



Verwirrung und die Lähmung- unserer Leistungsfähigkeit, un- 
ter denen wir leiden, seien wesentlich mitbestimmt durch den 
Umstand, daß wir unser bisheriges Verhältnis zum Tode nicht 
aufrecht halten können und ein neues noch nicht gefunden 
haben. Vielleicht hilft es uns dazu, wenn wir unsere psycho- 
logische Untersuchung auf zwei andere Beziehungen zum Tode 
ri eilten, auf jene, die wir dem Urmenschen, dem Menschen der 
Vorzeit, zuschreiben dürfen, und jene andere, die in jedem 
vo:i uns noch erhalten ist, aber sich unsichtbar für unser Be- 
wußtsein in tieferen Schichten unseres Seelenlebens verbirgt. 

Wie sich der Mensch der Vorzeit gegen den Tod ver* 
halten, wissen wir natürlich nur durch Rückschlüsse und 
Konstruktionen, aber ich meine, daß diese Mittel uns ziem- 
lich vertrauenswürdige Auskünfte ergeben haben. 

Der Urmensch ha.t sich in sehr merkwürdiger Weise zum 
Tode eingestellt. Gar nicht einheitlich, vielmehr recht wider- 
spruchsvoll. Er hat einerseits den Tod ernst genommen, ihn 
als Aufhebung des Lebens anerkannt und sich seiner in die- 
sem Sinne bedient, anderseits aber auch den Tod geleugnet, 
ihn zu nichts herabgedrückt. Dieser Widerspruch wurde durch 
den umstand ermöglicht, daß er zum Tode des anderen, des 
Fremden, des Feindes, eine radikal andere Stellung einnahm 
als jro seinem eigenen. Der Tod des anderen war ihm recht, 
galt ihm als Vernichtung des Verhaßten, und der Urmensch 
kannte kein Bedenken, ihn herbeizuführen. Er war gewiß ein 
sehr leidenschaftliches Wesen, grausamer und bösartiger als 
andere Tiere. Er mordete gerne und wie selbstverständlich. 
Den Instinkt, der andere Tiere davon abhalten soll, Wesen 
der gleichen Art zu töten und zu verzehren, brauchen wir 
ihm nicht zuzuschreiben. 

Die Urgeschichte der Menschheit ist denn mich vom 



510 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEIIRE. IV. 



Morde erfüllt. Noch heute ist das, was unsere Kiudcr in der 
Schule als Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Rei- 
henfolge von Völkermorden. Das dunkle Schuldgefühl, unter 
dem die Menschheit seit Urzeiten steht, das sich in manchen 
Religionen zur Annahme einer Ur schuld, einer Erbsünde, 
verdichtet hat, ist wahrscheinlich der Ausdruck einer Blut- 
schuld, mit welcher sich die urzeitliche Menschheit beladen 
hat. Ich habe in meinem Buch« 1 „Totem und Tabu" (1913), 
den Winken von W. Robertson Smith, Atkinson und Ch. 
Darwin folgend, die Natur dieser alten Schuld erraten 
wollen, und mein«', daJJ noch die heutige christliche Lehre 
uns den Rückschiuli auf sie ermöglich! . Wenn Gottes Sohn 
sein Leben opfern mußte, um die Menschheit von der Erb- 
sünde zu erlösen, so muß nach der Hegel der Talion, der 
Vergeltung durch Gleiches, diese Sünde eine Tötung, ©in 
Mord gewesen sein. Nur dies konnte zu seiner Sühne das 
Opfer eines Lebens erfordern. Und wenn die Erbsünde ein 
Verschulden gegen Gott -Vater war, so muß «las älteste Ver- 
brechen der Menschheit ein Vatermord gewesen sein, die 
Tötung des Urvaters der primitiven Menschenhorde, dessen 
Erinnerungsbild später zur Gottheit, verklärt wurde.*) i 

Der eigene Tod war dem Urmenschen gewiß ebenso un- 
vorstellbar und unwirklich, wie heule noch jedem von uns. 
Es ergab sich aber für ihn ein Fall, in dem die beiden gegen- 
setzlichen Einstellungen zum Tod« zusammenstießen und in 
Konflikt miteinander gerieten, und < lieser Fall wurde sehr 
bedeutsam und reich an fernwirkenden Folgen. Er ereignete 
sich, wenn der Urmensch einen seiner Angehörigen sterben 
sah, sein Weib, sein Kind, seinen Freund, die er sicherlich 

*) Vgl. Imago, Ed. II., 1913. (Die inüuililo Wiederkehr des 
Totemismus.) 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 511 

ähnlich liebte wie wir die unseren, denn die Liebe kann nicht 
um vieles jünger sein als die Mordlust. Da mußte er in 
seinem Schmerz die Erfahrung machen, daß man auch selbst 
sterben könne, und sein ganzes Wesen empörte sich gegen 
dieses Zugeständnis; jeder dieser Lieben war ja doch ein 
Stück seines eigenen geliebten Ichs. Anderseits war ihm ein 
solcher Tod doch auch recht, denn in jeder der geliebten 
Personen stak auch ein Stück Fremdheit. Das Gesetz der 
Gefühlsambivalenz, das heute noch unsere Gefühlsbeziehun- 
gen zu den von uns geliebtesten Personen beherrscht, galt 
in Urzeiten gewiß noch uneingeschränkter. Somit waren diese 
geliebten Verstorbenen doch auch Fremde und Feinde ge- 
wesen, die einen Auteil von feindseligen Gefühlen bei ihm 
hervorgerufen hatten.*) 

Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle ."Rät- 
sel, welches das Bild des Todes dem Urmenschen aufgab, 
habe sein Nachdenken erzwungen und sei der Ausgang jeder 
Spekulation geworden. Ich glaube, die Philosophen denken 
da zu — philosophisch, nehmen zu wenig Eücksicht auf die 
primär wirksamen Motive. Ich möchte darum die obige Be- 
hauptung einschränken und korrigieren: an der Leiche des 
erschlagenen Feindes wird der Urmensch triumphiert haben, 
ohne einen Anlaß zu finden, sich den Kopf über die Rätsel 
des Lebens und Todes zu zerbrechen. Nicht das intellek- 
tuelle Eätsel und nicht jeder Todesfall, sondern der Ge- 
l'ühlskonflikt beim Tode geliebter und dabei doch auch frem- 
der und gehaßter Personen hat die Forschung der Menschen 
entbunden. Aus diesem Gefühlskonflikt wurde zunächst die 
Psychologie geboren. Der Mensch konnte den Tod nicht mehr 



*) Siehe Imago, Bd. I, 1912, Tabu und Ambivalenz. Und „Totem, 
und Tabu". 



512 SCHRIFTEN ZUR NEUROSEN LEHRE. IV. 



von sich ferne halten, da er ihn in dein Schmer/, um den 
Verstorbenen verkostet halt«, aber er wollte ihn doch nicht 
zugestehen, da er sich selbst nicht tot vorstellen konn,te. 
So ließ er sich auf Kompromisse ein, gab den Tod auch für 
sich zu, bestritt ihm aber die Bedeutung der Lebensver- 
nichtung, wofür ihm beim Tode des Feindes jedes Motiv 
gefehlt hatte. An der Leiche der geliebten Person ersann 
er die Geister, und sein Schuldbewußtsein ob der Befriedi- 
gung, die der Trauer beigemengt war, bewirkte, daß diese 
erstgeschaffenen Geisler böse Dämonen wurden, vor denen 
man sich ängstigen mußte. Die Veränderungen des Todes 
legten ihm die Zerlegung des Individuums in einen Leib und 
in eine — ursprünglich mehrere — Seelen nahe ; in solcher 
Weise ging sein Gedankengang dem Zer.set/.ungsprozeß, den 
der Tod einleitet, parallel. Die fortdauernde Erinnerung" an 
den Verstorbenen wurde die Grundlage der Annahme anderer 
Existenzformen, gab ihm die Idee eines Forllebons nach dem 
anscheinenden Tode. 

Diese späteren Existenzen waren anfänglich nur Anhängsel 
an die durch den Tod abgeschlossene, schattenhaft, inhalts- 
leer und bis in späte Zeiten hinauf geringgeschätzt; sie trugen 
noch den Charakter kümmerlicher Auskünfte. Wir erinnern, 
was die Seele des Aehilleus dem Odysseus erwidert: 
„Denn dich Lebenden einst verehrten wir, gleich den Göttern, 
Argos Söhn'; und jetzo gobiotoat du mächtig den Geistern. 
Wohnend allhier. Drum laß dich don Tod nicht roucn, Aehilleus. 
Also ich seibat; und sogleich antwortet' er, solches erwidernd; 
Nicht mir rede vom Tod ein Trostwort, edler Odysseus! 
Lieber ja wollt' ich das Feld als Titgelöhm-r bestellen 
Einem dürftigen Mann, ohn" Erb' und eigenen Wohlstand, 
Ala die sämtliche Schar der geschwundenen 'loten beherrschen." 

(Odyssee XI v. 484—491.) 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KlilEG UND TOD. 513 



Oder in der kraftvollen, bitter-parodistischen Fassung von 

H. Heine: ^ kleingte leidige Philister 

Zu Stuckert am Neckar 
Viel glücklicher ist er 
Als ich, der Pelide, der tote Held, 
Der Schattenfürst in der Unterwelt." 

Erst später brachten es die Religionen zu stände, diese 
Nachexistenz für die wertvollere, vollgültige auszugeben und 
das durch den Tod abgeschlossene Leben zu einer bloßen 
Vorbereitung herabzudrücken. Es war dann nur konsequent, 
wenn man auch das Leben in die Vergangenheit verlängerte, 
die früheren Existenzen, die Seelenwanderung und Wieder- 
geburt ersann, alles in der Absicht, dem Tode seine Bedeu- 
tung als Aufhebung des Lebens zu rauben. So frühzeitig hat 
die Verleugnung des Todes, die wir als konventionell-kulturell 
bezeichnet haben, ihren Anfang genommen. 

An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur 
die Seelenlehre; der Unsterblichkeitsglaube und eine mächtige 
Wurzel des menschlichen Schuldbewußtseins, sondern auch 
die ersten ethischen Gebote. Das erste und bedeutsamste 
Verbot des erwachenden Gewissens lautete: Du sollst 
nicht töten. Es war als die Reaktion gegen die hinter 
der Trauer versteckte Haßbefriedigung am geliebten Toten 
gewonnen worden, und wurde allmählich auf den ungeliebten 
Fremden und endlich auch auf den Feind ausgedehnt. 

An letzterer Stelle wird es vom Kulturmenschen nicht 
mehr verspürt. Wenn das wilde Ringen dieses Krieges seine 
Entscheidung gefunden hat, wird jeder der siegreichen Kämp- 
fer froh in sein Heim zurückkehren, zu seinem Weibe und 
Kindern, unverweilt und ungestört durch Gedanken an die 
Feinde, die er im Nahkampfe oder durch die fernwirkende 

Fieud, Ncurosenlehie. IV. 8S 



514 SCHRIFTEN ZUR NEl/ROSENLEHKE. IV. 

Waffe getötet hat. Es ist bemerkenswert, daß sich die primi- 
tiven Völker, die noch auf der Erde leben und dem .Ur- 
menschen gewiß näher stehen als wir, in diesem Punkte an- 
ders verhalten — oder verhalten haben, solange sie noch 
nicht den Einfluß unserer Kultur erfahren hatten. Der Wilde 
— Australier, Buschmann, Feuerländer — ist keineswegs ein 
reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade heim- 
kehrt, darf er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht 
berühren, ehe er seine kriegerischen Mordtaten durch oft lang- 
wierige und mühselige Bußen gesühnt hat. Natürlich liegt 
die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe; der Wilde fürch- 
tet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die Geister 
der erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Aus- 
druck seines bösen Gewissens ob seiner Blutschuld; hinter 
diesem Aberglauben verbirgt sich ein Stück ethischer Fein- 
fühligkeit, welches uns Kulturmenschen verloren gegangen 
ist.*) 

Fromme Seelen, welche unser Wesen gerne von der Be- 
rührung mit Bösem und Gemeinem ferne wissen möchten, 
werden gewiß nicht versäumen, aus der Frühzeitigkeit und 
Eindringlichkeit des Mordverbotes befriedigende Schlüsse zu 
ziehen auf die Stärke ethischer Regungen, welche uns ein- 
gepflanzt sein müssen. Leider beweist dieses Argument noch 
mehr für das Gegenteil. Ein so starkes Verbot kann sich 
nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines 
Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten**), 
es schließt sich von selbst aus. Gorade die Betonung des 
Gebotes: Du sollst nicht töten, macht uns sicher, daß wir 



") S. Imago, Bd. II. 1. c. 
**) Vgl. die glänzende Argumentation von Fracor in Imii£o 1. c. und 
„Totem und Tabu". 



XXVm. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 5] 5 

von einer unendlich langen Generatronsreihe von Mördern ab- 
stammen, denen die Mordlust, wie vielleicht noch uns selbst, 
im Blute lag. Die ethischen Strebungen der Menschheit, an 
deren Stärke und Bedeutsamkeit man nicht zu nörgeln braucht, 
sind ein Erwerb der Menschengeschichte; in leider sehr wech- 
selndem Ausmaße sind sie dann zum ererbten Besitze der 
heute lebenden Menschheit geworden. 

Verlassen wir nun den Urmenschen und wenden wir uns 
dem Unbewußten im eigenen Seelenleben zu. Wir fußen hier 
ganz auf der Untersuchungsmethode der Psychoanalyse, der 
einzigen, die in solche Tiefen reicht. Wir fragen: wie verhält 
sich unser Unbewußtes zum Problem des Todes? Die Ant- 
wort muß lauten : fast genau so wie der Urmensch. In dieser 
wie in vielen anderen Hinsichten lebt der Mensch der Vor- 
zeit ungeändert in unserem Unbewußten fort. Also unser 
Unbewußtes glaubt nicht an den eigenen Tod, es gebärdet 
sich wie unsterblich. Was wir unser „Unbewußtes" heißen, 
die tiefsten, aus Triebregungen bestehenden Schichten un- 
serer Seele, kennt überhaupt nichts Negatives, keine Ver- 
neinuno- — Gegensätze fallen in ihm zusammen — und kennt 
darum auch nicht den eigenen Tod, dem wir nur einen nega- 
tiven Inhalt geben können. Dem Todesglauben kommt also 
nichts Triebhaftes in uns entgegen. Vielleicht ist dies sogar 
das Geheimnis des Heldentums. Die rationelle Begründung 
des Heldentums ruht auf dem Urteile, daß das eigene Leben 
nicht so wertvoll sein kann wie gewisse abstrakte und all- 
gemeine Güter. «Aber ich meine, häufiger dürfte das instink- 
tive und impulsive Heldentum sein, welches von solcher Moti- 
vierung absieht und einfach nach der Zusicherung des An- 
zengruberschen Steinklopferhanns: Es kann dir nix 
g'scheh'n, den Gefahren trotzt, Oder jene Motivierung dient 

33* 



516 SCHRIFTEN Z UR NEUROSENLEHKE, IV. 

nur dazu, die Bedenken wegzuräumen, welche die dem Un- 
bewußten entsprechende heldenhafte Reaktion hintanhalten 
können. Die Todesangst, unter deren Herrschaft wir häufiger 
stehen, als wir selbst wissen, ist dagegen etwas Sekundäres, 
und meist aus Schuldbewußtsein hervorgegangen. 

Anderseits anerkennen wir den Tod für Fremde und Feinde 
und verhängen ihn über sie ebenso bereitwillig und unbe- 
denklich wie der Urmensch. Hier zeigt sich freilich ein Un- 
terschied, den man in der Wirklichkeit für entscheidend er- 
klären wird. Unser Unbewußtes führt die Tötung nicht aus, 
es denkt und wünscht sie bloß. Aber es wäre unrecht, diese 
psychische Realität im Vergleiche zur faktischen so 
ganz zu unterschätzen. Sie ist bedeutsam und folgenschwer 
genug. Wir beseitigen in unseren unbewußten Regungen täg- 
lich und stündlich alle, die uns im Wege stehen, die uns 
beleidigt und geschädigt haben. Das „Hol' ihn der Teufel", 
das sich so häufig in scherzendem Unmutc über unsere Lippsn 
drängt, und das eigentlich sagen will: Hol' ihn der Tod, in 
unserem Unbewußten ist es ernsthafter, kraftvoller Todes- 
wunsch. Ja, unser Unbewußtes mordet selbst für Kleinig- 
keiten; wie die alte athenische Gesetzgebung des Drakon 
kennt es für Verbrechen keine andere Strafe als den Tod, 
und dies mit einer gewissen Konsequenz, denn jede Schädi- 
gung unseres allmächtigen und selbstherrlichen Ichs ist im 
Grunde ein crimen laesae majestatis. 

So sind wir auch selbst, wenn man uns nach unseren 
unbewußten Wunschregungen beurteilt, wie die Urmenschen 
eine Rotte von Mördorn. Es ist ein Glück, daß alle diese 
Wünsche nicht die Kraft besitzen, die ihnen die Menschen 
in Urzeiten noch zutrauten*); in dem Kreuzfeuer der gegen- 



*) Vgl. über „Allmacht der Gedanken" in Imago und „Totem u. Tabu", 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 517 

seitigen Verwünschungen wäre die Menschheit längst zugrunde 
gegangen, die besten und weisesten der Männer darunter wie 
die schönsten und holdesten der Frauen. 

Mit Aufstellungen wie diesen findet die Psychoanalyse 
bei den Laien meist keinen Glauben. Man weist sie als Ver- 
leumdungen zurück, welche gegen die Versicherungen des 
Bewußtseins nicht in Betracht kommen, und übersieht ge- 
schickt die geringen Anzeichen, durch welche sich auch das 
Unbewußte dem Bewußtsein zu verraten pflegt. Es ist darum 
am Platze darauf hinzuweisen, daß viele Denker, die nicht 
von der Psychoanalyse beeinflußt sein konnten, die Bereit- 
schaft unserer stillen Gedanken, mit Hinwegsetzung über das 
Mordverbot zu beseitigen, was uns im Wege steht, deutlich 
genug angeklagt haben. Ich wähle hiefür ein einziges berühmt 
gewordenes Beispiel an Stelle vieler anderer: 

Im „Pere Goriot" spielt Balzac auf eine Stelle in den 
Werken J. J. Rousseaus an, in welcher dieser Autor den 
Leser fragt, was er wohl tun würde, wenn er — ohne Paris 
zu verlassen und natürlich ohne entdeckt zu werden — einen 
alten Mandarin in Peking durch einen bloßen Willensakt 
töten könnte, dessen Ableben ihm einen großen Vorteil ein- 
bringen müßte. Er läßt erraten, daß er das Leben dieses 
Würdenträgers für nicht sehr gesichert hält. „Tue»r son man- 
darin" ist dann sprichwörtlich worden für diese geheime Be- 
reitschaft auch der heutigen Menschen. 

Es gibt auch eine ganze Anzahl von zynischen Witzen 
und Anekdoten, welche nach derselben Eichtung Zeugnis ab- 
legen wie z. B. die dem Ehemanne zugeschriebene Äußerung: 
Wenn einer von uns beiden stirbt, übersiedle ich nach Paris. 
Solche zynische Witze wären nicht möglich, wenn sie nicht 
eine verleugnete Wahrheit mitzuteilen hätten, zu der man 



518 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



sich nicht bekennen darf, wenn sie ernsthaft und unverhüllt 
ausgesprochen wird. Im Scherz darf man bekanntlich sogar 
die Wahrheit sagen. 

Wie für den Urmenscheu, so ergibt sich auch für unser 
Unbewußtes ein Fall, in dem die beiden entgegengesetzten 
Einstellungen gegen den Tod, die eine, welche ihn als Le- 
bensvernichtung anerkennt, und die andere, die ihn als un- 
wirklich verleugnet, zusammenstoßen und in Konflikt ge- 
raten. Und dieser Fall ist der nämliche wie in der Urzeit 
der Tod oder die Todesgefahr eines unserer Lieben, eines 
Eltern- oder Gattenteils, eines Geschwisters, Kindes oder lie- 
ben Freundes. Diese Lieben sind uns einerseits ein innerer 
Besitz, Bestandteile unseres eigenen Ichs, anderseits aber 
auch teilweise Fremde, ja Feinde. Den zärtlichsten und in- 
nigsten unserer Liebesbeziehungen hängt mit Ausnahme ganz 
weniger Situationen ein Stückchen Feindseligkeit an, welches 
den unbewußten Todeswunsch anregen kann. Aus diesem Am- 
bivalenzkonflikt geht aber nicht wie dereinst die Seelenlehre 
•und die Ethik hervor, sondern die Neurose, die uns tiefe 
Einblicke auch in das normale Seelenleben gestattet. Wie 
häufig haben die psychoanalytisch behandelnden Ärzte mit 
dem Symptom der überzärtlichen Sorge um das Wohl der 
Angehörigen oder mit völlig unbegründeten Sclbstvorwürfen 
nach dem Tode einer geliebten Person zu tun gehabt. Das 
Studium dieser Vorfälle hat ihnen über die Verbreitung und 
Bedeutung der unbewußten Todeswünschc keinen Zweifel ge- 
lassen. 

Der Laie empfindet ein außerordentliches Grauen vor 
dieser Gefühlsmöglichkeit und nimmt diese Abneigung als 
legitimen Grund zum Unglauben gegen die Behauptungen der 
Psychoanalyse. Ich meine mit Unrecht. Es wird keine Herab- 



XXVIII. ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD 519 

setzung unseres Liebeslebens beabsichtigt, und es liegt auch 
keine solche vor. Unserem Verständnis wie unserer Empfin- 
dung liegt es freilich ferne, Liebe und Haß in solcher Weise 
miteinander zu verkoppeln, aber indem die Natur mit diesem 
Gegensatzpaar arbeitet, bringt sie es zu stände, die Liebe 
immer wach und frisch zu erhalten, um sie gegen den hinter 
ihr lauernden Haß zu versichern. Man darf sagen, die schön- 
sten Entfaltungen unseres Liebeslebens danken wir der Re- 
aktion gegen den feindseligen Impuls, den wir in unserer 

Brust verspüren. 

Resümieren wir nun: unser Unbewußtes ist gegen die 
Vorstellung des eigenen Todes ebenso unzugänglich, gegen 
den Fremden ebenso mordlustig, gegen die geliebte Person 
ebenso zwiespältig (ambivalent) wie der Mensch der Urzeit. 
Wie weit haben wir uns aber in- der konventionell-kulturellen 
Einstellung gegen den Tod von diesem Urzustände entfernt 1 

Es ist leicht zu sagen, wie der Krieg in diese Entzwei- 
ung eingreift. Er streift uns die späteren Kulturauflagerun- 
gen ab und läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein 
kommen. Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den 
eigenen Tod nicht glauben können; er bezeichnet uns die 
Fremden als Feinde, deren Tod man herbeiführen oder her- 
beiwünschen soll; er rät uns, uns über den Tod geliebter 
Personen hinwegzusetzen. Der Krieg ist aber nicht abzu- 
schaffen; solange die Existenzbedingungen der Völker so ver- 
schieden und die Abstoßungen unter ihnen so heftig sind, 
wird es Kriege geben müssen. Da erhebt sich denn die Frage : 
Sollen wir nicht diejenigen sein, die nachgeben und sich ihm 
anpassen? Sollen wir nicht zugestehen, daß wir mit unserer 
kulturellen Einstellung zum Tode psychologisch wieder ein- 
mal über unseren Stand gelebt haben, und vielmehr umkehren 



52Ü 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



und die Wahrheit fatieren? Wäre es nicht besser, dem Tode 
den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken ein- 
zuräumen, der ihm gebührt, und unsere unbewußte Einstel- 
lung zum Tode, die wir bisher so sorgfältig unterdrückt haben, 
ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheint das keine Höher- 
leistung zu sein^ eher ein Rückschritt in manchen Stücken, 
eine Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit 
mehr Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder erträg- 
licher zu machen. Das Leben zu ertragen, bleibt ja doch die 
erste Pflicht aller Lebenden. Die Illusion wird wertlos, wenn 
sie uns darin stört. 

Wir erinnern uns des alten Spruches : 

Si vis pacem, para bellum'. 
(Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Kriege.) 
Es wäre zeitgemäß, ihn abzuändern: 

Si vis vitam, para mortem. 
(Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den 

Tod ein.) 









XXIX. 

EINIGE CHARAKTERTYPEN 
AUS DER PSYCHOANALYTISCHEN ARBEIT.*) 

Wenn der Arzt die psychoanalytische Behandlung eines 
Nervösen durchführt, so ist sein Interesse keineswegs in erster 
Linie auf dessen Charakter gerichtet. Er möchte viel eher 
■wissen, was seine Symptome bedeuten, welche Triebregungen 
sich hinter ihnen verbergen und durch sie befriedigen, und 
über welche Stationen der geheimnisvolle Weg von jenen 
Triebwünschen zu diesen Symptomen geführt hat. Aber die 
Technik, der er folgen muß, nötigt den Arzt bald, seine Wiß- 
begierde vorerst auf andere Objekte zu richten. Er bemerkt, 
daß seine Forschung durch Widerstände bedroht wird, die 
ihm der Kranke entgegensetzt, und darf diese Widerstände 
dem Charakter des Kranken zurechnen. Nun hat dieser Cha- 
rakter den ersten Anspruch an sein Interesse. 

Was sich der Bemühung des Arztes widersetzt, sind 
nicht immer die Charakterzüge, zu denen sich der Kranke 
bekennt, und die ihm von seiner Umgebung zugesprochen 
•werden. Oft zeigen sich Eigenschaften des Kranken bis zu 
ungeahnten Intensitäten gesteigert, von denen er nur ein be- 
scheidenes Maß zu besitzen schien, oder es kommen Einstel- 
lungen bei ihm zum Vorschein, die sich in anderen Beziehun- 



*) Imago IV, 1915/16. 



522 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENI/EFTRE. IV. 

gen des Lebens nicht verraten hatten. Mit der Beschreibung 
und Zurückführung einiger von diesen überraschenden Charak- 
terzügen werden sich die nachstehenden Zeilen beschäftigen. 

I. 
DIE AUSNAHMEN. 

Die psychoanalytische Arbeit sieht sich immer wieder 
vor die Aufgabe gestellt, den Kranken zum Verzicht auf 
einen naheliegenden und unmittelbaren Lustgewinn zu be- 
wegen. Er soll nicht auf Lust überhaupt verzichten; das 
kann man vielleicht keinem Menschen zumuten, und selbst 
die Religion muß ihre Forderung, irdische Lust fahren zu 
lassen, mit dem Versprechen begründen, dafür ein ungleich 
höheres Maß von wertvollerer Lust in einem Jenseits zu ge- 
währen. Nein, der Kranke soll bloß auf solche Befriedigungen 
verzichten, denen eine Schädigung unfehlbar nachfolgt, er 
soll bloß zeitweilig entbehren, nur den unmittelbaren Lust- 
gewinn gegen einen besser gesicherten, wenn auch aufge- 
schobenen, eintauschen lernen. Oder mit anderen Worten, 
er soll unter der ärztlichen Leitung jenen Fortschritt vom 
Lustprinzip zum Realitätsprinzip machen, durch 
welchen sich der reife Mann vom Kinde scheidet. Bei diesem 
Erziehungswerk spielt die bessere Einsicht des Arztes kaum 
eine entscheidende Rolle; er weiß ja in der Regel dem Kran- 
ken nichts anderes zu sagen, als was diesem sein eigener Ver- 
stand sagen kann. Aber es ist nicht dasselbe, etwas bei sich 
zu wissen und dasselbe von anderer Seite zu hören; der Arzt 
übernimmt die Rolle dieses wirksamen Anderen; er bedient 
sich des Einflusses, den ein Mensch auf den anderen ausübt. 
Oder: erinnern wir uns daran, daß es in der Psychoanalyse 
üblich ist, das Ursprüngliche und Wurzelhafte an Stelle des 









XXIX. CHARAKTERTTPEN AUS DER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 593 

Abgeleiteten und Gemilderten einzusetzen, und sagen wir, der 
Arzt bedient sich bei seinem Erziehungwerk irgend einer Kom- 
ponente der Liebe. Er wiederholt bei solcher Nacherziehung 
wahrscheinlich nur den Vorgang, der überhaupt die erste Er- 
ziehung ermöglicht hat. Neben der Lebensnot ist die Liebe 
die große Erzieherin, und der unfertige Mensch wird durch 
die Liebe der ihm Nächsten dazu bewogen, auf die Gebote 
der Not zu achten und sich die Strafen für deren Übertretung 
zu ersparen. 

Fordert man so von den Kranken einen Vorlauf igen Ver- 
zicht auf irgend eine Lustbefriedigung, ein Opfer, eine Bereit- 
willigkeit, zeitweilig für ein besseres Ende Leiden auf sich 
zu nehmen, oder auch nur den Entschluß, sich einer für alle 
geltenden Notwendigkeit zu unterwerfun, so stößt man auf 
einzelne Personen, die sich mit einer besonderen Motivierung 
gegen solche Zumutung sträuben. Sie sagen, sie haben genug 
gelitten und entbehrt, sie haben Anspruch darauf, von wei- 
teren Anforderungen verschont zu werden, sie unterwerfen 
sich keiner unliebsamen Notwendigkeit mehr, denn sie seien 
Ausnahmen und gedenken es auch zu bleiben. Bei einem 
Kranken solcher Art war dieser Anspruch zu der Überzeugung 
gesteigert, daß eine besondere Vorsehung über ihn wache, die 
ihn vor derartigen schmerzlichen Opfern bewahren werde. 
Gegen innere Sicherheiten, die sich mit solcher Stärke äußern, 
richten die Argumente des Arztes nichts aus, aber auch sein 
Einfluß versagt zunächst, und er wird darauf hingewiesen, 
den Quellen nachzuspüren, aus welchen das schädliche Vor- 
urteil gespeist wird. 

Nun ist es wohl unzweifelhaft, daß ein jeder sich für 
eine Ausnahme" ausgeben und Vorrechte vor den anderen 
beanspruchen möchte. Aber gerade darum bedarf es einer be- 



524 SCHRIFTEN ZUR NEUROSEN LEHRE. IV. 

sonderen und nicht überall vorfindlichen Begründung, wenn 
er sich wirklich als Ausnahme verkündet und benimmt. Es 
inag mehr als nur eine solche Begründung geben; in den 
von mir untersuchten Fällen gelang es, eine gemeinsame 
Eigentümlichkeit der Kranken in deren früheren Lebens- 
schicksalen nachzuweisen: Ihre Neurose knüpfte an ein 
Erlebnis oder an ein Leiden an, das sie in den ersten Kinder- 
zeiten betroffen hatte, an dem sie sich unschuldig wußten, 
und das sie als eine ungerechte Benachteiligung ihrer Person 
bewerten konnten. Die Vorrechte, die sie aus diesem Un- 
recht ableiteten, und die Unbotmäßigkcit, die sich daraus 
ergab, hatten nicht wenig dazu beigetragen, um die Kon- 
flikte, die später zum Ausbruche der Neurose führten, zu 
verschärfen. Bei einer dieser Patientinnen wurde die bespro- 
chene Einstellung zum Leben vollzogen, als sie erfuhr, daß 
ein schmerzhaftes organisches Leiden, welches sie an der 
Erreichung ihrer Lebensziele gehindert hatte, kongenitalen 
Ursprungs war. Solange sie dieses Leiden für eine zufällige 
spätere Erwerbung hielt, ertrug sie es geduldig; von ihrer 
Aufklärung an, es sei ein Stück mitgebrachter Erbschaft, 
wurde sie rebellisch. Der junge Mann, der sich von einer 
besonderen Vorsehung bewacht glaubte, war als Säugling das 
Opfer einer zufälligen Infektion durch seine Amme geworden 
und hatte sein ganzes späteres Leben von seinen Entschädi- 
gungsansprüchen wie von einer Unfallsrente gezehrt, ohne 
zu ahnen, worauf er seine Ansprüche gründete. In, seinem 
Falle wurde die Analyse, welche dieses Ergebnis aus dunklen 
Erinnerungsrosten und Symptomdeutungen konstruierte, durch 
Mitteilungen der Familie objektiv bestätigt. 

Aus leicht verständlichen Gründen kann ich von diesen 
und anderen Krankengeschichten ein mehreres nicht mit- 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSYCHO AN ALYT. ARBEIT. 525 



teilen. Ich will auch auf die naheliegende Analogie mit der 
Charakterverbildung nach langer Kränklichkeit der Kinder- 
jahre und im Benehmen ganzer Völker mit leidenschwerer 
Vergangenheit nicht eingehen. Dagegen werde ich es mir 
nicht versagen, auf jene von dem größten Dichter geschaffene 
Gestalt hinzuweisen, in deren Charakter der Ausnahmsan- 
spruch mit dem Momente der kongenitalen Benachteiligung 
so innig verknüpft und durch dieses motiviert ist. 

Im einleitenden Monolog zu Shakespeares Richard III. 
sagt Gloster, der spätere König: 

„Doch ich, zu Possenspielen nicht gemacht, 
Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln; 
Ich, roh geprägt, entblößt von Liebes-Majestät 
Vor leicht sich dreh'nden Nymphen sich zu brüsten; 
Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt-, 
Von der Natur um Bildung falsch betrogen, 
Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt 
In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig 
Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend, 
Daß Hunde bellen, hink' ich wo vorbei; 



Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter 
Kann kürzen diese fein beredten Tage, 
Bin ich gewillt ein Bösewicht zu werden 
Und Feind den eitlen Freuden dieser Tage." 

Unser erster Eindruck von dieser ProgTammrede wird 
vielleicht die Beziehung zu unserem Thema vermissen. Richard 
scheint nichts anderes zu sagen als : Ich langweile mich in 
dieser müßigen Zeit und ich will mich amüsieren. Weil ich 
aber wegen meiner Mißgestalt mich nicht als Liebender un- 
terhalten kann, werde ich den Bösewicht spielen, intrigieren, 
morden, und was mir sonst gefällt. Eine so frivole Moti- 
vierung müßte jede »Spur von Anteilnahme beim Zuschauer 



526 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

ersticken, wenn sich nichts Ernsteres hinter ihr verbärge. 
Dann wäre aber auch das Stück psychologisch unmöglich, 
denn der Dichter muß bei uns einen geheimen Hintergrund 
von Sympathie für seinen Helden zu schaffen verstehen, wenn 
wir die Bewunderung für seine Kühnheit und Geschicklichkeit 
ohne inneren Einspruch vorspüren sollen, und solche Sym- 
pathie kann nur im Verständnis, im Gefühle einer möglichen 
inneren Gemeinschaft mit ihm, begründet sein. 

Ich meine darum, der Monolog Richards sagt nicht alles ; 
er deutet bloß an und unterläßt es uns, das Angedeutete aus- 
zuführen. Wenn wir aber diese Vervollständigung vornehmen, 
dann schwindet der Anschein von Frivolität, dann kommt 
frie Bitterkeit und Ausführlichkeit, mit der Richard seine 
Mißgestalt geschildert hat, zu ihrem Rechte, und uns wird 
die Gemeinsamkeit klar gemacht, die unsere Sympathie auch 
für den Bösewicht erzwingt. Es heißt dann: Die Natur hat 
ein schweres Unrecht an mir begangen, indem sie mir die 
Wohlgestalt versagt hat, welche die Liebe der Menschen ge- 
winnt. Das Leben ist mir eine Entschädigung dafür schuldig, 
die ich mir holen werde. Ich habe den Anspruch darauf, eine 
Ausnahme zu sein, mich über die Bedenken hinwegzusetzen, 
durch die sich andere hindern lassen. Ich darf selbst Un- 
recht tun, denn an mir ist Unrecht geschehen, — und nun 
fühlen wir, daß wir selbst so werden könnten wie Richard, 
ja daß wir es im kleinen Maßstabe bereits sind. Richard 
ist eine gigantische Vergrößerung dieser einen Seite, die wir 
auch in uns finden. Wir glauben alle Grund zu haben, daß 
wir mit Natur und Schicksal wegen kongenitaler und infan- 
tiler Benachteiligung grollen ; wir fordern alle Entschädigung 
für frühzeitige Kränkungen unseres Narzißmus, unserer Eigen- 
liebe. Warum hat uns die Natur nicht die goldenen Locken 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSY CHOANALYT. ARBEIT. 537 

Balders geschenkt oder die Stärke Siegfrieds oder die hohe 
Stirne des Genies, den edlen Gesichtsschnitt des Aristokraten? 
Warum sind wir in der Bürgerstube geboren anstatt im Königs- 
schloß? Wir würden es ebenso gut treffen, schön und vor- 
nehm zu sein, wie alle, die wir jetzt darum beneiden müssen. 

Es ist aber eine feine ökonomische Kunst des Dichters, 
daß er seinen Helden nicht alle Geheimnisse seiner Moti- 
vierung laut und restlos aussprechen läßt. Dadurch nötigt 
er 11ns, sie zu ergänzen, beschäftigt unsere geistige Tätigkeit, 
lenkt sie vom kritischen Denken ab, und hält uns in der 
Identifizierung mit dem Helden fest. Ein Stümper an seiner 
Stelle würde alles, was er uns mitteilen will, in bewußten 
Ausdruck fassen und fände sich dann unserer kühlen, frei 
beweglichen Intelligenz gegenüber, die eine Vertiefung der 
Illusion unmöglich macht. 

Wir wollen aber die „Ausnahmen" nicht verlassen, ohne 
zu bedenken, daß der Anspruch der Frauen auf Vorrechte 
und Befreiung von so viel Nötigungen des Lebens auf dem 
selben Grunde ruht. Wie wir aus der psychoanalytischen 
Arbeit erfahren, betrachten sich die Frauen als infantil ge- 
schädigt, ohne ihre Schuld um ein Stück verkürzt und zu- 
rückgesetzt, und die Erbitterung so mancher Tochter gegen 
ihre Mutter hat zur letzten Wurzel den Vorwurf, daß sie sie 
als Weib anstatt als Mann zur Welt gebrächt hat. 

II. 

DIE AM ERFOLGE SCHEITERN. 

Die psychoanalytische Arbeit hat uns den Satz geschenkt : 

Die Menschen erkranken neurotisch infolge der Versagung. 

Die Versagung der Befriedigung für ihre libidinösen Wünsche 

ist gemeint, und ein längerer Umweg ist nötig, um den Satz 



528 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

zu verstehen. Denn zur Entstehung der Neurose bedarf es 
eines Konfliftes zwischen den libidinösen Wünschen eines 
Menschen und jenem Anteil seines Wesens, den wir sein Ich 
heißen, der Ausdruck seiner Selbsterhaltungstriebe ist und 
seine Ideale von seinem eigenen Wesen einschließt. Ein sol- 
cher pathogener Konflikt kommt nur dann zu stände, wenn 
sich die Libido auf Wege und Ziele werfen will, die vom 
Ich längst überwunden und geächtet sind, die es also auch 
für alle Zukunft verboten hat, und das tut die Libido erst 
dann, wenn ihr die Möglichkeit einer ich gerechten idealen 
Befriedigung benommen ist. Somit wird die Entbehrung, die 
Versagung einer realen Befriedigung die erste Bedingung für 
die Entstehung der Neurose, wenn auch lange nicht die 
einzige. 

Um so mehr muß es überraschend, ja verwirrend wirken, 
wenn man als Arzt die Erfahrung macht, daß Menschen ge- 
legentlich gerade dann erkranken, wenn ihnen ein tief be- 
gründeter und lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen 
ist. Es sieht dann so aus, als ob sie ihr Glück nicht ver- 
tragen würden, denn an dem ursächlichen Zusammenhange 
zwischen dem Erfolge und der Erkrankung kann man nicht 
zweifeln. So hatte ich Gelegenheit, in das Schicksal einer 
Frau Einsicht zu nehmen, das ich als vorbildlich für solche 
tragische Wendungen beschreiben will. 

Von guter Herkunft und wohlerzogen, konnte sie als ganz 
junges Mädchen ihre Lebenslust nicht zügeln, riß sich vom 
Elternhause los und trieb sich abenteuernd in der Welt her- 
um, bis sie die Bekanntschaft eines Künstlers machte, der 
ihren weiblichen Reiz zu schätzen wußte, aber auch die feinere 
Anlage an der Herabgewürdigten zu ahnen verstand. Er nahm 
sie in sein Haus und gewann an ihr eine treue Lebensge- 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS D ER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 529 

fährtin, der zum vollen Glück nur die bürgerliche Rehabili- 
tierung zu fehlen schien. Nach jahrelangem Zusammenleben 
setzte er es durch, daß seine Familie sich mit ihr befreun- 
dete, und war nun bereit, sie zu seiner Frau vor dem Gesetze 
zu machen. In diesem Moment begann sie zu versagen. Sie 
vernachlässigte das Haus, dessen rechtmäßige Herrin sie nun 
werden sollte, hielt sich für verfolgt von den Verwandten, 
die sie in die Familie aufnehmen wollten, sperrte dem Manne 
durch sinnlose Eifersucht jeden Verkehr, hinderte ihn an 
seiner künstlerischen Arbeit und verfiel bald in unheilbare 
seelische Erkrankung. 

Eine andere Beobachtung zeigte mir einen höchst respek- 
tablen Mann, der, selbst akademischer Lehrer, durch viele 
Jahre den begreiflichen Wunsch genährt hatte, der Nach- 
folger seines Meisters zu werden, der ihn selbst in die Wis- 
senschaft eingeführt hatte. Als nach dem Rücktritte jenes 
Alten die Kollegen ihm mitteilten, daß kein anderer als er 
zu dessen Nachfolger ausersehen sei, begann er zaghaft zu 
werden, verkleinerte seine Verdienste, erklärte sich für un- 
würdig, die ihm zugedachte Stellung auszufüllen, und ver- 
fiel in eine Melancholie, die ihn für die nächsten Jahre von 
jeder Tätigkeit ausschaltete. 

So verschieden diese beiden Fälle sonst sind, so treffen 
sie doch in dem einen zusammen, daß die Erkrankung auf 
die Wunscherfüllung hin auftritt und den Genuß derselben 
zunichte macht. 

Der Widerspruch zwischen solchen Erfahrungen und dem 
Satze, der Mensch erkranke an Versagung, ist nicht unlösbar. 
Die Unterscheidung einer äußerlichen von einer inneren 
Versagung hebt ihn auf. Wenn in der Realität das Objekt 
weggefallen ist, an dem die Libido ihre Befriedigung finden 

Freud, Ncurosenlclire. IV. 34 



530 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHHE. IV. 



kann, so ist dies eine äußerliche Ver sagung. Sie ist an sich 
wirkungslos, noch nicht pathogen, solange sich nicht eine 
innere Versagung zu ihr gesellt. Diese muß vom Ich aus- 
gehen und der Libido andere Objekte streitig machen, deren 
sie sich nun bemächtigen will. Erst dann entsteht ein Kon- 
flikt und die Möglichkeit einer neurotischen Erkrankung, 
d. h. einer Ersatz befriedigung auf dem Umwege über das 
verdrängte Unbewußte. Die innere Versagimg kommt also 
in allen Fällen in Betracht, nur tritt sie nicht eher in Wir- 
kung, als bis die äußerliche reale Versagung die Situation 
für sie vorbereitet hat. In den Ausnahmsfällen, wenn die 
Menschen am Erfolge erkranken, hat die innere Versagimg 
für sich allein gewirkt, ja sie ist erst hervorgetreten, nach- 
dem die äußerliche Versagung dor Wunscherfüllung Platz 
gemacht hat. Daran bleibt etwas für den ersten Anschein 
Auffälliges, aber bei näherer Erwägung besinnen wir uns 
doch, es sei gar nicht ungewöhnlich, daß das Ich einen Wunsch 
als harmlos toleriert, solange er ein Dasein als Phantasie 
führt und ferne von der Erfüllung scheint, während es sich 
scharf gegen ihn zur Wehr setzt, sobald er sich der Erfül- 
lung nähert und Realität zu werden droht. Der Unterschied 
gegen wohlbekannte Situationen der Ncurosenbildung liegt 
nur darin, daß sonst innerliche Steigerungen der Libidobe- 
setzung die bisher geringgeschätzte und geduldete Phantasie 
zum gefürchteten Gegner machen, während in unseren Fällen 
das Signal zum Ausbruch des Konfliktes durch eine reale 
äußere Wandlung gegeben wird. 

Die analytische Arbeit zeigt uns leicht, daß es Gewis- 
sensmächte sind, welche der Person verbieten, aus der 
glücklichen realen Veränderung den lange erhofften Gewinn 
zu ziehen. Eine schwierige Aufgabe aber ist es, Wesen und 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DEK PSYCHOAN ALYT. ARBEIT. 53l 

Herkunft dieser richtenden und strafenden Tendenzen zu er- 
künden, die uns durch ihre Existenz oft dort überraschen, 
wo wir sie zu finden nicht erwarteten. Was wir darüber wissen 
oder vermuten, will ich aus den bekannten Gründen nicht 
an Fällen der ärztlichen Beobachtung;, sondern an Gestalten 
erörtern, die große Dichter aus der Fülle ihrer Seelenkenntnis 
erschaffen haben. 

Eine Person, die nach erreichtem Erfolge zusammen- 
bricht, nachdem sie mit unbeirrter Energie um ihn gerun- 
gen hat, ist Shakespeares Lady Macbeth. Es ist vor- 
her kein Schwanken und kein Anzeichen eines inneren Kamp- 
fes in ihr, kein anderes Streben, als die Bedenken ihres ehr- 
geizigen und doch mildfühlenden Mannes zu besiegen. Dem 
Mordvorsatz will sie selbst ihre Weiblichkeit opfern, ohne 
zu erwägen, welch entscheidende Eolle dieser Weiblichkeit 
zufallen muß, wenn es dann gelten soll das durch Verbrechen 
erreichte Ziel ihres Ehrgeizes zu behaupten. 

(Akt I, Szene 5): 

„Kommt* ihr Geister, 
Dio ihr auf Mordgedanken lauscht, entweiht mich." 

- 

— — — An me j ne Brügj.^ 
Ihr Murdshcli'er ! Saugt mir Milch zu Gallei" 

(Akt I, Szene 7) : 

„Ich gab die Brust und weiß, 
Wie zärtlich man das Kind liebt, das man tränkt. 
Und doch, dieweil es mir ins Antlitz lächelt, 
Wollt' reißen ich von meinem Mutterbusen 
Sein zahnlos Mündlein, und sein Hirn ausschmettern, 
Hätt' ich's geschworen, wie du jenes schwurst!" 

Eine einzige leise Ecgung des Widerstrebens ergreift sie 
vor der Tat: 

34* 



532 



SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



(Akt II, Szene 2): 
„Hätf er geglichen meinem Vater nicht 
Als er so schlief, ich hält's getan." 

Nun, da sie Königin geworden durch den Mord an Dun- 
can, meldet sich flüchtig etwas wie eine Enttäuschung, wie 
ein Überdruß. Wir wissen nicht, woher. 

(Akt III, Szene 2) : 

„Nichts hat man, alles Lüge, 

Gelingt der Wunsch, und fehlt doch dio Genüge, 

's ist sichrer das zu eoin, was wir zerstören, 

Als durch Zerstörung ew'gor Angst zu schwören." 

Doch hält sie aus. In der nach diesen Worten folgenden 
Szene des Banketts bewahrt sie allein die Besinnung, deckt 
die Verwirrung ihres Mannes, findet einen Vorwand, um die 
Gäste zu entlassen. Und dann entschwindet sie uns. Wir 
sehen sie (in der ersten Szene des fünften Aktes) als Som- 
nambule wieder, an die Eindrücke jener Mordnacht fixiert. 
Sie spricht ihrem Manne wieder Mut zu wie damals: , 

„Pfui, mein Gemahl, pfui, ein Soldat und furchtsam? — Was 
haben wir zu fürchten, wer es weiß? Niemand zieht unsere Macht 
zur Rechenschaft." — — — 

Sie hört das Klopfen ans Tor, das ihren Mann nach 
der Tat erschreckte. Daneben aber bemüht sie sich, „die 
Tat ungeschehen zu machen, die nicht mehr ungeschehen 
werden" kann. Sie wäscht ihre Hände, die mit Blut befleckt 
sind und nach Blut riechen, und wird der Vergeblichkeit 
dieser Bemühung bewußt. Die Iteue scheint sie niedergewor- 
fen zu haben, die so reuelos schien. Als sie stirbt, findet 
Macbeth, der unterdes so unerbittlich geworden ist, wie sie 
sich anfänglich zeigte, nur die eine kurze Nachrede für sie: 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS D ER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 533 

(Akb V, Szene 5) : 
„Sie konnte später sterben. 
Es war noch Zeit genug für solch ein Wort." 

Und nun fragt man sich, was hat diesen Charakter zer- 
brochen, der aus dem härtesten Metall geschmiedet schien? 
Ist's nur die Enttäuschung, das andere Gesicht, das die voll- 
zogene Tat zeigt, sollen wir rückschließen, daß auch in der 
Lady Macbeth ein ursprünglich weiches und weiblich mildes 
Seelenleben sich zu einer Konzentration und Hochspannung 
emporgearbeitet hatte, der keine Andauer beschieden sein 
konnte, oder dürfen wir nach Anzeichen forschen, die uns 
diesen Zusammenbruch durch eine tiefere Motivierung mensch- 
lich näher bringen? 

Ich halte es für unmöglich, hier eine Entscheidung zu 
treffen. Shakespeares Macbeth ist ein Gelegenheits- 
stück, zur Thronbesteigung des bisherigen Schottenkönigs 
James gedichtet. Der Stoff war gegeben und gleichzeitig 
von anderen Autoren behandelt worden, deren Arbeit Shake- 
speare wahrscheinlich in gewohnter Weise genützt hat. 
Er bot merkwürdige Anspielungen an die gegenwärtige 
Situation. Die „jungfräuliche" Elisabeth, von der ein Gerede 
wissen wollte, daß sie nie im stände gewesen wäre, ein Kind 
zu gebären, die sich einst bei der Nachricht von James' 
Geburt im schmerzlichen Aufschrei als „einen dürren Stamm" 
bezeichnet hatte*), war eben durch ihre Kinderlosigkeit ge- 
nötigt worden, den Schottenkönig zu ihrem Nachfolger wer- 

*) Vgl. Macbeth (Akt II, Szene 1) : 

„Auf mein Haupt setzten sie unfruchtbar Gold, 
Ein dürres Zepter reichten sie der Faust, 
Daß es entgleite dann in fremde Hand, 
Da nicht mein Sohn mir nachfolgt. — — — 



534 SCHKIFTEN ZUß NEUROSENLEHUE. IV. 

den zu lassen. Der war aber der Sohn jener Maria, deren 
Hinrichtung sie, wenn auch widerwillig, angeordnet hatte, 
und die trotz aller Trübung der Beziehungen durch politische 
Rücksichten doch ihre Blutsverwandte und ihr Gast genannt 
werden konnte. 

Die Thronbesteigung Jakobs I. war wie eine Demonstra- 
tion des Fluches der Unfruchtbarkeit und der Segnungen der 
fortlaufenden Generation. Und auf diesen nämlichen Gegen- 
satz ist die Entwicklung in Shakespeares Macbeth eingestellt. 
Die Schicksalsschwestern haben ihm verheißen, daß er selbst 
König werden, dem Banquo aber, daß seine Kinder die Krone 
überkommen sollen. Macbeth empört sich gegen diesen Schick- 
salsspruch, er begnügt sich nicht mit der Befriedigung des 
eigenen Ehrgeizes, er will Gründer einer Dynastie sein und 
nicht zum Vorteile Fremder gemordet haben. Man übersieht 
diesen Punkt, wenn man in Shakespeares Stück nur die Tra- 
gödie des Ehrgeizes erblicken will. Es ist klar, da Macbeth 
selbst nicht ewig leben kann, so gibt es für ihn nur einen 
Weg, den Teil der Prophezeiung, der ihm widerstrebt, zu 
entkräften, wenn er nämlich selbst Kinder hat, die ihm nach- 
folgen können. Er scheint sie auch von seinem starken Weibe 
zu erwarten: 

(Akt I, Szono 7): 

„Du, gebier nur Söhne, 

Nur Älänner sollU» dein uns ch reck bar Mark 

Zusammensetzen." — — — — — — — 

Und ebenso klar ist, wenn er in dieser Erwartung ge- 
täuscht wird, dann muß er sich dem Schicksal unterwerfen 
oder sein Handeln verliert Ziel und Zweck und verwandelt 
sich in das blinde Wüten eines zum Untergange Verurteilten 
der vorher noch, was ihm erreichbar ist. vernichten will. Wir 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AU S DER PSYCHOANALYT. AUBEIT. 535 

sehen, daß Macbeth diese Entwicklung durchmacht, und auf 
der Höhe der Tragödie finden wir jenen erschütternden, so 
oft schon als vieldeutig erkannten Ausruf, der den Schlüssel 
für seine Wandlung enthalten könnte, den Ausruf Mac- 
duffs: 

(Akt IV, Szene 3) : 

„Er hat keine Kinder." 

Das heißt gewiß : Nur weil er selbst kinderlos ist, könnt« 
er meine Kinder morden, aber es kann auch mehr in sich 
fassen und vor allem könnte er das tiefste Motiv bloßlegen, 
welches sowohl Macbeth weit über seine Natur hinausdrängt, 
als auch den Charakter der harten Frau an seiner einzigen 
schwachen Stelle trifft. Hält man aber Umschau von dem 
Gipfelpunkt, den diese Worte Mac duffs bezeichnen, so sieht 
man das ganze Stück von Beziehungen auf das Vater-Kinder- 
verhältnis durchsetzt. Der Mord des gütigen Duncan ist 
wenig anders als ein Vatermord; im Falle Banquos hat Mac- 
beth den Vater getötet, während ihm der Sohn entgeht; bei 
Macduff tötet er die Kinder, weil ihm der Vater entflohen 
ist. Ein blutiges und gekröntes Kind lassen ihm die Schick- 
salsschwestem in der Beschwörungszene erscheinen; das be- 
waffnete Haupt vorher ist wohl Macbeth selbst. Im Hinter- 
grunde aber erhebt sich die düstere Gestalt des Rächers Mac- 
duff, der selbst eine Ausnahme von den Gesetzen der Ge- 
neration ist, da er nicht von seiner Mutter geboren, sondern 
aus ihrem Leib geschnitten wurde. ' 

Es wäre nun durchaus im Sinne der auf Talion auf- 
gebauten poetischen Gerechtigkeit, wenn die Kinderlosigkeit 
Macbeths und die Unfruchtbarkeit seiner Lady die Strafe 
wären für ihre Verbrechen gegen die Heiligkeit der Genera- 
tion, wenn Macbeth nicht Vater werden könnte, weil er den 



536 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



Kindern den Vater und dem Vater die Kinder geraubt, und 
wenn sich so an der Lady Macbeth die Entweihung voll- 
zogen hätte, zu der sie die Geister des Mordes aufgerufen 
hat. Ich glaube, man verstünde ohneweiters die Erkrankung 
der Lady, die Verwandlung ihres Frevelmutes in Reue, als 
Reaktion auf ihre Kinderlosigkeit, durch die sie von ihrer 
Ohnmacht gegen die Satzungen der Natur überzeugt und 
gleichzeitig daran gemahnt wird, daß ihr Verbrechen durch 
ihr eigenes Verschulden um den besseren Teil seines Ertrages 
gebracht worden ist. 

In der Chronik von Holinshed (1577), aus welcher 
Shakespeare den Stoff des Macbeth schöpfte, findet 
die Lady nur eine einzige Erwähnung als Ehrgeizige, die 
ihren Mann zum Morde aufstachelt, um selbst Königin zu 
werden. Von ihren weiteren Schicksalen und von einer Ent- 
wicklung ihres Charakters ist nicht die Rede. Dagegen 
scheint es, als ob dort die Wandlung im Charakter Mac- 
beths zum blutigen Wüterich ähnlich motiviert werden 
sollte, wie wir es eben versucht haben. Denn bei Holinshed 
liegen zwischen dem Morde an Duncan, durch den Macbeth 
König wird, und seinen weiteren Missetaten zehn Jahre, 
in denen er sich als strenger, aber gerechter Herrschen er- 
weist. Erst nach diesem Zeiträume tritt bei ihm die Än- 
derung ein, unter dem Einflüsse der quälenden Befürchtung, 
daß die Banquo erteilte Prophezeiung sich ebenso erfüllen 
könne, wie die seines eigenen Schicksals. Nun erst läßt er 
Banquo töten und wird wie bei Shakespeare von einem Ver- 
brechen zum anderen fortgerissen. Es wird auch bei Holin- 
shed nicht ausdrücklich gesagt, daß es seine Kinderlosigkeit 
ist, welche um auf diesen Weg treibt, aber es bleibt Zeit 
und Raum für diese naheliegende Motivierung. Anders bei 




XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 537 

Shakespeare. In atemraubender Hast jagen in der Tragödie 
die Ereignisse an uns vorüber, so daß sich aus den Angaben 
der Personen im Stücke etwa eine Woche als die Zeitdauer 
ihres Ablaufes berechnen läßt.*) Durch diese Beschleuni- 
gung wird all unseren Konstruktionen über die Motivierung 
des Umschwungs im Charakter Macbeths und seiner Lady 
der Boden entzogen. Es fehlt die Zeit, innerhalb welcher die 
fortgesetzte Enttäuschung der Kinderhoffnung das Weib zer- 
mürben und den Mann in trotzige Easerei treiben könnte, 
und es bleibt der Widerspruch bestehen, daß so viel feine 
Zusammenhänge innerhalb des Stückes und zwischen ihm 
und seinem Anlaß ein Zusammentreffen im Motiv der Kinder- 
losigkeit anstreben, während die zeitliche Ökonomie der Tra- 
gödie eine Charakterentwicklung aus anderen als den inner- 
lichsten Motiven ausdrücklich ablehnt. 

Welches aber diese Motive sein können, die in so kurzer 
Zeit aus dem zaghaften Ehrgeizigen einen hemmungslosen 
Wüterich und aus der stahlharten Anstifterin eine von Reue 
zerknirschte Kranke machen, das läßt sich meines Erachtens 
nicht erraten. Ich meine, wir müßten darauf verzichten, das 
dreifach geschichtete Dunkel zu durchdringen, zu dem sich 
die schlechte Erhaltung des Testes, die unbekannte Inten- 
tion des Dichters und der geheime Sinn der Sage hier ver- 
dichtet haben. Ich möchte es auch nicht gelten lassen, daß 
jemand einwende, solche Untersuchungen seien müßig ange- 
sichts der großartigen Wirkung, die die Tragödie auf den 
Zuschauer ausübt. Der Dichter kann uns zwar durch seine 
Kunst während der Darstellung überwältigen und unser Den- 
ken dabei lähmen, aber er kann uns nicht daran hindern, 



*) J. Dar ins tet ter, Macbeth, Edition cla-ssique, p. LXXV, Paris 
1887. 



538 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV 

daß wir uns nachträglich bemühen, diese Wirkung aus ihrem 
psychologischen Mechanismus zu begreifen. Auch die Be- 
merkung, es stehe dem Dichter frei, die natürliche Zeitfolge 
der von ihm vorgeführten Begebenheiten in beliebiger Weise» 
zu verkürzen, wenn er durch das Opfer der gemeinen Wahr- 
scheinlichkeit eine Steigerung des dramatischen Effekts er- 
zielen kann, scheint mir hier nicht an ihrem Platze. Denn 
ein solches Opfer ist doch nur zu rechtfertigen, wo es bloß 
die Wahrscheinlichkeit stört*), aber nicht, wo es die kausale 
Verknüpfung aufhebt, und der dramatischen Wirkung wäre 
kaum Abbruch geschehen, wenn der 'Zeitablauf unbestimmt 
gelassen wäre, anstatt durch ausdrückliche Äußerungen auf 
wenige Tage eingeengt zu werden. 

Es fällt so schwer, ein Problem wie das des Macbeth 
als unlösbar zu verlassen, daß ich noch den Versuch wage, 
eine Bemerkung anzufügen, die nach einem neuen Ausweg 
weist, Ludwig Jekels hat kürzlich in einer Shakespeare- 
Studie ein Stück der Technik des Dichters zu erraten ge- 
glaubt, welches auch für Macbeth in Betracht kommen könnte. 
Er meint, daß Shakespeare häufig einen Charakter in zwei 
Personen zerlegt, von denen dann jede unvollständig begreif- 
lich erscheint, solange man sie nicht mit der anderen wie- 
derum zur Einheit zusammensetzt. So könnte es auch mit 
Macbeth und der Lady sein, und dann würde es natürlich 
zu nichts führen, wollte mau sie als selbständige Person 
fassen und nach der Motivierung ihrer Umwandlung for- 
schen, ohne auf den sie ergänzenden Macbeth Rücksicht zu 
nehmen. Ich folge dieser Spur nicht weiter, aber ich will- 
doch anführen, was in so auffälliger Weise diese Auffassung 

*) Wie in der Werbung Richards III. um Anno, au der üahro 
des voa ihm ermordeten Königs. 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS D ER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 539 

stützt, daß die Angstkeinie, die in der Mordnacht bei Mac- 
beth hervorbrechen, nicht bei ihm, sondern bei der Lady zur 
Entwicklung gelangen.*) Er ist es, der vor der Tat die Hal- 
luzination des Dolches gehabt hat, aber sie, die später der 
geistigen Erkrankung verfällt; er hat nach dem Morde im 
Hause schreien gehört: Schlaft nicht mehr, Macbeth mordet 
den Schlaf und also soll Macbeth nicht mehr schlafen, aber 
wir vernehmen nichts davon, daß König Macbeth nicht mehr 
schläft, während wir sehen, daß die Königin aus ihrem Schlafe 
aufsteht und nachtwandelnd ihre Schuld verrät; er stand 
hilflos da mit blutigen Händen und klagte, daß all des Meer- 
gottes Flut nicht reinwasche seine Hand; sie tröstete da- 
mals: Ein wenig Wasser spült uns ab die Tat, aber ,dajnn 
ist sie es, die eine Viertelstunde lang ihre Hände wäscht 
und die Befleckung des Blutes nicht beseitigen kann. „Alle 
Wohlgerüche Arabiens machen nicht süßduftend diese kleine 
Hand." (Akt V, Szene 1.) So erfüllt sich an ihr, was er in 
seiner Gewissensangst gefürchtet; sie wird die Reue nach 
der Tat, er wird der Trotz, sie erschöpfen miteinander die 
Möglichkeiten der Reaktion auf das Verbrechen, wie zwei 
uneinige Anteile einer einzigen psychischen Individualität und 
vielleicht Nachbilder eines einzigen Vorbildes. 

Haben wir an der Gestalt der Lady Macbeth die Frage 
nicht beantworten können, warum sie nach dem Erfolge als 
Kranke zusammenbricht, so winkt uns vielleicht eine bessere 
Aussicht bei der Schöpfung eines anderen großen Dramatikers, 
der die Aufgabe der psychologischen Rechenschaft mit un- 
nachsichtiger Strenge zu verfolgen liebt. 

Rebekka Gamvik, die Tochter einer Hebamme, ist von 
ihrem Adoptivvater Doktor West zur Freidenkerin und Ver- 
*) Vgl. Darmstetter 1. c. 



540 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

ächterin jener Fesseln erzogen worden, welche eine auf reli- 
giösem Glauben gegründete Sittlichkeit den Lebenswünschen 
anlegen möchte. Nach dem Tode des Doktors verschafft sie 
sich Aufnahme in Eosmersholm, dem Stammsitze eines 
alten Geschlechtes, dessen Mitglieder das Lachen nicht ken- 
nen und die Freude einer starren Pflichterfüllung geopfert 
haben. Auf Rosmersholm hausen der Pastor Johannes Rosmer 
und seine kränkliche, kinderlose Gattin Beate. „Von wildem, 
unbezwinglichem Gelüst" nach der Liebe des adeligen Mannes 
ergriffen, beschließt Rebekka, die Frau, die ihr im Wege 
steht, wegzuräumen, und bedient sich dabei ihres „mutigen, 
freigeborenen", durch keine Rücksichten gehemmten Willens. 
Sie spielt ihr ein ärztliches Buch in die Hand, in dem die 
Kiuderzeugung als der Zweck der Ehe hingestellt wird, so 
daß die Arme an der Berechtigung ihrer Ehe irre wird, sie 
läßt sie erraten, daß Rosmer, dessen Lektüre und Gedanken- 
gänge sie teilt, im Begriffe ist, sich vom alten Glauben los- 
zumachen und die Partei der Aufklärung zu nehmen, und 
nachdem sie so das Vertrauen der Frau in die sittliche Ver- 
läßlichkeit ihres Mannes erschüttert hat, gibt sie ihr end- 
lich zu verstehen, daß sie selbst, Rebekka, bald das Haus 
verlassen wird, um die Folgen eines unerlaubten Verkehrs 
mit Rosmer zu verheimlichen. Der verbrecherische Plan ge- 
lingt. Die arme Frau, die für schwermütig und unzurech- 
nungsfähig gegolten hat, stürzt sich vom Mühionsteg herab 
ins Wasser, im Gefühle des eigenen Unwertes uud um dem 
Glücke des geliebten Mannes nicht im Wege zu sein. 

Seit Jahr und Tag leben nun Rebekka und Rosmer allein 
auf Rosmersholm in einem Verhältnis, welches er für eine 
rein geistige und ideelle Freundschaft halten will. Als aber 
von außen her die ersten Schatten der Nachrede auf dieses 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 541 

Verhältnis fallen, und gleichzeitig quälende Zweifel in Ros- 
mer rege gemacht werden, aus welchen Motiven seine Frau 
in den Tod gegangen ist, bittet er Rebekka seine zweite Frau 
zu werden, um der traurigen Vergangenheit eine neue leben- 
dige Wirklichkeit entgegenstellen zu können. (Akt II.) Sie 
jubelt bei diesem Antrage einen Augenblick lang auf, aber 
schon im nächsten erklärt sie, es sei unmöglich, und wenn 
er weiter in sie dringe, werde sie „den Weg gehen, den Beate 
gegangen ist". Verständnislos nimmt Rosiner diese Abweisung 
entgegen; noch unverständlicher ist sie aber für uns, 
die wir mehr von Rebekkas Tun und Absichten wissen. 
Wir dürfen bloß nicht daran zweifeln, daß ihr Nein ernst 
gemeint ist. 

Wie konnte es kommen, daß die Abenteurerin mit dem 
mutigen, freigeborenen Willen, die sich ohne jede Rücksicht 
den Weg zur Verwirklichung ihrer Wünsche gebahnt, nun 
nicht zugreifen will, da ihr angeboten wird, die Frucht des 
Erfolges zu pflücken? Sie gibt uns selbst die Aufklärung 
im vierten Akt: „Das ist doch eben das Furchtbare, jetzt, 
da alles Glück der Welt mir mit vollen Händen geboten 
wir ä } __ jetzt bin ich eine solche geworden, daß meine eigene 
Vergangenheit mir den Weg zum Glück versperrt." Sie ist 
a;lso eine andere geworden unterdes, ihr Gewissen ist er- 
wacht, sie hat ein Schuldbewußtsein bekommen, welches ihr 
den Genuß versagt. 

,Und wodurch wurde ihr Gewissen geweckt? Hören wir 
sie selbst und überlegen wir dann, ob wir ihr voll Glauben 
schenken dürfen: „Es ist die Lebensanschauimg des Hauses 
Rosmer — oder wenigstens deine Lebensanschauung, — die 
meinen Willen angesteckt hat, . . . Und ihn krank gemacht 
hat. Ihn geknechtet hat mit Gesetzen, die früher für mich 



542 SCHRIFTEN ZUR NEURORENLEHRE. IV. 



nicht gegolten haben. Das Zusammenleben mit dir, — du, 
das hat meinen Sinn geadelt." 

Dieser Einfluß, ist hinzuzunehmen, hat sich erst geltend 
gemacht, als sie mit Bosnier allein zusammenleben dürfte; 
, s — in Stille, — in Einsamkeit, — als du mir deine Ge- 
danken alle ohne Vorbehalt gabst, — eine jegliche Stim- 
mung, so weich und so fein wie du sie fühltest, — da trat 
die große Umwandlung ein." 

Kurz vorher hatte sie die andere Seite dieser Wandlung 
beklagt: „Weil Rosmersholm mir die Kraft genommen hat, 
hier ist mein mutiger Wille gelahmt worden. Und verschan- 
delt! Für mich ist die Zeit vorbei, da ich alles und jedes 
wagen durfte. Ich habe die Energie zum Handeln verloren, 
Rosmer." 

Diese Erklärung gibt Rebekka, nachdem sie sich durch 
ein freiwilliges Geständnis vor Rosmer und dem Rektor Kroll, 
dem Bruder der von ihr beseitigten Frau, als Verbrecherin 
bloßgestellt hat. Ibsen hat durch kleine Züge von meister- 
hafter Feinheit festgelegt, daß diese Rebekka nicht lügt, 
aber auch nie ganz aufrichtig ist. Wie sie trotz aller Freiheit 
von Vorurteilen ihr Alter um ein Jahr herabgesetzt hat, so 
ist auch ihr Geständnis vor den beiden Männern unvollstän- 
dig und wird durch das Drängen Krolls in einigen wesent- 
lichen Punkten ergäbt. Auch uns bleibt die Freiheit «*» 
nehmen, daß die Aufklärung ihres Verzichts das eine nur 
preisgibt, um ein anderes zu verschweigen. 

Gewiß, wir haben keinen Grund, ihrer Aussage zu miß- 
trauen, daß die Luft auf Rosmersholm, ihr Umgang mit dem 
edlen Rosmer, veredelnd und - lähmend n,uf sie gewirkt hat. 
Sie sagt damit, was sie weiß und empfunden hat. Aber es 
brauchte nicht alles zu sein, was in ihr vorgegangen ist; 






XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 543 

auch ist es nicht notwendig, daß sie sich über alles Rechen- 
schaft geben konnte. Der Einfluß Rosiners konnte auch nur 
ein Deckmantel sein, hinter dem sich eine andere Wirkung 
verbirgt, und nach dieser anderen Richtung weist ein be- 
merkenswerter Zug. 

Noch nach ihrem Geständnis, in der letzten Unterredung, 
die das Stück beendet, bittet sie Rosmer nochmals, seine 
Frau zu werden. Er verzeiht ihr, was sie aus Liebe zu ihm 
verbrochen hat. Und nun antwortet sie nicht, was sie sollte, 
daß keine Verzeihung ihr das Schuldgefühl nehmen könne, 
das sie durch den tückischen Betrug an der armen Beate 
erworben, sondern sie belastet sich mit einem anderen Vor- 
wurf, der uns bei der Freidenkerin fremdartig berühren muß, 
keinesfalls die Stelle verdient, an die er von Rebekka gesetzt 
wird: „Ach, mein Freund, — komm nie wieder darauf I Es 
ist ein Ding der Unmöglichkeit — ! Denn du mußt wissen, 
Rosmer, ich habe eine Vergangenheit." Sie will natürlich an- 
deuten, daß sie sexuelle Beziehungen zu einem anderen Manne 
gehabt hat, und wir wollen uns merken, daß ihr diese Bezie- 
hungen zu einer Zeit, da sie frei und niemandem verantwort- 
lich war, ein stärkeres Hindernis der Vereinigung mit Ros- 
mer dünken als ihr wirklich verbrecherisches Benehmen gegen 

seine Frau. 

Rosmer lehnt es ab, von dieser Vergangenheit zu hören. 

Wir können sie erraten, obwohl alles, was dahin weist, im 
Stücke sozusagen unterirdisch bleibt und aus Andeutungen 
erschlossen werden muß. Aus Andeutungen freilich, die mit 
solcher Kirnst eingefügt sind, daß ein Mißverständnis der- 
selben unmöglich wird. 

Zwischen Rebekkas erster Ablehnung und ihrem Geständ- 
nis geht etwas vor, was von entscheidender Bedeutung für 



544 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



ihr weiteres Schicksal ist. Der Rektor Kroll besucht sie, 
um sie durch die Mitteilung zu demütigen, er wisse, daß sie 
ein illegitimes Kind sei, die Tochter eben jenes Doktors West, 
der sie nach dem Tode ihrer Mutter adoptiert hat. Der Haß 
hat seinen Spürsinn geschärft, aber er meint nicht, ihr damit 
etwas Neues zu sagen. „In der Tat, ich meinte, Sie wüßten 
ganz genau Bescheid. Es wäre doch sonst recht merkwürdig 
gewesen, daß Sie sich von Doktor West adoptieren ließen — ." 
„Und da nimmt er Sie zu sich — gleich nach dem Tode 
Ihrer Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie 
bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen nicht einen Pfennig hin- 
terlassen wird. Sie haben ja auch nur eine Kiste Bücher 
bekommen. Und doch halten Sie bei ihm aus. Ertragen seine 
Launen. Pflegen ihn bis zum letzten Augenblick." — „Was 
Sie für ihn getan haben, das leite ich aus dem natürlichen 
Instinkt der Tochter her. Ihr ganzes übriges Auftreten halte 
ich für ein natürliches Ergebnis Ihrer Herkunft." 

Aber Kroll war im Irrtum. Rebekka hatte nichts da- 
von gewußt, daß sie die Tochter des Doktors West sein sollte. 
Als Kroll mit dunklen Anspielungen auf ihre Vergangenheit 
begann, mußte sie annehmen, er meine etwas anderes. Nach- 
dem sie begriffen hat, worauf er sich bezieht, kann sie noch 
eine Weile ihre Fassung bewahren, denn sie darf glauben, 
daß ihr Feind seiner Berechnung jenes Alter zugrunde gelegt 
hat, das sie ihm bei einem früheren Besuche fälschlich an- 
gegeben. Aber nachdem Kroll diese Einwendung siegreich 
zurückgewiesen: „Mag sein. Aber die Rechnung mag den- 
noch richtig sein, denn ein Jahr, ehe er angestellt wurde, 
ist West dort oben vorübergehend zu Besuch gewesen", nach 
dieser neuen Mitteilung verliert sie jeden Halt. „Das ist 
nicht wahr." — Sie geht umher und ringt die Hände: „Es 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 545 

ist unmöglich. Sie wollen mir das bloß einreden. Das kann 
ja nun und nimmermehr wahr sein. Kann nicht wahr sein! 
Nun und nimmermehr — I" Ihre Ergriffenheit ist so arg, 
daß Kroll sie nicht auf seine Mitteilung zurückzuführen 
vermag. 

Kroll: „Aber, meine Liebe, — warum um Gottes 
willen, werden Sie denn so heftig? Sie maehen mir ge- 
radezu Angst? Was soll ich glauben und denken — !" 

Rebekka: „Nichts. Sie sollen weder etwas glau- 
ben noch etwas denken." 

Kroll: „Dann müßten Sie mir aber wirklich er- 
klären, warum Sie sich diese Sache — diese Möglichkeit 
so zu Herzen nehmen." 

Rebekka (faßt sich wieder): „Das ist doch sehr 
einfach, Herr Rektor. Ich habe doch keine Lust, für 
ein uneheliches Kind zu gelten." 

Das Rätsel im Benehmen Rebekkas läßt nur eine Lösung 
zu. Die Mitteilung, daß Doktor West ihr Vater sein kann, 
ist der schwerste Schlag, der sie betreffen konnte, denn sie 
war nicht nur die Adoptivtochter, sondern auch die 'Geliebte 
dieses Mannes. Als Kroll seine Reden begann, meinte sie, 
er wolle auf diese Beziehungen anspielen, die sie wahrschein- 
lich unter Berufung auf ihre Freiheit einbekannt hätte. Aber 
das lag dem Rektor ferne; er wußte nichts von dem Liebes- 
verhältnis mit Doktor West, wie sie nichts von dessen Vater- 
schaft. Nichts anderes als dieses Liebesverhältnis kann sie 
im Sinne haben, wenn sie bei der letzten Weigerung gegen 
Rosmer vorschützt, sie habe eine Vergangenheit, die sie un- 
würdig mache, seine Frau zu werden. Wahrscheinlich hätte 
sie Rosmer, wenn er gewollt hätte, auch nur die eine Hälfte 

Freud, Neurosenlehre. IV. 3 5 



546 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



ihres Geheimnisses mitgeteilt und den schwereren Anteil des- 
selben verschwiegen. 

Aber nun verstehen wir freilich, daß diese Vergangen- 
heit ihr als das schwerere Hindernis der Eheschließung er- 
scheint, als das schwerere — Verbrechen. 

Nachdem sie erfahren hat, daß sie die Geliebte ihres 
eigenen Vaters gewesen ist, unterwirft sie sich ihrem jetzt 
übermächtig hervorbrechenden Schuldgefühl. Sie legt vor 
Pdosmer und Kroll das Geständnis ab, durch das sie sich 
zur Mörderin stempelt, verzichtet endgültig auf das Glück, 
zu dem sie sich durch Verbrechen den Weg gebahnt hatte, 
und rüstet zur Abreise. Aber das eigentliche Motiv ihres 
Schuldbewußtseins, welches sie am Erfolg scheitern läßt, bleibt 
geheim. Wir haben gesehen, es ist noch etwas ganz anderes 
als die Atmosphäre von Rosmcrsholm und der sittigende Ein- 
fluß Rosmers. 

Wer uns soweit gefolgt ist, wird jetzt nicht versäumen, 
einen Einwand vorzubringen, der dann manchen Zweifel recht- 
fertigen kann. Die erste Abweisung Rosmers durch Rebekka 
erfolgt ja vor dem zweiten Besuch Krolls, also vor seiner 
Aufdeckung ihrer unehelichen Geburt, und zu einer Zeit, da 
sie um ihren Inzest noch nichts weiß, — wenn wir den 
Dichter richtig verstanden haben. Doch ist diese Abweisung 
energisch und ernst gemeint. Das Schuldbewußtsein, das sie 
auf den Gewinn aus ihren Taten verzichten heißt, ist also 
schon vor ihrer Kenntnis um ihr Kapitalverbrechen wirksam, 
und wenn wir soviel zugeben, dann ist der Inzest als Quelle des 
Schuldbewußtseins vielleicht überhaupt zu streichen. ■ 

Wir haben bisher Rebekka West behandelt, als wäre sie 
eine lebende Person und nicht eine Schöpfung der von dem 
kritischesten Verstand geleiteten Phantasie des Dichters 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 547 

Ibsen. Wir dürfen versuchen, bei der Erledigung dieses Ein- 
wands denselben Standpunkt festzuhalten. Der Einwand ist 
gut, ein Stück Gewissen war auch vor der Kenntnis des Inzests 
bei Rebekka erwacht. Es steht nichts im Wege, für diese 
Wandlung den Einfluß verantwortlich zu machen, den Re- 
bekka selbst anerkennt und anklagt. Aber damit kommen 
wir von der Anerkennung des zweiten Motivs nicht frei. Das 
Benehmen Rebekkas bei der Mitteilung des Rektors, ihre un- 
mittelbar darauffolgende Reaktion durch das Geständnis lassen 
keinen Zweifel daran, daß erst jetzt das stärkere und das 
entscheidende Motiv des Verzichts in Wirkung tritt. Es liegt 
eben ein Fall von mehrfacher Motivierung vor, bei dem hinter 
dem oberflächlicheren Motiv ein tieferes zum Vorschein kommt. 
Gebote der poetischen Ökonomie hießen den Fall so gestalten, 
denn dies tiefere Motiv sollte nicht laut erörtert werden, 
es mußte gedeckt bleiben, der bequemen Wahrnehmung des 
Zuhörers im Theater oder des Lesers entzogen, sonst hätten sich 
bei diesem schwere Widerstände erhoben, auf die peinlich- 
sten Gefühle begründet, welche die Wirkung des Schauspiels 
in Frage stellen können. 

Mit Recht dürfen wir aber verlangen, daß das vorge- 
schobene Motiv nicht ohne inneren Zusammenhang mit dem 
von ihm gedeckten sei, sondern sich als eine Milderung und 
Ableitung aus dem letzteren erweise. Und wenn wir dem 
Dichter zutrauen dürfen, daß seine bewußte poetische Kom- 
bination folgerichtig aus unbewußten Voraussetzungen hervor- 
gegangen ist, so können wir auch den Versuch machen zu 
zeigen, daß er diese Forderung erfüllt hat. Rebekkas Schuld- 
bewußtsein entspringt aus der Quelle des Inzestvorwurfs, noch 
ehe der Rektor ihr diesen mit analytischer Schärfe zum Be- 
wußtsein gebracht hat. Wenn wir ausführend und ergänzend 

35* 



548 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

ihre vom Dichter angedeutete Vergangenheit rekonstruieren, 
so werden wir sagen, sie kann nicht ohne Ahnung der in- 
timen Beziehung zwischen ihrer Mutter und dem Doktor 
West gewesen sein. Es muß ihr einen großen Eindruck ge- 
macht haben, als sie die Nachfolgerin der Mutter bei diesem 
Manne 'wurde, und sie stand unter der Herrschaft des 
Ödipuskomplexes, auch wenn sie nicht wußte, daß diese all- 
gemeine Phantasie in ihrem Falle zur Wirklichkeit geworden 
war. Als sie nach Rosmersholm kam, trieb sie die innere 
Gewalt jenes ersten Erlebnisses dazu an, durch tatkräftiges 
Handeln dieselbe Situation herbeizuführen, die sich das erste- 
mal ohne ihr Dazutun verwirklicht hatte, die Frau und 
Mutter zu beseitigen, um beim Manne und Vater ihre Stelle 
einzunehmen. Sie schildert mit überzeugender Eindringlich- 
keit, wie sie gegen ihren Willen genötigt wurde, Schritt um 
Schritt zur Beseitigung Boatens zu tun. 

„Aber glaubt Ihr denn, ich ging und handelte mit 
kühler Überlegung! Damals war ich doch nicht, was ich 
heute bin, wo ich vor Euch stehe und erzähle. Und dann 
gibt es doch auch, sollte ich meinen, zwei Arten Wil- 
len in einem Menschen. Ich wollte Beate weg haben! 
Auf irgend eine Art. Aber ich glaubte doch nicht, es 
würde jemals dahin kommen. Bei jedem Schritt, den es 
mich reizte, vorwärts zu wagen, war es mir, als schrie 
etwas in mir: Nun nicht weiter I Keinen Schritt mehrl 
— Und doch konnte ich es nicht lassen. Ich mußte noch 
ein winziges Spürchen weiter. Und noch ein einziges 
Spürchen. Und dann noch eins — und immer noch eins 
— . Und so ist es geschehen. — Auf diese Weise geht 
so etwas vor sich." 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 549 

Das ist nicht Beschönigung, sondern wahrhafte Rechen- 
schaft. Alles, was auf Rosmersholm mit ihr vorging, die Ver- 
liebtheit in Rosmer und die Feindseligkeit gegen seine Frau, 
war bereits Erfolg des Ödipuskomplexes, erzwungene Nach- 
bildung ihres Verhältnisses zu ihrer Mutter und zu Dok- 
tor West. 

Und darum ist das Schuldgefühl, das sie zuerst die 
Werbung Rosiners abweisen läßt, im Grunde nicht ver- 
schieden von jenem größeren, das sie nach der Mitteilung 
Krolls zum Geständnis zwingt. Wie sie aber unter dem Ein- 
fluß des Doktors West zur Freidenkerin und Verächterin der 
religiösen Moral geworden war, so wandelte sie sich durch 
die neue Liebe zu Rosmer zum Gewissens- und Adelsmenschen. 
Soviel verstand sie selbst von ihren inneren Vorgängen, und 
darum durfte sie mit Recht den Einfluß Rosmers als das 
ihr zugänglich gewordene Motiv ihrer Änderung bezeichnen. 

Der psychoanalytisch arbeitende Arzt weiß, wie häufig 
oder wie regelmäßig das Mädchen, welches als Dienerin, Ge- 
sellschafterin, Erzieherin in ein Haus eintritt, dort bewußt 
oder unbewußt am Tagtraum spinnt, dessen Inhalt dem Ödipus- 
komplex entnommen ist, daß die Frau des Hauses irgendwie 
wegfallen und der Herr an deren Stelle sie zur Frau nehmen 
wird. „Rosmersholm" ist das höchste Kunstwerk der Gat- 
tung, welche diese alltägliche Phantasie der Mädchen be- 
handelt. Es wird eine tragische Dichtung durch den Zusatz, 
daß dem Tagtraum der Heidin die ganz entsprechende Wirk- 
lichkeit in ihrer Vorgeschichte vorausgegangen ist.*) 



*) Der Nachweis des Inzesttheruas in „Rosmersholm" ist bereits mit 
denselben Mitteln wie hier, in dem überaus reichhaltigen Werke von 
0. Rank, Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage, 1912, erbracht worden. 



550 SCHRIFTEN ZUR NEUROSEN LEHRE. IV. 



Nach langem Aufenthalte bei der Dichtung kehren wir 
nun zur ärztlichen Erfahrung zurück. Aber nur, um mit we- 
nigen Worten die volle Übereinstimmung beider festzustellen. 
Die psychoanalytische Arbeit lehrt, daß die Gewissenskräfte, 
welche am Erfolg erkranken lassen anstatt wie sonst an der 
Versagung, in intimer Weise mit dem Ödipuskomplex zu- 
sammenhängen, mit dem Verhältnis zu Vater und Mutter, 
wie vielleicht unser Schuldbewußtsein überhaupt. 

III. 

DIE VERBRECHER AUS SCHULDBEWUSSTSEIN. 

In den Mitteilungen über ihre Jugend, besonders über 
die Jahre der Vorpubertät, haben mir oft später sehr an- 
ständige Personen von unerlaubten Handlungen berichtet, die 
sie sich damals hatten zu Schulden kommen lassen, von Dieb- 
stählen, Betrügereien und selbst Brandstiftungen. Ich pflegte 
über diese Angaben mit der Auskunft hinwegzugehen, daß 
die Schwäche der moralischen Hemmungen in dieser Lebens- 
zeit bekannt sei, und versuchte nicht, sie in einen bedeut- 
sameren Zusammenhang einzureihen. Aber endlich wurde ich 
durch grelle und günstigere Fälle, bei denen solche Vergehen 
begangen wurden, während die Krankon sich in meiner Be- 
handlung befanden, und wo es sich um Personen jenseits 
jener jungen Jahre handelte, zum gründlicheren Studium sol- 
cher Vorfälle aufgefordert. Die analytische Arbeit brachte 
dann das überraschende Ergebnis, daß solche Taten vor allem 
darum vollzogen wurden, weil sie verboten und weil mit ihrer 
Ausführung eine seelische Erleichterung für den Täter ver- 
bunden war. Er litt an einem drückenden Schuldbewußtsein 
unbekannter Herkunft, und nachdem er ein Vergehen began- 



XXIX. CHARAKTERTYPEN AUS DER PSYCHOANALYT. ARBEIT. 551 

gen hatte, war der Druck gemildert. Das Schuldbewußtsein 
war wenigstens irgendwie untergebracht. 

So paradox es klingen mag, ich muß behaupten, daß das 
Schuldbewußtsein früher da war als das Vergehen, daß es 
nicht aus diesem hervorging, sondern umgekehrt, das Ver- 
gehen aus dem Schuldbewußtsein. Diese Personen durfte man 
mit gutem Recht als Verbrecher aus Schuldbewußtsein be- 
zeichnen. Die Präexistenz des Schuldgefühls hatte sich natür- 
lich durch eine ganze Reihe von anderen Äußerungen und Wir- 
kungen nachweisen lassen. 

Die Feststellung eines Kuriosunis setzt der wissenschaft- 
lichen Arbeit aber kein Ziel. Es sind zwei weitere Fragen zu 
beantworten, woher das dunkle Schuldgefühl vor der Tat 
stammt, und ob es wahrscheinlich ist, daß eine solche Art 
der Verursachung an den Verbrechen der Menschen einen 
größeren Anteil hat. 

Die Verfolgung der ersten Frage versprach eine Aus- 
kunft über die Quelle des menschlichen Schuldgefühls über- 
haupt. Das regelmäßige Ergebnis der analytischen Arbeit lau- 
tete, daß dieses dunkle Schuldgefühl aus dem Ödipuskomplex 
stamme, eine Reaktion sei auf die beiden großen verbreche- 
rischen Absichten, den Vater zu töten und mit der Mutter 
sexuell zu verkehren. Im Vergleich mit diesen beiden waren 
allerdings die zur Fixierung des Schuldgefühls begangenen 
Verbrechen Erleichterungen für den Gequälten. Man muß sich 
hier daran erinnern, daß Vatermord und Mutterinzest die bei- 
den großen Verbrechen der Menschen sind, die einzigen, die 
in primitiven Gesellschaften als solche verfolgt und verab- 
scheut werden. Auch daran, wie nahe wir durch andere Unter- 
suchungen der Annahme gekommen sind, daß die Menschheit 



552 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



ihr Gewissen, das nun als vererbte Seelenmacht auftritt, am 
Ödipuskomplex erworben hat. 

Die Beantwortung der zweiten Frage geht über die 
psychoanalytische Arbeit hinaus. Bei Kindern kann man ohne- 
weiters beobachten, daß sie „schlimm" werden, um Strafe 
zu provozieren, und nach der Bestrafung beruhigt und zu- 
frieden sind. Eine spätere analytische Untersuchung führt 
oft auf die Spur des Schuldgefühls, welches sie die Strafe 
suchen hieß. Von den erwachsenen Verbrechern muß man wohl 
alle die abziehen, die ohne Schuldgefühl Verbrechen begehen, 
die entweder keine moralischen Hemmungen entwickelt haben 
oder sich im Kampf mit der Gesellschaft zu ihrem Tun be- 
rechtigt glauben. Aber bei der Mehrzahl der anderen Ver- 
brecher, bei denen, für die die Straf Satzungen eigentlich ge- 
macht sind, könnte eine solche Motivierung des Verbrechens 
sehr wohl in Betracht kommen, manche dunkle Punkte in der 
Psychologie des Verbrechers erhellen, und der Strafe eine 
neue psychologische Fundierung geben. 

Ein Freund hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, 
daß der „Verbrecher aus Schuldgefühl" auch Nietzsche be- 
kannt war. Die Präexistenz des Schuldgefühls und die Ver- 
wendung der Tat zur Rationalisierung desselben schimmern 
uns aus den dunklen Reden Zarat hustras „Über den blei- 
chen Verbrecher" entgegen. Überlassen wir es zukünftiger For- 
schung zu entscheiden, wie viele von den Verbrechern zu diesen 
„bieichen" zu rechnen sind. 







XXX. 
EINE SCHWIERIGKEIT DER PSYCHOANALYSE. *) 

Ich will gleich zum Eingang sagen, daß ich nicht eine 
intellektuelle Schwierigkeit meine, etwas, was die Psycho- 
analyse für das Verständnis des Empfängers (Hörers oder 
Lesers) unzugänglich macht, sondern eine affektive Schwierig, 
keitr etwas, wodurch sich die Psychoanalyse die Gefühle des 
Empfängers entfremdet, so daJ3 er weniger geneigt wird, ihr 
Interesse oder Glauben zu schenken. Wie man merkt, kommen 
beiderlei Schwierigkeiten auf dasselbe hinaus. Wer für eine 
Sache nicht genug Sympathie aufbringen kann, wird sie auch 
nicht so leicht verstehen. 

Aus Rücksicht auf den Leser, den ich mir noch als völlig 
unbeteiligt vorstelle, muß ich etwas weiter ausholen: In der 
Psychoanalyse hat sich aus einer großen Zahl von Einzel- 
beobachtungen und Eindrücken endlich etwas wie eine Theorie 
gestaltet, die unter dem Namen der Libido theorie bekannt ist. 
Die Psychoanalyse beschäftigt sich bekanntlich mit der Auf- 
klärung und der Beseitigung der sogenannten nervösen Stö- 
rungen. Eür dieses Problem mußte ein Angriffspunkt gefunden 
werden, und man entschloß sich, ihn im Triebleben der Seele 
zu suchen. Annahmen über das menschliche Triebleben wurden 
also die Grundlage unserer Auffassung der Nervosität. 



*) Imago V, 1917. Zuerst in ungarischer Sprache abgedruckt in der 
Zeitschrift „Nyugat", herausgegeben von H. Ignotus, Budapest 1917. 



554 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHKE. IV. 

Die Psychologie, die auf unseren Schulen gelehrt wird, 
gibt uns nur sehr wenig befriedigende Antworten, wenn wir sie 
nach den Problemen des Seelenlebens befragen. Auf keinem Ge- 
biet sind aber ihre Auskünfte kümmerlicher als auf dem der 
Triebe. 

Es bleibt uns überlassen, wie wir uns hier eine erste 
Orientierung schaffen wollen. Die populäre Auffassung trennt 
Hunger und Liebe als Vertreter der Triebe, welche das Einzel- 
wesen zu erhalten, und jener, die es fortzupflanzen streben. 
Indem wir uns dieser so nahe liegenden Sonderung anschließen, 
unterscheiden wir auch in der Psychoanalyse die Selbsterhal- 
tungs- oder Ich-Triebe von den Sexualtrieben und nennen die 
Kraft, mit welcher der Sexualtrieb im Seelenleben auftritt, 
Libido — sexuelles Verlangen — als etwas dem Hunger, dem 
Machtwillcn u. dgl. bei den Ich-Trieben Analoges. 

Auf dem Boden dieser Annahme machen wir dann die 
erste bedeutungsvolle Entdeckung. Wir erfahren, daß für das 
Verständnis der neurotischen Erkrankungen den Sexualtrieben 
die weitaus größere Bedeutung zukommt, daß die Neurosen 
sozusagen die spezifischen Erkrankungen der Sexualfunktion 
sind. Daß es von der Quantität der Libido und von der Mög- 
lichkeit, sie zu befriedigen und durch Befriedigung abzu- 
führen, abhängt, ob ein Mensch überhaupt an einer Neurose 
erkrankt. Daß die Form der Erkrankung bestimmt wird durch 
die Art, wie der einzelne den Entwicklungsweg der Sexual- 
funktion zurückgelegt hat, oder, wie wir sagen, durch die Fixie- 
rungen, welche seine Libido im Laufe ihrer Entwicklung er- 
fahren hat. Und daß wir in einer gewissen, nicht sehr einfachen 
Technik der psychischen Beeinflussung ein Mittel ha.ben, 
manche Gruppen der Neurosen gleichzeitig aufzuklären und 
rückgängig zu machen. Den lösten Erfolg hat unsere thera- 



XXX. EINE SCHWIERIGKEIT DER PSYCHOANALYSE. 555 



peutische Bemühung bei einer gewissen Klasse von Neurosen, 
die aus dem Konflikt zwischen den Ich-Trieben und den Sexual- 
trieben hervorgehen. Beim Menschen kommt es nämlich vor, 
daß die Anforderungen der Sexualtriebe, die ja weit über 
das Einzelwesen hinausgreifen, dem Ich als Gefahr erscheinen, 
die seine Selbsterhaltung oder seine Selbstachtung bedrohen. 
Dann setzt sich das Ich zur Wehre, versagt den Sexual- 
trieben die gewünschte Befriedigung, nötigt sie zu jenen Um- 
wegen einer Ersatzbefriedigung, die sich als nervöse Symptome 
kundgeben. 

Die psychoanalytische Therapie bringt es dann zu stände, 
den Verdrängungsprozeß einer Revision zu unterziehen und 
den Konflikt zu einem besseren, mit der Gesundheit verträg- 
lichen Ausgang zu leiten. Unverständige Gegnerschaft wirft 
uns dann unsere Schätzung der Sexualtriebe als einseitig vor: 
Der Mensch habe noch andere Interessen als die sexuellen. 
Das haben wir keinen Augenblick lang vergessen oder ver- 
leugnet. Unsere Einseitigkeit ist wie die des Chemikers, der 
alle Konstitutionen auf die Kraft der chemischen Attraktion 
zurückführt. Er leugnet darum die Schwerkraft nicht, er über- 
läßt ihre Würdigung dem Physiker. 

Während der therapeutischen Arbeit müssen wir uns um 
die Verteilung der Libido bei dem Kranken bekümmern, wir 
forschen nach, an welche Objektvorstellungen seine Libido 
gebunden ist, und machen sie frei, um sie dem Ich zur Ver- 
fügung zu stellen. Dabei sind wir dazu gekommen, uns ein 
sehr merkwürdiges Bild von der anfänglichen, der Urverteilung 
der Libido beim Menschen zu machen. Wir mußten annehmen, 
daß zu Beginn der individuellen Entwicklung alle Libido (alles 
erotische Streben, alle Liebesfähigkeit) an die eigene Person 
geknüpft ist, wie wir sagen, das eigene Ich besetzt. Erst 



556 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



später geschieht es in Anlehnung an die Befriedigung der 
großen Lebensbedürfnisse, daß die Libido vom Ich auf die 
äußeren Objekte überfließt, wodurch wir erst in die Lage 
kommen, die libidinöscn Triebe als solche zu erkennen und 
von den Ich-Trieben zu unterscheiden. Von diesen Objekten 
kann die Libido wieder abgelöst und ins Ich zurückgezogen 
werden. 

Den Zustand, in dem das Ich die Libido bei sich behält, 
heißen wir N a r z i ß m u s, in Erinnerung der griechischen Sage 
vom Jüngling Narzissus, der in sein eigenes Spiegelbild 

verliebt blieb. 

Wir schreiben also dem Individuum einen Fortschritt zu 
vom Narzißmus zur Objcktliebe. Aber wir glauben nicht, daß 
jemals die gesamte Libido des Ichs auf die Objekte über- 
geht. Ein gewisser Betrag von Libido verbleibt immer beim 
Ich, ein gewisses Maß von Narzißmus bleibt trotz hochent- 
wickelter Objektliebe fortbestehen. Das Ich ist ein großes 
Reservoir, aus dem die für die Objekte bestimmte Libido aus- 
strömt, und dem sie von den Objekten her wieder zufließt. 
Die Objektlibido war zuerst Ieh-Libido und kann sich wieder 
in Ich-Libido umsetzen. Es ist für die volle Gesundheit der 
Person wesentlich, daß ihre Libido die volle Beweglichkeit 
nicht verliere. Zur Versinnlichung dieses Verhältnisses denken 
wir an ein Protoplasmaticrchcn, dessen zähflüssige Substanz 
Pseudopodien (Scheinfüßchcn) aussendet, Fortsetzungen, in 
welche sich die Leibessubstanz hineinorstreckt, die aber jeder- 
zeit wieder eingezogen werden können, so daß die Form des 
Protoplasmaklümpchens wieder hergestellt wird. 

Was ich durch diese Andeutungen zu beschreiben ver- 
sucht habe, ist die L i b i d o t h e o r i c der Neurosen, auf welche 
alle unsere Auffassungen vom Wesen dieser krankhaften Zu- 



XXX. EINE SCHWIERIGKEIT DER PSYCHOANALYSE. 557 

stände und unser therapeutisches Vorgehen gegen dieselben 
begründet sind. Es ist selbstverständlich, daß wir die Voraus- 
setzungen der Libidotheorie auch für das normale Verhalten 
geltend machen. Wir sprechen vom Narzißmus des kleinen 
Kindes und wir schreiben es dem überstarken Narzißmus des 
primitiven Menschen zu, daß er an die Allmacht seiner Ge- 
danken glaubt und darum den Ablauf der Begebenheiten in 
der äußeren Welt durch die Technik der Magie beeinflussen 
will. 

Nach dieser Einleitung möchte ich ausführen, daß der all- 
gemeine Narzißmus, die Eigenliebe der Menschheit, bis jetzt 
drei schwere Kränkungen von seiten der wissenschaftlichen 
Forschung erfahren hat. 

a) Der Mensch glaubte zuerst in den Anfängen seiner 
Forschung, daß sich sein "Wohnsitz, die Erde, ruhend im Mittel- 
punkt des Weltalls befinde, während Sonne, Mond und Pla- 
neten sich in kreisförmigen Bahnen um die Erde bewegen. 
Er folgte dabei in naiver Weise dem Eindruck seiner Sinnes- 
wahrnehmungen, denn eine Bewegung der Erde verspürt er 
nicht und wo immer er frei um sich blicken kann, findet er 
sich im Mittelpunkt eines Kreises, der die äußere Welt um- 
schließt. Die zentrale Stellung der Erde war ihm aber eine 
Gewähr für ihre herrschende Rolle im Weltall und schien 
in guter Übereinstimmung mit seiner Neigung, sich als den 
Herrn dieser Welt zu fühlen. 

Die Zerstörung dieser narzißtischen Illusion knüpft sich 
für uns an den Namen und das Werk des Nik. Kopernikus 
im sechzehnten Jahrhundert. Lange vor ihm hatten die Pytha- 
goräer an der bevorzugten Stellung der Erde gezweifelt, und 
Aristarch von Samos hatte im dritten vorchristlichen Jahr- 
hundert ausgesprochen, daß die Erde viel kleiner sei als die 



558 SCHRIFTEN ZU II NEUROSEN LEHRE. IV. 



Sonne und sich um diesen Himmelskörper bewege. Auch die 
große Entdeckung des Kopernikus war also schon vor 
ihm gemacht worden. Als sie aber allgemeine Anerkennung 
fand, hatte die menschliche Eigenliebe ihre erste, die kosmo- 
logische, Kränkung erfahren. 

b) Der Mensch warf sich im Laufe seiner Kulturentwick- 
lung zum Herrn über seine tierischen Mitgeschöpfe auf. Aber 
mit dieser Vorherrschaft nicht zufrieden, begann er eine Kluft 
zwischen ihrem und seinem Wesen zu legen. Er sprach ihnen 
die Vernunft ab und legte sieli eine unsterbliche Seele bei, 
berief sich auf eine hohe göttliche Abkunft, die das Band 
der Gemeinschaft mit der Tierwelt zu zerreißen gestattete. 
Es ist merkwürdig, daß diese Überhebung dem kleinen Kinde 
wie dem primitiven und dem Urmenschen noch ferne liegt. 
Sie ist das Ergebnis einer späteren anspruchsvollen Entwick- 
lung. Der Primitive fand es auf der Stufe des Totemismus 
nicht anstößig, seinen Stamm auf einen tierischen Ahnherrn, 
zurückzuleiten. Der Mythus, welcher den Niederschlag jener 
alten Denkungsart enthält, läßt die Götter Tiergesltalt an- 
nehmen, und die Kunst der ersten Zeiten bildet die Götter 
mit Tierköpfen. Das Kind empfindet keinen Unterschied zwi- 
schen dem eigenen Wesen und dem des Tieres; es läßt die 
Tiere ohne Verwunderung im Märchen denken und sprechen; 
es verschiebt einen Angsteffekt, der dem menschlichen Vater 
gilt, auf den Hund oder auf das Pferd, ohne damit eine 
Herabsetzung dos Vaters zu beabsichtigen. Erst wenn es er- 
wachsen ist, wird es sich dem Tiere soweit entfremdet haben, 
daß es den Menschen mit dem Namen des Tieres beschimpfen 
kann. 

Wir wissen es alle, daß die Forschung Ch. Darwins 
seiner Mitarbeiter und Vorgänger, vor wenig mehr als einem 



XXX. EINE SCHWIERIGKEIT DER PSYCHOANALYSE. 559 

halben Jahrhundert dieser Uberhebung des Menschen ein Ende 
bereitet hat. Der Mensch ist nichts anderes und nichts Besseres 
als die Tiere, er ist selbst aus der Tierreihe hervorgegangen, 
einigen Arten näher, anderen ferner verwandt. Seine späteren 
Erwerbungen vermochten es nicht, die Zeugnisse der Gleich- 
wertigkeit zu verwischen, die in seinem Körperbau wie in seinen 
seelischen Anlagen gegeben sind. Dies ist aber die zweite, 
die biologische Kränkung des menschlichen Narzißmus. 

c) Am empfindlichsten trifft wohl die dritte Kränkung, 
die psychologischer Natur ist. 

Der Mensch, ob auch draußen erniedrigt, fühlt sich 
souverän in seiner eigenen Seele. Irgendwo im Kern seines Ichs 
hat er sich ein Aufsichtsorgan geschaffen, welches seine 
eigenen Regungen und Handlungen überwacht, ob sie mit 
seinen Anforderungen zusammenstimmen. Tun sie das nicht, 
so werden sie unerbittlich gehemmt und zurückgezogen. Seine 
innere Wahrnehmung, das Bewußtsein, gibt dem Ich Kunde 
von allen bedeutungsvollen Vorgängen im seelischen Getriebe, 
und der durch diese Nachrichten gelenkte Wille führt aus, 
was das Ich anordnet, ändert ab, was sich selbständig voll- 
ziehen möchte. Denn diese Seele ist nichts Einfaches, viel- 
mehr eine Hierarchie von über- und untergeordneten Instanzen, 
ein Gewirre von Impulsen, die unabhängig voneinander zur 
Ausführung drängen, entsprechend der Vielheit von Trieben 
und von Beziehungen zur Außenwelt, viele davon einander 
gegensätzlich und miteinander unverträglich. Es ist für die 
Funktion erforderlich, daß die oberste Instanz von allem Kennt- 
nis erhalte, was sich vorbereitet, und daß ihr Wille überallhin 
dringen könne, um seinen Einfluß zu üben. Aber das Ich fühlt 
sich sicher sowohl der Vollständigkeit und Verläßlichkeit der 
Nachrichten als auch der Wegsamkeit für seine Befehle. 



560 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 



In gewissen Krankheiten, allerdings gerade bei den von 
uns studierten Neurosen, ist es anders. Das Ich fühlt sich 
unbehaglich, es stößt auf Grenzen seiner Macht in seinem 
eigenen Haus, der Seele. Es tauchen plötzlich Gedanken auf, 
von denen man nicht weiß, woher sie kommen; man kann 
auch nichts dazu tun, sie zu vertreiben. Diese fremden Gäste 
scheinen selbst mächtiger zu sein als die dem Ich unterwor- 
fenen; sie widerstehen allen sonst so erprobten Machtmitteln 
des Willens, bleiben unbeirrt durch die logische Widerlegung, 
unangetastet durch die Gegenaussage der Realität. Oder es 
kommen Impulse, die wie die eines Fremden sind, so daß 
das Ich sie verleugnet, aber es muß sich doch vor ihnen fürch- 
ten und Vorsichten gegen sie treffen. Das Ich sagt sich, das 
ist eine Krankheit, eine fremde Invasion, es verschärft seine 
Wachsamkeit, aber es kann nicht verstehen, warum es sich 
in so seltsamer Weise gelähmt fühlt. 

Die Psychatrie bestreitet zwar für solche Vorfälle, daß 
sich böse, fremde Geister ins Seelenleben eingedrängt haben, 
aber sonst sagt sie nur achsclzuckcnd : Degeneration, hereditäre 
Disposition, konstitutionelle Minderwertigkeit! Die Psycho- 
analyse unternimmt es, diese anheimlichen Krankheitsfälle auf- 
zuklären, sie stellt sorgfältige und langwierige Untersuchungen 
an, schafft sich Hilfsbegriffc und wissenschaftliche Konstruk- 
tionen und kann dem Ich endlich sagen : „Es ist nichts Frem- 
des in dich gefahren; ein Teil von deinem eigenen Seelen- 
leben hat sich deiner Kenntnis und der Herrschaft deines 
Willens entzogen. Darum bist du auch so schwach in der Ab- 
wehr; du kämpfst mit einem Teil deiner Kraft gegen den 
anderen Teil, kannst nicht wie gegen einen äußeren Feind 
deine ganze Kraft zusammennehmen. Und es ist nicht einmal 
der schlechteste oder unwichtigste Anteil deiner seelischen 



XXX. EINE SCHWIERIGKEIT DER PSYCHOANALYSE. 551 

Kräfte, der so in Gegensatz zu dir getreten und unabhängig 
von dir geworden ist. Die Schuld, muß ich sagen, liegt an 
dir selbst. Du hast deine Kraft überschätzt, wenn du ge- 
glaubt hast, du könntest mit deinen Sexualtrieben anstellen, 
was du willst, und brauchtest auf ihre Absichten nicht die 
mindeste Eücksicht zu nehmen. Da haben sie sich denn em- 
pört und sind ihre eigenen dunklen Wege gegangen, um sich 
der Unterdrückung zu entziehen, haben sich ihr Recht ge- 
schaffen auf eine Weise, die dir nicht mehr recht sein kann. 
Wie sie das zu stände gebracht haben, und welche Wege sie 
gewandelt sind, das hast du nicht erfahren; nur das Ergebnis 
dieser Arlxdt, das Symptom, das du als Leiden empfindest, 
ist zu deiner Kenntnis gekommen. Du erkennst es dann nicht 
als Abkömmling deiner eigenen verstoßenen Triebe und weißt 
nicht, daß es deren Ersatzbefriedigung ist." 

„Der ganze Vorgang wird aber nur durch den einen Um- 
stand möglich, daß du dich auch in einem anderen wichtigen 
Punkte im Irrturn befindest. Du vertraust darauf, daß du 
alles erfährst, was in deiner Seele vorgeht, wenn es nur wich- 
tig genug ist, weil dein Bewußtsein es dir dann meldet. Und 
wenn du von etwas in deiner Seele keine Nachricht bekommen 
hast, nimmst du zuversichtlich an, es sei nicht in ihr (ent- 
halten. Ja, du gehst so weit, daß du , seelisch' für identisch 
hältst mit ,bewußt', d. h. dir bekannt, trotz der augenschein- 
lichsten Beweise, daß in deinem Seelenleben beständig viel 
mehr vor sich gehen muß, als deinem Bewußtsein bekannt werden 
kann. Laß dich doch in diesem einen Punkt belehren! Das 
Seelische in dir fällt nicht mit dem dir Bewußten zusammen; 
es ist etwas anderes, ob etwas in deiner Seele vorgeht, und 
ob du es auch erfährst. Für gewöhnlich, ich will es zugeben, 
reicht der Nachrichtendienst an dein Bewußtsein für deine 

Freud, Neuroscnlel>re. IV. 



562 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

Bedürfnisse aus. Du darfst dich in der Illusion wiegen, daß 
du alles Wichtigere erfährst. Aber in manchen Fällen, z. B. 
in dem eines solchen Triebkonfliktes, versagt er und dein 
Wille reicht da.nn nicht weiter als dein Wissen. In allen 
Fällen aber sind diese Nachrichten deines Bewußtseins un- 
vollständig und häufig unzuverlässig; auch trifft es sich oft 
genug, daß du von den Geschehnissen erst Kunde bekommst, 
wenn sie bereits vollzogen sind und du nichts mehr an ihnen 
ändern kannst. Wer kann, selbst wenn du nicht krank bist, 
ermessen, was sich alles in deiner Seele regt, wovon du nichts 
erfährst, oder worüber du falsch berichtet wirst. Du be- 
nimmst dich wie ein absoluter Herrscher, der es sich an den 
Informationen seiner obersten llofäintcr genügen läßt und 
nicht zum Volk herabsteigt, um dessen Stimme zu hören. 
Geh in dich, in deine Tiefen und lerne dich erst kenneu, dann 
wirst du verstehen, warum du krank werden mußt, und viel- 
leicht vermeiden, krank zu werden." 

So wollte die Psychoanalyse das Ich belehren. Aber die 
beiden Aufklärungen, daß das Triebloben der Sexualität in 
uns nicht voll zu bändigen ist, und daß die seelischen Vor- 
gänge an sich unbewußt sind und nur durch eine unvoll- 
ständige und unzuverlässige Wahrnehmung dem Ich zugäng- 
lich und ihm unterworfen werden, kommen der Behauptung 
gleich, daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen 
Haus. Sie stellen miteinander die dritte Kränkung der Eigen- 
liebe dar, die ich die psychologische nennen möchte. Kein 
Wunder daher, daß das Ich der Psychoanalyse nicht seine 
Gunst zuwendet und ihr hartnäckig den Glauben verweigert. 

Die wenigsten Menschen dürften sich klar gemacht haben, 
einen wie folgenschweren Schritt die Annahme unbewußter 
seelischer Vorgänge für Wissenschaft und Leben bedeuten 



XXX. EINE SCHWIERIGKEIT DER PSYCHOA NALYSE. 553 

würde. Beeilen wir uns aber hinzuzufügen, daß nicht die 
Psychoanalyse diesen Schritt zuerst gemacht hat. Es sind 
namhafte Philosophen als Vorgänger anzuführen, vor allen 
der große Denker Schopenhauer, dessen unbewußter 
„Wille" den seelischen Trieben der Psychoanalyse gleichzu- 
setzen ist. Derselbe Denker übrigens, der in Worten von un- 
vergeßlichem Nachdruck die Menschen an die immer noch 
unterschätzte Bedeutung ihres Sexualstrebens gemahnt hat. 
Die Psychoanalyse hat nur das eine voraus, daß sie die beiden 
dem Narzißmus so peinlichen Sätze von der psychischen Be- 
deutung der Sexualität und von der Unbewußtheit des Seelen- 
lebens nicht abstrakt behauptet, sondern an einem Material 
erweist, welches jeden einzelnen persönlich angeht und seine 
Stellungnahme zu diesen Problemen erzwingt. Aber gerade 
darum lenkt sie die Abneigung und die Widerstände auf sich, 
welche den großen Namen des Philosophen noch scheu 
vermeiden. 



XXXI. 

EINE KINDHEITSERINNERUNG 
AUS „DICHTUNG UND WAHRHEIT«/) 

„Wenn man sich erinnern will, was uns in der frühesten 
Zeit der Kindheit begegnet ist, so kommt man oft in den Fall, 
dasjenige, was wir von anderen gehört, mit dem zu verwechseln, 
was wir wirklich aus eigener anschauender Erfahrung besitzen." 
Diese Bemerkung macht Goethe auf einem der ersten Blätter 
der Lebensbeschreibung, die er im Alter von sechzig Jahren auf- 
zuzeichnen begann. Vor ihr stehen nur einige Mitteilungen 
über seine „am 28. August 1749, mittags mit dem Glocken- 
schlag zwölf erfolgte Geburt. Die Konstellation der Gestirne 
war ihm günstig und mag wohl Ursache seiner Erhaltung ge- 
wesen sein, denn er kam „für tot" auf die Welt, und nur 
durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß er 
das Licht erblickte. Nach dieser Bemerkung folgt eine kurze 
Schilderung des Hauses und der Räumlichkeit, in welcher 
sich die Kinder — er und seine jüngere Schwester — am lieb- 
sten aufhielten. Dann aber erzählt Goethe eigentlich nur 
eine einzige Begebenheit, die man in die „früheste Zeit 
der Kindheit" (in die Jahre bis vier?) versetzen kann, und 
an welche er eine eigene Erinnerung bewahrt zu haben scheint. 

*) Imago V, 1017. 



XXXI. KINDHEITSERINNERUNG AUS „DICHTUNG U. WAHRHEIT". 565 

Der Bericht hierüber lautet: „und mich gewannen drei 
gegenüber wohnende Brüder von Ochsenstein, hinterlassene 
Söhne des verstorbenen Schultheißen, gar lieb, und beschäf- 
tigten und neckten sich mit mir auf mancherlei Weise." 

„Die Meinigen erzählten gern allerlei Eulenspiegeleien, 
zu denen mich jene sonst ernsten und einsamen Männer an- 
gereizt. Ich führe nur einen von diesen Streichen an. Es war 
eben Topfmarkt gewesen und man hatte nicht allein die Küche 
für die nächste Zeit mit solchen Waren versorgt, sondern 
auch uns Kindern dergleichen Geschirr im kleinen zu spielen- 
der Beschäftigung eingekauft. An einem schönen Nachmittag, 
da alles ruhig im Hause war, trieb ich im Geräms (der er- 
wähnten gegen die Straße gerichteten örtlichkeit) mit meinen 
Schüsseln und Töpfen mein Wesen und da weiter nichts dabei 
herauskommen wollte, warf ich ein Geschirr auf die Straße 
und freute mich, daß es so lustig zerbrach. Die von Ochsen- 
stein, welche sahen, wie ich mich daran ergötzte, daß ich 
so gar fröhlich in die Händchen patschte, riefen : Noch mehr ! 
Ich säumte nicht, sogleich einen Topf und auf immer fort- 
währendes Kufen: Noch mehr! nach und nach sämtliche 
Schüsselchen, Tiegelchen, Kännchen gegen das Pflaster zu 
schleudern. Meine Nachbarn fuhren fort, ihren Beifall zu be- 
zeigen und ich war höchlich froh ihnen Vergnügen zu machen. 
Mein Vorrat aber war aufgezehrt, und sie riefen immer: Noch 
mehr! Ich eilte daher stracks in die Küche und holte die ir- 
denen Teller, welche nun freilich im Zerbrechen ein noch 
lustigeres Schauspiel gaben; und so lief ich hin und wieder, 
brachte einen Teller nach dem anderen, wie ich sie auf dem 
Topfbrett der Reihe nach erreichen konnte, und weil sich 
jene gar nicht zufrieden gaben, so stürzte ich alles, was ich 
von Geschirr erschleppen konnte, in gleiches Verderben. Nur 



5ßß 8CHBIFTEH ZUR NEÜEOSEKLEHBE. IV 

später erschien jemand zu hindern und zu wehren. t)as Un- 
glück war geschehen, und man hatte für so viel zerbrochene 
Töpferware wenigstens eine lustige Geschichte, an der sich 
besonders die schalkischen Urheber bis an ihr Lebensende 
ergötzten." 

Dies konnte man in voranalytischen Zeiten ohne Anlaß 
zum Verweilen und ohne Anstoß lesen; aber später wurde 
das analytische Gewissen rege. Man hatte sicli ja über Er- 
innerungen aus der frühesten Kindheit bestimmte Meinungen 
und Erwartungen gebildet, für die man gerne allgemeine Gül- 
tigkeit in Anspruch nahm. Es sollte nicht gleichgültig oder 
bedeutungslos sein, welche Einzelheit des Kindheitslebens sich 
dem allgemeinen Vergessen der Kindheit entzogen hatte. Viel- 
mehr durfte man vermuten, daß dies im Gedächtnis Erhaltene 
auch das Bedeutsamste des ganzen Lebensabschnittes sei, und 
zwar entweder so, daß es solche Wichtigkeit schon zu seiner 
Zeit besessen oder anders, daß es sie durch den Einfluß 
späterer Erlebnisse nachträglich erworben habe. 

Allerdings war die hoho Wertigkeit solcher Kindheits- 
erinnerungen nur in seltenen Fällen offensichtlich. Meist er- 
schienen sie gleichgültig, ja nichtig, und es blieb zunächst 
unverstanden, daß es gerade ihnen gelungen war, der Amnesie 
zu trotzen; auch wußte derjenige, der sie als sein eigenes 
Erinnerungsgut seit langen Jahren bewahrt hatte, sie so wenig 
EU würdigen wie der Fremde, dem er sie erzählte. Um sie 
in ihrer Bedeutsamkeit zu erkennen, bedurfte es einer ge- 
wissen Deutungsarbeit, die entweder nachwies, wie ihr Inhalt 
durch einen anderen zu ersetzen sei, oder ihro Beziehung zu 
anderen, unverkennbar wichtigen Erlebnissen aufzeigte, für 
welche sie als sogenannte Deckerinnerungen eingetreten 
wa/en. . 



XXXI. KINDHEITSERINNERUNG AUS „DICHTUNG U. WAHRHEIT". 567 

In jeder psychoanalytischen Bearbeitung einer Lebens- 
geschichte gelingt es, die Bedeutung der frühesten Kindheits- 
erinnerungen in solcher Weise aufzuklären. Ja, es ergibt sich 
in der Regel, daß gerade diejenige Erinnerung, die der Analy- 
sierte voranstellt, die er zuerst erzählt, mit der er seine Lebens- 
beichte einleitet, sich als die wichtigste erweist, als die- 
jenige, welche die Schlüssel zu den Geheimfächern seines 
Seelenlebens in sich birgt. Aber im Falle jener kleinen Kinder- 
begebenheit, die in „Dichtung und Wahrheit" erzählt wird, 
kommt unseren Erwartungen zu wenig entgegen. Die Mittel 
und Wege, die bei unseren Patienten zur Deutung führen, sind 
uns hier natürlich unzugänglich; der Vorfall an sich scheint 
einer aufspürbaren Beziehung zu wichtigen Lebenseindrücken 
späterer Zeit nicht fähig zu sein. Ein Schabernack zum Scha- 
den der häuslichen Wirtschaft, unter fremdem Einfluß ver- 
übt, ist sicherlich keine passende Vignette für all das, was 
Goethe aus seinem reichen Leben mitzuteilen hat. Der Ein- 
druck der vollen Harmlosigkeit und Beziehungslosigkeit will 
sich für diese Kindererinnerung behaupten, und wir mögen 
die Mahnung mitnehmen, die Anforderungen der Psychoanalyse 
nicht zu überspannen oder a.m ungeeigneten Orte vorzubringen. 

So hatte ich denn das kleine Problem längst aus meinen 
Gedanken fallen lassen, als mir der Zufall einen Patienten 
zuführte, bei dem sich eine ähnliche Kindheitserinnerung in 
durchsichtigerem Zusammenhange ergab. Es war ein sieben- 
undzwanzigjähriger, hochgebildeter und begabter Mann, des- 
sen Gegenwart durch einen Konflikt mit seiner Mutter aus- 
gefüllt war, der sich so ziemlich auf alle Interessen des Le- 
bens erstreckte, unter dessen Wirkung die Entwicklung seiner 
Liebosfähigkeit und seiner selbständigen Lebensführung 
schwer gelitten hatte. Dieser Konflikt ging weit in die Kindheit 



508 



8CHKIFTEN ZUR NEUROSENLEITRE. IV. 




zurück; man kann wohl sagen, bis in sein viertes Lebens- 
jähr. Vorher war er ein sehr schwächliches, immer kränkeln- 
des Kind gewesen, und doch hatten seine Erinnerungen diese 
üble Zeit zum Paradies verklärt, denn damals besaß er die 
uneingeschränkte, mit niemandem geteilte Zärtlichkeit der 
Mutter. Als er noch nicht vier Jahre war, wurde ein — heute 
noch lebender — Bruder geboren, und in der Reaktion auf 
diese Störung wandelte er sich zu einem eigensinnigen, un- 
botmäßigen Jungen, der unausgesetzt die Strenge der Mutter 
herausforderte. Er kam auch nie mehr in das richtige Geleise. 
Als er in meine Behandlung trat — nicht zum min- 
desten darum, weil die bigotte Mutter die Psychoanalyse ver- 
abscheute — , war die Eifersucht auf den nachgeborenen Bru- 
der, die sich seinerzeit selbst in einem Attentat auf den Säug- 
ling in der Wiege geäußert hatte, längst vergessen. Er be- 
liandelte jetzt seinen jüngeren Bruder sehr rücksichtsvoll, aber 
sonderbare Zufallshandlungen, durch die er sonst geliebte Tiere 
wie seinen Jagdhund oder sorgsam von ihm gepflegte Vögel 
plötzlich zu schwerem Schaden brachte, waren wohl als Nach- 
klänge jener feindseligen Impulse gegen den kleinen Bruder 
zu verstehen. 

Dieser Patient berichtete nun, daß er um die Zeit des 
Attentats gegen das ihm verhaßt <> Kind einmal alles ihm 
erreichbare Geschirr aus dem Fenster des Landhauses auf 
die Straße geworfen. Also dasselbe, was Goethe in Dich- 
tung und Wahrheit ans seiner Kindheit erzählt! Ich be- 
merke, daß mein Patient von fremder Nationalität und nicht 
in deutscher Bildung erzogen war; er hatte Goethes Lebens- 
beschreibung niemals gelesen. 

Diese Mitteilung mußte mir den Versuch nahe legen, die 
Kindheitserinnerung Goethes in dem Sinne zu deuten, der 




XXXr. KINDHEITSERINNERUNG AUS „DICHTUNG U. WAHRHEIT". 569 

durch die Geschichte meines Patienten unabweisbar gewor- 
den war. Aber waren in der Kindheit des Dichters die für 
solche Auffassung erforderlichen Bedingungen nachzuweisen? 
Goethe selbst macht zwar die Aneiferung der Herren von 
Ochsenstein für seinen Kinderstreich verantwortlich. Aber 
seine Erzählung selbst läßt erkennen, daß die erwachsenen 
Nachbarn ihn nur zur Fortsetzung seines Treibens aufge- 
muntert hatten. Den Anfang dazu hatte er spontan gemacht, 
"und die Motivierung, die er für dies Beginnen gibt: „Da 
weiter nichts dabei (beim Spiele) herauskommen wollte", läßt 
sich wohl ohne Zwang als Geständnis deuten, daß ihm ein 
wirksames Motiv seines Handelns zur Zeit der Niederschrift 
und wahrscheinlich auch lange Jahre vorher nicht bekannt war. 

Es ist bekannt, daß Joh. Wolfgang und seine Schwester 
Cornelia die ältesten Überlebenden einer größeren, recht hin- 
fälligen Kinderreihe waren. Herr Dr. Hanns Sachs war so 
freundlich, mir die Daten zu verschaffen, die sich auf diese 
früh verstorbenen Geschwister Goethes beziehen. 

Geschwister Goethes: 

a) Hermann Jakob, getauft Montag, den 27. "November 
1752, erreichte ein Alter von sechs Jahren und sechs 
Wochen, beerdigt 13. Jänner 1759. 

b) Katharina Elisabeth a, getauft Montag, den 9. Sep- 
tember 1754, beerdigt Donnerstag, den 22. Dezember 1755 
(ein Jahr, vier Monate alt). 

c) Johanna Maria, getauft Dienstag, den 29. März 1757 
und beerdigt Samstag, den 11. August 1759 (zwei Jahre 
vier Monate alt). (Dies war jedenfalls das von ihrem 
Bruder gerühmte sehr schöne und angenehme Mädchen.) 

d) Georg Adolph, getauft Sonntag-, den 15. Juni 1760; 
beerdigt, acht Monate alt, Mittwoch, den 18. Februar 1761. 



570 SCHRIFTEN ZUR NEUKÜSENLEHRE. IV. 



Goethes nächste Schwester, Cornelia Frie derica 
Christiana, war am 7. Dezember 1750 geboren, als er fünf- 
viertel Jahre alt war. Durch diese geringe Altersdifferenz ist 
sie als Objekt der Eifersucht so gut wie ausgeschlossen. Man 
weiß, daß Kinder, wenn ihre Leidenschaften erwachen, nie- 
mals so heftige Beaktionen gegen die Geschwister entwickeln, 
welche sie vorfinden, sondern ihre Abneigung gegen die neu 
Ankommenden richten. Auch ist die Szene, um deren Deu- 
tung wir uns bemühen, mit dem zarton Alter Goethes bei 
oder bald nach der Geburt Cornelicns unvereinbar. 

Bei der Geburt des ersten Brüderchens Hermann Jakob 
war Joh. Wolfgang dreieinviertcl Jahre alt. Ungefähr zwei 
Jähre später, als er etwa fünf Jahre alt war, w.urde 'die 
zweite Schwester geboren. Beide Altersstufen kommen für die 
Datierung des Gescliirrhinauswerfens in Betracht; die erstere 
verdient vielleicht den Vorzug, sie würde auch die bessere 
Übereinstimmung mit dem Falle meines Patienten ergeben, 
der bei der Geburt seines Bruders etwa dreidireiviertel Jahre 
zahlte. 

Der Bruder Hermann Jakob, auf den unser Deutungs- 
versuch in solcher Art hingelenkt wird, war übrigens kein 
so flüchtiger Gast in der Goethe schon Kinderstube wie 
die späteren Geschwister. Man könnte sieh verwundern, daß 
die Lebensgeschichte seines großen Bruders nicht ein Wört- 
eken des Gedenkens an ihn bringt. Er wurde über sechs 
Jahre alt und Joh. Wolfgang war nah«; an zehn Jahre, als 
er starb. Dr. Ed. Hit seh mann, der so freundlich war, 
mir seine Notizen über diesen Stoff zur Verfügung zu stellen, 
meint : 

„Auch der kloine Goethe hat ein Brüderchen 
nicht ungern sterben gesehen. Wenigstens berichtete 



XXXI. KINDHEITSERIN NERUNG AUS „DICHTUNG U. WAHRHEIT". 57 1 

seine Mutter nach Bettina Brentanos Wiedererzählung 
folgendes: , Sonderbar fiel es der Mutter auf, daß er bei dem 
Tode seines jüngeren Bruders Jakob, der sein Spielkamerad 
"war, keine Träne vergoß, er schien vielmehr eine Art Ärger 
über die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben; da 
die Mutter nun später den Trotzigen fragte, ob er den Bru- 
der nicht lieb gehabt habe, lief er in seine Kammer, brachte 
unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen 
und Geschichtchen beschrieben waren, er sagte ihr, daß er 
dies alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.' Der 
ältere Bruder hätte also immerhin gern Vater mit dem Jün- 
geren gespielt und ihm seine Überlegenheit gezeigt." 

Wir könnten uns also die Meinung bilden, das Geschirr- 
hinauswerfen sei eine symbolische, oder sagen wir es richtiger: 
eine magische Handlung, durch welche das Kind (Goethe 
sowie mein Patient) seinen Wunsch nach Beseitigung des stö- 
renden Eindringlings zu kräftigem Ausdruck bringt. Wir brau- 
chen das Vergnügen des Kindes beim Zerschellen der Gegen- 
stände nicht zu bestreiten; wenn eine Handlung bereits an 
sich lustbringend ist, so ist dies keine Abhaltung, sondern 
eher eine Verlockung, sie auch im Dienste anderer Absichten 
zu wiederholen. Aber wir glauben nicht, daß es die Lust am 
Klirren und Brechen war, welche solchen Kinderstreichen einen 
dauernden Platz in der Erinnerung des Erwachsenen sichern 
konnte. Wir sträuben uns auch nicht, die Motivierung der 
Handlung um einen weiteren Beitrag zu komplizieren. Das 
Kind, welches das Geschirr zerschlägt, weiß wohl, daß es etwas 
Schlechtes tut, worüber die Erwachsenen schelten werden, und 
wenn es sich durch dieses Wissen nicht zurückhalten läßt, 
so hat es wahrscheinlich einen Groll gegen die Eltern zu be- 
friedigen; es will sich schlimm zeigen. 



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572 8CHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV. 

Der Lust am Zerbrechen und am Zerbrochenen wäre auch 
Genüge getan, wenn das Kind die gebrechlichen Gegenstände 
einfach auf den Boden würfe. Die Hinausbeförderung durch 
das Fenster auf die Straße bliebe dabei ohne Erklärung. Dies 
„Hinaus" scheint aber ein wesentliches Stück der magischen 
Handlung zu sein und dem verborgenen Sinn derselben zu 
entstammen. Das neue Kind soll fortgeschafft werden, 
durchs Fenster möglicherweise darum, weil es durchs Fenster 
gekommen ist. Die ganze Handlung wäre dann gleichwertig 
jener uns bekannt gewordenen wörtlichen Reaktion eines Kin- 
des, als man ihm mitteilte, daß der Storch ein Geschwister- 
chen gebracht. „Er soll es wieder mitnehmen", lautete sein 
Bescheid. 

Indes, wir verhehlen uns nicht, wie mißlich es — von 
allen inneren Unsicherheiton abgesehen — bleibt, die Deu- 
tung einer Kinderhandlung auf eine einzige Analogie zu be- 
gründen. Ich hatte darum auch meine Auffassung der kleinen 
Szene aus „Dichtung und Wahrheit" durch Jahre zurück- 
gehalten. Da bekam ich eines Tages einen Patienten, der 
seine Analyse mit folgenden, wortgetreu fixierten Sätzen 
einleitete : 

„Ich bin das älteste von acht oder neun Geschwistern.*) 
Eine meiner ersten Erinnerungen ist, daß der Vater, in Nacht- 
kleidung auf seinem Bette sitzend, mir lachend erzählt, daß 
ich einen Bruder bekommen habe. Ich war damals dreidrei- 
viertel Jahre alt; so groß ist der Altersunterschied zwischen 
mir und meinem nächsten Bruder. Daim weiß ich, daß ich 




*) Ein flüchtiger Irrtum auf füll [gar Natur. Es ist nicht abzuweisen, 
daß er bereits durch die Beseitigungstendenz gogon den Bruder induziert 
ist. (Vgl. Ferenczi: Über passagcre Symptoinbildungcn während der 
Analyse, Zentral bl. f. Psychoanalyse. II, 1912.) 




XXXI. KINDHEITSERINNERUNG AUS „DICHTUNG U. WAHRHEIT«. 573 



kurze Zeit nachher (oder war es ein Jahr vorher?)*) einmal 
verschiedene Gegenstände, Bürsten, -- oder war es nur eine 
Bürste? — Schuhe und anderes aus dem Fenster auf die 
Straße geworfen habe. Ich habe auch noch eine frühere Er- 
innerung. Als ich zwei Jahre alt war, übernachtete ich mit 
den Eltern in einem Hotelzimmer in Linz auf der Reise ins 
Salzkammergut. Ich war damals so unruhig in der Nacht 
und machte ein solches Geschrei, daß mich der Vater schlagen 

mußte." 

Vor dieser Aussage ließ ich jeden Zweifel fallen. Wenn 
bei analytischer Einstellung zwei Dinge unmittelbar nach- 
einander, wie in einem Atem vorgebracht werden, so sollen 
wir diese Annäherung auf Zusammenhang umdeuten. Es war 
also so, als ob der Patient gesagt hätte : W e i 1 ich erfahren, 
daß ich einen Bruder bekommen habe, habe ich einige Zeit 
nachher jene Gegenstände auf die Straße geworfen. Das 
Hinauswerfen der Bürsten, Schuhe usw. gibt sich als Reaktion 
auf die Geburt des Bruders zu erkennen. Es ist auch nicht 
unerwünscht, daß» die fortgeschafften Gegenstände in diesem 
Falle nicht Geschirr, sondern and